ich wollte mich von Charousek verabschieden . » Ich kann mir denken , was Sie mit der Komödie bezweckt haben . - - Sie - Sie wollen , daß sich Wassertrum mit dem Fläschchen vergiftet ! « Ich sagte es ihm ins Gesicht . » Freilich « , gab Charousek aufgeräumt zu . » Und dazu , glauben Sie , werde ich meine Hand bieten ? « » Durchaus nicht nötig . « » Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen , sagten Sie vorhin ! « Charousek schüttelte den Kopf : » Wenn Sie jetzt zurückgehen , werden Sie sehen , daß er sie bereits eingesteckt hat . « » Wie können Sie das nur annehmen ? « , fragte ich erstaunt . » Ein Mensch wie Wassertrum wird sich niemals umbringen , - ist viel zu feig dazu - handelt nie nach plötzlichen Impulsen . « » Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion nicht , « unterbrach mich Charousek ernst . » Hätte ich in alltäglichen Worten geredet , würden Sie vielleicht recht behalten , aber auch den kleinsten Tonfall habe ich vorher berechnet . Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche Hundsfötter ! Glauben Sie mir ! Sein Mienenspiel bei jedem meiner Sätze hätte ich Ihnen hinzeichnen können . - Kein Kitsch wie es die Maler nennen , ist niederträchtig genug , als daß er nicht der bis ins Mark verlogenen Menge Tränen entlockte - - sie ins Herz trifft ! Glauben Sie denn , man hätte nicht längst sämtliche Theater mit Feuer und Schwert ausgetilgt , wenn es anders wäre ? An der Sentimentalität erkennt man die Kanaille . Tausende armer Teufel können verhungern , da wird nicht geweint , aber wenn ein Schminkkamel auf der Buhne , als Bauerntrampel verkleidet , die Augen verdreht , dann heulen sie wie die Schloßhunde . - - Wenn Väterchen Wassertrum vielleicht auch morgen vergessen hat , was ihm soeben noch - Herzjauche kostete : jedes meiner Worte wird wieder in ihm lebendig werden , wenn die Stunden reifen , wo er sich selbst unendlich bedauernswert vorkommt . - In solchen Momenten des großen Misereres bedarf es bloß eines leisen Anstoßes , - und für den werde ich sorgen - und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift . Es muß nur zur Hand sein ! Theodorchen hätte wahrscheinlich auch nicht zugegrapst , wenn ich ' s ihm nicht so bequem gemacht hätte . « » Charousek , Sie sind ein furchtbarer Mensch , « rief ich entsetzt . » Empfinden Sie denn gar kein - - - « Er hielt mir schnell den Mund zu und drängte mich in eine Mauernische ! » Still ! Da ist er ! « Mit taumelnden Schritten , sich an der Wand stützend , kam Wassertrum die Stiege herunter und wankte an uns vorüber . Charousek schüttelte mir fluchtig die Hand und schlich ihm nach . - - Als ich in mein Zimmer zurückgekehrt war , sah ich , daß die Rose und das Fläschchen verschwunden waren und an ihrer Stelle die goldene , zerbeulte Uhr des Trödlers auf dem Tisch lag . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Acht Tage müsse ich warten , ehe ich mein Geld bekommen könne ; es sei das die übliche Kündigungsfrist , hatte man mir auf der Bank gesagt . Man solle den Direktor holen , denn ich sei in größter Eile und gedächte in einer Stunde abzureisen , hatte ich eine Ausrede gebraucht . Er sei nicht zu sprechen und könne an den Gepflogenheiten der Bank auch nichts ändern , hieß es , und ein Kerl mit einem Glasauge , der zugleich mit mir an den Schalter getreten war , hatte darüber gelacht . Acht graue , furchtbare Tage auf den Tod sollte ich also warten ! Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor . - - - Ich war so niedergeschlagen , daß ich mir gar nicht bewußt wurde , wie lange ich schon vor der Türe eines Kaffeehauses auf und nieder geschritten sein mochte . Endlich trat ich ein , bloß um den widerwärtigen Kerl mit dem Glasauge los zu werden , der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer in meiner Nähe hielt und , wenn ich ihn anblickte , sofort auf dem Boden herumsuchte , als habe er etwas verloren . Er hatte einen hellkarierten , viel zu engen Rock an und schwarze , speckglänzende Hosen , die ihm wie Säcke um die Beine schlotterten . Auf seinem linken Stiefel war ein eiförmiger , gewölbter Lederfleck aufgesteppt , daß es aussah , als trüge er darunter einen Siegelring auf der Zehe . Kaum hatte ich mich niedergesetzt , kam auch er herein und ließ sich an einem Nebentisch nieder . Ich glaubte , er wolle mich anbetteln , und suchte schon nach meinem Portemonnai , da sah ich einen großen Brillanten an seinen wulstigen Metzgerfingern aufblitzen . Stunden und Stunden saß ich in dem Kaffeehaus und glaubte vor innerer Nervosität wahnsinnig werden zu müssen , - aber wohin sollte ich gehen ? Nach Hause ? Herumschlendern ? Eines schien mir gräßlicher als das andere . Die veratmete Luft , das ewige , alberne Klappen der Billardkugeln , das trockene , unaufhörliche Gerausper eines halbblinden Zeitungstigers mir gegenüber , ein storchbeiniger Zollbeamter , der abwechselnd in der Nase bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel den Schnurrbart kämmte , ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafter , verschwitzter , schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke , die bald unter gellem Gekreisch ihre Trumpfe mit dem Faustknochel hinschlugen , bald unter Brecherscheinungen ins Zimmer spuckten . Und das alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu müssen ! Es sog mir langsam das Blut aus den Adern . - Es wurde allmählich dunkel und ein plattfußiger , knieweicher Kellner tastete mit einer Stange nach den Gaslüstern , um sich endlich kopfschüttelnd zu überzeugen , daß sie nicht brennen wollten . So oft ich das Gesicht wandte , immer begegnete ich dem schielenden Wolfsblick des Glasäugigen , der sich dann jedesmal rasch hinter eine Zeitung versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die langst ausgetrunkene Kaffeetasse tauchte . Er hatte seinen steifen , runden Hut tief aufgestülpt , daß ihm die Ohren fast waagerecht abstanden , machte aber keine Miene , aufzubrechen . Es war nicht mehr auszuhalten . Ich zahlte und ging . Wie ich die Glastür hinter mir zumachen wollte , nahm mir jemand die Klinke aus der Hand . - Ich drehte mich um : Wieder der Kerl ! Ärgerlich wollte ich nach links biegen , in der Richtung der Judenstadt zu , da drängte er sich an meine Seite und hinderte mich daran . » Da hört denn doch alles auf ! « schrie ich ihn an . » Nach rechts geht ' s , « sagte er kurz . » Was soll das heißen ? « Er fixierte mich frech : » Sie sind der Pernath ! « » Sie wollen wahrscheinlich sagen : Herr Pernath ? « Er lachte nur hämisch : » Alsdann keine Faxen jetz ! Sie gah ' n Sie mit ! « » Ja , sind Sie toll ? Wer sind Sie eigentlich ? « , fuhr ich auf . Er gab keine Antwort , schlug seinen Rock zurück und zeigte vorsichtig auf einen abgeschabten Blechadler , der im Futter festgesteckt war . Ich begriff : der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich . » So sagen Sie doch , um Himmels willen , was ist denn los ? « » Sie werden sich ' s schonn erfahrrähn . Auf dem Däpartemänt « , erwiderte er grob . » Alla marsch jetz ! « Ich schlug ihm vor , ich wollte einen Wagen nehmen . » Nix da ! « Wir gingen zur Polizei . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ein Gendarm führte mich vor eine Tür . las ich auf der Porzellantafel . » Sie kännen sich einträtten « , sagte der Gendarm . Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufsätzen standen einander gegenüber . Ein paar verkraxte Stühle dazwischen . Das Bild des Kaisers an der Wand . Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett . Sonst nichts im Zimmer . Ein Klumpfuß und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen Hosen hinter dem linken Schreibpult . Ich hörte rascheln . Jemand murmelte ein paar Worte in böhmischer Sprache und gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten Schreibtisch auf und trat vor mich hin . Er war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare Manier , bevor er anfing zu reden , die Zähne zu fletschen wie jemand , der in grelles Sonnenlicht schaut . Dabei kniff er die Augen hinter den Brillenglasern zusammen , was ihm den Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh . » Sie heißen Athanasius Pernath und sind « - er blickte auf ein Blatt Papier , auf dem nichts stand - » Gemmenschneider . « Sofort kam Leben in den Klumpfuß unter dem anderen Schreibtisch : er wetzte sich an dem Stuhlbein , und ich hörte das Rauschen einer Schreibfeder . Ich bejahte : » Pernath . Gemmenschneider . « » No , da sin wir ja gleich beisammen , Herr - - - Pernath , - jawohl Pernath . Ja wohl ja . « - Der Herr Polizeirat war mit einem Schlag von erstaunlicher Liebenswürdigkeit , als hätte er die erfreulichste Nachricht von der Welt bekommen , streckte mir beide Hände entgegen und bemühte sich in lächerlicher Weise , die Miene eines Biedermannes aufzusetzen . » Also , Herr Pernath , erzählen Sie mir einmal , was treiben Sie so den ganzen Tag ? « » Ich glaube , daß Sie das nichts angeht , Herr Otschin « , antwortete ich kalt . Er kniff die Augen zusammen , wartete einen Moment und fuhr blitzschnell los : » Seit wann hat die Gräfin ihr Verhältnis mit dem Savioli ? « Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und zuckte nicht mit der Wimper . Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen in Widersprüche zu verwickeln , aber , so sehr mir auch vor Entsetzen das Herz im Halse schlug , ich verriet mich nicht und kam immer wieder darauf zurück , daß ich den Namen Savioli nie gehört hätte , mit Angelina von meinem Vater her befreundet sei , und daß sie schon öfter Kameen bei mir bestellt habe . Ich fühlte trotzdem genau , daß der Polizeirat mir ansah , wie ich ihn belog , und innerlich schäumte vor Wut , nichts aus mir herausbekommen zu können . Er dachte eine Weile nach , dann zog er mich am Rock dicht an sich , deutete warnend mit dem Daumen auf den linken Schreibtisch und flüsterte mir ins Ohr : » Athanasius ! Ihr seliger Vater war mein bester Freund . Ich will Sie retten , Athanasius ! Aber Sie müssen mir alles sagen über die Gräfin . - Hören Sie : alles . « Ich begriff nicht , was das bedeuten sollte . » Was meinen Sie damit : Sie wollen mich retten ? « , fragte ich laut . Der Klumpfuß stampfte ärgerlich auf den Boden . Der Polizeirat wurde aschgrau im Gesicht vor Haß . Zog die Lippe empor . Wartete . - Ich wußte , daß er gleich wieder losspringen würde ; ( sein Verblüffungssystem erinnerte mich an Wassertrum ) und wartete ebenfalls , - sah , daß ein Bocksgesicht , der Inhaber des Klumpfußes , lauernd hinter dem Schreibpulte auftauchte - - dann schrie mich der Polizeirat plötzlich gellend an : » Mörder « . Ich war sprachlos vor Verblüffung . Mißmutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zurück . Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten über meine Ruhe , versteckte es aber geschickt , indem er einen Stuhl herbeizog und mich aufforderte , Platz zu nehmen . » Sie verweigern also , über die Gräfin die von mir gewünschte Auskunft zu geben , Herr Pernath ? « » Ich kann sie nicht geben , Herr Polizeirat , wenigstens nicht in dem Sinne , wie Sie erwarten . Erstens kenne ich niemand namens Savioli , und dann bin ich felsenfest überzeugt , daß es eine Verleumdung ist , wenn man der Gräfin nachsagt , sie hintergehe ihren Gatten . « » Sind Sie bereit , das zu beeiden ? « Mir stockte der Atem . » Ja ! Jederzeit . « » Gut . Hm . « Eine längere Pause entstand , während der der Polizeirat angestrengt nachzugrübeln schien . Als er mich wieder anblickte , lag ein komödiantenhafter Zug von Schmerzlichkeit in seiner Fratze . Unwillkürlich mußte ich an Charousek denken , wie er dann mit tränenerstickter Stimme anfing : » Mir können Sie es doch sagen , Athanasius , - mir , dem alten Freund Ihres Vaters , - mir , der Sie auf den Armen getragen hat - « ich konnte das Lachen kaum verbeißen : er war höchstens zehn Jahre älter als ich - » nicht wahr , Athanasius , es war Notwehr ? « Das Bockgesicht erschien abermals . » Was war Notwehr ? « , fragte ich verständnislos . » Das mit dem - - - Zottmann ! « schrie mir der Polizeirat einen Namen ins Gesicht . Das Wort traf mich wie ein Dolchstich : Zottmann ! Zottmann ! Die Uhr ! Der Name Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert . Ich fühlte , wie mir alles Blut zum Herzen strömte : Der grauenhafte Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben , um den Verdacht des Mordes auf mich zu lenken . Sofort warf der Polizeirat die Maske ab , fletschte die Zähne und kniff die Augen zusammen : » Sie gestehen also den Mord ein , Pernath ? « » Das ist alles ein Irrtum . Ein entsetzlicher Irrtum . Um Gottes willen hören Sie mich an . Ich kann es Ihnen erklären , Herr Polizeirat - - ! « , schrie ich . » Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf die Frau Gräfin « , unterbrach er mich rasch : » ich mache Sie aufmerksam : Sie verbessern Ihre Lage damit . « » Ich kann nicht mehr sagen , als bereits geschehen ist : die Gräfin ist unschuldig . « Er biß die Zähne zusammen und wandte sich an das Bocksgesicht : » Schreiben Sie : - Also , Pernath gesteht den Mord an dem Versicherungsbeamten Karl Zottmann ein . « Mich packte eine besinnungslose Wut . » Sie Polizeikanaille ! « brüllte ich los , » was unterstehen Sie sich ? ! « Ich suchte nach einem schweren Gegenstand . Im nächsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir Handschellen angelegt . Der Polizeirat blähte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist : » Und die Uhr da ? « , - er hielt plötzlich die verbeulte Uhr in der Hand , - » hat der unglückliche Zottmann noch gelebt , als Sie ihn beraubten , oder nicht ? « Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu Protokoll : » Die Uhr hat mir heute vormittag der Trödler Aaron Wassertrum - geschenkt . « Ein wieherndes Gelächter brach los , und ich sah , wie der Klumpfuß und der Filzpantoffel mitsammen einen Freudentanz unter dem Schreibtisch aufführten . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Qual Die Hände gefesselt , hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett , mußte ich durch die abendlich beleuchteten Straßen gehen . Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und rechts mit , Weiber rissen die Fenster auf , drohten mit Kochlöffeln herunter und schimpften hinter mir drein . Schon von weitem sah ich den massigen Steinwürfel des Gerichtsgebäudes mit der Inschrift auf dem Giebel herannahen : » Die strafende Gerechtigkeit ist die Beschirmung aller Braven . « Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer , in dem es nach Küche stank . Ein vollbärtiger Mann mit Säbel , Beamtenrock und -mütze , barfuß und die Beine in langen , um die Knöchel zusammengebundenen Unterhosen , stand auf , stellte die Kaffeemühle , die er zwischen den Knien hielt , weg und befahl mir , mich auszuziehen . Dann visitierte er meine Taschen , nahm alles heraus , was er darin fand , und fragte mich , ob ich - Wanzen hätte . Als ich verneinte , zog er mir die Ringe von den Fingern und sagte , es sei gut , ich könnte mich wieder ankleiden . Man führte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gänge , in denen vereinzelt große , graue , verschließbare Kisten in den Fensternischen standen . Eiserne Türen mit Riegelstangen und kleinen , vergitterten Ausschnitten , über jedem eine Gasflamme , zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand entlang . Ein hünenhafter , soldatisch aussehender Gefangenwärter - das erste ehrliche Gesicht seit Stunden - sperrte eine der Türen auf , schob mich in eine dunkle , schrankartige , pestilenzialisch stinkende Öffnung und schloß hinter mir ab . Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht . Mein Knie stieß an einen Blechkübel . Endlich erwischte ich - der Raum war so eng , daß ich mich kaum umdrehen konnte - eine Klinke , und stand in - einer Zelle . Je zwei und zwei Pritschen mit Strohsäcken an den Mauern . Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit . Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der Querwand ließ den matten Schein des Nachthimmels herein . Unerträgliche Hitze , vom Geruch alter Kleider verpestete Luft erfüllte den Raum . Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten , sah ich , daß auf drei der Pritschen - die vierte war leer - Menschen in grauen Sträflingskleidern saßen ; die Arme auf die Knie gestützt und die Gesichter in den Händen vergraben . Keiner sprach ein Wort . Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete . Wartete . Wartete . Eine Stunde . Zwei - drei Stunden ! Wenn ich draußen einen Schritt zu hören glaubte , fuhr ich auf : Jetzt , jetzt kam man mich holen , um mich dem Untersuchungsrichter vorzuführen . Jedesmal war es eine Täuschung gewesen . Immer wieder verloren sich die Schritte auf dem Gang . Ich riß mir den Kragen auf - glaubte , ersticken zu müssen . Ich hörte , wie ein Gefangener nach dem andern sich ächzend ausstreckte . » Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen ? « , fragte ich voll Verzweiflung laut in die Dunkelheit hinein . Ich erschrak fast vor meiner eigenen Stimme . » Es geht net « , antwortete es mürrisch von einem der Strohsäcke herüber . Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang : ein Brett in Brusthöhe lief quer hin - - - zwei Wasserkrüge - - - Stücke von Brotrinden . Mühsam kletterte ich hinauf , hielt mich an den Gitterstäben und preßte das Gesicht an die Fensterritzen , um wenigstens etwas frische Luft zu atmen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - So stand ich , bis mir die Knie zitterten . Eintöniger , schwarzgrauer Nachtnebel vor meinen Augen . Die kalten Eisenstäbe schwitzten . Es mußte bald Mitternacht sein . Hinter mir hörte ich schnarchen . Nur einer schien nicht schlafen zu können : er warf sich hin und her auf dem Stroh und stöhnte manchmal halblaut auf . Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen ? ! Da ! Es schlug wieder . Ich zählte mit bebenden Lippen : Eins , zwei , drei ! - Gott sei Dank , nur noch wenige Stunden , dann mußte die Dämmerung kommen . Es schlug weiter : Vier ? fünf ? - Der Schweiß trat mir auf die Stirn . - Sechs ! ! - Sieben - - - es war elf Uhr . Erst eine Stunde war vergangen , seit ich das letzte Mal hatte schlagen hören . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Allmählich legten sich meine Gedanken zurecht : Wassertrum hat mir die Uhr des vermißten Zottmann zugespielt , um mich in Verdacht zu bringen , einen Mord begangen zu haben . - Er mußte also selbst der Mörder sein ; wie hätte er sonst in den Besitz der Uhr kommen können ? Würde er die Leiche irgendwo gefunden und dann erst beraubt haben , hätte er sich bestimmt die tausend Gulden Belohnung geholt , die für die Entdeckung des Vermißten öffentlich ausgesetzt waren . - Das konnte aber nicht sein : die Plakate klebten noch immer an den Straßenecken , wie ich deutlich auf meinem Weg ins Gefängnis gesehen hatte . - - - Daß der Trödler mich angezeigt haben mußte , war klar . Ebenso : daß er mit dem Polizeirat , wenigstens was Angelina betraf , unter einer Decke steckte . Wozu sonst das Verhör wegen Savioli ? Andererseits ging daraus hervor , daß Wassertrum Angelinas Briefe noch nicht in Händen hatte . Ich grübelte nach - - - Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir , als wäre ich selbst dabei gewesen . Ja ; nur so konnte es sein : Wassertrum hatte meine eiserne Kassette , in der er Beweise vermutete , heimlich an sich genommen , als er gerade mit seinen Polizeikomplizen meine Wohnung durchstöberte , - konnte sie nicht sogleich öffnen , da ich den Schlüssel bei mir trug und war - - - vielleicht gerade jetzt daran , sie in seiner Höhle aufzubrechen . In wahnsinniger Verzweiflung rüttelte ich an den Gitterstäben , sah Wassertrum im Geiste vor mir , wie er in Angelinas Briefen wühlte - - Wenn ich nur Charousek benachrichtigen könnte , daß er Savioli wenigstens rechtzeitig warnen ging ! Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung , meine Verhaftung müsse bereits wie ein Lauffeuer in der Judenstadt bekannt geworden sein , und ich vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel . Gegen seine infernalische Schlauheit kam der Trödler nicht auf ; » Ich werde ihn genau in der Stunde an der Gurgel haben , in der er Dr. Savioli an den Hals will « , hatte Charousek schon einmal gesagt . In der nächsten Minute wieder verwarf ich alles und eine wilde Angst packte mich : Wie , wenn Charousek zu spät kam ? Dann war Angelina verloren . - - - Ich biß mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue , daß ich die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte ; - - - ich schwor es mir zu , Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen , wo ich wieder auf freiem Fuß sein würde . Ob ich von eigener Hand starb oder am Galgen - was lag mir daran ! Daß der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben würde , wenn ich ihm die Geschichte mit der Uhr plausibel machte , ihm von Wassertrums Drohungen erzählte , - keinen Augenblick zweifelte ich daran . Bestimmt morgen schon mußte ich frei sein ; zumindest würde das Gericht auch Wassertrum wegen Mordverdachts verhaften lassen . Ich zählte die Stunden und betete , daß sie rascher vergehen möchten ; starrte hinaus in den schwärzlichen Dunst . Nach unsäglich langer Zeit fing es endlich an , heller zu werden , und zuerst wie ein dunkler Fleck , dann immer deutlicher , tauchte ein kupfernes , riesiges Gesicht aus dem Nebel : das Zifferblatt einer alten Turmuhr . Doch die Zeiger fehlten ; - neuerliche Qual . Dann schlug es fünf . Ich hörte , wie die Gefangenen erwachten und gähnend eine Unterhaltung in böhmischer Sprache führten . Eine Stimme kam mir bekannt vor ; ich drehte mich um , stieg von dem Brett herunter und - sah den blatternarbigen Loisa auf der Pritsche , gegenüber der meinigen , sitzen und mich verwundert anstarren . Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und musterten mich geringschätzig . » Defraudant ? Was ? « , fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stieß ihn mit dem Ellenbogen an . Der Gefragte brummte irgend etwas verächtlich , kramte in seinem Strohsack , holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden . Dann schüttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf , kniete nieder , bespiegelte sich darin und kämmte sich mit den Fingern das Haar in die Stirn . Hierauf trocknete er das Papier mit zärtlicher Sorgfalt ab und versteckte es wieder unter der Pritsche . » Pan Pernath , Pan Pernath « , murmelte Loisa dabei beständig mit aufgerissenen Augen vor sich hin , wie jemand , der ein Gespenst sieht . » Die Herrschaften kennen einand , wie ich bemerkö « , sagte der Ungekämmte , dem dies auffiel , in dem geschraubten Dialekt eines tschechischen Wieners und machte mir spöttisch eine halbe Verbeugung : » Erlaubens mich vorzustellen : Vóssatka ist mein Name . Der schwarze Vóssatka . - Brandstiftung « , setzte er eine Oktave tiefer stolz hinzu . Der Frisierte spuckte zwischen den Zähnen durch , blickte mich eine Weile verächtlich an , deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch : » Einbruch . « Ich schwieg . » No , und zweng wos für einen Verdachtö sin Sie hier , Herr Graf ? « fragte der Wiener nach einer Pause . Ich überlegte einen Moment , dann sagte ich ruhig : » Wegen Raubmord « . Die beiden fuhren verblüfft auf , der spöttische Ausdruck auf ihren Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz , und sie riefen fast wie aus einem Munde : » Räschpäkt , Räschpäkt . « Als sie sahen , daß ich keine Notiz von ihnen nahm , zogen sie sich in die Ecke zurück und unterhielten sich flüsternd miteinander . Nur einmal stand der Frisierte auf , kam zu mir , prüfte schweigend die Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschüttelnd zu seinem Freund zurück . » Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier , den Zottmann ermordet zu haben ? « fragte ich Loisa unauffällig . Er nickte . » Ja , schon lang . « Wieder vergingen einige Stunden . Ich schloß die Augen und stellte mich schlafend . » Herr Pernath . Herr Pernath ! « hörte ich plötzlich ganz leise Loisas Stimme . » Ja ? « - - - Ich tat , als erwachte ich . » Herr Pernath ? Bitte entschuldigen Sie , - bitte - bitte , wissen Sie nicht , was die Rosina macht ? - Ist sie zu Hause ? « , stotterte der arme Bursche . Er tat mir unendlich leid , wie er mit seinen entzündeten Augen an meinen Lippen hing und vor Aufregung die Hände verkrampfte . » Es geht ihr gut . Sie - sie ist jetzt Kellnerin beim - - alten Ungelt « , log ich . Ich sah , wie er erleichtert aufatmete . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Zwei Sträflinge hatten auf einem Brett Blechtöpfe mit heißem Wurstabsud stumm hereingebracht und drei davon in die Zelle gestellt , dann knallten nach einigen Stunden abermals die Riegel und der Aufseher führte mich zum Untersuchungsrichter . Mir schlotterten die Knie vor Erwartung , wie wir treppauf , treppab schritten . » Glauben Sie , ist es möglich , daß ich heute noch freigelassen werde ? « , fragte ich den Aufseher beklommen . Ich sah , wie er mitleidig ein Lächeln unterdrückte . » Hm . Heute noch ? Hm - - Gott , - möglich ist ja alles . « - Mir wurde eiskalt . Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tür und einen Namen : Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen Aufsätzen . Ein alter , großer Mann mit weißem , geteiltem Vollbart , schwarzem Gehrock , roten , wulstigen Lippen , knarrenden Stiefeln . » Sie sind Herr Pernath ? « » Jawohl . « » Gemmenschneider ? « » Jawohl . « » Zelle Nr. 70 ? « » Jawohl . « » Des Mordes an Zottmann verdächtig ? « » Ich bitte , Herr Untersuchungsrichter - - « » Des Mordes an Zottmann verdächtig ? « » Wahrscheinlich . Wenigstens vermute ich es . Aber - - « » Geständig ? « » Was soll ich denn gestehen , Herr Untersuchungsrichter , ich bin doch unschuldig ! « » Geständig ? « » Nein . « » Dann verhänge ich Untersuchungshaft über Sie . - Führen Sie den Mann hinaus , Gefangenwärter . « » Bitte , so hören Sie mich doch an , Herr Untersuchungsrichter , - ich muß unbedingt heute noch zu Hause sein . Ich habe wichtige Dinge zu veranlassen - - « Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand . Der Herr Baron schmunzelte . - » Führen Sie den Mann hinaus , Gefangenwärter . « - - - - - - - - - - -