Jahren hatte Eberhard jeden Überblick verloren . Das Geld , das er bekam , verbrauchte er in gewohnter Weise , fragte nicht um die Bedingungen , wußte nicht , wohin all dies führen , wie es enden sollte und wand sich vor Abscheu bei den täppischen Annäherungen , den boshaften Stichelreden und den von Zeit zu Zeit geäußerten Drohungen des Herrn Carovius . Wie abgeschmackt sein Lächeln war , wie leer einmal und wie tiefsinnig dann wieder sein Gespräch ! Er maßte sich die unverschämte Freiheit an , bei Eberhard ein- und auszugehen , so oft es ihm paßte . Er langweilte ihn mit der Besprechung philosophischer Systeme oder mit erbärmlichem Klatsch über seine Mitbürger . Er bewachte ihn Tag und Nacht . Er folgte ihm auf der Straße , schrie : » Herr Baron ! Herr Baron ! « und schwenkte den Hut . Seine Besorgnis für Eberhards Wohlbefinden glich der eines Kerkermeisters . An einem Winterabend lag Eberhard fiebernd zu Bett . Herr Carovius lief zum Arzt und verbrachte dann die ganze Nacht im Zimmer des Kranken , ohne sich um dessen ausdrücklichen Wunsch , daß er ihn allein lassen möge , zu kümmern . » Soll ich nicht an Ihre Frau Mutter schreiben ? « fragte er zärtlich , als am Morgen das Fieber noch nicht gefallen war . Mit einem Wutschrei sprang Eberhard aus dem Bett und Herr Carovius ergriff die Flucht . Herr Carovius liebte es , zu wehklagen . Er rannte um den Tisch herum und jammerte , er sei ruiniert . Er schleppte das Kontobuch herbei , addierte die Ziffern und rief : » Noch zwei Jahre so gewirtschaftet , lieber Baron , und mir blüht das Armenhaus . « Dann verlangte er Deckung , neue Sicherheiten , neue Versprechungen und legte zur Unterschrift einen Schein über die Gesamtsumme vor , der aber von dem Wirrsal der Zinsenberechnungen , Provisionen , Vergütungen und Wuchergelder nichts ahnen ließ . Herr Carovius selbst konnte sich nicht mehr zurechtfinden , denn es hatte sich auf sein Betreiben ein Konsortium stiller Hintermänner gebildet , denen er seinerseits verschuldet war , und die seinen Eifer im Dienst des jungen Freiherrn nach Kräften ausbeuteten . » Was ist ' s denn mit den Weiberlein ? « fragte Herr Carovius zu anderer Stunde wieder , » was wär ' s denn mit einem kleinen Abenteuer ? « Und er merkte , daß es im Leben des jungen Freiherrn ein Geheimnis gab ; er merkte es und war wütend , daß er das Geheimnis nicht ergründen konnte . Eines Tages kam er dazu , als Eberhard seinen Koffer packte . » Wohin , Verehrtester ? « krähte er erschrocken . Eberhard antwortete , er wolle in die Schweiz reisen . » In die Schweiz ? Was wollen Sie denn dort machen ? Ich lasse Sie nicht fort , « sagte Herr Carovius . Eberhard musterte ihn kalt . Herr Carovius verlegte sich aufs Bitten ; umsonst , Eberhard reiste . Er suchte Einsamkeit , die Einsamkeit quälte ihn , er kehrte zurück , um abermals wegzureisen , er kehrte wieder zurück und hatte das Gespräch mit Lenore , das ihm die letzte Hoffnung raubte , da ging er nach München und wurde in das Treiben einer Spiritistengemeinde gezogen . Seelische Müdigkeit beraubte ihn des Widerstandes ; es war etwas zerbrochen in ihm . Eine angeborene Zweifelsucht hinderte ihn nicht , sich einem Einfluß hinzugeben , der seiner Natur ursprünglich noch fremder gewesen war als die pöbelhafte Geschäftigkeit der Alltagswelt . Mit eingeschläfertem Urteil schürfte er in einem Bezirk , wo das Trugbild und die oberflächliche Bezauberung herrscht , nach Quellen des Lebens . Herr Carovius aber besoldete einen Spion , der den Freiherrn nicht aus den Augen lassen durfte und über alle seine Schritte Bericht erstatten mußte . Brauchte Eberhard Geld , dann war er gezwungen , zu Herrn Carovius zu kommen . Dann stand Herr Carovius schon eine Stunde vor Ankunft den Zuges auf dem Bahnhof und benahm sich so auffallend , daß die Amtspersonen und die Reisenden über ihn lachten . War der Erwartete endlich eingetroffen , so schwätzte Herr Carovius vor Freude lauter Unsinn und trippelte erregt rings um ihn herum . Es könnte demnach scheinen , als hätte Herr Carovius eine redliche Liebe für den jungen Freiherrn empfunden . Und er liebte ihn in der Tat . Er liebte Eberhard wie ein Spieler die Karten liebt , oder auch wie das Feuer die Kohle liebt . Er idealisierte ihn ; er träumte von ihm ; er atmete gern die Luft , die jener atmete ; er sah in ihm einen Auserwählten , er dichtete ihm heldenhafte Züge an und war entzückt von der adeligen Unnahbarkeit seines Schützlings . Er liebte ihn mit Haß , mit der Freude an der Vernichtung , und diese Haßliebe war zum Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle geworden , in ihr drückte sich alles aus , was ihn von den Menschen schied und was ihn an den Menschen lockte . Sie beherrschte ihn unbedingt bis zu dem Zeitpunkt , wo eine zweite , ebenso furchtbare , ebenso lächerliche Leidenschaft sich ihr zugesellte . 4 Daniel hatte lange gezögert , den Empfehlungsbrief der Frau von Erfft zu benutzen . Da bat ihn Gertrud , zur Baronin Auffenberg zu gehen . » Geh ich dir zuliebe , so rächt sich ' s an dir , « sagte er . » Wenn ich dein Weigern verstünde , wollt ich nicht bitten , « antwortete sie erschrocken . » Dort in Erfft hab ich so viel gewonnen , « sagte er , » so viel Menschenwärme , die mir neu war , daß ich keinen Zweck dahinter setzen mag . Verstehst du jetzt ? « Sie nickte . » Aber Muß ist stärker als Mag , « schloß er und ging . Die Freifrau nahm sich mit Entschiedenheit seiner Sache an . Am Stadttheater war die Stelle eines zweiten Kapellmeisters frei geworden , und sie bewarb sich für Daniel darum . Man versprach , ihrem Wunsch zu willfahren , doch hinterrücks wurden Ränke gesponnen , und wenn sie mahnte , wurde sie gleißnerisch vertröstet . Sie wunderte sich , eine Feindseligkeit anzutreffen , die sich wie auf Verabredung von allen Seiten gegen den jungen Musiker kehrte . Keiner der Widersacher ließ sich sehen oder hören ; es war das erstemal , daß sie handelnd mit der Welt zusammenstieß , und ihre Entrüstung über die Feigheit und Falschheit hatte etwas Rührendes . Endlich , nach einer langen und für sie demütigenden Unterredung mit dem Allerweltsmakler Alexander Dörmaul , wurde ihr das Engagement Daniels für das nächste Frühjahr zugesagt . Die Freifrau nahm indessen Stunden bei Daniel . Es war ihr Wunsch , mit dem Bestand guter Klavierwerke vertraut gemacht und über ihre Art faßlich belehrt zu werden . Es dauerte lange , bis sie sich an seine mürrische Strenge gewöhnt hatte . Ihr war , als zerre er sie aus einem wohlig lauen Bad in kalte Zugluft ; sie verlangte nach ihren Dämmerungen zurück , nach ihren Auflösungen , nach ihren wehleidigen Stimmungen . Einmal wagte sie einen entzückten Ausruf , als er einen fugierten Satz trocken erklärte . Da schlug er den Klavierdeckel unter ihren Händen zu und sagte : » Adieu , Frau Baronin . « Er kam erst wieder , als sie ihn durch einen Brief zu kommen bat . Verdorbener Saft , vergebliche Mühe , dachte er , ohne doch die menschliche Würdigkeit der Freifrau zu übersehen . Die acht Stunden im Monat waren ihm eine bittere Plage ; trotzdem fand er sich mit zwanzig Mark für die Stunde zu hoch bezahlt und sagte es auch . Der Verdacht , daß man ihm ein Almosen reichen wolle , machte ihn im höchsten Grade unliebenswürdig . Ein Diener erlaubte sich eine freche Vertraulichkeit ; da packte er den Menschen am Kragen und schüttelte ihn , daß er blau im Gesicht wurde . Er war sehnig wie ein Jaguar und im Zorn äußerst zu fürchten . Die Freifrau mußte den Diener entlassen . Einst zeigte ihm die Freifrau ein altertümliches Glas aus Bergkristall , welches schön bemalt war . Indem er es bewundernd anblickte , ließ er es fallen und das Gefäß zerbrach . Er war zerknirscht wie ein Schuljunge , und die alte Dame mußte ihn mit vielen Überredungskünsten beruhigen . Da spielte er ihr zum Dank den ganzen Karneval von Schumann vor , den sie über alles liebte . Man konnte ihn jeden Vormittag über die Fleischbrücke eilen sehen . Er ging stets rasch ; die Schöße seines Mantels flogen . Er hatte stets die Mundwinkel auseinander gezogen und die Unterlippe zwischen die Zähne geklemmt . Sein Blick war zur Erde gerichtet ; im dichtesten Gedränge schien er allein zu sein . Die umgebogene Hutkrempe verbarg die Stirn ; seine schlenkernden Arme glichen den Flügelstümpfen eines Pinguins . Wenn er bisweilen stillestand und mit einem horchenden Ausdruck im Gesicht schaute , ohne zu sehen , sammelten sich Gassenjungen um ihn und grinsten . Einmal fragte ein kleiner Knabe seine Mutter : » Sag Mutter , wer ist das uralte Männlein dorten ? « So müssen wir ihn denken , an diesem Punkt seines Lebens , vor den Gewitterjahren seines Lebens ; so eilig , so abgekehrt , so mürrisch , so trocken scheinend , so von Phantasie und Begierde durch den engen Kreis seines Werktags gejagt , so jung und so uralt ; so müssen wir ihn denken . 5 Die Wohnung von Daniel und Gertrud hatte drei Zimmer . Zwei lagen gegen die Straße und eines , das Schlafzimmer , lag gegen den düstern Hof . Mit geringen Mitteln , aber mit Lust und Fleiß hatte Gertrud alles getan , um die Räume zu schmücken . Obgleich die Decken niedrig waren und die alten Mauern massig wuchteten , boten die Stuben einen freundlichen Anblick . In Daniels Arbeitszimmer war der Stutzflügel das beherrschende Möbelstück . Fuchsienstöcke auf dem Sims gaben der Kargheit einen idyllischen Rahmen . Die Mutter hatte ihm das Ölporträt seines Vaters zum Geschenk gemacht ; von seinem Platz über dem Sofa schaute das ernste Antlitz Gottfried Nothaffts auf den Sohn , und es schien , als wende er bisweilen den Blick fragend zur Totenmaske der Zingarella , die ihm gegenüber ihr unendliches Geisterlächeln an den Schatten des Raumes verlor . Gertrud mußte alle häuslichen Arbeiten selbst machen , denn eine Magd konnten sie nicht halten . Sie hatte aber auch in den Jahren von Daniels Abwesenheit das Notenschreiben erlernt . Der Provisor Seelenfromm , der beim Apotheker Pflaum bedienstet war , hatte sie darin unterrichtet . Er war ein Vetter der Notarin Rübsam , und sie hatte seine Bekanntschaft durch Lenore gemacht . In seinen Mußestunden komponierte er kleine Walzer und Militärmärsche und widmete sie den Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses . Auch Gertrud widmete er eine Komposition , betitelt Feenzauber , eine Gavotte . Als Daniel von ihrer Fertigkeit erfuhr , schlug er vor Erstaunen die Hände zusammen . Das seltsame Wesen sah in einem Glücksrausch zu ihm empor . » Ich will dir helfen , « sagte sie , und sie schrieb seine Notenschriften ins Reine . Auf der Straße gehend , schloß sie bisweilen die Augen . Eine Tonfolge zog an ihr vorüber , deren eigentümliche Sprache sie erst in diesem Augenblick verstand . Während sie mit einem Marktweib um den Preis des Gemüses handelte , war ihr Inneres voll Gesang . Bestimmte Töne und Tonverbindungen traten figürlich vor ihr Auge . So zum Beispiel glich das zweigestrichene B des Basses einer schwarzverschleierten Frau ; das E der Mittellage einem Jüngling , der die Arme dehnte . In den Akkorden , Harmonien und harmonischen Verwandlungen wurden diese Gestalten von einer Bewegung erfaßt , die sich nach dem Charakter der Komposition richtete . Ein Zug trauernder Gestalten zwischen Wolken und Sternen ; wilde Tiere , die von berittenen Jägern gehetzt werden ; Mädchen , welche Blumen aus den Fenstern eines Palastes werfen ; Männer und Frauen , die verzweiflungsvoll umschlungen in einen Abgrund stürzen ; Weinende und Lachende , Ringer und Ballspieler , Tanzpaare und Traubenpflücker . Die Fermate erschien ihr als ein Mensch , der nackt aus einem Schachte steigt , eine brennende Fackel in der Faust ; der Triller als ein Vogel , der ängstlich um sein Nest flattert . In Daniels Schöpfungen ging ihr alles nah , waren alle Bilder farbig , alle Gestalten wie voll Blut . Blieben sie tot und fern , so stockte ihr Mitgefühl , ja ihr Gesicht wurde leer und müde , und ohne daß sie ein Wort miteinander gesprochen hatten , wußte Daniel , daß er irre gegangen war . Dieses aber schmiedete ihn wie mit Ketten an das junge Weib , das von Gott eingesetzt schien als sein lebendiges Gewissen und als unfehlbare , wenn auch stumme Richterin . Er haßte sie , wenn ihr Gefühl schwieg ; hatte er sich dann nach tiefer Einkehr überzeugt , daß ihr Gefühl im Rechte war , dann hätte er die unbekannte Macht anbeten mögen , die ihm so unerbittlich seine Wege wies . Der Kantor Spindler hatte eine schöne Harfe besessen , die hatte er in seinem Testament Daniel vermacht . Die Harfe war damals in Ansbach bei der alten Wirtschafterin des Kantors geblieben , erst nach seiner Heirat hatte sich Daniel des Geschenkes wieder erinnert und die Harfe wurde ihm zugeschickt . Sie stand in der Wohnstube , Gertrud hatte sie von Anfang an gern betrachtet . Die Harfe lockte sie und einmal setzte sie sich hin und suchte Töne auf den Saiten . Ganz leise strich sie mit den Fingern über die Saiten und war vom Wohlklang entzückt . Allmählich fand sie das Gesetz ; eine angeborene Gabe machte ihr das Instrument untertan und sie vermochte auf ihm auszudrücken , was in stillen und einsamen Stunden sehnsüchtig in ihr drängte . Sie spielte meist sehr leise , suchte keine gebundene Melodie , weil sich das Wesen der Harfe am schönsten in träumerischen Harmonien offenbarte . Die Töne zogen in den Flur und auf die Stiege und empfingen Daniel , wenn er das alte Haus betrat . Kam er in die Stube , so saß Gertrud im Winkel beim Ofen , hatte die Harfe zwischen den Knien und lächelte geheimnisvoll in sich hinein , während ihre Hände gleich fremd von ihr losgelösten Wesen Akkorde suchten , Klänge , die seine eigenen waren und die sie in ihre Traumwelt übertragen wollte . 6 Des Wortes war sie noch weniger mächtig als vordem . Schmerzliches Erstaunen ergriff sie , als sie bemerkte , daß Daniels Geist im täglichen Verkehr nicht hinter die Hülle drang , in der sie lebte . Er sagte sich : sie ist zu schwer . Er verstummte gegen sie . » Das finstere Haus drückt dich , « äußerte er unbehaglich , wenn sie hilflos lächelte . » Laß uns wettlaufen , « bat er auf einer Landpartie und bezeichnete einen vom Blitz getroffenen Baum als Ziel . Sie lief so schnell ihre Füße konnten . Zehn Meter vor dem Baum brach sie zusammen . Er trug sie auf die Wiese . » Wie schwer du bist , « sagte er . » Zu schwer für dich ? « hauchte sie mit weit aufgerissenen Augen . Er zuckte die Achseln . Da entwand sie sich ihm , sprang empor und rannte wunderbar geschwind eine fast doppelt so lange Strecke als die war , die er vorhin bemessen hatte . Sie fiel nicht mehr , sie wollte nicht , durfte nicht fallen . In Stößen atmend , leichenblaß , wartete sie , bis er heran gekommen war . Aber er hatte keine Zärtlichkeit , er schalt nur . Arm in Arm gingen sie weiter ; Gertrud suchte seine Hand , und als er sie ihr überließ , preßte sie sie an ihre Brust . Erschrocken schaute Daniel in ihr Gesicht , in dem ihr Gedanke wie mit Feuerbuchstaben geschrieben stand : wir gehören einander für Zeit und Ewigkeit . Dies war ihr Glaubensbekenntnis . 7 Sie lag schlaflos , spät in der Nacht . Sie hörte , wie er in die Küche ging und Wasser zum Trinken holte , dann kehrte er wieder in seine Stube zurück . Er hatte ihr verboten , an die Türe zu schleichen und zu fragen , ob er nicht bald käme , wenn es auch noch so spät wurde . Dann lag er neben ihr , den Kopf auf den Arm gestützt und sah sie an mit Augen ohne Irdischkeit . Mann , wo sind deine Augen ? hätte sie rufen mögen . Und sie wußte doch , wo ; wußte auch , daß man die Mondsüchtigen durch Zuruf gefährdet . In einer andern Nacht hatte er sein Werk nicht fördern können , kauerte stundenlang auf dem Bettrand und stierte voll Selbsthaß in die Flamme der Lampe . Gertrud fühlte , wie er gegen sich wütete und mit Wollust seine Zweifel nährte . Sie war nicht fähig , zu sprechen . Ein Verleger hatte ihm eine Arbeit zurückgeschickt und ihn mit platten Höflichkeiten vertröstet . Da redete er wegwerfend von seinem Talent , hoffnungslos von seinen Aussichten und bitter von der Welt , die ihn zu einem Leben in beständiger Dunkelheit verdammen werde . Sie konnte ihn nur anschauen ; nur anschauen . Ihm war aber des Anschauens zu viel . Ein frisches , kräftiges Wort hätte ihm besser gedient , so glaubte er . Sie maß die Arbeit nicht am Lohn , Entbehrung nicht an der Hoffnung ; sie maß auch Daniels Liebe nicht an seinen Liebesbeweisen , weder an zärtlichen Äußerungen noch an Umarmungen . Sie wartete auf ihn mit großer Geduld . Mit der Zeit machte ihn diese Geduld verdrießlich . » Etwas mehr Rührigkeit stünde dir nicht übel an , « sagte er einmal und wies ihre schüchtern bittende Gebärde zurück . Er sah sich nun umfriedet , er hatte ein Heim , er hatte einen Menschen , der für ihn sorgte , sein Essen bereitete , seine Wäsche wusch , sein Leben treulich regelte , und er hätte dafür dankbar sein müssen . Er war es auch , er war dankbar , aber er konnte es nicht zeigen ; er war es , wenn er allein war , doch in Gertruds Nähe verwandelte sich der Dank in Trotz . War er fern von ihr , so freute er sich auf die Rückkehr und malte sich ihre Freude aus . War er bei ihr , so übte er stille Kritik und wollte alles an ihr anders haben . Die Kanzleirätin im ersten Stock beklagte sich , daß Gertrud sie nicht gegrüßt habe . » Sei doch freundlich mit den Nachbarn , « schalt er . Am nächsten Sonntag gingen sie zusammen aus , die Kanzleirätin kam ihnen entgegen , und Gertrud grüßte sie . » So ergeben brauchst du nicht zu lächeln , « murrte er . Da dachte sie lange darüber nach , wie man grüßen müsse , ohne die Leute zu verletzen und ohne Daniel zu ärgern . Sie wurde befangen und fürchtete sein Urteil . An solchen Tagen versalzte sie die Suppe , nichts ging ihr von der Hand und aus lauter Beflissenheit , pünktlich zu sein , verfehlte sie die Zeit . Wie grausam war es dann , wenn er schwieg , wenn er wortlos in seine Stube ging . Ohne Regung saß sie da und lauschte ; zitterte , wenn er sich erhob , um ans Klavier zu treten und ein Motiv zu erproben , sah gespannt in sein Gesicht , wenn er wieder hereinkam . Und es geschah dann wohl , daß er sich zu ihr setzte und plötzlich gütig war . Von seinem Leben erzählte , von seiner Heimat , von seinem Vater und seiner Mutter . Da hätte sie jedes seiner Worte zweimal hören mögen und jeden seiner Blicke trinken . Da wurde sein Auge ruhig und seine reizbaren Hände lagen still auf den Knien . Da nahm sein zuckendes , eckiges , von Wettern überstürmtes Gesicht einen Ausdruck der Trauer an , der es verschönte . Und wenn sie Kopfschmerzen hatte oder müde war , äußerte sich seine Besorgnis in rührender Weise . Auf den Fußspitzen ging er dann umher und schloß die Türen mit Behutsamkeit . Bellte ein Hund auf der Straße , so stürzte er ans Fenster und schaute wütend hinaus . Und am Abend half er ihr beim Auskleiden und brachte ihr , was sie verlangte , ans Bett . Auch war es seltsam , daß er sie nicht gern allein ausgehen ließ . Seine Unruhe , wenn sie fort und er zu Hause war , hatte etwas Kindliches . Sie schien ihm ohne seine Gegenwart von Gefahren umdroht und am liebsten hätte er sie eingesperrt und gefangen gehalten , um sicher zu sein , daß sie in Sicherheit war . Dies machte sie schwächer und von ihm über alle Maßen abhängig , während er einem Menschen glich , der mit Angst und Qual das an sich preßt , was er errungen hat ; es an sich preßt , weil es sein einziger Besitz ist , dieses wohl ; aber auch darum es umklammert , um nicht hindenken zu müssen an ein anderes , Kostbareres , das er verloren hat . Einmal kam er zu Gertrud , als sie die Harfe spielte , schlang die Arme um sie , schaute ihr wild und finster ins Gesicht und stammelte : » Du , ich liebe dich , liebe dich . « Es war das erstemal , daß er dieses ewige Wort sagte , und sie wurde bleich , erst vor Glück , dann vor Schrecken . Denn in seinem Ton lag eher Haß als Liebe . 8 Er meinte , der Umgang mit wahlverwandten Männern könne ihn über manche schlimme Stunde bringen . Aber als er nach solchen Männern zu suchen begann , wurde die Stadt zur Einöde . Der Provisor Seelenfromm kam einige Male ins Haus . Daniel war unduldsam und auffahrend gegen den scheuen Menschen , der einen hohen Respekt vor ihm an den Tag legte und Gertrud stumm verehrte . Ein junger Architekt , der bei der Renovierung der Sebalderkirche beschäftigt war und die Musik liebte , hatte Daniels Gefallen erweckt , aber der Mann hatte die leidige Gewohnheit , beim Reden hie und da mit der Zunge zu schnalzen , das machte Daniel rasend , sie hatten einen Wortwechsel darüber und trennten sich im Zorn . Dauernder war die Beziehung zu einem Franzosen namens Rivière , der für einige Jahre in der Stadt Aufenthalt genommen hatte , weil er ein Buch über Caspar Hauser schreiben wollte . Er hatte ihn bei Frau von Auffenberg kennen gelernt und sich ihm angeschlossen , weil er ihn an Friedrich Benda erinnerte . Monsieur Rivière liebte es , wenn Daniel am Klavier phantasierte ; er verstand so wenig Deutsch , daß er Daniels Bissigkeiten höflich belächelte und bei seinen Wutausbrüchen ängstlich auf seinen Mund starrte . Er hatte eine Warze auf der Wange und trug Sommer und Winter hindurch einen Strohhut . Er kochte sich seine Mahlzeiten selbst , denn es war seine fixe Idee , daß man ihn wegen seiner Forschungen über das Leben Caspar Hausers vergiften wolle . Wenn der Provisor und Monsieur Rivière an Sonntagabenden in der Stube saßen , griff Daniel bisweilen nach einem Band E.T.A. Hoffmann oder Brentano , nur um im Bogen einer fremden Welt Ruhe zu gewinnen , um nicht weinen zu müssen beim Anblick der unbewegten Menschengesichter und las vor , bis seine Stimme heiser wurde . Da heftete Gertrud tiefe Blicke auf ihn und stellte sich die Frage , wie ein Mann , dessen Leben die Musik war , das Paradies des Herzens und des Geistes , so dumpf , so zerstört , so umwölkt sein könne . Sie begriff die Pein , in der er schuf ; sie ahnte die labyrintische Verschlingung seiner inneren Schicksale , aber ihr Gemüt erkrankte im Mitfühlen und sie wünschte , wünschte es glühend , mehr Glauben und mehr Freude in seine Seele pflanzen zu können . Sie ging mit sich zu Rate und es wollte ihr scheinen , daß er in der Zeit , wo er mit Lenore viel verkehrt , gläubiger und froher gewesen war . Sie sah Lenore mit ganz anderen Augen an als früher ; nicht allein , weil sie in der Schwester die Urheberin ihres Glückes erblickte , sondern auch , weil durch die Verwandlung ihres Wesens dort Liebe und Erleuchtung entstanden war , wo früher Argwohn und Unwissenheit geherrscht hatten . Sie schrieb Lenore diejenigen Kräfte zu , die ihr mangelten , Überlegenheit und aneifernde Gewalt , ein Spielenkönnen , das den Ernst versüßte und das Schwere leichter machte , Helligkeit des Wortes und Zartheit der Hand . In den Grübeleien ihrer vielen einsamen Stunden erschien ihr Lenore als die einzige , die ihr helfen konnte , und sie ging in die Wohnung des Vaters , um Lenore zu fragen , weshalb sie so selten komme . » Ich geh nicht gern zu euch hinüber , Daniel ist so unfreundlich mit mir , « sagte Lenore . Gertrud antwortete , er sei unfreundlich gegen alle Menschen , auch gegen sie selbst , und sie möge sich doch daran nicht kehren . Sie wisse genau , daß er Lenore gern habe , vielleicht sei er seinerseits gekränkt , weil sie nicht mehr kam . Lenore ließ sich überreden und kam nun wieder häufiger zu Daniel und Gertrud . Aber wenn es auch nicht gerade den Anschein hatte , daß Daniel ihr auswich , so redete er doch nur das Notwendige mit ihr und ergriff gern einen Vorwand , das Zimmer zu verlassen , wenn sie da war . Lenore fühlte es , und es tat ihr weh . 9 Eines Morgens kehrte Gertrud vom Markt zurück und trug schwer an ihrem Einkaufskorb . Als sie ins Haus trat , hörte sie , daß Daniel spielte . Sie hörte sogleich , daß es kein Phantasieren war , sondern ein zusammenhängendes Gebilde , dessen Töne ihr unbekannt waren . Während sie die Stiege hinauf ging , spürte sie kaum mehr die Schwere des Korbes , und oben schlich sie in die Wohnstube und lauschte . Aber es zog sie näher und näher ans Klavier ; Daniel merkte es nicht , als sie in sein Zimmer trat und sich auf einen Stuhl setzte ; er war ganz versunken und wandte den wunderbar erfüllten Blick nicht ab von den beschriebenen Notenblättern auf dem Klavier . Es waren die Entwürfe zur » Harzreise im Winter « . Seit anderthalb Jahren , seit er sie in Ansbach niedergeschrieben , hatte er sie liegen lassen und nicht mehr daran gearbeitet . Plötzlich war das Feuer wieder aufgeflammt und in Schöpferglut konnte er das Unverbundene binden , das Angedeutete gestalten . Immer wieder begann er einen Teil von neuem und suchte Brücken , bald hier , bald dort , griff zum Bleistift , schrieb Noten hin , suchte wieder , sang und lächelte sonderbar irr und beglückt , wenn auf den Blättern ein Motiv in abgerundeter Form erschien . Und Gertrud wurde noch näher gezwungen ; in ihrer Ergriffenheit kauerte sie sich dicht neben ihm auf den Boden , am liebsten hätte sie in das Instrument hineinkriechen mögen , um ihre ganze Seele in den Saiten mit austönen zu lassen , und als Daniel geendet hatte , legte sie ihre Stirn auf seinen Schenkel und ihre heißen Hände langten nach ihm empor . Daniel erschrak , denn er erinnerte sich einer Stunde , wo ein anderes Weib die Stirn auf seinen Schenkel gelegt hatte , und da fiel plötzlich sein Blick an die Wand , dorthin , wo die Maske der Zingarella hing . Er ward sich des Zusammenhangs nicht bewußt , hier war keine Brücke , zu verschieden war das Antlitz von seinem Urbild , aber mit einem leisen Schauer ahnte er doch rätselvolle Verknüpfungen und glaubte einen Herüberruf von jenseitigen Gestaden zu vernehmen . Still legte er seine Hand auf Gertruds Haar , und ihr war es , als habe sie damit sein Versprechen erhalten , daß dieses Werk ihr zu eigen gehöre , daß er es für sie schuf , es aus ihrem Herzen genommen habe und ihrem Herzen zurückschenken werde . 10 Der Musikalienhändler Zierfuß hatte Karten zu einem Konzert geschickt . Daniel mochte nicht gehen , und so bat Gertrud ihre Schwester , daß sie mit ihr gehen solle . Daniel holte die beiden vom Konzert ab . Da sagte ihm Lenore auf der Straße , daß sie am Nachmittag einen für ihn bestimmten Brief mit dem Londoner Poststempel bekommen habe . » Von Benda ? « fragte Daniel rasch . » Die Schrift ist Bendas Schrift , « erwiderte Lenore . » Ich wollt ihn dir eben bringen , da hat mich Gertrud abgeholt . Warte vorm Haus , dann bring ich ihn herunter . « » So iß mit uns zu Abend , « forderte Gertrud die Schwester auf und sah Daniel unsicher an . » Wenns Daniel recht ist - ? « » Keine Flausen , Lenore , es ist mir recht , « sagte Daniel . Eine Viertelstunde später saß Daniel bei der Lampe und las Bendas Brief . Zuvörderst teilte ihm der Freund mit , daß er sich an einer wissenschaftlichen Expedition beteiligen werde , deren Arbeitsfeld das Kongogebiet sei und die sich gleichsam im Kielwasser der zur Aufsuchung Emin Paschas ausgerüsteten Stanleyschen Expedition halten werde . » Dieser Brief ist also ein Abschiedsbrief , mein lieber Freund , es gilt einen Abschied für Jahre , vielleicht fürs Leben . Ich fühle mich wie neu geboren . Ich habe wieder Augen , und die Ideen , die mein Hirn hervorbringt , sind nicht mehr zum Erstickungstod im Morast der verbrüderten Sippe verurteilt . Die