, - so was hat passieren können . « » Ich glaube , « meinte sie , » es gibt in den Seelen der meisten von uns Heutigen - mancherlei Bewegung gegeneinander , - Strömungen vom und zum Ufer . « » Kann sein - kann sein . Dem Koszinsky fehlt vor allem - das Weib , wissen ' s , - so eine ganz eine einfache , schlichte Häuslichkeit , mit Frau und Kindern , - ohne die ein Mann wie unsereiner nicht sein soll , wenn er sich nicht ruinieren will in Mark und Gehirn . « » Und Sie ? « sagte sie lächelnd . » Ich hab ' ein Weib , - natürlich « , sagte er . » Is ein armes Madel , das an mir hängt und ich an ihr . Nächstens laß ich mich mit ihr trauen , - wegen die Kinder , wissen ' s. Is schon a jahrelange G ' schicht . Wir haben drei Kinder . Zwei sind bei die Eltern untergebracht , zuhaus in Ungarn ; und das dritte « - die Stirn verzog sich sorgenvoll - » is vor a paar Tagen angekommen . « » Hier ? « » Ja , es is ein Elend . - - Wann sie gesund is , die Meine , schneidert sie ; jetzt soll ich uns alle ernähren , - furchtbare G ' schicht is das . « Er ballte unwillkürlich die Fäuste , unter der Tischplatte . » Sie hatten dort eine Stellung bei einer deutschen Redaktion - zuhause ? « » Bitt ' Sie , wie kann sich da eine deutsche , literarische Zeitschrift halten ! Die kleine , deutsche Insel da unten , - die Sachsen in Siebenbürgen und die Schwaben im Banat - das is alles . Die sogenannten Deutschen da oben - Budapest , Raab , Preßburg , - die G ' sellschaft zählt bei so was wie das , um was wir kämpfen , nicht mit . Denn erschtens sind ' s verjudet ( pardon ) und zweitens spielen ' s die Magyarenpatrioten ; da heißt einer , zum Beispiel , Salomon Bauchspeck und magyarisiert sich auf Andrassy oder Hunyady oder sonst auf den Namen irgendeines alten Fürsten- oder Grafengeschlechtes . - Den Idealismus da unten im Rassenkampf haben nur wir dort , in der südöstlichen Ecke . « Er machte eine Pause und starrte finster vor sich hin . » Das Blatt ' l « , fuhr er fort , » is bald eingegangen , und so bin ich nach Berlin . Leb ' hier als freier Schriftsteller « , - er verzog die Lippen , fletschend , - » saubere Freiheit das . Herumhausieren mit Artikeln - und davon soll man Weib und Kinder und sich selbst ernähren . Nun , ein Glück is zweierlei : erschtens , daß ich meine Spezialität hab ' - die Geschichte der Deutschen in Ungarn , - das interessiert hier , gibt noch viel unbekannten Stoff und findet Abnehmer , wissen ' s ; und zweitens - « und jetzt hob er unwillkürlich die geballten Fäuste aus ihrem Versteck , unter der Tischplatte , und hielt sie in Kopfeshöhe hoch , - » meine zwei Arbeiterhänd ' ! Sehen ' s , - was ich mir mit ' m Kopf nicht d ' rspekulier ' und mit ' m Hintern - pardon - beim Schreibtisch nicht d ' r = sitz ' , das schaffen meine Pratzen , - meine echten deutschen Faust ' ! Die können arbeiten und zugreifen , - wo ' s a Brot gibt . « Er ließ die Arme langsam sinken ... » Sehen ' s , wenn die Not da in der Wohnung von Küche und Kammer im Quergebäude groß wird , - sehr groß - wie jetzt , wo a Kind nach Milch schreit und a arm ' s Weib daliegt und sich nicht rühren kann , - sehen ' s , da geht man halt taglöhnern , - wo ' s was gibt . « Es war trotzig gesagt , fast prahlerisch herausgestoßen ; aber der Kopf hatte sich unwillkürlich gesenkt , die Lider beschatteten die ehrlichen Augen , die eben noch wild dreingeblickt hatten , und es schien , als verbreite sich über das braune Gesicht , langsam steigend , eine Blutwelle ... » Aber glauben ' s nicht , daß meine Arbeit - die eigentliche - deswegen zurückbleibt , -im Gegenteil : wenn ich auf solche Art hab ' schuften müssen , - sag ' ich mir - justament weiter - durch mußt und wirst ! - - Ich schreib ' jetzt ein Drama , - wissen ' s , so was Urdeutsches . « » Ein historischer Stoff ? « » Den hab ' ich auch angefangen , - hab ' n aber inzwischen weggelegt . Er is aus der Geschichte der Sachsen - und bei historischen Sachen is der Erfolg riskiert , wissen ' s , der Aufführungs- und der Gelderfolg , und den brauch ' ich . Nein , - ich mach ' jetzt was anderes , was Aktuelles . Ihnen kann ich ' s ja sagen - Sie werden mir ' s nicht stehlen , - also hören ' s : ein urdeutsches Stück aus der Gegenwart . Ein neuer , nationaler Held - « er machte eine geheimnisvolle Miene - » denken ' s , es wär ' der Graf Zeppelin - steht im Mittelpunkt . In einem echt deutschen Stück « , fuhr er lebhaft fort , » darf aber neben dem heroischen auch das komische Motiv nicht fehlen , wissen ' s ! Nehmens ' an - dazu lang ' ich mir den Zeitgenossen vom Grafen , - den Schuster Voigt , genannt Hauptmann von Köpenick ; fein , was ? Natürlich werden die zwei Helden in einen Zusammenhang gebracht ... dazu hat man ja seine Phantasie ! Und da gibt ' s Episoden - urdeutsch , sag ' ich Ihnen . Erinnern Sie sich an den Meister Hilbrecht , der den Sträfling bei sich aufgenommen hat , - den echten , deutschen Meister Hilf - recht , der so recht und ganz half , - bis die Polizei kam und das Wild weiter jagte ? « Er war ganz heiß und froh geworden bei seiner Schilderung . » Und über all dem - der Adler - der greise Graf . - Er flog - flog über Luzern - mit Adlern um die Wette , « - zitierte er ein Gedicht aus der » Jugend « , - » er flog über die Berge der Schweiz ; ein Augenblick , wert , miterlebt und « fuhr er pathetisch fort , » auf der Schaubühne dem deutschen Volke erhalten zu werden . « Er war ganz verklärt . - » Wär ' was für unseren Schiller gewesen ; aber so was interessiert natürlich die richtigen modernen Literaten nicht « - schloß er mit gereizter Betonung . In seiner Kraft , die manchmal von naiver Roheit nicht fern schien , mit seinem dampfenden Schnauben , seinem Lebens- und Siegeswillen schien er ihr wie ein echter Nachkomme jener Berserker , die sich durch die deutschen Urwälder Wege gehauen und dem Feind nackt und mit wildem Geheul entgegengestürmt waren ... Ein langer , hagerer Herr mit schmalem , gelblichem Gesicht und schwarzem Knebelbart , dessen Kopf an die Männerporträts des Velasquez erinnern konnte , drängte sich zwischen den Tischen durch , sah dabei Olga und grüßte sie ; zögernd blieb er stehen und kam dann , auf ihren freundlichen Gegengruß , heran . » Stiller . « » Doktor Emmerich . « Es war einer der Ärzte aus dem Sanatorium , in dem sich Hoffmann aufgehalten hatte . Er war mit ihm gleichzeitig abgereist , da er von seiner Stellung zurücktrat und sich selbständig niederlassen wollte . Olga hatte ihn einmal bei Werner angetroffen . Beide hatten erraten , daß er ihre Beziehung erkannte , ohne daß sie sich dadurch beunruhigt fühlten . Olga interessierte ihn , und so wollte er nicht vorbeigehen , ohne sie zu begrüßen . » Und unser Freund ? Kommt er nicht auch ? Ich sehe ihn öfters hier . « » Doch , ich erwarte ihn hier . Wollen Sie Platz nehmen ? « Und sie bog einen der Stühle , die sie umgelehnt hatte , um sie zu reservieren , zurück . » Wenn Sie gestatten , bleibe ich gern einen Augenblick . « Mißtrauisch blickte Stiller nach dem neuen Tischgenossen , und seine Stirn war wieder gefältet und finster . Doktor Emmerich war ein Apostel der lichten Lebensauffassung . Einer , der die Menschen , wie er sagte , liebte ; der alle moralischen Mängel als Entartung und Entartung als Krankheit erklärte . » Der ganz gesunde Mensch ist gut und heiter « , - das war sein Glaube ; aber freilich , wo gab es solche ganz Gesunde ? Auf Olgas Frage nach seinen nächsten Plänen , von denen er bei Werner in ihrer Gegenwart gesprochen , erwiderte er , es schreite alles zur Zufriedenheit und programmäßig fort . Ein passendes Haus für sein neu zu gründendes Sanatorium habe er bereits gefunden , - im Süden , in herrlicher Lage , ganz wie er sich ' s gewünscht , - in einer Gegend , in welcher sich auch schon Menschen von besonderer Art angesiedelt hatten , in Askona bei Locarno , am Lago Maggiore . Schon nächster Tage reise er dahin ab . Er erzählte von der Kolonie der Weltflüchtigen , die da in den Bergen verstreut ihre Hütten gebaut hatten . Sie alle hatten sich von den Überlieferungen der Kultur losgesagt . Sie lebten dort als eine besondere Sekte , den Dorfbewohnern bekannt unter dem Namen » Vegetarii « , - fast ohne Geld , im Tauschverkehr mit den Einwohnern des Dorfes , denen sie ihre selbstgezogenen Früchte brachten , wenn sie von ihnen etwas brauchten . In ihren Hütten und Gärten gingen sie meist nackt . Es gab Leute unter ihnen , die früher mitten am Kampfplatz der Intellekte gestanden - und sich dann weiter und weiter zurückgezogen hatten , scheu und beängstigt zurückweichend vor diesem Getümmel , in dem die Gedanken nicht leicht beieinander wohnten , sondern sich fast so hart stießen , wie die Sachen ... Die meisten waren jetzt religiösen Problemen ergeben . Olga schüttelte den Kopf . » Diese Menschen leben doch zumeist von Renten , die ihnen solche , die sich vom Kampfplatz nicht drückten , - übersenden . Heißt das nicht , sich ' s recht bequem machen ? Ihr Tauschverkehr , den Sie da schildern , ist meines Erachtens eine Torheit . Frau Gräser bringt , wie Sie erzählen , dem Zahnarzt Äpfel oder singt ein Lied als Gegengabe , wenn sie einen Zahn gezogen haben will ; wenn der Zahnarzt darauf eingeht , ist das seine persönliche Kulanz . Logisch und berechtigt ist der Vorgang nicht , - denn wie , wenn der Zahnarzt keinen Bedarf an Äpfeln oder an Liedern hat ? ... Wie kann man leugnen wollen , daß das Geld , diese universelle Einheit , durch die alle materiellen Werte ausdrückbar sind , das logischste Medium beim Austausch der Güter ist ? - - Oder wenn diese Menschen da unten alles , was sie brauchen , selbst verfertigen , - welches Dilettieren in allem Handwerk , welche Vergeudung an Kraft und welcher Mißbrauch des Materials ! « Doktor Emmerich erklärte : » Der Glaube - oder der Wahn - der zu solcher Sektenbildung führt , - liegt vielen Gemütern gänzlich fern , aber nur mit dem Gemüte läßt er sich begreifen ... Glauben Sie aber ja nicht , daß ich etwa im Geiste jener Sekte dort hausen werde « , fuhr er lächelnd fort . - - » Das Plätzchen ist wundervoll gewählt . Mit den Leutchen da werde ich mich wohl anfreunden - wie sollten gerade sie den Arzt und Psychologen nicht interessieren , - im übrigen aber will ich solche Menschen heranziehen , die sich in einem köstlichen Klima , in einer gutgeführten Anstalt physisch und seelisch erholen wollen ; und besonders zu dieser seelischen Erholung ihnen zu verhelfen , - soll mir am meisten am Herzen liegen . « » Aha , - eine Therapie , deren Kurmittel nicht nur Diät , Wasser , Luft , Sonne , farbige Bestrahlung , faradische und andere Ströme , sondern auch seelische Kräftigung umfassen soll , umfaßt Ihr Heilprogramm ? « bemerkte Stiller mit gallbitterem Gesicht . » Ganz genau das ist es « , meinte Doktor Emmerich ruhig . » Die Zukunft des Arztes « , fuhr er fort , » begreift auch diese Mission . « » Der Arzt als Heiland « , knurrte Stiller ironisch . » Nicht gerade als Heiland , aber , sagen wir , als der moderne Stellvertreter des Priesters , den die heutige Menschheit sehr notwendig hat , - den Stellvertreter nämlich , nicht den Beamten des Klerus . « » Also wieder ein neuer Weg zum Heil « , meinte Stiller . » Hirsebrei , Obstbaumzucht , Atmungsgymnastik , mystische Übungen und Nacktkultur - das alles tut ' s nicht mehr , es muß auch der ärztliche Seel-Sorger über all dem wachen . « » Nacktkultur ist durchaus nichts Lächerliches . Nackt laufen in freier Luft , nackt baden , turnen und tanzen würde bald aus unserem Volk etwas anderes machen , als es zum großen Teil heute ist ; lächerlich wird die Sache erst , wenn nackte Menschen auf Möbeln in Salons sitzen und da Tee trinken und ästhetische Gespräche führen . « Stiller beachtete diese Erklärung nicht , die erste Mitteilung Doktor Emmerichs hielt ihn in Atem . » Nach welchen Gesichtspunkten , Herr Doktor Emmerich , wollen Sie für seelische Kräftigung Honorar nehmen ? « Doktor Emmerich hatte keinen Augenblick sein heiteres Lächeln verloren . Er erwiderte : » Vor allem will ich ein materiell sehr leistungsfähiges Publikum da hinunterziehen . Als langjähriger Arzt in einem großen Sanatorium habe ich Fühlung mit dieser Klientel . « Stillers braunes Gesicht war gefältet , wie ein entrollter Fächer und ganz von drohenden Schatten bedeckt . » So , so « , knurrte er . » Ja ; dieses Publikum wird dann da unten in Atem gehalten . Sie zählten ja vorhin schon die Methoden auf : elektrische Ströme , Wasser- und Sonnenbäder , und was sonst noch drum und dran hängt . Besonders mit den billigen Kurmitteln des Wassers , der Sonne und einer entwöhnenden Diät rechne ich . Eine heilsame Frugalität der Ernährung ist aber den Patienten nur dann vertrauenswürdig , wenn man die höchsten Preise dafür nimmt . « » Wunderbares Prinzip « , kam es pfauchend zwischen Stillers Zähnen hervor . » Das Haus wird natürlich sehr gut ausgestattet : modernes Inventar , gute , hygienische Betten , W.C. , - das fehlt da unten . Und wenn mir das glückt , wie ich es meine , « fuhr Doktor Emmerich fort , und seine bebrillten Augen wurden licht , - » dann kann ich - sozusagen - die leitende Idee meines Lebens endlich ausführen . « » Und die ist ? « fragte Olga . » Sehen Sie , dann - dann schaffe ich da unten nach und nach eine Einrichtung , die uns fehlt , - eine sehr notwendige Einrichtung : eine Erholungsstätte großen und vornehmen Stils für geistig Arbeitende , - die kein Geld für Erholungsreisen übrig haben und die das völlige Ausspannen bei sehr gutem und sorglosem Leben notwendiger brauchen , wie alle anderen . Denn hier , in ihnen , sind die Kapitalien der Zukunft ; das Material , aus dem sie gebaut wird , sind aber diese Menschen selbst . Sie haben nicht ihr Arbeitsmaterial neben sich , wie Tischler und Schuster , - in sich haben sie es , sie selbst sind es , ihr eigener Leib ist die Möglichkeit ihres Wirkens , aus sich selbst heraus holen sie alles . Diese Menschen leben gehetzter und aufreibender wie alle anderen , ihre Existenz bedingt ein ewiges Hasard , wie die des Spielers , nur daß sie positive Leistungen daneben noch erübrigen müssen . Er - übrigen , « demonstrierte er , - » das heißt , - ein Mehr , ein Übriges muß da sein , ein Übriges an Kraft . Darum bedürfen sie - gerade sie - aller Akkumulatoren der Kraft , der Schonung , der Pflege , der Ruhe und - ja und « mit verbindlichem Lächeln wandte er sich zu Stiller - » und der günstigen seelischen Beeinflussung . « » Das also wollen Sie « , kam es , nach kurzem Schweigen , aus Stillers Munde , und sein Gesicht war glatt und licht , wie ein Sommertag » Ich habe mir die Sache gut ausgerechnet « , sagte Doktor Emmerich . » Ein reicher Patient - das gibt , bei Weglegung der nötigen Reserven für das Haus , - zwei , vielleicht auch drei Plätze für meine anderen Invaliden . Das Unternehmen ist zwar mein privater Besitz , soll aber verwaltet werden , als ob es einer Genossenschaft diente : alles , was erübrigt wird , kommt dem Hause selbst und dem einen Teil der Insassen wieder zugute . « Olga hatte fast vergessen , wo sie war , - einen Augenblick war ihr , als ob das Dunkelblau des italienischen Sees , das strahlende Licht jener Landschaft vor ihre Seele getreten wäre . » Diese Stürmenden , - wollen Sie einfrieden , « sagte sie , » diesen ewig Unsicheren - eine Spanne Sicherheit gewähren . Aber glauben Sie , daß die wirklich - Tüchtigen , die Echten und Starken , die mit dem großen Können und Wollen , - solche Hilfe auch brauchen ? « » Blicken Sie um sich « , sagte Emmerich und senkte unwillkürlich die Stimme . » Nicht gerade hier « , fügte er lächelnd hinzu , da sie die Augen über das Lokal schweifen ließ , » blicken Sie im Leben , in Ihren Kreisen um Sich ! Sie werden echtes Können und manches edle Wollen sehen . Aber Sie werden auch sehen , daß dieser Wille fast überall gegen Nervenohnmacht kämpft und sich dabei versplittert und verstäubt , wie Wellen , die auf Felsen schlagen . Daher sind unter diesen geistig Ringenden jene so selten , die - wie soll ich es richtig sagen , - großen Lebenszuständen gewachsen sind : der Liebe , dem sozialen Kampf , dem Erwerbsleben mit seinem brutalen Gedränge , der Anpassung an das Milieu und den Krisen der eigenen Brust in Sachen der Kunst , der Weltanschauung , des inneren Dogmas und der Bedrängung durch eigene Triebe . Darum sehen Sie die einen zu Sklaven ihrer Begierden werden , - andere wieder , die ihre Triebschwäche lähmt . « Er unterbrach sich . Olga grüßte nach der Tür hin , durch deren Rondell eben Stanislaus eingetreten war . » Der schöne Mensch « , fuhr Doktor Emmerich fort , » wird immer seltener : das ist der , der Gefühlsströme zwischen sich und andere zu leiten vermag , der die Freude in der Welt mehrt . Denn aus der Freude kommt die Kraft und die Tat über sich selbst hinaus ... « ... « Er machte eine Pause und nickte , wie für sich selbst : » Darum will ich - helfen , soweit ich kann . « Stanislaus war herangekommen . Der Begrüßung folgte der Aufbruch Stillers . » Ich muß nach Hause schauen , « sagte er , - » aber ich komm ' dann wieder und find ' Sie dann gewiß noch hier « , fügte er , zu Olga gewendet , hinzu . » Ihnen dank ' ich - dank ' ich , Herr Doktor , - für das , was ich von Ihnen hab ' hören dürfen . « Er ging . Olga erzählte Stanislaus , der sich seiner nicht gleich erinnerte , wer er war , und berichtete den beiden Männern von seinem Leben . » Einer von meinen künftigen Gästen , - von denen , die ich vorzumerken habe « , meinte Emmerich . » Ich fürchte , Ihre Liste wird lang werden « , antwortete Olga . » Ihren Namen lese ich jetzt oft « , sagte Doktor Emmerich , zu Stanislaus gewandt . » Im Zusammenhang mit der alten Sache . Mich interessiert die aber momentan nicht mehr . Mein Herz gehört - der neuen . « » Schriftsteller sind immer um eine Nasenlänge über sich selbst hinaus « , sagte Doktor Emmerich . Man sprach von Werner Hoffmann . » Kennen Sie ihn ? « sagte Stanislaus , mit eindringlicher Betonung . » Ich glaube , « erwiderte Emmerich und zog sein schwarzes Knebelbärtchen nachdenklich durch die Hand ; - » ein möglicher Christus . Kompromißlos wie Ibsens Brand . Eigentlich ein Mystiker , - der nicht weiß , daß er es ist , sehr zum Heil seiner suchenden Seele . Ein Mensch mit heftigen Tatinstinkten , denen sich tausend ererbte Hemmungen entgegenstellen , die ihn hindern , sich selbst auf die Spur zu kommen ; der sich suchen wird sein Leben lang ; einer , dem jeder Irrtum zur Sünde wird , ... ein Beladener . « Die Geschwister horchten . Das Gesumme des überfüllten Saales umgab sie , ohne daß sie es hörten . Sie sahen auch nicht mehr die Einzelnen ; nur noch die Fülle der bewegten Figuren , die sich im bläulichen Zigarrendampf und im gelben Kunstlicht bewegten , schob sich vor ihren Blicken , wie im Spiegel hin . Die gelben Gardinen des einen Fensters waren noch nicht vorgezogen . Draußen schimmerte die tiefe Nacht , blau , zwischen den fahlen Lichtkreisen der Gaslaternen , dicht und blendend fiel der Schnee , legte sich an die großen Spiegelscheiben , bildete da kristallene Sterne und schimmernde Ballen . Plötzlich sahen sie Werner , in Begleitung zweier Fremder , über die Straße kommen . Werner , wie immer , in der Lodenpelerine , den weiten Schlapphut tief in die Stirn gedrückt . Gleich darauf waren sie eingetreten und bei ihnen . » Herr von Bredow , - Baronin Kellenberg « , sagte Werner , nachdem er die Geschwister und Doktor Emmerich vorgestellt hatte . Die hohe Gestalt der Dame war ihnen schon draußen aufgefallen . Nun , da sie ihren Pelzmantel ablegte und in ihrem breiten Federnhut und im tiefschwarzen , fließenden Sammetkleid vor dem Tisch stand , erschrak Olga beinahe über ihre Schönheit . Auf der hohen , üppigen , von keinem Mieder verschnürten Gestalt saß ein Kopf , mit vollendet ebenmäßigen , ruhigen , großgezeichneten Zügen . » Der Edeltyp der Kaukasierin « , so hatte Werner sie geschildert , und Olga hatte sich dabei nichts denken können . Nun , als sie dieses Gesicht sah , wußte sie , was er meinte . Das war das Antlitz der Europäerin , wie sie ursprünglich gewesen , bevor sie durch gefährliche Kreuzungen das ruhige , große Ebenmaß der Züge verlor und soubrettenhaft verniedlicht , wo nicht verhäßlicht wurde . Kühle , blaue Augen beherrschten das Gesicht , dessen Teint etwas blaß war , ohne daß die zarte Frische des Fleisches davon beeinträchtigt wurde . Die Augenbrauen waren hellbraun , wie das Haar , und lagen als vollendet geschwungene Bogen über den Augen , ja sie schienen etwas hochgezogen , was dem Gesicht den Ausdruck des Staunens , fast der Einfalt , gab , - eine Einfalt , an welche Olga nicht glaubte , und deren Schein ihr nur durch diese Bogen der Brauen erzeugt schien . In diesen Augen aber war noch etwas anderes : ein unaufhörliches Irisieren , das zu der sonstigen Ruhe des Antlitzes nicht paßte und wie künstlich ins Auge gebannt wirkte . Stanislaus war beim Anblick der Baronin das Wort von der ochsenäugigen Hera in Erinnerung gekommen , - ganz in jenem ehrfürchtigen , mythologischen Sinn , der das große Auge der Göttin durch den Vergleich nicht erniedrigen , nur charakterisieren wollte . Er dachte an die Antiken , die er in Rom gesehen , an Kameen , in die die mächtigen Züge der Hera eingeschnitten waren ; aber als er das Profil der Baronin sah , kamen ihm die geheimnisvollen , geradlinigen Züge in den Sinn , die man an uralten , ägyptischen Torsen fand , diese Profile , die tausendjährig und ewig jung , - unbeweglich und doch faszinierend erschienen . Herr von Bredow war so groß wie die Baronin . Sein Kopf sah eckig und fest aus . Die zierlichen Ohren , deren Knorpelgewinde besonders fein und verschlungen war , saßen tief , dicht über dem Winkel der Kiefer ; die Augen , von klarem Grau , lagen unter einer Spur hellblonder Brauen . Der Blick war durchdringend . Die kurzverschnittene Schnurrbartbürste sträubte sich steif und borstig , das gewaltige Gebiß war etwas vorgeschoben und ungleichmäßig . Als er den Hut abnahm , sah man einen fast kahlen Schädel von ungeheueren Dimensionen . Steil wie ein Dachgiebel , stieg die Stirn auf ; die tiefsitzenden Ohren ließen sie , seitlich besehen , von mächtiger Weite und Breite erscheinen , - von vorn betrachtet schwang sie sich , in überraschend reiner Linie , wie ein romanischer Bogen . Ohne Hut sah er ganz verändert aus . Olga dachte : wie eine Taschenuhr , wenn der goldumränderte Glasdeckel aufspringt und das Zifferblatt in seiner Kahlheit und Weite sich präsentiert . Die Baronin sprach wenig , aber mit großer Verbindlichkeit . Sie begleitete ihre Worte mit einem anmutvollen Lächeln und dem Irisieren ihrer Augen . Werner Hoffmann , Herr von Bredow und Dr. Emmerich bestimmten die Konversation , in die Stanislaus und Olga ab und zu eingriffen . Herr von Bredow , der in diplomatischen Diensten war , sollte in den nächsten Tagen als Gesandtschaftssekretär nach Genua abreisen . » Habe mir eben Reiselektüre besorgt « , sagte er und zog ein Heft aus der Tasche . Voll Interesse streckte Werner die Hand darnach aus . Es war eine spanische Grammatik . » Gibt es eine bessere Gelegenheit , sich Verben einzupauken , als während einer Bahnfahrt ? « Mit bewunderndem Blick gab ihm Werner das Heft zurück . Herr von Bredow ließ sich gleich darauf vom Kellner das Kursbuch geben und sah die Züge nach . Stanislaus bot ihm einen Bleistift und riß ein Blatt aus seinem Notizbuch . » Danke , ich notiere mir nichts « , meinte Herr von Bredow . Stanislaus fragte , ob dies aus prinzipiellen Gründen unterbliebe . » Allerdings « , erwiderte Herr von Bredow . » Die Sinne müssen wach und scharf bleiben , - man darf sie nicht einschläfern , darum auch nicht das Gedächtnis durch Notizen erleichtern . Ich weiß meine Züge « , fügte er lächelnd hinzu ... » Übrigens habe ich keinerlei Grundsätze über das Positive , - über das , was zu tun ist ; ich übe mich nur , - soweit ich kann , - im Unterlassen des Überflüssigen . « » Wenn ich nicht irre , - so haben wir es hier mit einer vorsätzlichen Selbstverordnung zu tun ? « meinte Dr. Emmerich forschend . » Sehr richtig « , gab Herr von Bredow zurück . » Wenn man ein Mensch ist , der seiner Natur nach am liebsten Tat auf Tat setzen möchte , - vielleicht Untat auf Untat « - ein heiseres Lachen klang auf , - » so muß man sein bißchen Moral dahin kommandieren , - das Seinlassen zu lernen ... Kontra dem Impuls - das ist wohl die einzige Erziehung von Menschen mit überschüssigem Aktivitätstrieb . « » In welcher Schule , wenn ich so fragen darf « , forschte Dr. Emmerich weiter , - » haben Sie dies gelernt ? « » Dieses Axiom ist durch eigene Erfahrung erworben . Die Lehren asiatischer Lebensweisheit , denen ich später begegnet bin , haben mich dann in dieser Meinung bestärkt . Dem Bushido der Japaner , den Schriften des neueren Buddhismus danke ich so manches ; freilich bin ich nur ein zerebraler Jünger dieser Schule , - denn aus seiner eigenen Haut kann man leider doch nicht heraus . - - Alle diese Lehren der Lebenskunst , « fuhr er fort , da niemand sprach , » wie sie die moderne , asiatische Philosophie lehrt , laufen darauf hinaus : besser zu leben ; nicht etwa edler , nein , - besser . Das alles ist klarste Weisheit der Selbsterhaltung . « » Warum sollte ein Mensch , der immer kontra seinem eigentlichen Wollen handelt , so viel besser daran sein , als andere « , meinte Werner . Herr von Bredow sah ihn mit seinem durchdringenden Zentralblick an . » Weil es einem Menschen von direktem Wollen , der die Verhältnisse aller Dinge schändlich mißachtet und immer mit dem Kopf durch die Wand rennt , - schlimm ergeht . Dieser aufs Positive gerichtete Wille wird gestraft , und seine Strafe besteht zumeist darin , « fügte er leise , fast geheimnisvoll hinzu , » daß alle seine Wünsche in Erfüllung gehen , - daß er wirklich alles durchsetzt ... Wünsche sind wie Sklaven , die sich abarbeiten , - bis alles vollbracht ist . Etwas Schlimmeres aber kann einem nicht passieren . « Herr von Bredow stützte seinen mächtigen Kopf in die Hand und sah mit seinen klaren , grauen Augen vor sich hin . » Dieser gierige , europäisch-amerikanische Willenstrieb ist der Grund , warum uns die Orientalen gering schätzen ; ihre durchaus nüchterne Moral verlangt vor allem : innere Abrüstung . Wir - sind dazu zu aggressiv , zu diesseitig , zu selbstgefällig und , vor allem , zu hungrig . Darum erscheinen wir den Völkern des Ostens zerrissen , verschwommen - und immer getäuscht . « Werner horchte hingegeben . » Ich