, ich müßte ersticken in der Stube . Die einfache Weise fachte einen wilden Schmerz in mir an . Ich wollte ihr zurufen : » Hör auf zu singen ! « – da tönte es schon wieder : Und daß du mich liebtest . Das dank i dir schön . Und i wünsch ' , daß dir alle Zeit besser mag ' s gehn . Ich war aufgesprungen , hatte die Tür zum Schlafzimmer aufgerissen und sank mit dem Aufschrei : » Mutter , ach , Mutter ! « an Kathrins Bette nieder . Wie ein Krampf schüttelte es mich , ich schrie und weinte , bis mich die Kräfte verließen . Kathrins alte Arme hatten mich umschlungen , und in namenloser Angst beugte sie sich über mich . Sie wußte , was geschehen , und ließ den lang verhaltenen Schmerz austoben . Wie besinnungslos lag ich nachher auf meinem Bett , nur ein leises Wimmern noch rang sich dann und wann aus meiner Brust , bis mich die Erschöpfung in eine Art Schlummer sinken ließ . Als ich erwachte , war es heller Morgen , und Hanna saß an meinem Bett und hatte einen Strauß Veilchen in meine Hände gelegt . » Mein Mann läßt dich herzlich grüßen « , sprach sie , mir einen Kuß gebend . – Da stand mit einem Schlage der gestrige Abend vor meiner Seele , und ein neuer Tränenstrom brach mir aus den Augen ; wo kamen sie noch alle her ? » Mein Gretel , mein gutes Gretel ! « tröstete sie . » Du sollst nicht weinen , du sollst ruhig werden . Steh auf , wir wollen einmal an die frische Luft hinaus . « Sie sprach kein Wort über Eberhardt , sie sah mich nur traurig an . Ich konnte es doch noch nicht fassen , daß er mich verstoßen , daß ich nie wieder seine Stimme hören , daß unser Weg getrennt sein sollte , getrennt für immer ! Hastig wehrte ich ab , als mich Hanna in den Park leiten wollte , wo jedes Plätzchen in mir eine Erinnerung weckte . » Laß mich allein « , bat ich , » ich kann noch nicht so fest sein . Laß mich allein ! « » Ich begleite dich nach Hause , mein Herz « , sagte sie . Und dann saß ich wieder allein , und die Uhr tickte wie früher , die Kinder spielten ihre alten Spiele vor unserer Haustür , und Kathrins Augen sahen mich an , als wollten sie sagen : du armes Kind ! Und abends , wenn ich zu Bett ging , dann kamen die Gedanken , kam die Erinnerung , und das Herz fragte immer wieder von neuem : Was tatest du nur , daß du so elend werden mußtest ? Ich wußte ja damals noch gar nicht , weshalb er sich von mir gewandt hatte – ich glaubte nur , ich sei verleumdet . Erst viel später erfuhr ich den wahren Grund , und das war gut , denn es hätte mich , glaube ich , wahnsinnig gemacht . Bergen war damals gekommen , um mir alles zu sagen , aber mein namenloser Schmerz ließ ihn das Demütigende nicht aussprechen . Er sagte mir nur , daß ich seine Liebe verloren , und das war genug , meinen Lebensmut , meinen Frohsinn für immer zu brechen . Tage waren vergangen und Wochen . Mein Vater war zurückgekehrt . Er hatte sich wohl kaum gewundert über mein verändertes Aussehen , mein stilles Wesen . Aber gefreut hatte er sich , mich nun drunten im Hause zu haben , und er erzählte im Dämmern viel und schön von seinen Reisen . Die Frau Renner kam gar oft herüber mit ihrem Strickstrumpf , und auch Kathrin in ihrem Lehnstuhl horchte aufmerksam , wenn er von Rom sprach mit seiner riesigen Peterskirche , vom Vatikan mit den schönen Bildern , oder wenn er von Neapel schwärmte , jenem Stückchen Paradies , das so wunderschön sein soll mit dem blauen Meer und dem feuerspeienden Berge , dem wunderbar , klaren , tiefblauen Himmel , wie man ihn hier gar nicht kennt . Zuweilen trat auch der junge Pastor in das Zimmer – immer ließ er vorher durch Marie erst anfragen , ob es erlaubt sei . Dann tauschten die beiden Männer ihre Ansichten über dieses und jenes aus in einer für uns ansprechenden Weise . Mein Vater hatte keine Ahnung von dem , was ich in seiner Abwesenheit gelitten und erlebt . Kathrin und ich hatten ohne jede Verabredung Stillschweigen beobachtet , warum sollte auch der alte Mann einen Kummer mittragen , den er doch nicht lindern konnte ? Auf dem Schlosse war ich mehrere Male gewesen , nachdem die erste bange Zeit verflossen . Ich überzeugte mich bald , daß der Baron und Frau v. Bendeleben keine Ahnung von jener traurigen Episode hatten . Hanna und Bergen hielten mein Geheimnis in Ehren und entschädigten mich durch doppelte Liebe . Die kleine blonde Frau konnte ganze Nachmittage bei mir unten im Dorfe sitzen , wenn sie zum Besuch auf dem Schlosse war . Ihr Mann holte sie dann wohl ab , und bei einem solchen Besuch hatten sie mich mit aller Überredung den ersten Abend wieder in das Schloß gelockt . Von Eberhardt hatte ich nichts wieder gehört . Er befände sich auf einem Kommando in Potsdam , erfuhr ich zufällig . Ruth war gelangweilter denn je . » Sie schreibt den ganzen Tag Briefe « , hatte einmal die Liesel der Kathrin erzählt . Gegen mich war sie eigentümlich , halb herausfordernd , halb beschämt . Zuweilen , wenn ich sie groß und voll ansah , konnte sie ihren Blick senken , und ein Hauch von Röte flog über das schöne Gesicht . So war der Sommer gekommen , der schöne warme Sommer . Für mich blühten freilich keine Blumen mehr , aber um Kathrins willen freute ich mich . Wir konnten doch ihren Stuhl unter die Linde tragen , sie sonnte sich und atmete die erquickende Luft ein . Sie war ein großer , guter Charakter , das alte , schlichte Mädchen . Taktvoller und feinfühlender konnte niemand auf Erden sein . Mit keiner Andeutung hatte sie meine schmerzende Wunde berührt . Nur immer bemüht , mich zu trösten , war sie voll tausend kleiner Zärtlichkeiten gegen mich gewesen . Mir bangte heimlich vor ihren Vorwürfen , ich hatte schon gemeint zu hören : » Ich wußte es ja vorher – du wolltest es ja nicht besser – ich hab ' s ja gleich gesagt ! « Nichts von alledem . Gewarnt hatte sie mich , und nun ich unglücklich geworden , da nahm sie mich voll Liebe an ihr Herz und verschloß den Jammer , den sie darüber empfand , tief in ihrer Brust . Der Sommer verging , der Herbstwind fuhr über die abgemähten Felder , und jeder Tag brachte mir neue Gedanken an die selige Zeit im vorigen Jahre . Der zweite September kam mit demselben schönen Mondschein . Ich lehnte unter der Linde und sah nach dem Schlosse und dem Park hinüber . Diesmal war der Schein nicht so golden und klar wie damals , ein leichter Nebel hing wie ein feiner , duftiger Schleier über der Landschaft , oder waren es die Tränen , die mir im Auge standen ? Das alte Lied fiel mir ein , das ich heute vor einem Jahre so jubelnd gesungen , als ich , meine Hand in der seinen , neben ihm auf dem Waldwege dahin ritt . » Oh , nicht den letzten Vers ! « hatte er gebeten . Mond ist gegangen . Erloschen die Stern ' , So blaß meine Wangen , Und er , – ach so fern ! Wo mochte er sein ? Ach , es verging kein Tag , keine Stunde , in der ich nicht an ihn dachte – wie hätte ich ihn jemals vergessen können ! Wenn ich ihn nur einmal sehen könnte , ob er glücklich ist , dann wollt ' ich ja gern meinen Schmerz weiter tragen durchs Leben . Ach , alles Glück der Welt für ihn ! Wieder vergingen die Wochen so langsam , so eintönig . Die Adventszeit kam heran , wieder lag Schnee auf Bäumen und Dächern . Ich konnte die alten , grauen Mauern des Schlosses ganz deutlich durch die entlaubten Bäume schimmern sehen , wenn ich oben in meines Vaters Stube am Fenster stand . Wieder war die schönste Schlittenbahn , und die Kinder hatten unter unserer Linde einen großen Schneemann aufgebaut . Das Weihnachtsfest stand vor der Tür . Wie bangte mir davor – wie sollte ich ihn nur verleben , diesen Abend ? Ohne Freude besorgte ich die kleinen Geschenke für meinen Vater und Kathrin , manche Träne fiel auf die Kleidchen , die mir Frau v. Bendeleben geschickt hatte , damit ich sie für die Dorfkinder nähe . – Und dann kam der Baron und bat mich , seiner Frau bei der Christbescherung im Schlosse zu helfen . » Es versteht sich von selbst , Gretel « , sagte er , » nur unter der Bedingung , daß du es gern tust . Du kommst jetzt so selten , daß man schier Angst hat , dich darum zu bitten , so traurig und blaß siehst du aus , wenn du bei uns bist . Ich hatte mir das ganz anders gedacht , meinte , du würdest wenigstens jeden Tag einmal hinaufgesprungen kommen . Freilich , die alte Kathrin , die nun so gelähmt ist – da mußt du die Wirtschaft führen . Sag , Kind , singst du auch noch ? « » Nein « , sagte ich leise , » ich glaube , mein Vater macht sich nichts daraus , und – « ich wollte hinzufügen : » mir ist das Singen vergangen « – schwieg aber . Am Tage vor dem Heiligen Abend stand ich wieder in dem hohen Saal und legte die Christgeschenke unter den Baum . Frau v. Bendeleben sprach freundlich und ruhig mit mir . » Du kommst doch morgen abend auch einmal herauf , Gretchen ? « bat sie . » Es wird ein stilles Weihnachtsfest in diesem Jahre . Bergens kommen nicht , Hannas wegen , sie wagt sich nicht mehr vom Hause fort . Wir werden wohl ganz allein sein . Komm nur ja auf ein Stündchen , mein Mann würde dich zu sehr vermissen . – Das ist für die große Annerl vom Waldhüter , die Ostern konfirmiert wird « , fuhr sie fort und legte einen Zettel auf das schwarze Kleid . » Das ist aus einem Trauerkleide von Ruth gemacht « – sie strich seufzend mit der Hand über das weiche , schwarze , wollene Gewebe – , » nun wird es schon ein Jahr , seit sie Witwe ist , vorgestern war der Todestag und am dritten Feiertage kam sie hier an . Mein Gott , ich sehe sie noch immer verstört und blaß in den Saal treten . Was muß man doch alles erleben ! « Wir waren bald fertig mit dem Aufbauen der Sachen . » Du könntest einmal zur Gräfin gehen , Gretchen , und sie fragen , ob sie der Bescherung beiwohnen will « , bat sie . » Ich will indessen die Lichter am Baume anzünden . Hör ' nur , wie die kleine Gesellschaft nebenan lärmt . Sie sind schon ungeduldig , Mamsell Rißmann kann sie kaum noch bändigen . « Mich berührte der Auftrag nicht angenehm . Die Erinnerung , wie ich schon einmal mit Hanna hingegangen war , um die schöne Gräfin zu holen , wurde wieder lebendig . Eben beschloß ich , Johann zu schicken , als ich Liesel erblickte , die eilig aus den Zimmern der Gräfin kam und mich beinahe umgerannt hätte , so rasch eilte sie dahin . » Jesses ! Fräulein Gretchen ! Nun , seien Sie nur nicht böse . Herr Gott , nun hab ' ich doch recht gehabt . Ich hab ' s ja aber gleich gesagt . Da erzählen Sie es nur der Kathrin , die hat ' s mir immer nicht glauben wollen . Jetzt können Sie es sehen , wie der Herr Leutnant die Frau Gräfin im Arm hält und sie › mein Liebchen ‹ und Gott weiß wie nennt . Nein , wer hätte das heut abend noch gedacht ! Das muß ich gleich drunten melden , das weiß noch keiner . « » Liesel « , bat ich – ganz starr hielt ich sie an der Schulter fest – » von wem sprichst du ? Wen meinst du ? « » Nun , mein Gott , wen soll ich schon meinen ? « rief sie . » Der Leutnant v. Eberhardt ist vorhin ganz unvermutet gekommen und befindet sich bei der Frau Gräfin . Ich hab ' s halt gleich gesagt , daß das noch ein Liebespaar abgibt . « Fort war sie , und ich legte wie betäubt meinen Kopf an die kalte Wand , die Qualen der Eifersucht packten mich wie mit tausend Gewalten . Also deshalb liebte er mich nicht mehr , er liebte die schöne Frau – was war ich auch gegen sie ? Da öffnete sich die Tür zu Ruths Zimmern , ein heller Lichtschein fiel in den Korridor . Ich sah seine hohe , schlanke Gestalt heraustreten , eine Frau in weißem , schleppendem Kleide folgte ihm . » Au revoir , mein Geliebter « , sagte sie und schlang beide Arme um seinen Hals , während er sie nochmals umfaßte und zärtlich auf sie niedersah . » Ich werde gleich Toilette machen , und dann kommst du , deine Braut abzuholen . Sorge nur , daß Mama nicht in Ohnmacht fällt , wenn du mit deiner unvermuteten Werbung vor sie trittst . Mon dieu , ich glaube , sie denkt eher an den Einsturz des Himmels als an eine Verlobung . Sie hat ja keine Ahnung davon , daß wir uns schon so lange lieben . « Sie lachte glockenrein , und er bog sich nieder und küßte sie : » Auf Wiedersehen , mein Engel , ich gehe gleich zu den Eltern . « Ich schloß die Augen und drückte mich tief in eine der Nischen , die in der Wand angebracht sind . Mein Herz klopfte wie wahnsinnig vor Zorn und Schmerz . Wenn er mich nur nicht sieht , dachte ich . Aber meine Angst war unnütz , schon schritt er an mir vorüber , den Kopf stolz erhoben , das Auge blickte wie siegestrunken , und um den Mund lag ein Lächeln seliger Befriedigung – so hatte ich ihn ja auch gesehen , als er mich damals küßte . Oh , daß ich hätte hinspringen können und ihm zurufen : » Du irrst dich ja , ich bin es allein , die du liebst . Du täuschest dich selbst ; wie sie dich täuscht , dieses herzlose , kalte Geschöpf ! « Jetzt wußte ich , was Hassen ist . Glühend haßte ich sie , die mir sein Herz geraubt . Bis jetzt hatte ich dieses Gefühl immer mit Entschiedenheit zurückgewiesen , ich redete mir ein , sie habe mich nur bei ihm verleumdet , weil sie um keinen Preis mich , die Bürgerliche , als seine Frau sehen wollte – jetzt wußte ich , sie liebte ihn selbst , und es war ihr leicht geworden , mich zu beseitigen . Sie besaß ja die Macht einer reichen , hinreißend schönen , klugen Frau – was hatte ich dagegen einzusetzen ? ! Ich raffte mich zusammen und ging durch die Halle zurück . Noch immer drang das ungeduldige Lärmen der Kinder und Mamsell Rißmanns beschwichtigende oder scheltende Stimme aus dem Zimmer neben dem Saal . Ich wollte mir heimlich Hut und Tuch holen und dann fortgehen , da kam Johann : » Fräulein Gretchen , die Frau Baronin läßt bitten , Sie möchten den Kindern allein bescheren , sie habe augenblicklich Abhaltung – der Leutnant v. Eberhardt ist drinnen « , wisperte er mir leise zu . » Na , Sie werden auch wohl merken , was der will . Dem Franzel sein Brauner hat sich ja die Beine fast abgelaufen . Beinahe jeden Tag wurde er nach der Stadt gejagt mit Briefen . Na , nun ist er da , nun wird ja Mensch und Vieh auch wieder Ruhe haben . « Er öffnete mir die Saaltür : da stand Pastor Renner neben dem strahlenden Weihnachtsbaum und wartete auf den Beginn der Bescherung . » Wir sollen immer anfangen « , sagte ich leise , » die Herrschaften haben soeben Abhaltung . « Die Kinder wurden gerufen , der Weihnachtsgesang erschallte , der Prediger sprach wie sonst einige passende Worte – wie aus weiter Ferne drang alles in mein Ohr . Mamsell Rißmann und ich halfen den jubelnden Kindern die Herrlichkeiten einpacken , dann hing ich mein Tuch um und ging durch die beschneiten Wege nach Hause . Kathrin saß am Ofen und streckte mir freundlich die Hand entgegen : » Gelt , Gretel , morgen abend bleibst du hier bei uns ? Der Vater hat ein Christbäumchen gekauft , er meint , sonst wär ' s dir nicht wie Weihnacht . « » Ja , Kathrin « , sagte ich leise , » ich bleibe bei euch . « Und so saß ich nun in meinem Stübchen am andern Tage . Der kleine Christbaum stand da , mit vergoldeten Äpfeln behangen , die Fahne von Flittergold rauschte leise . Kathrin saß am Ofen und las in der Bibel . Ich dachte an ihn und seine schöne Braut – ob ihn sein Gewissen wohl mahnen würde , daß er einst eine andere geküßt , deren Leben nun vergiftet und deren Jugend gebrochen ist ! Es wurde dunkel . In Gedanken sah ich ihn wieder hier in der Stube stehen , wie im vorigen Jahre , sah Kathrins erstauntes Gesicht . Da hörte ich die Kirchenglocken läuten . Ich stand auf und nahm Tuch und Hut . » Adieu , Kathrin « , sagte ich . » Bet für mich mit « , murmelte die Alte und blickte von ihrer Bibel auf . Dahin schritt ich allein den Weg , den er mit mir zusammen ging . Ich sah wieder hinüber zu dem Grabe meiner Mutter und kniete nieder davor , aber allein , und heiße , heiße Tränen rollten auf den Hügel . Aus der Kirche klang es wie damals : Vom Himmel hoch da komm ' ich her . Ich bring ' euch heute frohe Mär , Dann saß ich in dem alten Predigerstuhl und konnte endlich beten , ordentlich beten , kindlich und gläubig wie früher , für sein Glück , für sein Wohlergehen , und die Stimme des jungen Pfarrers tönte mild in mein Gebet : » Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen . Amen . « Aus unseren Fenstern strahlten mir die Kerzen des kleinen Weihnachtsbaumes entgegen , mein Vater und Kathrin warteten auf mich mit ihren kleinen Überraschungen und mit den Herzen voll Liebe . Mein Vater erzählte von dem Weihnachtsabend , den er im vorigen Jahre allein im Süden gefeiert , wie er sich gesehnt nach deutschem Tannenbaum und deutschem Weihnachtsgesang , und wie traurig er gewesen sei an jenem Abend , so fern von der Heimat und von seinem Kinde . » Nun bleiben wir immer zusammen « , sagte ich leise und schmiegte mich an ihn , » immer , bis wir sterben . « Nachher schlich ich mich in meines Vaters Stube und starrte hinüber nach dem Schlosse und seinen erleuchteten Fenstern . » Daß Gott dich behüte ! « flüsterte ich . » Daß dir niemals ein Augenblick der Reue komme ! Die Schmerzen für mich , das Glück für dich . Hab ' Dank , daß du dich einmal freundlich zu mir herabgebeugt , du hast mich die Liebe kennengelehrt – hab ' Dank , ich werde dich nie vergessen ! « Und die Zeit rauschte weiter , man merkte kaum ihren gewaltigen Flügelschlag , in dem kleinen Dorfe , in unserem stillen Hause . Einsam flossen die Tage dahin , und doch verging der Winter . Der Frühling kam und Hanna war wie das Glück selbst mit strahlendem Lächeln , ihr Töchterchen auf dem Arm , in meine stille Stube getreten . Das kleine , süße Ding , mit den blauen Augen seiner Mutter , hatte mich freundlich angelächelt , und wir hatten glückliche Stunden miteinander vertändelt . Ich war nur noch selten im Schloß gewesen , seitdem die schöne Frau Eberhardts Braut geworden , und nur , wenn ich überzeugt war , ihn nicht dort zu treffen . Er befand sich nach Beendigung seines Kommandos nach Potsdam wieder in G. und wollte seine junge Frau nach dort holen . Hanna sprach wenig darüber zu mir , nur daß sie zur Hochzeit kommen werde , erwähnte sie . Durch Frau Renner , die gern und wichtig über das bevorstehende Ereignis redete , erfuhr ich wider Willen , daß die Trauung in der Kirche sein sollte , und zwar abends um sieben Uhr ; daß das kleine Gotteshaus mit Orangenbäumen und Blumen geschmückt und mit zahllosen Kerzen erleuchtet werden sollte . » Und im Schlosse soll es auch gar prächtig sein « , erzählte sie weiter . » Die Gäste kommen von nah und fern , da kriegt man mal was zu sehen . Sie gehen doch auch brautschauen , Fräulein Gretel , oder sind Sie mit bei der Hochzeit ? « Nein , man hatte mich nicht geladen . Ruths Freundin war ich ja nie , und Hanna und Bergen hatten wohl auch davon abgeredet , der Baron wäre der einzige gewesen , der vielleicht daran gedacht hätte . Er schien aber nicht mehr so freundlich gegen mich zu sein wie sonst , und hatte gar einmal etwas von » dummem Benehmen « und » Undankbarkeit « fallen lassen , weil ich so selten aufs Schloß kam – . Ach , undankbar war ich gewiß nicht ! Der Hochzeitstag , sein Hochzeitstag brach an . Golden schien die Sonne auf die frühlingsgrüne Erde , und die Apfelbäume saßen so voll von rosigen Blüten wie noch nie . Das ganze Dorf war in Aufregung . Die Frauen standen vor den Haustüren und plauderten von der schönen Braut , die Kinder bewunderten die Ehrenpforte , die man an dem Eingang des kleinen Kirchhofs gebaut hatte . Ich hörte das ferne Rollen der Wagen , welche die Gäste brachten . Hanna kam einen Augenblick zu mir , sie hatte eine Träne im Auge , als sie mich umfaßte und küßte . Sie litt mit mir , ich wußte es . Ruhig besorgte ich meine kleinen Pflichten , Kathrin streichelte mir dann und wann leise die Hand . Als es dunkel wurde , tönte die Glocke des Kirchleins und sagte mir , daß er jetzt bald an den Altar treten würde . Ein heißes Verlangen , ihn noch einmal zu sehen , stieg in mir auf . Ich nahm mein Tuch um , und scheu hinter den vielen Menschen fortschleichend , die vor dem Haupteingang standen , schlüpfte ich durch eine Nebenpforte in die Kirche . Blendend hell war es hier , und ich drückte mich angstvoll in den finstersten Winkel , hinter die alten hölzernen Säulen , die den Chor und die Orgel tragen und mit grünen , duftenden Blättern umwunden waren . Eine glänzende Gesellschaft reihte sich um den kleinen Altar , die Fülle der Blumen duftete beinahe betäubend durch die Kirche , deren kahle , nackte Wände man verschwenderisch mit Grün geschmückt hatte . Hannas süßes Gesicht strahlte aus der bunten Menge wie ein freundlicher Stern zu mir herüber . Frau v. Bendeleben sah in der Kirche umher , als ob sie etwas suche . Unwillkürlich drückte ich mich tiefer in den Schatten . Da verstummte plötzlich das leise Geräusch der Menge . Man hörte einen Wagen vorfahren – es war , als ob mein Herz aufhörte zu schlagen . Aller Augen richteten sich nach der Tür . Ich vernahm ein leises Gemurmel der Bewunderung , die Orgel erbrauste , und nun schritten sie durch den Gang daher , der hohe , schlanke Mann in der schimmernden Uniform , und an seinem Arm das wunderschöne Geschöpf in ihrem weißen , silberdurchwirkten Kleide , mit den blitzenden Brillanten auf dem dunklen Haar , um das sich Orangenblüten schlangen . Einer Wolke gleich floß der Schleier um die zarte Gestalt . Wie geblendet starrte ich sie an . Ach , eine schönere Braut gab es wohl nie ! Ich hörte nichts von der Rede des Geistlichen , ich sah nur das Brautpaar . Aber als sie hinknieten , da eilte ich in wilder Hast aus der Kirche , ich hätte das Ja nicht hören können , das nun sein Mund aussprechen wollte ! Ich flüchtete in unseren kleinen Garten , in die alte , verwilderte Buchenlaube , wo ich als Kind so oft gesessen . Da blieb ich die halbe Nacht . Es war eine so weiche , berauschende Luft , die Nachtigall flötete in vollen , langgezogenen Tönen , der Flieder duftete , ein geheimnisvolles Leben waltete in dieser linden Maiennacht ; der Frühling sang sein altes zaubervolles Lied von Lieben und Seligsein . In ungestümer Sehnsucht streckte ich die Arme aus nach dem Glück , das ich besessen und nun für immer verloren hatte . Drüben auf dem Schlosse rauschte der Hochzeitsjubel , zuweilen drangen abgerissene Akkorde der Musik zu mir herüber , und ich war verlassen – verlassen ! Auch dieses ging vorüber . Der heiße Schmerz , der sich noch einmal wild aufgebäumt hatte in jener Maiennacht , wurde sanfter . Es war , als hätte ich einen wunden Fleck am Herzen , der bei der leisesten Berührung wehtat . Mein Leben floß still und einförmig weiter , mein Vater saß über seinen Büchern , und ich war auf die Gesellschaft der alten Kathrin angewiesen . Der Verkehr mit dem Schlosse blieb nach wie vor nur ein geringer . Wenn Frau v. Bendeleben mich einmal gebrauchen konnte , so schickte sie , oder ich bot mich selbst an . Was sollte ich auch sonst dort ? Mit dem Pfarrhaus bestand ein freundschaftliches , stilles Hinüber und Herüber , die kleine , alte Frau hatte nun einmal eine besondere Liebe für mich . Der junge Pfarrer war zurückhaltend , aber vorsorglich für mich bedacht . Ihm verdankte ich meine Lektüre , er besorgte mir Blumensamen für meinen kleinen Garten , er besuchte meinen Vater an den langen Winterabenden , wenn er ermattet die Feder weglegte , und plauderte mit ihm . Bergen wurde bald nach Ruths Hochzeit von G. versetzt , und zwar nach M. als Adjutant einer Brigade . Das war noch ein schwerer Tag , als die beiden Freunde Abschied von mir nahmen . » Kommt bald wieder , ach , vergeßt mich nicht ganz « , bat ich sie und begleitete sie bis an die Freitreppe des Schlosses . Ich wäre mit hinaufgegangen , hätte sich nicht eben eine kleine , elegante Equipage in der Allee gezeigt , in der ich Eberhardt und Ruth erkannte . Sie führte die Zügel . Rasch schlug ich einen Seitenweg ein , ich konnte noch hören , wie der Wagen hielt und Eberhard sagte : » Da sind wir doch noch , Ruth hat sich besonnen und ihren Schmollwinkel verlassen . « Dann tönte Ruths Lachen in mein Ohr . Ein letztes Zurückgrüßen von Hanna – und auch sie hatte ich verloren . Dann kam ein Morgen , wo ich verzweifelt am Bette meines Vaters stand , immer wieder mit versagender Stimme seinen Namen rief und doch keine Antwort erhielt , wo seine kalte Hand die meine nicht mehr fassen konnte . Er war heimgegangen . Tot hatte ich ihn in seinem Bette gefunden , als ich ihm sein Frühstück bringen wollte : ein Schlagfluß hatte seinem Leben ein Ende gemacht . Tränenlos ließ ich mich hinwegführen und sank neben Kathrin in die Knie . Die Tränen der Alten fielen auf mein Haar , und sie hielt mich fest umklammert – die alte , gelähmte Dienstmagd war ja noch das einzige , was ich auf der Welt besaß . Ich sehe noch , wie man den unter Blumen verdeckten Sarg auf den Kirchhof trug . Das ganze Dorf gab dem verehrten alten Seelsorger die letzte Ehre . Die Leute weinten und schluchzten , und ich stand noch immer ohne Tränen an dem Fenster meiner Stube und sah ihm nach – nun war ich eine Waise . Dann kam der Baron und wollte mich wieder aufs Schloß nehmen , ich lehnte hastig ab und zeigte auf Kathrin . Was sollte die wohl anfangen ohne mich : es gab doch noch ein Wesen , das meiner bedurfte , und diese Sorge wollte ich mir nicht nehmen lassen . Wer weiß , wie lange ich noch dieses beglückende Gefühl haben durfte , daß ich jemand unentbehrlich sei . » Du darfst hier nicht allein bleiben , du verkommst hier « , sagte der Baron . » Ich ehre deine Anhänglichkeit , aber du mußt wenigstens die Woche ein paarmal an bestimmten Tagen zu uns kommen . Du gehst hier zugrunde in deinem starren Schmerz , du siehst ja mehr tot als lebend aus . « » Lassen Sie mich « , bat ich . » Ich danke Ihnen tausendmal – nicht jetzt , vielleicht später , ich kann ja nicht – « Ein Weilchen ließen sie mich wirklich in Ruhe , aber dann kam der Baron wieder . » Nun gehst du auf jeden Fall heute mit « , sagte er , » ich kann es nicht verantworten , mich so