ihnen . Alles sollen sie sehen und wissen . Noch sind sie mein , – mit ihnen will ich die Wege meiner Jugend wieder gehen , mir zur Erinnerung , ihnen zur Lehre ! Es ist keine weite Entfernung von Berlin bis zu dem Fleckchen im Harz , wo ihre Wiege gestanden hat . Morgen früh gleich soll es fortgehen ! Sie stand zeitig auf , weckte die Mädchen und machte sie mit ihrem Plan bekannt . Anne Dore nickte ihr dankbar gleichgültig zu , Lori zog ein Gesicht . » Aber , Mama , den Flügel wollten wir doch noch kaufen ! « 253 » Wir kommen ja , bevor wir in unsere Heimat reisen , wieder nach Berlin zurück , « antwortete die Professorin ein wenig arglistig . » Wenn du dann noch meinst , ein neues Instrument nötig zu haben und dein liebes altes Piano für zu schlecht hältst , dann kannst du das ja noch immer tun . « » So , – na dann immerzu ! « rief die Prinzessin , » ich weiß ja , Mutter , daß es dein Sehnsuchtsziel seit langen Jahren ist , uns dein Waldburg zu zeigen . Also vorwärts mit frischem Mut ! « Ein paar Stunden später fuhren die drei Damen vom Potsdamer Bahnhof ab nach Waldburg . Es war ein Tag Ende April , 254 warm und dunstig , wo die Blüten der Obstbäume , die jungen Blätter der Kastanien sich öffneten in ganzen Mengen . Lori war in strahlender Laune , Anne Dore saß neben der Mutter , deren Hand haltend . Die marineblauen Tuchkostüme der Mädchen standen gut zu ihrem lichten Teint . Lori plapperte von der bevorstehenden Hochzeitsfeierlichkeit und versprach der Mutter und Anne Dore unzählige Ansichtspostkarten – von jedem Ort , den das junge Paar auf seiner Italienreise berühren werde , mindestens zwei Karten . Die Mutter blickte still in die immer bekannter werdende Gegend hinaus und gab sich der leisen Wehmut hin , die ihr die tausend lieben Erinnerungen an Jugendleid und -freude verursachten . Gegen Mittag war man an Ort und Stelle . Zunächst empfing sie ein ganz moderner Bahnhof , und gegen die Berge hin breitete sich ein Gewirr von Villen und Hotels und prächtigen Parkanlagen aus . Die Töchter machten angenehm enttäuschte Gesichter , aber die Mutter erklärte : » Das ist nicht mein Waldburg , dieses neue kenne ich nicht . Aber paßt nur auf , lange soll ' s nicht dauern , dann sind wir mitten drin in meiner Jugend ! « Sie nahm einen Mietwagen , der am Bahnhof stand , und stieg mit den Töchtern ein . » Fahren Sie uns zur › Grünen Tanne ‹ ! « befahl sie dem Kutscher . Der lächelte und blieb mit über dem Scheitel gehaltenem Hute vor dem Schlage stehen . » Wie haben die gnädige Frau gesagt ? « » Sie sollen uns nach dem Gasthof › Zur grünen Tanne ‹ fahren , « wiederholte sie . » Aber entschuldigen Sie , gnä ' Frau , hier oben ' rum sind doch die feinen Hotels für Herrschaften , und die › Grüne Tanne ‹ , – da kehren allerhöchstens Studenten ein , die mit dem Ränzel auf dem Rücken in die Berge gehen oder – « » Alter Freund , « unterbrach ihn gemütlich die hübsche Dame , » es hilft Ihnen alles nichts , ich will nun ' mal partout in die › Grüne Tanne ‹ . Sehen Sie , da hat mein lieber Mann auch gewohnt , als er mit dem Ränzel auf dem Rücken vor langen 255 Jahren in den Harz zog . Ist da übrigens noch ein Weigel der Wirt ? « » Jawohl , Madame , und der alte Weigel lebt auch noch . « » Na , der Alte wird wohl der Junge von damals sein , den ich kannte als Kind . « » Das glaube ich nicht , der Alte ist nun fünfundneunzig , den hat der liebe Gott ja wohl vergessen , gnä ' Frau , « antwortete der Kutscher und lenkte seine Gäule auf die mit Obstbäumen bestandene Landstraße , die hart neben dem Flüßchen dahinführte , das um große Steinblöcke schäumte . Ein stumpfer Kirchturm , um den sich einzelne rotbedachte Häuser scharten , vom Grün der Obstbäume eingefaßt , so lag das Dorf vor den Augen der Reisenden , weitab von dem Villenort gleichen Namens . Am oberen Ende streckte sich ein großes schloßartiges , von weiten Gärten umgebenes Gebäude , das die Mutter als alten Edelsitz der Familie von Zweistetten bezeichnete . Endlich trennte nur noch das Wasser Landstraße und Dorf , und der Kutscher lenkte einer alten Holzbrücke zu , wo nach der Dorfseite hin der Brückenzolleinnehmer in einem winzigen Häuschen wohnte . Als der Wagen dort hielt , kam ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren heraus , ein paar 256 mächtige braune Zöpfe um den Kopf gewunden , und reichte den gedruckten Quittungszettel über zwanzig Pfennig Brückenzoll in den Wagen hinein . » Früher hieß der Einnehmer Gelbhaar , « sagte die Professorin zu dem hübschen Kinde , indem sie zahlte . » Wer hat die Stelle jetzt inne ? « » Mein Großvater , der heißt Gelbhaar , aber weil er Gicht hat , versehen meine Mutter und ich das Amt . « » So ? Da grüße deinen Großvater schön von Lene Wermann , sag nur von Rentmeisters Lenchen , dann weiß er gleich Bescheid . Wir haben uns gut gekannt . « Das Kind sah lächelnd und verwundert die stattliche fremde Dame an . » Und dein Vater , wie heißt der ? « » Der hieß Wendholz . « » Fritze Wendholz ? War der nicht Förster ? « » Ja , beim Herrn Baron . « Die Professorin nickte , und ein freundliches Lächeln spielte einen Augenblick um ihren Mund . Indem der Wagen sich in Bewegung setzte , sagte sie noch einmal . » Vergiß nicht den Gruß an den Großvater ! « 257 Bald darauf hielten sie vor dem Gasthof » Zur grünen Tanne « , und die Augen der Mutter strahlten ganz eigen aus dem Gesicht , als sie die oberen Fenster des Hauses streiften . Der Wirt , der voller Verwunderung über die vornehmen Gäste herbeistürzte , versicherte , daß zwei schöne Zimmer frei wären , und die drei stiegen nun , nachdem sie einen mit roten Backsteinfliesen ausgelegten Flur durchschritten hatten , die sauber gescheuerte Treppe empor , die dick mit schneeweißem Sand bestreut war , und standen bald darauf in einem niedrigen Eckzimmer mit einfacher Ausstattung . Der Wirt schloß die Tür nach dem Nebenraum auf , fragte , ob die Damen essen wollten , es sei Schweinebraten da mit Erbsenbrei , aber auch ein Beefsteak oder ein Schnitzel könne bereitet werden . Frau Professor entschied sich für das erstere , bat zunächst um Waschwasser , und als sie den Reisestaub abgeschüttelt und das kräftige Gericht in der sauberen Stube der Wirtin gespeist hatten , fand die Professorin keine Ruhe mehr . » Nun kommt , « sagte sie , » nun geht mit mir auf den Wegen meiner Jugend . « Sie hatte sich zuvor erkundigt , ob der Baron Zweistetten anwesend sei , und erfuhr , daß er seit Jahren schon im Auslande weile . Es ziehe ihn ja nichts zurück zu Haus und Herd , da er ein lediger Herr sei , meinte der Wirt , der allerdings der Enkel des » uralten « Weigel war . Ein Jammer und ein Elend sei es , fügte er hinzu , daß der Herr nun wahrscheinlich so hinsterben werde ohne Erben und der herrliche Besitz an eine ganz entfernte Seitenlinie käme . Wenn übrigens die gnädige Frau das Schloß ansehen wolle , der alte Diener habe die Schlüssel und zeige gern Haus und Garten . » Wir wollen es freilich ansehen , « antwortete die Professorin . » Und ich weiß auch , wo der alte Diener haust , wenn ' s noch so ist wie früher . Ich kenne dort jeden Schritt und Tritt . « Der junge Wirt blickte der vornehmen Erscheinung verwundert nach . » Vielleicht Verwandtschaft vom Herrn Baron , « meinte er zu seiner hübschen Frau . Die Damen gingen indessen im Schlosse umher , durch verlassene Zimmer und Säle , in denen Möbel längst verflossener Zeit standen und die Luft roch wie das Potpourri der seligen 258 Großmutter , nach Staub und verwelkten Rosen . Alte Porträts schauten von den Wänden , und die schwere Seide der Fenstervorhänge war brüchig und verschossen . Die jungen Mädchen hielten sich an der Hand und folgten der vorausschreitenden Mutter , die hie und da einmal stehen blieb , irgend einem Mobelstück oder einem Bild schwermütig zunickte wie einem alten Bekannten . Einige wenige Zimmer zeigten die Spuren des Bewohntseins . Bequeme Fauteuils standen darin , moderne Teppiche lagen auf dem Boden , und über dem Sofa hingen die Bilder von Kaiser Wilhem I. und Bismarck . » Des Herrn Barons Zimmer ! « sagte der Diener erklärend . Und hier weilte die Professorin ein wenig länger . Sie stand abgewendet von den Kindern am Schreibtisch , ihre Hand lag leicht und wie liebkosend auf der Platte des altertümlichen Möbels und in ihren Augen schimmerte es feucht . Das machte , sie hatte auf dem Tische zwischen einigen anderen Bildern ein winziges Daguerreotyp erblickt . Sie hatte die gekannt , die aus dem Rahmen 259 blickte , wie sich selber so gut . Ein Mädchenkopf mit hellen Haaren und schelmischen großen Augen – wie oft hatte er ihr lächelnd aus dem eigenen Spiegel entgegengeschaut – damals – ach damals ! Und das Bildchen stand da noch immer ! – Und » er « war unvermählt geblieben ! – Wie anders hätte sich doch ihr Leben gestalten können , wenn – ja wenn – . Ob sie heute noch tauschen möchte ? Nein , nein , tausendmal nein ! Als sie sich ihren Töchtern wieder zuwandte , zuckte eine tiefe Bewegung über ihr Gesicht . Aber sie bezwang sich und schritt wieder voran aus den Zimmern hinaus in das Treppenhaus , hinunter in die Halle und blieb dort vor einer Thür stehen , die in einen Seitenflügel führte . » Hier schließen Sie einmal auf ! « sagte sie bittend . » Da ist nichts zu sehen , Madame , da sind leere Räume , die hat früher ' mal der Rentmeister bewohnt , « berichtete der Diener . » Aber für mich ist darin noch allerlei zu sehen , lieber Mann , « antwortete sie . » Da drin bin ich geboren und groß gewachsen , und da habe ich mich verlobt , da ist meine Hochzeit gefeiert worden , meine Eltern haben dort gewohnt lange Jahre . « Der Mann nahm verlegen und eine Entschuldigung murmelnd einen Schlüssel aus einer kleinen Mauernische neben der Tür und öffnete mit einem verwunderten Blick auf die Frau . – Ein paar dämmerige Räume lagen vor ihnen , deren verbindende Türen geöffnet waren , sie waren vollkommen leer . Aber die Professorin eilte im ersten Zimmer gleich zu dem Fenster hinüber und stieß die Läden zurück . Die Sonne huschte durch das Laub der Lindenbäume in die weißgetünchten Räume , spielte in goldigen Flecken auf der Diele und blinkte so gut sie konnte aus dem braunen Kachelofen zurück . Die Mädchen blickten verwundert über die Schmucklosigkeit der kahlen Wände die Mutter an . Aber die stand lächelnd mitten im Zimmer , und dennoch liefen ihr die Tränen über die Wangen . » O lieber Gott , « sagte sie leise , » wie sonderbar ist es , daß ich noch einmal hier stehe ! Seht , Kinder , da am Ofen hatte Vaters Lehnstuhl seinen Platz und die Hunde lagen daneben . Am Fenster dort hinter der Zitzgardine war Mutters Nähtisch , ein Asklepienstock blühte da mit dichten Blättern , aber trotzdem 260 sah die Mutter alles , was wir , die Brüder und ich , im Garten taten . Da drüben an der Wand stand das Sofa mit schwarzem Roßhaar bezogen , man glitt immer von demselben hinunter , wenn man sich noch so fest in sein Polster setzen wollte , der alte Sattler Hühnerbein hat es verbrochen , ein Verbrechen an der Bequemlichkeit war es entschieden . In die Ecke dort müßt ihr euch den Glasschrank denken . Da hatte Mutterchen ihre Teebüchse drin , in der stak stets eine Stange Vanille , damit das Getränk recht lieblich schmecken sollte , auch Vaters Frühstücksschnäpschen kam aus dem Schrank . Vor dem Fenstertritt von Mutters Fenster stand mein Kindertischchen mit dem winzigen Stuhl , da lehrte sie mich lesen und schreiben und Puppenkleiderchen nähen an den Winternachmittagen , wenn der Schnee draußen stiebte . Und da am Ofen war das Brettchen , an dem die vielen Schlüssel zu den Stuben im Schlosse hingen , und ich kannte jeden einzelnen und ging ohne Furcht des Abends durch die dämmerigen Zimmer , um nachzusehen , ob alle Fenster geschlossen seien , wenn Mutter einmal unpaß war , obgleich es hier spuken sollte . » Und nun kommt und seht , in dem zweiten Zimmer da schliefen die Eltern , hinter dem war die Stube der Brüder . Wie ich dann größer wurde und die wilden Jungens aus dem Hause kamen , wurde mein Bettchen und meine Kommode da hinein gestellt . 261 Nicht wahr , dies Stübchen ist besonders freundlich und licht ? Ach , Kinder , hier bin ich einmal sehr unglücklich gewesen ! « Sie standen alle drei in dem einfenstrigen Raum , dem einzigen , der eine Tapete aufwies , rosengeblümt und verblichen . Die jungen Mädchen sahen sich fragend an . Ihre Mutter war einmal unglücklich gewesen ? Und Anne Dora trat schließlich zum Fenster und sah still hinaus . » Mutter , « sagte sie nach einer Weile , als diese neben sie trat , » sieh , da ist ein Herzchen in das Fensterglas geritzt , da steht dein Name drin – Helene – und über ihm ein anderer , ich glaube Karl soll er heißen . « Aber die Mutter antwortete nicht , sie wandte sich rasch ab und ging aus der Tür in die hofseitigen Räume . Dort waren ein paar Kammern und die Küche . Und am aufgemauerten Herd blieb die Frau stehen und sagte : » Seht , hier hat meine liebe Mutter mich das Kochen gelehrt , und hier habe ich meine letzte Ohrfeige von ihr bekommen . « » Hast du denn als Kind schon kochen müssen ? « fragte Lori . » Nein ! « antwortete die Professorin . » Damals war ich sogar schon Braut , vier Wochen vor meiner Hochzeit war ' s , und Mutter sagte zur Strafe : › So , Kind , nun wirst du wohl für alle Ewigkeit nicht wieder das Schwitzmehl verbrennen lassen , zum Butterverhunzen wird deinem Mann das Geldverdienen zu sauer . ‹ « Die stattliche Frau lächelte , und dabei vertieften sich die Grübchen in ihren Wangen wieder und sie sah jung und reizend aus einen Augenblick . » Das ist aber doch unerhört ! « sagte Lori . » Andere Zeiten sind ' s gewesen ! « erwiderte die Professorin , » ich habe der Mutter Hand geküßt und habe niemals das Schwitzmehl wieder verbrannt . Mutter hatte recht , wir hätten ' s zu solchen Dummheiten nicht gehabt . – Aber kommt , ich will euch das Haus zeigen , in das mich euer Vater gebracht hat , wie er mich als seine Frau hier hinausführte . « Der Diener , der im Nebenzimmer stand und gelangweilt aus dem Fenster auf den Hof schaute , wurde gerufen . Er erhielt sein Trinkgeld und die Damen verließen das Haus auf der Gartenseite . Es regnete ein wenig jetzt , es mochte ein Aprilschauer sein , 262 deshalb verschoben sie einen Rundgang durch den Garten auf den morgenden Tag , wanderten durch die Gassen des Dorfes an der Kirche vorüber und gelangten hinter dem Pfarrhause auf einen kleinen , von Häusern umgebenen Platz . Mitten darauf standen drei alte Lindenbäume , unter jedem eine Steinbank , und zwischen diesen drei Stämmen war das Denkmal derer aufgerichtet , die im letzten großen Krieg ihr Leben gelassen hatten . Auf eines der Häuser , das ein wenig stattlicher aussah als die übrigen , zu dessen Tür steinerne Treppen hinausführten , deutete jetzt die Professorin . » Da hinein bin ich gezogen mit eurem Vater . Am 7. März 1864 war es und ein furchtbares Wetter . Regen und Schnee sind in mein Gesicht geflogen bei den wenigen kurzen Schritten die Treppe dort hinauf , und euer Papa merkte nicht , daß auch Tränen zwischen den Tropfen waren , die er mir in dem kleinen Stübchen vom Gesicht wischte . › Regen bringt Glück , Lenchen , ‹ sagte er freundlich . Er hat recht gehabt . « Sie hatte dabei schon den Messingklopfer der Haustüre gehoben und ihn gegen die Platte fallen lassen . Gleich darauf kam eine alte Frau und öffnete . » Dürfen wir wohl eintreten ? « fragte die Professorin , » ich möchte meinen Töchtern gern das Haus zeigen , in dem ich als junge Frau gewohnt habe . « Die Alte heftete ihre kleinen , noch immer hellen Augen auf die Eindringlinge , dann sagte sie : » So sind Sie Frau Doktor Bodenstedt , von deren Mann wir damals das Haus gekauft haben ? Kommen Sie näher , Frau Doktorin , ich hätt ' s nicht geglaubt , daß Sie noch an das Häuschen denken , wo Sie nun vornehm geworden sind und der Herr Doktor so berühmt . « Sie öffnete linker Hand eine Tür und die Damen traten in ein winziges Stübchen , das die › gute Stube ‹ der Bewohnerin war . Sie wurden genötigt Platz zu nehmen , und die alte Frau blieb ehrerbietig vor ihnen stehen . Ihre Hände hielt sie unter der Schürze verborgen , und ihr runzliges Gesicht war unbeweglich , als sie sagte : » Mein Mann lebt ja nicht mehr , Frau Doktor . Im August 1875 ist er gestorben an einem Nervenfieber , und mein Sohn , der Maurermeister in der Stadt ist , der kann vom Hause 265 keinen Gebrauch machen . Aber man hängt nun einmal daran , da sitze ich denn allein drinnen , und manchmal kann ich es kaum aushalten vor Angst und Sehnsucht . Und dann kommen einem lauter alte Dinge wieder ins Gedächtnis . Auch an Ihnen habe ich manchmal gedacht , Frau Doktorn , und habe mich gefreut , wie es Sie und Herrn Doktor geglückt ist . Und wenn Sie sich noch besinnen können , ich hab ' s manchmal gesagt : › Weinen Sie man nich , Frau Doktorn , wer im Leben einen schlechten Vormittag hat , der kriegt dafür einen schönen Nachmittag , denn es gibt eine Gerechtigkeit im Himmel . ‹ Und das sind nun wohl Ihre lieben Töchter ? Ja , ja , sie sehen Sie ja ähnlich , Frau Doktor , bloß daß Sie viel schöner waren , Frau Doktor , was man ja wohl den Kindern sagen darf , ohne sie zu kränken . Und nun will ich einen Kaffee besorgen , und Sie können indes meinswegen im ganzen Hause herumkramen , und wenn es ' mal eine Spinnwebe gibt , denken Sie nicht zu schlecht von mich , ich bin nun all an die Fünfundsechzig und die Augen wollen nicht mehr recht . « Sie nickte noch einmal und trippelte hinaus . Ein Weilchen blieb es mäuschenstill , dann fragte Lori beklommen : » Und hier hast du gewohnt mit Papa ? Armes Muttchen ! « » Hier , Kinder , habe ich mein Glück gefunden , « sagte die Professorin . » Denn ihr müßt wissen , es zog nicht gleich mit mir ein , oder wenn es das tat , so erkannte ich es doch nicht gleich , und es fiel mir auch zunächst nicht ein , mir viel Mühe zu geben , es zu entdecken . Ich habe das schwerste Jahr meines Lebens , aber dann auch die glücklichsten Stunden hier verlebt . Und seht ihr , dies war eures Vaters Zimmer , und hier nebenan da schliefen wir . Ja , nicht wahr , Lori , in dem Raum hätte weder deine Toilette noch der riesengroße Waschtisch Platz , den du gekauft hast für deine Einrichtung . Aber damals war man so bescheiden in dieser Beziehung ! » Hier in Papas Doktorzimmerchen sah es sogar recht gemütlich aus . Er hatte schon den netten Bücherschrank , der auch heute noch in seiner Stube steht , und ein Zylinderbureau befand sich dort am Fenster . Das Roßhaarsofa von der Großmutter war uns 266 auch gefolgt , denn meine Mutter hatte in ihrem neuen Heim keinen Platz für das große Möbel und der Vater meinte , für uns junges Volk sei es auch weich und bequem genug . So kam es hier in Vaters Stube , und wir saßen darauf gleich am ersten Abend , und vor uns stand ein gedeckter Tisch mit einer nagelneuen Petroleumlampe , die damals eben Mode geworden war und zusammen mit dem hübschen , einfachen Teeservice , das mir meine Freundin Cäcilie geschenkt hatte , und dem derben Drillichgedeck , das mir von Mutter zur Ausstattung gegeben war , sehr hübsch aussah . – Selbstgesponnen war das Tuch , und meine gute Mutter hatte eine hausschlachtene Wurst , ein Stückchen Gutsbutter und ein großes Landbrot als erstes Abendessen darauf gestellt . Und wie ich bange zitternd die ersten Scheiben davon schnitt , da klingelte es und der Herr Doktor wurde zu einem Schwerkranken gerufen und kam erst im Morgengrauen zurück , blaß und traurig , denn der arme Mensch , dem das Getriebe der Mühle den Brustkorb eingedrückt hatte , den hatte er nicht retten können , und eine Witwe und sechs Kinder jammerten um ihren Ernährer ! Ich saß derweile mutterseelenallein und weinte mich satt . Darüber fand mich mein junger Mann eingeschlafen und hat mir die Füße auf das Sofa gehoben und mich sorglich zugedeckt und schlafen lassen . Wie ich aufwachte , da war ich noch in meinem schwarzseidenen Hochzeitskleid , und draußen schien ein trüber Vorfrühlingsmorgen in die Fenster . « » Ein schwarzes Kleid hattest du ? « fragte ganz entsetzt Lori . Die Professorin nickte . » Ja , und es hat recht hübsch ausgesehen zu meinen blonden Haaren , das haben alle gemeint . Und meine Mutter sagte , als sie es kaufte : › Ihr habt ' s nicht zu einem extra Brautkleid und unnützem Firlefanz , aber ein Schwarzseidenes das muß sein für jede Frau ‹ . « » Hattet ihr denn nur so wenig ? « » Gar nichts hatten wir , Lori ! « lachte die hübsche Frau . » Papa war Arzt und hoffte auf Praxis , und um die zu kriegen , brauchte er eine Frau . Unverheiratete Doktoren genießen kein so großes Vertrauen wie die verheirateten . Da kam er und wollte mich . « » Wolltest du ihn denn nicht auch , Mutter ? « Anne Dore hing mit großen traurigen Augen an den Lippen der Mutter . 267 » Nein , ich wollte ihn eigentlich nicht , Anne Dore . « » Und du mußtest , Mutter ? « » Auch das nicht , aber ich sah ein , daß – – Doch das würde jetzt zu weit führen , ich erzähle es dir ein andermal , Anne Dore . – Kommt nun hinüber , dort in das gegenüberliegende Zimmer ! Das war mein Reich und zugleich die › gute Stube ‹ . In dem daneben liegenden hofseitigen Zimmerchen hielten wir unsere Mahlzeiten . O , mein Putzstübchen war fein und niedlich , besonders wenn die Sonne hinein schien durch die hübschen weißen Gardinen , die ich selbst gestickt hatte . Über dem Sofa , das mit grünem Plüsch bezogen war , hing der Regulator und rechts und links die Photographien von den Eltern . Auf dem Vertikow stand der Christus von Thorwaldsen . Im Bücherbrett schimmerten alle meine Lieblinge in feinem Einband : Chamisso und Uhland , Storms › Immensee ‹ , Geibels Gedichte und Heyses › Arrabiata ‹ – Goethe und Schiller nicht zu vergessen . Im Fenster neben dem Nähtischchen zwitscherte Hans , der gelbe Kanarienvogel , den hatte ich schon daheim in meinem Mädchenstübchen gepflegt . Er war so zahm , er saß fast immer auf meiner Schulter , ich hatte ihn sehr lieb , den kleinen Kerl ! « Die stattliche Frau lächelte wieder ihr junges Lächeln , und ihre Augen streiften im Stübchen umher , als sähe sie es wieder wie damals . Und wie verloren setzte sie leise hinzu : » Ja , ja , und hier war es , wo ich mein Glück plötzlich erkannte . « * * * Anne Dore und ihre Mutter saßen Abends allein in ihrem Logierstübchen der » Grünen Tanne « . Lori schlief schon , ihr regelmäßiges Atmen drang deutlich in das Ohr der Mutter . Frau Professor Bodenstedt hatte eine weiße Frisierjacke angezogen , und die Tochter flocht ihr das volle leicht ergraute Haar in zwei Zöpfe . Die Frisur gab ihr etwas Mädchenhaftes , Liebliches . Oder machte es die Erinnerung an ihre Jugend , die ihr die Wangen leicht rosig gefärbt hatte ? Die Tochter empfand dies , und sie sagte herzlich : » Die alte Frau in dem Häuschen wird schon recht haben , Mutter , wir reichen 268 dir das Wasser nicht . Wie hübsch mußt du gewesen sein als junges Mädchen ! Viel zu fein eigentlich für die Verhältnisse , in die du anfänglich kamst . Ich meine , du hättest viel eher in das Schloß gepaßt . « » Das habe ich auch einmal gemeint , Anne Dore , und das will ich dir jetzt erzählen , liebes Kind . Lori soll es später einmal erfahren , wenn sie reifer ist . Du , der das Leben schon einmal das ernste Gesicht zugewendet hat , du bist reif genug dafür , du wirst es richtig verstehen und gewiß sein , daß deine Mutter dabei einen Zweck im Auge hat . Sie möchte dich aussöhnen mit deinem Geschick , meine Anne Dore , dir sagen , daß mit einer gescheiterten Liebe nicht auch das Glück des Lebens untergeht . So – so – mein Herz , – gib mir die Nadel ! Danke ! Und nun komm , ich setze mich in den Lehnstuhl , und du legst deinen Kopf auf mein Knie und bist ein bißchen geduldig . Lange spreche ich nicht . Sitzest du auch gut auf deinem Fußbänkchen ? « Und als die Tochter ihr zu Füßen genickt hatte , begann sie , indem sie behutsam und zärtlich über das dunkle Haar ihres Lieblings strich : » Du weißt , daß mein Vater einfacher Beamter war , Rentmeister bei dem Baron Zweistetten , und du hast heute gesehen , wo wir lebten . Du weißt aber nicht , daß meine Mutter eine Gräfin Illerode aus Ohlenfels war , die mein Vater gegen den Willen der Ihrigen geheiratet hatte . Vater war als Inspektor nach Ohlenfels gekommen , sie hatten sich beim Erntetanz 269 kennen gelernt , liebten sich dann , und nichts war im stande , sie zu trennen . Ich habe das alles aus den Briefen , die sich nach ihrem Tode sorgsam aufbewahrt vorfanden , erfahren . Meine Mutter war die älteste der Komtessen , sie war wohl die Klügste , aber auch die am wenigsten Hübsche unter ihnen . Nur ihre wunderschönen dunklen Augen fesselten , und mit diesen hat sie es ja wohl meinem Vater angetan , so daß er nichts weiter sah und hörte und wollte als die Besitzerin dieser treuen , traurigen Augen . Sie erwiderte seine Neigung von ganzer Seele . Immer übersehen , verschmäht und zurückgesetzt bis dahin , fühlte sie nun eine so tiefe und starke Liebe für den tüchtigen , von jedermann geachteten jungen Mann in ihrem Herzen , daß sie den väterlichen Zorn sowie alle Vorstellungen und Einwendungen ihrer Familie geduldig ertrug und an ihrer Liebe festhielt mit der ganzen Kraft ihrer Seele . Als man sie dann , damit sie vergessen sollte , auf die Güter der Familie nach Österreich geschickt hatte , rührte der Herzenskummer der Armen ihre dort zurückgezogen von der Welt lebende Tante , ein altes Freifräulein , welches ihr seine ganze Liebe und Teilnahme zuwandte und zu helfen versprach . Leicht scheint das nun allerdings nicht gegangen zu sein , denn der Herr Großpapa war ein stolzer Herr , und einen noch größeren Stolz scheint Mutters Bruder , der als Kavallerieoffizier diente und mit Verachtung auf die untergeordnete Stellung meines Vaters herabsah , gehabt zu haben . Aber zuletzt setzte es das alte Tantchen , welches einen merkwürdig stillen Einfluß gehabt haben muß , doch durch , daß der stolze Großvater sich der Heirat wenigstens nicht mehr widersetzte . Nur die eine unumstößliche Bedingung stellte er , daß keinerlei Beziehungen zwischen dem unerwünschten Eidam und ihm sowie der gesamten gräflichen Familie bestehen dürften . Auch mußte Mama auf jeden Vermögensanspruch verzichten . Wie sehr mag sie unter der gänzlichen Trennung von den Eltern gelitten haben und wie groß muß ihre Liebe zu Papa gewesen sein , daß sie ihn nie etwas davon merken ließ ! Ein Trost war es für sie , daß ihre Mutter ihr doch , so oft es sich tun ließ , noch Beweise und Zeichen ihrer mütterlichen Liebe und Sorge gab . Die Hochzeit fand dann ganz in der Stille statt . Das freundliche Tantchen nahm als 270 einzige Verwandte der jungen Frau