Beobachten des Sternenhimmels war ihm interessanter als das gewissenhafte Studium der alten Kirchenväter ; wir können aber keinen Pfarrer brauchen , der ein solches Steckenpferd reitet , liebe Frau – « » Und der Pfarrer von Bodenbach , der von seinem Bienenstand weggeholt werden muß , wenn er predigen soll ? « warf die Pfarrerin fragend ein , und ihr durchdringendes , kluges , blaues Auge wich nicht von dem Marmorgesicht Seiner Exzellenz . Er stand auf und klopfte die Frau mit einem impertinenten Lächeln auf die Schulter . » Ei , meine liebe Frau Pfarrerin « , sagte er , » der Pfarrer von Bodenbach hat stündlich das Bild der Kirche in seinem Bienenstand vor Augen – die einmal gegebenen Satzungen werden herrschen , solange es eben Bienen gibt , und Königin wie Arbeiter unterwerfen sich widerspruchslos allen ihren Forderungen ... Ich kann Ihnen versichern , der Pfarrer von Bodenbach ist der wackerste Seelsorger weit und breit , er bleibt – bei seinem Leisten ! « » O du grundgütiger Gott , also ist ' s doch wahr ! « rief die Pfarrerin und schlug die Hände zusammen . » Weil es da droben in den Sternen nicht ganz so aussieht , wie es die Heilige Schrift besagt , so sollen nun auch die Menschen nicht mehr hinaufsehen ! Sie sollen denken , der große , allmächtige Gott mache sich die Kurzweil , am Abend bunte Lichterchen am Himmel lediglich für seine kleinen Erdenwürmer anzuzünden ! Sie sollen sich auf einmal einbleuen , weiß sei schwarz und zweimal zwei fünf ! ... Und wenn sie alles tun wollten , hat es etwas zu schaffen mit der Lehre unseres Herrn und Heilands ? Schlagen Sie der Lehre von Gottes Allmacht und Weisheit nicht selbst ins Gesicht , wenn Sie seine Werte verkleinern und mangelhaft machen , nur um des Buchstabenglaubens willen ? « Sie schöpfte tief Atem , dann fuhr sie fort : » Wird die Bibel nicht der lebendige Quell des Trostes und Segens für alle Zeiten bleiben , wenn ihr auch hier und da menschliche Irrtümer ankleben ? ... Wer auch nur ein einziges Mal im Kummer nach ihr gegriffen hat , der weiß , daß sie ewig ist . Die also um des angefochtenen Buchstabens willen für die zittern , die kennen ihren Geist nicht ! ... Exzellenz , ich bin eine schlichte Frau , aber so viel hab ' ich stets begriffen , daß sich das Gleichnis vom Hirten und der Herde nur auf die Zusammengehörigkeit in der christlichen Liebe bezieht – niemals aber auf den Stock des Hirten und auf den Pferch , in dem die Schafe zusammengehalten werden sollen ... Und in dem Sinne steht mein Mann auf der Kanzel und in seiner Gemeinde , und sie haben ihn alle herzlich lieb ; die Kirche ist immer gefüllt , und wenn er auf Gottes Wunderwerke zu reden kommt , die er selbst erforscht in der tiefen , stillen Nacht , da kann man eine Stecknadel fallen hören in der ganzen weiten Kirche – « Bis dahin hatten alle die Frau schweigend gewähren lassen , jetzt aber lachte Frau von Herbeck laut auf . » Und bei diesen Forschungen in der tiefen , stillen Nacht hilft ihm der alte Knasterbart , der Freigeist , der Sievert ! Schöne Gesellschaft für einen Diener des Herrn ! « rief sie mit wildem Triumph . » Exzellenz , die Frau hat sich selbst gerichtet – sie ist Rationalistin durch und durch ! « » Den alten Sievert dürfen Sie mir nicht antasten , gnädige Frau ! « entgegnete die Pfarrerin stirnrunzelnd und hob abwehrend die Hand gegen die Dame – den boshaften Angriff auf sie selbst ignorierte sie völlig . » Das ist ein braver Mann , der sich sein Leben lang aufgeopfert hat für andere ; er hat somit mehr Religion im Herzen als manche , die sie auf der Stirne und auf den Lippen tragen ! ... Kennt ihn eine , so bin ich ' s – er hat in meinem Hause gelebt , seit der wackere Hüttenmeister verunglückt ist . Damals kam er wie wahnsinnig vor Schmerz und suchte und fand Trost in der Pfarre . Und jetzt noch , nach elf Jahren , wo niemand mehr an das schreckliche Unglück denkt – « Das Gesicht der Baronin überflog eine flüchtige Blässe , und der Löffel , mit dem ihre Hand mechanisch gespielt hatte , fiel klirrend auf die Tasse zurück ; die schwarzen , funkelnden Augen aber hefteten sich drohend auf die Sprecherin – der Minister kam ihr zu Hilfe . » Gute Frau , Sie haben vorhin gesprochen wie ein Buch ! « unterbrach er , als habe er gar kein Verständnis für ihre letzten Worte , mit beißender Ironie die Pfarrerin . » Es tut mir leid um die verlorene Mühe « , fuhr er fort , » aber ich kann gar nichts tun und muß der Sache ihren Lauf lassen ! « » Ich verlange auch nichts , Exzellenz , gar nichts ! « antwortete sie , indem sie das Händchen ihres Kindes wieder fest in die ihre nahm . » Es wird uns allen zwar sehr schwer ankommen , den Stab weiter zu setzen und fortzugehen aus dem Neuenfelder Tal , wo wir einundzwanzig Jahre lang Glück und Unglück , Freud und Leid mit vielen guten Menschen redlich getragen haben – « » Nein , Sie sollen nicht fortgehen ! « rief Gisela und trat neben die Frau . Ihre braunen Augen brannten , sie erschienen in diesem Moment fast dunkler als die schönen schwarzen der Stiefmutter , die sich in wortlosem Grimm starr auf ihr Gesicht hefteten . – » Kommen Sie zu mir nach Greinsfeld ! « sagte sie fest . » Gräfin ! « rief Frau von Herbeck und sank , die Hände zusammenschlagend , an die Stuhllehne zurück . » Seien Sie ohne Sorge , gnädige Frau « , fand die Pfarrerin mildlächelnd zu der entsetzten Gouvernante , während sie Giselas dargebotene Hand herzlich drückte . » Ich nehm ' es nicht an , schon um der Gräfin selbst willen nicht ! ... Gott segne ihr gutes Herz ! Sie soll nie eine trübe Stunde haben , am allerwenigsten aber um meinetwillen ! ... Aber Ihnen , Frau von Herbeck , sage ich noch eins « , fügte sie tiefernst hinzu und hob fast feierlich den Zeigefinger . » Der Mann geht , den Sie › wie eine Natter zertreten ‹ haben . Sein Beruf ist ihm genommen worden , und das trifft ihn tausendmal härter , als wenn er Mangel leiden müßte ... Es ist eben eine Zeit , wo Sie alles wagen können , denn Sie werden beschützt ! ... Aber glauben Sie ja nicht , weil Sie jetzt die Wahrheit unter den Füßen haben , daß es auch so bleibt ! ... Sehen Sie sich Neuenfeld an ! Da wächst der Geist , den Sie mit niedertreten wollen , mit jeder Stunde ! Und wenn Sie mit Keulen draufschlagen , Sie bringen ihn nicht unter , er verschlingt Sie doch zuletzt , denn er hat das ewige Leben – er geht ja mit der Liebe zusammen , die das Christentum zu allererst predigt ... Setzen Sie immerhin den alten Teufel mit seiner Hölle wieder ein , stellen Sie ihn vermessen dem lieben Gott gegenüber , bauen Sie ihm einen Thron , höher als den , auf dem der Allmächtige sitzt – es hilft Ihnen alles nichts – Sie machen eine Leiche nicht wieder lebendig ! « Sie verbeugte sich gegen die Minister und die junge Gräfin und ging . Seine Exzellenz sah ihr sprachlos nach , diese Kühnheit überstieg alle Grenzen ; und er hatte nicht einmal Gelegenheit , die Frau zu strafen – er konnte ihren Mann doch nicht zweimal pensionieren ... Das sah einer Niederlage sehr ähnlich ; in solchen Fällen aber hatte Seine Exzellenz nie anders gewollt . Er setzte sich demnach sehr gelassen nieder und zündete seine erloschene Zigarre aufs neue an . Frau von Herbeck , deren bleichgewordene Lippen im tiefsten Zorn bebten , warf ihm einen heimlichen Blick voll Gift und Galle zu – in diesem Augenblick war doch die berühmte diplomatische Ruhe wahrhaftig nicht am Platze ! » Ein unverschämtes Weib ! « stieß die Baronin heftig hervor . » Und das wirst du ungestraft hingehen lassen , Fleury ? « » Ei was – laß sie laufen ! « entgegnete er verächtlich . Er lehnte sich behaglich zurück und ließ einige blaue Duftringel seinen Lippen entschweben , während er mit einem Blick seine Stieftochter vom Kopf bis zu Füßen musterte – sie stand noch mit allen Zeichen tiefster Erregung vor ihm . » Nun , meine Tochter « , sagte er ironisch lächelnd , » du warst ja eben im Begriff , dein altes Greinsfelder Patronatsrecht zum Besten des fortgeschickten Pfarrers aufzufrischen ! ... Toleranz ist eine schöne Sache , aber neu und pikant wäre es doch , wenn sich die katholische Gräfin Sturm von einem protestantischen Geistlichen die Messe lesen ließe ! « Gisela hielt die gefalteten Hände fest gegen die Brust gedrückt , als wolle sie das Klopfen ihres Herzens beschwichtigen . » Das ist mir nicht eingefallen , Papa ! « entgegnete sie mit gepreßter Stimme . » Ich wollte den armen Vertriebenen eine Heimat geben und ihr Leben sorgenfrei machen ! « » Sehr großmütig , meine Tochter « , spottete der Minister , » wenn auch ein wenig taktlos , da ich es bin , der sie › vertrieben ‹ hat , wie du beliebst , dich auszudrücken . « » O liebe Gräfin , haben Sie sich wirklich durch das Lügengewebe betören lassen ? « rief Frau von Herbeck . Bei diesen Tönen voll Hohn und Haß brach die mühsam behauptete Fassung des jungen Mädchens zusammen . » Das Lügengewebe ? « wiederholte sie , und ihre Augen flammten . » Die Frau sprach die Wahrheit ! « fuhr sie entschieden fort . » Da war auch nicht ein Wort , das mich nicht bis ins innerste Herz getroffen hätte ! ... Wie kindisch lenksam und unerfahren bin ich bis jetzt gewesen ! Ich habe Menschen und Dinge mit Ihren Augen angesehen , Frau von Herbeck – ich war denkfaul und blind ! Das ist ein bitterer Vorwurf , den ich mir machen muß – « Sie schwieg plötzlich , ihre Lippen legten sich fest aufeinander . Sie hatte einen tiefen Abscheu vor aller aufbrausenden Heftigkeit , und jetzt strömten ihr die Worte über die Lippen , ihr Klang fiel zündend auf ihr Herz zurück und riß sie fort – das durfte nicht sein . Sie preßte einen Moment die schmalen Hände gegen die Schläfe , dann ergriff sie ihren Hut . » Papa , ich fühle , daß ich aufgeregt bin « , sagte sie mit ihrer süßen Stimme , in der bereits der sanfte Klang wieder vorherrschte . » Darf ich mich ein wenig in den Wald zurückziehen ? « Der Minister schien mit der » gereizten « Stieftochter dieselbe Nachsicht zu haben wie einst mit dem kranken Kind . Er hatte sie mit keinem Wort , keiner Bewegung unterbrochen , und jetzt winkte er ihr väterlich und gütig gewährend mit der Hand . Sie schritt über die Wiese in den Wald hinein . » Sie sind alt geworden , Frau von Herbeck ! « sagte Seine Exzellenz beißend und schonungslos zu der erbleichenden Gouvernante , als das blaue Kleid hinter dem Gebüsch verschwunden war . » Da machen sich andere Zügel nötig ! « ... 15 Gisela schritt am Seeufer hin . Sie hielt den Strohhut in der rechten , während ihre linke Hand mechanisch das niedrige , elastische Ufergebüsch durch die Finger gleiten ließ . Der schwache Morgenwind , der das blonde Haar der jungen Dame leise hob , kräuselte auch die sonnenfunkelnde Wasserfläche – sie schien besät mit zahllosen flatternden und pickenden goldenen Vögeln . Droben huschte der scheue , gelbglänzende Kirschpirol durch die Lüfte und flötete einzelne abgebrochene Kadenzen ; auch ein erschrockener Frosch , der seinen fleckigen Leib auf einem der weißgebleichten Uferkiesel gesonnt hatte , plumpste klatschend ins Wasser – sonst war es lautlos ruhig auf dem See und in den Wipfeln , und nur die schwarze Hummel , den kleinen zottigen Pelz voll gelben Blütenstaubes , zog durch das hohe , geschonte Ufergras , und ihr monotones Surren und Summen machte die Waldstille noch traumhafter . Die braunen Augen der jungen Dame blickten finster sie hielt Einkehr in sich selbst . Die einfache Pfarrersfrau hatte kräftig an dem Boden gerüttelt , auf dem sie bis jetzt selbstbewußt , mit festem Fuß gestanden ... Sie hatte , so lange sie denken konnte , nur mit dem kalten erwägenden Verstande gelebt . War je einmal das Herz zum Durchbruch gekommen , dann hatten die drei Menschen , die sie eben auf der Waldwiese verlassen hatte , sofort den Schatten der Großmama heraufbeschworen , und mit dem Hinweis : » Es schickt sich nicht für dich ! « war der Riegel vor die aufbrechende Gefühlswelt geschoben worden . » Der Geist in Neuenfeld geht mit der Liebe zusammen , die das Christentum zu allererst predigt ! « hatte die Pfarrerin gesagt – das war ' s ... Nahezu achtzehn Jahre hatte das junge Mädchen gelebt und nie einen Menschen lieb gehabt ! In ihrer Großmutter hatte sie zu allen Zeiten den Inbegriff der Erhabenheit verehrt , aber niemals war ihr als Kind das Verlangen gekommen , die kleinen Arme um den schönen weißen Hals der stolzen Frau zu legen – jetzt noch schlug ihr das Herz ängstlich bei dem Gedanken , wie wohl eine solche Zudringlichkeit würde aufgenommen worden sein ... Und wie sie sie der Reihe nach musterte , mit denen sie ausschließlich ihr junges Leben verbringen mußte – Seine Exzellenz mit dem eiskalten Gesicht und undurchdringlichen Blick , die schöne Stiefmutter , die kleine , fette , fromme Frau , den Arzt , Lena – , da schauerte sie selbst unter der tödlichen Kälte und Feindseligkeit , mit denen sie ihnen stets und immer gegenübergestanden – und das wurde nie anders ... ! Denkfaul und blind hatte sie sich selbst genannt , und das mit allem Recht ... Sie hatte ihren Puß zärtlich geliebt , sie konnte eine schöne Blume inbrünstig an ihre Lippen drücken ; nie aber war die Betrachtung in ihr aufgestiegen , daß es auch Menschen gäbe , die man so lieb haben könne ? ... Ganz von selbst , fast zu ihrem eigenen Erschrecken , war die unbekannte Knospe in ihrem Gemüt vor wenig Augenblicken gesprungen ; sie hätte an das Herz der kraftvollen , mutigen Frau flüchten und sie bitten mögen : » Habe mich auch lieb ! « In Neuenfeld wartete die Liebe . Sie baute den Bedürftigen Häuser , gab ihnen geistige und leibliche Nahrung und machte ihr Leben sonnenlicht ; sie nahm die Verwaisten schützend in ihre Arme und ersetzte ihnen Vater und Mutter ; und der diese Liebeswerke auf deutschem Boden schuf , er war ein Fremder – und sie , die reiche Erbin , fuhr täglich an den elenden Baracken ihrer Greinsfelder Gutsangehörigen , an den zerlumpten , verwilderten Kindern vorüber , ungetrübt in der von Kindesbeinen an fest eingeprägten Überzeugung , daß es so und nicht anders sein müsse . Der Mann im Waldhause mit der finsteren Stirne und den rätselhaften Augen hatte recht , wenn er sie verachtete , wenn er das durch die Gouvernante in ihrem Namen hochmütig gebotene winzige Scherflein mit dem Fuße fortgestoßen hatte . Gisela blieb einen Moment wie atemlos stehen ; eine Feuerflamme schlug über ihr Gesicht , und ihr Herz klopfte so stürmisch , daß sie meinte , es hören zu können ... Sie dachte an jenen Augenblick , als er scheu vor ihr zurückgewichen war , um ihres vermeintlichen Gebrechens willen ; sie dachte an die sprachlose Bewunderung , mit der sein Auge an dem schönen Gesicht der Stiefmutter gehangen hatte ... Sie schritt längst nicht mehr am Ufer hin – die tiefe Waldesnacht hatte sie umfangen . Der Pirol schwieg , und die surrenden Hummeln waren an den Blütenkelchen des sonnigen Ufers hängen geblieben . Weit , weit da drüben lag die kleine Lichtung mit dem silberschimmernden Frühstückstisch und den Menschen , die jedenfalls noch zu Gericht saßen über das unschickliche Benehmen der Gräfin Sturm . Plötzlich hob das junge Mädchen den nachdenklich gesenkten Kopf und horchte – das Weinen eines kleinen Kindes drang , wenn auch aus ziemlich weiter Entfernung , zu ihr herüber . Es klang so verlassen und hilflos , so ununterbrochen , als fehle eine beschwichtigende Stimme gänzlich . Gisela nahm ohne weiteres ihr Kleid zusammen und drang quer durch das Dickicht dem Schalle nach . Sie kam an den Holzweg , der von Neuenfeld nach A. führte – und da kauerte ein Weib mit geschlossenen Augen , in totenähnlichem Zustande , am Stamm einer Buche . Es war eine jener armen sogenannten Porzellanfrauen , die jahraus , jahrein nach Brot gehen müssen . Sie kaufen den Ausschuß in den Porzellanfabriken hoch auf dem Thüringer Wald um ein Billiges und schleppen die Last oft viele Meilen weit ins Land hinab , um sie unten gegen kärglichen Gewinn wieder zu verhandeln . Den schweren Korb auf dem Rücken , das kleinste Kind auf dem Arm , und öfter auch noch ein größeres an der Hand , wandern die armen Kreuzträgerinnen mit wunden Füßen durch Wind und Wetter , elender noch als das Lasttier ; denn sie leiden nicht allein – sie sehen ihre Kinder frieren und hungern ... Die Frau war offenbar aus Erschöpfung ohnmächtig geworden . Der Korb mit dem Geschirr stand neben ihr , und der kleine Schreihals , ein Bübchen von vielleicht acht Monaten , hockte auf ihrem Schoße . Die Augen des Kindes waren vom Weinen dick verschwollen , aber seine heiser geschriene Stimme schwieg sofort , als Gisela neben die Frau trat . Die junge Dame sah mit angstvollen Augen auf die Bewußtlose und nahm bebend die kalten , schlaffen Hände zwischen die ihrigen ... Hier sollte und mußte sie Hilfe schaffen – aber wie ? ... Da stand kein vielseitiger , gewandter Lakai in der Nähe , der pflichtschuldigst in allen möglichen Lagen Rat wissen mußte : Weit und breit war keine menschliche Stimme , kein Fußtritt zu hören , keine stärkende Essenz , nicht einmal ein Glas frischen Wassers stand der ratlosen jungen Dame zu Gebote . Dabei befand sie sich auf völlig fremdem Gebiete – ihre eigenmächtigen , einsamen Waldwanderungen hatten immer nur den See zum Ziel gehabt . Es half nicht , sie mußte nach der weitentlegenen Waldwiese zurücklaufen . In demselben Augenblick war es ihr , als höre sie das Plätschern eines Brunnens . Sie schritt sofort den Holzweg entlang und kam dem Geräusch immer näher . Rechts zweigte sich ein schmaler Weg durch das Unterholz ab ; sie betrat ihn ohne Zögern , er führte sicher in Menschennähe . Hinter ihr schrie das Kind jäh auf , als sie seinen Augen entschwunden war ; sie beschleunigte angstvoll ihre Schritte und stand plötzlich der hochaufspringenden Fontäne des Waldhauses gegenüber . Sie fuhr heftig zusammen und trat unwillkürlich ins Gebüsch zurück . In diesem grünumsponnenen , altertümlichen , grauen Hause , » halb der Wohnsitz eines Märchenprinzen und halb der eines nordischen Barbaren « , wie sich die schöne Stiefmutter ausgedrückt hatte , wohnte der Portugiese – er konnte jeden Augenblick dort in die weit offene Tür treten ... Um alles mochte sie den zwei Augen nicht wieder begegnen , die vorgestern so finster und kalt strafend auf ihr geruht und heute wieder scheu , in Abneigung sich von ihr gewendet hatten ... Dort quoll das belebende Naß , das sie so angstvoll suchte , aber aus dem Murmeln und Plätschern schollen ihr dunkle , strenge , zurückschweifende Stimmen entgegen – jeder der funkelnden Tropfen schien kältend auf ihr Herz zu fallen . Sie schauerte in sich zusammen , und dennoch mußte sie das schützende Dickicht verlassen ; das ferne klägliche Weinen des Kindes trieb sie unwiderstehlich vorwärts . Sie verließ den Waldboden und erschrak aufs neue über den Kies , der unter ihren leichten Tritten knirschte ... Totenstille herrschte um das Haus . Auf den Spiegelscheiben glitzerte die höher emporsteigende Sonne , und die losen Ranken der Aristolochia bewegten sich leise hin und her im schwachen Windhauch – kein Menschenantlitz ließ sich hinter dem Fenster sehen . Vielleicht war der Herr des Hauses in Neuenfeld – er sollte ja unermüdlich tätig sein . Irgendeiner von der Dienerschaft aber verstand sich ganz gewiß dazu , sie zu begleiten und dem armen Weibe beizustehen . Ermutigt schritt sie bis an den Fuß der Treppe , die auf die Terrasse führte , doch mit einem leisen Aufschrei fuhr sie zurück ; der Papagei , der sich bis dahin mäuschenstill verhalten hatte , stieß ein mißtönendes Krächzen aus , und der kleine Affe sprang zähnefletschend mit einem ungeheuren Satz von seinem Lieblingsplatz herab – es wurde unheimlich lebendig um das junge Mädchen her . Ihr Schrei mußte im Hause gehört worden sein , ein alter Mann trat mit forschenden Augen aus der Halle , blieb aber bei Giselas Anblick , als sähe er ein Gespenst , wie festgewurzelt auf der Terrasse stehen . Die junge Dame hatte wenig Gelegenheit gehabt , physiognomische Studien zu machen , allein das wußte sie sofort , der Mann dort stand ihr gegenüber wie ein ergrimmter Feind . Haß und schreckhafte Überraschung spiegelten sich auf dem dunkeln , harten Gesicht . Er streckte ihr abwehrend die großen , knochigen Hände entgegen und rief rauh hinab : » Was wollen Sie ? ... In dem Hause hier haben Sie gar nichts zu suchen ! Es hat mit den Zweiflingen und dem Fleury nichts mehr zu schaffen ! « – Er zeigte nach einem der schmalen Waldpfade zur linken Hand . » Dorthin führt der Weg ins Arnsberger Holz ! « fügte er hinzu , als gehe er von dem Wahn aus , sie habe sich verirrt . Wie zu Stein erstarrt , blickte das junge Mädchen mit entsetzten Augen zu dem unheimlichen Mann auf . Eine dunkle Erinnerung aus ihrer Kinderzeit stieg in ihr empor – sie wurde in diesem Augenblick zum zweitenmal von der Schwelle des Waldhauses fortgewiesen ... Eine unsägliche Furcht überschlich ihr Herz , aber das stolze Blut der Reichsgrafen Sturm und Völdern kreiste nicht umsonst in ihren Adern , es schoß ihr siedend nach dem Kopfe , und wenn sie auch am liebsten spornstreichs in den schützenden Wald zurückgeflüchtet wäre , so fand sie doch den Mut , die äußere Ruhe zu behaupten . Sie maß den alten Mann mit einem stolzen Blick , und ihre Mundwinkel senkten sich genau in jener hochmütig verächtlichen Weise , mit der einst die Gräfin Völdern manchem Herzen den Todesstoß versetzt hatte . » Ich habe nicht daran gedacht , dieses Haus zu betreten ! « sagte sie schneidend und wandte ihm den Rücken . Sie wollte sich langsam entfernen – aber durfte sie gehen , ohne Hilfe mitzubringen ... Es kostete sie eine unsägliche Überwindung , noch einmal zurück in das Gesicht des schrecklichen Mannes zu sehen . Aber sie tat es – die Lehre von der Liebe , die sie heute in ihr Herz aufgenommen hatte , ließ sich nicht wieder verlöschen . » Ich lasse Ihre Herrschaft um ein Glas bitten , damit ich dort Wasser schöpfen kann ! « sagte sie in demselben gebieterischen Ton , mit dem sie im weißen Schlosse zu befehlen gewohnt war , und deutete nach dem Springbrunnen . » Holla , Frau Berger ! « rief der Mann in das Haus zurück , ohne jedoch seine Stellung im mindesten zu verändern – er stand dort , als gelte es , die Schwelle mit dem feurigen Schwert zu hüten . Eine stattliche Frau mit weißer Haube und Schürze , jedenfalls die Haushälterin , erschien im Hintergrund der Halle . » Ein Trinkglas ! « rief ihr der Alte zu . Sie verschwand wieder . » Was gibt es , Sievert ? « fragte plötzlich in der Halle die Stimme des Portugiesen . Der alte Soldat erschrak sichtlich – fast schien es , als hüte er die Tür so ängstlich wegen des Mannes da drinnen . Er streckte hastig und abwehrend die Hand gegen das Haus ; aber da stand der Portugiese bereits auf der Schwelle . Er sah bleich aus – » kreideweiß vor Schmerz um den erschossenen Hero « hatte vorhin der Diener auf der Waldwiese gesagt . Als jedoch seine Augen auf Gisela fielen , die noch , mit Stolz und Hochmut umgürtet , am Fuße der Treppe stand , da flog eine tiefe Glut über das braune männliche Gesicht . In diesem Moment der Überraschung zeigten seine Züge nichts weniger als Abscheu und Verachtung ; das dunkle , menschenfeindliche Gepräge der Stirne freilich schien unverwischbar , aber die Augen leuchteten , wenn auch nur meteorartig , in einem eigentümlichen Glanze auf . Unter diesem Blick verwandelte sich Giselas Haltung sofort . Sie verlor fast unbewußt den Schild des Trotzes und der Entrüstung und stand plötzlich wieder dort , wie sie gekommen war – als junges , scheues , hilfeheischendes Mädchen ... Wie infolge einer Eingebung hob sie die Hände zu ihm empor . Diese eine Bewegung brachte den alten Soldaten völlig außer sich . » Hüten Sie sich , Herr ! « rief Sievert und legte seine Hand ohne weiteres warnend und zurückhaltend auf den Arm des Portugiesen . » Das ist sie , wie sie leibt und lebt ! ... Es fehlt nur noch die kleine rote Schlange am Halse – sonst steht sie wieder da mit dem weißen Gesicht und den langen Haaren , die elende Erbschleicherin ! ... So hob sie auch die Hände , und – mein Herr war ein verlorener Mann ! ... Sie freilich modert , und ihre fluchwürdigen Hände können kein Unheil mehr anrichten , aber ihre Brut lebt fort ! « – Er zeigte auf die junge Dame – wie eine der alttestamentlichen Gestalten , die den Fluch ihres Gottes herabbeschwören , stand der alte Mann mit dem finster dräuenden Gesicht auf der Terrasse . » Sie ist nicht um ein Haar heller « , fuhr er mit erhobener Stimme fort ; » ihr Herz ist kieselhart ! Sie ist gefühllos wie ein Stein gegen ihre Leute und fragt den Henker danach , ob die Menschen um sie her vor Hunger wie die Mücken umfallen ! ... In Greinsfeld und Arnsberg wird für die Armen gebetet , aber sie satt zu machen , fällt niemandem ein ! ... Herr , lassen Sie sie nicht über die Schwelle ! Wo das Geschlecht seinen Fuß hinsetzt , da geht Unheil auf ! « Die junge Gräfin schlug die zitternden Hände vor das Gesicht und floh , aber schon nach wenigen Schritten fühlte sie sich zurückgehalten – der Portugiese stand vor ihr und nahm ihr die Hände sanft vom Gesicht . Er schrak zurück vor dem mutlosen Mädchengesicht , das die Augen in Schmerz und Entsetzen zu ihm aufschlug . Vielleicht fühlte er für einen Augenblick Erbarmen ; er hielt ihre Hände mit pressendem Druck fest und zog sie heftig gegen sich , als wolle er sie schützend an seine Brust nehmen ; aber genau mit demselben scheuen Zurückweichen wie vorhin auf der Waldwiese , ließ er sie rasch wieder sinken . » Sie hatten einen Wunsch , Gräfin ; ich sah es an Ihrem Gesicht ! « fragte er mit unsicherer Stimme . » Darf ich ihn nicht mehr hören ? « Gisela hüllte ängstlich die verabscheuten Hände in die Falten ihres Musselinkleides . » Im Walde liegt eine arme Frau « , flüsterte sie tonlos . » Sie ist wahrscheinlich vor Erschöpfung umgesunken . Ich kam an dies Haus , um Hilfe für sie zu suchen . « Dann schritt sie mit niedergeschlagenen Augen an ihm vorüber dem Walde zu ... Sie war vernichtet – die Beschuldigungen des alten Mannes hatten sie wie Keulenschläge getroffen ... War das dieselbe junge Dame , die vorgestern mit stolzem Nachdruck alle ihre hohen Titel hergezählt und mit ihnen betont hatte , daß sie unter allen Umständen die Hochgeborene bleibe ? ... Wo war das stolze Blut der Reichsgrafen Sturm und Völdern , das ihr eben noch überwältigend nach den Schläfen gebraust war und ihrem Gesicht den Ausdruck hochmütiger Verachtung aufgeprägt hatte ? – Seine Elemente bestanden aus Ehrbegier , Herrschsucht und Egoismus – es bäumte sich gegen jegliche äußere Verletzung seiner Vorrechte ; aber der edlen Sprache des Gewissens gegenüber schwieg es und sank mit all seinem hohlen Phrasentum kläglich zusammen . Die arme Frau war während Giselas Abwesenheit zum Bewußtsein gekommen ; sie sah die zurückkehrende junge Dame mit vollem Verständnis an , aber sprechen konnte sie noch nicht und war außerstande , sich zu erheben . Den kleinen Jungen hatte es jedenfalls beschwichtigt , die Augen der Mutter offen zu sehen ; er schrie nicht mehr , sondern streichelte lallend und unbeholfen mit den dicken Händchen das blasse Gesicht des Weibes . Gisela hörte Männerschritte vom Waldhause herkommen – sie wußte , die Hilfe nahe , und nun wollte sie , ohne noch einmal den Kopf umzuwenden , weitergehen ; denn bei aller Zerknirschung kam jetzt doch auch ein anderes Gefühl mächtig zum Durchbruch : der weibliche Stolz ... Und wenn auch der Neuenfelder Wohltäter , der Menschenfreund , allen Grund hatte , sie zu verurteilen , er durfte doch nicht gestatten , daß sein Diener sie beleidigte ... Aber er hatte die furchtbare Bedrohung des schrecklichen alten Mannes mit keiner Silbe gerügt – sie war offenbar zu sehr im Einklang mit seiner eigenen Anschauung gewesen , und obgleich ihn ein momentanes Bedauern überschlichen , er hatte doch die bittere Lehre