? Unter diesem Himmel und über jenem Bergesgipfel weht ein heftiger Sturm . Wo haben Sie Latmos gesehen ? denn das ist Latmos . Hier – tragen Sie die Zeichnungen wieder fort . « Kaum hatte ich die Bänder meiner Zeichenmappe wieder zusammengebunden , als er auf seine Uhr sah und dann plötzlich sagte : » Es ist neun Uhr . Was fällt Ihnen ein , Miß Eyre , Adele so lange aufsitzen zu lassen ? Bringen Sie sie zu Bett . « Adele ging und gab ihm einen Kuß , bevor sie das Zimmer verließ . Er ließ sich die Liebkosung gefallen , aber er schien kaum mehr Wohlgefallen daran zu finden , als Pilot es gethan haben würde , – oder vielleicht noch weniger . » Ich wünsche Ihnen allen eine gute Nacht , « sagte er und machte eine Handbewegung nach der Thür , zum Zeichen , daß er unserer Gesellschaft müde sei und uns entließe . Mrs. Fairfax legte ihre Strickerei zusammen ; ich nahm meine Zeichenmappe : wir verneigten uns vor ihm , erhielten eine steife und kalte Verbeugung als Gegengruß , und zogen uns dann zurück . » Mrs. Fairfax , Sie sagten , daß Mr. Rochester keine auffallenden Eigentümlichleiten besitze , « bemerkte ich , als ich wieder zu ihr ins Zimmer trat , nachdem ich Adele ins Bett gebracht hatte . » Nun , und besitzt er deren ? « » Ich glaube wohl . Er ist sehr veränderlich und launenhaft . « » Das ist allerdings wahr . Ohne Zweifel muß er einem Fremden so erscheinen , aber ich bin schon so lange an seine Art und Weise gewöhnt , daß ich mir gar keine Gedanken mehr darüber mache . Und überdies sollte man sich nicht darüber wundern , wenn seine Laune nicht immer gleichmäßig ist . « » Weshalb das ? « » Teilweise , weil es in seiner Natur liegt – und keiner von uns kann gegen seine Natur kämpfen ; hauptsächlich aber , weil er wohl oft traurige und qualvolle Gedanken haben mag , die ihn peinigen und seine gute Laune stören . « » Was quält ihn denn ? « » Familienkummer vor allen Dingen . « » Aber er hat ja keine Familie . « » Jetzt nicht mehr – aber er hatte eine ; – Verwandte wenigstens . Er verlor seinen älteren Bruder vor einigen Jahren . « » Seinen älteren Bruder ? « » Ja . Der gegenwärtige Mr. Rochester ist noch nicht sehr lange im Besitz der Güter und des Vermögens ; erst ungefähr seit neun Jahren . « » Neun Jahre sind eine lange Zeit ! Liebte er seinen Bruder so zärtlich , daß er noch jetzt über seinen Verlust untröstlich ist ? « » Nein , nein – das ist vielleicht nicht der Fall . Ich glaube aber , daß einige Mißverständnisse zwischen ihnen bestanden . Mr. Rowland Rochester war Mr. Edward gegenüber nicht ganz gerecht , und vielleicht war er es auch , der den Vater gegen ihn einnahm . Der alte Herr liebte das Geld gar sehr und war stets ängstlich darauf bedacht , das Familienvermögen und die Güter zusammenzuhalten . Der Gedanke , das Besitztum durch Teilung zu verringern , war ihm unangenehm , und doch wünschte er , daß auch Mr. Edward reich sein solle , um den Glanz des Namens aufrecht zu erhalten ; und bald nachdem er großjährig geworden , wurden einige Schritte gethan , die nicht ganz gerecht waren und sehr viel Unheil anrichteten . Der alte Mr. Rochester und Mr. Rowland wirkten zusammen , um Mr. Edward in das zu bringen , was er eine peinliche Situation nannte , nur damit er sein Glück machen solle . Welcher Art diese Lage gewesen , habe ich nicht genau erfahren , aber sein Gemüt konnte niemals überwinden , was er durch dieselbe zu leiden hatte . Er brach mit seiner Familie und hat jetzt seit vielen Jahren ein unstetes Leben geführt . Ich glaube nicht , daß er seit dem Tode seines Bruders , der ohne Testament starb und ihn als Erben der Güter hinterließ , vierzehn Tage hintereinander in Thornfield ausgehalten hat . Und in der That , es ist kein Wunder , wenn er das alte Haus meidet . « » Weshalb sollte er es denn meiden ? « » – Vielleicht erscheint es ihm düster . « Die Antwort klang ausweichend – ich hätte gern etwas bestimmteres gehört ; aber Mrs. Fairfax wollte oder konnte mir keine genauere Auskunft über die Ursache oder die Art von Mr. Rochesters Prüfungen geben . Sie behauptete , daß sie auch für sie ein Geheimnis seien , und daß alles , was sie wisse , nur auf Vermutungen basiere . Es war augenscheinlich , daß sie wünschte , ich möge den Gegenstand fallen lassen . – Und das that ich auch . Vierzehntes Kapitel Während vieler der folgenden Tage sah ich Mr. Rochester wenig . Des Morgens schien er ganz von Geschäften in Anspruch genommen , und am Nachmittag kamen gewöhnlich Herren aus Millcote oder der Nachbarschaft , um ihre Besuche zu machen und zuweilen auch , um am Mittagessen teilzunehmen . Als seine Verrenkung soweit geheilt war , daß sie ihm wiederum gestattete auszureiten , machte er viele und weite Ritte . Wahrscheinlich erwiderte er jene Besuche , denn gewöhnlich kam er erst spät in der Nacht zurück . Während dieser Zeit wurde auch Adele nur selten zu ihm geholt , und meine ganze Bekanntschaft mit ihm beschränkte sich auf eine gelegentliche Begegnung in der Halle , auf der Treppe , oder in der Galerie ; zuweilen ging er hochmütig und kalt an uns vorüber und nahm von meiner Gegenwart nur durch eine steife Verbeugung oder einen kalten Blick Notiz ; ein anderes Mal hingegen lächelte er wieder und begrüßte mich mit der zwanglosen Höflichkeit eines Gentleman . Seine wechselnde Laune beleidigte mich nicht , denn ich sah bald ein , daß meine Person mit diesen Wechseln nichts zu thun hatte ; die Ebbe und Flut hing von Ursachen ab , mit denen ich in keiner Verbindung stand . Eines Tages hatte er zum Mittagsessen Gäste gehabt und während desselben hatte er meine Zeichenmappe holen lassen , ohne Zweifel zu dem Zweck , um ihren Inhalt zu zeigen . Die Herren entfernten sich früh , um einer öffentlichen Versammlung in Millcote beizuwohnen , wie Mrs. Fairfax mir mitteilte ; da der Abend aber naßkalt und rauh war , begleitete Mr. Rochester sie nicht . Bald nachdem sie sich entfernt hatten , zog er die Glocke , Es kam der Befehl , daß Adele und ich nach unten kommen sollten . Ich bürstete Adelens Haar und machte sie zierlich , und nachdem ich mich vergewissert hatte , daß ich in meinem gewöhnlichen Quäkerputz war , der keiner » Retouche « bedurfte , – da alles zu fest und einfach und glatt , die Haarfrisur einbegriffen , um eine Unordnung zuzulassen – gingen wir hinunter . Adele fragte mich , ob ich glaube , daß der petit coffre endlich angekommen sei ; denn durch irgend einen Irrtum hatte seine Ankunft sich bis jetzt verzögert . Ihre Hoffnung ging in Erfüllung ; da stand er , der kleine Karton , auf dem Tische ; beim Eintritt fielen unsere Blicke sogleich auf denselben . Instinktiv schien sie ihn zu erkennen . » Ma boîte ! ma boîte ! « rief sie aus , und lief auf den Tisch zu . » Ja , da ist deine › boite ‹ endlich . Nimm sie dir in eine Ecke , du echte Tochter des schönen Paris , und amüsiere dich mit dem Auspacken , « sagte Mr. Rochester mit seiner tiefen und ziemlich sarkastischen Stimme , die aus einem großen , tiefen Lehnstuhl vom Kamin her ertönte . » Und merke es dir , « fuhr er fort , » quäle mich nicht mit den Details des anatomischen Prozesses oder irgend einer Bemerkung über die Zustände der Eingeweide ; führe deine Operation unter Stillschweigen aus – tiens-toi tranquille , mon enfant ; comprends-tu ? « Es schien dieser Warnung bei Adele gar nicht zu bedürfen ; sie hatte sich mit ihrem Schatz bereits auf ein Sofa zurückgezogen und war damit beschäftigt , den Bindfaden , welcher den Deckel hielt , zu lösen . Nachdem sie dies Hindernis entfernt und einige silberartige Hüllen von Seidenpapier emporgehoben hatte , rief sie nur aus : » Oh , ciel , que c ' est beau ! « dann blieb sie regungslos in extatischer Betrachtung stehen . » Ist Miß Eyre da ? « fragte der Herr des Hauses jetzt , indem er sich halb aus seinem Lehnsessel erhob und sich nach der Thür umblickte , neben welcher ich noch immer stand . » O ! das ist gut ! Treten Sie näher , und setzen Sie sich zu mir . « Er zog einen Stuhl an den seinen heran . » Ich bin kein Freund vom Geplauder der Kinder , « fuhr er fort , » denn ein alter Junggeselle wie ich hat keine freundlichen Erinnerungen , die sich an ihr Lallen knüpfen könnten . Es wäre unerträglich für mich , wenn ich einen ganzen Abend tête-à-tête mit solch einem Kinde zubringen sollte . Ziehen Sie den Stuhl nicht weiter zurück , Miß Eyre , setzen Sie sich gerade da , wohin ich ihn gestellt habe , das heißt natürlich , wenn es Ihnen recht ist . Zum Teufel mit diesen Förmlichkeiten ! Ich vergesse sie immer wieder . Für einfache , harmlose alte Damen habe ich auch keine besondere Vorliebe . Dabei fällt mir ein , für die meine sollte ich sie doch haben ; es würde nichts Gutes daraus entstehen , wenn ich sie vernachlässigen wollte . Sie ist eine Fairfax , oder war doch mit einem solchen verheiratet ; und Blut ist dicker als Wasser , wie das Sprichwort sagt . « Er zog die Glocke und sandte eine Aufforderung an Mrs. Fairfax , welche gleich darauf mit ihrem Strickkorbe in der Hand erschien . » Guten Abend , Madame ; ich ließ Sie zu einem mildthätigen Zwecke hierherbitten : ich habe Adele verboten mit mir über ihre Geschenke zu sprechen und sie stirbt jetzt beinahe vor verhaltener Aufregung ; haben Sie die Güte , ihr als Zuhörerin und Fragestellerin zu dienen ; es wäre eine der barmherzigsten Thaten , die Sie jemals vollbracht haben . « In der That , kaum hatte Adele Mrs. Fairfax erblickt , als sie ihr schon ein Zeichen machte , an das Sofa zu kommen . Dort füllte sie ihr den Schoß mit dem ganzen Inhalt von Porzellan , Elfenbein und Wachs ihrer boite und gab zugleich ihr Entzücken in dem kleinen Vorrat von Englisch zu erkennen , dessen sie mächtig war . » Jetzt habe ich die Rolle eines liebenswürdigen Wirtes gespielt und meinen Gästen den Weg gezeigt , auf dem sie ihre Unterhaltung finden können , « fuhr Mr. Rochester fort , » nun sollte es mir aber auch erlaubt sein , meinen eigenen Vergnügungen nachzugehen . Miß Eyre , ziehen Sie Ihren Stuhl noch ein klein wenig näher , Sie sitzen noch zu weit zurück . Ich kann Sie nicht sehen , ohne meine bequeme Lage in diesem prächtigen Stuhl aufzugeben ; und dazu habe ich allerdings keine Lust . « Ich that , wie mir geheißen wurde , obgleich ich viel lieber ein wenig im Schatten geblieben wäre ; aber Mr. Rochester hatte eine so direkte Art , seine Befehle zu erteilen , daß es die natürlichste Sache der Welt war , ihm augenblicklich zu gehorchen . Wie ich schon erwähnt habe , befanden wir uns im Speisezimmer ; der Kronleuchter , dessen Kerzen für die Mittagstafel angezündet gewesen , erfüllte das Zimmer mit einem festlichen Glanz ; das große Feuer brannte rot und hell und klar ; die roten Vorhänge hingen in reichen Falten vor dem hohen Bogenfenster und der noch höheren Bogenthür ; ringsum herrschte Ruhe , nur Adelens leises Geplauder – sie wagte nicht laut zu sprechen – unterbrach dann und wann die Stille . Draußen schlug der Winterregen kaum hörbar gegen die Scheiben . Wie Mr. Rochester so in seinem köstlich reichen Lehnstuhl dasaß , sah er ganz anders aus , als er mir bis dahin erschienen war , – nicht ganz so strenge , weniger düster . Auf seinen Lippen ruhte ein Lächeln , seine Augen funkelten ; ob dies die Wirkung des Weins war oder nicht – das weiß ich nicht ; aber ich halte es für wahrscheinlich . Kurzum , er war in seiner » Nach dem Mittagessen-Stimmung « natürlicher , lebhafter , elastischer , mitteilsamer , nicht so strenge und steif und förmlich als des Morgens , Und doch sah er noch ein wenig grimmig aus , wie er seinen massiven Kopf gegen die schwellenden Polster des Lehnstuhls legte und der Schein des Feuers auf seine wie aus Granit gehauenen Züge und seine großen , dunklen Augen fiel – denn er hatte große , dunkle Augen und sehr schöne Augen obendrein ; – zuweilen wechselte der Ausdruck in ihren Tiefen und wenn es auch nicht grade Weichheit war , die sich dort spiegelte , so erinnerte es doch wenigstens an diese Empfindung . Zwei Minuten hatte er ins Feuer geblickt , und ebenso lange hatte ich ihn angesehen – da wandte er sich plötzlich um und erhaschte meinen Blick , der auf seine Physiognomie geheftet gewesen . » Sie prüfen mein Gesicht , Miß Eyre , « sagte er , » finden Sie mich schön ? « Wenn ich überlegt hätte , so würde ich auf diese Frage mit irgend einer konventionellen Höflichkeit geantwortet haben ; aber ehe ich selbst es recht wußte , entschlüpfte die Antwort meinen Lippen : » Nein , Sir ! « » Ah ! Auf mein Ehrenwort , Sie haben etwas ganz eigentümliches , « sagte er , » Sie sehen aus wie eine kleine Nonne ; einfach , ruhig , ernst und selbstbewußt , wie Sie so mit gefalteten Händen da sitzen und die Blicke gewöhnlich auf den Teppich heften – ausgenommen , nebenbei gesagt , wenn sie durchdringend auf meinem Gesicht ruhen wie eben jetzt zum Beispiel – und wenn man dann eine Frage an Sie richtet oder eine Bemerkung macht , auf welche Sie zu antworten gezwungen sind , so kommen Sie mit einer Entgegnung , die , wenn auch nicht gerade grob , so doch wenigstens brüsk ist . Was bezwecken Sie eigentlich damit ? « » Sir , ich war wohl zu deutlich . Ich bitte um Entschuldigung . Ich hätte antworten müssen , daß es nicht so leicht ist , eine Stegreif-Antwort auf eine Frage über äußere Erscheinung zu geben ; daß der Geschmack verschieden ist ; daß Schönheit wenig bedeutet , oder irgend etwas ähnliches . « » Nein , Sie hätten durchaus nichts ähnliches antworten müssen . Schönheit wenig bedeuten ! In der That ! Und so , unter dem Vorwande , die vorhergehende Beleidigung wieder gut zu machen , mich zu streicheln und zu beruhigen , stoßen Sie mir ein feines , kleines Messer in den Nacken ! Fahren Sie fort . Welche Fehler finden Sie sonst noch an mir ? Bitte , sprechen Sie . Ich vermute doch , daß all meine Gesichtszüge und meine Gliedmaßen gerade so sind wie die anderer Leute ? « » Mr. Rochester , erlauben Sie mir , meine erste Antwort zurückzunehmen ; ich hatte nicht die Absicht , eine spitze Bemerkung zu machen , es war wirklich nur eine Dummheit . « » Da haben Sie recht . Das glaube ich auch . Und Sie sollen dafür büßen . Kritisieren Sie mich . Gefällt meine Stirn Ihnen nicht ? « Er strich die schwarzen Haarwellen , welche horizontal über seine Stirn fielen , zur Seite und zeigte dabei eine ziemlich solide Masse intellektueller Organe , wo indessen das sanfte Zeichen des Wohlwollens und der Güte sich hätte erheben sollen , war ein plötzlicher Mangel sichtbar . » Nun Fräulein , bin ich ein Narr ? « » Weit entfernt , Sir , Vielleicht halten Sie mich für ungezogen , wenn ich Sie als Erwiderung frage , ob Sie ein Philanthrop sind ? « » Also wieder ! Noch ein Stich mit dem feinen , kleinen Federmesser , während Sie vorgaben , meinen Kopf zu streicheln . Und das nur , weil ich gesagt habe , daß ich die Gesellschaft kleiner Kinder und alter Frauen – leise sei es gesagt – nicht liebe ! Nein , meine junge Dame , ich bin kein allgemeiner Philanthrop , aber ich habe ein Gewissen ; « und dabei zeigte er auf die Organe , welche diese Eigenschaft oder Fähigkeit verraten sollen – und die , zum Glück für ihn , ziemlich sichtbar waren und dem oberen Teil seines Kopfes eine bemerkenswerte Breite verliehen , » und außerdem wohnte meinem Herzen einst eine rohe Art von Zärtlichkeit inne . Als ich so alt war wie Sie , war ich ein ganz gefühlvoller Bursche ; ich hatte Mitleid mit den Unterdrückten , den Vernachlässigten , den Unglücklichen ; aber seitdem hat das Schicksal mich hin- und hergeworfen ; es hat mich mit seinen Fäusten förmlich geknetet , und jetzt schmeichle ich mir , so hart und so zähe zu sein wie ein Gummiball . In der Mitte des Klumpens ist nur noch ein kleiner , empfindlicher Punkt , und an einer oder zwei unmerkbaren Stellen vermag noch etwas einzudringen . Ja ! Und giebt es da noch irgend eine Hoffnung für mich ? « » Hoffnung auf was , Sir ? « » Auf meine schließliche Wiederumgestaltung vom Gummi zu Fleisch und Blut ? « » Ganz entschieden hat er zu viel Wein getrunken , « dachte ich bei mir und ich wußte nicht , welche Antwort ich auf seine sonderbare Frage geben sollte . Wie konnte ich denn wissen , ob er einer Wiedertransformation noch fähig sei ? » Sie sehen ganz verblüfft aus , Miß Eyre ; und obgleich Sie ebensowenig hübsch sind wie ich schön bin , so kleidet diese verblüffte Miene Sie ausgezeichnet ; außerdem ist sie bequem , denn sie lenkt Ihre prüfenden Blicke von meiner Physiognomie ab und beschäftigt sie mit den gewebten Blumen auf dem Kaminteppich ; also seien Sie nur weiter verblüfft . Junge Dame , heute Abend bin ich in der Stimmung , lebhaft und mitteilsam zu sein . « Mit dieser Ankündigung erhob er sich von seinem Stuhl , ging an das Feuer und lehnte den Arm auf den Kaminsims . In dieser Stellung traten seine Figur und sein Gesicht besonders deutlich hervor ; ebenso die ungewöhnliche Breite seiner Schultern , welche zu seiner Höhe in gar keinem Verhältnis stand . Ich bin fest überzeugt , daß die meisten Menschen ihn für einen häßlichen Mann gehalten haben würden ; und doch lag in seiner Haltung so viel unbewußter Stolz , in seinen Bewegungen so viel Leichtigkeit ; in seiner Miene so unendliche Gleichgiltigkeit gegen seine eigene äußere Erscheinung ; ein so hochmütiges , stolzes Sichverlassen auf die Macht anderer Eigenschaften innerer und äußerer Art , die für den Mangel persönlicher Reize entschädigen konnten , daß man unwillkürlich diese Gleichgültigkeit teilen mußte , wenn man ihn ansah , und sogar in einem gewissen , nur halbbewußten Sinne an sein Selbstvertrauen zu glauben begann . » Ich bin heute Abend in der Stimmung , lebhaft und mitteilsam zu sein , « wiederholte er , » und das ist der Grund , weshalb ich Sie hierher bitten ließ ; das Kaminfeuer und der Kronleuchter genügten mir nicht als Gesellschaft , und ebensowenig wäre Pilot es gewesen , denn keines von diesen kann reden . Adele ist um einen Grad besser , doch noch tief unter der Linie ; Mrs. Fairfax dito , aber Sie können mir genügen , wenn Sie wollen , dessen bin ich gewiß . Sie verblüfften mich schon an dem ersten Abend , als ich Sie einlud , herunterzukommen . Seitdem habe ich Sie beinahe schon wieder vergessen . Andere Gedanken haben jene an Sie aus meinem Kopfe vertrieben ; heute Abend aber bin ich entschlossen , mich wohl zu fühlen , alles zu verbannen , was quälend ist , das ins Gedächtnis zurückzurufen , was angenehm ist . Jetzt würde es mir Freude machen , Sie zum plaudern zu bringen , Sie näher kennen zu lernen – deshalb sprechen Sie . « Anstatt zu sprechen , lächelte ich . Aber es war gerade kein unterwürfiges oder gefälliges Lächeln . » Sprechen Sie , « drängte er . » Über was denn , Sir ? « » Über was Sie wollen . Das Gesprächsthema und die Art und Weise es zu behandeln überlasse ich Ihnen ; wählen Sie selbst . « Folglich setzte ich mich und sagte gar nichts : » Wenn er erwartet , daß ich sprechen soll , nur um zu sprechen und mich zu zeigen , so wird er finden , daß er an die unrechte Person gekommen ist , « dachte ich . » Sie sind stumm , Miß Eyre . « Ich war noch immer stumm . Er neigte den Kopf zu mir und schien mit einem einzigen hastigen Blicke in die tiefste Tiefe meiner Seele tauchen zu wollen . » Eigensinnig ? « fragte er , » und ärgerlich ? Ah , ich habe es übrigens verdient . Ich stellte meine Frage in einer absurden , beinahe unverschämten Form , Miß Eyre , ich bitte Sie um Verzeihung . Ein- für allemal muß ich Ihnen nämlich sagen , daß ich Sie nicht gern wie eine Untergebene behandeln möchte . Das heißt – hier verbesserte er sich – ich nehme nur jene Überlegenheit für mich in Anspruch , welche die zwanzig Jahre Unterschied im Alter und die hundert Jahre in Erfahrung mir geben . Das ist nur gerecht , et j ' y tiens , wie Adele sagen würde ; und kraft dieser Überlegenheit und nur dieser allein wünschte ich , daß Sie die Güte haben möchten , jetzt ein wenig mit mir zu plaudern und meine Gedanken zu zerstreuen , die durch das Verweilen bei einer einzigen Sache ganz gallig geworden sind : angefressen wie ein rostiger Nagel . « Er hatte mich einer Erklärung gewürdigt , beinahe einer Entschuldigung ; ich war nicht unempfindlich für seine Herablassung , aber ich wollte es nicht merken lassen . » Ich will Sie sehr gern unterhalten , Sir , sehr gern ; aber ich kann kein Gesprächsthema wählen , weil ich nicht weiß , was Sie interessieren kann . Fragen Sie mich nur , und ich will mein Bestes thun , um Ihnen zu antworten . « » Also in erster Reihe , stimmen Sie mit mir überein , daß ich das Recht habe , ein wenig herrisch und seltsam , zuweilen vielleicht auch ein wenig rechthaberisch zu sein , fußend auf den Gründen , die ich Ihnen angeführt habe ; nämlich , daß ich alt genug bin , um Ihr Vater zu sein und daß ich mit vielen Menschen und vielen Nationen die verschiedenartigsten Erfahrungen gemacht und mehr als die Hälfte des Erdballs durchstreift habe , während Sie ruhig mit denselben Menschen in demselben Hause gelebt haben . « » Thun Sie , was Ihnen gefällt , Sir . « » Das ist keine Antwort , oder vielmehr eine sehr ärgerliche , weil es eine ausweichende ist , – bitte antworten Sie klar . « » Ich glaube nicht , Sir , daß Sie ein Recht haben , mir zu befehlen , nur weil Sie älter sind als ich , oder weil Sie mehr von der Welt gesehen haben als ich ; – Ihr Anspruch auf Überlegenheit entspringt dem Gebrauch , welchen Sie von Ihrer Zeit und Ihren Erfahrungen gemacht haben . « » Bah ! Das ist gut gesagt . Aber ich werde das nicht zugeben , weil ich sehe , daß es meiner Sache nicht nützen würde . Ich habe von beiden Vorteilen einen gleichgiltigen , um nicht zu sagen schlechten Gebrauch gemacht . Wenn wir die › Überlegenheit ‹ nun auch ganz aus dem Spiele lassen , so müssen Sie doch einwilligen , dann und wann meine Befehle entgegen zu nehmen , ohne sich durch den befehlenden Ton , in welchem ich sie gebe , verletzt zu fühlen ; – wollen Sie das ? « Ich lächelte . Ich dachte bei mir : Mr. Rochester ist ein seltsamer Mann , – er scheint zu vergessen , daß er mir dreißig Pfund Sterling jährlich zahlt , damit ich seine Befehle ausführe . » Das Lächeln ist sehr schön , « sagte er , indem er augenblicklich den vorübergehenden Gesichtsausdruck bemerkte , » aber Sie müssen nun auch sprechen , « » Ich dachte darüber nach , daß sehr wenig Herren sich darum kümmern würden , ob ihre bezahlten Untergebenen durch ihre Befehle verletzt und beleidigt wären oder nicht . « » Bezahlte Untergebene ! Was ? Sie sind meine bezahlte Untergebene ? Sind Sie das ? Ach ja , ich hatte das Gehalt vergessen ! Gut also ! Wollen Sie mir auf diesen feilen Grund hin erlauben , ein wenig anmaßend zu sein ? « » Nein Sir ; auf den Grund hin nicht ; aber auf den Grund hin , daß Sie ihn vergessen konnten , und daß Sie sich darum kümmern , ob eine Untergebene in ihrer Abhängigkeit glücklich ist oder nicht , willige ich von Herzen gern ein . « » Und wollen Sie auch einwilligen , mich von einer ganzen Menge konventioneller Formen und Phrasen zu dispensieren , ohne zu glauben , daß diese Unterlassung aus Nichtachtung entspringt ? « » Ich bin überzeugt , Sir , daß ich Formlosigkeit niemals mit Nichtachtung verwechseln würde ; für das eine habe ich eine gewisse Schwäche , dem anderen würde sich kein Freigeborener fügen , nicht einmal um eines Lohnes willen . « » Unsinn ! Die meisten freigeborenen Geschöpfe würden alles ertragen um eines Lohnes willen ; deshalb urteilen Sie nur für sich selbst und sprechen Sie nicht über Allgemeinheiten , über die Sie gänzlich in Unwissenheit sind . Indessen schüttele ich Ihnen im Geiste die Hand für Ihre Antwort , obgleich diese durchaus nicht treffend war , und ebensosehr für die Art , in welcher Sie es sagten , wie für den Inhalt der Rede ; die Art und Weise war frank und frei und aufrichtig ; man trifft sie nicht allzuoft an ; nein , im Gegenteil , Affektation oder Kälte , oder dummes , grobes , gemeines Mißverstehen der Absicht sind der gewöhnliche Lohn für Aufrichtigkeit . Unter dreitausend eben der Schule entwachsenen Gouvernanten würden nicht drei mir geantwortet haben , wie Sie es soeben gethan haben . Aber ich habe nicht die Absicht , Ihnen zu schmeicheln ; wenn Sie in einer anderen Form gegossen sind als die Mehrzahl , so ist das nicht Ihr eigenes Verdienst , die Natur hat es gethan . Und dann bin ich auch wahrscheinlich zu voreilig in meinen Schlüssen , denn wie kann ich eigentlich wissen , ob Sie besser sind als die übrigen . Sie können ja unzählige unerträgliche Mängel und Fehler haben , welche Ihren guten Seiten das Gegengewicht halten . « » Das können Sie ebenfalls , « dachte ich bei mir . Als dieser Gedanke mein Hirn kreuzte , begegnete mein Blick dem seinen ; er schien in demselben zu lesen und er antwortete mir , als hätte ich meinem Denken Worte verliehen : » Ja , ja ! Sie haben recht , « sagte er , » ich selbst habe eine Menge Fehler ; ich weiß das sehr wohl und wünsche durchaus nicht , sie zu beschönigen , dessen versichere ich Sie . Gott weiß , daß ich keine Ursache habe , andern gegenüber zu strenge zu sein . Mein früheres Dasein , eine lange Folge von Thaten , eine Färbung meines Lebens sind in meiner eigenen Brust verzeichnet , welche mein Naserümpfen und mein Urteil leicht von meinem Nächsten auf mich selbst lenken könnten . Im Alter von einundzwanzig Jahren warf man mich – denn wie andere Sünder lege auch ich gern die Hälfte der Schuld auf ein trauriges Schicksal und auf widrige Umstände – auf den falschen Pfad und seitdem ist es mir noch nicht geglückt , den rechten Weg wiederzufinden ; aber ich hätte ein anderer Mensch sein können ; ich hätte ebenso gut sein können wie Sie – klüger – fast ebenso rein . Ich beneide Sie um Ihren Seelenfrieden , um Ihr reines Gewissen , Ihre unbefleckte Erinnerung ! Mein kleines Mädchen , eine Erinnerung ohne einen dunklen Fleck , ohne Vorwurf muß ein großer Schatz sein , – eine unerschöpfliche Quelle reinster Erfrischung – ist es nicht so ? « » Wie waren denn Ihre Erinnerungen , als Sie achtzehn Jahre zählten ? » O , damals war alles noch gut , klar , durchsichtig , gesund ; damals hatte noch kein Schlagwasser sie zu einem faulen Tümpel gemacht . Mit achtzehn Jahren war ich Ihnen gleich – ganz gleich . Die Natur hatte mich im großen Ganzen zu einem guten Menschen bestimmt , Miß Eyre , zu einem von der besseren Sorte – und wie Sie sehen , bin ich es doch nicht geworden . Sie können mir nun erwidern , daß Sie es nicht sehen ; wenigstens schmeichle ich mir , daß ich das in Ihrem Auge lese – nebenbei gesagt , hüten Sie sich davor , irgend etwas durch dies Organ auszudrücken , denn ich weiß seine Sprache wohl zu deuten . Aber nehmen Sie mein Wort darauf – ich bin kein Schurke , das dürfen Sie nicht voraussetzen – so viel böse Wichtigkeit dürfen Sie mir gar nicht zutrauen ; nein , dank den Umständen mehr als meinem eigenen natürlichen Hange , bin