ihren Schlupfwinkeln hervorgekrochen , arbeiteten hurtig und sicher hinter den grauen Mauern . Planlos irrte Tschun weiter , bald allein , bald von dieser oder jener Gruppe mitgezogen . Hierhin , dorthin , nur von dem einen Wunsch getrieben , der ihm von klein auf eigen gewesen : den Wunsch , zu sehen . Und er sah . Sah Spuren der Boxer , sah neueres Tun derer , die an ihnen Vergeltung übten . Er blickte in einen verlassenen Palast , der völlig ausgeräumt war , wo nur noch altertümliche Sättel und Geschirre mit silbernen Beschlägen in einem Winkel lagen , weil sie den Beutesuchern zum eiligen Fortschaffen offenbar zu schwer gewesen ; er betrat ein verlassenes Yamen , wo unter seinen Füßen die Scherben unschätzbarer , in blinder Wut zertrümmerter Vasen knirschten ; er schaute in ein Haus , dessen Tür , aus den Angeln gerissen , offen gähnte , und prallte entsetzt zurück vor dem Verwesungsgeruch einer ganzen Reihe modernder Leichen ; er schritt durch Torwege , an deren Mauern Köpfe an langen Zöpfen aufgenagelt waren ; er betrat Höfe , in denen Boxeraltäre umgestürzt lagen und frisches Blut in dunklen Pfützen stand ; er beugte sich über unheimlich schwarze Brunnen , an deren Steinen buntseidene Fetzen hingen , Fetzen von dem Kleide irgendeiner unbekannten Frau aus den hundert Namen , die da , in Herzensangst vor etwas noch Grauenvollerem als dem Tode , in die schauerliche Tiefe hinabgesprungen war . Immer neue Stätten dunkler Tragödien entdeckte er , Orte , wo armselige Leben vernichtet worden waren , nach denen nie gefragt werden würde . Als Tschun schließlich wieder in die Gesandtschaftsstraße einbog , hatte er so viel des Schrecklichen gesehen , daß er glaubte , gegen alles ganz stumpf geworden zu sein , und doch bot sich ihm da noch das überraschendste Bild . Gleichzeitig mit ihm mündete ein seltsamer Zug in die Straße : Esel und mongolische Ponies , schwankende Maultierkarren und einrädrige chinesische Handwagen - alles schwer und hoch bepackt . Chinesische Kulis trieben die Tiere in der chaotischen Straße vorwärts , und Reiter trieben wiederum die Kulis an . Diese Reiter aber waren Fremde . Herren , die Tschun zu erkennen glaubte . Plötzlich rissen die Stricke , die die überschwere Ladung des einen Fuhrwerks halten sollten , eine Kiste flog krachend auf die Straße , und aus ihren geborstenen Seiten rollte der Inhalt hervor : lauter kleine Barren feinsten Syceesilbers ! - Ein ungeheures Lärmen entstand , Fluchen und Schimpfen auf chinesisch und in fremden Sprachen . Manche der Kulis wollten offenbar die Verwirrung benutzen und mit rasch gefüllten Taschen in der zunehmenden Dunkelheit verschwinden . Aber die Fremden hatten diese Absicht sofort erkannt ; mit vorgehaltenen Revolvern drängten sie die Leute zurück und zwangen sie zum Auflesen und Wiederaufladen des Silbers . Ohne zu wissen wie , befand sich auch Tschun plötzlich bei dieser Arbeit , war mit unter die anderen eingereiht . So hörte er sie brummend reden : Dieser Silberschatz stamme aus dem Palast eines geflohenen Boxerprinzen . Die Fremden hätten sie gedungen , um ihn zu heben . Viel mehr noch läge dort in der Schatzkammer , man hätte gar nicht alles fortschaffen können . Der Rest solle morgen geholt werden . » Aber wer soll es denn bekommen ? « fragte Tschun leise . » Dumme Frage - die selbst doch natürlich ! « » Jeder plündert doch für sich . « Als das meiste wieder notdürftig verstaut war , hoben die Herren selbst die letzten Silberbarren von der Straße und warfen sie als Lohn den Leuten zu , die beim Laden geholfen und die sie eben noch kalten Blutes zu erschießen gedroht hatten . Es war eben eine Zeit sehr wechselnder Möglichkeiten . Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung , mit Reitern als Vortrab und Reitern als Nachhut . - Tschun starrte ihnen nach , wie sie allmählich in der Dunkelheit versanken . Und trotz allem , was er an diesem Tage gesehen , erschien ihm das Schauspiel dieser Fremden , die beutebeladen zwischen den Ruinen des alten Peking dahinzogen , doch das allerseltsamste . Im Vergleich hierzu versank alles übrige in nebensächliche Geringfügigkeit , denn dieser Anblick stieß ja Begriffe um , die Tschun bis dahin nie in seinen Gedanken angetastet hatte . Die unbedingte persönliche Integrität der fremden Herren war doch gerade das , worauf sich alles aufbaute ; was man auch sonst von ihnen sagen mochte , diese Eigenschaft war ihnen nie bestritten worden ! Aber wenn sie sie etwa gar nicht besaßen ... Dann waren sie ja auch nicht besser wie die chinesischen Mandarine ? ... Tschun versuchte sich einzureden , daß er schlecht gesehen , schlecht verstanden habe . Es war vielleicht doch irgendeine offizielle Zahlung , die die Fremden in diesen unruhigen Zeitläuften selbst begleiteten . Was wußten schließlich die dummen Kulis in der Straße ! Was sie gesagt , das wollte Tschun nicht glauben . Die Grundsteine seiner bisherigen Ueberzeugungen müßten ja sonst wanken . Und er wußte doch , daß es Wahrheit gewesen . Wider Erwarten traf Tschuns neuer Herr schon am nächsten Tage ein . Verstaubt , übermüdet durch heiße eilige Märsche , rückten seine Soldaten ein . Alle , die jetzt nach dem Entsatz Pekings noch ankamen - und es waren ihrer viele Tausende verschiedener Nationalitäten - , machten den Eindruck von Leuten , die sich um eine große Gelegenheit betrogen dünken . Sie schienen bitter enttäuscht durch den Anblick der Ruinen Pekings . Was sie erwartet hatten , war schwer zu sagen . Es kostete Mühe , für Tschuns Herrn ein geeignetes Quartier zu finden , denn die besten Gebäude waren von den zuerst Angekommenen gleich besetzt worden . Jene Soldaten , die man Amerikaner nannte und die aus einem anderen Weltteil kamen , hatten ihre Zelte im Tempel der Landwirtschaft aufgeschlagen . Es waren Leute , die auf Tschun den Eindruck machten , als gäbe es für sie keinerlei Zwang auf Erden , sondern als tue ein jeder von ihnen das , was er gerade trieb , aus persönlichem freien Willen und Vergnügen . So jetzt diesen sogenannten Krieg gegen die Boxer . Ihnen gegenüber , auf der anderen Seite des Platzes , in den kaiserlichen Absteigeräumen des Himmelstempels , hausten englische Offiziere , und ihre indischen Reiter kampierten in dem großen Park , der den Tempel umgibt . Die heiligste Stätte Pekings war das , vor der jeder Chinese ehrfurchtsvollen Schauder empfand , denn hier , auf hoher marmorner Estrade , opferte ja der Kaiser alljährlich seiner göttlichen Heimat , dem Himmel , legte vor ihm Rechenschaft über sein letztes Regierungsjahr ab und erflehte das Mandat , ein weiteres Jahr zu herrschen . Früher durfte niemand diesen weihevollen Ort betreten . Jetzt war er eine Kaserne fremder Barbaren ! Auch die Russen und Japaner hatten ihre gesonderten Gebiete in der Stadt ; und die Truppen der verschiedenen anderen Völker , die Tschun nicht immer recht voneinander unterscheiden konnte , besaßen ihre getrennten Quartiere . Schließlich war für Tschuns Herrn aber doch auch noch in einem entlegenen Stadtteil ein altes , weitläufiges Yamen gefunden worden . Und es erwies sich , daß es dasselbe war , wo Tschun vor ein paar Monaten die abendliche Schaustellung der Boxer mit angesehen hatte . Welch seltsame Wandlung seitdem ! Wie siegessicher war damals in dem überfüllten Hofe der Untergang aller fremden Teufel prophezeit worden ! Und jetzt stand das Yamen verlassen . Der Besitzer war vor den Barbaren geflohen und der Kaiserin nachgeeilt , und jene zogen nun hier als Sieger ein . Um das Yamen für die Fremden bewohnbar zu machen , galt es vor allem , es auszuräumen und all die tausenderlei Dinge wegzuschaffen , die , im Gedanken , daß sie einmal gebraucht werden könnten , von Chinesen nie fortgeworfen werden und sich in ihren Häusern zu ungeahnter Fülle ansammeln . Neben wertvollen Stücken kam da unendlich viel Gerümpel zutage . Kulis , die Tschun angeworben hatte , sollten all das wegschaffen . Dazwischen aber mischten sich die Soldaten in diese Arbeit , lachten über die seltsame Anhäufung von Fetzen und Scherben , trieben Unfug mit all dem fremdartigen Plunder . Es waren ausgelassene junge Menschen , die es nicht sonderlich böse meinten , aber Tschun empfand es alles als Hohn . Er entsann sich des blinkenden Napfscherbens , den er auf dem Trümmerhaufen seines eigenen einstmaligen Häuschens liegen gesehen , und es würgte ihn etwas in der Kehle . » Warum siehst Du so griesgrämig aus ? « rief ihm einer der Soldaten zu . » Würdet Ihr froh aussehen , wenn all das in Eurem Lande geschähe ? « antwortete Tschun . Der Soldat und seine Kameraden sahen sich zuerst verdutzt an , und dann brachen sie in ein schallendes Gelächter aus . Es war aber auch zu komisch ! Ihr Land mit diesem Pekinger Misthaufen zu vergleichen ! Aber sie betrachteten Tschun von da an als einen ungemütlichen Spielverderber und setzten nun ihrerseits etwas hinein , ihn möglichst zu necken . Und es bot sich dazu häufig Gelegenheit , denn Tschuns Amt bestand gerade darin , für die vielen Bewohner des Yamens und ihren ganzen Haushalt den Verkehr mit den Chinesen zu vermitteln . Da gab es immer irgend etwas , was dieser oder jener von ihm wollte . Und hörte er nicht rasch genug auf die verschiedenen Wünsche , so zogen sie ihn gelegentlich am Zopf . Besonders gern tat das ein böser Korporal ; er nannte es » die Schnur zur Klingel im Kopf in Bewegung setzen « . Ja , es waren rohe Leute , die von Manier und Zeremonien offenbar noch weniger Ahnung hatten als die Bewohner der Gesandtschaften , die Tschun bisher gekannt hatte . Jene , die ja angeblich geschickt worden waren , » um gute Beziehungen mit China zu pflegen , « hatten etwas von diesem Bestreben doch immerhin auch im Verkehr mit ihren chinesischen Bediensteten gezeigt - diese neuen Fremden dagegen traten herrisch auf und erklärten anmaßend , daß sie gekommen seien , um endlich mal Ordnung und ein strammes Regiment in diesem verlotterten , korrupten Lande einzuführen . Tatsächlich versuchte auch schon in den ersten Tagen nach dem Entsatz jeder in seinem Gebiet auf seine Weise zu regieren . Sie » pazifizierten die Stadt « , wie sie es nannten , und bildeten sich ein , sie von » zweifelhaften Elementen « zu säubern - und waren dabei doch so unwissend , daß sie eigentlich in jedem Zopfträger einen » alten Boxer « sahen . Sogar Tschun riefen sie so . Und er hatte doch im Petang mitgekämpft und bei der Erbeutung der Kanone geholfen ! Es machte Tschun oft ganz ungeduldig , diese neuen Fremden untereinander voll Ueberhebung von China reden zu hören ; mit Hochmut urteilten sie über alles , glaubten jede Sache besser zu wissen und kannten und verstanden doch eigentlich noch gar nichts , waren ja auch zumeist erst vor wenigen Tagen ans Land gestiegen . Und was wurde nicht alles unter diesem strammen Regiment stillschweigend geduldet ! Was taten , die es führten , nicht gar selbst ! Die Sucht , zu plündern , lag wie eine Epidemie in der Luft . Die Boxer hatten sie zuerst gebracht . Aber nun wurden alle , Chinesen und Fremde , davon ergriffen . Jeder zog wie ein Schatzgräber auf geheimnisvolle Wege aus . In einer der Gesandtschaften wurde dann all die Beute öffentlich versteigert . Das gab dem ganzen seltsamen Handel einen ehrbaren , offiziellen Anstrich . Ein unlauteres Gewerbe war dadurch , unter obrigkeitlicher Kontrolle , systematisiert . Man sprach auch nicht von Beute , sondern von Funden . Schätze an Pelzen und Seide , an Altertümern aller Art , kamen da unter den Hammer . Neben diesen mehr privaten gab es aber auch ganz große nationale Transaktionen , die schon eher den Charakter staatlicher Finanzoperationen trugen ! Von den Inselzwergen wurde erzählt , sie hätten auf so enorme Kornvorräte und Silberschätze die Hand gelegt , daß damit ihre etwaigen Ansprüche auf Erstattung von Kriegskosten im voraus gedeckt seien . Der böse Korporal und seine Soldaten hatten sich auch gleich an dem allgemeinen Geschäft beteiligt . Bald schmückten die merkwürdigsten chinesischen Gegenstände ihre Quartiere . Abends verkleideten sie sich mit golddurchwirkten Mandarinengewändern und sprangen und tanzten wild darin herum . Auch Stücke führten sie auf ; sie spielten » Die böse Tzü Hsi « oder » Li hung tschang « . Denn das waren ihnen die geläufigsten Namen , und es ging ihren Trägern in diesen Vorstellungen stets jämmerlich schlecht . Dazu erklangen die leiernden Weisen europäischer Spieldosen , die in allen chinesischen Häusern zu finden waren . Und die vielen Uhren , die ebenfalls einen Gegenstand chinesischer Sammelpassion bildeten , tickten und schlugen die Stunden - diese sonderbarsten Stunden Pekinger Geschichte . Manchmal drangen die Fremden in Tschun , er solle sie führen , denn er kenne gewiß gute Gelegenheiten . Aber er wehrte sich gegen solche Zumutungen , und konnte er sich ihnen gar nicht entziehen , so wählte er absichtlich Straßen , von denen er genau wußte , daß da andere vorher gewesen und nichts mehr zu holen war . Solche Enttäuschungen erbitterten aber den Korporal und die Soldaten , und ihr Verkehr mit Tschun ward auf immer unfreundlichere Töne gestimmt . Tschun wünschte sich aus alledem oft heraus . Er war , ohne es selbst zu wissen , überreizt und abgespannt von allen Entbehrungen und Schrecknissen der Belagerungszeit und hätte Ruhe und Vergessen gebraucht . Aber schon Kuang yins halber , dem sonst vielleicht Unannehmlichkeiten daraus erwachsen wären , mußte er bei diesen neuen Herren aushalten . So diente er ihnen denn , so gut er es vermochte , und ließ sich , des eigenen Ansehens halber , nie etwas zuschulden kommen ; aber er tat es verdrossenen Gemüts , und immer größer wurde die Geringschätzung , mit der er im stillen auf all diese zeitweiligen fremden Machthaber herabschaute . Zu diesen Gefühlen den Fremden gegenüber gesellte sich aber auch Empörung gegen die eigenen Landsleute . Tschun wußte oft nicht , welche dieser Empfindungen stärker war . Würdelos fand er es schon , daß sie , wie er es zuerst bei Sin schen erlebt , mit Fahnen und Zetteln herumliefen , die sie als Anhänger der Fremden proklamierten ; würdelos , daß gar manche , die vor wenigen Tagen noch die Boxergeister angerufen hatten , sich jetzt christliche Rosenkränze umhingen und , sobald sie Ausländern begegneten , auf sich selbst deutend , » Katholik , Katholik « schrien . Aber viel schlimmer noch erschien es Tschun , daß seine Landsleute , anstatt ihre Zwistigkeiten untereinander auszutragen , jetzt oft die Ausländer um Hilfe und Schlichtung anriefen , daß einer gegen den anderen Vorteile durch die fremden Herren zu erlangen suchte . Denn so wie vor wenigen Monaten noch private Feindschaft bei den Boxern Christen und Christenanhänger zu denunzieren liebte , so äußerte sich jetzt manche Rache , indem sie Verhaßte den fremden Machthabern als Boxer und Boxerhehler angab . Das war ein einfaches Mittel , sich Unbequemer und Beneideter zu entledigen . Denn es war bekannt , daß in solchen Fällen die Prozesse meist kurz geführt wurden . Dazu war man ja auch in das Land gekommen , um Boxer auszurotten und Exempel zu statuieren ! Auch Tschuns neuer Herr erhielt eine Anzeige , daß in seiner Nachbarschaft ein früherer Boxer hause , der bei der Zerstörung und Plünderung von Häusern der Fremden tätig gewesen sei , und der noch jetzt Waffen bei sich verberge und schlimme Anschläge führe . Der Denunzierte war ein junger Händler , den ursprünglich Sin schen an Tschun empfohlen hatte , und dem dann auch , da er vorteilhafte Bedingungen stellte , bestimmte Vorratslieferungen für die Truppe von dem Offizier übertragen worden waren . Da er den Händler vorgeschlagen hatte , wäre es Tschun sehr peinlich gewesen , wenn er sich als unzuverlässig erwiesen hätte , aber Tschun glaubte vorläufig nicht recht an die Beschuldigung , sondern witterte dahinter die Rache eines enttäuschten Konkurrenten . Es ward nun ein Zug nach dem Hause des angeblichen Boxers unternommen . Der ließ die Fremden bereitwilligst ein und zeigte ein ganz unbefangenes Wesen . Als Tschun ihm im Auftrag seines Herrn eröffnete , wessen er beschuldigt würde , beschwor er entrüstet , das sei alles erlogen . Allein bei der Haussuchung , die der Korporal und die Soldaten alsobald unternahmen , erwies sich ein Teil der Beschuldigungen sofort als richtig , denn in rückwärts gelegenen Teilen des weitläufigen Hauses entdeckten sie wohlverborgen eine Anzahl Kisten , und als sie diese nun , trotz des Protestes des Händlers , daß sie ihm nicht gehörten , in den Hof schleppten und aufbrachen , fanden sich darin nicht nur Waffen , sondern auch allerhand europäische Gebrauchsgegenstände , die offenbar aus den geplünderten Missions- und Gesandtschaftsgebäuden stammen mußten . Der Mann beschwor nun wieder , daß dies Kisten seien , die ihm ein Freund zur Aufbewahrung anvertraut hätte , und von deren Inhalt er selbst keine Ahnung gehabt habe . Aber er wurde nun doch sofort gefesselt in das Yamen des Offiziers abgeführt . Zu seiner Vernehmung war dann einer der gelehrten Herren , die Chinesisch konnten , aus der Gesandtschaft gebeten worden . Es kam aber nichts dabei zutage . Der angebliche Boxer blieb ebenso hartnäckig bei seinem Leugnen , wie der herbeigeeilte Ankläger bei seiner Beschuldigung ; ja , dieser sagte jetzt sogar aus , er selbst habe den Beklagten bei den Zerstörungen im Fremdenviertel mit Fackel und Schwert wüten sehen . Aufgefordert , den Freund zu bezeichnen , für den er vorgab , die Kisten aufbewahrt zu haben , weigerte sich der Händler , seinen Namen zu nennen . Alle Indizien sprachen gegen ihn . Schließlich wandte sich der Herr , der das Verhör führte , an Tschun , den er von seiner früheren Dienstzeit bei der Taitai her ja kannte , und frug ihn : » Da Du den Mann empfohlen hast , kannst Du ihn doch nicht für einen Boxer gehalten haben ? « » Sicherlich nicht ! « antwortete Tschun . » Nun , und was ist jetzt Deine Ansicht ? Glaubst Du , daß es einer ist oder nicht ? Ihr wißt doch am besten über einander Bescheid . « Tschun aber war inzwischen selbst schwankend geworden . Die Anklage , die er anfänglich für einen bloßen Racheakt gehalten , sah jetzt doch anders aus . So sagte er nur : » Ich weiß nicht . « » Aber Du mußt doch eine Ansicht haben , « fuhr der gelehrte Herr fort , » willst Du sie mir nicht sagen ? « » Ich kann darüber nicht sprechen , « antwortete Tschun . » Warum denn nicht ? « drang der Herr in ihn . Da antwortete Tschun ganz leise : » Weil ich nicht gegen meine Landsleute aussage . « Der fremde Herr schaute ihn einen Augenblick ganz verwundert an , dann zuckte er die Achseln und sagte : » Euch kennt man doch nie aus ! « Der Händler wurde erschossen . In einem der Höfe des Yamens stand er vor einer Mauer . Er war ganz gefaßt . Der Korporal kommandierte ; dann krachten die Schüsse aus den Gewehren der Soldaten . Ganz wie Tschun es bei der Verteidigung des Petang so oft erlebt . Einige der Kugeln flogen daneben und schlugen in das Gemäuer . Aber die anderen hatten gut getroffen . Der Händler stürzte nieder und rührte sich nicht mehr . Zusammengesunken , als sei der Körper in den weiten Kleidern verschwunden , so lag er da . Auch wieder ganz so , wie Tschun es während der Belagerungswochen bei so vielen chinesischen Leichen gesehen . Aber das eben noch lebensvolle und jetzt so stille Gesicht wies ein merkwürdig verklärtes Lächeln auf . Tschun mußte plötzlich an den jungen fremden Offizier denken , der kurz vor dem Entsatz des Petang noch gefallen war und dort zu Füßen der steinernen Madonna begraben ruhte . Ganz so verklärt lächelnd hatte der ausgesehen , und der alte Bischof hatte gesagt , das komme davon , daß er so gläubig gewesen sei und gewußt habe , daß er für eine gute Sache sterbe . Sollte wie jener , so auch dieser angebliche Boxer für etwas gestorben sein , das des Sterbens wert gewesen ? Später kamen seine Verwandten . Sie baten um Auslieferung der Leiche . Sie hatten sehr Angst , daß sie ihnen von den Fremden am Ende gar vorenthalten würde . Drum sprachen sie sehr leise und unterwürfig , wie Leute , die , um die Erfüllung eines Herzenswunsches zu erlangen , bereit sind , etwas mehr oder minder Erniedrigung mit in den Kauf zu nehmen . Aber so demütig sie auch taten , Tschun sah doch den unzähmbaren Haß in ihren rasch wieder gesenkten Augen lodern . Ihre Bitte ward von dem Herrn gewährt . Tschun half ihnen , die Leiche aufnehmen . » Eine Sünde , eine Schande ist ' s , « hörte er sie dabei murmeln . » So ein stiller , guter Mensch ! « » Und mit den I ho Chüan hat er nie etwas zu tun gehabt . « Dann schritten sie mit ihrer Bürde durch den Hof . Aber wie sie schon beinahe am Tor waren , wandten sie unwillkürlich die Köpfe zurück nach den Quartieren der Fremden - und ganz leise hörte Tschun den einen flüstern : » Wir werden ihn rächen - an jenen dort . « Es war nur ein Hauch , ein Bewegen der Lippen gewesen und hatte doch einen Klang von Verhängnis . Tschun ward es ganz kalt bei den Worten . Er fühlte , daß sie kein unüberlegter Schmerzensausbruch , keine leere Drohung waren , sondern daß ihnen eine bestimmte Absicht zugrunde liegen mußte . Er wünschte , er hätte die Worte nicht gehört . Aber da er sie gehört hatte , konnte er sie aus seinem Bewußtsein nicht mehr wegwischen . Sie belasteten ihn mit einer Verpflichtung . Er empfand , daß irgendein grausiger Anschlag gegen seinen neuen Herrn und dessen Leute geplant wurde . Und so wenig er sie liebte , erkannte er doch die Forderung , sie zu schützen , wo vielleicht er allein es vermochte , da ja nur er eine Gefahr für sie ahnte . Aber welche Gefahr ? - Ja , das vor allem galt es zu wissen . Er mußte ergründen , was jene dort eigentlich im Schilde führten . Ohne weiteres Besinnen schlich er sich fort und folgte dem Trauerzuge nach . Daß er gleich kam , um vor dem aufgebahrten Toten seine Verbeugung zu machen , konnte von den Hinterbliebenen ja nur gut aufgenommen werden , und vielleicht gelang es ihm , irgendetwas zu erfahren , so daß er weiteres Unheil verhüten konnte . Freilich hätte es sich geziemt , zu solchem Besuch feierliche Kleidung anzulegen und vor allem das weiße Tuch Mao tao bei sich zu tragen , womit die rote Quaste des Hutes beim Betreten eines Trauerhauses bedeckt wird - aber es waren ja so ungewöhnliche Umstände - da durften vielleicht doch einmal die Regeln der Zeremonie umgangen werden ! Im Trauerhause waren die nötigsten Vorbereitungen für den Empfang des Toten getroffen worden , so gut es in diesen Zeiten kriegerischer Verwirrungen eben ging . Zettel , die den Todesfall meldeten , klebten schon auf den Pfosten des äußeren Eingangstores , und darüber hing das Stück Hanfgewebe , das bekundet , daß Kinder um Vater oder Mutter trauern . Im Hofe war , quer vor das Tor , ein weißer Wandschirm aufgestellt , der die Zeichen Pou-wen trug . Dem Toten flocht man eine weiße Schnur in den Zopf , und dann wurden ihm die Sterbekleider angelegt , die keine Metallknöpfe haben dürfen , da sie im Jenseits zu schwer sein würden ; auch Stiefel mit weichen Sohlen bekam er und den offiziellen Hut , doch ohne rote Fäden . Also angetan , bahrte man ihn in der Mitte des Hauptgemaches auf , wie es ihm in seinen zwei Eigenschaften als ältester Sohn und als derzeitiges Haupt der Familie zukam . Denn der Vater des Toten war merkwürdigerweise fort . Das erfuhr Tschun sogleich . Aber niemand erwähnte , wo er eigentlich sei . Außer den Verwandten , die die Leiche abgeholt hatten , der Mutter und der Witwe , waren da noch die nächsten Freunde versammelt , denen die Aufgabe zufällt , die fremderen Besucher im Namen der Familie zu empfangen und zu dem Toten zu geleiten . Auch Tschun führten sie und reichten ihm die schmale weiße Trauerbinde Tsing-pa . Damit umwickelte er sich vorschriftsmäßig den Kopf und warf sich ehrerbietig vor dem Toten nieder . Danach mischte sich Tschun in einem Nebenzimmer unter die Verwandten und übrigen Gäste . Sie alle sprachen von dem Toten , priesen sein stilles freundliches Wesen und ergingen sich in heftigen Ausbrüchen gegen diese Barbaren , die ihm , einem Unschuldigen , ein so jähes Ende bereitet . » Und er konnte doch gar nicht anders ! « rief einer , » ich frage Euch alle : er durfte doch nicht etwa seinen Vater verraten ? « » Sicherlich nicht ! Er hat recht gehandelt ! « antworteten sie einstimmig . Tschun horchte gespannt auf ; er begann die geheimen Zusammenhänge zu ahnen . » Er hat alles auf sich genommen , um den Vater zu schützen , « begannen die Freunde wieder , » er ist gestorben wie die höchsten Beispiele kindlicher Ehrerbietung und Treue , die von den Klassikern gepriesen werden . « Und einer der Verwandten sagte seufzend : » Ja , wenn die Kaiserin darum wüßte , sie verliehe ihm sicher posthume Ehren ! « » Wahrlich , Du hast recht , « fiel ein anderer Vetter ein , » manch einem ist um geringeres Verdienst ein Gedenkbogen errichtet worden . « » Nun , wenigstens erhält er ein Begräbnis , so großartig , wie er selber nie geträumt , « meinte ein Freund . » Aber das ist nicht genug , « murmelte ein Vetter und schaute die anderen Verwandten bedeutungsvoll an . Nun lauschte Tschun noch gespannter , denn jetzt , so hoffte er , würden sie in der Erregung doch sicher von ihrem Vorhaben reden . Aber die Vettern nickten sich nur schweigend zu . Und dann ging das Gespräch auf das Begräbnis über , lange Berechnungen seiner mutmaßlichen Kosten wurden angestellt , und jeder zählte die Fälle seiner eigenen Bekanntschaft auf , wo Hinterbliebene durch große Aufwendungen einem Toten guten Empfang im Jenseits und sich selbst hohes Ansehen auf Erden erworben hatten . Das Thema war unerschöpflich . Tschun fühlte , daß er jetzt nichts mehr erfahren würde . Enttäuscht erhob er sich und nahm Abschied . Als er dann in dem äußeren Hof des Hauses stand , wo noch die von den fremden Soldaten erbrochenen und geleerten Unheilskisten standen , gewahrte er zwei kleine Kinder . Die Söhnchen des toten Händlers waren es , um die sich , bei dem plötzlichen Schicksalsschlag , offenbar niemand sonderlich kümmern konnte . - Sie hatten ein paar Fetzen weißen Trauerstoffes erwischt und sich damit die drolligen bezopften Köpfchen umwickelt . So ausstaffiert , warfen sie sich mit ehrfürchtigen Gebärden vor einer der Kisten nieder , als sei es ein Sarg , in dem ein Toter liegt . Tschun schaute ihnen einen Augenblick zu , wie sie sich so ernsthaft feierlich benahmen , ganz wie sie es von den Großen gesehen . Dann trat er zu ihnen und sagte : » Ihr trauert wohl um den Vater ? « » Ja « , antwortete das kleinste Kind , » die fremden Teufel haben ihn tot gemacht ! nun ist er auch fort ! « Und der größere Knabe fiel erklärend ein : » Der Großvater ist nämlich auch fort , ganz rasch ist er fort , aber der ist nicht tot , der ist zum Prinzen Tuan geflohen in die Verbannung ! « » Aber « , erzählte der Kleinste mit wichtiger Miene , » unsere großen Vettern haben gesagt , sie würden die fremden Teufel dafür strafen , daß sie den Vater tot gemacht haben . Im Hause , wo sie wohnen , werden die Vettern sie braten . « Tschun stockte der Atem . Aber er zwang sich , ganz gleichgültig zu fragen : » Und wann wollen die Vettern denn die bösen Fremden braten ? « » Nach der Beerdigung , haben sie gesagt , « antwortete das Kind . » Nachts , wenn die fremden Teufel alle schlafen , wollen sie hinziehen . Mit vielen Kannen voll Petroleum werden sie das Holz begießen . « » Und dann « , rief der andere Kleine , » wird es wieder so ein schönes großes Feuer geben , wie der Großvater sie mit dem Prinzen Tuan anzündete ! « Und bei den Worten glomm es in den Schlitzäuglein der beiden Kinder , als ob aus ihnen selbst böse Flämmchen hervorzüngelten . Tschun aber atmete auf . Nach der Beerdigung erst , hatten sie gesagt , dann hatte er also noch Zeit , zu überlegen . Denn die würde doch erst in ein paar Tagen sein . - Er eilte nun davon , sinnend , was zu tun . Diesen Anschlag mußte er verhindern , das stand fest . Aber wie es am besten anzufangen , wußte er nicht . Seinem Herrn alles , was er ermittelt hatte , erzählen , das wäre das einfachste gewesen . Vielleicht rührte sogar ihn der Gedanke an diesen Sohn , der die Schuld des Vaters auf sich genommen hatte und unschuldig in den Tod gegangen war ? Vielleicht begnügte er sich , dann die Wachen zu verdoppeln , und ermächtigte Tschun , das den Verwandten des Händlers zu sagen , und sie vor unüberlegten leidenschaftlichen Taten zu warnen ?