gar nicht so ! Mit einer energischen Bewegung wischte sie die Tropfen ab und zwang sich , an Kotillonsträußchen und Schleifen , an unzählige Porzellanteller und Tassen , an eine Friseurin , an Eis , Mandelmilch und Gott weiß an was zu denken , und zuletzt an diese unglückliche Idee der kleinen Prinzeß , ein Kostümfest mit Tanz aus dem einfachen Kaffee machen zu wollen . Sie eilte die Treppen wieder hinunter , gab Befehle , schickte Boten fort , sprach mit Gärtner und Mamsell , und mitten in diesen Trubel kam die Absage von Klaudine und Joachim . Auf letzteren hatte man ja kaum gerechnet , aber Klaudine ? Beate suchte eilenden Schrittes ihren Bruder auf . Sie fand ihn im Garten , wo er neben Prinzeß Helene und der Komtesse auf dem Tanzboden stand , der unter den Linden hergerichtet war . Die Zimmerleute waren eben fertig geworden und ein paar Gärtnerburschen bekleideten die grob behauenen Pfähle der Einfriedung mit Tannen - grün und zogen Blumengewinde von Pfeiler zu Pfeiler . » Lothar « , begann sie , » Klaudine sagt ab . Willst du nicht selbst hinüber und sie bitten , dennoch zu kommen ? « Er sah in diesem Augenblick noch bleicher aus . » Nein ! « erwiderte er kurz . In Prinzeß Helenes Augen blitzte es auf , sie hatte dies Blaßwerden bemerkt . » Dann werde ich hinfahren , wenn du es erlaubst « , sprach Beate . » So wirst du deine Schritte nach Altenstein lenken müssen . Im Eulenhause triffst du sie schwerlich . « » Heute abend , wenn sie zurückgekehrt ist « , erwiderte Beate . » Ich komme nicht ohne ihre Zusage wieder . « » Sie scheinen Unglück zu haben , Baron « , sagte die Prinzessin mit flackernden Augen , » wie Mama mir mitteilte , wird auch der Herzog höchstwahrscheinlich dem Feste seine Gegenwart versagen . Ihre Hoheit teilte es Mama tiefbetrübt mit . « Auf der Stirn des Barons schwoll eine Ader . Sonst veränderte sich kein Zug seines Gesichtes , er sah gespannt den Gärtnern zu , welche rot-weiße Fähnchen an den Säulen befestigten . » Es sieht gut aus « , bemerkte er gelassen , » meinen Durchlaucht nicht auch ? « Die kleine Durchlaucht nickte . » Warum nicht auch die Farben Ihres Hauses ? « fragte sie bezaubernd liebenswürdig . » Abwechselnd das Gelb und Blau mit dem Purpur und Weiß ? « » Ich liebe diese Zusammenstellung nicht « , erwiderte er . » Es sind gesuchte Kontraste . « Beate , die sich eben zurückziehen wollte , wandte sich erschreckt ab . Aber die Prinzessin lächelte , sie mochte einen anderen Sinn herausgehört haben als Beate . Klaudine stand am Nachmittag dieses Tages , sich verabschiedend , am Schreibtisch ihres Bruders . » Meine Absage ist doch besorgt ? « fragte er . Sie nickte . » Deine und meine . Leb wohl , Joachim ! « » Deine ? « fragte er bestürzt . » Ja ! Ich sehne mich nicht nach derartigen Festen , sei nicht böse , Joachim ! « » Böse ? Ich verstehe dich nur nicht , du wirst Beate sehr betrüben . « Über das schöne Gesicht der Schwester flog ein leiser schelmischer Zug . » O , ich denke , ich werde sie wieder versöhnen , Joachim , laß mich doch hier , du hast keine Ahnung , wie ich mich auf diesen Tag freue , auf den Nachmittag unter der Steineiche , auf den Abend mit dir . « Er reichte ihr die Hand . » Wie du willst , Klaudine . Du weißt , alles ist mir recht , was du tust . « Und Klaudine ging hinunter , küßte das Kind zum Abschied und schaute in Fräulein Lindenmeyers Zimmer . Die schlief im Lehnstuhl . Leise machte Klaudine die Tür zu und schlüpfte durch den Hausflur in den Garten hinaus , vor dessen Pforte der fürstliche Wagen hielt . Nach kaum einer halben Stunde saß sie unter den Eichen des Altensteiner Gartens und las der Herzogin vor aus Joachims Werk » Frühlingstage in Spanien « . Die Geschichte seiner Liebe war in die wundervollen landschaftlichen Schilderungen anmutig mit eingewebt . » Klaudine « , unterbrach die Herzogin die Lesende , » sie muß sehr reizend gewesen sein , diese kleine Schwägerin ! Beschreibe sie mir ! « Das Mädchen heftete ihre blauen Augen auf die fürstliche Frau . » Sie glich dir , Elisabeth « , sagte sie . » O du Schmeichlerin ! « drohte die Herzogin , » aber da bringst du mich auf eine Idee – verzeih , daß mich die interessante Lektüre zu einer Toilettefrage anregt . Wie war ' s , Klaudine – ich nehme Fächer und Mantille und komme einmal > spanisch < nach Neuhaus ? Es ist ein guter Gedanke , meine ich . Und du , Dina ? « » Ich habe abgesagt , Elisabeth . « Über das Gesicht der Herzogin flog ein betrübter Zug . » Wie schade ! « sagte sie langsam und nachdenklich . » Auch der Herzog hat abgesagt . « Klaudines blasses Antlitz flammte plötzlich im Rot des Erschreckens . Die Augen der fürstlichen Freundin hefteten sich fragend auf die ihren . » Ist dir heiß ? « » Aber weshalb will Seine Hoheit nicht teilnehmen ? « erkundigte sich Klaudine ausweichend . » Er hat mir keinen Grund angegeben « , war die Antwort . » Elisabeth « , sagte das schöne Mädchen hastig , » wenn du es befiehlst , nehme ich meine Absage zurück , ich kann das leicht , Beate gegenüber . « » Ich befehle es nicht , aber ich würde mich freuen « , sagte die Herzogin mit dem alten Lächeln . » So beurlaube mich eine Stunde früher , ich möchte Beate selbst meinen geänderten Entschluß mitteilen . « » Natürlich ! So schwer es mir auch wird , dich zu missen . Aber berichte mir , warum wolltest du nicht nach Neuhaus ? Ich kann mir nicht denken , Klaudine , daß du die Kleinigkeit mit Prinzeß Helene so ernsthaft genommen hast , um es deine Verwandten entgelten zu lassen . « Die Herzogin hatte während dieser Worte die Hand der Freundin erfaßt und suchte mit ihrem Blick nach den blauen Augen . Aber die langen blonden Wimpern hoben sich nicht und unter ihnen flammte wieder die heiße Röte auf von vorhin . » Nein , nein ! « stieß sie hervor , » das ist es nicht . Ich hatte Joachim einen stillen Abend versprochen . Ich glaubte , du würdest mich nicht vermissen in dem Glanz und Lärm des Festes . « » Ich fühle mich nie einsamer als unter vielen Menschen « , erwiderte die Herzogin leise und hielt Klaudines Hand fest , die sie ihr entziehen wollte . » Ich komme ja mit , Elisabeth . « » Gern ? Ich lasse dich nicht früher los . « » Ja « , klang es zögernd und ihre Wange neigte sich gegen die der Herzogin . » Ja ! « wiederholte sie noch einmal , » weil ich dich unsagbar lieb habe . « Die Herzogin küßte sie . » Ich dich auch , Dina ! Seit meiner Brautzeit habe ich nicht wieder das frohe , beglückende Gefühl gehabt wie jetzt neben dir . Und was so gut ist , in der Freundschaft kann man nicht so leicht Enttäuschungen erleben wie in der Liebe , sie gewährt ein ruhigeres Glück ! « Klaudine sah forschend in die Züge der Herzogin . » Ja , ja , die Liebe , die Ehe bringen mancherlei mit sich , Schätzchen « , lächelte diese , » kleine Kränkungen , kleine Enttäuschungen . Denke doch , Klaudine , mit welchem Idealismus tritt so ein achtzehnjähriges Mädchen vor den Altar ! Aber darum , mein Kind , bin ich doch die glücklichste Frau , denn er liebt mich . Sich geliebt zu wissen , fest auf die Liebe und Treue des Mannes zu vertrauen , darin liegt alles , was es für ein Weib gibt – und dieses Vertrauen verlieren würde für mich gleichbedeutend sein mit Sterben ! « Sie plauderte leise weiter von dem ersten Sehen des Geliebten , von jener innigen Liebe , die sie sogleich für ihn hegte , von dem Taumel , der sie ergriffen , als man ihr mitteilte , daß er um sie geworben hatte . Wie sie die Hände gefaltet und mit zitternden Lippen gefragt habe : » Mich ? Mich will er ? « Sie erzählte , wie sie täglich während des kurzen Brautstandes an ihn schrieb , wie sie mit einem Glücksgefühl , einem Stolz ohnegleichen nach der Vermählung mit ihm auf den Balkon des väterlichen Schlosses trat , um ihren schönen ritterlichen Gemahl den Tausenden von Menschen zu zeigen , die den großen Platz dort unten füllten , und wie sie dann so heimlich beide in dem unscheinbaren Wagen durch die Frühlingsnacht nach dem stillen Schlößchen in der Nähe der Residenz fuhren , wo sie ihr erstes junges Glück verbergen wollten . Sie war beim Aussteigen mit der Schleppe am Wagen hängen geblieben und ihrem jungen Gatten buchstäblich zu Füßen gefallen , beide hatten sie gelacht , und weil ihr der Fuß schmerzte , hatte er sie in seinen Armen die Treppe hinaufgetragen , durch die menschenleeren Korridore , auf denen nur dämmernd die Lampen brannten , bis in ihre Zimmer , und dort hatten sie am offenen Fenster gesessen und die Nachtigallen im Parke gehört und die Lichter des Schlosses auf dem Weiher sich spiegeln sehen . Die feuchte warme Luft war voller Veilchenduft gewesen . Die dunklen Augen der Erzählerin schimmerten in der Erinnerung jenes Glückes , und als jetzt eben die schlanke Gestalt des Herzogs im tadellosen eleganten Sommeranzug um das nächste Gebüsch bog , da flog ein wunderbar verklärender Glanz über ihr krankes , schmales Gesicht . Er grüßte näher kommend , war aber offenbar nicht in rosiger Stimmung . » Störe ich die Damen ? « fragte er . » Ohne Zweifel werden Toiletteangelegenheiten erörtert ? Tolle Idee , ein Kostümfest ! « » Mein Himmel , ja ! « rief die Herzogin . » Klaudine , wo werden Sie nun in aller Eile noch eine Toilette her bekommen ? « » Ich habe ein ganzes Spind voll alter prächtiger Sachen von Großmama « , erwiderte sie , » es wird sich wohl etwas darunter finden , denke ich . « » Die Fracks der Herren werden sich recht malerisch neben diesen Zigeunerinnen und Rokokodamen ausnehmen « , spottete der Herzog . » Natürlich , eine Laune von Helene , das ist klar . « » Warum kommst du nicht , Adalbert ? Tue es doch . Weshalb willst du Gerold diese Gunst versagen ? Du hast ihn früher in jeder Weise verwöhnt « , bat die Herzogin . Er zuckte die Achseln . » Es wird sich nicht einrichten lassen « , sagte er kurz und begann von etwas anderem zu reden . » Nun , Klaudine , so werden wir uns miteinander trösten , ich als Spanierin und Sie ? « » In einer der unkleidsamen Trachten des Empire , Hoheit , kurze Taillen , enge Röcke und – « » Verzeihung ! Unkleidsam ist die Tracht nicht « , fiel der Herzog ein , » im Gegenteil . Aber es gehört ein tadelloser Wuchs und eine gewisse Grazie dazu . Denken Sie an das entzückende Bild der Königin Luise und an das Bild meiner eigenen Großmama , der Herzogin Sidonie , in der Galerie unseres Schlosses . Sie war reizend , diese Mode . « Klaudine schwieg . Die Herzogin sprach noch einiges , dann empfahl er sich , und Klaudine las weiter . Es war gegen neun Uhr und der letzte Tagesschein lag noch über den Bergen , als sie nach Neuhaus fuhr . Herr von Palmer stand an seinem Fenster hinter dem Vorhang und hörte das Gefährt vom Schloßhofe rollen . Er drehte seinen langen , sorgsam gefärbten Schnurrbart mit den wachsbleichen Fingern . Er wußte ja , der Pfeil lag auf der Sehne , der Bogen war gespannt , es bedurfte nur eines Anstoßes , dann war ein armes Menschenherz zu Tode getroffen – » unmöglich gemacht « nannte es Herr von Palmer . Es war nötig , es war sogar die höchste Zeit , die Freundschaft nahm überhand ; die Herzogin behandelte ihn jetzt erbärmlich , noch schlechter als früher , er wußte , woher dieser Wind wehte . Wenn der Pfeil auch sie streifte – es geschah ihr recht . » Lächerlich , daß die Berg sagt , die kleine Prinzeß fürchte für Ihre Hoheit . Diese Naturen sind zähe . Wundervoller Gedanke , die kleine eifersuchtstolle Durchlaucht auszuwählen , diejenige zu sein , die das Geschoß abdrücken sollte . » Großartig , großartig ! « sagte er und ging im Zimmer auf und ab . » Das konnte auch nur ein Weiberkopf aussinnen . Es gibt einen Knalleffekt , einen riesigen , schöne Klaudine ! Die Säle des Residenzschlosses sehen dich nicht wieder . Lothar denkt sowieso nicht an sie , dieser Hochmutsnarr mit seinen fürstlichen Freiereien . Wie die Berg darauf kommt , ist mir rätselhaft . Der Herzog aber mag an sie denken , so viel er will , hat Ihre Hoheit erst Verdacht , dann hilft es Euer Liebden nichts , geschieden muß sein ! Wer nachher vor Euren herzoglichen Augen Gnade finden soll , das wird von mir abhängen . Die Berg ist noch schön genug und – alte Liebe rostet nicht . Sie liebt ihn auch noch immer und würde doch dabei mit dem größten Verständnis auf meine Pläne eingehen . « Eine endlose Reihe glänzender Geschäfte entwickelte sich vor den Augen des Mannes , zunächst aber winkte der verlockende Titel » Hofmarschall « . Die alte kopfwackelnde Exzellenz von Elbenstein , die zugleich das Amt des Oberstallmeisters vertrat , und deren Geschäfte er , Palmer , bereits seit Monaten versah , konnte unmöglich noch lange leben . Seine Hoheit hatte auch bereits ein verheißungsvolles Wort gesprochen . Er nahm seinen Hut und ging zur Tafel , wo eben der Rittmeister eine Pfirsichbowle braute , die ersten köstlichen Früchte aus den herzoglichen Treibhäusern waren angelangt . Klaudine ließ den Wagen am Eingang der Neuhäuser Lindenallee halten , sie wollte unbemerkt ins Haus , in Beates Stube treten . Die Halle vermeidend , gelangte sie ungesehen durch die Hintertür , huschte leise durch den Flur und pochte kaum hörbar an die Wohnstube . Ein Schritt kam durch das Zimmer und die Tür wurde geöffnet . » Ich bin es , Beat « , flüsterte sie , » störe ich dich nicht ? Nur einen Augenblick . « » Also wirklich , du ! « rief die Cousine und zog das Mädchen in das noch finstere Gemach und zu einem Sessel . » Laß nur , laß « , wehrte Klaudine , » ich wollte dir nur sagen , daß ich übermorgen dennoch komme , wenn du erlaubst . « Beate lachte herzlich und küßte sie . » Nun « , rief sie in die Dunkelheit hinein , » wer hat denn recht , Lothar ? Mein Gang ist gar nicht einmal nötig . « Klaudine erschrak . Am Fenster hatte sich eine Gestalt erhoben . Um ihre Stirn flatterte es heiß . » Die Herzogin befahl « , sagte sie stotternd . » Es ist außerordentlich liebenswürdig von Ihrer Hoheit « , sprach er , und seine Stimme klang sonderbar heiser . » Soeben erwies auch Seine Hoheit mir die Ehre , die bereits erfolgte Absage zurückzuziehen . « Klaudine griff in das Polster des Sessels , sie zitterte plötzlich , aber sagte kein Wort . Welch peinlicher Zufall ! » So setze dich doch « , drängte Beate , » man sieht und hört ja jetzt nichts mehr voneinander . Ich habe begreiflicherweise wenig Zeit , aber da du einmal hier bist , hilf mir die Tischplätze ordnen . Ich kenne ja alle diese Menschen nicht , die da eingeladen sind und zugesagt haben . « » Verzeih , Beate , ich habe etwas Kopfweh und der Wagen wartet draußen « , sagte Klaudine ablehnend und wandte sich zum Gehen . » Laß doch losen « , setzte sie dann hinzu , als empfinde sie die Unart , Beate diese kleine Gefälligkeit zu versagen . » Natürlich ! « pflichtete Lothar bei . » Mitunter bringt der Zufall das große Los und erhört fromme Wünsche . Darf ich mir gestatten , Sie zu Ihrem Wagen zu geleiten ? « Beate schmollte wirklich ein wenig , sie blieb zurück . Lothar schritt neben dem erregten Mädchen durch die erleuchtete Halle in den Garten hinaus . Sie sprachen nicht miteinander . Im Schlosse war die ganze Fensterreihe des ersten Stockes erleuchtet , Prinzeß Helene liebte viel Licht . Sie hatte sich früh von der Tafel zurückgezogen , um Kostüme anzuprobieren . Der Schein , der von dort herniederfiel , verbreitete sich noch bis unter das Dunkel der Bäume . Die Lindenblüte duftete betäubend , es war ein warmer feuchter Sommerabend , der Mond verbarg sich hinter dunkeln Wolken . Sie kamen raschen Schrittes nebeneinander daher , vor ihnen huschte ein Schatten hinter einen der riesenhaften Bäume , ein zweiter folgte nach . Er hatte es wohl nicht bemerkt , Klaudine aber war unwillkürlich stehen geblieben . » Sehen Sie nichts ? « fragte sie ängstlich . » Nein ! « erwiderte er . » So war es wohl eine Sinnestäuschung ? « entschuldigte sie sich . Und nun ging sie rascher vorwärts bis zu dem Wagen , neigte den kleinen Kopf mit einem kühlen » Gute Nacht ! « und schlüpfte hinein . Das Rollen verklang in dem schweigenden Garten . Der Mann dort , der dem Wagen nachgeschaut hatte , schritt nun langsam auf dem Fußwege außerhalb der Parkmauer dahin , dem Walde zu , als wollte er sich auf einsamen Pfaden Ruhe erwandern . » Alice « , flüsterte leidenschaftlich Prinzeß Helene und kam hinter dem Baumstamm hervor , » Alice , er ist mit ihr gefahren ! « » Durchlaucht , nur eine Ritterpficht . « » O , ich kann das aber nicht ertragen , Alice . Was tut sie hier ? Was wollte sie ? Alice , so sagen Sie doch ein Wort ! « Das erregte Flüstern der Prinzeß war in heftiges Sprechen übergegangen . » Aber , mein Gott , Durchlaucht « , begann die schöne Frau , als könne sie vor schmerzlichem Staunen nicht Worte finden , » was soll ich sagen ? Ich bin selbst überrascht und fassungslos ! « Die Prinzeß eilte vorwärts bis zum Parktore . Dort stand eine alte Sandsteinbank und sie kniete hinter derselben im Dunkeln zur Erde und wartete , wartete mit fiebernden Pulsen auf seine Wiederkehr . Frau von Bergs Stimme erschallte vergeblich durch den dunkeln schwülen Garten . Sie ging endlich hinauf und lächelte in ihren großen Stellspiegel , indem sie um ihr volles Haar das kokette Tuch schlang , das sie übermorgen tragen wollte als Italienerin . Die Prinzessin kam erst nach Stunden zurück , mit bleichem Gesicht und verweinten Augen . Sie schlief nicht einen Augenblick in dieser Nacht . 19. Das Fest in Neuhaus war auf seinem Höhepunkt angelangt . Der warme Sommerabend , ohne jede Zugluft , machte es selbst der leidenden Herzogin möglich , im Freien zu bleiben . Die Purpurvorhänge des Zeltes , das unter den Linden unfern des Tanzplatzes stand , waren weit zurückgenommen . Sie lehnte dort im bequemen Sessel , umgeben von einem dichten Kreis von Damen und Herren . Das wunderbare Licht , welches Dämmerung , Mondschein und Hunderte von farbigen Laternen schufen , ließ ihr schmales Gesicht unter der schwarzen , mit Brillantnadeln befestigten Spitzenmantille noch blässer erscheinen als sonst , und die Augen größer noch und glutvoller . Sie trug ein granatrotes kurzes Kleid mit dem Spitzensaum und das schwarze goldgestickte Jäckchen der Andalusierin . Auf den schmalen schwarzen Atlasschuhen blitzten Brillantschnallen . Prinzeß Thekla in grauem Atlaskleid saß neben ihr . Vor ihnen breitete sich das reizvollste Bild aus unter den Zweigen der hundertjährigen Linden , deren Blätter smaragden schimmerten in dem Lichte zahlloser Flammen . Eine Fülle von Jugend und Schönheit wogte dort , die Gruppen dieser phantastischen , wie aus dem Feenreiche entstammenden Gestalten waren umschmeichelt von dem betäubenden Duft der Lindenblüte , umrauscht von den prickelnden Klängen eines Straußschen Walzers . » Ein Fest , wie zu Goethes Zeit in Tiefurt « , sagte die Herzogin . » Besonders , wenn man die schöne Gerold sieht . Bitte , Hoheit , betrachten Sie diese Gestalt – wahrhaft klassisch ! « Der Sprechende , dessen schmales Gesicht eitel Entzücken verriet , stand hinter dem Stuhl Ihrer Hoheit und seine Blicke deuteten auf Klaudine . » O ja , mein lieber Graf « , erwiderte die Herzogin und betrachtete ihren Liebling mit leuchtenden Augen , » sie ist , wie immer , der Stern des Abends . « » Hoheit sind allzu bescheiden « , sagte Prinzeß Thekla und ihre kalten Augen blickten vernichtend nach der bezeichneten Richtung . Klaudine stand außerhalb des girlandenumschlungenen Tanzplatzes auf dem Rasen . Der alte Herr hatte nicht zuviel behauptet , nie war wohl ihre eigenartige Schönheit mehr zur Geltung gekommen , als an diesem Abend in der Tracht der Urgroßmutter . Sie trug das prachtvolle Blondhaar zu einem antiken Knoten am Hinterkopf zusammengebunden , ein schmales Diadem , in dessen Mitte ein Brillantstern funkelte , krönte den schönen Kopf . Die kurze Taille zeigte wundervoll geformte Arme und Schultern , nur leicht von einem seidenglänzenden Flor umhüllt . Ein kurzes enges Unterkleid aus weißem , durchsichtigem Seidengewebe , am Saum mit breiter Silberstickerei verziert , ließ kleine rosa Schuhe mit kreuzweise gebundenen Bändern sehen . Und dieses duftige Kleid ward vervollständigt durch eine mattrosa Schleppe aus schwerer Seide , ein Strauß frischer Zentifolien schmückte die Brust . – Aus den Falten dieses Gewandes wehte noch heute ein feiner Lavendelduft , das Parfüm jener geistesvornehmen , lebensvollen , sprühenden Vergangenheit . Es mochte wohl Seine Hoheit förmlich berauschen , denn der Herzog stand bereits seit einer Viertelstunde vor dem schönen Mädchen , das , die schweren Falten der Schleppe in der Hand , wie fluchtbereit mit unruhigen Augen an ihm vorüberspähte , als suche sie nach einer Gelegenheit zu entschlüpfen . Man hatte einen förmlichen Respektkreis um sie und den Herzog gebildet , als wollte man Seiner Hoheit Gelegenheit geben , unbelauscht mit der schönen Gerold zu plaudern , und dennoch , während man dort , scheinbar mit sich selbst beschäftigt , fragte , plauderte , neckte , waren aller Augen verstohlen auf jenes reizende Mädchen gerichtet , welches von herzoglicher Huld und Gnade so auffallend ausgezeichnet ward . Prinzeß Helene , die als Griechin gekleidet mit dem Adjutanten Seiner Hoheit in einen Reigen eingetreten war , sah es mit heimlicher Freude . Sie wandte ihr dunkles Köpfchen energisch herum , sie mußte doch sehen , wie der Baron dieses Beisammensein vor aller Augen beurteilte . Eben stand er noch an jenen Baumstamm gelehnt , ein Glas eisgekühlten Sekt in der Hand , mit dem er einige Kelche berührt hatte , die ihm zwei oder drei Herren entgegenhoben . Jetzt war er verschwunden . Blitzschnell drehte sich das Köpfchen nach jener Seite , wo Klaudine stand , und ihre Lippen preßten sich aufeinander – denn jetzt schritt Baron Lothar auf das Paar zu . » Verzeihung , Hoheit ! Ihre Hoheit die Frau Herzogin wünschen Fräulein von Gerold zu sprechen . Darf ich bitten , Cousine ? « Klaudine verbeugte sich tief und legte ihre Fingerspitzen auf Lothars Arm , der sie langsam dem Zelte der Herzogin zuführte . » Treten Sie einen Augenblick zu Ihrer Hoheit « , sagte er ruhig , » es möchte sonst auffallen . Nachher – « Sie blieb stehen und sah ihm in das unbewegte Gesicht . » Ich denke , Ihre Hoheit will mich sprechen ? « » Nein « , erwiderte er gelassen , » ich sah nur , daß Sie wie auf Nadeln standen , und erblickte hundert lauernde Augen auf Sie gerichtet . Überhaupt « , fuhr er fort , » da ich Sie doch einmal hier sehen muß heute abend , würde ich Sie am liebsten in der Nähe Ihrer Freundin bewundern . Ich denke , Sie in Ihrer blonden Schönheit neben der Andalusierin würden das reizvollste Bild des Abends sein – gönnen Sie es uns ! « Sie zog die Hand von seinem Arm zurück . Die Erleichterung , mit der sie seiner Aufforderung gefolgt war , wich einer heißen Empörung , aber sie vermochte nicht mehr zu erwidern , schon stand sie vor der Herzogin . » Kiaudine « , sagte diese und reichte ihr die Fingerspitze , » warum tanzen Sie nicht ? Ich möchte Sie in diesem Reigen sehen , ich glaube , in jener Gruppe fehlt noch das vierte Paar . Herr von Gerold , bitte ! « Sie konnte sich nicht weigern , mechanisch nahm sie seinen Arm . Lothar blieb schweigend , es war ein merkwürdig stummes Paar , gleichwohl das schönste von allen . Kaum war die Schlußverbeugung des Tanzes geschehen , so fragte sie : » Wo ist Beate ? « » Sie wird im Schlosse sein « , erwiderte er . Sie dankte und schlug eilig den Weg dorthin ein . In der großen Halle hatte man für einige wenige Auserkorene die Tafel gedeckt . Die mächtigen Flügeltüren waren zurückgeschlagen und ließen den Blick in den erleuchteten Garten frei . Beate stand an der Tafel und wiederholte ihre Anordnungen einem halben Dutzend Dienern zum soundsovieltenmal . Sie schlug fröhlich in die Hände , als sie Klaudine erblickte . » Wahrhaftig , Herzenskind « , rief sie , » du bist unheimlich reizend heute in deinem vorweltlichen Kleide da . Und wie gut sich der Urgroßmutterstaat erhalten hat , nicht einmal das Silber ist schwarz geworden ! « Sie klopfte der Cousine die Wange , und auf die Tafel zeigend , die blitzte und funkelte , fragte sie : » Ist ' s recht so , Klaudinchen ? Von dort oben , wo Ihre Hoheit sitzt , kann man das Feuerwerk am besten sehen . Du kommst hier etwas weiter unten her , diese zwölf Gedecke sind für die Prinzessinnen und ihre Herren . Die anderen müssen sich an allen den kleinen Tischen im Garten oder im Saale verteilen , wie das Geschick sie zusammenführt . Dort stehen die Körbchen mit den Losen , ich habe deinen Rat befolgt . « » Ich bitte dich , Beate , laß mich von der herzoglichen Tafel weg « , rief Klaudine flehend , » ich sitze irgendwo anders lieber . « » Damit mir deine Hoheit den ganzen Abend ein böses Gesicht zieht ! Nein , mein Schatz , daraus wird nichts , beiße nur in den sauren Apfel . Wer dein Nachbar wird , weiß ich allerdings nicht . Aber verzeih , ich muß noch einmal zu der Mamsell . « » Beate ! « rief Klaudine , aber diese war schon hinter dem Teppich verschwunden , der den Flur heute von der Halle abschloß . Zögernd schritt sie dem Ausgang zu . Am liebsten wäre sie noch in dieser Minute auf den dünnen Sohlen die steinigen Waldwege entlang gewandert nach ihrem friedvollen , weltabgeschiedenen Heim . Drüben klangen jetzt die Töne eines Walzers , ihr war so bitter zumute . Sie wußte sich frei von Schuld , und dennoch wich ein beklemmendes Gefühl nicht von ihr . Sie wußte , daß der Herzog deshalb noch zugesagt hatte , weil die Durchreise des Großherzogs von Z. , den zu begrüßen er nach der nächsten Bahnstation hatte fahren wollen , abgemeldet worden war . Und dennoch , auf all diesen Gesichtern hatte sie einen so sonderbaren Ausdruck gelesen , man war so beflissen gewesen zurückzutreten , als Seine Hoheit sich näherte , und er hatte sie aus der Nähe des Herzogs entfernt mit einer Bemerkung , so unartig , so unritterlich wie möglich ! Sie preßte die Lippen aufeinander . Plötzlich hob sie den Kopf . Ein eigentümlicher Laut , der grell über der gedämpften Musik schwebte , ließ sie aufhorchen , sie wußte nicht , kam er aus der Halle oder von draußen . Es klang wie der ängstliche Schrei eines Tieres . Aber jetzt – nein , das war eine Kinderstimme – angstvoll , gellend scholl sie herunter von dort oben . Im nächsten Augenblick flog Klaudine die Stufen empor , eilte durch den breiten oberen Flur und trat in die weitgeöffnete Tür , aus der die Klagetöne erschollen . Der rosa Schein der leise schwankenden Ampel erhellte nur matt das Gemach . Zunächst sah Klaudine nichts als den großen weichen Spielteppich der Kleinen mit durcheinander geworfenen Puppen und anderem Spielzeug , und das leere Bettchen , dessen Vorhänge weit zurückgeschlagen waren . Das Weinen war verstummt , nichts rührte sich . Klaudines Blicke forschten umher , dann trat sie einen Schritt näher und ihre Augen wurden starr vor Entsetzen . Dort im weit geöffneten Fenster , nicht mehr auf der inneren Fensterbank , nein , auf der Steinbrüstung außen kauerte das Kind ! Sein langes Nachtkleid hatte sich hindernd um die Beinchen gewickelt , es saß da ganz frei , den Rük- ken nach der Tiefe gewendet , und starrte mit tränenerfüllten Augen die unerwartete Erscheinung der fremden Dame an . Die geringste Bewegung – und das Kind mußte hinunterstürzen . Atemlos stand das junge Mädchen einen Augenblick , blitzschnell kreuzten sich die Gedanken hinter ihrer Stirn . Würde das Kind erschrecken , wenn