Bergen - Arbeit suchen . « Darauf er unser Gewerb wissen wollt und jeden drum fragte . Der Magister aber nannte ihm willig statt unser alles : » Der ist ein guter Stallknecht für Ochsen und Küh , Rindvieh und Roß « , sagte er vom Fritz ; » der da ist ein Maler oder Anstreichritter - zwar nicht groß , aber ein firmer Gsell « , rühmte er von mir und meinte dann von sich selber : » und ich bin ein alter Schreiber , Sekretär und Stiefelzreißer . « Der ander betrachtete uns eine Weile prüfend ; dann fragte er meinen Ziehbruder : » Kann er melchen ? « » Freilich ! « sagte der Fritz ; » melken und buttern , füttern und stallräumen . Und in der Feldarbeit da fehlt sich auch nix . « Worauf sich der Alt noch ein Glas Schnaps einschänken ließ und die Papiere des Bruders zum Durchschauen verlangte . » I bin Millihandler « , sagte er darnach ; » i kunnt di schon ganz gut brauchen ; - was verlangst denn ? « » Was halt der Brauch ist « , erwiderte der Fritz ; » ich mach mein Sach richtig und laß nix über mein Vieh kommen . - Was zahlts denn ? « » No ja « , meinte der Milchhändler bedächtig und trank ; » no ja . I gib dir , was recht is : vierazwanzg Gulden im Jahr und ein Paar Schuh . Nach zwo Jahr vier Gulden mehr , und den Drangulden extra . « » Jawohl « , sagte der Fritz ; » so , wies halt der Brauch ist . - Um das möcht ich schon anfangen bei Euch ! « » No ja , nachher is ja alles recht und richti ! « erwiderte der Alt und zog einen gestrickten Geldbeutel aus der Hose . » Nachher gib i dir also glei dein Drangeld , und du gehst auf der Stell mit . « Also war auch der Fritz gut unter Dach . Der Magister aber sagte : » Kann man vielleicht inne werden , wo Euer Sach ist , Herr ? - Er bekümmert mich , der junge Kampel ! « » Dees kinnts scho inne werden « , erwiderte ihm der Alt . » I bin in der Salzgassen und hab a schöns Sacherl . Bei mir hoaßt mans zum Fischer Simmerl ; könnts schon amal kommen zu eahm auf d ' Nacht nachn Feierabend . « Ach Gott , wie war mir in dieser Stund elend in meinem Gewissen ! Denn ich gedacht mit Angst und Grausen des Augenblicks , da auch an mich die Frage käm : » Wer und was - woher und wohin ? « Er kam leider nur zu schnell , dieser Augenblick ! Denn der Milchhändler wandte sich an einen hageren , weißhaarigen Mann , der hinter dem Schanktisch beim Branntweiner stand und ein gemaltes Schild in Händen hielt , mit den Worten : » Behringer ! - He , Behringer ! - Geh amal her ! - Hast nit du gsagt , daß dir a Junggsell mangelt in deiner Werkstatt ? « Der Angeredete ging auf uns zu und fragte : » Warum ? - Hast leicht oan ? « » Jawohl , Euer Gnaden ! « rief da geschwind der Magister und nahm mich bei den Schultern : » Wenn Euer Gnaden geruhen wollten , den Burschen auf eine Probe zu dingen ! - Er ist ein Vetter von mir , - versteht sein Sach von Grund aus , - kann bloß mit den Leuten nicht recht umspringen . - War ja auch sein Lebtag immer bei der eigenen Freundschaft ; - gewöhnt sich aber schon noch an die fremden Leut . - Welchen Zweig der edlen Malerei pflegen Euer Gnaden , wenn man fragen darf ? « » Mir tean vergolden und Figuren von die Herrn Bildschnitzer bemaln « , erwiderte der Meister ; » der Dreßler in der Hackenstraß und i - mir san die oanzign von dem Fach . - I hab halt zwoa Altgselln und vier Junggselln in der Werkstatt , ohne die Lehrbubn . - Wie heißt er denn , der Krowat ? - Hat er Kundschaft ? « » Schröckh , Euer Gnaden ! « beeilte sich der Magister statt meiner , der ich dastand wie Sankt Sebastian mit den fünfzig Pfeilen im Leib ; » Johannes Schröckh . - Hallo - geschwind deine Flebben , Bursch ! - Nur nicht so verdattert , mein Lieber ! - Der Meister wird bald genug Respekt vor dir kriegen ! « Langsam , als tät ich mein Halstüchl ab , damit mir der Scharfrichter den Kopf leichter abhauen kunnt , holte ich die verfluchten Hadern heraus und gab sie dem Magister hin , denkend , es wär wohl das Best , wenn mir unser lieber Herr in dem Augenblick geschwind einen sanften Tod schenkte . Aber ich blieb lebend und gesund und hatte eine Weil darnach einen brennenden Dinggulden in der Hand . Der Magister aber bedankte sich mit geschraubter Red bei dem Meister und fragte , ob er mich einmal aufsuchen dürft mit Verlaub Seiner Gnaden . » Aber gwiß ! « sagte dieser . » Kommts nur , wenns Euch beliebt ! - Ich habs gar nit ungern , wann hie und da eins von der Freundschaft ein bißl dahinter steht mit der Fuchtel ! - Sie schlagn dann nit so leicht über d ' Sträng , find ich ! « » So ists ! « sagte der Erzgauner , der scheinheilige . » Und wo sind Euer Gnaden zu finden , wenn man fragen darf ? « » Ja so « , erwiderte ihm mein Meister ; » also , wenn Ihr Euch merken wollt : Christian Behringer is mein Nam ; Mal- und Vergolderwerkstatt , - glei da drüben im Hackenviertel ; - Brunngassen . ' s erste Haus linker Hand , wenn man von der Hundskugel rein kommt . - Unser liebe Frau steht groß über der Haustür in der Nischen . « Da bedankte er sich noch einmal , der Magister , gab mir gute Lehren und schöne Wort und versprach , mich am Sonntag nach dem Essen zu besuchen , mit Verlaub . Ich aber wußt nicht Red noch Antwort , fühlte nicht Schmerz noch Lust und stand auf meinem Fleck , indes in meinem Hirn der eine Gedanke umging : » Gfehlt ists ! - Aus ists ! - Du bist ein Lump ! « Mittlerweil hatte sich der Milchbauer mit dem Fritz auf den Weg gemacht , und der Magister nahm nun ebenfalls von uns Abschied , trank sein Glas aus und ging . Da gab ich mir einen Ruck und dachte , wenn ich erst einmal eine Weil bei dem Meister wär und er keine Klag über mich hätt , dann kunnt ich ihm ja leichtlich alles erzählen . Und bis dahin würd es schon gehen mit der Hilf Gottes . Ging also mit ihm und trat hinaus in die sonnbeschienenen Gassen und folgte meinem Meister durch das feinbemalte Ratstor über den Marktplatz mit der lieben Frau auf der Säulen , vorbei an den Ständen der Händler und hinein in schmale Gassen und enge Winkel , bis wir endlich zu dem Haus mit der großen Madonna kamen . Aufrecht ging ich durchs Tor und hinein in die Werkstatt , da der Meister mir meinen Platz neben einem Altgesellen anwies und sagte : » Also , Hans , probiern wir ' s halt in Gottsnam . « Nun hatte ich also eine Arbeit , einen Meister , einen Platz beim Altgesellen - aber kein Gewand , wie es die zünftigen Maler gemeiniglich bei ihrem Schaffen tragen . Sagte also derhalben zum Meister : » Es wär mir lieb , Meister , wann ich gleich meine Kluft ablegen kunnt und ein anders Gwand anlegen . Auch hab ich mir noch um kein Logis gschaut . « » Das kannst im Haus haben « , erwiderte der Meister ; » bei mir loschiern alle im Haus , die bei mir werken ! - Habs nit mit den Auswärtsschlaf ern ! - Hängt sich leicht allerhand an ! Und - was ich sagen will , - Kittel und Schawer findst da hint , in dem Kasten , was d ' brauchst . « Also suchte ich mir meinen Habit aus und folgte darnach dem Meister hinauf unters Dach , da drei niedere Kammern für die Gesellen gerichtet waren mit sauberen Betten , blechernen Waschschüsseln und steinernen Wasserkrügen . Vor jedem Bett stand ein blank gescheuerter Hocker und eine niedere Truhe , und an der Wand hing ein einfacher Herrgott , mit Palmbüscheln und Antlaskränzlein geschmückt . In den geblümten Zeugvorhängen steckten allerhand Zunftzeichen und Anhängsel , Blumensträußlein und bunte Bänder , und auf einem Fensterbrett stand einschichtig ein magerer Rosmarinstock . Der Meister hatte derweil seine Ehefrau gerufen ; und die lächelnde , rundliche Meisterin mit ihrem blonden Haarschopf , darin ein großmächtiger , geschnitzter Hornkamm steckte , rief mit heller Stimm , indem sie eilig ihre blumenbestickte Leinenschürze zurückschlug und glättend über die Kissen eines Bettes strich : » Ja , was is dees , Vater ! - Ham ma scho wieder oan ! - So so ! - Na , dees is recht . - Wie heißt er denn ? - Is er auch brav und ordentlich ? - Und gsund ? - Kennt er unsern Herrgott noch ? - Geht er schön in d ' Kirch ? - Er hat doch hoffentlich kein Schatz ? - Gwiß nit ? - Also - dann ists recht . - - Acht gebn aufs Bett ! - Kein unnützen Dreck machen ! - - ' s Bettgwand nit zreißen ! - Öfters beichten gehen ! - Den Boden nit vollspaizen und ' s Waschwasser nit in d ' Dachrinn gießen ! - Und nit streiten ! - Und im Haus Filztapperln tragen ! - Also . « Und sie nickte mir freundlich zu , ließ die Schürze wieder fallen und lief die Stiegen hinab , daß ihr Schlüsselbund rasselte . Da zog ich mich eilig um , tat einen Stoßseufzer und folgte darnach dem Meister wieder in die große , lichte Werkstatt , in der überall Engel und Heilige , Madonnen und Wandherrgotte umeinanderlagen und standen ; bald aus Holz , bald aus Gips , alabasterne und steinerne , bemalte und vergoldete . Hier strich einer frisch an dem lichtblauen Mantel der Himmelskönigin , dort malte einer die Schuhriemen des heiligen Florian ; der rieb auf einer gläsernen Platte emsig die Farbe an , und jener setzte eben goldene Sterne auf das Gewand eines Cherubs . Der Altgesell aber , dem ich zur Hilf zugeteilt ward , malte kunstvoll das Antlitz eines Herrgotts am Kreuz ; bleich , mit bläulichem Unterton , die halboffenen Augen voll Schmerz und Leid im Ausdruck . Etliche Lehrlinge liefen geschäftig mit Farbtöpfen und Goldlackhäfen herum , wuschen Pinsel , trugen den Gesellen Öle oder Paletten , Töpfe oder Näpfe zu und machten dabei ihre Späße und Umtriebe . Der Meister holte derweil einen Pack leerer Wandkreuze , legte sie für mich hin und sagte : » So , die müssen sauber schwarz gstrichen werdn . - Der Benno soll dir ' s Farbhaferl bringen und Pinsel ! - Gregori , schaugst ihm halt hie und da auf d ' Finger , daß ers recht macht , sein Sach ! « Mein Altgesell nickte , und ein Lehrbub brachte mir alles , was ich brauchte . Also begann ich meine Arbeit , die ich wohl begriff ; denn ich hatte schon beim Bildlthomas viele Rahmen bemalt , gestrichen und vergoldet . Der Gregori brauchte kein Wort zu reden und war mit dem Anfang so wohl zufrieden , daß er am Mittag zum Meister sagte : » Schafft gar nit schlecht , der Binkel ! - I denk , mir lassen ihn morgen bei den Birchmayer-Aposteln ' s Grundiern anfangen . « Was mir einen wohlgefälligen Blick vom Meister eintrug . Um die Essenszeit begann es in der stillen Werkstatt plötzlich lebendig zu werden , und die schweigsamen Gesellen fingen an zu scherzen und zu singen , zu lachen und zu pfeifen , bis es ringsum von den Kirchen und Kapellen zum Mittag läutete . Da stellten sich alle auf einen Haufen zusammen , wandten sich gegen Aufgang der Sonne , da in der Ecken ein mattes Öllicht vor einem dornengekrönten Herrgott an der Geißelsäule brannte , und beteten laut den Angelus Domini und das Tischgebet . Darnach rief einer dem andern einen guten Tag zu , wünschte ihm einen gesegneten Appetit und wusch sich in einem Schaff voll Lauge die Händ , worauf man sich der Arbeitskleider entledigte und zum Tisch ging . Da trat man zu ebener Erd in eine geraumige Stuben , darin in der Mitte ein endsgroßer Tisch aufgedeckt war . Ringsum standen schwarze Lederstühle , und an der Wand neben dem Kachelofen war ein ledernes Kanapee , darauf der Meister saß und in der Zeitung blätterte . Ein Kommodkasten , darauf eine Stockuhr , ein Christkind unter einem Glassturz , ein Arbeitskorb und ein Zinnkrug standen , ein Wandschränklein und ein Spinett machten die Einrichtung fertig . Man wünschte also dem Meister guten Appetit und setzte sich , nachdem er zuerst Platz genommen , rings um die Tafel . Lächelnd trug die Frau Meisterin eine endsgroße Schüssel voll aufgeschmelzter Brotsuppe mit Zwiebeln auf , wünschte , man möcht sichs schmecken lassen , und schöpfte sich darnach ein wenigs in einen zinnernen Teller , während der Meister mit uns gleich aus der Schüssel aß . Da gings in schönem Takt und guter Ordnung : erst der Meister , dann der Gregori ; darnach der zweit Altgsell , die Junggsellen , dann ich und drauf die Lehrbuben . Den letzten Löffel hatte noch der Meister . Nun brachte die Meisterin jedem einen hölzernen Teller und stellte eine Schüssel voll Knödel , eine Platte mit dünnen Fleischschnitzeln und einen Hafen voll Kraut auf den Tisch . Dazu ging der Brotlaib und der Wasserkrug die Runde , und schweigend hielt man seine Mahlzeit , bis der Meister das Wort ergriff und etwas über den Tisch fragte . Da durfte ein jeder schwatzen und wohl auch einen Spaß treiben , bis die Hausfrau an ihren Teller klopfte , aufstand und mit singender Stimme den Dank für Gottes Gaben betete . Nach diesem sagte ein jeds » Gelts Gott « und begab sich gemächlich wieder in die Werkstatt , da dann geschafft wurde bis um drei Uhr . Drauf wurde gevespert und darnach der Tag mit fleißigem Tun beendet . Nach Feierabend gings an ein großes Waschen und Kämmen ; denn die Meisterin als eine adrette Frau liebte nichts Ungepflegtes und hätte gewißlich jeden , der unsauber zum Nachtkaffee gekommen wär , vom Tisch gewiesen . Mein Altgsell , der Gregori , hatte gleich Freundschaft mit mir geschlossen und schlug mir nun einen kleinen Spaziergang vor , dazu ich gern ja sagte . Noch etliche waren dabei , und so gingen wir unter heiteren Gesprächen ein wenig hinters Haus , durch einen schönen Garten mit barocken Sandsteinfiguren , Brunnen und Bänken , vorbei an einem kleinen Pavillon mit einem Eisengitter um den Balkon , wie Filigran so fein und durchsichtig ; über einen schmalen Fußweg durch eine Wiese und zu einem Bach , daselbst wir die Füß ins eisige Wasser hingen und die andern mein bisherigs Leben und Treiben aus mir herausfragen wollten . Da wurde leider mein eingeschlafens Gewissen wieder erweckt , und ich gedacht mit großer Trauer meines Leichtsinns , diese Schwindelfetzen vom Magister angenommen zu haben . Kunnt auch in der Folg nicht gar froh werden trotz aller Lieb des Meisters und der Freundschaft meiner Kameraden ; denn es bedrückte mich , daß alles dies nicht mir , sondern einem Fremden galt , der vielleicht in Wirklichkeit irgendwo am Galgen baumelte oder noch gar nicht zur Erden geboren war . Und ich nahm mir wohl hundertmal vor , dem Meister alles zu beichten ; dazu es aber leider Gottes niemals kam aus feiger Furcht , es möcht mich die Achtung der andern und die Lieb des Meisters kosten . Zudem arbeitete ich mich täglich besser ein in mein Handwerk und tat es schier dem Gregori gleich . Hatte auch wieder angefangen zu schnitzen und schenkte bald dem einen , bald dem andern ein geschnittenes Schächtlein , einen Rahmen oder ein Figürl . Und da ich einst mit dem Gregori zu einem Bildhauer in der Hundskugel kam , betrachtete ich mit heißer Gier die Werkstatt und die Geräte , die Modelle und Zeichnungen und bat schließlich den Meister Birchmayer , der eben aus einem Haufen Lindenstöck etliche aussuchte , er mög mir doch ein Scheitlein schenken , weil ich auch diese Kunst probieren möcht . Worauf mich der Künstler einen Augenblick streng prüfend ansah , darnach lächelte und sagte : » Gerne ! - Wenn du glaubst , du kannst es , so mach nur einmal was Rechtes ! - Aber ich fürcht , es wird dir doch nicht so fein von der Hand gehen , wie du es im Kopf hast ! « Damit gab er mir verschiedene weiche Hölzer , fragte , ob ich auch Werkzeug hätt , und meinte zum End : sehen möcht ers aber doch schon ganz gern , was ich zustand brächt . Heißa ! Da saß einer von nun ab jeden Tag nach Feierabend bei seinen Klötzen , schnitzte und schabte , linste und paßte und hielt sein Werk alle Augenblick prüfend vor sich hin , ob alles recht würd ! Und nach Verlauf etlicher Wochen stand ich mit klopfendem Herzen wieder beim Meister Birchmayer und hielt ihm das Tuch hin , darein ich meine Schöpfungen sorglich gewickelt hatte : eine Statuette der Madonna , einen Christus am Kreuz und zwei Leuchter . Starr sah mich der Meister an , schüttelte nachdenklich den Kopf , betrachtete die Dinge lange und sagte schließlich , indem er den Christus in der Linken hielt und leise mit den Fingerspitzen der Rechten darüberstrich : » Wer hat dich denn das gelehrt ? « » Niemand « , erwiderte ich ihm ; » ich hab schon als kleiner Bub geschnitzelt ; - und mein Kathreinl ... « Erschreckt hielt ich inne , und eine heiße Röte stieg mir ins Gesicht . Der Künstler aber sagte lachend : » So so ! Auch schon verliebt ! - Na - ist ja deine Sache ! - Also - dein Kathreinl ... ? « Voller Verlegenheit sagte ich ihm nun , daß die schon einen Haufen solcher Dinge von mir hätt und daß ich schon oft gedacht hätt , ich möcht einmal auch was ganz Großes , Gutes zuwegbringen . Da legte der Meister meinen Christus wieder hin und sagte : » Ich will dir dazu helfen . Laß die Stücke hier liegen , bis mein Freund Boos hier war , dann sehen wir weiter . Und komm am Sonntag wieder . - Übrigens : wie heißt du denn eigentlich , und wer sind deine Eltern ? « Mir war , als hätt mich ein Schlag gerührt bei dieser Frag . - Starr und hilflos blickte ich auf meinen Herrgott und die Madonna , - und dann kams mir plötzlich wie Wasser von den Lippen : » Eltern hab ich keine . Mathias Bichler heiß ich und aus Sonnenreuth bin ich . Meine Zieheltern waren die Meßmersleut von Sonnenreuth . Beim Weidhofer hat mans gheißen . Und mein Kathreinl ist jetzt die Lackenschusterin von Sonnenreuth . Bei der hätt ich als Viehbub dienen sollen und bin davon . « Und erzählte ihm meine Schicksale bis dahin , wo ich die Komödiantenbrut kennengelernt hatte . Aber da kam ein hochbetagter Herr mit einer ältlichen Mamsell , ein Freund des Meisters , wie es schien , und ich mußte gehen . Mit herzlichen Worten reichte er mir noch die Hand und sagte zuletzt : » Komm ja wieder ! Du freust mich . - Und nimm dir wieder ein paar Holzklötze mit ! « Band mir also etliche in mein Tuch und geleitete mich hinaus . Leichten Herzens lief ich heim und tat , was ich seit langem nicht mehr getan , - sang und jodelte , juchzte und pfiff aus übergroßer Freud . In den nächsten Wochen aber schnitzte ich meiner Meisterin eine zierliche Madonna und dem Meister einen feinen , verschnörkelten Rahmen zu seinem Bild , das ihm der Gregori als Silhouette geschnitten hatte ; darüber groß Lob und eitel Freud im Hause herrschte . Es mocht jetzt so ein halbs Jahr sein , daß ich in dem Haus des Malers lebte und die Heiligen anstrich ; hatte auch eine fröhliche Weihnacht daselbst gefeiert und mich gut eingewöhnt . Da rief mich eines Sonntags der Bildhauer Birchmayer zu sich und erklärte , ich kunnt bei ihm ohne jedes Lehrgeld als Jünger eintreten , sobald ich wollt . Seine Freunde Muxl und Kobell sowie der alte Professor Boos , der neulich mit seiner Tochter grad dazugekommen wär , als ich ihm meine Werke überbracht hätte , seien gern bereit , mich zu unterstützen , damit was Ordentlichs aus mir würd . Mit Tränen in den Augen erfaßte ich seine Händ und brachte doch kein Wort des Danks hervor . Und dann lief ich davon und eilte heim , meinem Meister sogleich die Botschaft zu bringen und ihm zugleich die Wahrheit über meine Person zu sagen . Aber es war leider kein Mensch zu Hause , und ich mußts bleiben lassen . Ging also langsam durch die Stadt , bis mir mein Ziehbruder und die andern zwei Gesellen einfielen ; denn der Magister hatte sich noch nicht einmal bei mir blicken lassen , und auch ich war die ganze Zeit über niemals mit einem oder dem andern zusammengekommen aus eben der Ursach , mein wirklicher Name möcht dadurch an den Tag kommen . Und so überlegte ich grad vor dem Kaffeehaus zum schönen Turm , ob ich nicht einen von ihnen - etwan den Fritz - aufsuchen sollt , als mir unser Gregori auf die Schulter klopfte und sagte : » He , Hansl ! - Bist auch alleinig ? - Magst nit mitgehen in die Tanzschul ? - Menuett und Deutsch lernen ? - Kost bloß zwei Gulden fürs Jahr ! « War mir nicht bsunder angenehm , daß ich sollt da mitgehen ; aber ich fragte doch , wo es wäre , darauf der Gregori sagte : » Drunten beim Kosttor , - in der Arch Noe . - Gibt allerhand Leut und Madeln dort : Bäcken , Müller , Knecht und Mägd , Kocherln , Nahterinnen und halt allerhand . - Is ganz lustig dort ; - der Gerstenegger Hiasl , ein Schustergsell , hat die Gschicht über sich . - Also , was ists ? - Gehst mit ? « Und schob also seinen Arm in den meinen und nahm mich mit durch die Stadt , da wir hinab zur Kosttorkasern mußten , wo auch der Falkenturm , ein hartes Zuchthaus , und die churfürstlichen Hofställe standen . Auch hier floß ein Wasser durch , der Kainzmüllerbach geheißen ; eine Brucken führte grad vor dem Wirtsgarten drüber , und über eine kleine Stiegen hinab kam man in das Haus , auf dessen Fassade eine gut gemalte Arche Noe prangte . Wir begaben uns erst in die vollbesetzte , allgemeine Wirtsstube , einen dunklen , verräucherten Raum , über dessen Wände sich uralter Epheu hinspannte und den vielen Heiligenbildern samt dem Gemäld des verstorbenen Churfürsten Carl Theodor eine feine Zierde gab . Von der Weißdecke hingen an Ketten etliche Glaskästen , darin die Wahrzeichen verschiedener Zünfte in überaus zierlicher Darstellung prangten . So sah man in dem einen die getreue Nachbildung eines churfürstlichen Prunkwagens samt Pferden und Kutschern , Dienern und Lakaien . In einem andern waren eine Menge winziger Hüte aller Zeiten und in allen Formen und Farben aufgeschichtet , und wieder ein anderer enthielt einen ganzen Bienenkorb aus Wachs , mit feinen wächsernen Blumen verziert , darauf Bienen von der gleichen Materie saßen . Rings an den Wänden waren Rehköpfe aufgemacht , daran die Gäst ihre Hüt und Hauben hingen . An einem der niederen Fenster saß ein kleiner Affe mit einer Miene wie ein alter , verkümmerter Schulmeister , wiegte sich auf der schaukelnden Stange und klopfte dazu , so oft er draußen jemand kommen sah , an die Scheiben . Ab und zu sprang er von seiner Stange , kletterte , so weit ihn seine Kette ließ , am Epheu entlang und schaute neugierig und interessiert hinüber zum andern Fenster , da wohl leichtlich an die dreißig Vögel in einem geschnitzten , mit Türmen und Fähnlein gezierten Flughaus sangen und lärmten . Plötzlich stieß er einen quiksenden Schrei aus und kehrte hastig wieder zurück auf seinen Platz . Indem ich den wunderlichen Burschen noch betrachtete , zupfte mich der Gregori am Ärmel und sagte : » Gehn wir wieder , - es ist niemand da , den ich kenn . « Und führte mich also hinauf über eine Stiege in den Tanzsaal , wo männiglich beieinanderstand , fein in Paare gericht und auf den Beginn der Musik harrend . Nun gab der Tanzmeister mit seinem langen , bandgeschmückten Stab ein Zeichen in die Ecke , wo auf einem Podium zwei Bläser und ein Geiger saßen , zählte : » Eins - zwei - drei - eins ! « und der Reigen begann . Wir drückten uns unbemerkt in einen Winkel und sahen zu , indes die Paare stampfend oder schleifend , wirbelnd oder drehend an uns vorübertanzten und der Meister bald diesem , bald jenem Paar einen Wink gab . Nach beendetem Reigen rief der Lehrmeister etliche Tänzer beim Namen und sagte : » Oh ! Oh ! - Was war das für ein Gehopse , Jungfer Gertraud ! - Sag ich Euch nicht immer , Ihr sollt nicht so konfus herumhüpfen ! - Und Ihr , Mosjö Engelbert ! - Wo habt Ihr denn Euern linken Arm wieder hinplaziert ! - Mamsell Kuni ! - Nicht doch - nicht doch ! - Ihr verdreht ja die Augen beim Walzen , als seien sie Wagenräder ! - Und Ihr da hinten - Mosjö Benno ! - Nicht so stampfen , sag ich ! - Muß denn wirklich alle Welt wissen , daß Ihr ein Bräuknecht seid ! - Eleganter , sag ich , - eleganter ! - Nun noch einmal ! « Und der ganze Reigen wurde wiederholt . Diesmal gings zur Zufriedenheit des Meisters ; denn er lächelte freundlich , nickte beifällig bald diesem , bald jenem Paar zu und rief entzückt : » Scharmant ! - Ich applaudiere ! - Admirabel ! - Grandios ! - Es ist gut , - wir wollen pausieren ! « Während der Pause stellte mich der Gregori dem Meister Gerstenegger vor und sagte , daß ich die Absicht hätte , bei ihm das Tanzen zu lernen ; darüber der Geck schier krumm wurd vor lauter Katzbuckeln und sagte : » Ah ! Scharmant ! - Ich habe die Ehre , Mosjö , Herr Baron ! - Meine Referenz ! - Freut mich , freut mich ! - Mit Vergnügen zu dienen , Euer Gnaden ! - Aber - pardon - für heute , bitte ich , bloß gefälligst zuzusehen ! - Pardon ! - Gehorsamster Diener , meine Herren ! « Er verbeugte sich noch einmal und schwänzelte darnach durch den Saal an einen kleinen Tisch , daselbst er sich mit Bier und Käs erfrischte . Wir machten uns nun an eine der Gruppen an , die längs der Wand auf ledergepolsterten Bänken Platz genommen hatten , aßen und tranken und sich lachend und scherzend unterhielten . Hier packte eben ein schwarzhaariges Kocherl ein feistes Ganshaxl aus und legte es ihrem Tänzer mit süßem Lächeln auf die Knie ; dort steckte ein Bäcker in lichtblauer Uniform seiner Partnerin eine feuerrote Nelke aus Papier an die Brust ; wieder andere stießen auf ihre Gesundheit an und machten allerhand Witze , die der Gregori münchnerisch nannte . Eine große , blasse Jungfer aber saß ganz allein bei einem Gläslein Met und hatte niemand , der sich mit ihr unterhielt . Zu dieser setzte ich mich nun und wünschte ihr einen guten Tag . » Seid Ihr ganz allein da , Jungfer ? « fragte ich . » Jawohl « , erwiderte sie ; » meine Freundin , die sonst immer mit mir hergeht , ist leider Gott krank . « » Lernt Ihr auch tanzen - mit Verlaub ? « kam ich wieder . » Ei freilich ! « lachte sie ; » sonst wär ich wohl nicht da ! « » Ganz richtig « , meinte ich verlegen ; » darf man vielleicht wissen , - wer und was ? ... « » Ei , sieh da ! « rief das Mädchen auf solche Red hin aus ; » wie kommt Ihr mir vor , Mosjö ! - Hat eins schon so was erlebt ! - Fragt mich der Gischpel um meine Privatsachen und sagt nicht einmal , wie er heißt ! - Ein sauberer Kavalier ! « Und machte also , daß ich vor Verlegenheit nicht mehr aus noch ein wußte . Aber mein Kamerad war derweil wieder zu mir getreten und half mir aus der Klemm : » Oho ! Jungfer Lisbeth ! - Nit so aufbegehrn ! - Der Jungherr ist mein Kamerad - ist ein zermer Künstler und ein feiner Bursch ! - Der kriegt andere auch noch , wie so eine einschichtige Flickmamsell ! - Gell , hat dich dein Schorschl heut versetzt ! - Da drüben hockt er , - schau ! - Bei der schönen Christl - bei