* * * Kap Horn schweigt noch immer . Er denkt nach . Soll so nun seine letzte Reise aussehen ? Soll das die letzte Fahrt sein ? Soll der Tod , der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen konnte , ihn nun hier im Wattenwinkel , im seichten Priel erwischen ? Es kann so sein , und wenn es so sein soll , dann ist es auch gut , denn es bleibt ja immer ein Seemannstod . Die heilige , unerschütterliche Ruhe des Todgeweihten kommt in sein Herz . Der alte Janmaat will und kann sich nicht klein machen . Er kann sterben , - ob Klaus es auch kann ? Er sieht ihn an . » Dree Fohm bloß noch ! « Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein , er sieht , wie die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken , er hört , wie Bodemann sagt , daß Fürbitte zu tun sei für drei Brüder , die seit zwei Wochen vermißt würden . Und sein schönes Haus sieht er , die bunte Haustür und die Bank unter den Linden : die Bank aber ist leer , und die blanken Fenster , in denen sich sonst die Elbe von Nienstedten bis Schulau spiegelte , sind dicht verhängt . Und die Tür ist zu : der Hahn und die Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr Futter . Das ist ein Augenblick , dann verweht der Sturm es . Schiffsrat ! Aber was ist da zu sagen ? Nichts , denn was mit ihnen los ist , weiß der eine wie der andre : vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate , sind die Brecher , die Sturzseen . Dahinein und hindurch müssen sie , sonst bleibt ihnen nichts zu tun , als abzudrehen und zu versuchen , den Ewer so hoch wie möglich auf das Watt zu setzen ! Kommen sie behalten durch die Brandung , so ist Schiff und Mannschaft geborgen , raken sie Grund , ist alles verloren . Flüchten sie wattenauf , so geht der Ewer in Stücke , aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten . Wahrscheinlich , denn eins ist so gefährlich wie das andre . Kap Horn sieht starr nach Lee , wo die Feuer des Ewersandes auf den Watten stehen müssen , als wenn er damit sagen will : stranden und landen ! Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen . Er fühlt das Zittern und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen , sich durchzuschlagen . » Nu hol di fast , Kap Horn ! « ruft er gell . Und hinein in die Brecher geht es ! Händereibend steht der Tod neben ihm auf dem Achterdeck und jauchzt : » Nu krieg ik di , Klaus Mees , nu krieg ik di ! « Aber der Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht erschüttern . Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate : er hält darauf zu . Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen entgegen , die sich wild überschlagen , - er verzieht keine Miene . Gott im Heben - da stürzt die erste , große See wie ein wildes Tier auf das Deck und rollt über den Ewer weg , zertrümmert das Backbordschwert , reißt das Boot los und wirft es quer gegen die Winsch , wo es in der Klemme sitzen bleibt . Kap Horn stürzt auf die Luken . Das Nachthaus ist weg , sie sind ohne Kompaß . Ein Glück , daß sie Seemann vorher in die Kapp gestopft haben . Klaus Mewes steht noch . Der Knecht springt auf , und der Ewer klüst weiter . » Fastholen ! « Das ist eine menschliche Stimme , so schrill sie auch klingt . Die zweite Riesensee stößt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergießt sich über das Deck , sie schlägt in die Segel , daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt und umkippen will , und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen . Aber sie lassen ihren Halt nicht los , und weil nicht gleich eine See hinterher kommt und den Rest gibt , vermag der Ewer sich noch wieder aufzurichten . Abermals fegt es heran , steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar auf das Deck nieder , daß die Luken verlorengehen und der Ewer sich halb mit Wasser füllt . Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben , und Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die Treppe , um sofort hinaus zu können , wenn etwas passieren sollte . Fest klammern sie sich an , damit sie nicht hinunterfliegen . » Junge , wat snuft dat langs ! « ruft Störtebeker , » ober bang bün ik dorbi doch keen beten ! « An Pumpen ist nicht zu denken : sie müssen sich festhalten ! Sie müssen durch ! Durch müssen sie ! Sie sind mitten in der Brandung : schlimmer kann es nicht werden ! Wenn nur die Segel nicht bersten , wenn nur das Ruder hält ! Wieder ein Brecher ... * * * Auf der Reede von Blexen , dem oldenburgischen Weserdorf , das dwars von Bremerhaven liegt , ließen sie gegen Morgen den Anker fallen , peilten die Pumpen das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre Kojen . Es war an einem Sonntag . Die Glocken von Blexen , von Nordenham , von Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser , aber auf dem Fischerewer rührte sich nichts : alles an Bord schlief . Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck : die Seefischer erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff , das schwer gelitten hatte . Sie pumpten es leer und freuten sich , als sie feststellten , daß es kein Wasser machte . Seemann beschnupperte den kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager . Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei , das Großsegel zu nähen und einen Flicken darauf zu setzen , damit sie ohne Schlepper in die Geeste gelangen konnten . Von Bremerhaven ließ Klaus drahten , und den andern Tag erschien der Obervorsteher Peter Fick von Finkenwärder und schätzte den Schaden ab . Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher , Reepschläger und Optiker zu gutem Verdienst , - der Ewer aber mußte ganze acht Tage untätig an der Kaje liegen . Endlich waren sie so weit , daß sie wieder in See gehen konnten . » Sall he wedder mit ? « fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach Störtebeker , der mit Seemann zwischen den weißen Eisschuppen tollte . Klaus Mewes sah seinen Knecht verwundert an . » Worüm denn ne ? « fragte er . » Och nix , ik meen man bloß « , lenkte der Janmaat ab ; der Schiffer aber sah ihn schief an und sagte : » Up wat för Gedanken du ok doch kommen kannst ! Hett mol een beten weiht , denn schall woll gliek allens kodimmt wardn , wat ? « » Ik heff jo doch gor nix seggt « , beschwichtigte der alte Jantje ihn sanftmütig und verschwand in der Kajüte . Klaus stand still und sah ihm nach : ein Wind ging durch seine Seele und wie ein Bluelight , wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf : hatte das Schicksal ihn warnen wollen , als es ihn über das Watt jagte , sollte er den Jungen abmustern und seiner Mutter zurückschicken , die so sehnlich nach ihm verlangte ? Ach was , - Weibergedanken ! Der Junge blieb an Bord und damit gut . » Störtebeker ? « » Wat schall ik , Vadder ? Seemann , nu stopp , rittst mi jo de ganze Büx twei . « » Wullt noch wedder mit no See ? « » Gewiß , Vadder ! « Das klang so selbstverständlich , daß Klaus Mewes nicht weiter fragte . Er nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf , um noch etwas Proviant zu kaufen . * * * Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der Wand , unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger . Es war nichts Besonderes daran , und doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten Gedanken putzen , denn in ihm steckten die Briefe für die Fahrensleute , für die Schiffer , für die Matrosen . Nach schweren Stürmen : wie füllte er sich dann mit Briefen der Frauen , der Mütter , der Bräute ! Wie mancher Seemann trat an den Kasten , schloß ihn auf und blätterte den Haufen durch , blätterte auch wohl ein zweites Mal . Fand er einen Brief , wie glänzten dann seine Augen ! Mit verhaltener Stimme , der die Freude anzuhören war , bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz in den Winkel , um zu lesen . Oder er lief spornstreichs nach der Geeste hinunter . Fand einer nichts , so schloß er leise den Briefkasten . Ein andrer schlug ihn knallend zu . Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe durch . » Peter Jonas ? De fohrt ne no de Wesser ! ... Richard Grube ? De Knecht is all lang afmunstert ! ... Hein Fock ? Hest all Heimweh no dien vergneugten Hein , Geeschen ? ... Willem Mees ? « ... - er machte eine lange Pause , denn Willem Mewes war geblieben ... » Paul Külper ? De ligt jo blangen uns , den Breef bring em man eben gau dol , Störtebeker ! « ... Der Junge war bereit , Briefträger zu spielen , und lief eilends nach der Geeste hinunter ... » Jan Saß ? De is no de Ilw , den Breef harrst di sporn kunnt , Trino ! ... Hinnik Loop ? De kummt woll noch ! ... Kassen Husteen , Hinnik Wrie , Hein Külln , Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes , H.F. 125 : dat bün ik sülben ! August , geef mi mol een lüten Angostura ! « Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch . Die Reihen waren stellenweise verkleckst , ein Zeichen , daß Gesa beim Schreiben geweint hatte . Sie schrieb : warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht einmal nach Hause kämen ? Sie komme sich vor wie eine Witfrau , so einsam und verlassen sei sie , und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes fühlte , wie es ihm im Halse aufstieg , und bekam den Husten . » Dor is obern barg baschen Peper twüschen , August ! Den mokst du woll sülben , wat ? « sagte er laut und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht . Dann las er weiter ... Ob sie noch gesund wären , ob den Jungen gar nicht nach Hause verlange ? Er möchte doch sofort antworten ! Am Deich erzählten sie so viel von ihnen . Was es mit der Havarei gewesen wäre ? Sie sagten , daß sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den Englischen fischten : das möchte er doch ja lassen , denn das wären böse Briten , die könnten einen totschlagen , hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein Mücks Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert , daß der Junge gar nichts von sich hören lasse : wenn er nur nicht über Bord gekommen sei , habe sie gemeint . Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben . Klaus Mewes wurde es weich ums Herz : er holte sich Black und Posensteel , das heißt Tinte und Feder , um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben . Als er aber die Feder eintunkte , wußte er wieder nicht die Worte zu finden , und es wurde wieder einer der berühmten kurzen Briefe daraus , in denen eigentlich nur stand : » Liebe Frau , es grüßt dich dein Mann ! « Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust glattgemacht hatte , ging er aber doch mit dem Bewußtsein einer guten Tat nach dem Ewer zurück , mit den Mehltüten unter dem Arm , rief Störtebeker , der auf einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje kaute , und setzte die Segel auf . Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen Segen . » Segg mol , Hein , schriffst du denn keeneenmol no Hus ? Dien gode Moder weet gornix van di af : wat is dat eegentlich ? « » Och , dat ole Schrieben , keen hett dor Lust to « , sagte der Koch leichthin , aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich , sogar Seemann bellte ihn aus , und sie ruhten nicht eher , bis er in die Kapp stieg und schnell einige Zeilen schrieb , die Störtebeker dann noch zwischen dem Losmachen der Taue nach dem Fischerhaus trug . * * * Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet , denn Klaus Mewes mochte sich kein Geld von Gesa schicken lassen , um sie nicht unruhig zu machen . Er hatte deshalb die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können . Und weil es ihm ein Greuel war , Schulden zu haben , wie es ihm ein Greuel war , geflickte Segel am Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben , so segelte er weiter nach der Weser und trug die Rechnungen ab . Auch war ihm bange , daß Gesa den Jungen zurückverlangte . * * * Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der Fischauktionshalle , da machten Kap Horn und Störtebeker eine schöne Reise : sie gingen zu Fuß nach dem Neuen Hafen . Dort lag hinter den weißen Lloyddampfern und den englischen Baumwollkasten ein großes Segelschiff , und das war Kap Horns alte Bark » Elisabeth « , auf der er lange Jahre gefahren hatte . Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht , als er mit dem Jungen an Bord ging , um seinen alten Käppen zu begrüßen . Unter dem Arm trug er einen Beutel voll Fische , mit denen er ihn erfreuen wollte , denn er hing noch immer an dem Ollen , an sien Vadder . Als sie am Fallreep standen , erstaunte Störtebeker sehr über die himmelhohen Masten und über die mächtigen Rahen , denn so nahe hatte er ein großes Schiff noch nicht gesehen , am meisten aber mußte er sich über die vielen Taue wundern , aus denen er gar nicht klug werden konnte . Dann betraten sie den hohen , grauen Windjammer . Der Alte war an Bord und freute sich über seinen alten Vollmatrosen . Obgleich der eigentlich vor den Mast gehörte , nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten Achterdeck . Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten und neuen Zeiten , von alten und neuen Schiffen , von alten und jungen Seeleuten . Störtebeker lehnte erst , etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck , an der Reling und hörte mit fremden Augen zu , dann aber untersuchte er das Schiff genauer , maß und klopfte , befühlte und besah . Er ließ sich von dem Koch , einem vergnügten Dicken , ins Verhör nehmen und lauerte sich einen Löffel Labskaus weg , dann aber getraute er sich nach dem Vorderdeck und peilte das Logis . Auf der Back saßen die Matrosen , die keine Landwache genommen hatten , und klönten . Einer spielte leise auf einer Mundharmonika und machte große Augen . Über dem Vortopp aber stand der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens , und jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer . Schweigend lagen die Dampfer in langen Reihen . Alle Arbeit schwieg . Einzelne Matrosen gingen auf der Kaje vorbei , um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen . Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken darüber , wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum . So blicken wir , wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen , die wir noch nicht kennen : wer sind sie , und was wollen sie von uns , bringen sie Gutes oder Schlechtes , oder haben sie sich vielleicht nur in der Hausnummer versehen ? Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf , als der Junge unter der Fockrah stand , als sie aber hörten , daß er Klaus Störtebeker hieß und ein kleiner Fischermann , ein Schollengreifer war , wurden sie lebendig , nahmen ihn in ihre Mitte und fragten ihn aus . Sie lachten über sein Finkenwärder Fischerplatt und versuchten , es nachzuahmen , sie zogen seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen den Fischerewer spottend mit einem Backtrog , der einen alten Kartoffelsack als Segel und einen Besenstiel als Mast hätte , aber Störtebeker ließ sich nicht verblüffen : mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer und die große Seefischerei und sprach so klug und seemännisch von Fahrt und Wind , daß sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hände zusammenschlugen . Er zeigte auch , daß er von großen Schiffen etwas wußte und nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen , er kannte Nocken und Pferde , Back und Poop , nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig werden , da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen ganz sicher . » Un wo is Backbord ? « fragte der Zimmermann , ein Däne . » Dor frog dien Großmudder man no « , antwortete Störtebeker , » mi kannst ne förn Buern hebben . « Er blieb aber bei den Matrosen , bis Kap Horn ihn von achtern aussang . Der Segelmacher , der großes Gefallen an ihm gefunden hatte , - alle alten Seeleute sind wunderlich tiefe Kinderfreunde ! - schenkte ihm einen ausgestopften , fliegenden Fisch , und sie entließen den kleinen Seemann mit Adjüst und Good bye . Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies ihm seine kleinen Schiffe , das große Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten , wunderlichen Götzen , der mit dem Kopf nickte , wenn man ihn ansah . Auch er freute sich über Störtebeker , und als der eine kleine nautische Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte , bekam er die Reichsprämie von dem Alten : ein weißseidenes Halstuch , das in Tschifu gekauft war . » Nu gröt dien Vadder , du lütte Seeröver . « - damit wurde Störtebeker zuletzt entlassen , und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging , standen die Matrosen auf der Back und guckten ihm nach , wie er hinter Eisenbahnwagen und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand . Und sie sprachen noch lange von ihm . Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und ließ sich das große Belebnis erzählen , während der Knecht mit blanken Augen auf der Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt war . Als der Kapitän der » Elisabeth « den andern Tag etwas in der Bürgermeister-Smidt-Straße zu besorgen hatte , machte er einen Umweg und ging über den Alten Hafen , um die beiden Seefischer wiederzusehen und dem großen Klaus Mewes , von dem sein alter Matrose ihm so viel erzählt hatte , einen Godendag zu entbieten . Aber der Ewer war schon in der Morgenfrühe nach See gesegelt , so daß Käppen Vinnen kein Glück damit hatte . * * * Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren dabei , den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen . Störtebeker nahm die Knurrhähne aus , die er besser halten konnte als die glatten Schollen und die schleimigen Zungen . Da sah er unter dem Tang und den Seesternen einen besonders großen , dicken Steinbutt spaddeln . Er zog ihn heraus und wies ihn herum : » Kiek mol , Vadder , wat förn scheunen Steenbutt , rein een Stoot ! « Er stand dicht am Setzbord , - und der Ewer holte in diesem Augenblick plötzlich weit über ! - da sackte er langsam nach hinten über und fiel über Bord in die Seehinein . Mann über Bord ! Klaus Mewes , der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte , erhob sich jäh von dem Hummerkasten , auf dem er saß , warf Fisch und Messer hin , stürzte nach dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach , den er unter dem Wasser spaddeln sah , denn die See war sehr klar und man konnte beinahe Grund sehen . Zu spät dachte er daran , daß er die schweren Stiefel hätte ausziehen sollen . Sie waren ihm sehr hinderlich : er faßte den Jungen nicht und hatte Mühe , wieder an die Oberfläche zu kommen . Wie Blei hing es an ihm . Da schwamm der Junge . » Hol di , Klaus , fix roonen ! « » Jo , Vadder ! « Bevor er zum zweitenmal untertauchte , war sein Vater bei ihm und griff ihm unter die Arme . » Lot den Butt doch los , Junge ! « » Ne , Vadder ! « Zum Glück sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben , den Kap Horn über Bord geworfen hatte , und es gelang ihm , ihn zu erfassen , ehe seine Kräfte erlahmt waren . Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt und kamen auf sie zu . Klaus Mewes erfaßte die Leine , die ihm zugeworfen wurde , und nun war Holland nicht mehr in Not : sie wurden an Bord gezogen und konnten sich verpusten . Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand . » Son scheunen Butt schull ik wedder swümmen loten ? « sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater , dann zog er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf , damit die Sonne und der Wind es trockneten . » Up See mütten Kummer gewinnt wardn « , sagte er lachend zu Kap Horn , der ihn kopfschüttelnd betrachtete , ging in die Koje , suchte sich trocknes Zeug aus dem Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen hin , als wenn nichts geschehen wäre . Was war ' s denn auch weiter : er hatte bloß einmal über Bord gelegen . Dreizehnter Stremel . Is de Sommer all her ? - fragen die Frauen , die einander begegnen , denn ein grieser , nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe , die bei tauber Tide schwerfällig ebbt . Nach starken nächtlichen Regengüssen ist die Luft dick geworden . So diesig ist es , daß die Sonne kaum einen Schatten werfen kann . Wie der Mond steht sie am Heben , eine weiße Scheibe ohne Strahlen . Den Daak vermag sie nicht zu vertreiben . Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme , um Zusammenstöße zu vermeiden . Die vor Anker liegenden Bagger läuten die Glocke , die kreuzenden Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer tuten und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von Neumühlen bis Blankenese , daß man meinen könnte , mitten im Hamburger Hafen zu sein . Der Rauch , der den Schornsteinen entquillt , hat nicht die Kraft , sich zu erheben . Müde sackt er auf das Wasser . Alle Segel und Schiffe haben etwas Formloses , Gespenstisches . Wie Herbst ist der Tag . * * * » Stuten ! Wö ok Stuten ? « Metta Greuns , die Stutenfrau , die von dem schriftgelehrten Jan Stihr , der ein bißchen heilig ist , nicht mit Unrecht die Finkenwärder Morgenpost genannt wird , kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich entlang , die fast größer sind als sie , und singt vor allen Türen . » Wullt ok Stuten , Greta ? « Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie die Frau gerade heißt . Zu verwundern ist es , daß sie bei den vierhundert Häusern , die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat , niemals die Gesinen , Geeschen , Sillen , Oleitjen , Trinken , Angken , Wieschen und Ginen miteinander verwechselt . Nun hat sie den Neß erreicht , setzt die Körbe hin und atmet auf . » Gesa , wullt ok Stuten hebben ? « ruft sie ins Haus hinein . Die Seefischerfrau kommt heraus , bietet ihr Guten Morgen und macht sich über die gelichteten Kiepen her , um sich ihre Rundstücke und Überschnitte auszusuchen , wobei sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen ermittelt . Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat , denkt die Stutenfrau , die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen gesetzt hat . Sie will doch sehen , daß sie von den dunkeln Blutstropfen einmal einen Ableger bekomme . Diesmal aber noch nicht , denn sie hat etwas andres auf dem Herzen . Als sie mit dem lokalen Teil und den Nachbargebieten ins reine gekommen ist , fragt sie teilnehmend : » Diern , is dat wohr mit dien Jungen ? « Gesa schrickt zusammen , von böser Ahnung befallen . » Wat schall wohr wesen ? « fragt sie hastig und wird weiß im Gesicht . » Weeß du dor noch nix af ? « » Ne , wat schall ik weeten ? « stößt Gesa heraus , » ik weet bloß , wat he gesund un munter an Burd is ! « » Non , non , non , denn ist jo man god , mien Diern ! Wenn dut ne weeß , denn ist woll Snackeree vanne Lüd ; de snackt sik jo eendeel trecht ! Non , denn ist jo man god ! « » Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt , Metta ? « » Och , denn lot dat man . Harr ik dat weeten , denn harr ik di gor ne so verjogt , mien Diern ! Föftein Penn gifst du ut : denn kriegst du jo noch wat wedder ! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen ! « Aber Gesa läßt sich nicht ablenken , sie will wissen , was erzählt worden ist , und läßt der Witfrau keine Ruhe , bis sie es ihr sagt . Am Deich ist erzählt worden , daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen und in der See ertrunken sei . Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen , aber er habe ihn nicht wiederkriegen können . Wann es gewesen sein soll , weiß sie nicht , sie kann auch nicht sagen , welcher Seefischer es mitgebracht hat , sie weiß nur , daß es erzählt worden ist . » Schree man ne gliek , mien Diern « , tröstet sie , » is jo bloß Snackeree . « Aber Gesa hört nicht mehr : weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen . Ein starkes Schluchzen erschüttert sie , und es dauert lange , bis sie sich wieder erheben kann . Dann sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch . Es ist gewiß , es ist gewiß ! ruft es in ihr , Klaus ist weg ! Das ist mehr als bloßes Gespräch , es ist wahr ! Sie hat keinen Jungen mehr , wie sie es geträumt hat ! Heftiger fließen ihre Tränen . Nun weiß sie auch mit einem Male , warum ihr Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann : dieser grelle Blitz , der in ihre Seele gefallen ist , hat das Dunkel erhellt , das um seine Fahrt lag : er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen treten , er mag nicht sagen , daß er ihm über Bord gespült ist ! Ob er nun auch noch lacht , der lachende Seefischer , der so sehr an seinem Jungen gehangen hat ? Oder ob er ernst und still geworden ist , weil er seinen Störtebeker verloren hat ? Gesa schluchzt wild auf . Warum hat sie es zugegeben , daß er mit zur See kam ? Warum hat sie darein gewilligt ? Er war doch noch so klein , und alles in ihr schrie doch : Es geht nicht gut ? Die Mutter , die ihr Kind aufgibt , gibt sich selbst auf : das hast du getan , Gesa , klagt ihre Seele sie an . Nun hatte der kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken müssen und trieb ruhelos auf dem Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen umher ! So lange Zeit , neun Wochen fast , hatte sie ihn nicht mehr gesehen , und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu sehen bekommen ! Sie konnte ihm nicht einmal die Augen zudrücken und konnte ihm keine Blumen auf sein Grab pflanzen ! Riesengroß liegt die Angst auf ihr , sie vermag sich ihrer nicht zu erwehren . Stiller geworden , geruhiger , sagt sie sich hundertmal : nein , nein , es ist nicht wahr , es kann nicht wahr sein , es ist Gerede des Deiches , Schnackerei der Leute ! Der Junge fällt nicht über Bord , und Klaus läßt ihn nicht ertrinken , eher ertrinkt er selbst mit ! Nein , nein : ihr kleiner Klaus lebt und lacht , wie sein großer Vater lebt und lacht , und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln sie auf See , die beiden Fahrensleute ! Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele : keine Hoffnung kann sie verjagen . Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe von Bremerhaven und Geestemünde heraus . Zu jedem steht , daß der Junge gesund und munter ist , - und das sollte nicht wahr sein ? Ein Mann wie Klaus Mewes sollte lügen können