, die Sie doch so tief verachten , lieber Kollege . Warum überhaupt von Konkurrenz sprechen in der Wissenschaft ? Überlassen Sie dies engherzige Wort der Industrie , die auf einem wirklichen begrenz ­ ten Boden steht . In ein so abstraktes und unendliches Gebiet , wie die Wissenschaft , sollte der persönliche Neid und Hochmut nicht hinüber spielen . Machen wir uns Konkurrenz , wenn wir im Schweiße unseres Angesichtes für eine Sache arbeiten , die der ganzen Welt zu Gute kommt ? Wahrlich , wer einen anderen Lohn fordert als den , welchen die Erkenntnis in sich selbst birgt — der ist kein Priester der Wissenschaft ! Der echte Gelehrte ist nur für die Wissenschaft da , nicht sie für ihn ; er freut sich jeden Fortschrittes , sei er bewirkt , durch wen er wolle , denn die Ehre der Sache , der er dient , ist auch seine Ehre , und wir dürfen mit Recht sagen , wir arbeiten „ Einer für Alle und Alle für Einen . “ — Wenn sich daher ein paar Hände bieten , die unsere Mühe teilen wollen — so sollen wir sie nicht zurückweisen , weil es ein paar zarte weiche Frauenhände sind , sondern wir sollen sie freundlich auf ­ nehmen und ihnen ein bescheidenes Plätzchen anweisen , wo sie so viel fördern helfen , als in ihren Kräften steht ! “ „ Ach was “ — rief Moritz , „ solche Hände sollen etwas für uns tun , was wir nicht selbst können , z. B. Strümpfe stricken , das nützt uns mehr , als wenn sie uns bei etwas helfen wollen , was wir ohne ­ hin zu Stande bringen . “ „ Lieber junger Freund “ , sagte Heim lächelnd , „ der Bau der Wissenschaft ist groß , sehr groß — und ich denke , weder wir , noch unsere Nachkommen werden ihn vollenden , wie Viele ihrer auch seien ! “ „ Ich glaube , meine Herren “ , sagte der Philosoph Taun in seiner milden vergeistigten Redeweise , „ es gibt hier nur zwei Gesichtspunkte , über die wir uns zu einigen haben . Entweder wir machen unsere Ent ­ scheidung von dem Leistungsvermögen der Dame abhängig , dann haben wir vor allen Dingen die vor ­ liegende Schrift gewissenhaft zu prüfen ; oder wir stellen das Prinzip auf , ein für allemal keine Frau an unserer Universität zu promovieren — dann kommt die Fähigkeit oder Unfähigkeit derselben gar nicht in Betracht . Lassen Sie uns daher vorerst über diese beiden Punkte abstimmen . “ „ Das ist wahr , Taun hat Recht , “ rief Heim , „ ich stimme für Aufnahme genialer Frauen , wie diese . “ „ Ich nicht — weil ich überhaupt bestreite , daß es , geniale Frauen ‘ gibt ! “ erwiderte Herbert . „ Ich meinesteils bin nicht grundsätzlich da ­ gegen , “ sagte Taun , „ eine Dame bei uns hören zu lassen — und wäre ich es sogar gewesen , so würde mich die Originalität der Hartwich ’ schen Schrift um ­ gestimmt haben . Ich weiß nicht , welchen Wert der physiologische Teil derselben hat , darüber muß unser verehrter Kollege Möllner entscheiden , aber den natur ­ philosophischen Gedanken , der ihr zu Grunde liegt , finde ich anregend — und das ist mehr , als man von einem Laien fordern kann . “ „ Ich bin prinzipiell gegen jede Frauenemanzipation “ , rief Moritz , „ weil ich unsere soziale Ord ­ nung , so wie sie ist , als die allein vernünftige er ­ kenne und sie nicht verrücken lassen will . “ „ Ich stimme für die Hartwich , “ sagte der junge Hilsborn , „ unsere soziale Ordnung wird durch einen solchen Ausnahmefall nicht verrückt , die Hartwich wird nicht gleich Scharen von Nachahmerinnen finden , aus dem einfachen Grunde , weil sie ein außergewöhnliches Talent ist . Ich sage , wir haben kein Recht , einem solchen Talente die Mittel zu seiner Entwicklung zu verweigern , weil es zufällig in dem Kopfe einer Frau statt eines Mannes steckt ! Ein großer Geist fordert große Nahrung und es ist eine Grausamkeit , wenn wir ihm dieselbe aus moralischem Brotneid vorent ­ halten und ihm zumuten , in den kleinlichen Alltags ­ beschäftigungen der Frauen unterzugehen . “ „ Hilsborn hat nicht Unrecht “ , meinte Meibert , „ aber kann denn ein solcher Geist seinen Wissensdurst nicht auch in anderer Weise stillen , als auf der Uni ­ versität ? Die Dame hat es ja schon in der vor ­ liegenden Abhandlung bewiesen , daß sie auch außer ­ halb des Hörsaales etwas gelernt hat . Wozu braucht sie denn gerade die Doktorwürde ? Das ist doch nur eine Eitelkeit und es wäre eine Blamage für uns , wollten wir uns dazu hergeben , solche Torheiten zu unterstützen . “ „ Der Ansicht bin ich auch , “ fügte Berk hinzu . Doch Hilsborn beruhigte sich noch nicht : „ Daß eine Frau , die das Leistungsvermögen eines Mannes in sich fühlt , auch männliche Würden beansprucht , finde ich sehr natürlich und daß sie die Wissenschaft nicht zur Unterhaltung , sondern als ihren ausschließ ­ lichen Lebensberuf betreiben will , ist ein Beweis , wie tief sie von dem Ernst und der Größe derselben durchdrungen ist ; wahrlich das ist etwas anderes als Frauen ­ eitelkeit , die sich geistig und körperlich nur schmückt , um zu gefallen . “ „ Du bist ein tapferer Ritter , Hilsborn , “ sagte Möllner und reichte dem jungen Manne die Hand . „ So wären wir denn nur Drei gegen Vier und es fehlt noch Möllner , “ sprach der alte Heim . „ Stimmt er für die Hartwich , so würde keine Ma ­ jorität erzielt , deshalb denke ich , wir lassen ihn in jedem Fall den Ausschlag geben , da er als Physiolog allein über die Bedeutung der vorgelegten Abhandlung zu entscheiden hat . “ „ Ich dächte “ , rief Moritz , „ eine solche Dilettantenarbeit können wir Alle beurteilen , es ist eben die moderne Spielerei mit den sogenannten Hemmungs ­ fasern.16 Dahinter steckt ja nicht viel ! “ Sämtliche Anwesende blickten gespannt auf Johannes , der ernst und ruhig im Sessel lehnte . „ Eine Dilettantenarbeit ist es nicht . Ich gebe zu , daß es vorgegriffen und einseitig sein mag , alle Selbst ­ beherrschung auf die Hemmung von Reflexen zurück ­ führen zu wollen , jedenfalls zeugt aber die Auffassung der Hartwich von einem , weit über das gewöhnliche Laienwissen gehenden Verständnis der heutigen Nervenphysiologie , und ich kann nicht leugnen , daß eine so selbständige Verwertung des Gelernten der Beweis entschiedener Produktivität ist . “ Dabei sah er Her ­ bert an . „ Wirklich ? “ fragte dieser spitz . „ Ja ! “ bestätigte Möllner mit Wärme , „ dennoch aber — gebe ich meine Stimme zu ihrer Aufnahme nicht — und somit ist die Sache erledigt , denn wir sind nun Fünf gegen Drei ! “ Die Anwesenden sahen sich teils erstaunt , teils unwillig an . „ Was ist denn das ? “ rief Heim , „ Du warst ja heute ganz entzückt von dem Genie dieses Mädchens . “ „ Auf Dich haben wir uns verlassen , “ klagte Hilsborn . „ Das ist die erste Ungerechtigkeit , deren sich unser verehrter Freund Möllner schuldig macht ! “ sagte Taun kopfschüttelnd . Johannes blickte die entrüsteten Kollegen mit stiller Freude an und sah es deshalb wohl nicht , daß ihm Herbert die Hand hinstreckte , um sich für seinen Beistand zu bedanken . „ Gott Lob ! “ flüsterte dieser , „ daß Sie der Närrin den Garaus gemacht haben , “ und sog wohlgefällig , den Inhalt seines Glases aus . „ Johannes , Johannes ! “ sagte Hilsborn wieder , „ warum hast Du dem Mädchen und uns das getan ? “ „ Warum ? “ fragte Johannes und aus seinen Augen strahlte ein Licht , welches sein ganzes Antlitz verklärte ; „ weil sie mir mehr am Herzen liegt als Euch Allen ! “ „ Auf diese Weise aber bestätigst Du das wahrlich nicht , “ meinte Hilsborn . „ Glaubst Du , kurzsichtiger Mann ? “ sprach Möllner ernst . „ Was kann es Dir schaden , wenn die Hartwich glücklich wird ? “ grollte Hilsborn weiter . Möllner sah ihn lächelnd an . „ Wenn wir einem Kinde ein Messer wegnehmen , womit es spielt , so ge ­ schieht es nicht , weil wir fürchten , daß es uns , son ­ dern daß es sich selbst damit verletzen könnte . Das Kind wird uns freilich für seinen Feind halten , — aber deshalb meinen wir es doch gut . “ „ Nun , die Hartwich soll doch wohl nicht das Kind sein , das Du so bevormunden willst ? “ „ Ja , Hilsborn ! Das Weib steht unter der Vor ­ mundschaft des Mannes , wie groß es immer sei ! Wir sind sein leitendes Schicksal , wir haben es zu erziehen , zu schützen , und sind für seine Entwicklung verantwortlich . Wer von Euch , meine lieben Freunde Heim , Taun und Hilsborn , wird mir , wenn ich ihn auf sein Gewissen frage , nicht zugeben , daß die Hartwich auf einem Irrwege ist , daß sie über diejenigen Grenzen ihres Geschlechts hinaustreten will , welche eben die natürliche Scheidewand zwischen den Ge ­ schlechtern bilden ? Ich habe nichts gegen eine geistige Tätigkeit der Frau , welche ihre Kräfte innerhalb ihrer Sphäre beschäftigt , und ich stecke die Grenzen dieser Sphäre viel weiter , als zum Beispiel unser Kollege Herbert und mein Schwager Moritz . Aber ich habe eine so hohe Verehrung für echte Weiblichkeit , daß ich kein Vorhaben unterstützen werde , welches nur auf Kosten derselben ausgeführt werden kann . “ „ Ich glaube “ , sagte Moritz , „ daß die Hartwich schon mit der Weiblichkeit , von welcher Du sprichst , gebrochen hat , sonst würde sie gar nicht auf solche Gedanken gekommen sein . Da ist wohl nicht mehr viel zu verderben . “ „ Du urteilst wieder voreilig , Moritz , wie immer , “ sagte Johannes . „ Wenn Du wüßtest , unter welchen Einflüssen dieses Mädchen aufgewachsen ist , Du wür ­ dest begreifen , daß es nicht ein Mangel an Zartgefühl , sondern ein hoher Mut ist , welcher sie vor den Schrecknissen eines physiologischen Studiums nicht erbeben , eine priesterliche leidenschaftliche Begeisterung , welche sie über das Einzelne hinweg nur auf das Ganze blicken läßt . Ein zu grelles Licht , das uns in die Augen strömt , macht uns blind für das Nächstliegende ; so war es wohl dem geistreichen Mädchen , als ihr ein Licht von Erkenntnissen aufging , das alles Wirkliche für sie in eine Glorie hüllte . “ Moritzens sonst so munteres Schelmengesicht wurde plötzlich ernst und er blickte mit einem Ausdruck von unverhehlter Besorgnis auf Möllner . „ Johannes , Du sprichst , als hättest Du ein persönliches Interesse für dies verschrobene Geschöpf . “ „ Warum soll ich es leugnen ? Ja , das habe ich auch ! “ Ums Himmelswillen ! “ rief Moritz , „ Du wirst doch unserem Freund Hilsborn nicht ins Gehege kommen ? Denn der hat , wie mir scheint , Absichten auf sie . “ „ O , da irrst Du Dich Moritz “ , erwiderte Hilsborn ; „ ihre gefährliche Emanzipationsbestrebungen flößen mir wohl Teilnahme ein , aber keineswegs den Wunsch , sie zu besitzen , — wenn ich sie auch gerne zur Schülerin haben möchte , so folgt doch daraus noch nicht , daß ich sie heiraten will . “ „ Siehst Du Hilsborn “ , sagte Johannes heiter , , , das ist der Unterschied zwischen uns Beiden , ich möchte sie nicht zur Schülerin , wohl aber zur Frau ! “ Ein Ausruf des Schreckens entschlüpfte den Lip ­ pen Aller . „ Woher kennst Du sie ? Woher kennt er sie ? “ riefen die Herren durcheinander , mit Ausnahme Heims und Hilsborns . „ Wie Ihr erschreckt , schon bei dem Gedanken , das Mädchen könnte mir gefährlich sein ! “ sagte Johannes gutmütig lächelnd . „ Ist sie denn ein böser Geist , eine Hexe ? Nein — sie ist ja nur ein Weib ! Wie kann man denn ein Weib fürchten ? Was sie Euch schrecklich macht , das macht sie mir eben interessant und wenn es mich treibt , sie von einem Irrwege abzubringen , was laufe ich dabei für Gefahr ? Ja — wenn sie sogar meine Gattin würde — „ „ Gott bewahre Dich vor einer solchen Frau , “ schaltete die Staatsrätin ein . „ Noch sind wir nicht so weit , Mutter , noch ist es nur eine rein menschliche Teilnahme , käme es aber auch weiter , was wäre es ? Der Mann , der sich von einer Frau unglücklich machen läßt , ist lediglich selbst Schuld , denn die Frau ist niemals etwas Anderes , als was wir aus ihr machen . “ „ O übermütiger Mann “ — klagte die Staats ­ rätin — „ es gibt weibliche Charaktere , die Dich furchtbar Lügen strafen könnten ! Und diese Hartwich war mir schon als Kind unheimlich , wie wird sie jetzt erst sein ? “ „ Ein Weib , wie aus einer anderen Welt , Mut ­ ter , eine Erscheinung , die der nie vergißt , der sie ein ­ mal sah ! “ „ Mein Gott , “ sagte die Staatsrätin tief be ­ kümmert , „ wo und wann bist Du ihr denn begegnet ? War sie doch seit fast zwölf Jahren ganz verschollen und wären nicht ihre atheistischen Bücher vorigen Winter erschienen , kein Mensch hätte mehr an sie gedacht . “ „ Also Sie kannten sie früher ? “ fragten mehrere Herren neugierig . „ Ja , wir waren einige Zeit Spielgefährtinnen “ , erzählte Angelika , „ aber zuletzt mochte ich sie nicht mehr leiden , weil sie so altklug war und meine Pup ­ pen herabsetzte . “ Die Herren lachten . „ Sie war das bedeutsamste Kind , das mir in meinem Leben vorkam ! “ sagte der alte Heim . „ Ja , das war sie “ , bestätigte Möllner , „ aber sie hatte etwas Abschreckendes , weil sie durch grausame Behandlung verbittert wurde und ihren Jahren geistig ebenso unnatürlich vorausgeeilt , als körperlich hinter denselben zurückgeblieben war . Ein solches Mißverhältnis ist immer etwas Häßliches , und deshalb scheuten die Menschen sie — wie sie die Menschen ! Bald gedachten wir ihrer nicht mehr , denn sie war als zehnjähriges Mädchen von ihrer und unserer Heimat fortgezogen und weder sie noch ihr Vormund , der mit ihr gegangen , ließen mehr etwas von sich hören . — Vor einem Jahr oder länger erschienen ein paar Broschüren von ihr , die namentlich unter den Damen wegen ihres rationalistischen Inhaltes einen Sturm von Unwillen erregten . Ich fand es nicht der Mühe wert , sie zu lesen , da mir die kleine bleiche Hartwich gleichgültig geworden . Niemand wußte etwas von ihr und wir kümmerten uns auch nicht um sie , denn meine Mutter und Schwester waren aufs Tiefste von dem Atheismus des jungen Mädchens verletzt und gaben sie gänzlich auf . Vor einiger Zeit wollte ich Freund Hilsborn besuchen , traf ihn aber , als er eben in den Wagen stieg , um nach dem Dorfe Hochstetten , zwei Meilen von hier , zu fahren . Er war zu dem dortigen Schullehrer gerufen . Hilsborn forderte mich auf , ihn zu begleiten und , da es ein schöner Tag war , willigte ich ein . Als wir bei dem Schlößchen ankamen , welches den Anfang des Dorfes bildet , stie ­ gen wir aus . Hilsborn suchte die Wohnung des Lehrers auf , ich blieb , ihn erwartend , zurück und schritt gemächlich an dem großen , aber vernachlässigten Gar ­ ten vorbei , der das Schloß umgibt . Ein frischer Wind sauste über die wallenden Kornfelder hin und die Abendsonne durchglühte die ganze Gegend und die stürmisch bewegte Luft . Da hob sich plötz ­ lich , wie ein mittelalterliches Heiligenbild auf Gold ­ grund , vor mir eine dunkle Gestalt von dem strahlen ­ den Horizont ab , ein schwarz gekleidetes Weib , so schön und düster , als sei sie eine Botin der Nacht , die der Sonne zu sinken gebiete . Sie stand mit un ­ terschlagenen Armen regungslos auf einer Anhöhe des Gartens und starrte festen Blickes in den Feuerball , während der Sturm ihr faltiges Gewand hin und her wehte . Die Abendröte warf einen Schein von Glut auf ihr marmorweißes ernstes Gesicht , der Glanz ihrer großen Augen schien nicht aus der Sonne , die sie widerspiegelten , sondern aus ihrem eigenen Innern zu kommen . Ich bewunderte wie ein Knabe diese schöne schweigende Erscheinung und vergaß ganz , daß mein Gaffen ihr unangenehm auffallen müßte , wenn sie es gewahrte . Und so kam es auch . Sie ergriff einige neben ihr liegende bunte Gläser , woraus ich mit Staunen ersah , daß sie Nachbilder-Versuche17 mache und dabei fiel ihr Blick auf mich . Ein düste ­ rer Schatten legte sich über das nun dem Licht abge ­ wandte Gesicht und gab ihr etwas Kaltes , Strenges . Sie raffte , ohne mich eines zweiten Blickes zu wür ­ digen , ihre optischen Geräte zusammen und schritt ruhig die Anhöhe hinab ; gleichzeitig versank auch die Sonne wie auf ihren Befehl und trübe Dämmerung breitete sich über den schweigenden Garten , hinter des ­ sen Mauer sie langsam verschwand . Ich stand lange und blickte ihr nach , — eine eigentümliche Wehmut ergriff mich . Ich konnte mir unter diesen wilden dun ­ keln Gebüschen , hinter dieser hohen Mauer kein fröh ­ liches Gesicht , konnte mir in der Brust dieses einsa ­ men finsteren Wesens kein glückliches Herz denken . Die Nacht brach herein , während ich noch vergebens nach ihr spähte . Ich eilte nun zu dem Lehrer unter dem Vorwand , Hilsborn abzuholen und erfuhr dort , daß die Unbekannte Ernestine Hartwich sei . Sie habe vor kurzer Zeit das , verzauberte Schloß ‘ , wie man es nannte , gemietet und da man in dem Dorfe nicht sehr aufgeklärt war , mochte man sich auch einer ge ­ wissen geheimnisvollen Scheu vor dem schönen Mäd ­ chen nicht erwehren — denn man meinte , es könne nicht gut um einen Menschen stehen , der sich so streng von allem Lebendigen abschließe und gar , das war das Schlimmste , nie in die Kirche gehe ! Ein Entschuldigungsgrund wurde freilich in dem schlechten Einfluß eines Stiefonkels und Vormunds gefunden , der sie seit dem frühen Tode beider Eltern erzogen habe und sie gänzlich beherrschen soll . Es ist dies jener berüchtigte Doktor Leuthold Gleißert , von dem Ihr wohl Alle gehört habt . “ „ Aha der ! “ murmelten die Herren verächtlich und der alte Heim fügte noch ein herzhaftes : „ der Schurke ! “ bei . „ Nun — “ , fuhr Johannes fort : „ Ich denke , Ihr Alle werdet mir glauben , daß ich nicht der Tor bin , der sich auf den ersten Blick in ein schönes Ge ­ sicht verliebt , aber bei dieser Erscheinung trifft das zusammen , was einen Menschen unwiderstehlich fes ­ seln kann : Schönheit , Geist und Tugend . “ „ Tugend ? “ wiederholte Herbert : „ Wissen Sie das so genau ? “ „ Ja , wäre die Hartwich nicht tugendhaft , so würde sie nicht in so strenger Abgeschlossenheit leben . Wer einmal dem Genusse gefrönt , der sucht ihn immer wieder , — in solcher Einsamkeit , in solcher Hingabe an eine große Idee findet nur eine reine Seele Befriedigung ! — Ich gehe sogar noch weiter , ich stütze mich als Physiolog auf das Prinzip der Erhaltung der Kraft und sage : ein Weib , das sich so außergewöhnliche geistige Aufgaben gestellt und sie gelöst hat , verbraucht hiezu seine ganze Kraft und stirbt für alle Sinnlichkeit ab . Deshalb finden wir bei Frauen , welche übertriebene Geistesanstrengungen machen , so häufig ein verkümmertes Gemüt , weil ihr Vorrat von Kraft meist nicht ausreicht für die doppelte Seelentätigkeit von Denken und Fühlen . Und deshalb fürchte ich nur , daß in dieser schönen Hülle schon jetzt kein warmes Herz mehr schlägt ! “ Die Professoren sahen sich einander bedeutungsvoll an und die Staatsrätin flüsterte bekümmert mit Angelika . „ Nun , “ sagte Herbert aufstehend : „ Ich dächte , wir überließen unsern verehrten Kollegen seinen Träumen und wünschten ihm , daß seine Schülerin in der Lehre von den Empfindungsnerven nicht ebenso bewandert sei , wie in der von den Hemmungsfasern ! “ Die Herren erhoben sich . Johannes heftete seinen Blick fest auf Herbert : „ Ein Träumer bin ich nicht , Kollege Herbert , wenn ich auch noch an eine Tugend glaube , ohne nach ih ­ rem polizeilichen Leumundszeugnisse zu fragen . Und ich wiederhole Ihnen , ich glaube so fest an diese Tugend , daß ich Jeden als einen Verleumder strafen würde , der sie auch nur mit einem Worte anzutasten wagte ! “ „ Mein Herr ! “ rief Herbert gereizt und sich in die Brust werfend : „ das ist eine Beleidigung ! “ „ Nur für den , der sich getroffen fühlt ! “ sagte Johannes ruhig . Angelika flog auf Johannes zu und schlang die Arme um ihn : „ Johannes , Johannes , denke nur , für wen ereiferst Du Dich so ? Du kennst sie ja nicht einmal ! “ „ Ja , ja , da hat sie Recht , “ bestätigten Mehrere . Johannes hob Ernestinens Schrift empor und sprach mit tiefem Ernst : „ Ich kenne sie ! “ Herbert nahm seinen Hut , verneigte sich stumm und wollte das Zimmer verlassen , da stürzte der Pe ­ dell herein und überreichte Johannes einen Brief : „ Herr Professor , Herr Professor , dieser Brief von Sr. Magnifizenz sei eilig und gehe alle die Her ­ ren an . “ — Johannes erbrach das Papier und Herbert blieb noch horchend auf der Schwelle stehen . Johannes blickte , nachdem er gelesen , heiter im Kreise umher : „ Meine Herren , wir sind in unerhörter Weise mysti ­ fiziert worden . Jene Preisschrift über den Raumsinn des Auges , 18 als deren Verfasser wir Alle Hilsborn vermuteten , ist — von der Hartwich ! “ Ein Ausruf des Erstaunens beantwortete diese Mitteilung . Die Herren drängten sich um Johan ­ nes und sahen in den Brief , selbst Herbert kam wie ­ der herbei , um sich von dem Unerhörten zu überzeu ­ gen . Es war so , es stand unwiderruflich fest : die Herren hatten den Preis , welchen die Universität für die beste Schrift über den Raumsinn des Auges festgesetzt , der Arbeit Ernestinens erteilt , derselben , die sie heute nicht in ihre Kollegien aufzunehmen beschlos ­ sen , weil sie ein Weib war . — Das war höchst un ­ angenehm , und die Professoren sahen sich betreten an . „ Was ist nun zu tun ? “ fragten Einige . „ Dieser Fall ändert freilich die Sache “ , meinte Berk . „ Möllner “ , rief Meibert , „ das ist eine fatale Geschichte — ich denke , wir sollten doch umstimmen . “ „ Einer Frau , die wir mit dem Preise krönten , können wir den Doktorhut nicht wohl vorenthalten “ , meinte Taun . Heim nickte ihm vergnügt zu und brummte wohl ­ gefällig : „ Nun wendet sich das Blatt . “ „ Meine Herren “ , sprach Johannes mit Ener ­ gie , „ lassen Sie sich davon nicht beirren ! Wenn es auf die Fähigkeiten der Betreffenden ankäme , hätte uns schon die vorhin gelesene Schrift zu einem ande ­ ren Entschluß bringen müssen , aber es handelt sich hier um einen sozialen Grundsatz , 19 von dem wir nicht um einer Einzigen willen abgehen dürfen . Muß ich Ihnen das noch wiederholen , was Sie selbst so reif ­ lich erwogen ? “ „ Unser verehrter Kollege bleibt Sieger wie im ­ mer “ — sagte Taun , mit seiner würdevollen Freund ­ lichkeit , Johannes die Hand reichend : „ man kann Ih ­ nen nicht Unrecht geben . “ „ Eine Frau mit dem Preise gekrönt “ — mur ­ melte Herbert beim Hinausgehen , „ der Ärger bringt mich ums Leben ! “ „ Schade “ , sagten die Herren , als er fort war , „ daß der heitere Morgen durch Herbert so gestört wurde . “ „ Laßt es Euch nicht kränken , liebe Freunde “ , lachte Johannes : „ Es tat mir wohl , ihm einmal die Wahrheit zu sagen — das ist Einer von der Gattung , die sich auch geistig nur im Kampfe ums Da ­ sein erhält.20 Vernichten , um zu bestehen , das ist ihr Grundsatz und deshalb sind sie geborene Gegner jedes Talentes . Sie müssen es morden , weil sie die Macht nicht in sich fühlen , es zu überflügeln , sie müssen sich wehren im Schweiße ihres Angesichts , um von der Fülle lebendiger Kräfte , die sich um sie her regt , nicht erdrückt zu werden . Wer außerhalb ihrer unheilvol ­ len Wirksamkeit steht , mag solche Subjekte bemitlei ­ den , wer aber von ihrem giftigen Biß erreicht werden kann , der muß sie fürchten als Erbfeinde alles Werdens und Schaffens . Wenn ich auch die Be ­ strebungen der Hartwich nicht billige , so hat mich doch von Anfang an die Gehässigkeit , mit der er ihr ent ­ schiedenes Talent verurteilte , empört ! “ „ Das ist sehr wahr ! “ sagte der Philosoph Taun . „ Traurig , wenn solche verkörperte Negationen das freie , fröhliche Wirken in den Künsten beeinträch ­ tigen , — doppelt traurig aber , wenn sie es in der Wissenschaft tun ! “ „ Wer hätte das gedacht ! “ rief Angelika , „ der galante Professor Herbert , der bei allen Soupers Toaste auf die Damen ausbringt ! Ich bin noch voll Erstaunen . “ „ Wer den Damen huldigt , meine liebe Kolle ­ gin , braucht deshalb noch kein Verehrer der Frauen zu sein , — denn das , was die moderne Dame aus ­ macht , ist bekanntlich nach meinem Kollegen Schopen ­ hauer nicht die Kraft , sondern die Schwäche des Geschlechtes “ , erwiderte Taun.21 „ Ja wohl “ , fiel Johannes ein : „ Mit einer Schwäche kann ein solcher Mensch Nachsicht haben — aber eine Kraft muß er bekämpfen . “ „ Na , warten Sie nur , Herr Kollege Herbert “ , rief Angelika , indem sie ihr kurzes , dickes Zeigefingerchen drohend nach der Tür ausstreckte : „ Ihnen will ich Ihre Bosheiten gedenken , — paßt auf : vor allen seinen Freundinnen werde ich dem Wolf den galan ­ ten Schafspelz herunterreißen ! Und Du Moritz — mit Dir habe ich auch noch ein Wort zu reden , aber erst , wenn wir allein sind . “ Die Herren lachten und nahmen ihre Hüte . „ Nun , auf eine so reizende Gardinenpredigt dür ­ fen wir unsern Kollegen Kern nicht einen Augenblick warten lassen “ , sagte Taun . Alle verabschiedeten sich mit Ausnahme Heims , Hilsborns und Moritzens . „ So “ , — begann Angelika schmollend : „ Du böser , abscheulicher Mann , wir sollen nichts tun , als Strümpfe stricken ? “ „ Nein , noch etwas “ , schäckerte Moritz , ihren Kopf zwischen beide Hände nehmend , „ küssen — das ist auch ein schöner Beruf ! “ „ Geh — das kann auch die Dümmste , die Klugen sind zu etwas Besserem da . “ „ Kein Weib , das einen so süßen Mund hat , kann etwas Besseres tun ! Nur die , welche häßlich oder alt sind , sollen Strümpfe stricken ! “ „ Ach , Du hast nur Späße im Kopfe — mir aber tut die arme Ernestine nun wirklich leid und es schmerzt mich von Dir , daß Du so hart gegen sie bist ! “ Ein einziger strenger Blick fiel aus Moritzens schwarzen Augen auf Angelika , aber vor diesem Blicke verstummte sie sogleich . „ Du weißt “ , sagte er dann gütig aber streng , wie zu einem Kinde , „ daß ich es nicht liebe , wenn Du über Dinge urteilst , von denen Du nichts verstehst . “ — Angelika blickte vor sich nieder und eine Träne glänzte in ihren vollen , blonden Wimpern . „ Was ist denn das ? “ fragte Moritz freundlich und zog sie an sich — „ weinen ? warum nicht gar ! Ein Tautröpfchen in einem Rosenkelch , nicht wahr ? Weiter nichts ! “ Er wischte ihr die Tränen weg und nun lächelte sie ihn auch schon wieder an . „ Ein Glück für Dich , mein Sohn “ , sagte die Staatsrätin mit mildem Ernst , „ wenn das Herz Deiner Frau so warm ist , daß jeder Reif , den ein hartes Wort hinein wirft , darin zu einer Träne schmilzt ; so tut es doch weiter keinen Schaden . “ Moritz sah die Schwiegermutter an , und dann seine Frau : „ Angelika , war ich hart ? “ Angelika schüttelte das lockige