dem Liebsten , daß mir das Herz beinah stillstand vor Schmerz und Wehmuth ; die Mutter erfuhr erst durch die wilden Fieberreden von ihres Kindes Lust und Schmerz – ich mußt ’ ihr Alles erzählen . Sie warf einen langen kummervollen Blick auf das liebliche Geschöpf , das so jäh aus seinem Himmel geschleudert war , der Vater aber tobte und fluchte über den Treulosen ; nur Lisett ’ s Bruder sagte : [ 822 ] ‚ Da steckt eine bübische Teufelei dahinter ; ich kenne den Fritz ; es ist kein falsches Haar an ihm . ‘ Ach , Kind , was ist damals hier gebetet und geweint worden in der kleinen Stube ! Die Hände haben wir uns wund gerungen um das junge Leben , aber der liebe Gott läßt sich seine Uhr durch keinen Menschen stellen , und am neunten Tage , als gerad ’ das Abendroth so recht golden verglühte , da fiel sein Schein auf ein bleiches Gesicht und die blauen Augen waren geschlossen für immer . – So friedlich lag sie da , so still , so fern von allem Herzeleid . Ich aber hab ’ mich da drüben niedergeworfen und hab ’ geschrieen vor übergroßem Schmerz und Weh – “ Die alte Frau hielt inne und wischte sich die Augen . Lieschen hatte den Kopf in den Schooß der Muhme geborgen , und es schien , daß auch sie leise vor sich hin schluchzte . „ Denselben Abend , “ fuhr jene endlich fort , wie die Lisett gestorben war , da lief ich in den Garten , gerad ’ als man unten im Dorf die Todtenglocke für sie läutete ; denn ich hatte nicht Ruh noch Rast auf einer Stelle , und wie ich da so steh ’ , da blitzt auf einmal drüben im Thurm ein Licht aus . Ich war erschrocken , und dann brachen meine Thränen von Neuem hervor , denn sie , die nun so still da lag , sie konnt ’ s ja nicht mehr sehen – und so lehnte ich mich denn an die Wand des Hauses und weinte so recht aus Herzensgrund . Von drinnen aus der Wohnstube da hört ’ ich den Schritt des Müllers – der ging ruhelos auf und ab – und dann wieder der Mutter banges Schluchzen und des Sohnes tröstende Stimme ; sonst war es still ringsum , todtenstill . Das Geläut war nun auch verstummt ; die Räder der Mühle standen schon den ganzen Tag , und die Knechte und Mägde da drüben im Hause , die schlichen so leise umher und flüsterten nur mit einander , als wollten sie die Ruhe unserer Lisett nicht stören . Und da auf einmal hör ’ ich von drüben Jemand kommen , so einen rechte festen raschen Tritt . Jesus ! mein Christian ! dacht ’ ich , aber in demelben Augenblick tritt ’ s auch schon auf den Mühlensteg , und eine kecke Stimme fängt an , so recht laut und vergnügt ein Lied zu trällern – mir ging ’ s durch Mark und Bein – Herr des Himmels , das war des Baron Fritz ’ Stimme ! Und ehe ich es versehe – denn ich war wie gelähmt vor Schreck – ist er im Hause drin , und wie ich dann nachkomme , hatte er schon die Stubenthür geöffnet und stand dem Müller gegenüber ; sein glückliches Gesicht und die blitzenden Augen suchten in allen Winkeln herum nach der Lisett . Die Frau sank mit einem Schrei in den Sessel zurück , als sie ihn erblickte , der Müller aber stürzte auf ihn zu , und mit dem Ausruf : ‚ Verfluchter Bube , willst Du mich auch in meinem Schmerz noch äffen ? ‘ riß er ihn in ’ s Zimmer hinein . Der Müller war ein jähzorniger Mann , aber Lisett ’ s Bruder sprang zwischen die beiden Ringenden und rief : ‚ Erst frage ihn , ob er schuldig ist , Vater ! ‘ Der alte Mann jedoch stellte sich vor ihn hin und schrie : ‚ Die Lisett ! Sie suchen wohl die Lisett , Herr Baron ? Da droben liegt sie ; gehen Sie hinauf und sehen Sie sie an ! ‘ Dann schlug er sich die Hände vor ’ s Gesicht in heißem , wildem Schmerz . ‚ Komm , Fritz ! ‘ sagte unser junger Herr und zog den Erschrockenen in das Nebenzimmer , ‚ komm her ! Ich will Dir Alles sagen , was Trauriges über uns hereingebrochen ist . ‘ Und dann schloß sich die Thür hinter ihnen , und ich blieb allein mit den weinenden Eltern . Nebenan hörte man kein Wort , nur einmal ein schmerzliches Aufstöhnen – das war Alles ; wie in endloser Pein vergingen die Minuten . Ich saß am Fenster und schaute in die Nacht hinaus , plötzlich aber schrak ich zusammen , den draußen an die Scheibe hatte sich ein Gesicht gepreßt und blickte mit ein paar großen dunklen Augen , aus denen Angst und Entsetzen leuchtete , in ’ s Zimmer hinein , und dann winkte mir eine Hand , und das Gesicht war verschwunden . Ich hatte es erkannt – es war die tolle Fränzel . ‚ Gott behüt ’ uns ! ‘ dacht ’ ich , ‚ was will Die wieder ? ‘ Aber ich ging leise hinaus , und da stand sie und klammerte sich mit beiden Händen an die Pfosten der Hausthür , und der schwache Lichtschein aus dem Fenster der Stubenthür zeigte ein vor Angst fast verzerrtes Gesicht , über das die schwarzen Haarsträhnen aufgelöst hingen , das Schreckliche ihrer Erscheinung noch vermehrend . Sie zitterte so , daß sie sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte , und als ich sie fragend und verwundert ansah , da bewegte sie ihre blassen Lippen , ohne daß ein Wort herüber kam . ‚ Die Lisett – ‘ fragte sie dann mit völlig klangloser Stimme , ‚ ist ’ s wahr , was die Leute sagen , hat ’ s vorhin um die Lisett geläutet ? ‘ ‚ Sie liegt droben im ewigen Schlaf , ‘ erwiderte ich . ‚ Heiliger Gott ! ‘ schrie das Mädchen auf , ‚ ist ’ s wahr , ist ’ s wirklich wahr ? ‘ In dem Moment kam Baron Fritz aus der Nebenthür , hinter ihm unser junger Herr , der ein Licht in der Hand trug . Er war blaß wie der Tod , und die Augen glühten ihm förmlich im Kopfe ; offenbar wollte er in ’ s Sterbezimmer hinauf . Da fielen seine Blicke auf die Gestalt an der Erde , und sie erkennend blieb er stehen . ‚ Der sollte ich das Andenken an meine Braut geschenkt haben ? ‘ sagte er unheimlich ruhig , während seine Augen mit verächtlichem Ausdruck auf ihr haftete , ‚ Friedrich , glaubst Du das ? Sprich , Du Geschöpf , ‘ rief er dann mit zittender Stimme . ‚ Du hast das goldene Herz gestohlen , das ich im letzten Augeblick meiner Abreise von hier vermißte ! ‘ Das Mädchen hob die Hände zu ihm empor . ‚ Nein , o nein , Herr Baron – ‘ ‚ Wirst Du gestehen , nichtsnutzige Dirne ! ‘ rief er und hob die Reitpeitsche , die er in der Hand hielt , zum Schlage . ‚ Schlagt zu , Herr ! ‘ rief sie , ‚ ich hab ’ s verdient , aber ich habe es nicht gestohlen , beim ewigen Gott nicht ! Man hat es mir gegeben , so wahr ich hier liege ; ich hätt ’ s ja nimmer zum Spaß umgehängt , hätt ’ ich gewußt , wie ’ s auslaufen thät ’ . ‘ Baron Fritz ließ den erhobenen Arm sinken . ‚ Hinaus mit Dir ! ‘ rief er und wies ihr die Thür , ‚ Du sollst wenigstens nicht die Ruhe hier im Trauerhause stören ; ich fasse Dich doch noch . ‘ Sie raffte sich auf . ‚ Erbarmen , Herr ! ‘ rief sie , ‚ vergeben Sie mir ; ich bin ein eitles dummes Ding , aber schlecht bin ich nicht – o Herr Baron , ich wollt ’ ja gern sterben , könnt ’ ich die Lisett wieder lebendig machen . ‘ Sie sah so zerknirscht , so wahrhaft jammervoll aus , als sie vor ihm stand , die Hände gefaltet , mit den verweinten dunklen Augen , daß unser junger Herr den Baron Fritz bat : ‚ Frage sie , wer ihr befahl , das kleine Herz zum Spaß umzuhängen ! Vielleicht sagt sie ’ s. ‘ ‚ Wer hat Dir befohlen , daß Du das goldene Herz umhängen solltest ? ‘ wiederholte der Baron mechanisch die Frage , und in seinen Augen blitzte es auf einmal auf wie die Ahnung von etwas Entsetzlichem . ‚ Sag ’ s , Fränzel , ‘ redete ihr der junge Herr leise zu , ‚ sag ’ s , wenn wir es glauben sollen , daß Du wirklich nichts Böses im Sinne führtest , als Du – ‘ ‚ Nein , wahrhaftig ! ‘ schrie sie auf , ‚ ich hab ’ nichts Böses gedacht , ich wollt ’ nur die Lisett einmal ärgern , weil sie immer so stolz that gegen mich , und ich konnt ’ ihr doch nichts anhaben , und deshalb war ich gleich dabei , als sie mir sagte , ich sollte – Nein , ich verrath ’ s nicht , Jesus ! ich darf nichts verrathen . ‘ – Sie zitterte am ganzen Leibe . ‚ Geh ! ‘ sagte Baron Fritz plötzlich , ‚ ich will es jetzt nicht wissen ; es ist ein Bubenstück ausgeübt worden , ein teuflisches Bubenstück . ‘ Er wies mit dem Arm hinaus , und das Mädchen lief schluchzend in die finstere Nacht hinein ; ich trat vor die Thür und schaute ihr nach ; ich konnt ’ gerade noch die Gestalt über den Mühlensteg ziehen sehen , dann verschwand sie in der Dunkelheit . Draußen aber war es eine unheimliche Nacht geworden , und es ging ein Sausen und Brausen durch die Luft , ein fremdartig schrilles Pfeifen und Heulen ; der Himmel hatte sich bezogen ; kein einziges Sternlein blitzte mehr hernieder , und die Aeste der alten Linden ächzten und bogen sich unter gewaltigen Windstößen ; es war zum Fürchten unheimlich geworden da draußen , und doch blieb ich stehen . Wenn so ein plötzlicher Sturm daher rast , so sagt man bei uns auf dem Lande , es habe sich ein verzweifelndes Menschenkind selbst das Leben genommen , und man betet für seine arme Seele ein Sprüchlein , wenn man gleich nicht wissen kann , wer es sei , und ich faltete auch die Hände und wollt ’ ein Gebet sprechen , da fiel mir ’ s schrecklich auf ’ s Herz . Herr Gott im Himmel , wenn die Fränzel – ? Im ersten Augenblick wollt ’ ich ihr nach ; dann blieb ich stehen – wo sollt ’ ich sie auch suchen ? [ 823 ] Drinnen im Zimmer hatte wieder das ruhelose Wandern des Müllers begonnen , und wieder scholl der Mutter Schluchzen , des Sohnes Trösten dazwischen , aber wo war Baron Fritz ? Noch immer am Todtenbett ? Drüben im Dorfe schlug es zehn Uhr ; da hörte ich einen Schritt die Treppe herabkommen , so langsam und schleppend , als gehe ein alter Mann . Ich schaute in den Hausflur – da stand er am Treppengeländer ; leichenblaß sah er aus ; kaum wieder zu erkennen war das hübsche , lebenslustige Gesicht . Er sah noch einmal hinauf und schritt dann langsam auf die Wohnstubenthür zu ; als er dicht davor stand , schauderte er zusammen , wandte sich rasch um und ging an mir vorüber , ohne mich zu sehen , in die finstere Nacht hinaus , wie ein armer gebrochener Mensch . Es war das letzte Mal , daß ich ihn gesehen , er soll dann ein wildes , tolles Leben geführt haben – wie mochte sein Herz im lauten Jammer schreien ! In Derenberg ist er nie wieder gewesen , und jetzt wird er lange todt sein . Möge Gott ihm eine sanfte Ruhe schenken ! Die tolle Fränzel aber war auch verschwunden ; Niemand wußte , wohin . Und auf dem Schlosse und im Dorfe sagten sie Alle , der junge Baron sei mit ihr auf und davon , und da hab ’ ich auch noch einmal gezweifelt an seiner Treue . Aber dann , als die Lisett begraben war , da ging ich gegen Abend mit meinem Christian auf den Kirchhof zu dem frischen Grabe , und wie ich dort stehe und weine und die Kränze all zurecht lege , die ihr die Leute geschickt hatten , da sagte Christian : ‚ Guck , Mariechen , dort liegt was Weißes wie ein Zettel , ‘ und richtig , es war auch ein Steinchen darauf gelegt , damit es nicht wegfliegen sollt ’ , und wie ich ihn aus einander falte , da steht darauf in großen ungelenken Buchstaben : ‚ Es ist nicht wahr , was sie sagen ; er hat mich niemals angeschaut ; ich weiß nicht , wo er ist , und er nicht , wo ich bin . Mich sieht nimmer Einer wieder von Euch – denkt nicht zu schlecht von mir ! Das goldene Herz hab ’ ich umgehängt , weil es meine Herrin befohlen ; sie sagte , es gelte nur einen Spaß mit der Lisett . Die Sanna war dabei – Ihr könnt sie fragen . Gott soll mir vergeben ; ich hab ’ nicht wollen so Böses thun . Franziska . ‘ So hat sie es damals gemacht , sie da droben , um des Lumpenmüllers Lisett nicht in ihre stolze Familie zu bekommen und – Kind “ – die alte Frau streichelte weich das Haar des tief erschütterten Mädchens zu ihren Füßen – „ Du , unser Einziges , thu ’ Dir und uns das nicht an , daß Du ihr wieder zu einer Gelegenheit verhilfst , solch ein Teufelsstück auszuüben ! Sie wird es ausüben – verlaß Dich darauf ! – sie haßt uns hier in der Mühle , weil sie von der Lisett her ein böses Gewissen hat . Sieh ’ , mein armes Herzel , wenn ’ s mir auch bitter weh um Dich ist , ich kann Dir nur eines sagen : begrabe , was Du heute erlebt hast ! “ „ Ich vermag es nicht , Muhme , “ unterbrach sie das junge Mädchen thränenmüde , aber mit unverkennbarer Bestimmtheit ; und plötzlich erhob sie sich und stand in fester Haltung vor der alten Frau . „ Die Geschichte von der Tante Lisett ist sehr traurig . Aber ich habe Army das Versprechen gegeben , daß ich ihn retten will , und das muß ich halten . Und wenn ich ihm die Geschichte der Tante Lisett erzählt haben werde , dann wird er gewarnt sein . Sei barmherzig , Muhme , ubd rede mir nicht ab ! “ fügte sie nach kurzer Pause in ausbrechender Leidenschaft hinzu , indem sie auf ’ s Neue zu den Knieen der sprachlos Dasitzenden niedersank , „ wir haben uns ja so lieb , so lieb – hilf uns , daß wir glücklich werden ! Sag ’ es dem Vater drunten und der Mutter und rede ihnen zu – nicht wahr , Du thust es , liebe , süße Muhme , nicht wahr ? “ Und die feuchten Augen des gequälten Mädchens blickten flehend zu der Muhme hinauf , und diese fühlte , wie zwei weiche Hände die ihren faßten und sie ängstlich festhielten . „ Mein Gott “ – klang es im Herzen der alten Frau , „ es hat nichts geholfen ; es ist die Lieb ’ wie sie immer war , die niemals klug wird , außer durch eigenen Schaden . Und er hat sie doch nicht lieb ; es ist nicht wahr , wenn ich nur das Herz hätte , ihr das zu sagen ! – und der Friedrich wird ’ s nie zugeben – “ „ Willst Du mit den Eltern sprechen , Muhme ? “ flüsterte es so wehmütig und schmeichelnd zugleich zu ihr herauf . „ Ja , mein Herzchen ! Ich seh ’ s schon , es hilft nichts – aber schlaf ’ nur ruhig heut ! Morgen , morgen – “ „ Nein , heut , gleich jetzt ! Morgen kommt er ja , “ flehte sie , „ Vater muß sich in der Nacht doch überlegen , was er ihm sagen will – bitte , bitte , Muhme ! “ „ Hast Recht , mein Kind , es ist besser gleich , “ bestätigte die alte Frau , und die Stimme klang so eigenthümlich gepreßt , „ laß mich aufstehen ! Ich will hinunter , Du aber schlaf ’ süß ! Morgen früh erfährst Du zeitig genug , was sie sagen , mein Liebling . “ „ Wie könnt ’ ich schlafen , Muhme ! “ rief sie aufspringend und legte die kleine zitternde Hand auf die Schulter der alten Frau . Die alte Frau antwortete nicht ; sie öffnete hastig die Thür und ging hinaus . Lieschen folgte ihr in den dämmerigen Vorsaal und bog sich über das Treppengeländer ; da schritt sie die breite gewundene Stiege hinunter , aber wie langsam ging es ! Die alten Füße konnten doch sonst noch so flink trippeln ; heute wollten sie gar nicht vom Fleck ; langsam – langsam , Stufe um Stufe ging es ; die Treppe ächzte ordentlich unter den schweren Tritten der Alten , und ihre Hände faßten so fest das geschweifte Geländer – nun verschwand die Gestalt den Blicken Lieschens ; die schleppenden Tritte über den steingepflasterten Flur tönten in ihr Ohr , und jetzt – jetzt – das war die Thür der Wohnstube ; jetzt stand sie vor Vater und Mutter . „ Ob man das Sprechen hier oben hören kann ? Was werden sie sagen ? “ Athemlos stand sie so über das Geländer gebeugt ; kein Laut drang zu ihr hinauf – nur ein paar Mal hörte sie Dörtens Stimme leise vor sich hin singen und Klappern von Tellern und Geschirr aus der Küche – dann war ’ s ruhig wie zuvor . „ Aber jetzt – das war der Vater ; ob er böse ist ? Er sprach so laut , und nun die Muhme . “ Lieschens Herz fing an gewaltig zu klopfen ; sie preßte beide Hände darauf . „ Wie , wenn der Vater nicht einverstanden wär ’ ? Aber das ist ja unmöglich , rein unmöglich ; der Army ist ’ s ja , der sie liebt . “ Das war ein Durcheinandersprechen dort unten – jetzt der Muhme Stimme ; das klang so besänftigend , und jetzt wieder der Vater – deutlich schallte es heraus ; wie betäubend drang es in ihr Ohr : „ Nein , nein und tausendmal nein , sage ich , und wenn Ihr allesammt vor mir aus den Knieen liegt , ich weiß allein , was ich zu thun habe . “ Einen Augenblick sahen die großen blauen Augen wie verständnißlos in ’ s Leere hinaus ; dann flog sie die Treppe hinunter , und im nächsten Momente stand sie mitten in der Wohnstube ; über ihr Gesicht flog bald eine glühende Röthe , bald überzog es tiefe Blässe . „ Vater ! “ bat sie . Er blieb stehen und sah sie an ; auf seiner breiten weißen Stirn ringelte sich blau eine kleine Ader ; sie kannte es wohl , das Zeichen der höchsten Erregung bei ihm , und seine Angen leuchteten förmlich Blitze zu ihr hinüber . Die Muhme aber hatte ein so tief bekümmertes Gesicht , als sie jetzt zu dem jungen Mädchen trat : „ Komm , Liesel , geh ’ hinauf ! “ „ Nein , Muhme , laß mich ! Ich will wissen , was der Vater sagt . “ „ Was der Vater sagt ? “ tönte jetzt seine Stimme in ihr Ohr ; „ der sagt , daß Du ein törichtes , dummes Ding bist , dem zu viel Willen und zu viel Freiheit gelassen wurde , aber das Versäumte wird jetzt nachgeholt werden – verlaß Dich darauf ! “ „ Das heißt , ich soll nicht Army ’ s Braut werden Vater ? “ Sie stand plötzlich dicht vor ihm und sah ihn fest an . „ Nein , mein Kind , zu Deinem Besten nicht . Ich dulde nicht , daß meine Tochter das Opfer einer Speculation werde . “ „ Speculation ? “ fragte Lieschen , die blaß geworden war wie der Tod , „ ich weiß nicht , was Du damit meinst , Vater ! Du glaubst vielleicht , Army hat mich nicht lieb ; das ist ja möglich , aber wenn er mich auch wirklich nicht so lieb hat , wie ich ihn , das darf für mich nicht in Betracht kommen ; ich weiß , daß das Leben erst wieder Werth für ihn bekommen wird , wenn er – “ „ Seine Schulden bezahlt hat , mein Kind . “ „ Muhme ! “ wandte sich Lieschen jetzt in höchster Erregung zu der alten Frau , „ Muhme , glaubst Du das von dem Army ? O , sprich ein Wort ! “ Sie sagte es so überzeugend ; der alten Frau schossen die hellen Thränen in die Augen . „ Komm , komm , mein Liesel ! “ flüsterte sie ; „ der Vater ist böse und aufgeregt ; morgen wird er ruhiger sein . “ „ Nein , nein , Muhme , Du mußt es dem Vater sagen , was Du denkst ; er giebt so viel auf Deine Meinung . “ Die alte Frau stand in peinvollster Verlegenheit ; die Thränen [ 824 ] rannen ihr über die gefurchten Wangen , und ihre Hände fuhren hastig an dem Schürzensaum hinunter . „ Du glaubst auch , Muhme – ? “ Es klang wie ein Aufschrei , aber noch kam keine Thräne in Lieschen ’ s Augen . „ Vater , ich weiß , daß es nicht so ist ; es ist nicht möglich , nein , es ist nicht möglich – ! “ „ Ich begreife Deinen Schmerz , Lieschen , “ sagte er ruhiger , „ aber wie konntest Du so thöricht sein und an eine plötzlich erwachte Neigung glauben ? Du bist sonst ein so vernünftiges kluges Mädchen ; sieh , er kennt Dich schon lange und zog doch eine Fremde Dir vor ; er hat niemals daran gedacht , Dich zu lieben , Dich heirathen zu wollen ; es waren Kinderspiele , die Euch einst zu einander führten , weiter nichts , und jetzt , jetzt , wo er nicht aus noch ein weiß , erinnert er sich des kleinen Mädchens , das ja Vermögen besitzt , und verlangt ihre Hand , um sich zu retten , und sie ist so thöricht , dies für Liebe zu halten . Muß ich erst an Deinen Mädchenstolz appelliren , Lieschen ? “ Sie antwortete nicht ; nur ihre Augen sahen mit beinahe irrem Ausdrucke zu dem Vater hinüber . „ Die Mutter Nelly ’ s ist auch so ein Opfer geworden , mein Kind ! Ist sie Dir jemals beneidenswert erschienen ? Muß sie sich nicht stets grenzenlos gedemüthigt vorgekommen sein , ihrem Gatten gegenüber , der sie nur als lustige Zugabe zu ihrem Vermögen betrachtete ? Weil er die Frau nicht liebte , führte er ein wildes tolles Leben und als ihre Mitgift verschwendet war , da erschoß er sich – ist das nicht namenloses Elend ? Lieschen , Kind , und würdest Du verlangen , daß ich Dich in einen solchen Abgrund stürzen lasse ? “ Da lösten sich die gefalteten Hände von Lieschens Brust ; sie faßten nach dem Tische , an dem sie stand ; ihre blassen Lippen bewegten sich leise , als wollten sie sprechen , aber kein Wort kam hervor . Die Tassen auf dem Tische klirrten hörbar von dem heftigen Zittern des Mädchens . „ Liesel ! Um Gotteswillen ! “ rief die Muhme und umschlang sie mit den Armen . „ Ich danke Dir , Vater , “ sagte Lieschen , sich losmachend , tonlos , „ ich – ich werde Dir gehorchen . “ Sie wandte sich und schritt langsam nach der Thür ; wie in schwindelndem Kreise wirbelte es vor ihren Augen ; sie hörte noch die Stimme der Muhme ; dann fiel die Thür hinter ihr zu . Sie wankte die Treppe hinan ; sie mußte sich schwer auf das Geländer stützen , und endlich , endlich war sie oben in ihrem Stübchen und sank auf das kleine Sopha . Der Vater kam herauf und streichelte ihr die Wangen und nannte sie sein gutes verständiges Kind , das noch einmal sehr glücklich werden würde . Die Muhme setzte sich neben sie und weinte still vor sich hin , und dann und wann kam ein gutes Wort des Trostes über ihre Lippen ; Lieschen hörte Alles wie aus weiter Ferne , nur das Eine wiederhallte laut und deutlich in ihrer Seele : „ Er liebt mich nicht : er hat mich nicht gewollt , nur meine irdischen Güter – aus Noth . “ War es denn wirklich erst ein paar Stunden her , seit sie unter der alten Linde ihren Kopf an seine Brust gelegt und den Worten gelauscht hatte , die er ihr zuflüsterte ? War es nicht schon eine Ewigkeit , eine lange Ewigkeit , und lag nicht zwischen jetzt und vorhin ein ganzes Meer von Leid und Weh ? Sie stöhnte laut auf und preßte die Hände gegen die Brust . Ach , ihre kurze Seligkeit , ihr süßer Liebestraum – vorbei , vorbei für ewig ! Glühend stieg ihr das Blut in die Wangen , als sie daran dachte , daß sie ihm so vertrauensvoll gestanden , wie sehr sie ihn liebe ; es war ihm ja ganz gleichgültig , konnte ihm nur gleichgültig sein ; er wollte ja nicht ihre Liebe ; er wollte ihr Geld . Wo sollte sie sich nur hinverbergen , damit sie Niemand sähe ? Sie schloß die Augen und dachte : wenn er nun kommen und der Vater seinen Antrag zurückweisen würde . Das schöne stolze Gesicht , wie würde es anzuschauen sein in jenem Moment ? „ Und dann wird er gehen , “ dachte sie . Sie sah ihn im Geiste aus des Vaters Zimmer treten und durch die Hausflur schreiten , die hohe Gestalt stolz aufgerichtet ; er wird sich nicht umwenden nach ihren Fenstern ; er wird gehen – gehen auf Nimmerwiedersehn . Auf Nimmerwiedersehn – ein bitteres , hartes Wort , ein Wort , das namenloses Weh birgt ! „ Ach , Muhme , “ stöhnte sie in ihrer Qual , und die alte Frau beugte sich hernieder zu ihr : „ Weine Dich aus , mein Herzel , weine Dich aus ! Es wird besser darnach . “ „ Ach , wenn es nur erst vorüber wäre ! “ flüsterte sie . „ Es gehen auch die schwersten Stunden vorüber , wenn man nur beten kann . “ „ Ich kann nicht beten , Muhme , ich kann nicht . “ – – Und die Nacht verging , und der Tag brach an , wo er den Vater sprechen wollte . Auf Lieschen ’ s Gesicht lag eine fast unnatürliche Ruhe heute früh , nur ihre Augen glühten fieberhaft ; wie immer that sie ihre kleinen Pflichten im Haushalt , und dann setzte sie sich in ihr Zimmer und nahm ein Buch ; die Muhme kam herauf und fing freundlich an zu sprechen von gleichgültigen Dingen ; sie hörte es mit an und antwortete , und dann ging die alte Frau wieder ihren wirtschaftlichen Geschäften nach . Unaufhaltsam rückte der Zeiger der Uhr weiter , und jetzt stand er auf Elf – da auf einmal flog ein dunkles Roth über ihr Gesicht ; sie hatte seinen Schritt im Hausflur erkannt , und jetzt schallte des Vaters Stimme herauf . Sie machte eine Bewegung , als wollte sie zur Thür eilen , aber dann senkte sie wieder die Augen aus das Buch ; die Blätter zitterten unter ihrer Hand ; sie legte das Buch auf den Tisch und beugte sich darüber . Unwillkürlich las sie leise : „ So laß mich denn , bevor du weit von mir [ WS 1 ] Im Leben gehst , noch einmal danken dir ! Und magst du nie , was rettungslos vergangen , In schlummerlosen Nächten heimverlangen . “ „ Was rettungslos vergangen ! “ wiederholte sie fast laut . „ Und wie viel Stunden dir und mir gegeben , Wir werden keine mehr zusammenleben . “ „ Keine mehr ! “ Das Buch fiel zur Erde . War es nicht unrecht von ihr , ihn gehen zu lassen in ein irres Leben , ohne Halt ? Sie hätte ihn retten können vor Noth und Schande ; es war ja doch der Army , der alte gute Spielcamerad , und jetzt ist es noch Zeit , noch konnte Alles gut werden ! Sie lief aus dem Zimmer zur Treppe ; dort blieb sie stehen . „ Ach nein , “ sagte sie – sie vergaß es ja ; er liebte sie nicht ; wieder mußte sie ihren Mädchenstolz anrufen , der vor der alten heißen Liebe geflüchtet war . Wie lange er beim Vater blieb ! Horch , da ging die Thür – war ’ s der Army ? Sie beugte sich über das Geländer ; da schritt er eben nach der Hausthür – sie sah sein dunkles Kraushaar unter