das alte Geleise einlenke , um – des religiösen Friedens willen – so ist ' s gemeint , nicht wahr ? « » Ich denke – oder vielmehr , daran zweifle ich keinen Augenblick , « erwiderte sie und sah ihn mit den großaufgeschlagenen Augen ehrlich und fest an . » Deshalb verwahre ich mich ja eben , wie ich dir bereits erklärt , stets entschieden gegen seine Einmischung . « » Stählern genug mag dein Wille sein ; er wird es ja wohl auch bleiben ... Juliane , ich wollte , ich hätte nicht so tief in den Abgrund der Gesellschaft geblickt , dann würde ich auf diese Schrift hier « – er neigte den Kopf gegen ihr Gesicht – » wie auf das Evangelium schwören ; aber « – er lachte bitter auf . » Ja , ja – dieser Kopf da mit der prachtvollen Goldflut , er würde nicht übel in die Engelschöre der katholischen Kirche passen – ich glaub ' s dem frommen Bekehrer gern , und es ist auch süß , als Engel verherrlicht zu werden – du weißt ' s nur noch nicht , Juliane ! – Nun , ich werde selbst energisch Mittel und Wege gegen diese Bekehrung ergreifen – « » Wozu dies alles ? « fiel die junge Frau ein . » Du gehst ja fort , und ich – « » Ich sollte meinen , das hättest du nun oft genug ausgesprochen ! « rief er zornig und stampfte mit dem Fuße auf . » Du wirst ja wohl die Gnade haben müssen , mir zuzugeben , daß ich einzig und allein zu bestimmen habe , ob und wann ich reisen will . « Sie schwieg – zu welcher Verkehrtheit ließ sich dieser Mann durch sein unberechenbares Temperament hinreißen ! – Als ob nicht er selbst bis zu dem heutigen Tage mit dem Vorgefühl des höchsten Genusses von dieser Reise unablässig gesprochen hätte ! » Gestehe es nur , Juliane , bei jener Vorbereitung auf die schlimmen Augenblicke hat der liebenswürdige , indiskrete , fromme Mann auch mein Privatleben nicht geschont , « sagte er leichthin , während er eine der Elfenbeingestalten vom Sockel herablangte , um sie aufmerksam zu betrachten . » Das setzt ein ruhiges Anhören meinerseits voraus , « antwortete sie verletzt . » So viel Pflichtgefühl wirst du mir zutrauen , daß ich eine Verunglimpfung deiner Person nie geduldet haben würde , selbst wenn das fremde Urteil meiner eigenen Ueberzeugung entsprochen hätte . Der muß eine Frau schon tief verachten , der ihr Nachteiliges über ihren Mann mitzuteilen wagt . « » Wenn abgeschiedenen Seelen das Gefühl der Scham verbleibt , wie muß dann Valerie in diesem Augenblick aussehen ! « rief er , die elfenbeinerne Ariadne auf das Postament zurückstoßend . » So beruht deine ungünstige Meinung von mir einzig auf deiner eigenen Beobachtung ? « Sie wandte sich schweigend ab . » Wie ? – Dann haben andere in deiner Gegenwart über mich gesprochen – der Onkel ? « – wie stümperhaft spielte er in dem Moment den Gleichgültigen ! » Ja , Mainau . Er klagte neulich dem Hofprediger – dein ewiges Reisen erfülle ihn mit Besorgnis – Leos wegen . Du streiftest durch die Welt , um der Langeweile zu entgehen , und doch gäbe es daheim für dich auf Jahre hinaus mehr als genug zu thun . Allerdings seien deine Besitzungen wahre Goldgruben – sie würden aber von treulosen Händen ebenso rücksichtslos ausgebeutet , wie von dir selbst . Das Wirrsal in der Verwaltung spotte aller Beschreibung – er schaudere stets , wenn ihm auch nur ein flüchtiger Blick hinein vergönnt werde . « Mainau hatte ihr erbleichend den Rücken gewendet und sah angelegentlich zum Fenster hinaus . Sie sprach mit hörbarer Befangenheit – das war allerdings eine Angelegenheit , in die sie sich nicht mischen durfte , am allerwenigsten jetzt noch , wo sie schon halb und halb die geschiedene Frau war ; aber sie sprach für Leos Zukunft – was sie in diesen kurz zugemessenen Minuten des letzten Alleinseins noch für ihn erreichen konnte , das mußte sofort geschehen . » Bah – du kennst ja den Onkel mit seiner fieberhaften Angst vor einer möglichen Verringerung des Mainauschen Besitztums – sein gieriges Zusammenraffen wird nachgerade unerträglich ; er übertreibt haarsträubend , der alte Mann , « sprach er , ohne ihr das Gesicht zuzuwenden . » Ich sage dir , in wenigen Wochen ist der ganze Plunder geordnet , und die Sache läuft von selbst wieder am Schnürchen – was dann ? ... Soll ich zur Abwechslung selbst hinter dem Pfluge hergehen , oder vielleicht , weil ich keinen Funken Musik in mir habe , Hoftheaterintendant werden ? Oder soll ich mich zu irgend einem vakanten Ministerposten melden ? Ich habe hier und da , in Berlin und Bonn , an der Jurisprudenz genascht , vor allem aber zwei Feldzüge mitgemacht , dazu mein guter Adel – was braucht es mehr ? « – Er schüttelte sich . – » Nie und nimmer ! ... Nun rate mir , weise Sphinx , wie soll ich mir die Zeit in Schönwerth vertreiben , wenn auch meine zweite Frau mich verlassen haben wird ? « » Ist dir nie die Lust gekommen , zu schreiben ? « Er fuhr herum und sah sie sprachlos an . » Willst du mich unter die Schriftsteller stecken ? « fragte er endlich mit einem ungläubigen Lächeln . » Wenn du denkst wie Mama und der Hofmarschall , dann freilich darfst du meine Andeutung nicht dahin auffassen , als gelte es – das › Gedrucktwerden ‹ , « antwortete sie mit einem heiteren Anflug in der Stimme . » Du erzählst interessant und fließend – ich bin überzeugt , du hast einen vortrefflichen Stil ; du wirst noch effektvoller schreiben , als du sprichst « – seltsam , der eitle , durch die lockeren Sitten und üppigen Schmeicheleien der Halbwelt verdorbene Mann , er schlug die Augen nieder und errötete scheu wie ein zartes Mädchen bei dem kargen Lob der ernsten jungen Frau . » Ich hätte dir manchmal abends beim Thee nachschreiben mögen , « setzte sie hinzu . » Ah da hat also die scharfe Kritik verkappt und geräuschlos neben mir gesessen , während ich mich manchmal versucht fühlte , zu fragen , wieviele Nadelstiche wohl zu einem Blumenblatt in den unvermeidlichen Teppich gehören möchten ... Juliane , es war nicht edel , mich diese tölpelhafte Rolle spielen zu lassen – nein , schweige ! « rief er , als sie unter einem stolzen Heben des Kopfes die Lippen zu einer herben Erwiderung öffnete – » die Strafe war nur allzu gerecht ! ... Ich muß dir gestehen , « sagte er zögernd , » daß es mir in der That oft in den Fingern gezuckt hat , zum Beispiel meine Reiseeindrücke niederzuschreiben ; aber der erste schüchterne Versuch in Briefform , den ich von London aus in die Heimat schickte , hat ein so eklatantes Fiasko gemacht , daß ich die Feder für immer entmutigt hingeworfen habe . Der Onkel schrieb mir ganz empört über › diese langatmigen Salbadereien , diese taktlosen indiskreten Mitteilungen ‹ hinsichtlich verschiedener Höfe , bei denen ich doch › so unverdient gnädig ‹ aufgenommen worden sei , und verbat sich ernstlich die Fortsetzung , da ein solcher Brief leicht in falsche Hände kommen und ihn wie mich selber kompromittieren könne , und bei Valerie fand ich , heimgekehrt , das Fragment einer solchen › langweiligen Epistel ‹ – wie sie lachend versicherte – um einen Flakonstöpsel gewickelt . « Leo kam in diesem Augenblicke hereingestürmt – der Doktor sei beim Großpapa , und da habe man ihm erlaubt , nach der Mama zu sehen . Er starrte seinen Papa mit großen Augen erstaunt an – wie kam er denn auf einmal hierher , wo ihn der Kleine noch nie gesehen ? » Je , Papa , was thust du denn da im blauen Zimmer ? « fragte er mit dem ganzen Befremden , aber auch mit der Eifersucht des bisherigen Alleinherrschers in den Wohnräumen der Mama . Mainau errötete flüchtig und schob den Knaben sanft an den Schultern zur jungen Frau hin . » Geh , mein Junge , lege einmal deine Arme um den Hals der Mama – sieh , ich darf nicht um eine Linie weiter vorgehen , als sie erlaubt – und bitte , sie möge noch ein klein wenig Geduld mit dir und auch – mit mir haben , bis wir voneinander gehen ! « » Ach , ich gehe ja mit , Papa ! « rief der Kleine und schlang seine Arme um die Hüften der jungen Frau . » Die Mama hat mir abends beim Schlafengehen immer versprochen , daß sie mich mitnimmt zu Onkel Magnus und Tante Ulrike , wenn sie einmal nach Rudisdorf reist . « » Wie ! Woher weißt du denn schon , daß die Mama nach Rudisdorf geht ? « fragte Mainau überrascht . » Der Herr Hofprediger und dem Erbprinzen seine Mama haben am Jägerhäuschen davon gesprochen – ganz heimlich – wir haben ' s aber doch gehört , der Erbprinz und ich ... Gelt , Mama , du nimmst mich mit ? « » Du mußt den Papa herzlich bitten , daß er dir manchmal einen Besuch gestattet , « entgegnete sie mit tiefgesenkten Lidern , aber fester Stimme und ließ ihre schönen , schlanken Finger durch die Locken des Kindes gleiten . » Wir wollen sehen , « sagte Mainau kurz und rauh . » Sieh da , Juliane , deine allerliebste Erklärung von heute nachmittag scheint die Wirkung des elektrischen Funkens zu haben – morgen werden sich die Spatzen auf den Dächern unserer guten Residenz erzählen , daß seine Heiligkeit in Rom alle Hände voll zu thun habe , um mit Umgehung des eisernen Gesetzes zwei Menschen voneinander zu trennen , die sich schlechterdings nicht ineinander finden können ... Hm – selbstverständlich wirst du nicht vor meiner Abreise gehen ? « » Ich füge mich darin ganz und gar deinen Anordnungen – ist es dir recht , dann verlasse ich Schönwerth erst , wenn eine Tagesreise hinter dir liegt . « Er nickte leicht mit dem Kopfe , dabei trat er rasch an den Tisch , bog den Brief an Ulrike zusammen und steckte ihn in seine Brusttasche . » Noch habe ich das Recht , zu konfiszieren – der Brief gehört mir ! « Er verbeugte sich ironisch tief und feierlich , als habe er Audienz bei der Fürstin gehabt , vor der überraschten jungen Frau und verließ das Zimmer ... Leo aber brach plötzlich in ein leidenschaftliches Weinen aus – das Kind fühlte , daß es seinen Schutzengel verlieren sollte . 18. In der Schönwerther Schloßküche , dem Stelldichein der Domestiken , machte das Gerücht , daß die Frau Baronin während der Abwesenheit des jungen Herrn » auf Besuch « nach Rudisdorf gehen werde , durchaus keinen sensationellen Eindruck . Die Lakaien versicherten , sie hätten diesen » Besuch « schon im ersten Augenblick prophezeit , wo der gnädige Herr beim Aussteigen wirklich nicht gewußt habe , ob er die Braut anrühren solle oder nicht – zuletzt habe sie doch allein aus dem Wagen steigen müssen – ; die Kammerjungfer , die gerade den Bügelstahl aus dem Küchenfeuer nahm , sagte gelassen , sie sei froh darüber , es gehe ihr wider die Natur , eine Dame zu bedienen , die ihr Mann nicht estimiere , und die immer nur » Musselinfähnchen « trage , und das Küchenmädchen mit den brandroten Flechten seufzte schwermütig beim Tellerabtrocknen und meinte , der gnädige Herr sei nun einmal ein geschworener Feind der » Blondinen « , alle Damen , die droben in seinem Zimmer hingen – hätten braune oder schwarze Locken – die erste Frau auch – er müsse die zweite geradezu » unbesehen « genommen haben ... In der höheren Region des Schlosses aber herrschte förmlicher Sonnenschein – das Parkett hatte Ruhe vor dem Krückstock des alten Herrn ; Leo bekam einen Marstall voll prächtig aufgezäumter Pferde , der Kammerdiener einen Frack , der noch gar nicht sehr abgenutzt war – dabei kamen auch die sehr geläufigen Titel » Dummkopf « und » Tölpel « in Wegfall ; er avancierte , für einige Tage wenigstens , zum » lieben Freund « und » guten , alten Kerl « – und das alles , weil » die Gnädigste in der That das Genick gebrochen hatte « . Mit seinem Neffen hatte der Hofmarschall noch nicht darüber gesprochen – es war auch gar nicht nötig . Mainau hatte die protestantische , vermögenslose Frau in das Haus gebracht , ohne die Einwürfe , die inständigen Bitten und Vorstellungen des Onkels auch nur im mindesten zu berücksichtigen ; nun kamen die prophezeiten Folgen des unüberlegten , abenteuerlichen Schrittes , und das war Buße und Demütigung genug , wenn er auch infolge seines sprichwörtlichen Glückes kaum mit einem blauen Auge aus der Affaire hervorging ... Es verlief alles so hübsch glatt und anständig . Die junge Frau präsidierte nach wie vor als Hausfrau ; sie bereitete abends den Thee und unterrichtete Leo , ganz als sei nichts vorgefallen – nur vermied sie fast angstvoll , mit dem Hofmarschall allein zu sein ; er bemerkte das und lachte ihr diabolisch ins Gesicht , als sie einmal , beim Ueberreichen der Theetasse seine Hand berührend , wie von einer Viper gestochen , zurückfuhr – ja freilich , er war aber auch ein schlimmer Prophet gewesen , er hatte ihr ja mit wenigen schneidenden Worten den Moment markiert , wo sie » unmöglich geworden « . Die Abreise des jungen Herrn war allerdings vorläufig verschoben worden und zwar , weil er drüben auf seinem Gute Wolkershausen gewesen und bei einem zufälligen Einblicke in die Verwaltungsbücher eine beispiellose Unordnung vorgefunden hatte . Solche Dinge dürfe man doch nicht im Rücken lassen , wenn man eine so weite Reise antrete , wie er beabsichtige , hatte er zum Hofmarschall gesagt , der vor Erstaunen über diesen plötzlichen energischen Eingriff in das abwärts rollende Rad der Liederlichkeit und Verwahrlosung fast vom Stuhle gefallen wäre ... Die neuen Koffer von Juchtenleder hatten einstweilen in eine luftige Bodenkammer gestellt werden müssen , weil sie noch gar so betäubend stark rochen , und das glänzende Abschiedsdiner , das Mainau den Mitgliedern des Klubs im ersten Hotel der Residenz geben wollte , war vorläufig vertagt worden ... Im übrigen geschah alles , um dem Gerede in der Residenz die Spitze abzubrechen – die Herzogin bot selbst in ihrer unerschöpflichen Huld die Hand dazu ; sie wußte ja am besten , wie die Sachen standen , und konnte deshalb ungefährdet den Wunsch aussprechen , die junge Frau noch vor ihrer » Besuchsreise in die alte Heimat « bei Hofe vorgestellt zu sehen . Liane hatte sich nicht geweigert – es sollte ja das erste und letzte Mal sein – , und so war » die hochblonde Trachenbergerin im unvermeidlichen blauseidenen Kleide « , wie die Hofdame sarkastisch bemerkte , auf eine halbe Stunde bei Hofe erschienen , um wenigstens » eine glänzende Erinnerung in die Rudisdorfer Einsamkeit mitzunehmen « . Das Kistchen mit dem Schmucketui und den getrockneten Pflanzen war nun nicht abeschickt worden – Liane kam ja selbst ; auch war sie nicht mehr im Besitze des Bildes , dessen Erlös das Badegeld für die Gräfin Trachenberg vervollständigen sollte . Mainau hatte es ebenfalls konfisziert , » weil man allerdings nicht wünschen könne , daß unliebsame Momente des Hauses Mainau auf diese Weise abermals in die Oeffentlichkeit drängen « ... Sehr viel abwesend und mit den Reformen auf seinen Gütern dringend beschäftigt , machte er es aber doch fast immer möglich , abends beim Thee zu erscheinen , und da schlug er genau den Ton von früher an . Er unterhielt sich mit dem Onkel und dem Hofprediger und bemerkte es nicht , daß der letztere Schönwerth fast gar nicht mehr verließ – die Herzogin hatte ihn für einige Wochen halb und halb beurlaubt , um seine angegriffenen Nerven in der Schönwerther Landluft zu stärken – ; nur als er eines Abends den Vorschlag machte , die Religionsstunden aus dem Salon des Hofmarschalls lieber hinunter in die Kinderstube zu verlegen , da er bemerkte , daß das monotone Hersagen des Kindes den alten Herrn nervös mache , da zuckte es einen Augenblick sehr bedenklich über Mainaus Gesicht , und mit einer Stimme , die so gepreßt klang , als werde ihm die Kehle zugeschnürt , gab er dem besorgten Geistlichen zu bedenken , daß man seiner protestantischen Gemahlin eine solche Zumutung nicht wohl machen dürfe . Nun war seine mehrtägige unausgesetzte Abwesenheit in Wolkershausen dringend nötig geworden . Er ritt eines Nachmittags fort ; oben am Fenster erschien der Hofprediger neben dem Onkel ; beide sahen zu , wie er das Pferd bestieg , während die junge Frau , die eben mit Leo in den Garten gehen wollte , herantrat , um das Kind vom Papa Abschied nehmen zu lassen . Er reichte Leo die Hand vom Pferde herab – seiner Frau nicht . Sein Gesicht , auf welchem die vier Augen droben angelegentlich ruhten , blieb vollkommen unbewegt ; den Hals des Pferdes klopfend , bog er sich nieder , und jetzt sah Liane in ein Paar finsterdrohende Augen . » Ich hoffe , dich gut protestantisch wiederzufinden , Juliane , « sagte er mit gedämpfter Stimme . Sie wandte sich erzürnt ab , und er sprengte mit einem flüchtigen Gruße nach oben aus dem Schloßhofe . Jeden Morgen kam ein reitender Bote aus Wolkershausen mit einem Zettel von Mainaus Hand , der hauptsächlich Nachrichten über Leos Ergehen verlangte . Der Hofmarschall lachte hell auf über diese neue Marotte des launenhaften Sonderlings , der früher nach Weib und Kind oft monatelang nicht gefragt habe , und sich nun mit einemmal auf die Tolle der zärtlich besorgten Affenliebe kapriziere . Er schrieb die Antwort stets eigenhändig unter die Nachfrage , die an niemand speziell gerichtet war . Eines Morgens aber erschien der Bote , nach Abgabe des offiziellen Zettels in der Bel – Etage , drunten bei der jungen Frau und brachte ihr einen versiegelten Brief . Beim Oeffnen fielen ihr eine Menge beschriebener Blätter entgegen – auf einer beiliegenden Visitenkarte bezeichnete Mainau dieselben als den Anfang eines Manuskripts , an welchem er nach den Anfechtungen und Sorgen des Tages in späten Nachtstunden zu seiner Erholung schreibe ; er unterbreite diesen Anfang ihrem Urteile . Mit einem wunderlichen Gemische von froher Ueberraschung und beklommener Scheu hielt sie die Blätter einen Augenblick unentschlossen in der Hand – diese neue , durch sie selbst heraufbeschworene Beziehung zu dem Manne , den sie binnen kurzem auf immer verlassen wollte , machte sie stutzig , wie man plötzlich den Fuß zurückzieht auf unbewußt betretenem fremden Gebiete – , dann aber antwortete sie ihm in flüchtigen Zügen , sie bringe jetzt die Nachmittagsstunden mit Leo stets im Forsthause zu – dort , in der Stille des Waldes , wolle sie das Manuskript lesen . Sie hatte ihm ja selbst gesagt , daß sie ein bedeutendes schriftstellerisches Talent in ihm vermute – und doch , als sie sich in diese an » Juliane « gerichteten Reisebriefe aus Norwegen vertiefte , da stockte ihr der Atem vor Ueberraschung . Diese kräftigen Schriftzüge waren , wie es schien , nicht einmal ins Stocken geraten . Unaufhaltsam , wie vom Gewittersturm getragen , flogen und stürzten diese in langer Haft gehaltenen glänzenden Bilder und Schilderungen vor ihr vorüber . Die junge Frau dachte nicht mehr daran , wer sie geschrieben – der kapriziöse Salonheld mit dem rücksichtslosen Spottpfeile auf den Lippen und der gemachten Blasiertheit in jeder Bewegung war abgefallen von dem einsamen Manne , der von hoher , sturmgepeitschter Klippe sinnend auf das winzige und doch so hochmütige Treiben der Menschheit herabsah . Der ganze Plunder der höfischen Umgangsformen war abgestreift von dem Jäger , der mit fieberhaft siedendem Blute den Bären verfolgte und weite Schneewüsten verirrt durchkreuzte , um dann wochenlang in den tief in die Einöde versprengten Gehöften zu rasten , hingerissen durch die seiner innersten Natur verwandte altgermanische Kraft , ja Wildheit der Bewohner , durch ihre reinen Sitten , durch die Züchtigkeit der Frauen . Ganz besonders diesen Charakterschilderungen gegenüber gedachte Liane stillbeschämt ihres harten Vorwurfs , daß er überall nur das Auffallende und Blendende wegnasche . Vor dem Forsthause , das Liane erst jetzt gleichsam entdeckt , hatte sie gestern die Blätter gelesen , und heute lagen sie wieder vor ihr ... Das Forsthaus war keines jener modernen , kokett geschmückten Häuser im Schweizerstile , wie man sie gern an den Waldessaum verlegt . Es war ein uraltes Gebäude mit schiefen Wänden und verschobenen Fenstern , hinter welchen die weißen Filetgardinen der Frau Försterin , wie verlegen über ihr unpassendes Placement , nur in schmalen Streifen erschienen . Weder Ziegel noch Schiefer hatten je den alten Veteranen geschützt – ein festes , gutgehaltenes Strohdach stieg in jäher Steilheit empor und trug eine so gewaltige Esse auf seinem Firste , als erde tagtäglich für ein ganzes Regiment Soldaten drunten in der Küche geschmort und gebacken . Ein von niedrigen Staketen eingefaßter , breiter Mittelweg durchschnitt den kleinen Vorgarten und führte zu der tiefgelegenen Hausthür , die , meist gastlich offen , die sandbestreuten Dielen des Flurs sehen ließ . An einer der Staketecken stand eine Holzbank , die ein hochwipfeliger Birnbaum vom Gärtchen aus beschattete – eine ganze Rankenwucht von wildem Hopfen fiel über das Geländer und strebte am Stamme des Obstbaumes empor . Hier saß die junge Frau vor einem Tische , den die Försterin mit einer bunten Kaffeeserviette geschmückt hatte . Freilich , von einem Ausblicke in die Ferne war nicht die Rede . Wie vergraben lag das alte Haus inmitten des Hochwaldes , und wohl nur vom erblindeten Giebelfensterchen droben , oder aus dem Taubenschlage dicht unter dem Firste konnte man ferne Höhenzüge , oder vielleicht auch die bunten Mosaikdächer von Schloß Schönwerth sehen . Im kleinen Garten blühten allerdings Verbenen und Dahlien , und neben der Hausthür stand sogar ein schöner Oleander im Kübel – aber kaum zehn Schritt davon entfernt lugten schon wieder unverdrängt die blauen Glockenblumen , das feuchte Grün des Maiblumenschlages und im tiefen Dunkel die bleichen Köpfe zahllos hingestreuter Pilze aus dem Walddickicht ... Hier überkam die junge Frau stets das Gefühl eines momentanen Verschollenseins , und das that ihr wohl . Sie wurde in keiner Weise belästigt . Die Försterin hielt sich in ehrerbietiger Entfernung und ging ihren häuslichen Geschäften nach ; ihr Mann war meist fern mit seinen Gehilfen und Hunden , und so webte um das alte Haus mit dem Strohdache Schweigen , zauberhaftes Schweigen , das nur durch das Rucksen der ab – und zufliegenden Tauben und dann und wann durch ein leises Gebrumme vom Kuhstalle her unterbrochen wurde . Die junge Frau im hellen Sommerkleide konnte recht wohl für des Försters Töchterlein gelten , so hold , anmutig und jungfräulich saß sie unter dem Baume ; den neben ihr liegenden runden Strohhut wenig respektierend , hatte sich des Försters große , buntgetigerte Hauskatze breit und bequem über die andere Hälfte der Bank hingestreckt ; auf dem Tische blinkte die Kaffeemaschine von Messing neben einem runden Laibe Schwarzbrot und dem dazugehörigen Butterteller , und in einem lackierten Blechkörbchen lagen gelbe , eben erst vom Baume geschüttelte Birnen . Dieses appetitliche Arrangement war augenblicklich ein wenig beiseite geschoben – Leo hatte eine späte Erdbeerblüte gebracht und war emsig dabei , sie unter Aufsicht und Beihilfe der Mama für sein Herbarium herzurichten . Sein brauner Lockenkopf schmiegte sich nahe an die hellglänzenden Flechten der Mutter – auf beider Wangen lag die rosige Glut der Jugend , des erhöhten freudigen Pulsschlages im kräftigen Waldodem , im wohligen ungezwungenen Sichgehenlassen . » Der Papa ! « schrie Leo plötzlich auf und flog mit ausgebreiteten Armen nach dem Wege , der sich schräg gegenüber schmal und dunkel aufthat . Da trat Mainau wirklich im schlichten braunen Sommerrocke , den Stock in der Hand , mit raschen Schritten heraus . Liane erhob sich und ging ihm entgegen , während er den Knaben hoch in die Lüfte hob und ihn dann mit einem Kusse auf den Boden stellte . » Aus dem tiefen Walde , Mainau ? ... Und zu Fuße ? « fragte sie überrascht . » Mein Gott , ich war des Rumpelns auf der Heerstraße müde – ich bin zu Wagen gekommen und habe ihn beim Chausseehause verlassen – « » Von dort bis hierher mag es eine tüchtige Wegstunde sein . « Er zuckte lächelnd die Achseln . » Was thut man nicht , wenn man – seinen Knaben so lange nicht gesehen hat ! ... Aus deinen Zeilen wußte ich , daß ich um diese Zeit Schönwerth doch leer finden würde . « – Er schritt auf den Tisch zu . » Sieh da , wie lecker und gemütlich das aussieht ! « sagte er und ließ sich auf der Bank nieder . Die Katze wurde rücksichtsvoll nur ein wenig nach dem Rande zu geschoben , denn sie hatte hier Heimatrechte . Liane verschwand für einen Augenblick im Forsthause und kehrte mit heißem Wasser zurück . Im Nu brannte die Flamme unter der kleinen Maschine , und gleich darauf mischte sich das köstliche Kaffeearoma mit der Waldluft ... Den mächtigen Brotlaib an sich gedrückt , schnitt und strich die junge Frau Butterbrote , so flink und mit solcher Lust , als gehöre das , wie in der That bei Försters Töchterlein , zu ihrem Tagewerke . » Nein , mein Junge , der Platz gehört der Mama , « sagte Mainau – er schob Leo , der auf die Bank klettern wollte , fast heftig beiseite und lud die junge Frau , die eben die Tasse gefüllt hatte , mit einer Handbewegung ein , sich neben ihn zu setzen . Sie zögerte – er hätte doch recht gut die Katze fortjagen können , denn der Raum , der auf der anderen Seite blieb , war doch gar zu schmal ; aber er that es nicht . In demselben Augenblicke machte die Försterin , die einen Rohrstuhl brachte , ihrer Verlegenheit ein Ende – sie hob Leo auf die Bank und setzte sich unter einem erleichterten Aufatmen auf den Stuhl ... Mainau warf seinen Hut auf den Rasen und fuhr mit beiden Händen durch sein schönes , braunes Lockenhaar – das finstere Lächeln , mit welchem er die diensteifrige Försterin begrüßte , sah nichts weniger als dankbar aus . » Jetzt hab ' ich mit meinen eigenen Augen gesehen , was das für eine unglückliche Ehe ist , « sagte sie drin zu ihrer alten Magd . » Guck doch ' nüber ! Sie sitzen ja nicht einmal nebeneinander – und ein Gesicht macht er , als hätte ihm die liebe , sanfte Frau mit ihren bildschönen Händen Essig statt Kaffee eingeschenkt ... Für den ist solch ein Zank – und Sprühteufelchen , wie die erste Gnädige war , am allerbesten – ja , werde nur einer aus den Männern klug ! « Der Schatten auf Mainaus Stirn war schon wieder verflogen . Er lehnte sich zurück an die Banklehne , so daß die Hopfenranken kühlend seine Stirn streiften – seine Augen glitten langsam über die flüsternden Baumwipfel , die seitwärts hervorkommende Hausecke und den ländlich besetzten Kaffeetisch . » Wir spielen ein wenig Landprediger von Wakefield , wie mir scheint , « sagte er lächelnd . » Bis jetzt habe ich wirklich nicht gewußt , daß wir hier ein so köstliches Stückchen Waldpoesie besitzen . Der Förster möchte gern das Strohdach los sein ; er petitioniert eifrig – aber nun bleibt es . « – Er führte mit sichtlichem Behagen die Tasse an die Lippen . » Solch ein › Tischlein deck ' dich ‹ mitten im Walde zu finden , wenn man erst auf der staubigen , heißen Chaussee gefahren und dann eine tüchtige Stunde marschiert ist – « » Ich weiß , wie das thut , « unterbrach ihn die junge Frau lebhaft . » Wenn ich mit Magnus vom Pflanzensuchen zurückkam , müde , hungrig , mit brennenden Füßen , und bei der Fontäne in die lange Allee einbog , die du kennst , da sah ich schon von weitem den weißgedeckten Tisch hinter der Glaswand des Gartensalons stehen – die lieben , alten häßlichen Lehnstühle , die du auch kennst , umkreisten ihn , und in demselben Momente , wo uns Ulrike bemerkte , schlug die kleine blaue Flamme unter dem Theekessel auf . Solch ein Heimkommen ist wonnig – besonders , wenn man mit einem heranziehenden Gewitter um die Wette gelaufen ist , wenn man schon die ersten fallenden Tropfen im Gesicht gespürt hat und nun unter dem heimischen Dache , im süßen Ausruhen , draußen den Sturm pfeifen und die Regenschauer niederprasseln hört . « » Und nach solch einem Heimkommen sehnst du dich fast krank , seit du in Schönwerth bist ? « Sie drückte mit aufstrahlenden Augen die festverschlungenen Hände unwillkürlich auf die Brust – man sah das zustimmende » Ja « auf ihren Lippen schweben , aber sie sprach es nicht aus . » Mama sagt immer , die letzten Trachenberger seien im Aussterben und im – Aus arten begriffen , « versetzte sie , mit einem reizenden Lächeln der direkten Antwort ausweichend . » Der Hang , in stiller , friedensvoller Häuslichkeit zu leben , den engen Kreis seiner Lieben , soviel man vermag , zu beglücken und darin selbst das eigene Glück zu finden – er mag schon › hausbacken ‹ sein , wie Mama ihm schuld gibt – im Rudisdorfer Schlosse , wie es noch vor zehn Jahren gewesen ist , hätte er allerdings nicht mit der kleinsten Wurzel haften dürfen – aber er , er allein hat uns