lassen soll ! ... Glauben Sie , ich könnte auch nur einen Bissen Brot von dem Tische eines Mannes essen , der in seinem Innern fortwährend mit dem Verdacht kämpfte , nicht die Liebe , sondern das Verlangen nach einer begehrenswerten äußeren Lebensstellung habe mich in seine Arme getrieben ? – Nein , dagegen ist das selbstverdiente Brot der Erzieherin ein süßes , ein hoch ehrenhaftes ! Und ich werde es essen , solange mir Leben und Schaffenskraft verbleiben ! « » Agnes ! « ... Er hatte ihre beiden Hände ergriffen ; er hielt sie , trotz alles Sträubens , fest und zog sie an sich . » Wollen Sie wirklich den übermütigen Burschen so grausam züchtigen , der , von einem Wahn , einem oberflächlichen Vorurteil ausgehend , selbst nicht gewußt hat , was er verübt ? « ... Ein schelmisches Lächeln zuckte um seinen Mund . – » Soll ich hier , in diesem verregneten Garten , Ihnen zu Füßen sinken und um Verzeihung bitten ? Soll ich das bißchen Geld , um deswillen Sie den bösen , eingebildeten Menschen nicht wollen , in die Spree werfen ? – Ich will alles tun ! Ich will das verlästerte Erzieherinnentum zeitlebens auf den Schild heben und Lanzen für seine Ehre und Achtung brechen , wo ich kann ! Ich will zu dem Heim für alternde Erzieherinnen bis an mein Ende beisteuern , soviel in meiner Macht steht – alles zur Verbüßung meiner Schuld ! – Agnes ! « – seine Stimme nahm wieder einen ernsten , innigen Klang an – » Sie wissen wohl gar nicht , daß Sie geben , und nicht ich ? Sie sprachen vorhin von der begehrenswerten äußeren Lebensstellung – wer sagt denn , daß ich Ihnen eine solche zu bieten habe ? – Mir rollt weder adliges Blut in den Adern , noch habe ich irgend einen öffentlichen oder gar geheimen Kommerzienratstitel mit meiner Person herumzuschleppen . Mein guter , braver Vater ist mit dem Ränzel auf dem Rücken als Handwerksbursch die Welt wohl auf , wohl ab gewandert – ich bin ein Arbeitersohn und habe als junges Blut von der Pike auf dienen , das heißt an Amboß und Schraubstock stehen müssen , so gut wie alle mir jetzt untergebenen Arbeiter auch . Und heute noch , wenn es gilt , Neues zu erproben , könnte es geschehen , daß ich mit berußtem Gesicht in das Zimmer meiner Frau träte – sehen Sie , ich bin besser , weit besser als Sie – mir nimmt niemand die Überzeugung , daß sie , die feingebildete Erzieherin , in einem solchen Falle nicht zurückschrecken , sondern weit eher die Spuren des Handwerks ehren würde – habe ich recht , Agnes ? « Sie hatte den Kopf tief auf die Brust gesenkt – kein antwortender Laut kam ihr über die Lippen , aber helle Tropfen fielen von ihren Wimpern . » Ich sollte eigentlich gar kein Wort mehr verlieren , sondern einfach nehmen , was mein ist , « fuhr er fort . » Fragt etwa der Vogelsteller seinen kleinen Gefangenen um die Erlaubnis , ihn behalten zu dürfen ? Und mein waren Sie in dem Augenblick , wo Sie vorhin freiwillig mein Gebiet betraten ! ... Ich sage Ihnen in Ihr liebes , geliebtes Gesicht hinein , nicht die Samariterpflicht , nicht die Gewissenhaftigkeit , die ein gegebenes Wort streng erfüllt , hat Sie Ihren Mädchenstolz , Ihr gekränktes Ehrgefühl überwinden lassen – es war derselbe unwiderstehliche Zug , der mich rettungslos gepackt und förmlich an Ihre Fersen gekettet hat – wir gehören eben zusammen bis in alle Ewigkeit ! – Nun , Agnes , böse Unversöhnliche , wollen Sie noch weiter kämpfen ? « » Wie kann ich denn , wenn Sie mir eine Waffe um die andere aus der Hand winden ? « murmelte sie und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust . Sie standen nicht weit von der Lindenlaube , und es war so feierlich still im ganzen Garten und unter der grünen Wölbung dort , daß man die immer noch vereinzelt niedersinkenden Wassertropfen auf der Steinplatte des Tisches klingen hörte – und in diese Stille hinein fiel auch nicht ein einziges Wort mehr zwischen den beiden Menschen , die sich innig umschlungen hielten . Später gingen sie Hand in Hand den Weg entlang , der durch das Himbeergebüsch in den Hof führte . Sie kamen auch an dem Kräuterbeet vorüber , wo das junge Mädchen beim ersten Besuch des Gutsherrn auf dem Vorwerk erschrocken , oder vielmehr » neidisch « , wie er behauptete , die langen Ärmel über die entblößten Arme gezogen hatte . » War es nicht doch ein wenig Franzscher Stolz , der dir in deinem Arbeitskleid die Begegnung mit Fremden peinvoll machte und dich bewog , die Maske als Magd festzuhalten ? « fragte er . » Nein , gewiß nicht ! Im Anfang belustigte mich der Irrtum , und ich tat deshalb nichts , ihn aufzuklären ; später aber hielt ich ihn geflissentlich fest im Gefühl tiefen Gekränktseins , in bitterem Trotz und Groll – du solltest die verachtete Erzieherin nie kennen lernen ... Ich hatte übrigens auch Befehl , das Visier nicht zu öffnen . Der Onkel war außer sich bei dem Gedanken , der neue Gutsherr könne in der Arbeiterin auf dem Felde die Nichte des Amtmanns wittern ; er nahm mir das Wort ab , auf meiner Hut sein zu wollen , bis – der › Gutsherr ‹ abgereist sein würde . – Er ist darin nun einmal schwach , der alte Mann – « » Häßlich undankbar , willst du sagen ! « zürnte er . » Und die Lehre dafür kann ich ihm nicht ersparen , « setzte er , in sich hinein murmelnd , hinzu . Dabei schritt er über den Hof , während Agnes , von seiner Seite weg , unter den Fenstern des Wohnhauses hinhuschte , um droben im Dachstübchen die Kleider zu wechseln . Der Amtmann stand in der Wohnstube und öffnete in demselben Augenblick ein Fenster , um seine Pfeife auszuklopfen . Er bemerkte das junge Mädchen nicht , wohl aber den schräg herüberkommenden Gutsherrn . » Herr , da sind Sie ja , und heil und ganz , wie ich sehe ! « rief er hinaus . » Aber nun schnell herein ! Meine Frau hat sich schwer um Ihr Leben gesorgt ! « » Na , Sannchen , bist du nun zufrieden ? – Da siehst du ihn nun selbst , unseren jungen Nachbarn , frisch und gesund , und noch dazu so blitzblank , wie aus dem Ei geschält ! « lachte er , als Herr Markus in die Stube trat . » Dachte mir ' s doch , haben richtig noch › Numero Sicher ‹ erreicht und können sich beglückwünschen ! ... Herr , das war ein Donnerwetter ! ... Und unser Mädel kam nicht heim ! Konnten wir denn wissen , daß sie derweil im Forstwärterhause gesteckt hatte ? Trotzdem kam sie nachher ohne Hut mit triefenden Haaren und zitterte und bebte an allen Gliedern wie Espenlaub . Das ist sonst gar nicht ihre Art , müssen Sie wissen ! Sie hat von ihrem Vater her Soldatenblut in den Adern , und an Mut fehlt ' s nicht ; aber freilich so ein Gewitter im Walde ist kein Spaß – « » Ich weiß es aus eigener Anschauung – ich war auch im Walde , « sagte Herr Markus , der an das Bett getreten war , um die alte Frau zu begrüßen . » Was der Tausend – wirklich ? Ja , Herr , hat Sie denn der Satan geritten , daß Sie dem Ungewitter so schnurstracks in den Rachen gelaufen sind ? « » Ich habe Ihnen bei meinem Hiersein gesagt , daß ich eine Spur verfolge , « antwortete der Gutsherr gelassen , » und da galt es , darauf los zu gehen und nicht unter sicherem Dache zu warten , bis mir der Regen die Fußtapfen verwaschen hatte . – Sie wissen , daß ich gegangen bin , Ihre entlassene Magd zu suchen . « Die Hand der alten Frau , die er noch in der seinen hielt , zuckte heftig zusammen . » O , seien Sie ruhig , « sagte er und sah der Kranken liebevoll , mit leuchtenden Augen in das erschrockene Gesicht . » Sie haben keinen Grund , sich zu ängstigen . Es war freilich ein mühevoller Weg für mich , und einen harten Strauß mußte ich auch erst noch ausfechten – aber ich habe das Mädchen gefunden ! « » Gefunden ? « wiederholte der Amtmann stotternd mit gläsernem Blick und ließ die Rechte mit dem Pfeifenkopf wie gelähmt sinken . » Herr , wollen Sie uns zum besten haben ? « » Liebster , was für ein Wort ! « klagte die Kranke mit bebender Stimme . » Lassen Sie doch ! « beruhigte Herr Markus ernst und lächelnd . » Die › Komödie der Irrungen ‹ , in der ich eine Hauptrolle spielen mußte , ist zu Ende , und ich wäre wohl der Letzte , der sie weiter auszuspinnen wünschte . ... Es ist , wie ich sagte , ich habe das Mädchen gefunden ... Sie kennen sie und haben sie lieb , und wissen doch vielleicht nicht , wie hervorstechend die Schönheit und der Adel ihrer Erscheinung ist , sonst würden Sie nicht der Meinung gewesen sein , die Magd im Arbeitskittel bleibe unbeachtet ... Ich habe dem seltsamen Wesen nachgespürt , und da ich Tatkraft und Energie im Frauencharakter den vornehmen Gewohnheiten und Ansichten einer Weltdame bei weitem vorziehe , da ich ferner selbst ein Freund ehrlicher Arbeit bin , so hinderte mich nichts , mein Herz zu verlieren . « Er wandte sich vom Bett der Kranken weg an den Amtmann , der sich an das eine Fenster zurückgezogen hatte und angelegentlich in den Hof hinaussah . » Ich war in der Tat längst einig mit mir selbst , Ihre Magd zu meiner Frau zu machen , Herr Amtmann ! ... Da wurde mir gesagt , sie sei plötzlich entlassen worden , und Sie selbst bestätigten ausdrücklich diese Tatsache ... Nun werden Sie sich nicht mehr wundern , daß ich › dem Ungewitter schnurstracks in den Rachen gelaufen bin ‹ , denn es galt , mein Lebensglück einzuholen . Und , wie gesagt , ich erhaschte es noch , freilich nicht als das , was ich geglaubt hatte – die Szene spielte sich ab , wie im Märchen , wo sich im entscheidenden Augenblick der Held oder die Heldin verwandeln – es stellte sich nämlich heraus , daß auf dem Vorwerk die letzte Instanz ist , an die ich mich zu wenden habe , und deshalb bitte ich Sie hiermit pflichtschuldigst um die Hand meiner Agnes ! « » Das Teufelsmädel ! So ein kleiner Sackermenter spielt einen völligen Roman hinter dem Rücken ihrer Alten , ohne daß man eine Ahnung hat ! « rief der Amtmann , seine grenzenlose Verlegenheit mühsam bekämpfend . » Aber Sie sollen sie haben , Herr Markus – sollen sie haben ! Du bist doch auch damit einverstanden , Sannchen ? « » Nur einverstanden , Liebster , Bester ? « stammelte die alte Frau tiefbewegt . » Auf den Knien möchte ich dem lieben Gott danken für das Glück , das er unserem aufopfernden Kind beschert ! « Der Amtmann räusperte sich , öffnete die Stubentür und rief mit schallender Stimme nach seiner Nichte , und gleich darauf flog sie die Treppe herab und kam herein , bräutlich lieblich im hellen Sommerkleide . Sie glitt am Bett der Kranken auf den Boden nieder und beugte das schöne Haupt unter den zitternden , welken Händen , die sich auf ihren Scheitel legten . » Welche Wandlung , mein Kind ! « flüsterte die alte Frau freudeweinend . » Ist ' s nicht wie die Werbung des edlen Boas um Ruth ? « » Frauchen , was redest du da für närrische Sachen ! « fuhr der Amtmann geärgert auf . » Nimm mir ' s nicht übel , aber der Vergleich zwischen der Braut da und der armen Ährenleserin in der Bibel paßt doch meiner Seele wie die Faust aufs Auge ! – Bah , nur nicht bange machen lassen , Herr Markus – so schlimm steht ' s nicht mit dem Gelde ! Lassen Sie nur erst meinen Kalifornier wieder da sein ! « Agnes sah verstört , mit hilfeheischendem Blick zu dem Gutsherrn empor , und die Frau sank wie gebrochen in die Kissen zurück , während der Amtmann hinausging , um , wie er sagte , dem glücklichen Ereignis zu Ehren eine Flasche Wein aus seinem Keller zum besten zu geben . » Ach , wie das schmerzt ! « seufzte die Kranke . » Mit Gold beladen müßte er heimkommen , mein armer Junge , wenn ihn der Vater willkommen heißen soll , – und ich , ich gäbe den letzten Rest meines armseligen Lebens hin , wenn ich ihn nur wiedersehen dürfte , möchte er zurückkehren , wie er wollte ! Aber er lebt nicht mehr – « » Er lebt ! Sie werden ihn wiedersehen und vielleicht recht bald ! – Ich gebe Ihnen mein Wort darauf ! « versicherte Herr Markus , indem er sich liebevoll über sie herabbeugte . » Es wird noch alles gut werden – werfen Sie nur getrost das , was Ihr Herz bedrückt , auf meine Schultern ! « » Gott segne Sie ! Gott segne Sie viel tausendmal ! « stammelte die überraschte Frau und faltete mit verklärtem Gesicht die gen Himmel gehobenen Hände . 20. » Na , dann ist ' s ja gut ! « würde Frau Griebel gesagt haben , wenn sie dabei gewesen wäre . Ob es ihr aber gefiele , wenn diese Erzählung mit dem Segenswunsch der » alten Frau Amtmann « schlösse ? – Schwerlich ! Denn erstlich würde es ihren Mutterstolz tief kränken , daß ihre Luise so ohne Sang und Klang vom Schauplatz verschwände ; es ginge ihr ferner wider Pflicht und Gewissen , wenn alle die lesenden Leute nicht erführen , wo und auf welche Weise das Konfirmationsgeschenk der seligen Frau Oberforstmeisterin , Luises Henkeldukaten , wieder ans Tageslicht gekommen ist , und schließlich hat ja die brave Dicke vor allen noch fleißig ihre Hände zu rühren , auf daß alles ins rechte Geschick und Geleise komme , und das darf nicht verschwiegen bleiben , das muß gesagt werden – von Rechts wegen ! Sie stand am Tage nach dem Gewitter mit ihrem Töchterlein in dem Hausflur und schnitt den verheißenen riesigen Rosinenkuchen in Stücke , und draußen auf den Türstufen und unter dem Birnbaum harrten die herbeigeströmten jungen Leckermäuler und guckten gespannt , aber auch mit scheuem Respekt durch die weit offene Tür ; herein konnten und durften sie nicht – die weißen Schürzen der » Frau Verwalterin und ihrer Fräulein Tochter « schimmerten und blendeten förmlich in Sauberkeit , und die gescheuerten Flurdielen taten desgleichen , und obendrein stand Hanne mit einem großen Kuchenteller neben dem Tische und hatte wahrhaft mörderische Blicke für jeden kleinen nackten Fuß , der die Schwelle mit einem Abdruck seiner Sohle bedrohte . Frau , Fräulein und Magd sahen plötzlich auf , als zwei eintretende hohe Gestalten den Eingang verdunkelten . Frau Griebel ließ das Messer sinken , und ihre schmalgeschlitzten , blauen Äuglein taten sich weit auf ... Ja , das war freilich Herr Markus , der Gegenstand ihrer mütterlichen Fürsorge , » ihr verhätscheltes Ziehkind « , wie er sich selber immer nannte , aber ganz anders sah er aus ! So hoch aufgereckt , so stolz , so strahlend ! ... Und neben ihm wehte ein weißes Kleid herein , und die schöne Schlanke , die es trug , und die an seinem Arme hing , » als müßte das so sein « , hatte ein hübsches , graues Schleierhütchen auf ihrem dunklen Haar – den Hut aber hatte die brave Dicke schon gesehen , das war in der Tillröder Kirche , in Amtmanns » Stand « gewesen ; folglich war die weiße Dame da die Nichte des Amtmanns , das Erziehungsfräulein , und der mußte stockblind sein , dem nicht sofort sonnenklar wurde , daß es mit dem Hochzeitskuchen seine Richtigkeit habe ... Und das kam so vom blauen Himmel herunter , das war so hinterrücks abgemacht worden ! Man mußte sich schämen , daß man so dumm nebenher gegangen war und » keine Augen im Kopfe « gehabt hatte ; aber ihre Verblüfftheit sollte er nun auch nicht merken , der Herr Duckmäuser ! ... Sie strich sich mit beiden Händen glättend über die knapp sitzende Schürze , ging einige Schritt vorwärts und machte einen feierlich bewillkommnenden Knicks , und auf den Kuchen deutend , sagte sie mit verständnisinnigem Blick : » Der ist ' s aber noch nicht , Herr Markus ! « Er lachte . » Nein , fürs erste feiern wir Verlobung , wie es Sitte und Brauch und fein anständig ist , gelt , Agnes ? « Er stellte seine Braut vor , und währenddem hatte die ergrimmte Hanne » alle Hände voll zu tun « , die schmutzigen Barfüßchen zurückzuhalten , die sich herzudrängten , um der schönen Braut im weißen Kleid in das Gesicht zu gucken . Sie war aber auch gar nicht stolz . Sie streifte sofort ihre Handschuhe von den Händen und half der kleinen Luise die Kuchenstücke unter die Kinder verteilen , und der Herr Bräutigam holte flink einen Schlüsselbund und kam gleich darauf mit einem Armvoll Weinflaschen aus dem Keller . Jedes der schmausenden Kinder erhielt ein Glas Rheinwein , und der Gutsherr schüttelte seine Börse voll kleiner Silbermünzen in die Hand der Braut , damit sie das Geld unter der jubelnden Schar verteile . Und während sie auf den Stufen stand , von den anstürmenden Kindern umdrängt , und halb lachend , halb verweisend die Ordnung aufrechthaltend , da schlürfte Frau Griebel bedachtsam den goldigen Trank aus ihrem Glase , und die klugen , blinzelnden Augen hingen an dem Mädchen – die flinken Hände dort guckten doch merkwürdig sonnverbrannt und dunkel aus den weißen Mullärmeln ! Am Halse , unter der Spitzenkrause blinkte ein gehenkeltes Goldstück , und das schöne Gesicht – na ja , sie hatte ja schon einmal gesagt , daß man solch ein Gesicht weit und breit suchen könne ! Aber jetzt sagte sie nichts , gar nichts ; sie stieß nur mit Herrn Markus an auf den » Schatz , den er hebe « , wie er ja gestern selbst gesagt hatte , und meinte , so wie sie die Sache beurteile , sei er wirklich ein Glückspilz und habe sich nicht verrechnet ... Und als sie später mit dem Brautpaar in das obere Stockwerk hinaufstieg , weil Agnes das Erkerzimmer zu sehen wünschte , da zeigte sie auf das Bild der seligen Frau Oberforstmeisterin und sagte geheimnisvoll : » Fräulein Braut , das war seine erste Liebe im Hirschwinkel – in den gemalten schönen Krauskopf da hatte sich unser junger Herr völlig verguckt , die Flachslocken hatten es ihm angetan – « » Die Flachslocken am wenigsten , Verehrteste ! « lachte der Gutsherr . » Nein , der Zauber dieser Erscheinung wirkte erst wahrhaft hinreißend auf mich , nachdem ich einen tiefen Blick in das innere Leben der seltenen Frau getan hatte ! « wandte er sich , sehr ernst werdend , an seine Braut . » So zart und lieblich , scheinbar ein schwaches Weib , und dabei eine Seele voll Kraft und Energie ! Diese wundervolle Charaktermischung trat mir hier zum erstenmal vor Augen und hat mich geschickt gemacht , dich zu verstehen , zu würdigen , Agnes ! « Das junge Mädchen , das er bei diesen Worten zärtlich an sich zog , war zu Lebzeiten der alten Freundin nie in den Hirschwinkel gekommen , eine derartige Unterbrechung ihrer Einsamkeit hatte die Gutsherrin nicht geliebt ; wohl aber war sie selbst öfter auf der Domäne Gelsungen gewesen , wo sie , Gelegenheit genug gehabt hatte , Amtmanns Nichte und Pflegekind kennen und schätzen zu lernen . Die alte Dame hatte auch dort botanisiert , und auf diesen Streifzügen durch Wald und Feld war Agnes ihre stete Begleiterin gewesen . Sie sah sich jetzt gerührt , mit feuchten Augen um in dem anheimelnden Zimmer , dessen Wände alle Stadien eines verwaisten Frauenherzens , vom ersten wilden Schmerzensausbruch an bis zur mild schweigenden Entsagung herab , mitangesehen . Bisher hatte sie zu dem Erker nur im Vorübergehen voll ehrfürchtiger Scheu emporgeblickt – nun durfte sie eintreten , und der traute Winkel sollte ihr Mädchenstübchen sein , bis der geliebte Mann kam , sie heimzuführen . » Ja , bei Lebzeiten der seligen Frau Oberforstmeisterin ist mir das Glashäuschen , der Erker da , immer vorgekommen wie ein Schmuckkästchen , voll blühender Reseda und Alpenveilchen , und um Weihnachten gab ' s Maiblumen und Tulpen auf den Fensterbrettern , wie im schönsten Treibhause ... « sagte Frau Griebel . » Ach ja , es war gar etwas Eigenes um unsere alte Dame – › die reine Poesie ‹ – sagt meine Luise immer bei dergleichen ! Aber deswegen war sie doch entschlossen und praktisch wie irgendeine – das Notwendige und Nützliche kam immer in erster Reihe , ja , ja , da wurde nicht gefackelt ! ... Na , und was ich sagen wollte , Herr Markus , viele Sprünge können Ihre Gäste hier oben nicht machen , der Platz ist gar zu knapp – « » Liebste Griebel , erschrecken Sie mich nicht ! Ich wollte eben noch einen neuen Bewohner anmelden – der Sohn des Amtmanns ist angekommen – « » I was ! Der aus dem Goldlande ? « » Ja , der . Und er ist krank gewesen und soll sich hier erholen . Und ich selbst bleibe natürlicherweise auch im Hirschwinkel , solange ich kann – Sie müssen Rat schaffen ! « » Ei , jawohl , daran soll ' s nicht fehlen ! Sie beherberge ich unten in meiner Wohnstube , und hier oben – na , da lassen Sie mich sorgen ! « – Im Forstwärterhause hingen schon nach einigen Tagen die blauen Rollvorhänge nicht mehr hinter den Scheiben , und die Tillröder Jugend , die jetzt mehr als je eine ungewöhnlich reiche Beerenernte in den Wald lockte , sah das Brautpaar alle Tage zu dem » Forstwärter « auf Besuch gehen . Der Kranke erholte sich zusehends . Anfänglich war er freilich sehr niedergeschlagen gewesen ; er hatte gehofft , dem Gutsherrn , der ihn in seiner so trostlosen Lage gesehen , nie wieder zu begegnen ; ja , noch in seinen letzten lichten Augenblicken , vor Ausbruch der Krankheit , hatte er Agnes und den Forstwärter beschworen , mit keinem Wort seine Anwesenheit zu verraten – er hatte für die Bewohner des Gutshauses durchaus nicht mehr vorhanden sein wollen ... Nun kam aber der prächtige , achtunggebietende Mann Tag für Tag an sein Bett und half ihn pflegen . Und der brüderliche herzliche Ton , den er anschlug , half schließlich dem Heimgekehrten über das Gefühl grenzenloser Demütigung hinweg . Wahrhaft neubelebend aber wirkte die Nachricht auf ihn , daß ihm das Vorwerk als Eigentum zufallen solle . Von diesem Tage an erhob sich seine gebeugte Gestalt in sichtlicher Wiederkehr geistiger Spannkraft und eines befestigten Willens . Das war der eine Teil der Mission , die Herr Markus von den Schultern seines geliebten Mädchens nunmehr auf die seinen genommen ; der andere , auf dem Vorwerk sich abspielende , machte ihm ungleich mehr zu schaffen – der Amtmann ließ sich seinen Glauben an die kalifornischen Reichtümer durchaus nicht nehmen . Er hatte für jeden ausgesprochenen Zweifel ein verächtliches Auflachen , und seine beißenden Erwiderungen ließen durchblicken , daß er Neid und Mißgunst bei den Zweiflern voraussetze . Als ihm aber der Gutsherr an dem Tage , wo der junge Franz an seinem Arm zum erstenmal ins Freie gegangen war , mitteilte , daß ein Brief seines Sohnes an dessen alten Spielkameraden , den Forstwärter , eingelaufen sei , da war der alte Herr sehr still und betreten – aus dem bisherigen langjährigen Schweigen des » Goldjungen « ließ sich nun kein Kapital mehr für den Prahler schlagen . Mit jedem Tag rückte die vermeintliche Heimkehr des Sohnes näher und wurde es den Eltern deutlicher gemacht , daß er nichts mit heimbringe , als ein Herz voll treuer Kindesliebe und den festen Willen , für die Seinen zu arbeiten , zu sorgen . Auch hier wurde die Mitteilung von dem Vermächtnis der alten Freundin zum heilenden Balsam . » Nun , meinetwegen denn , wenn es einmal nicht anders sein kann ! « sagte der Amtmann bittersüß ; die alte Frau aber weinte selige Tränen . Unterdessen vollzog sich auch nach außen hin eine große geräuschvolle Wandlung . So lebendig war es seit undenklichen Zeiten nicht im Hirschwinkel gewesen . Auf dem Vorwerk wimmelte es von Arbeitern , die hier ein beträchtliches Stück des Fichtenwäldchens niederlegten , dort die Stallgebäude einrissen , während Tag für Tag Steine zum Neubau angefahren wurden . Und im Gutshause rumorten Besen und Scheuerwische , Betten wurden gesommert , Teppiche und Möbel ausgeklopft , und Frau Griebel dankte dem Himmel , daß ihre Luise wegen Umbau im Institut verlängerte Ferien habe und ihr beistehen könne . In all diesen Trubel hinein kamen auch noch Sendungen aus Berlin – ein Fahrstuhl für die Frau Amtmann und bequeme Lehnstühle in das Wohnzimmer der beiden alten Leute , und später – Herr Markus mußte selbst lachen , als er es auspacken half – ein Klavier in das Erkerzimmer . Da sollte es für immer bleiben , damit die junge Frau bei ihrem künftigen Sommeraufenthalt in Thüringen die Musik nicht entbehre . » Ja , nun sehen Sie , so geht ' s , Herr Markus , so ändert sich der Mensch ! « sagte Frau Griebel mit hochgezogenen Brauen und lehrhafter Miene , als das schöne Instrument aufgestellt wurde . » Gleich zu Anfang gaben Sie mir recht deutlich zu verstehen , daß Sie das Klavierspielen nicht ausstehen könnten ; natürlich hat meine Kleine dieserhalb keine Taste anrühren dürfen , wenn Sie zu Hause waren – und ich hätte gar manchmal für mein Leben gern meine Leibstückchen gehört , ach ja ! – Nun lassen Sie für Ihr schweres Geld solch einen › verwünschten Klimperkasten ‹ geradeswegs aus Berlin kommen , schleppen ihn selbst mit herauf , schwitzen und keuchen und zerbrechen sich den Kopf , wie er wohl am besten steht , daß nur um Gottes willen beim Spielen kein solch kostbares Tönchen verloren geht ! Und das alles , weil Sie die zwei Hände liebhaben , die drauf spielen sollen ! ... Na ja , das wußte ich – › Zeit bringt Rosen ‹ und › Not bricht Eisen ‹ und die Lebendigen gehen vor , die haben das Recht auf Erden , und was tot ist , das hat sich zu bescheiden . Du lieber Gott , wenn alle Welt so denken wollte wie Sie – nämlich , wenn allemal die Stuben der Gestorbenen , mit allem was darin ist , bis in alle Ewigkeit verschlossen werden sollten – ja , nachher würde bald die ganze Welt eine große Trödelkammer sein und das Menschentum müßte den Lumpen Platz machen ... Ich bin ja auch kein Unmensch und hab ' gewiß Achtung vor dem Andenken der Leute , die gestorben sind , und deshalb hab ' ich dem seligen Herrn Oberforstmeister seinen Schlafrock tüchtig eingepfeffert – die Motten saßen nämlich fingerhoch darin – und mit all dem verschossenen abgetakelten Krimskrams in eine Kiste gepackt . Die steht nun festvernagelt in einer Bodenecke , und da kann sie bleiben bis an den Jüngsten Tag – ich stör ' sie ganz gewiß nicht . Und das hübsche Daunenbett , worin das Oberforstmeisterjüngelchen vor vielen , vielen Jahren einmal ein paar Wochen geschlafen hat , das liegt gründlich gelüftet und ausgeklopft in der Bettkammer , und es können nun auch einmal andere drin schlafen . – So – und nun sehen Sie , wie hübsch bequem und geräumig es hier oben geworden ist ! Jetzt könnten meinetwegen noch zehn Amtmannssöhne aus dem Goldlande kommen ! « Damit schloß sie die nach links liegende Zimmerreihe auf , und sie hatte recht , ein behaglicheres Wohnen ließ sich nicht denken . Trotz alledem ging dem Gutsherrn die gänzliche Umwandlung nahe – er hatte sie gebilligt , ohne es zu wissen . » Es war die höchste Zeit , daß ein vernünftiger Mensch wieder einmal in das Grabmal da hereinkam , « fuhr Frau Griebel fort , ohne auch nur den geringsten Vermerk von der Verstimmung ihres jungen Herrn zu nehmen . » Und wenn unserer alten Dame die Mottenwolken um die Ohren geflogen wären , da hätte sie tausendmal › Ja und Amen ‹ gesagt zu meinem gründlichen Ausfegen ... Übrigens frage ich , was hätte denn werden sollen , wenn Sie später einmal mit Familie zur Sommerfrische in den Hirschwinkel kommen ? Da sollten sich wohl die munteren kleinen Brandenburger vor dem vermoderten Sechswochenkindchen der Seligen in die Ecken drücken ? I , das war ' ja noch schöner ! « Dieser Beweisgrund der entschlossenen , leibhaftigen Praxis war offenbar der wirksamste Erfolg der ganzen ausführlichen Rede – Herr Markus räumte schweigend das Feld ... Das begab sich am Morgen des Tages , wo die Übersiedlung der » Amtmannsleute « vom Vorwerk nach dem Gutshause stattfinden sollte . Droben war alles fertig . Der Erker stand voll köstlicher Blumen , und über allen Türen hingen Kränze und Girlandenbogen ; drunten aber wurde erst recht gerückt und geschoben , gescheuert und abgestäubt – die Wohnstube , Herrn Markus ' einstweiliges