aus der Vergangenheit tönte ihm entgegen das alte Lied von der Liebe , Leid und Klage . Einmal schritt Heinz von Kerkow , die Büchse über die Schulter gehängt , wieder durch den stillen Wald . Rehe und Hirsche brauchten ihn nicht zu fürchten , denn der Jäger jagte den Bildern nach , die seine Phantasie ihm vorwob . Er setzte sich nieder im Schatten eines Baumes und schrieb in sein Notizbuch ein Gedicht , in dem er sein Innerstes enthüllte . Es blieb nicht bei dem einen Gedicht . Heinz gefiel sich in diesen poetischen Klagen , bald war ihm der Rahmen eines Gedichts zu eng , er begann , Erzählungen zu schreiben , ergreifende Begebenheiten zu gestalten auf den Schlössern und Burgen , auf den Bergen und Thälern , die er so genau kannte , halb Wahrheit , halb Dichtung war darin enthalten . Rascher als er dachte , wuchsen diese Skizzen zu einem Bändchen an , in dem er gern las und an dem er gern feilte , „ Verklungenes Leid “ nannte er das Buch , das ihm lieb und teuer geworden . Hede erfuhr nichts davon , sie war mit ihren hauswirtschaftlichen Pflichten so beschäftigt , er wollte auch dem fleißigen Mädchen mit solchen Enthüllungen nicht kommen , die praktische Hede arbeitete und er trieb brotlose Künste . Das sagte er sich selbst . Und Toni ? Toni hatte keinen Sinn für derartige Sachen . Hin und wieder hatte sie einen leichtgeschürzten französischen Roman aus der Bibliothek verlangt , und als der knappe Vorrat an solchen Büchern bald erschöpft war , kümmerte sie sich nicht mehr um die Bibliothek und nannte ihren Mann spöttisch einen Bücherwurm . p Inzwischen war der kleine Heini zur Welt gekommen . Die Geburt des Kindes machte Heinz glückselig . An der Wiege bei dem schlafenden Kleinen sitzend , schmiedete er Pläne , wie er den Buben erziehen wollte , viel besser als er erzogen worden , ohne Vorurteile – ein Mann sollte er werden , der überall , wo er einst zu stehen berufen sei , den Platz ausfüllte . Sein ganzes Leben und Streben wollte er ausnutzen für das Kind ! Aber vorläufig war das noch nicht soweit , um erzogen zu werden , es schlief gar so viel . Und nun kaufte sich Heinz auf Teilzahlung einen photographischen Apparat . Das war damals , als der kleine Bursche eben anfing , aufrecht zu sitzen und unverständliche Laute von sich zu geben . Heinz richtete sich in irgend einem leeren Winkel eine Dunkelkammer ein und machte oft an einem Tage so und so viel Aufnahmen des Kindes , und immer des Kindes – mit nacktem Hals und bloßen Aermchen im weißen pelzverbrämten Mäntelchen , auf der vorzeitig angeschafften Schaukelpferdchen , von der Wärterin festgehalten neben dem Leonberger , auf dem Schoß der Mutter und allein in einem Riesenfauteuil . Dann war es so köstlich , wie das Bürschchen wuchs , wie es die ersten Schrittchen that , wie es , Papa ! ’ sagte zum erstenmal . – In dieser Zeit war Heinz beinahe glücklich . Und dann kam das Schreckliche ! Der Apparat wurde in die Ecke gestellt , der kleine Krüppel konnte ja nicht photographiert werden . Dieser Tag war der entsetzlichste in Heinz Kerkows Leben gewesen . Der Tag , an dem das Kind verunglückte ! Es konnte kein schlimmerer mehr kommen . – Im vorigen Sommer , an einem furchtbar heißen Augustnachmittage war es gewesen , als Toni , trotz seines Abratens , nach Schloß Arnstein zur Gräfin Arnstein fuhr . Kutscher und Diener hatten mißmutige Gesichter gemacht , ersterer sogar gewagt , von einem schweren Gewitter zu sprechen , das offenbar drohe . Aber Toni hatte gewollt . Diesmal redete sogar Tante Gruber ab – vergeblich . Toni , die sonst so leicht unter Temperaturextremen litt , schien heute , wo alle anderen Menschen unfähig waren , sich zu rühren , völlig normal und kam im hellen Sommerkleid , das trippelnde Kind an der Hand , die Treppe herab , just als Heinz sich vergewissert hatte , daß des heranziehenden Unwetters wegen die Fenster allenthalben durch Läden geschützt seien . „ Du willst doch fahren , Toni ? “ „ Wie du siehst . Das Gewitter kommt erst heute abend , ich fühle es genau . “ „ Aber der Junge bleibt hier , “ hatte er gefordert . „ Nein , er kommt mit , er freut sich schon so – nicht wahr , Heini , Hotto fahren ? “ „ Du bleibst bei Papa Heini ! “ Ein furchtbares Gebrüll antwortete ihm , wie er es von dem Kinde noch nie gehört . Die Jungfer bemerkte : „ Das macht die Gewitterluft , er weinte schon immerzu heute , weiß selbst nicht , was er will . Na , sei doch nur gut , sollst ja mit ! “ Und sie war , das Kind auf dem Arm , der Mutter gefolgt . Heinz trat allein in sein Zimmer . Er hätte ja können seine Gewalt geltend machen , aber ihm graute vor den Scenen , bei denen sich Frau Toni wie wahnsinnig zu gebärden pflegte , ihn immer wieder anklagte als den schrecklichsten Pedanten , der allein schuld sei , daß ihre Jugend so verkümmerte . Hätte er sie geliebt , so würde er wohl irgend welche Erziehungsversuche gemacht haben – so war es ihm einfach ekelhaft , er vermied lieber in einer Art Feigheit , die Scenen hervorzurufen . Jeder Todesgefahr , jeder Unannehmlichkeit großen Stils , jeder schweren Sorge hätte er mutig ins Auge gesehen , dem Gekreische der halb unzurechnungsfähigen Frau wich er aus . Jeden Tag fast machte er sich Vorwürfe über diese Feigheit , und würde sie sich machen bis an sein Lebensende , das wußte er . Ach , so deutlich erinnerte er sich noch an jede Kleinigkeit dieses Tages , der Unruhe , die ihn folterte , daß er von einem Fenster zum andern schritt , um nach dem heraufziehenden Wetter zu spähen . Dann , wie er hinunterging in der bleiernen Hitze , die von keinem Lufthauch belebt war , um die Schwester aufzusuchen ! Er traf sie mit heftigem Kopfweh in ihrem eignen Zimmer , das sie sich mit den Sachen aus der Heimat so reizend geschmückt hatte . Sie lag auf dem Sofa , die Aelteste erhielt im Wohnzimmer Klavierunterricht und einzelne schrille Töne drangen bis hier herüber ; der Junge machte Schreibversuche auf der Schiefertafel in einer Ecke des Zimmers , die Jüngste spielte mit ihren Puppen . „ Welch ein Wetter , Heinz ! “ sagte Hede , „ und dabei kommst du herunter ? “ Du mußt den steilen Weg wieder hinauf , hast du ’ s bedacht ? “ „ Ja , Hede ! Laß mich nur ein Weilchen hier ; ich habe eine furchtbare Unruhe , Toni ist mit dem Kleinen ausgefahren , und ich fürchte , sie kommt in das Wetter hinein bei der Rückfahrt . “ Hede antwortete nicht , sie kannte ihre Schwägerin , sie kannte ihren Bruder und die ganze Trübsal dieser Ehe . „ Tante , “ rief die Kleine , von ihrem Spielzeug aufblickend , „ hörst du , wie ’ s im Himmel knurrt ? “ Es war ein beständiges dumpfes Grollen in den Lüften , manchmal so , daß die Scheiben leise klirrten , und zugleich brach eine wunderliche gelbe Beleuchtung durch die Fenster . „ Aengstige dich nur nicht , Heinz , die alte Gräfin ist viel zu vernünftig , sie läßt Toni nicht fort , bevor das Unwetter vorüber ist . “ „ Ja , ja “ , war seine zerstreute Antwort gewesen , während er ans Fenster trat und den Platz übersah , der in wunderlich gelber Beleuchtung dagelegen hatte . „ Ich will übrigens doch lieber hinaufgehen , man weiß ja nicht , was passiert . “ – Er hatte ihr die Hand gedrückt und war gegangen . Draußen kam ihm alles verändert vor , die Mauern des Schlosses grell weiß gegen den schwarzen Himmel , wie in phosphorescierendes helles Licht getaucht , die Bäume dunkel und regungslos , nur ein leises Zittern in den Wipfeln als horchten sie angstvoll des kommenden Sturmes . Heinz war anstatt direkt zum Schloß empor , die große Allee des Parkes entlang gegangen , durch die der Wagen zurückkehren [ 184 ] Indische Heerschau am Maharremfest in Haidarabad . Nach dem Gemälde von Herm . Linde . [ 185 ] [ 186 ]  mußten hart am Raube des Weihers hiu zog sich diese herrliche Liudeuallee . Es war faft duukel darin gewesen uud völlig eiufam . Er hatte sich gauz mechauisch auf eine der Bänke gefetzt nnd wartete auf das Unglück , das da kommeu müßte , wie er sich fagte . Er hatte es im Gefühl uud schalt sich darum ans , aber die er ^ regteu Nerveu kameu eigeufinuig auf die Idee zurück , daß dem Kinde etwas zuftoßeu werde . Uud ehe er es gedacht , war das Wetter losgebrochen eiu rafeuder Orkan der ihn gegen einen der hnndertjährigen Stämme schleuderte , als wäre der große kräfage Mann ein Rohr ^ Wirbel vou Staub , die ihm das Seheu uumöglich machten uud das Atmen benahmen ein Dosen , ein Henlen und Krachen in den Lüfteu , wie sich die Volksphantasie den Iüngsten Tag vorftelleu mag , dann ein kürzer blendender Schein , ein gewaltiger Donner nnd Flnten von Regen . Mit ausgebreiteten Armen hatte er die Linde nmfaßt , wie betänbt , dann meinte er durch das Rauscheu ein Stampfen uud Drappelu zu höreu , einen gellenden Hilferuf . Als er vorwärts getaumelt war , hatte er nicht weit von sich im Scheiue eines neueu Blitzes ein gestürztes Pferd gesehen , ein zweites sich hoch . aufbäumend , einen niedergebrochenen Wagen und etwas Weißes nnter den Rädern , etwas Kleines , Weißes . Er war hinüberge ^ ftürzt - er weiß heute noch uicht , wie er dieses Kleiue , Weiße ge . fuudeu in dem uachtschwarzen Wettergraus , wie er es an feiu Herz gedrückt unter dem durchuäßteu Rock , wie er vorwärts ge . taumelt in dem strömenden Regen , ohne sich zu kümmeru um das , was hinter ihm zurückblieb , um die uervösen , schrillen Angst . ruse der Fraueusamme ! Sie lebte ja noch -das , was er hier hielt , war starr , war tot , mutwillig veruichtet . Der Regen war an seinen Kleideru hiuuutergeströmt , als er ohue Hut , mit stiereu Augen uud bleichem Gesicht in das Haus bes alten Mediziualrats geschwaukt war , uud er hakte ihm hiu . gehalten was er gerettet , den kleiueu , weicheu Kiudeskörper , der schlaff uud leblos in feiueu Armeu lag . - , ,Aus dem Wagen gestürzt , vermutlich überfahreu - helfeu Sie , retteu Sie ! Eiue fürchterliche Viertelftuude verrauu , bis das zarte Ge . schöpf ein Lebeuszeicheu von sich gab . Uugeachtet feiuer durch . uäßteu Kleider war Heinz nicht bon der Seite des alten Herru gewicheu uud hakte jede Bemühung des Arztes mit zitterudem Herzeu verfolgt . Dauu war der Dieuer erschieueu uud haae be . ftellt , Frau von Kerkow habe vor Schrecken Nerveuzusälle be . kommeu und laffe bitten , daß der Herr Schloßhaupkmann fofort mit Heini heraufkäme . Heiuz autwortete keine Silbe , der alte Herr aber fuhr beu warteudeu Diener an , die Gnäbige folle sich ins Bette scheren uud eine Tasse Dhee trackeu - ob sie den Heini je wiedersehe , das sei zweiselhast ! Heinz hatte den Arm des alten Arztes gepackt . , ,Herr Me ^ dizinalrat - stöhnte er . , ,Faffen Sie fich , Herr von Kerkow ! - Ich thue , was ich kauu . Eiu paar Skuuden später hatte Heiuz , in Begleitung des Arztes , ^ das in wollene Decken gewickelte , leise wimmernde Kiud den Schloßberg hinaufgetragen , er felbft legte es in ein Bettchen , er selbst wachte bei ihm . Wie ein Rasender war er aufgefahren als Doui sich hereinschlich , in einen weiten , eleganten Schlafrock gehüllt , bereit , jeden Augeublick in ein exaltiertes Weiuen auszu . brechen Mit eiferuem Griff packte er sie am Arm und zerrte fie aus der Thür , die er hinter ihr abschloß . Er fühlte , er war brutal in diefem Augenblick , aber er konnte sie hier nicht fehen , angefichts des Iammers , den sie verschuldet hatte . - - Durch Wocheu uud Mouate pflegte er das Kiud , das ihu fast ausgeföhut hätte mit dem Lebeu an der Seite dieser Frau - fast , wäre es jetzt gefund geblieben , es nur wieder geworden ! Aber die völlige Genesung kam uicht , würde uie mehr kommen , uud damit that sich ein Abgruud auf zwischeu den Gatteu , über deu keine Brücke führte . Doui hatte uach jeuem Auftritt am Beae . des Kiudes keiueu Verfuch gemacht , sich irgendwie die Schuld beizumeffeu , haae kein Wort des Bedauerns , der Anklage sür sich gefunden . An Entschuldigungen für sich ließ sie es gegen ihre Bekannten nicht fehlen Heinz gegenüber wagte sie das nicht . Wie Schatten glitten die beiben Menschen aneinander vorüber . Sie konnte das leidende , manchmal ungeduldige Kiud kaum feheu . Als sie eiumal im Zimmer ihres Mauues war , um über irgeud eine Augelegeuheit , die es uuumgänglich notwendig machte , mit Heinz zu reden , trat sie hinter feinen Stnhl am Schreibtisch - neben ihm war kein Platz , da ftand das Wägelchen mit dem Kinde . - Sie fragte kurz und bekam kurze Autwort , sie hakte geheu köuueu , aber sie wollte noch etwas , nicht mehr uud uicht weuiger als das ^ . ob Heiuz sie auf einen Maskenball in Breudeu . burg , der uächfteu preußischeu Kreisftadt , begleiteu werde , deu die bortigen Kürafsieroffiziere veranstalteten uud auf den fie schlechterdiugs nicht alleiu geheu köune ! Es mnßke ihr viel daran liegen , deuu sie bat um sein Mitkommen . Er wandte sich um uud sah sie empört au . , ,Ich bin augesichts dieses - er deutete mit der Haud aus das Kiud - , , nicht im staude , aus Bälle zu geheu ! , ,Meiu Gott , sagte sie eisig , , , es ist ja ein großes Unglück , aber man kann doch deshalb nicht sein Leben lang Trübsal blasen , ,So geh ' , wenn du diese Ausicht hast ! , ,Ich kann nicht alleiu geheu , das weißt dn dn last be ^ pflichtet , mich zu begleiteu . , ,Ich fühle mich verpflichtet , bei dem armen Geschöpf zu bleibeu , das du in deiuem Eigeusiuu zu eiuem schrecklicheu Lebeu verdammt haß . Eiue weitere Pflicht keune ich vorläufig uicht ! Der kleiue Kranke mochte sich erschrecken vor den fkreugeu Worteu , er fiug laut zu kreischeu au . Douis hefage Erwiderung giug unter in diefeu kreischenden Tönen . Da fprang sie mit fuu . keludeu Augen neben das Kind uud schrie ihm ein gellendes , ,Ruhig ! zu , iudem sie auf das abgemagerte Häubchen schlug . Iu uameulofem Schreck verftummte das Kiud , die großeu Augen wurdeu ftarr uud verschwaudeu faft unter den Lidern das gauze Gesichtchen .zuckte wie im Krampf . Aber gleich einem gereizten Diger fprang Heinz anf , erfaßte sie an der Schulter uud rüttelte sie wie einen jungen Baum . , ,Du ! Du ! saeß er hervor , , , bist du deuu ein Meusch , bist du deuu ein Weib ? Dauu ließ er sie los , daß sie schwaukeud uud ftumm auf den Teppich fauk , warf sich vor dem Bettcheu auf die Kuiee , ballte die Fäufte vor feiuer Stiru uud brach in ein leidenschaftliches Schluchzeu aus . Am Abeud erst löfte sich der Krampfanfall bei dem Kleinen . Heinz Kerkow aber vergrub fortau die Sehufucht uach dem Lebeu , uach Freiheit , uach all dem Schöueu , Großeu , was er eiuft ver . mißte , aef in seine Bruft . In dieser Leidenszeit konnte er nicht mehr arbeiten . Mehr uud mehr sah er eiu , daß sein Junge ein Krüppel zeitlebens bleibeu würde . Er war für keiueu ordentlichen Berus mehr taug . lich ^ er brauchte nur einen Wärter uud Pfleger . Diefer Gedanke trieb Heinz von feinem Schreibasch , von der Arbeit an seinem nenen Werke sort an das Bettchen seines Kindes . Dann , eines Tages , der krüb und regnerisch anhob , kam eine neue Prüfung . Es erschieueu Leute mit Wagen uud Kisten nn ^ die Bücherei von Breiteufels uach der Residenz überzuführen . Heiuz fah , wie die Bücher verpackt wurdeu , uud es war ihm , als ob man vor feiueu Augen liebe , gute Freuude einfargte . Er mußte alle Kraft aufwenden , um sich zu beherrschen um nicht zu weiuen wie ein Knabe . Als er einige Dage darauf durch die leereu Bibliokheksräume schritt , fühlte er , daß es auch in feiuem Iuueren öde und leer geworden war . Halb Wahrheit , halb Dichtung waren seine erften Schriften , auf geschichtlicheu Studieu waren sie gegründet . Ohne diefe Onelleuwerke , die man ihm weggeuommeu , konnte er uicht weiter schaffen Warum auch mußte das Schickfal immer uud immer ihn fo hart kreffeu ! Iu der Iugeud hatte er auf seine Neigungen ver . ^ zichten , seine erfte wahre Liebe hatte er aus dem Herzeu reißen müssen , um sich nutzlos für Mutter uud Schwesteru zu opfern ! Das schieu überwuudeu , in feiuem Kiude wollte er auflebeu - vergebeus ! Das Verhängnis verfolgte ihn - was follte er weiter gegen diese finstere Macht ringen ? Er existierte nur noch für den kleiueu krüppelhafteu Jungeu , der chm alles war in diesem Dasein . Wenn der sterben sollte , dann - dann wollte er auch nicht weiter leben . Er nahm kaum noch teil an dem , was draußeu passierte in der Welt , öfter blieben die Zeitungen unberührt er ging nicht mehr , wie [ 187 ] anfangs , nach dem Gasthof ins Klubzimmer – er saß bei Heini . Unermüdlich schnitzelte er Spielzeug zurecht für ihn , erzählte ihm Geschichten , und neulich hatte er die Idee gefaßt , er wollte den kleinen Kranken malen , inmitten der blühenden Büsche und junggrünen Blätter des Lenzes . So lebte er dahin . Er wußte , daß seine Frau viel ausfuhr , er bekümmerte sich nicht darum . Er wußte , daß der Herzog im letzten Herbst gesagt hatte . „ Der Kerkow ist total versimpelt , die Frau thut mir leid , die hat sich herausgemacht , ist ganz nett geworden . – Ja , der Herzog hatte recht , er war versimpelt , und Toni war aufgeblüht , er sah es ja auch , aber es machte keinen Eindruck auf ihn . „ Er ist verrückt , “ pflegte Frau Toni zur Tante Gruber zu sagen , „ er ist ein Pedant ! Mir könnt ’ s wahrhaftig auch lieber sein , ich wäre damals nicht ausgefahren , aber nun ’ s geschehen ist , kann ich ’ s doch nicht ändern , und wollte ich mir die Haare einzeln ausreißen ! Und so dachte sie auch jetzt wieder , als sie in Begleitung einer der Arnsteinschen Komtessen in der spitzbogigen Pforte des Schloßhofes erschien , die auf die Terrasse führte . Die Komtesse hatte Besorgungen gemacht in der Stadt und war zu ihrer lieben Frau von Kerkow auf einen flüchtigen Besuch gekommen ; sie brachte einen kleinen chinesischen Drachen an langem Faden mit für Heini . Toni , in einem Kleide aus zartblauem Leinen mit seidenen Aermeln derselben Farbe und breitem Spitzenkragen , war allerdings nicht zum Wiedererkennen gegen früher , wären nur die blassen kalten Augen nicht gewesen . Als sie Heinz erblickte , wurden sie noch kälter und härter . Die Komtesse war ein liebenswürdiges Geschöpf , sie hatte ein Verständnis für das , was dieser Mann litt , der ihr einige Schritte entgegentrat . Sie nahm nach ein paar freundlichen Worten einen Stuhl ihm gegenüber und begann irgend eine Plauderei . Sie war mit Papa in Berlin gewesen , hatte eine Parade gesehen , und von dort war man nach Dresden gekommen , wo sie in Musik geschwelgt habe . „ Und denken Sie sich , Herr von Kerkow , denke dir , liebe Toni – ihr erinnert euch gewiß noch der kleinen Aenne May , der Tochter von unserem alten Medizinalrat ? Na , ja , die habe ich singen hören – großartig ! Herrgott , die Dresdner waren ganz Mayverrückt ! Natürlich interessierte es mich , das Nähere zu erfahren ; ich las am andern Morgen im Hotel das Adreßbuch nach , machte mich auf die Sohlen und besuchte sie . – Ich stieg vier Treppen hoch in ein niedliches Mansardenquartier , ein ganz junges Dienstmädchen öffnete , doch leider war Fräulein May nicht zu Hause . Eine alte weißhaarige Frau aber erschien und lud mich ein , näherzutreten , und wie sie hörte , ich sei eine Landsmännin ihrer Nichte , flossen ihr Lippen und Augen über . So ein Glück – der Theaterintendant hatte sie vom Fleck weg für die Hofbühne haben wollen , aber sie will nur Konzertsängerin sein – denkt euch – solche Anerbietungen nach ihrem ersten öffentlichen Auftreten ! Unmassen von Verpflichtungen ist die Aenne eingegangen , bis nach Petersburg hinauf , und doch hat sie zwei große Konzerte abgesagt , weil sie drüben in Brendenburg singen will zum Sängerfest . „ Ich glaube , “ schaltete die Komtesse ein „ es ist Ende des Monats . “ Die Eltern sollten sie doch auch ’ mal hören , meinte die Tante , und die Lehrer vergötterten die Aenne ; so eine herrliche volle Stimme , ein solch eiserner Fleiß , solch wahrhaftes Streben aber auch ! Na , kurz , ich sage Ihnen , meine Herrschaften , ich schied ganz gerührt aus dem kleinen trauten Mansardenstübchen und dachte so bei mir , da hast du doch ’ mal das Glück leibhaftig gesehen , ein Glück wie im Märchen – sie wachte auf und war berühmt ! “ Heinz sah starr in die Ferne hinaus , die im leuchtenden Schimmer der untergehenden Sonne lag . „ Wie im Märchen ! “ sagte er zu sich . „ Glück zu , kleine Aenne ! Der eine so – die andere so ! “ „ Ich war vorhin in der Buchhandlung , um mir das Lied abzuholen , das ich neulich schon bestellte , “ fuhr die Komtesse fort . „ Aenne May sang es im großen Konzert des Dresdner Gewerbehauses , aber der Mann kannte es nicht , hatte auch nichts erfahren können , im Druck sei es nicht erschienen ; Kennen Sie es vielleicht zufällig , Herr von Kerkow ? Ein paar Strophen sind mir noch gegenwärtig : , 0 du purpurner Glanz der sinkenden Sonne , Wie zauberhaft webst du um Flur und Hain . ’ Er lächelte trübe . „ Ich kenne es , “ sagte er leise . „ Auch das Gedicht war mir fremd . Von wem mag es sein ? “ forschte nun die Komtesse . „ Ich weiß es nicht , “ antwortete er . Er hätte um die Welt nicht eingestanden , daß er der Dichter war . Doch vor seinen Augen stand wieder das Bild eines in Glut getauchten Sommerabends , er hingelagert ins Heidekraut auf der Lichtung und sie daneben , in das Rot und Violett der Ferne schauend , die Arme um die Knie geschlungen , die reinste Andacht in dem jungen , schönen Antlitz . – „ Da ! “ hatte er plötzlich gesagt und ihr ein rasch beschriebenes Blatt hingereicht , das er aus dem Notizbuch gerissen . Und sie hatte es gelesen . Er wußte nicht , war ’ s die Sonne , die ihre Wangen plötzlich so purpurn färbte , oder das rote , warme , verräterische Blut ? Und dann sang sie es nach ihrer Lieblingsmelodie , die sie einst selbst gefunden . Und die Sonne ging unter . . . „ Kann man in das Konzert gehen ? “ fragte Toni mit ihrer klanglosen Stimme . „ Natürlich , Toni – wir werden alle da sein . Soll ich dir einen Platz bestellen neben uns ? Oder gehst du mit deinem Manne ? “ „ Ich ? Nein ! Ich bedaure , ich nehme nicht teil “ , sagte er , unartig kurz und bestimmt . „ Wie immer ! “ erklärte Toni mit einem verständnisvollen Blick zur Komtesse , der soviel bedeutete : Da siehst du , welch ’ ein Los mir beschieden ! „ Also , seien Sie so gut , liebste Feodora , und bitten Sie Ihre Mutter , daß sie sich einer schutzlosen Frau annimmt bei dieser Gelegenheit . Ich muß leider Ihre Güte so oft in Anspruch nehmen . “ Die Komtesse schwieg und sah forschend in die blassen Züge des Mannes und von da hernieder auf das Kind , und sie glaubte , ihn zu verstehen . „ Adieu , Herr von Kerkow “ , sagte sie mit besonders herzlicher Betonung und reichte ihm die Hand . „ Mein Wagen wartet drunten vor dem Parkthor , und Sie werden denken , daß Ihr Jungelchen zu kurz kommt , wenn ich Sie noch lange vom Plaudern mit ihm abhalte . – Leb ’ wohl , kleiner Heini , vergiß die Tante nicht ! Was soll ich dir denn das nächste Mal mitbringen ? “ Aber das Kind bewegte leise abwehrend den blonden Kopf . „ Ich danke – nichts , “ sagte es . „ Recht höflich ! “ lachte Toni auf , „ das macht die Erziehung von Heinz . – Warum denn nicht , du kleiner Grobian ? Hast du dich nicht gefreut über das schöne Spielzeug dort ? “ Der kleine Kranke gab den Blick der ärgerlichen Mama groß und verwundert zurück . „ Das bunte Papierding “ , sagte er , „ das kann fliegen und sieht so fröhlich aus , und ich bin doch ein lebendiger Junge und – kann ’ s nicht . Ich mag ’ s nicht sehen . “ Toni drehte sich achselzuckend um , sie verstand nicht die furchtbare Bitterkeit und Schärfe , die aus den Worten sprach . Um den Mund der Komtesse zuckte es wie verhaltenes Weinen , sie nickte noch einmal hinüber zu Heinz , der mit tiefer Verbeugung Abschied nahm , dann ging sie neben Toni über die Terrasse und verschwand hinter den Jasminbüschen . Heinz aber bog sich hernieder und strich über die bleiche Stirn des Kleinen . „ Nicht bitter werden , Liebling , nicht bitter werden , “ murmelte er kaum verständlich . „ Und wir haben uns doch lieb , was ? “ „ Ja , Papa ! “ antwortete der kleine Kranke . Und Heinz schob nun vorsichtig das Wägelchen der Spitzbogenpforte zu , die auf den Schloßhof führte , und bis vor das Portal des jenseitigen Flügels , hob dort das gelähmte Körperchen behutsam aus den Kissen und trug es in die Wohnung hinauf . An der Schloßwache stand der seit einigen Wochen herkommandierte Lieutenant und sah sich alles mit an . Dann schlenderte er langsam über den Platz , betrat die Terrasse , die Heinz eben verlassen hatte , wandte sich rechts und ging in den Herzogingarten hinunter , setzte sich in eine fast dunkle Aristolochienlaube , lehnte sich zurück und wartete auf irgend etwas . „ Hol ’ s der Teufel , man kommt vor Langerweile auf dergleichen “ murmelte er . Er war ein hübscher Mensch mit einem geistlosen Durchschnittsgesicht und stattlicher Figur , augenblicklich aber entschieden schlechter Laune . Plötzlich verzog sich das Gesicht zu einem süßlichen Lächeln . „ Aha ! “ sagte er halblaut . Ein eiliger , kurzer Frauenschritt erklang , das Rauschen eines [ 188 ] [ 201 ] Der Mai ging vollends vorüber , wunderbar schön mit seinen Blütendüften , seinen warmen , dunklen vom Gesange der Nachtigallen durchtönten Nächten . Sie schlugen so laut und sehnsüchtig , daß der Mann da oben auf seinem Lager , neben dem das Bettchen des Kindes stand , nicht schlafen konnte , und daß , wenn er endlich schlief , allerhand süße liebliche Träume über ihn kamen , die er einst wachend hatte erleben wollen . Auch im Garten der Oberförsterei sangen sie in langgezogenen schmelzenden Tönen , die Nachtigallen , dicht vor Hedwig Kerkows Stube in den Haselnußsträuchern . Die Kinder nebenan schliefen süß und fest , aber sie wachte und saß halbe Nächte am Fenster und dachte an Heinz da droben und weinte um ihn , und wußte gar nicht , daß sie auch über sich selbst weinte in unruhigem nicht verstandenem Leid . Auch heute wieder erging es ihr so , zwei Tage vor dem Musikfeste , das bereits die ganze Stadt in Aufregung hielt . Eigentlich war es ja thöricht , daß sie weinte , sie konnte damit Heinzens Schicksal nicht ändern , und sie selbst – sie hatte es doch eigentlich recht gut getroffen im Leben , sie hatte ein Heim , eine Stellung , in der sie absolute Freiheit genoß ; der Hausherr begegnete ihr mit derselben achtungsvollen Herzlichkeit , mit der er sie am ersten Tage ihres Eintritts empfangen . Ein- bis zweimal hatte er auch ein paar verlegene Dankesworte für sie gehabt , damals , als sie die Kinder Tag und Nacht pflegte während der bösen Scharlachepidemie . Nur ein Gemurmel war ’ s gewesen , ein [ 202 ] Händedruck , aber die Augen waren ihm feucht dabei geworden . Im übrigen glich er einem Automaten und saß drüben in seinem Bau , wie er scherzweise seine Stube