. Daß sie den kühlenden , glatten Band mitnähme hinaus in den summenden Obstgarten oder hinüber zum Phlox , in dessen übersüßtem Duft ein Bodensatz schierer Süßigkeit steht . Daß sie es früh fände . In den Tagen , da ihre Augen anfangen , auf sich zu halten , während der jüngere Mund noch imstande ist , viel zu große Stücke von einem Apfel abzubeißen und voll zu sein . Und wenn dann die Zeit der bewegteren Freundschaften kommt , Mädchen , daß es euer Geheimnis wäre , einander Dika zu rufen und Anaktoria , Gyrinno und Atthis . Daß einer , ein Nachbar vielleicht , ein älterer Mann , der in seiner Jugend gereist ist und längst als Sonderling gilt , euch diese Namen verriete . Daß er euch manchmal zu sich einlüde , um seiner berühmten Pfirsiche willen oder wegen der Ridingerstiche zur Equitation oben in weißen Gang , von denen so viel gesprochen wird , daß man sie müßte gesehen haben . Vielleicht überredet ihr ihn zu erzählen . Vielleicht ist die unter euch , die ihn erbitten kann , die alten Reisetagebücher hervorzuholen , wer kann es wissen ? Dieselbe , die es ihm eines Tags zu entlocken versteht , daß einzelne Gedichtstellen der Sappho auf uns gekommen sind , und die nicht ruht bis sie weiß , was fast ein Geheimnis ist : daß dieser zurückgezogene Mann es liebte , zuzeiten seine Muße an die Übertragung dieser Versstücke zu wenden . Er muß zugeben , daß er lange nicht mehr daran gedacht hat , und was da ist , versichert er , sei nicht der Rede wert . Aber nun freut es ihn doch , vor diesen arglosen Freundinnen , wenn sie sehr drängen , eine Strophe zu sagen . Er entdeckt sogar den griechischen Wortlaut in seinem Gedächtnis , er spricht ihn vor , weil die Übersetzung nichts giebt , seiner Meinung nach , und um dieser Jugend den schönen , echten Bruch der massiven Schmucksprache zu zeigen , die in so starken Flammen gebogen ward . Über dem allen erwärmt er sich wieder für seine Arbeit . Es kommen schöne , fast jugendliche Abende für ihn , Herbstabende zum Beispiel , die sehr viel stille Nacht vor sich haben . In seinem Kabinett ist dann lange Licht . Er bleibt nicht immer über die Blätter gebeugt , er lehnt sich oft zurück , er schließt die Augen über einer wieder gelesenen Zeile , und ihr Sinn verteilt sich in seinem Blut . Nie war er der Antike so gewiß . Fast möchte er der Generationen lächeln , die sie beweint haben wie ein verlorenes Schauspiel , in dem sie gerne aufgetreten wären . Nun begreift er momentan die dynamische Bedeutung jener frühen Welteinheit , die etwas wie ein neues , gleichzeitiges Aufnehmen aller menschlichen Arbeit war . Es beirrt ihn nicht , daß jene konsequente Kultur mit ihren gewissermaßen vollzähligen Versichtbarungen für viele spätere Blicke ein Ganzes zu bilden schien und ein im Ganzen Vergangenes . Zwar ward dort wirklich des Lebens himmlische Hälfte an die halbrunde Schale des Daseins gepaßt , wie zwei volle Hemisphären zu einer heilen , goldenen Kugel zusammengehen . Doch dies war kaum geschehen , so empfanden die in ihr eingeschlossenen Geister diese restlose Verwirklichung nur noch als Gleichnis ; das massive Gestirn verlor an Gewicht und stieg auf in den Raum , und in seiner goldenen Rundung spiegelte sich zurückhaltend die Traurigkeit dessen , was noch nicht zu bewältigen war . Wie er dies denkt , der Einsame in seiner Nacht , denkt und einsieht , bemerkt er einen Teller mit Früchten auf der Fensterbank . Unwillkürlich greift er einen Apfel heraus und legt ihn vor sich auf den Tisch . Wie steht mein Leben herum um diese Frucht , denkt er . Um alles Fertige steigt das Ungetane und steigert sich . Und da , über dem Ungetanen , ersteht ihm , fast zu schnell , die kleine , ins Unendliche hinaus gespannte Gestalt , die ( nach Galiens Zeugnis ) alle meinten , wenn sie sagten : die Dichterin . Denn wie hinter den Werken des Herakles Abbruch und Umbau der Welt verlangend aufstand , so drängten sich , gelebt zu werden , aus den Vorräten des Seins an die Taten ihres Herzens die Seligkeiten und Verzweiflungen heran , mit denen die Zeiten auskommen müssen . Er kennt auf einmal dieses entschlossene Herz , das bereit war , die ganze Liebe zu leisten bis ans Ende . Es wundert ihn nicht , daß man es verkannte ; daß man in dieser überaus künftigen Liebenden nur das Übermaß sah , nicht die neue Maßeinheit von Liebe und Herzleid . Daß man die Inschrift ihres Daseins auslegte wie sie damals gerade glaubhaft war , daß man ihr endlich den Tod derjenigen zuschrieb , die der Gott einzeln anreizt , aus sich hinauszulieben ohne Erwiderung . Vielleicht waren selbst unter den von ihr gebildeten Freundinnen solche , die es nicht begriffen : daß sie auf der Höhe ihres Handelns nicht um einen klagte , der ihre Umarmung offen ließ , sondern um den nicht mehr Möglichen , der ihrer Liebe gewachsen war . Hier steht der Sinnende auf und tritt an sein Fenster , sein hohes Zimmer ist ihm zu nah , er möchte Sterne sehen , wenn es möglich ist . Er täuscht sich nicht über sich selbst . Er weiß , daß diese Bewegung ihn erfüllt , weil unter den jungen Mädchen aus der Nachbarschaft die eine ist , die ihn angeht . Er hat Wünsche ( nicht für sich , nein , aber für sie ) ; für sie versteht er in einer nächtlichen Stunde , die vorübergeht , den Anspruch der Liebe . Er verspricht sich , ihr nichts davon zu sagen . Es scheint ihm das Äußerste , allein zu sein und wach und um ihretwillen zu denken , wie sehr im Recht jene Liebende war : wenn sie wußte , daß mit der Vereinigung nichts gemeint sein kann , als ein Zuwachs an Einsamkeit ; wenn sie den zeitlichen Zweck des Geschlechtes durchbrach mit seiner unendlichen Absicht . Wenn sie im Dunkel der Umarmungen nicht nach Stillung grub , sondern nach Sehnsucht . Wenn sie es verachtete , daß von Zweien einer der Liebende sei und einer Geliebter , und die schwachen Geliebten , die sie sich zum Lager trug , an sich zu Liebenden glühte , die sie verließen . An solchen hohen Abschieden wurde ihr Herz zur Natur . Über dem Schicksal sang sie den firnen Lieblinginnen ihr Brautlied ; erhöhte ihnen die Hochzeit ; übertrieb ihnen den nahen Gemahl , damit sie sich zusammennähmen für ihn wie für einen Gott und auch noch seine Herrlichkeit überstünden . Einmal noch , Abelone , in den letzten Jahren fühlte ich dich und sah dich ein , unerwartet , nachdem ich lange nicht an dich gedacht hatte . Das war in Venedig , im Herbst , in einem jener Salons , in denen Fremde sich vorübergehend um die Dame des Hauses versammeln , die fremd ist wie sie . Diese Leute stehen herum mit ihrer Tasse Tee und sind entzückt , sooft ein kundiger Nachbar sie kurz und verkappt nach der Tür dreht , um ihnen einen Namen zuzuflüstern , der venezianisch klingt . Sie sind auf die äußersten Namen gefaßt , nichts kann sie überraschen ; denn so sparsam sie sonst auch im Erleben sein mögen , in dieser Stadt geben sie sich nonchalant den übertriebensten Möglichkeiten hin . In ihrem gewöhnlichen Dasein verwechseln sie beständig das Außerordentliche mit dem Verbotenen , so daß die Erwartung des Wunderbaren , die sie sich nun gestatten , als ein grober , ausschweifender Ausdruck in ihre Gesichter tritt . Was ihnen zu Hause nur momentan in Konzerten passiert oder wenn sie mit einem Roman allein sind , das tragen sie unter diesen schmeichelnden Verhältnissen als berechtigten Zustand zur Schau . Wie sie , ganz unvorbereitet , keine Gefahr begreifend , von den fast tödlichen Geständnissen der Musik sich anreizen lassen wie von körperlichen Indiskretionen , so überliefern sie sich , ohne die Existenz Venedigs im geringsten zu bewältigen , der lohnenden Ohnmacht der Gondeln . Nicht mehr neue Eheleute , die während der ganzen Reise nur gehässige Repliken für einander hatten , versinken in schweigsame Verträglichkeit ; über den Mann kommt die angenehme Müdigkeit seiner Ideale , während sie sich jung fühlt und den trägen Einheimischen aufmunternd zunickt mit einem Lächeln , als hätte sie Zähne aus Zucker , die sich beständig auflösen . Und hört man hin , so ergiebt es sich , daß sie morgen reisen oder übermorgen oder Ende der Woche . Da stand ich nun zwischen ihnen und freute mich , daß ich nicht reiste . In kurzem würde es kalt sein . Das weiche , opiatische Venedig ihrer Vorurteile und Bedürfnisse verschwindet mit diesen somnolenten Ausländern , und eines Morgens ist das andere da , das wirkliche , wache , bis zum Zerspringen spröde , durchaus nicht erträumte : das mitten im Nichts auf versenkten Wäldern gewollte , erzwungene und endlich so durch und durch vorhandene Venedig . Der abgehärtete , auf das Nötigste beschränkte Körper , durch den das nachtwache Arsenal das Blut seiner Arbeit trieb , und dieses Körpers penetranter , sich fortwährend erweiternder Geist , der stärker war als der Duft aromatischer Länder . Der suggestive Staat , der das Salz und Glas seiner Armut austauschte gegen die Schätze der Völker . Das schöne Gegengewicht der Welt , das bis in seine Zierate hinein voll latenter Energien steht , die sich immer feiner vernervten - : dieses Venedig . Das Bewußtsein , daß ich es kannte , überkam mich unter allen diesen sich täuschenden Leuten mit so viel Widerspruch , daß ich aufsah , um mich irgendwie mitzuteilen . War es denkbar , daß in diesen Sälen nicht einer war , der unwillkürlich darauf wartete , über das Wesen dieser Umgebung aufgeklärt zu sein ? Ein junger Mensch , der es sofort begriff , daß hier nicht ein Genuß aufgeschlagen war , sondern ein Beispiel des Willens , wie es nirgends anfordernder und strenger sich finden ließ ? Ich ging umher , meine Wahrheit beunruhigte mich . Da sie mich hier unter so vielen ergriffen hatte , brachte sie den Wunsch mit , ausgesprochen , verteidigt , bewiesen zu sein . Die groteske Vorstellung entstand in mir , wie ich im nächsten Augenblick in die Hände klatschen würde aus Haß gegen das von allen zerredete Mißverständnis . In dieser lächerlichen Stimmung bemerkte ich sie . Sie stand allein vor einem strahlenden Fenster und betrachtete mich ; nicht eigentlich mit den Augen , die ernst und nachdenklich waren , sondern geradezu mit dem Mund , der dem offenbar bösen Ausdruck meines Gesichtes ironisch nachahmte . Ich fühlte sofort die ungeduldige Spannung in meinen Zügen und nahm ein gelassenes Gesicht an , worauf ihr Mund natürlich wurde und hochmütig . Dann , nach kurzem Bedenken , lächelten wir einander gleichzeitig zu . Sie erinnerte , wenn man will , an ein gewisses Jugendbildnis der schönen Benedicte von Qualen , die in Baggesens Leben eine Rolle spielt . Man konnte die dunkle Stille ihrer Augen nicht sehen ohne die klare Dunkelheit ihrer Stimme zu vermuten . Übrigens war die Flechtung ihres Haars und der Halsausschnitt ihres hellen Kleides so kopenhagisch , daß ich entschlossen war , sie dänisch anzureden . Ich war aber noch nicht nahe genug , da schob sich von der andern Seite eine Strömung zu ihr hin ; unsere gästeglückliche Gräfin selbst , in ihrer warmen , begeisterten Zerstreutheit , stürzte sich mit einer Menge Beistand über sie , um sie auf der Stelle zum Singen abzuführen . Ich war sicher , daß das junge Mädchen sich damit entschuldigen würde , daß niemand in der Gesellschaft Interesse haben könne , dänisch singen zu hören . Dies tat sie auch , sowie sie zu Worte kam . Das Gedränge um die lichte Gestalt herum wurde eifriger ; jemand wußte , daß sie auch deutsch singe . » Und italienisch « , ergänzte eine lachende Stimme mit boshafter Überzeugung . Ich wußte keine Ausrede , die ich ihr hätte wünschen können , aber ich zweifelte nicht , daß sie widerstehen würde . Schon breitete sich eine trockene Gekränktheit über die vom langen Lächeln abgespannten Gesichter der Überredenden aus , schon trat die gute Gräfin , um sich nichts zu vergeben , mitleidig und würdig einen Schritt ab , da , als es durchaus nicht mehr nötig war , gab sie nach . Ich fühlte , wie ich blaß wurde vor Enttäuschung ; mein Blick füllte sich mit Vorwurf , aber ich wandte mich weg , es lohnte nicht , sie das sehn zu lassen . Sie aber machte sich von den andern los und war auf einmal neben mir . Ihr Kleid schien mich an , der blumige Geruch ihrer Wärme stand um mich . » Ich will wirklich singen « , sagte sie auf dänisch meine Wange entlang , » nicht weil sie ' s verlangen , nicht zum Schein : weil ich jetzt singen muß . « Aus ihren Worten brach dieselbe böse Unduldsamkeit , von welcher sie mich eben befreit hatte . Ich folgte langsam der Gruppe , mit der sie sich entfernte . Aber an einer hohen Tür blieb ich zurück und ließ die Menschen sich verschieben und ordnen . Ich lehnte mich an das schwarzspiegelnde Türinnere und wartete . Jemand fragte mich , was sich vorbereite , ob man singen werde . Ich gab vor , es nicht zu wissen . Während ich log , sang sie schon . Ich konnte sie nicht sehen . Es wurde allmählich Raum um eines jener italienischen Lieder , die die Fremden für sehr echt halten , weil sie von so deutlicher Übereinkunft sind . Sie , die es sang , glaubte nicht daran . Sie hob es mit Mühe hinauf , sie nahm es viel zu schwer . An dem Beifall vorne konnte man merken , wann es zu Ende war . Ich war traurig und beschämt . Es entstand einige Bewegung , und ich nahm mir vor , sowie jemand gehen würde , mich anzuschließen . Aber da wurde es mit einemmal still . Eine Stille ergab sich , die eben noch niemand für möglich gehalten hätte ; sie dauerte an , sie spannte sich , und jetzt erhob sich in ihr die Stimme . ( Abelone , dachte ich . Abelone . ) Diesmal war sie stark , voll und doch nicht schwer ; aus einem Stück , ohne Bruch , ohne Naht . Es war ein unbekanntes deutsches Lied . Sie sang es merkwürdig einfach , wie etwas Notwendiges . Sie sang : » Du , der ichs nicht sage , daß ich bei Nacht weinend liege , deren Wesen mich müde macht wie eine Wiege . Du , die mir nicht sagt , wenn sie wacht meinetwillen : wie , wenn wir diese Pracht ohne zu stillen in uns ertrügen ? ( kurze Pause und zögernd ) : Sieh dir die Liebenden an , wenn erst das Bekennen begann , wie bald sie lügen . « Wieder die Stille . Gott weiß , wer sie machte . Dann rührten sich die Leute , stießen aneinander , entschuldigten sich , hüstelten . Schon wollten sie in ein allgemeines verwischendes Geräusch übergehen , da brach plötzlich die Stimme aus , entschlossen , breit und gedrängt : » Du machst mich allein . Dich einzig kann ich vertauschen . Eine Weile bist dus , dann wieder ist es das Rauschen , oder es ist ein Duft ohne Rest . Ach , in den Armen hab ich sie alle verloren , du nur , du wirst immer wieder geboren : weil ich niemals dich anhielt , halt ich dich fest . « Niemand hatte es erwartet . Alle standen gleichsam geduckt unter dieser Stimme . Und zum Schluß war eine solche Sicherheit in ihr , als ob sie seit Jahren gewußt hätte , daß sie in diesem Augenblick würde einzusetzen haben . Manchmal früher fragte ich mich , warum Abelone die Kalorien ihres großartigen Gefühls nicht an Gott wandte . Ich weiß , sie sehnte sich , ihrer Liebe alles Transitive zu nehmen , aber konnte ihr wahrhaftiges Herz sich darüber täuschen , daß Gott nur eine Richtung der Liebe ist , kein Liebesgegenstand ? Wußte sie nicht , daß keine Gegenliebe von ihm zu fürchten war ? Kannte sie nicht die Zurückhaltung dieses überlegenen Geliebten , der die Lust ruhig hinausschiebt , um uns , Langsame , unser ganzes Herz leisten zu lassen ? Oder wollte sie Christus vermeiden ? Fürchtete sie , halben Wegs von ihm aufgehalten , an ihm zur Geliebten zu werden ? Dachte sie deshalb ungern an Julie Reventlow ? Fast glaube ich es , wenn ich bedenke , wie an dieser Erleichterung Gottes eine so einfältige Liebende wie Mechthild , eine so hinreißende wie Therese von Avila , eine so wunde wie die Selige Rose von Lima , hinsinken konnte , nachgiebig , doch geliebt . Ach , der für die Schwachen ein Helfer war , ist diesen Starken ein Unrecht ; wo sie schon nichts mehr erwarteten , als den unendlichen Weg , da tritt sie noch einmal im spannenden Vorhimmel ein Gestalteter an und verwöhnt sie mit Unterkunft und verwirtt sie mit Mannheit . Seines starkbrechenden Herzens Linse nimmt noch einmal ihre schon parallelen Herzstrahlen zusamm , und sie , die die Engel schon ganz für Gott zu erhalten hofften , flammen auf in der Dürre ihrer Sehnsucht . 8 ( Geliebtsein heißt aufbrennen . Lieben ist : Leuchten mit unerschöpflichem Öle . Geliebtwerden ist vergehen , Lieben ist dauern . ) Es ist gleichwohl möglich , daß Abelone in späteren Jahren versucht hat , mit dem Herzen zu denken , um unauffällig und unmittelbar mit Gott in Beziehung zu kommen . Ich könnte mir vorstellen , daß es Briefe von ihr giebt , die an die aufmerksame innere Beschauung der Fürstin Amalie Galitzin erinnern ; aber wenn diese Briefe an jemanden gerichtet waren , dem sie seit Jahren nahestand , wie mag der gelitten haben unter ihrer Veränderung . Und sie selbst : ich vermute , sie fürchtete nichts als jenes gespenstische Anderswerden , das man nicht merkt , weil man beständig alle Beweise dafür , wie das Fremdeste , aus den Händen läßt . Man wird mich schwer davon überzeugen , daß die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist , der nicht geliebt werden wollte . Da er ein Kind war , liebten ihn alle im Hause . Er wuchs heran , er wußte es nicht anders und gewöhnte sich in ihre Herzweiche , da er ein Kind war . Aber als Knabe wollte er seine Gewohnheiten ablegen . Er hätte es nicht sagen können , aber wenn er draußen herumstrich den ganzen Tag und nicht einmal mehr die Hunde mithaben wollte , so wars , weil auch sie ihn liebten ; weil in ihren Blicken Beobachtung war und Teilnahme , Erwartung und Besorgtheit ; weil man auch vor ihnen nichts tun konnte , ohne zu freuen oder zu kränken . Was er aber damals meinte , das war die innige Indifferenz seines Herzens , die ihn manchmal früh in den Feldern mit solcher Reinheit ergriff , daß er , zu laufen begann , um nicht Zeit und Atem zu haben , mehr zu sein als ein leichter Moment , in dem der Morgen zum Bewußtsein kommt . Das Geheimnis seines noch nie gewesenen Lebens breitete sich vor ihm aus . Unwillkürlich verließ er den Fußpfad und lief weiter feldein , die Arme ausgestreckt , als könnte er in dieser Breite mehrere Richtungen auf einmal bewältigen . Und dann warf er sich irgendwo hinter eine Hecke , und niemand legte Wert auf ihn . Er schälte sich eine Flöte , er schleuderte einen Stein nach einem kleinen Raubtier , er neigte sich vor und zwang einen Käfer umzukehren : dies alles wurde kein Schicksal , und die Himmel gingen wie über Natur . Schließlich kam der Nachmittag mit lauter Einfällen ; man war ein Bucanier auf der Insel Tortuga , und es lag keine Verpflichtung darin , es zu sein ; man belagerte Campêche , man eroberte Vera-Cruz ; es war möglich , das ganze Heer zu sein oder ein Anführer zu Pferd oder ein Schiff auf dem Meer : je nachdem man sich fühlte . Fiel es einem aber ein , hinzuknien , so war man rasch Deodat von Gozon und hatte den Drachen erlegt und vernahm , ganz heiß , daß dieses Heldentum hoffährtig war , ohne Gehorsam . Denn man ersparte sich nichts , was zur Sache gehörte . Soviel Einbildungen sich aber auch einstellten , zwischendurch war immer noch Zeit , nichts als ein Vogel zu sein , ungewiß welcher . Nur daß der Heimweg dann kam . Mein Gott , was war da alles abzulegen und zu vergessen ; denn richtig vergessen , das war nötig ; sonst verriet man sich , wenn sie drängten . Wie sehr man auch zögerte und sich umsah , schließlich kam doch der Giebel herauf . Das erste Fenster oben faßte einen ins Auge , es mochte wohl jemand dort stehen . Die Hunde , in denen die Erwartung den ganzen Tag angewachsen war , preschten durch die Büsche und trieben einen zusammen zu dem , den sie meinten . Und den Rest tat das Haus . Man mußte nur eintreten in seinen vollen Geruch , schon war das Meiste entschieden . Kleinigkeiten konnten sich noch ändern ; im ganzen war man schon der , für den sie einen hier hielten ; der , dem sie aus seiner kleinen Vergangenheit und ihren eigenen Wünschen längst ein Leben gemacht hatten ; das gemeinsame Wesen , das Tag und Nacht unter der Suggestion ihrer Liebe stand , zwischen ihrer Hoffnung und ihrem Argwohn , vor ihrem Tadel oder Beifall . So einem nützt es nichts , mit unsäglicher Vorsicht die Treppen zu steigen . Alle werden im Wohnzimmer sein , und die Türe muß nur gehn , so sehen sie hin . Er bleibt im Dunkel , er will ihre Fragen abwarten . Aber dann kommt das Ärgste . Sie nehmen ihn bei den Händen , sie ziehen ihn an den Tisch , und alle , soviel ihrer da sind , strecken sich neugierig vor die Lampe . Sie haben es gut , sie halten sich dunkel , und auf ihn allein fällt , mit dem Licht , alle Schande , ein Gesicht zu haben . Wird er bleiben und das ungefähre Leben nachlügen , das sie ihm zuschreiben , und ihnen allen mit dem ganzen Gesicht ähnlich werden ? Wird er sich teilen zwischen der zarten Wahrhaftigkeit seines Willens und dem plumpen Betrug , der sie ihm selber verdirbt ? Wird er es aufgeben , das zu werden , was denen aus seiner Familie , die nur noch ein schwaches Herz haben , schaden könnte ? Nein , er wird fortgehen . Zum Beispiel während sie alle beschäftigt sind , ihm den Geburtstagstisch zu bestellen mit den schlecht erratenen Gegenständen , die wieder einmal alles ausgleichen sollen . Fortgehen für immer . Viel später erst wird ihm klar werden , wie sehr er sich damals vornahm , niemals zu lieben , um keinen in die entsetzliche Lage zu bringen , geliebt zu sein . Jahre hernach fällt es ihm ein und , wie andere Vorsätze , so ist auch dieser unmöglich gewesen . Denn er hat geliebt und wieder geliebt in seiner Einsamkeit ; jedesmal mit Verschwendung seiner ganzen Natur und unter unsäglicher Angst um die Freiheit des andern . Langsam hat er gelernt , den geliebten Gegenstand mit den Strahlen seines Gefühls zu durchscheinen , statt ihn darin zu verzehren . Und er war verwöhnt von dem Entzücken , durch die immer transparentere Gestalt der Geliebten die Weiten zu erkennen , die sie seinem unendlichen Besitzen wollen auftat . Wie konnte er dann nächtelang weinen vor Sehnsucht , selbst so durchleuchtet zu sein . Aber eine Geliebte , die nachgiebt , ist noch lang keine Liebende . O , trostlose Nächte , da er seine flutenden Gaben in Stücken wiederempfing , schwer von Vergänglichkeit . Wie gedachte er dann der Troubadours , die nichts mehr fürchteten als erhört zu sein . Alles erworbene und vermehrte Geld gab er dafür hin , dies nicht noch zu erfahren . Er kränkte sie mit seiner groben Bezahlung , von Tag zu Tag bang , sie könnten versuchen , auf seine Liebe einzugehen . Denn er hatte die Hoffnung nicht mehr , die Liebende zu erleben , die ihn durchbrach . Selbst in der Zeit , da die Armut ihn täglich mit neuen Härten erschreckte , da sein Kopf das Lieblingsding des Elends war und ganz abgegriffen , da sich überall an seinem Leibe Geschwüre aufschlugen wie Notaugen gegen die Schwärze der Heimsuchung , da ihm graute vor dem Unrat , auf dem man ihn verlassen hatte , weil er seinesgleichen war : selbst da noch , wenn er sich besann , war es sein größestes Entsetzen , erwidert worden zu sein . Was waren alle Finsternisse seither gegen die dichte Traurigkeit jener Umarmungen , in denen sich alles verlor . Wachte man nicht auf mit dem Gefühl , ohne Zukunft zu sein ? Ging man nicht sinnlos umher ohne Anrecht auf alle Gefahr ? Hatte man nicht hundertmal versprechen müssen , nicht zu sterben ? Vielleicht war es der Eigensinn dieser argen Erinnerung , die sich von Wiederkunft zu Wiederkunft eine Stelle erhalten wollte , was sein Leben unter den Abfällen währen ließ . Schließlich fand man ihn wieder . Und erst dann , erst in den Hirtenjahren , beruhigte sich seine viele Vergangenheit . Wer beschreibt , was ihm damals geschah ? Welcher Dichter hat die Überredung , seiner damaligen Tage Länge zu vertragen mit der Kürze des Lebens ? Welche Kunst ist weit genug , zugleich seine schmale , vermantelte Gestalt hervorzurufen und den ganzen Überraum seiner riesigen Nächte . Das war die Zeit , die damit begann , daß er sich allgemein und anonym fühlte wie ein zögernd Genesender . Er liebte nicht , es sei denn , daß er es liebte , zu sein . Die niedrige Liebe seiner Schafe lag ihm nicht an ; wie Licht , das durch Wolken fällt , zerstreute sie sich um ihn her und schimmerte sanft über den Wiesen . Auf der schuldlosen Spur ihres Hungers schritt er schweigend über die Weiden der Welt . Fremde sahen ihn auf der Akropolis , und vielleicht war er lange einer der Hirten in den Baux und sah die versteinerte Zeit das hohe Geschlecht überstehen , das mit allem Erringen von Sieben und Drei die sechzehn Strahlen seines Sterns nicht zu bezwingen vermochte . Oder soll ich ihn denken zu Orange , an das ländliche Triumphtor geruht ? Soll ich ihn sehen im seelengewohnten Schatten der Allyscamps , wie sein Blick zwischen den Gräbern , die offen sind wie die Gräber Auferstandener , eine Libelle verfolgt ? Gleichviel . Ich seh mehr als ihn , ich sehe sein Dasein , das damals die lange Liebe zu Gott begann , die stille , ziellose Arbeit . Denn über ihn , der sich für immer hatte verhalten wollen , kam noch einmal das anwachsende Nichtanderskönnen seines Herzens . Und diesmal hoffte er auf Erhörung . Sein ganzes , im langen Alleinsein ahnend und unbeirrbar gewordenes Wesen versprach ihm , daß jener , den er jetzt meinte , zu lieben verstünde mit durchdringender , strahlender Liebe . Aber während er sich sehnte , endlich so meisterhaft geliebt zu sein , begriff sein an Fernen gewohntes Gefühl Gottes äußersten Abstand . Nächte kamen , da er meinte , sich auf ihn zuzuwerfen in den Raum ; Stunden voller Entdeckung , in denen er sich stark genug fühlte , nach der Erde zu tauchen , um sie hinaufzureißen auf der Sturmflut seines Herzens . Er war wie einer , der eine herrliche Sprache hört und fiebernd sich vornimmt , in ihr zu dichten . Noch stand ihm die Bestürzung bevor , zu erfahren , wie schwer diese Sprache sei ; er wollte es nicht glauben zuerst , daß ein langes Leben darüber hingehen könne , die ersten , kurzen Scheinsätze zu bilden , die ohne Sinn sind . Er stürzte sich ins Erlernen wie ein Läufer in die Wette ; aber die Dichte dessen , was zu überwinden war , verlangsamte ihn . Es war nichts auszudenken , was demütigender sein konnte als diese Anfängerschaft . Er hatte den Stein der Weisen gefunden , und nun zwang man ihn , das rasch gemachte Gold seines Glücks unaufhörlich zu verwandeln in das klumpige Blei der Geduld . Er , der sich dem Raum angepaßt hatte , zog wie ein Wurm krumme Gänge ohne Ausgang und Richtung . Nun , da er so mühsam und kummervoll lieben lernte , wurde ihm gezeigt , wie nachlässig und gering bisher alle Liebe gewesen war , die er zu leisten vermeinte . Wie aus keiner etwas hatte werden können , weil er nicht begonnen hatte , an ihr Arbeit zu tun und sie zu verwirklichen . In diesen Jahren gingen in ihm die großen Veränderungen vor . Er vergaß Gott beinah über der harten Arbeit , sich ihm zu nähern , und alles , was er mit der Zeit vielleicht bei ihm zu erreichen hoffte , war » sa patience de supporter une âme « . Die Zufälle des Schicksals , auf die die Menschen halten , waren schon längst von ihm abgefallen , aber nun verlor , selbst was an Lust und Schmerz notwendig war , den gewürzhaften Beigeschmack und wurde rein und nahrhaft für ihn .