vorherige Verabredung mit seiner Mutter . Der bloße Gedanke an etwas derartig Inszeniertes war ihm schon zu plump . Das Feinste , Zarteste , Keuscheste auf der Welt mußte in Verschwiegenheit wachsen , wohin es wollte , der Blüte oder dem Untergange zu . - Nicht einmal nach einem geselligen Zusammensein wie diesem konnte er den Heimweg zu ungestörtem Sprechen benutzen . In den meisten Fällen sah er Marieluis mit den Eltern zusammen , oder da war ein Auto , sie zu holen , oder , an ganz schönen Abenden , so wie heute , Lurch , der hinter seiner jungen Herrin wachsam und in Hörweite ging . Allert fand es ja beinahe sinnlos und sah ein ganz naives Betonen einer Doppelexistenz darin , daß Marieluis sich auf ihren werktägigen Gängen allen möglichen Anrempelungen und Gefahren aussetzen durfte , ja , mußte , aber daß sie andererseits innerhalb der Formen ihrer Gesellschaftsklasse sich nicht von einem jungen Herrn allein nach Hause bringen lassen durfte . Frau Julias fünf Gäste brachen gemeinsam auf ; alle schienen in der besten Stimmung . Mit Allert hatte sie sich beinahe gar nicht beschäftigt ; er fühlte es befriedigt . Vielleicht hoffte sie nun , John Vierbrinck zum Ritter heranzubilden . Mochte es ihr gelingen . Unten vor der Haustür gab es noch einen kurzen Aufenthalt . Da stand die Vierbrincksche Equipage , und John sagte : » Ja , Auto kann jeder reichgewordene Bäcker haben , von Pferden muß man was verstehen . « Und es sah im hellen Straßenlicht vornehm aus , wie der imposante , bartlose Kutscher auf seinem hohen Sitz unbeweglich thronte , die Zügel in den straff vorausgestreckten Händen . Patow klopfte sehr wohlgefällig den dunkelglänzenden Tieren die Kruppe und lobte : » ' n paar famose Norfolktrotter . « John und Dory konnten den Baron Patow einladen , mitzufahren , sie kamen , auf ihrem Wege nach der Flottbeker Chaussee , beinahe an der Wohnung des Hauptmanns vorbei . Marieluis lächelte in sich hinein . Es war für Allert nicht schwer , zu erraten , daß dies dem drolligen Schauspiel galt , das ein eifriger Bewerber und eine willig entgegenkommende Umworbene dem Zuschauer immer bieten . Nun gingen sie zusammen die Uferstraße dahin , Lurch auf den Hacken . Also gebunden in jedem Wort , mit jeder Geste . Und doch , es war immer ein bißchen karges Glück , immer eine Gelegenheit , um zu versuchen . Allert hatte sich ja längst in das ergeben , was nun nicht mehr auszulöschen war , in all ihr Wissen von den Düsterheiten des Lebens in seinen Niederungen . Er hoffte wenigstens , daß sein Gefühl das überwinden werde , vergessen könne . Wenn nur fortan - - Die Nacht war wundervoll weich , von allerlei Düften durchhaucht , diesem starken Atem der Frühlingserde , der sich mit dem reinen und feuchten Geruch des Wassers mischte . Auf ihm schlief alles Leben Die kleinen Dampfer rauschten nicht mehr in eiliger Fahrt hin und wieder ; nichts pflügte mehr die sich schaukelnden , von blitzenden Reflexen beworfenen Wellen auf . Von den Lichtern aus den Anlagen her spannen sich Strahlen hinaus auf die bewegliche Fläche . Am Ufer die Büsche und Bäume öffneten schon ihre harten Knospen . Ostern stand ja vor der Tür , ein Ostern im April , in der raschen Werdezeit . Alle Reiser schienen voller und schmiegsamer , als sie es noch vor wenigen Tagen gewesen waren , die neuen Säfte kreisten . Und dort , auf der kühlen Flut , wirklich noch ein einsamer Schwan ; langsam glitt er dahin , schien sich nur treiben zu lassen , ein Träumer , um ihn das schwarze , überglitzerte Wasser , über ihm ein dunkler , melancholischer Himmel ohne Sterne . Und in das feierliche Schweigen hinein , das die Vorfrühlingsnacht ihnen aufzwang , sagte Allert endlich leise , bittend - noch kein Weib , nicht einmal seine Mutter hatte aus dieses Mannes Mund solchen Ton der innigsten Bitte gehört - : » Sie werden die Versammlung nicht besuchen , nicht an den Debatten teilnehmen ? « Sie antwortete nicht gleich . Und er wartete schweigend . Denn er fühlte in einer großen , beglückenden Gewißheit , was in ihr vorging . Daß sie mit sich kämpfte , gleich ihm . Jeder Nerv in ihm war Spannung , sein Herz klopfte . Dieses genaue Voneinanderwissen , nur aus dem Gefühl heraus , hatte etwas Bezwingendes , schien ihnen aufzudrängen : begreift , daß ihr eins seid . Es war dasselbe vollkommene Hinüberwirken von einem zum andern wie damals , als beim Tanz ihr gesundes , starkes Blut in gleicher Leidenschaft aufwallte . Da sagte sie leise und flehend : » Doch ! - Aber Sie - ich möchte - ja , ich will Sie bitten - kommen Sie hin - versuchen Sie zu verstehen . « Er antwortete nicht . Er hatte ein dumpfes Gefühl davon , daß er irgend etwas unsinnig Glückseliges getan haben würde , wenn sie ihm versprochen hätte - - Er begriff auch : dieser flehende Ton . Das war viel von ihr . Das brach nicht ungehemmt aus den Fugen ihres stolzen , festen Wesens hervor , das hatte sie etwas gekostet . Aber antworten , versprechen konnte er nichts . Am übernächsten Morgen sah er wieder die kleinen ebenmäßigen lila Buchstaben . Und diesmal schrieb Frau Julia : » Mein Mann kommt schon heute abend . Wie ich ihn kenne , wird ihm daran liegen , Sie gleich zu sprechen , Ihnen von den Resultaten seiner Reise erzählen zu können . Aber mit dem Abendessen werden wir nicht warten . Wenn ich das Kursbuch recht verstehe - es ist für mich Sanskrit , Hottentottisch , Tungusisch - , so kann mein Mann erst halb zehn zu Haus sein . Ich bitte Marieluis , mit uns zu essen ; sie ist frei heute abend , das weiß ich gewiß . Vielleicht debattieren Sie dann mit ihr weiter . Sie ist herrlich in ihrer leidenschaftlichen Ueberzeugung für die Sache . Ich komme daneben in den Schatten . Macht nichts . Im Schatten ist es ganz bequem . Ihre Julia Dorne . « Allert war überrascht . Dorne hatte doch vorgehabt , am Dienstag Abend Wien zu verlassen , in Berlin am Mittwoch Vormittag einzutreffen , den Tag dort noch eifrig auszunutzen und dann gegen Mitternacht den Zug nach Hamburg zu nehmen , der hier morgens sechs Uhr eintraf . Nun , es paßte gut . Seine Mutter wollte mit Tulla in die Oper . Er pflegte jetzt an freien Abenden bei der Mutter zu essen . Indem er dann so Dornes Reise überdachte und das , was seine Mutter für den Abend vorhatte , verbarg er vor sich selber , daß seine erste , einzige Aufwallung gewesen war : ich kann sie heute sehen . Wieder , wie am Montag , war Marieluis noch nicht anwesend ; dafür fand er aber bei seinem Eintritt ein anderes , höchst überraschendes Bild . Das Zimmer schwamm in rotgelbem Licht , Frau Julia war wie immer von weißem Chiffon zart umflossen , unterm Saum schauten die Spitzen der hellila Schuhe hervor . Eher Bajadere als Mutter ! dachte Allert . Denn sie hatte ihre beiden Töchter neben sich , von deren kluger , bedachter Erziehung man so viel hörte , und die man so selten zu sehen bekam . Es war ein liebliches Bild stillen Familienlebens . Die dunkeläugige Dolores hatte ein Buch auf dem Schoß und lehnte das schwarzhaarige Köpfchen an die Schulter der neben ihr sitzenden Mutter . Und Ingeborg , blond , fade von Farben , mit jenem Unglücksgefühl der Fünfzehnjährigen , zu lange und zu viele Arme und Beine zu haben , stand mit einer Wollsträhne über den Gelenken und wickelte an einem Knäuel , der ihr rund und rot zwischen den Fingern lag . Bei Allerts Herannahen fiel ihr vor Verlegenheit der Knäuel aus den Händen und rollte unter ein Schränkchen . Nun bückte man sich und lachte , und der Faden riß . Und dann sagte Frau Julia , die Kinder müßten Gutenacht sagen . Es war nun einmal ihr Prinzip : Kinder gehören nach acht Uhr nicht mehr in den Salon . Durch dieses kleine Vorspiel bekam das Zusammensein etwas unbeschreiblich Harmloses . Allert mochte nicht fragen . Aber Marieluis kam nicht - kam nicht ... Frau Julia bat zu Tisch ... Da war für drei gedeckt ... » Ich hoffe , mein Mann kommt doch noch , während wir unser Hähnchen verschmausen . « Also war das dritte Gedeck für den Gatten ? Nicht für Marieluis ? » Wenn er schon um halb sechs von Berlin gefahren sein sollte ... Aber das würde mich doch sehr überraschen ... Er hat dringend dort zu tun . - Ich denke , vor elf Uhr kann er nicht eintreffen ... Mir hat er überhaupt bestimmt gesagt gehabt , daß er sich für Mittwoch Abend noch mit Professor Rädels verabredet habe . « » So ? « fragte sie , während sie von der Schüssel ein besonders gutes Stück Geflügel aussuchte und ihm auf den Teller legte , » sollte ich das so völlig falsch verstanden haben ? « Ihre Unbefangenheit war vollkommen . Und doch fühlte er so etwas wie Aerger leise in sich aufsteigen - aber nur aus dem einzigen Grund , weil sie so gar nicht das Ausbleiben von Marieluis erklärte . Er spürte darin weibliche Hinterhältigkeit - ein spöttisches kleines Rachegefühl - , denn er ahnte , daß sie erraten hatte , daß er in Aufruhr sei ... Er nahm sich vor , auch seinerseits zu schweigen - der Frau nicht den Gefallen zu tun , nach der Ausgebliebenen zu fragen . So ging die Tischzeit hin , in sehr lebhaftem Gespräch . Aber sie wußten doch beide , es war ein verstecktes Gefecht . Julia hoffte , ihm die Frage nach Marieluis abzuzwingen , und er blieb entschlossen , zu tun , als denke er nicht an diesen Namen . Dann kehrte man in das weiche Traumlicht des Salons zurück , und Allert sprach etwas zerstreut vom Kursbuch und daß doch wohl Doktor Dorne nunmehr erst um 11 Uhr 2 Minuten käme , und daß er , am Bahnhof fast vorbeikommend , an den Zug gehen wolle . Fast klang es , als ob er Frau Julia jetzt sich selbst überlassen wolle . Sie sagte flink , das wäre sehr aufmerksam von ihm , und sie ginge vielleicht sogar mit . Sie ließ sich auf die Chaiselongue in der dämmerigsten Ecke nieder , den Ellbogen in das Kissengehäuse am Kopfende gebohrt , das interessante Haupt in die Hand gestützt . Und immer noch hatte Allert nicht nach Marieluis gefragt . Da sah sie dann ein : er hat einen zu harten Kopf ! Und ganz rasch , um wenigstens das Vergnügen zu haben , ihn zu überrumpeln , sagte sie : » Marieluis konnte nicht , ihre Mutter hat Migräne oder so dergleichen ; Marieluis muß für sie korrespondieren - ich glaube - ich verstand es nicht recht am Telefon . Telefon macht mich nervös . « Plötzlich hatte Allert doch das Gefühl : sie hat Marieluis gar nicht eingeladen - sie wußte auch , daß der Mann nicht hier sein konnte - Aber nein ! Das reizende Bild von vorhin wirkte nach , wie sie hier mit ihren Kindern saß . Und da war doch das Gedeck für den Mann auf dem Tisch gewesen . - Die Dienstboten , die Kinder wußten demnach auch : er hätte kommen können - - Als ob Frau Julia ihm an der Stirn ablese , daß da unbehagliche Gedanken sich zu sammeln begannen , so fing sie nun an , auf das munterste zu plaudern . Dabei machte sie es sich auf ihrer Chaiselongue immer fauler und kuschelte sich immer weiter in all diese Kissen hinein ; eigentlich lag sie mehr , als daß sie saß . Allert , auf dem Stuhl daneben , etwas vorgebeugt , die Hände zwischen den Knien gefaltet , sah aufmerksam zu ihr herab - dies Exemplar von Frau betrachtend und bedenkend : so was von versucherischer Koketterie , von unbekümmertstem Evatum hat sich doch nur durch männliche Schwachheit entwickeln können . » Ja , « sagte sie mit einem Seufzer , der durchaus offen für gekünstelt genommen werden sollte , » nun müssen wir uns auf die Seite der Engländer schlagen . « » Der Engländer ? « » Na ja . Als ich Marieluis einlud , dachte ich mit den Franzosen : le troisième fait la conversation , und hoffte , daß sie , als die unterhaltende Dritte , uns mal allerlei aus ihrer sozialen Tätigkeit beichten solle . Ich sage Ihnen , da gibt es gewagte Situationen und die heikelsten Geschichten . - Aber das ficht Marieluis nicht an . Ich habe sie ja dabei beobachten können . Bewundernswert , sage ich Ihnen . Eine heilige Priesterin , die gewissermaßen mit vollen Händen in den Schlamm greift , um da irgendein Individuum herauszufischen und zu säubern . « Das war für ihn gesagt . Er ahnte es . Und er konnte sich doch nicht dagegen wappnen . Es schmerzte . Sie fuhr angeregt fort : » Das ist nun mal ihre Mission . Ich glaube schon , daß sie wahrmacht , was sie vorhat : ihr ganzes Leben sich dieser Tätigkeit zu widmen - o Gott - das könnte ich nicht - einen beglücken - ja . Aber so Volksbeglückung « - sie schüttelte sich ein bißchen . Und aus dem schmeichlerischen Dämmerlicht leuchteten die Augen heraus , mit glutvollen Blicken - sie waren wie Schauspieler , diese Augen , und führten für sich allein eine ganze Komödie der Lockung auf . Allert schwieg . So merkwürdig versagte ihm , dieser Frau gegenüber , immer sein flinkes , fröhliches Reden . » Also nun müssen wir sehen , ob die Engländer recht haben : two are company , three are no . Zwei sind eine Gesellschaft , drei nicht ! Wunderlich - dieses Wort sollte doch viel eher von den Franzosen kommen als das vom Dritten , der die Konversation macht . Zweisamkeit - das Bezauberndste zwischen zwei Menschen , die sich verstehen ... « Und ganz jäh den leichten Plauderton verlassend , sagte sie voll bebender Leidenschaft : » Eine Zweisamkeit mit mir ist Ihnen Last - ja , ich weiß es - Sie verstehen mich auch nicht ... « » Aber , gnädige Frau ... « » Wie durften Sie meine armen Blumen so mißhandeln ! « Also doch ! dachte Allert und unterdrückte den Seufzer starken Aergers . Nun wußte er , daß dieser ganze Abend auch nur eine genau vorherbedachte , klug angeordnete Szene gewesen war . Er sagte kälter noch , als er selbst wußte : » Ich bitte Sie , beruhigen Sie sich . Wie kann , wie darf ich Zeichen solcher Güte von Ihnen annehmen ... « » So - und jene Nacht - wo wir vom Feuer heimfuhren - da dacht ' ich doch - da durfte ich glauben ... « » Nichts , als daß Erregung der allermenschlichsten Art , daß Weichheit , Nervosität - mich in Ihnen eine schwesterlich Mitfühlende sehen ließ . « » Wenn Sie wüßten , wie ich oft leide ... « Und sie warf sich , plötzlich aufschluchzend , herum und versteckte ihr Gesicht in den Kissen ... Unterdessen war schon vor einer Stunde ein blasser , reisemüder , überarbeiteter Mann aus den Wagen gestiegen , die der D-Zug von Berlin in rasender Fahrt nach Hamburg gebracht . Es war Dornes fester Vorsatz gewesen , in Berlin noch den Abend mit seinem Studienfreund Professor Rädels allerlei Fachmännisches durchzusprechen . Auf der Nachtfahrt von Wien nach Berlin hatte er wenig geschlafen . - Sein Gehirn durchsiebte rastlos alles , was es aufgenommen hatte - verglich eigene Resultate mit den in Wien gesehenen , ging bohrend und konzentriert all diesen unerhört schwierigen Formeln und Zahlen und Zeichen der chemischen Versuche nach . - - Und dann - ganz jäh fuhr , wie ein Blitz , der Gedanke an die vergötterte Frau dazwischen . - Und sein erschöpftes Hirn hatte einen tollen Gedanken ... Wenn er wüßte - wenn es eine Wissenschaft gäbe - das geheimste Leben solcher Frau zu erforschen - auseinanderzulegen - wie eine chemische Verbindung . - - Weil es seine Frau war , und weil sie sich auch gerade vor ihm mehr verbarg als vor anderen Männern , sah er sie als etwas Geheimnisvolles . - Zuweilen - - In Berlin gönnte er sich kaum rechte Muße zu Mahlzeiten und dachte : Heute abend werde ich mit Rädels vortrefflich essen und in Ruhe mit ihm sprechen ... So bei Tisch - das ist keine Anstrengung mehr . - Und inmitten aller Hetze kam ihm dann immer die Vorstellung : sie will morgen so früh aufstehen ... Das rührte ihn ... Das wollte er ihr ersparen ... Und plötzlich fragte er sich : was sie wohl heute abend tut ? Montag hatte sie einige Gäste , daß sie sich die zusammenbitten wollte , erzählte sie noch , ehe er ging ... Aber Dienstag abend ? Und heute abend ? - Oh , und das frühe Aufstehen ... Morgen früh halb sechs Uhr schon an die Bahn ... Solch ein Unsinn ... Aber sie machte manchmal solche törichte Aufopferungen - nur um ihm zu zeigen , wie teuer er ihr war ... Und ganz aus den dunkelsten Gründen seiner Erinnerungen kam so etwas herauf wie Schreck - eine Beobachtung meldete sich - - Immer fielen diese Beweise von Zärtlichkeit in Zeiten , wo er voll Unruhe war - wo es ihm schien , als stehe ein anderer Mann an seinem Wege und wollte seine Straße als Räuber kreuzen ... Aber welche Tollheit ... Nein ! Und er zwang das nieder - wie so oft - schämte sich - bat den fernen schwarzen Augen alles ab ... Und fünf Minuten vor fünf depeschierte er doch an Professor Rädels , daß er sogleich nach Hamburg weiterreisen müsse und am Abend nicht mit ihm zusammen sein könne ... Während er die Depesche schrieb , quoll ihm die Güte , die weiche Sehnsucht nach der Frau als Rührung im Herzen hoch . Nein , sie sollte nicht früh in den rauhen Morgen hinaus . - Diese ersten Apriltage steigen oft mit solcher Herbheit aus der Nacht empor . Das wollte er ihr ersparen - er wollte sie überraschen . - - Und seltsam - als er sich jäh vorstellte : sie nimmt die Ueberraschung vielleicht unfreundlich auf - da siedete so etwas wie Haß über das weiche Gefühl hin - und ließ ihn erbeben . - - Die Fahrt wurde fiebrische Ungeduld . Sie sank aber in feigste Unschlüssigkeit zusammen im Augenblick , wo er den Fuß auf den Asphalt des Hamburger Bahnsteigs setzte . Wo war sie ? Einsam und friedlich zu Haus ? Mit den neuen Bekannten im Theater ? Hatte sich jemand der Strohwitwe angenommen und sie für den Abend eingeladen ? Vielleicht war Frau von Hellbingsdorf so gütig gewesen . Oder lud sie sich irgendeine Gesellschaft ein ? Marieluis ? Oder - oder Allert ? ... Der Mann fühlte : sein Mut versank ihm , wie Boden unter den Füßen beim Erdbeben ... Plötzlich dachte er , daß er zunächst zu seinem Teilhaber gehen und ihm von den wichtigen Erlebnissen der Wiener Reise berichten wolle . Allert selbst war darin so aufmerksam : kam er heim von einer Geschäftstour , müde , abgespannt , so trat er doch noch oft spät bei dem Arbeitsgenossen ein und sprach von seinem Erfolg . Es erschien mit einemmal als die nächste Pflicht : zuerst zu Hellbingsdorf . Der war ja nun , seit seine Mutter hier wohnte , jeden Abend bei ihr . Außerdem : Frau von Hellbingsdorf war so gütig , nahm sich Julias an , obgleich sie sie nicht mochte - ganz seltsam hellseherisch begriff er das mit einem Male . - Ja , wahrscheinlich - Julia war dort . - - Also dahin - gleich - zuerst . - - Und er schleppte , völlig wie verbohrt in seine Gedanken , seinen Handkoffer selbst mit sich ... Vom Hauptbahnhof nach » An der Alster « - wenige Minuten ... Dann treppan - treppan . - Und der schrille , zitternde Klang der elektrischen Glocke fuhr über seine Haut als Frösteln . Therese öffnete . » Ih , Jotte doch , der Herr Doktor Dorne - nee , das wird die Herrschaft aber bedauern ... Was meine j ' nä Frau is , die is mit Fräulein Rositz in de Oper ... Herr von Hellbingsdorf ? Ih nee , wenn die j ' nä Frau nich zu Haus sind , kommt er nich hier Abend essen ... « » Darf ich einen Augenblick eintreten , « bat er . » Aber jewiß doch - darf ich ' n Ilas Wein bringen ? Oder ' n Happen Butterbrot - Herr Doktor seh ' n flau aus ... « » Danke , danke ... , « wehrte er ab . Therese fand es ja ein bißchen wunderlich , daß er in das große Wohnzimmer vorn eintrat und ihr abwinkte , als sie das Licht aufdrehen wollte ... Aber was wollte sie machen ? Wo es doch eben Herr Doktor Dorne war ... Er trat in dem dunklen Zimmer ans Fenster . Es war matt durchhellt vom Licht , das die Räume einer Weltstadt immer füllt , das in Straßen und auf Plätzen die Nacht vertreibt und noch bis zu den höchsten Stockwerken hinauf seinen Schein sendet . Er sah hinaus und hinüber ... Die Nacht war klar . Schwarzblank flutete da unten das Wasser , und das Verkehrsleben zog drüber hin . Erleuchtete kleine Dampfer krochen , gleich Riesenglühwürmern , hin und her - begegneten sich , zogen in geraden und geschweiften Linien aufeinander zu und wieder auseinander - ruhten an Brücken zwei Minuten aus und rauschten weiter ... Der Himmel stand schwarzblau und mit Sternen besäet über ihm . Kein Lüftchen regte sich . Drüben , hinter den Anlagen des jenseitigen Ufers , sah er die Häuser . In ihren Fronten waren die erhellten Fenster wie längliche viereckige , unregelmäßig aufgeklebte Stückchen Glanzpapier auf dunklem Grund . Und er sah so deutlich zwei , die rotgelb schimmerten . - Vielleicht sah er sie nicht wirklich - oder nahm irgendwelche hellen Flecke dafür . - - Ja , so deutlich sah er sie - daß er dahinter , durch die Seide und den Tüll der Vorhänge , eine Frau auf umdämmerten Kissen sich dehnen sah - und sie war nicht allein ... Therese kam aus ihrer Küche heraus . Sehr eilends und erschreckt . Da war doch eine Tür hart ins Schloß geworfen worden ? Und sie ging nach vorn . Nein - das ! Weg war der Doktor , und da stand wahrhaftig sein Handkoffer ... Der Mann lief treppab - er rannte an der Uferstraße hin und rannte Menschen an - er kam an die Lombardsbrücke - seine Füße wurden schwer - immer langsamer ging er . - Und ob er gleich endlich nur noch schlich - einmal kam er doch an ... Er ging auf und ab vor dem Hause - lange . Dann schritt er über den Straßendamm und betrat die Anlagen am Ufer , die die Straße jenseits einfaßten . Von da konnte er an der Front des Hauses emporsehen . Und nun sah er sie wirklich , diese beiden sanften , von rotgelbem Licht so warm und lockend erfüllten Fenster , und sah die dicht zusammengezogenen Vorhänge , durch die all dieser wohltuende Schimmer kam ... Die Feigheit fiel von ihm ab wie ein gelöster Panzer - er war plötzlich kalt , entschlossen , sicher . - Dies friedlich schöne Licht war ihm wie ein Ruf . - Er ließ sich davon rufen ... Schnell ging er ins Haus - auf den Treppenstufen mit dem kleinen , stählernen Schnepper fingernd ... Und stumm - ohne daß ihm wie sonst dieser nervöse , trockene Hustenreiz kam , der wie ein Heroldsgeräusch war - stumm und rasch trat er ein ... Da lag in der dämmerigsten Ecke des Zimmers , tief eingebettet in all diese phantastischen , farbigen Kissen ein Weib , von dünnen , weißen Stoffen war der schlanke Körper straff umspannt - Und neben ihr saß vornübergebeugt ein Mann und schien zu der Weinenden zu sprechen ... Allert erhob sich auf der Stelle - peinlich betroffen - jäh von dem Gefühl erschreckt , daß ein Rasender ihn beschlichen habe - daß der ihn falsch sähe - mißdeutend - » Dorne ! « sagte er ; » also doch noch . Ich hoffte Sie hier zu finden . Und da Sie nicht gekommen zu sein schienen , besprachen wir schon , daß wir Sie um elf Uhr am Zug empfangen wollten . « » Das ist Lüge , « sprach der andere Mann . » Sie sind ein Lügner und ein Schuft . « Allert erbleichte . » Herr « - - brauste er auf ... » Sie wußten , daß ich erst morgen früh halb sechs ankäme . Und sie - sie wußte es auch ... « » Ich bitte Dich ! « rief seine Frau dazwischen - und welche kalte , herrische Verachtung war in ihrem Ton . - » Was fällt Dir ein ... bleibe doch geschmackvoll . « » Wir haben uns wohl in diesem Augenblick nichts mehr zu sagen , « fuhr der Mann fort - in einer furchtbaren , stillen Sammlung - ein Besessener , der nicht tobt - » ich bitte Sie , mich mit meiner Frau allein zu lassen . « Allert , mit einem vor Zorn entstellten Gesicht , versuchte sich zu sammeln . Er begriff - er mußte es sich versagen , jetzt mit diesem Mann zu streiten . Das Briefchen der Frau , das ihn hergelockt , trug er bei sich - er konnte , er durfte sich nicht auf Kosten des Weibes reinigen von Verdacht . Nach diesen Beleidigungen hatte er dem anderen den Glauben an seine Ehre mit nachdrücklicheren Mitteln einzuschärfen , als es Worte sind - - » Ich gehe , « sprach er ruhig , » Sie verstehen von selbst , daß ich meine Antwort auf Ihre Beschimpfung zu geben wissen werde ... Die Rücksicht auf die Dame gebietet mir aber noch , Ihnen mein Ehrenwort zu geben , daß ... « Der Mann erhob unterbrechend , abwehrend die Hand - es war eine gebieterische Geste des Schmerzes - in den hellen Augen glimmte ein gesammelter , kalter Haß . - Das gab ihm Größe , diese kurzauf züngelnde Größe , die dem Wahn die Gewalt gibt , sich über die Wahrheit zu setzen ... Und Allert gehorchte . Er ging . Nicht ohne von der Schwelle her eine förmliche Verneigung in der Richtung zu machen , wo er die weiße Frauengestalt sah . - » Du bist toll ! « sprach sie und zuckte die Achseln . » Die Szene verzeih ich Dir nie . Du hast Dich lächerlich gemacht . « » Ich bin nicht toll . Ich habe nur endlich den Mut zu sehen ... « » Aber mein Himmel - - Er gab Dir doch sein Ehrenwort . « » Ehrenworte in diesen Dingen sind immer Lügen . « » Wenn ich Dir doch schwöre - - « » Deine Schwüre sind auch Lügen ... « Sie sah ihn an . Sie kannte die Männer von Grund aus . Auch den ihren . Und hatte ihn tief verachtet , weil er mit sich spielen ließ ... Nun war sie betroffen , sah etwas Rätselhaftes - das sie nie - auch in ihrem ganzen künftigen Leben nicht begriff . So oft war er blind gewesen - hatte blind sein wollen - aus Hörigkeit - und diesmal - diesmal , wo er keinen Grund zur Eifersucht hatte - - Diesmal ? ? ... Unfaßlich war es - ganz unfaßlich . - Wie sie so , einige Herzschläge lang , mit jagenden Gedanken , ihm in die Augen blickte , quoll leise ein neues , furchtbares Gefühl in ihr auf ... Angst vor diesem Feigling . Was ist Angst vor einem Zornigen ? - Was Zittern vor der Mannhaftigkeit ? - Nichts , nichts - - aber wenn die Feigen hassen ! - » Ich will Dir Beweise geben , « sprach sie langsam . » Wie könntest Du ! « » Doch . Ich will Dir das einzige Briefchen geben , das ich von ihm habe . « » Es kann eine Lüge sein - wie alles - - « » Nein . Du wirst sehen - ich schickte ihm einmal Blumen - er ist so plump - sah Gott weiß was drin - wies sie zurück - - « Sie ging an ihren Schreibtisch . Sie schloß auf . - Da hinten im Fache - wie viel Briefe - sauber in Bündeln - umbunden mit kleinen Goldlitzen . - Und vorn allerlei Papiere durcheinander - Rechnungen - dazwischen noch Allerts Zeilen im Umschlage , darauf die Adresse von seiner kräftigen Schrift . - Sie hatte nicht gleich gespürt , daß ihr Mann herankam - schleichend fast - und hinter sie trat . - Gerade hatte sie Allerts Brief in der Hand , und nun wandte sie sich rasch um , mit ihrem Körper den Blick auf das offene Schubfach zu hindern . - Ein jähes Gefühl trieb sie warnend , - sonst trat ja dieser Mann schonend hinweg , wenn sie in seiner Gegenwart einmal an ihren Schreibtisch ging - als scheue er den Blick - wolle Diskretion zeigen . - Und nun kam er so nah heran ? - Zu