Auch . Aber sag mir , wie ich bei den dummen Menschen heiße ? « » Heinich der Swazze . « » Wie noch ? « » Heinich Bluthund . « Der Herzog lachte . » Wie noch ? « » Heinich der Filz . « » Stimmt ! So muß es sein . Dean du , mein lieber Junge , sollst ein Reicher werden ! Du kleiner Herkules ! Gott soll ' s wollen ! Und Geld ist Macht . « Wieder küßte Herr Heinrich den Knaben auf die Wange . » So ! Und jetzt geh schlafen ! Und machst du nicht gleich die Augen zu , so hau ich dir ein paar feste auf dein dickes Quartier . « Der Knabe klammerte die Ärmchen um des Vaters Hals . » Laß luck ! Jetzt mußt du schlafen gehen . Also ! Wie sagt mein Jung beim Schlafengehen zum Vatti ? « » Gut Nacht ! « » Nein ! Besinn dich ! Wie sagt mein Jung ? « Der Knabe zog die Brauen zusammen und sprach langsam die drei schwierigen Worte : » Denk - des - Lllloys ! « » Ja , mein Jung ! « Die Augen des Herzogs funkelten . » An den will ich denken . Heute mehr als je ! « Er drehte das Gesicht über die Schulter . » Komm ! Und nimm ihn ! « Schweigend trat die Herzogin zum Tische , löste das schwarze Tuch von dem Knaben und umhüllte ihn mit ihrem roten Mantel . » Das unverläßliche Weibsbild soll man fortjagen . Der Jung braucht eine sichere Wartung . Der da soll mir am Leben bleiben . Gott soll ' s wollen ! « Leise sagte die Herzogin : » Das Mädchen hat nichts verbrochen . Die Schuldige war ich . « » Das hättest du verschweigen sollen . Wer seine Schwächen und Fehler eingesteht , ist dumm . Für die eigne Torheit läßt man andre leiden , wenn man herrscht . Zur Fürstin taugst du nicht , als Frau bist du kalt wie eine Suppe von gestern . Hast du den Ehrgeiz , auch noch als schlechte Mutter zu gelten ? « Ein weher Kampf war in dem verstörten Gesicht der jungen Frau . Ihre zitternden Arme umklammerten das Kind . Nach kurzem Schweigen sagte sie tonlos : » Ich sehne mich heim . « » Das ist zwecklos . « » In deinem Hause bin ich wie eine Magd und Gefangene . Ich ! Das Weib des Fürsten . « » Weib ? Du ? Ein Weib ? Nein , gute Gretl ! Du bist wie eine steyrische Mehlspeis . Bring den Jungen ins Bett und leg dich schlafen ! Sonst hast du morgen wieder die blauen Ringe um die Sehnsuchtsaugen . « Herr Heinrich ging voran und öffnete vor der Herzogin die Türe . Die junge Frau , die den Knaben an ihrer Brust umklammert hielt , verschwand wie eine Flüchtende . Es dauerte noch eine Weile , bis Franzikopus eintrat . Während er sich tief und ehrfurchtsvoll verneigte , stellten die zwei Spießknechte den Schrein auf die Bank . Franzikopus fing zu reden an und gab sich mit schauspielerischem Geschick als Ehrgeizigen , der gerne wie Cicero reden möchte , die schwierige Sache nicht fertigbringt und sich mit bäuerischem Deutsch behelfen muß . Das dunkle , strenge Gesicht des Herzogs wurde vergnügt . In Neugier betrachtete er den ungeschickt erscheinenden Redner und fing zu lachen an . » Pfäfflein , du bist ein verflucht schlaues Luder ! « Schmunzelnd verbeugte sich Franzikopus , als hätte ihm Herr Heinrich ein große Schmeichelei gesagt . » Und das dort ? « Der Herzog deutete auf den Schrein . » Soll das mir gehören ? « Franzikopus öffnete die Schatztruhe . Teller , Platten , Becher und Kannen funkelten . » So grüßt der heilige Zeno . « Schweigend nahm Herr Heinrich eine Kostbarkeit um die andre aus dem Schrein und prüfte sie als Kenner , der nach dem Gewichte geht . Als er den letzten Becher zurückstellte , sagte er : » Schön ! Im Himmel des heiligen Zeno wohnen gute Goldschmiede ! Jetzt sind sie Meister . Als sie den Leidenskelch des Heilands schmiedeten , waren sie noch Lehrlinge . « Im Anschluß an das Bild von den Goldschmieden des Himmels fand Franzikopus Weiß sehr salbungsvolle Worte und sagte schließlich : » Gott ist wunderbar in allen Plänen und Werken . Seinen treuen und rechtschaffenen Diener gewährt er Gnade und Hilfe . Die Ruchlosen aber straft er nicht nur im Jenseits , auch schon hier auf Erden . « » Und da leben wir beide noch ? « Lachend musterte Herr Heinrich das verdutzte Gesicht des Franzikopus . Dann gab er den beiden Soldknechten einen Wink . » Man soll das in meinen Turm hinüberschaffen . « Die Knechte schlössen den Schrein und trugen ihn davon . Herr Heinrich sah ihnen nach . Als sie verschwunden waren , sagte er : » Den Gruß des heiligen Zeno schätze ich auf Sold und Zehrung für hundertzwanzig Mann mit vierzig Pferden auf sieben Tage , mit Pulver und Bespannung für eine Büchse , die hauptgroß schießt . « Als Franzikopus , der etwas unsicher geworden , noch immer stumm blieb , fragte der Herzog : » Wird das dem heiligen Zeno genügen ? « » Herr « , flüsterte Franzikopus und deutete mit dem Finger , » da draußen lauscht einer . « » Wo ? « » Dort ! Er hat den Holzzapfen aus einem Astloch genommen . Ich sehe vom Kerzenschein sein Auge glänzen . « » Nikodemus ! « rief der Herzog heiter . Der Kahlköpfige erschien . » Dieser kluge Mann da wünscht , daß du hier in der Stube hören sollst , was er mir zu sagen hat . « Nikodemus lachte , und Franzikopus errötete wie ein Mädchen , während eine Zornlinie um seine Mundwinkel spielte . » Also ? « sagte Herr Heinrich und ließ sich nieder . Auch Franzikopus und Nikodemus nahmen Platz . » Was will dein Heiliger kaufen von mir ? « Der Gesandte sprach . Er hatte an Herzog Heinrich und Nikodemus zwei aufmerksame Zuhörer , die mehrmals einen raschen Blick miteinander tauschten . Franzikopus log nicht . Er blieb bei der Wahrheit des heiligen Zeno . Doch die Geschichte von den Folgen des Mordauer , alias Hängmooser Ochsenhandels bekam jetzt ein viertes Gesicht . Als der Kaplan verstummte , blieb Herr Heinrich eine Weile nachdenklich . Dann sagte er : » Deiner dreihundert andächtigen Ramsauer , die noir beten wollen , erbarmt sich mein christlich Gemüt . Aber freien Durchlaß durch mein Land von Plaien gewähr ich euch nicht . Aus Barmherzigkeit für den heiligen Zeno , den ich als ungefährlichen Nachbar liebe . Der heilige Peter von Berchtesgaden würde ihm das geschorene Haardach bös verprügeln . Darunter würden meine Reichenhaller , mein Salzhandel und meine Saalacher Sassen leiden . Und euch Hilfe schicken , um den heiligen Peter zu klopfen , der ein lieber Patron ist ? Das muß ich mir sehr überlegen . Was meinst du Nikodemus ? « Der Kahlköpfige sagte ruhig : » Herr , da muß ich dringend abraten . « » Hörst du , Pfäfflein ? « Franzikopus begann in Hast zu reden . Der Herzog hob die Hand . » Laß gut sein ! Was Neues sagst du mir nicht . Du weißt nur , was gestern in der Nacht und früher geschah . Ich weiß , was heute geschehen ist und was jetzt geschieht . « Die Augen des Kaplans erweiterten sich . Herr Heinrich lachte . » Bleib ohne Neugier ! Ich sage dir nicht , was ich weiß . Nein , Mann ! Den goldenen Gruß des heiligen Zeno müssen wir als Vorschuß für andre Dinge nehmen . Jetzt kann ich nickt helfen . Der Ingolstädter lauert . Der schlägt an der Donaulos , wenn ich mich an der Saalach schwäche . Zwischen Burghausen und Ingolstadt liegt altes Stroh . Fliegt hier im Süden ein Funke , so schlägt im Norden das Feuer auf . Wenn ich euch helfe , weck ich Gefahren für mein Land und Volk . Auch für mich selbst . Ich stehe wegen jener Dummheit zu Konstanz unter weltlichem und geistlichem Gericht . « Die Züge des Herzogs verzerrten sich . Dann lachte er wieder . » Soll ich meine Richter durch Unbequemlichkeiten erbosen ? Auch hab ich König Sigismund mein Wort gegeben , daß ich Frieden halte , solange mich der Loys nicht angreift . Du wirst mir bezeugen können , daß ich mich dieses Worts in Ehrfurcht vor dem König erinnere . « Wieder sprach Franzikopus , rasch und erregt . Hilfe für den heiligen Zeno wäre kein Friedensbruch , sondern ein christliches Werk . Und alte Mißwirtschaft könnte hier geregelt werden . Die Ramsau gehöre durch natürliche Lage zum Schwarzenbachtal des heiligen Zeno . Und das Berchtesgadnische Land , verwüstet durch schlechte Führung und bedrückt von Schulden , könnte sich nur unter Schutz und Hand eines starken Fürsten wieder zu gedeihlichem Leben erholen . » So ? Die schone Ramsau wollt ihr haben ? « unterbrach der Herzog . Er gähnte . Und klopfte sich ein paarmal mit der schlanken , braunen Hand auf den offenen Mund . » Und ich soll nehmen , was übrig bleibt ? Teilen ? Nein ! Mit dem Teilen hab ich schlechte Erfahrungen gemacht . Teilen heißt unzufrieden werden . Man muß klug auf das Ganze gehen . « Franzikopus erblaßte . Bevor er sprechen konnte , sagte der Herzog : » Für solche Dinge gehört ein waches Gehirn . Heute bin ich , müd und schläfrig . Ich brauche Ruh und will mich zu Bett legen . Morgen früh wird der heilige Zeno Bescheid erhalten . « In Herrn Heinrichs ruhige Stimme kam ein Klang von Erregung . » Gott soll ' s wollen ! « Er stand vom Sessel auf , nickte zum Abschied , ging auf ein Finster zu , legte die Hände hinter den Rücken und sah unbeweglich in die Nacht hinaus . Der Kaplan , als er sich von seiner Verblüffung erholt hatte , wollte sprechen . Da machte Nikodemus mit gut gespieltem Schreck ein Schweigezeichen , nickte bedeutungsvoll , führte den Gesandten höflich aus der Stube , übergab ihn dem Kastellan und schloß die Türe . Herr Heinrich drehte sich mit einer raschen Wendung vom Fenster weg . Seine Augen brannten , eins wilde Erregung zitterte in seinem Gesicht , und die Oberlippe zog sich von den Zähnen zurück . » Nikodemus ! « Die Stimme war ein rauhes Flüstern . » Diese Gelegenheit hat mir Gott geschickt ! « Mit stoßenden Fäusten schien er etwas Unsichtbares zu fassen . » Jetzt hab ich den Loys ! Und will ihn rupfen , daß nur ein paar Flocken noch übrigbleiben von seiner Pariser Wolle ! « Der Herzog wollte lachen . Das wurde nur ein heiserer Laut . Er riß ein Fenster auf , atmete tief , und mit den Fäusten am Gürtl begann er durch das Zimmer zu schreiten , die Züge des Gesichtes hart gespannt von wühlendem Denken . In Sorge betrachtete Nikodemus den Fürsten . Er wußte , aus welchen Erinnerungen der Aufruhr dieses Augenblicks quoll und was in Herzog Heinrich ruhelos brannte . Das war nicht die Erinnerung an jenen Schimpf , den der mit Worten flinke Ingolstädter vor vier Jahren zu Konstanz Herrn Heinrich bei einem Handel um alte Schulden ins Gesicht geworfen hatte , vor König Sigismund , in Gegenwart des mit der ehemals bayrischen Mark Brandenburg belehnten Fritz von Zollern , des Gemahls der schönen , Else , der Schwester Heinrichs . » Sohn eines Kochs ? « Dummes , häßliches Gesindegeschwätz , das ein Denkender nicht hätte auf die Zunge nehmen sollen ! Herzog Friedrich , Heinrichs Vater , war nicht der Mann , um sich betrügen zu lassen von seinem Weibe , Sohn eines Kochs ! Der sinnlose Schimpf war gerächt , mit sieben blutigen Schwertstreichen und brannte nicht mehr in Heinrich . Dieser Schimpf war eine Lächerlichkeit geworden , seit zwischen den Särgen von Geschwistern dieser kleine Herkules heranwuchs , dieser lachende , blühende , von Gesundheit und Lebenskräften strotzende Knabe , in dem die wittelsbachische Art das Blut der Visconti übersprungen und des Vaters makellose Abstammung erwiesen hatte . Dieser Knabe , in dessen frischem , rosigem Gesichtlein die Augen des wittelbachischen Ahnherrn glänzten , hatte einen quälenden Zorn aus der Seele des Vaters hinausgelacht . Doch in dem Herzen , in dem dieser große Zorn getobt hatte , war eine kleine , stumme , brennende Scham , zurückgeblieben . Und dieses Kleinere war das Härtere , war unerträglich , war wie der ruhelose Schrei einer Eifersucht , deren schmerzendem Griff Herr Heinrich sich nick entwinden konnte . Meuchelmord ? So nannten es die andern , wenn sie von jenem nächtlichen Überfall zu Konstanz redeten . Herzog Heinrich lachte dieses Wortes . Kampf oder Mord ? So läppische Unterschiede macht die Rache nicht . Die Rache will schlagen , töten . Aber sie muß das können ! Nicht schwach darf sie sein - nicht so schwach , wie zu Konstanz die Faust dieses von Zorn geschüttelten Rächers war ! Seit vier Jahren ist kein Tag und keine Nacht vergangen , ohne daß jenes wirre , von Blut übergossene , von Scham überglühte Bild in Herzog Heinrich erwachte . Die dunkle , stille Gasse zu Konstanz . In finsterem Winkel steht und lauert dieser Kleine , dieser Schlanke und Zierliche , der in der Größe seines Zornes ein Rächer werden will . Er und seine Helfer , alle gepanzert und bewaffnet bis an die Zähne . Und da kommt in stiller Nacht dieser Eine geritten , geschützt durch den Frieden des heiligen Konzils , kommt von einem heiteren Königsmahl , ein Lachender und Sorgloser , ein Lebensfroher , mit glühendem Wein im Blute , prunkvoll gekleidet , ohne Waffen , ohne Gefolge , auf ruhig schreitendem Zelter , nur geführt von zwei fackeltragenden Edelknaben . Heiter , nach Art eines Trunkenen , plaudert er mit den beiden Buben ; noch ehe man ihn sieht Zitterschein der Fackeln , vernimmt man sein starkes , frohes Lachen schon . Ein Fünfzigjähriger ! Und hat noch immer das Lachen eines Jünglings ! In der finsteren Ecke schlagen dem lauernden Rächer beim Klang dieses hellen Lachens die Zähne aufeinander . Waren diese beiden nicht Söhne von Schwestern ? Nicht die Nachkommen des gleichen Ahnherrn ? Warum ist der eine seiner zarten Mutter Bild , der andre das Bild seines kraftvollen Ahns ? Warum hat dieser Zierliche nur das Zähneschauern seiner körperlichen Schwäche ? Warum jener Starke dieses helle , frohe , sorglose Lachen - in der Nacht des gleichen Tages , an dem er den andern gedankenlos und ungerecht beschimpfte ? Und kommt geritten . Und lacht . Und schwatzt mit den Edelknaben und prahlt von einem französischen Feste , das er dem König Sigismund geben will . » Das soll ein Fest werden , wie man Feste nur in Paris zu rüsten versteht ! Die deutschen Bären sollen noch ein Jahr lang an ihren Tatzen lecken . Und rennen und stechen laß ich bei meinem Fest . Und bin ich der Sieger , wie immer , dann wird sich einer ärgern , bis er Galle speit ! So ein Kleiner ! O du Laus du ! « Er lacht - und wird stumm - hebt sich im Sattel und lauscht . In der vorn Fackelschein übergaukelten Dunkelheit knirschte eine Stimme durch verbissene Zähne : » Den ungerechten Schimpf in den Hals dir ! « Dieser Kleine , dieser Zierliche , stößt mit der Wucht seines Zornes den starken , hochgewachsenen Reiter aus dem Sattel . Und während der Zelter scheu davonrast und die verstörten Fackelträger entfliehen , schlägt und sticht Vetter Heinrich auf den zu Boden gestürzten Vetter Ludwig los und schlägt ihm Wunden , die den Tod herbeirufen . Doch dieser Blutende , dieser fast schon Sterbende , der auf der Erde liegt , wehrt sich wie ein verzweifelter Löwe , fängt die Streiche mit Armen und , Händen auf , klammert in letzter Kraft die zerschnittene Faust um Heinrichs Handgelenk und entwindet dem Rächer das Eisen . Heinrich schreit nach seinen Helfern . Die schlagen drein . Der Blutende auf der Erde hat jetzt ein Schwert , um sich zu schützen . Fackeln in den Gassen . Geschrei von rennenden Menschen , von Männern in Eisen . Und Heinrich , der ein Schwertloser geworden , muß zu entrinnen suchen , gewinnt das Tor , ist landflüchtig , reitet durch Nächte und Tage - und hinter seinen festen unbezwingbaren Mauern , zu Burghausen , holt ihn die Nachricht ein , daß Vetter Loys nach sieben Wunden , von denen jede einen minder Starken hätte töten müssen , wieder genesen wird . Die Rache , weil sie mißlang , ist eine Lächerlichkeit geworden vor Heinrichs eignen Augen . Der Anblick seines neugeborenen Knaben , in dem sich das Bild des großen Ahnherrn wiederholen will , erstickt in Heinrich den Zorn über jenen sinnlosen Schimpf : » Du Sohn eines Kochs ! « Doch hinter dem schwindenden Zorn bleibt eine ruhelose Scham , die an seinem Leben zehrt wie ein giftiges Geschwür . Das martert ihn durch Tag und Nacht . Und wenn er im Kloster zu Raitenhaslach vor dem Grabstein der Herzogin Maddalena steht , ist kein Gebet in ihm , nur dieser Gedanke : » Fluch dir , Mutter , daß du mich , mit der Kraft und dem Geist des Vaters in Hirn und Seele , an Leib und Gliedern zu einem Sohn deiner zierlichen Schwäche machtest ! « Und das dürstende Verlangen , den andern zu vernichten , ist heißer noch in dieser kleinen , eifersüchtigen Scham , als es in jenem großen Zorne von Konstanz war . Loys , der Genesene , tobt als ein Unversöhnlicher zu Ingolstadt , wirbt Helfer wider Heinrich , wo er sie finden kann , und queruliert gegen den Meuchelmörder bei König und Papst . Die Fürbitte Friedrichs von Zollern , der Sigismunds Getreuester ist und in heißer Schlacht das Leben des Königs rettete , wendet von seinem Schwager Heinrich die Acht des Reiches ab . König Sigismund - er schuldet Geld an Ludwig , schuldet Geld an Heinrich - entschlägt sich des Richteramtes und schiebt die unbequeme Entscheidung dem Papste zu . Der empfängt die reichen Geschenke Heinrichs , segnet seine frommen Stiftungen , untersucht und verschleppt die Sache von Konstanz und verhängt den Kirchenbann über Ludwig im Bart , weil er die Klöster zu Kaisheim , Tegernsee und Scheyern durch ungebührliche Steuern bedrückte . Heinrich verstärkt die Mauern seiner Burgen und Städte , schließt geheime Verträge mit den Vettern zu München , läßt Pulver mahlen und Büchsen gießen , verdoppelt die Zahl seiner Söldner , bewaffnet seine wehrfähigen Bauern , verpfändet dem König sein Wort , daß er Frieden halten und sich übelsten Falles nur wehren wolle , wenn der Vetter Loys ihn molestiere - und rüstet , rüstet , rüstet - und lauert auf die Stunde , die den Ingolstädter zu einer Unvorsichtigkeit verleiten , zu verfrühtem Losschlagen verführen wird . Die Stunde kam . Sie brachte den von Heinrich ersehnten Stoß , der die locker hängende Lawine der Vernichtung niederrollen läßt über Volk und Land der bayrischen Bruderstämme - weil ein Starker an Geist und Blut , doch ein an Gelenken Schwacher die Scham über seine Zierlichkeit nicht ertragen kann und ein Riese werden will . » Nikodemus ? « Herzog Heinrich hielt in seinem raschen Aufundniederschreiten inne und sagte mit rauhem Lachen : » Ich will dem heiligen Zeno eine zwanzig Pfund schwere Kerze opfern . Man soll sie gießen am Morgen , soll sie aufstecken in meiner Hauskapelle und brennen lassen durch Tag und Nacht . « Wieder begann er sein jagendes Wandern um den Tisch herum , blieb stehen und sagte leise : » Dieser kleine Fuchs des heiligen Zeno ist ein großes Schaf . Mein Wort vom Klugen , der aufs Ganze geht , hat ihm bei seinem Hunger nach der Ramsau einen Schrecknagel ins Gehirn getrieben . Ich besorge , daß er heute nacht nicht schlafen wird . Er wird zwei neue Eisen ins Feuer legen , wird heimliche Briefe schreiben , nach Ingolstadt , nach München . Von seinen Boten , fürcht ich , wird einer zu Gott kommen , nicht zu meinem Vetter Ernst . « Die zitternden Fäuste um den Gürtel klammernd , trat er vor Nikodemus hin mit brennenden Augen . » Wie siehst du es an ? « Ruhig sagte der Kahlköpfige : » So wie Ihr , Herr ! Als eine Gelegenheit , die schieben wird . Den heiligen Peter von Berchtesgaden in den Landshuter Sack stecken ? Das würde Euch übel vermerkt werden bei König und Papst . Auch bei den Vettern in München . Aber dem heiligen Zeno zulieb dreihundert andächtige Wallfahrer schützen ? Das ist frommes Werk und wird gute Früchte tragen . Es muß nur eine Woche lang so aussehen , als sollte dem einscherigen Krebs von Burghausen mit dem Lande des heiligen Peter die zweite Schere gegen Salzburg wachsen . Wenn wir Salzburg zwicken , wird zu Ingolstadt ein Wehleidiger schreien . « Der Herzog nickte . » Den Haller Fuchs hab ich angelogen . Ich weiß nicht , was heute nacht da drüben hinter dem Untersberg geschieht . Aber wenn der Pienzenauer statt Hirn nicht einen Strohwisch unter dem Haardach hat , dann - dann - « Er streckte die Fäuste auseinander . » Gott soll ' s wollen ! « In Hast ergriff er einen kleinen Holzhammer und schlug an eine Glocke . Wie ein tönender Schreck des Lebens fuhr der scharfe Hall durch die nächtliche Stille des Schlosses . Ein Diener und drei Schwergepanzerte kamen gesprungen . Zu dem Diener sagte Herr Heinrich : » Bring mir Wein und , Kirschen ! « Dann gab er mit raschen Worten seine Befehle an die Trabanten : » Du ! Man soll dreißig reitende Boten bereithalten . Fort ! - Und du ! Man soll in aller Stille die Herberg überwachen , in der die Reichenhaller Leute wohnen . Schickt der Haller Kaplan ums Tagwerden zwei Boten davon , so soll man ihnen unauffällig folgen . Schlägt der eine die Straße nach Ingolstadt ein , so soll man ihn geheim beschützen und die Eile seines Wegs befördern . Den andern - wenn er nach München will - soll man drei Wegstunden von Burghausen festnehmen und verschwinden lassen . Es ist viel Krankheit im Lande . Ein Reisender kann sterben . Den Brief , den man bei ihm findet , will ich haben . Fort ! - Und du ! Weck den Hauptmann Seipelstorfer und den Büchsenmacher Kuen ! Sag den beiden : Bis zur achten Morgenstunde müssen hundertzwanzig Pferde und dreihundert Spießknechte mit dreißig Faustbüchsen marschfertig sein , dazu zwei Kammerbüchsen , eine Farzerin und ein Blidenkarren , Zeug und Zehrung für vierzehn Tage . Um sieben Uhr soll der Hauptmann kommen und seine Weisung holen . Fort ! « Als Herzog Heinrich mit Nikodemus wieder allein war , streckte er sich und dehnte die Arme wie einer , dem froh um die Seele wird . » Jetzt setz dich , Lieber ! Und schreib ! Zuerst an die Münchner Vettern . Da müssen wir sänftiglich reden und ehrlich bekennen , daß wir den heiligen Peter nicht zu kränken wünschen , nur die Wallfahrtsfreiheit zum heiligen Zeno schützen wollen . Nein ! Zuerst den Brief an meine schöne Schwester Else ! « Der Herzog lachte . » Gott ist mit mir ! Wie gut sich das trifft , daß Schwager Zollern gerade da droben im Norden ist , in seiner neuen Mark . Das ist ein Redlicher . Die Redlichen sind hilfreich , aber manchmal unbequem . Und klug ist er . Ich sorge , der würde wittern , was gekocht wird , würde zum König halten und den Frieden wahren . Der Schwester will ich einreden , was nötig ist . Sie soll , solange der Fritz seinen jungen Kohl im Brandenburger Sande pflanzt , den Loys in Franken zwicken , bis er ungeduldig wird und eine von seinen flinken Dummheiten macht . Schreib , Lieber ! Spitze dir eine feine , zarte Feder ! Am Buchstaben hat das Zierliche seine Vorteile wie an Weibern . « Der Herzog nahm einen festen Schluck des sauren Trausnitzer Weines , den der Diener in einem großen Zinnkrug gebracht hatte . Um den Tisch wandernd , diktierte Herr Heinrich den Brief an seine schöne Schwester Else von Zollern , aß dazu die schwarzen Kirschen und spuckte die Kerne zum Fenster hinaus . Nach dem Brief an die Münchner Vettern wurden Briefe an die Hauptleute von Heinrichs Burgen geschrieben , an die mit ihm verbündeten Bischöfe , Ritter und Städte . Zu verläßlichen Lehensherren konnte Herr Heinrich ehrlich reden . Doch in den meisten der Briefe , die da geschrieben wurden , hieß es nur : Man höre von verdächtigem Unternehmen des Ingolstädters ; man wisse , daß ihm von jeher nie zu trauen war und daß man sich stets der übelsten Dinge von diesem Übermütigen und Gewissenlosen zu versehen hatte ; man solle streng den vom König gebotenen Frieden wahren , doch auf der Hut sein und alle beste Wehr bereithalten , um einem drohenden Überfall begegnen zu können . Je länger Herr Heinrich diktierte , um so besser wurde seine Laune . Zwischen die Sätze , die Nikodemus zu schreiben hatte , schob der Herzog sein erregtes Geplauder hinein , seinen stachligen Spott und seine derben Scherze . Immer wieder mußte Nikodemus lachen . Und so heiter wurde Herr Heinrich , daß er bei seinem ruhelosen Wandern die Kirschkerne hinaufschnippte gegen den Namen Loys , der auf allen Spruchbändern der Wände zu lesen war . Der Morgen fing zu grauen an , der Tag wurde hell , und die klare Sonne glänzte an den Fenstern durch das bucklige Glas herein , während auf den Hirschgeweihen noch immer die Kerzen brannten und mit ihrem Qualm und Harzgeruch die Stube füllten . Immer hörte man einen dumpfen Lärm . Der klang aus den Burghöfen , in denen der Heertrupp und die Troßwagen zum Ausmarsch gerüstet wurden . Gegen sechs Uhr morgens meldete man dem Herzog einen Boten der Plaienburg . Herr Heinrich schrie : » Herauf mit ihm ! Da ist was los ! « Der Kastellan brachte einen langen , grau verstaubten Söldner , der lächelnd auf den kleinen Herzog heruntersah und einen Kratzfuß machte wie bei heiterem Wiedersehen . Es war Malimmes vom Taubensee . Herr Heinrich , ohne zu dem Boten aufzuschauen , riß ihm den gesiegelten Brief aus der Hand - und las - und wurde vergnügt . » Nikodemus ! Gott hat ' s wollen . Ich habe diesen Haller Fuchs nicht angelogen . Ich bin ein Ehrlicher , der die Wahrheit redet . Ich weiß , was geschehen ist heut nacht . Der Pienzenauer hat eben Hurtigen reiten lassen . Nach Ingolstadt ! « Herr Heinrich sprang zur Täfelung hinüber , riß die Geheimtür auf , verschwand und von draußen hörte man seine Stimme : » Du ! Sechs flinke Reiter nach Straubing hinauf ! Da kommen zwei , auf der Passauer Straß , ein Jungherr und sein Knecht . Der Brief da weist , wie sie ausschauen . Die zwei soll man kitzeln . Es soll so scheinen , als wollt man sie fangen . Aber nur hetzen soll man sie . Je flinker sie zum Ingolstädter Mautbaum kommen , um so besser ! « Eilig trat der Herzog wieder in die Stube , nahm einen Trank Wein , und als er die Kanne hinstellte , fragte er über die Schulter : » Kannst du gleich wieder reiten , Mann ? Oder mußt du rasten ? « » Rasten ? Nein . Aber ein neues Roß muß ich haben . Mein Gaul ist hin . « Herr Heinrich drehte langsam das Gesicht , als wäre ihm der Klang dieser Stimme aufgefallen . Sein erhitztes Gesicht verlor die Farbe , während er den Söldner betrachtete , der in einer Garbe dieser gelben Morgensonne stand . Nun lachte Herr Heinrich ein bißchen , beugte sich zu Nikodemus hin und sagte ihm leise ins Ohr , was an den Hauptmann von Plaien zu schreiben wäre . Und als Nikodemus den Brief begann , ging der Herzog auf Malimmes zu und stieß ihn mit dem Finger vor die Brust . » Du ? Bist du ' s ? « Malimmes nickte lustig . » Wohl , Herr ! Vergeltsgott für mein Leben ! Das Schnaufen bleibt allweil ein liebes Ding . « » Nikodemus ! « Herr Heinrich sah zum Tisch hinüber . » Guck ! Das ist Malimmes , der Galgenvogel von Nüremberg , mein Botschaftsbringer von der Himmelstür . « Die Stimme des Herzogs bekam einen wunderlich unsicheren Klang . » Daß der heut kommt ? Just heut ? Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ? « Heiter sagte der Kahlköpfige : » Wie man ' s nehmen mag . Zeichen reden nach unserem Willen . « » So soll es ein gutes sein für mich , ein schlechtes wider den andern ! « Lang betrachtete Herr Heinrich den Söldner . Dann fragte er schmunzelnd : » Hast du heut ein warmes Sitzfleisch ? « » Ich hab ' s noch nit untersucht , Herr ! Aber wer in fünfthalb Stund auf einem schlechten Gaul von Plaien nach Burghausen reitet , dem geht der Sattelfleck nit mit Grundeis . « » Teufel « , staunte der Herzog , » da mußt du eiserne Schenkel haben ! Und zähes Blut hast du auch « , er