. Vier Kirchentürme haben ihre Spitzen verloren . Die empörte Windsbraut stürzte heulend in die Vorhalle des Domes , allwo Ereignisse des Alten und Neuen Testamentes abgebildet sind , riß den Klugen Jungfrauen die Lampen aus der Hand und zerschmetterte sie . Das sahen die Leute nicht mit Unrecht als eine Warnung drohenden Unglückes an . Auch andere schlimme Fürzeichen sind geschehen . Ende März haben die Bauern des Dorfes Krakau , so Magdeburg genüber an der Elbe gelegen , etwas Seltsames beobachtet . Auf dem Kirchendache befand sich von altersher ein Storchennest , drin stund mit fröhlichem Klappern der heimische Storch nebst seiner Störchin . Auf einmal schoß ein fremder Storch heran , den Schnabel als einen Spieß gerecket . Da gab es ein grimmig Scharmützel zwischen dem heimischen und dem fremden Storche . Die Störchin aber sahe untätig zu , schwenkete nur etlichemal die Fittige und klapperte mit dem Schnabel . Schließlich fiel der heimische Storch blutend vom Dach zur Erde nieder . Obwohl nun der fremde das Feld behalten , flog er doch hinweg , begleitet von der Störchin . Hinfüro haben sich keine Störche blicken lassen , und öde ist das Nest geblieben - woraus manche Leute den Schluß zogen , daß es selbigen Ortes bald schlimm hergehen werde . Es war Tillys Plan , unsere Außenwerke jenseits der Elbe einzunehmen , um das dorten erwartete Entsatzheer des Schwedenkönigs von der Elbbrücke abzuschneiden . So ist Anfang Aprilis kaiserisch Volk von Pechau herangezogen und zwischen unsere feste Stellung in der Kreuzhorst und die Schanze bei Prester ins Holz vorgedrungen . Hat Verhaue angelegt , Karthaunen und Stücke hineingepflanzet und unsern Schanzen , zumeist aus losem Sande erbaut , die Contenance verdorben , daß sie sich nicht halten konnten . Ergrimmt , weil man ihnen so heiße Arbeit gemacht , haben die Kaiserischen auf ihre Gefangenen eingehauen . Doch Einhalt hat General Tilly geboten , hat die noch Lebenden begnadigt und seiner Fahne untergestellt , einen heldenmütigen Leutnant aber gelobt und frei nach Magdeburg entlassen . Zugleich mit diesem andern Leonidas langte in Magdeburg noch ein zweiter Truppenrest an . Ein Kahn trieb die Elbe herunter , ohne Ruder , er enthielt viele Tote , Verwundete und nur drei Heile . Das war alles , was aus einem unserer Hauptwerke , der Kreuzhorstschanze mit dem übermütigen Namen » Trutz-Tilly « , zurücke kehrte . Während die übrige Besatzung sich dem Angreifer auf Gnade oder Ungnade ergeben hatte , waren diese Flüchtlinge in den Kahn gesprungen und durch Abstoßen mit den Musketen in die Strömung gelangt , dabei aber von vielen Schüssen übel zugerichtet worden . Gleich nach der Einnahme von » Trutz-Tilly « durch Tilly machte sich Pappenheim an die bei Prester gelegene Schanze » Trutz-Pappenheim « , warf eine Batterie auf und ließ schwer Geschütz sattsam spielen . Hierauf ist er mit stürmender Hand vorgegangen , hat aber wegen vieler Pfähle mit Dornen , so wir ringsum eingeschlagen hatten , wieder weichen müssen . Da die Unseren vermerketen , daß man sie von der Stadt abschneiden wolle , so haben sie sich Hals über Kopf aus dem Staube gemacht . Leider sind auf dieser Flucht viele von den Verfolgern niedergemacht und in die Elbe geworfen worden , damit sie als Leichen gen Magdeburg schwimmen sollten , den Bürgern ein bitter höhnischer Gruß vom Feinde . Auch den befestigten Kirchturm des Dorfes Krakau - denselbigen , wo die ominöse Storchenbegebenheit sich zugetragen - hat Tilly also heftig beschossen , daß unsere Besatzung flüchten gemußt . Unser Herr Falkenberg hat jetzo seine ganze Außenmacht auf das Zollwerk , den Brückenkopf jenseits der Elbe , beschränkt und es mit gedoppeltem Wall und Graben umzogen . Dieweil nun Tilly diese Beste mit Sturm nicht anfallen gemocht , so hat er sich zur Geduld bequemt und von Krakau her Trancheen gezogen , willens , der Zollbesatzung den Rückzug über die Elbbrücke zu verlegen . Da bis zum 19. Aprilis die Nebenwerke der Zollveste und sogar die Schanzen zum Roten Hagen gefallen waren , so ließ Tilly an diesem Tage einen Angriff unternehmen . Ein garstig Wetter jedoch hinderte ihn . Es wehete heftig , kalt strömte der Regen , die Laufgräben fülleten sich mit Wasser , das Pulver ward naß , die Soldateska mochte nicht ausdauern . So verschob Tilly den Sturm auf die Frühe des andern Tages . Doch wie im Morgengrauen seine Truppen sich zum heißen Strauße anschickten , gewahrten sie mit Verwundernis , daß in der Schanze alles stille . Kein Schuß ward getan , kein Kommando laut , keine Waffe blitzte . Die Unserigen hatten nämlich über Nacht die Zollschanze geräumt . Schweren Herzens hatte sich Falkenberg dazu bequemt . Des Nachts , da ich ihm eine Meldung überbrachte , saß er in der Faussebraye mit dampfenden Kleidern am Feuer , düstern Gesichts . » Korporal Tielsch , « - sprach er dumpf - » ist Er nicht auch ein Stück Chymiste ? Verstehet Er sich auf die Bereitung von Pulver ? Arg gebricht es uns daran . Mit der Schanze Trutz-Kaiser habe ich zehn Tonnen Pulver verloren , und das gänzlich umsonst . Habe damit den Eroberer in die Luft sprengen wollen ; doch ist die angelegte Miene nicht losgegangen ; die Zündfäden sind in dem Sauwetter feucht worden . Das allerschlimmste aber ist , daß die Magdeburger sich und mich getäuscht haben über den Umfang ihrer Munition . Wie ich um Weihnachten die Magazine inspiziert habe , sind da Pulvertonnen genung gelegen . Jetzo aber stellet sich heraus , daß dreihundertundfünfzig Tonnen nicht Pulver , sondern ungemahlenen Salpeter enthalten . Dieweil nun der Herr Administrator ganz unsinnig mit den städtischen Kartaunen gebummert hat , gebricht uns auf einmal das Pulver , in einem Momente , da wir ' s am nötigsten brauchen . Denn behaupten ließe sich die Zollschanze nur , wofern wir mit allem Geschütz feuern , rasend feuern könnten . So muß ich dies kostbare Außenwerk preisgeben - kann nicht einmal Minen legen , den Feind , wenn er eingedrungen , in die Luft zu schmettern - oh , oh ! « Stöhnend sprang Falkenberg auf und schüttelte die erhobenen Fäuste . Bestürzt trat ich zurück . » Preisgeben ? Die Zollschanze ? Ohne Schwertstreich ? « » Bleibet uns etwas anderes übrig ? « erwiderte Falkenberg . » Sollen wir etwan unser letztes Pulver morgen hier verschießen ? Die Geschütze der Stadtwälle müßten dann schweigen , wofern Tilly übermorgen die Sturmleitern anlegte . « » Wie könnte er das wagen ? « warf ich ein . Falkenberg zuckte die Achseln . » Er braucht von den Verrätern , so er in Magdeburg stecken hat , nur zu erfahren , daß es uns an Pulver gebricht . « Mir war , als ob ich einen Schlag aufs Herz erhielte , und ich stammelte : » Verräter ? « » Freilich Verräter ! Täglich erfährt der Feind , was bei uns vorgeht . Drum darf ich auf dem Rathause nicht einmal merken lassen , aus was Ursach ich die Zollschanze quittiere . Und hör Er wohl : niemand darf erfahren , was ich Ihm inbetreff des Pulvers anvertraut habe . Ihm sag ich ' s nur , auf daß Er als Chymiste mir soll raten . « » Ich kann dem Herrn nur raten , daß sofort aller Schwefel in der Stadt zusammengescharrt werde , und daß die Wassermühlen Tag und Nacht Salpeter mahlen . Wolle der Herr mich dem Pulvermeister beigeben ! « » Gut , « - sagte der Oberste - » Er hat freie Hand . Beginn Er sofort mit der Pulverbereitung . Drei Tage mindestens gedenke ich den Kampf hinhalten zu können . Die Elbbrücke lasse ich noch diese Nacht abbrechen , und so wären wir gen Osten durch den Fluß gesichert . Westlich aber sind unsere Wälle und Mauern fürs erste uneinnehmbar . Nur die Vorstädte sind unsere schwachen Seiten . Werde sie daher niederbrennen . « Ich erstarrte . » Niederbrennen ? « » Freilich ! « entgegnete der Oberste mit kalter Ruhe . » Übermorgen geht zunächst die Sudenburg in Flammen auf , dann die Neustadt . Sonst installieret sich dorten der Feind und findet Deckung vor unseren Kugeln . Ja , Tielsch , heiß wird ' s. Geh Er nun stracks zum Pulvermeister und zeig Er , was ein Chymiste kann . Den Stein der Weisen verlang ich nicht von Ihm - nur Pulver und aber Pulver - das ist jetzo unser Stein der Weisen . « Wiewohl ich vor Müdigkeit hätte hinsinken mögen , verlieh meines Amtes Bedeutung mir frische Kraft . Ließ die Müllerinnung und sämtliche Apotheker aus den Federn holen . Um die hastige Pulverbereitung zu rechtfertigen , schützte ich vor , Herr Falkenberg gedenke den Feind durch Minengänge zu bekämpfen und benötige einen Überfluß von Pulver . Allsogleich wurden die auf der Elbe schwimmenden Wassermühlen zum Mahlen des Salpeters hergerichtet . Auch mit Handmühlen und Mörsern , aus Apotheken und Bürgerhäusern herbeigeschafft , endlich mit Mahlsteinen , von kreisenden Pferden bewegt , ließ ich die Pulverisierung betreiben . Es gelang uns , hundertundsiebzehn Tonnen Pulver zu bereiten . Dann aber mußte die Arbeit eingestellt werden , dieweil es an Schwefel fehlte , und ich vergebens mit den Apothekern beriet , wie Sulphur sich formieren lasse . Am Nachmittag des 21. Aprilis hatte ich mich in mein Quartier begeben und etliche Stunden fest geschlafen . Von Wehegeschrei und Getümmel , so durch die Straßen scholl , ward ich aufgescheucht . Es war dunkel , Feuerschein aber strahlte zur Dachluke herein . Hastig begab ich mich hinunter und sahe Männer , Weiber , Kinder auf dem Ringe lagern , bei sich zusammengebündelte Kleidungsstücke und allerlei Hausgerät . Es waren Bewohner der eingeäscherten Sudenburg . Weinend und jammernd starrten sie zum geröteten Himmel ; über die Dächer wälzten sich glutige Rauchmassen ; dicht wie Schneeflocken stöberte glühend Gebröckel hernieder . Andern Tages ward auch die nördliche Vorstadt , die Neustadt , den Flammen preisgegeben . Nun hatte man in Magdeburg Hunderte von hungrigen Mäulern mehr zu füllen und sahe das nackte Elend der Flüchtlinge . Als Flammen und Rauch entschwunden waren , erblickten wir von unseren Stadtmauern und Kirchtürmen nur noch schwarze Ruinen , dahinter aber die eherne Kette der teuflischen Belagerer , und die Luft erzitterte vom Brüllen ihrer Geschütze . Kein Wunder , daß die Bürgerschaft erstarrte , als habe man sie vor den Kopf geschlagen . Auf diesen Eindruck bauend , sandte Tilly seinen Trompeter in die Stadt . Noch sei die Gnadentüre offen , so schrieb er . Um sie nicht gänzlich zu verschließen , solle man sich beizeiten unterwerfen , sintemalen die Stadt unmöglich zu halten . Ein Teil der Bürgerschaft neigte zum Akkorde . Falkenberg aber eiferte wider die Akkordbrüder , und die Prädikanten sprangen ihm bei , indem sie von den Kanzeln herab predigten , wer zu Akkord rate , habe kein Gottvertrauen und wolle das Vaterland dem abgöttischen Papismo in den Rachen werfen . Ein ruinierter Brauer , Hans Herkel , der das Amt eines Rottmeisters bekleidete und großen Einfluß beim gemeinen Manne besaß , sorgte dafür , daß die Wortführer der Kapitulation niedergeschrien wurden . Hiezu halfen etliche Gerüchte und Zeitungen . Der ersehnte Messias Gustavus Adolfus sei im Anmarsche , stehe allbereits in der Mark und bitte bei seiner Seelen Seligkeit die Stadt , doch getrost auszuharren , da er sie präzise auf Tag und Stunde entsetzen werde . Vom Dome spähete bei Nacht eine mehrköpfige Wache gen Morgen , ob etwan des Entsatzheeres verabredet Signalfeuer aufleuchte . Gleich an dem Tage , da die strenge Belagerung ihren Anfang nahm , hatte Falkenberg nebst seinen Offizieren sämtliche waffenfähigen Bürger , Söhne , Knechte und Handwerksgesellen zu den Waffen gerufen und mit den Soldaten konjungiert , auch jedwedem seinen Posten angewiesen . Und ward die Bürgerschaft also abgeteilt , daß sie den oberen Wall zu besetzen hatte , bei Nacht vollkommen , bei Tage zur Hälfte . Die Soldaten aber sind auf die gefährlichen Stellen in Wall und Zwingmauer gelegt und haben allhie kampieren müssen . Mit Zagen freilich sahe man , wie die 5000 Wehrhaften , die man zusammengebracht , über die weitläufige Fortifikation verteilt , nur eine dünne Verteidigungskette bildeten , indessen draußen die sechs- bis siebenfache Armada wohlgerüstet und emsig arbeitete . Leider stellete sich heraus , daß manche Teile des Walles und Grabens nicht in gutem Stande ; und etliche Bürger murreten wider den Kommandanten , der , ein kecker Kibitz , ins Feld geflogen sei , anstatt zuvörderst das Nest zu verwahren . Schlimm auch , daß die Bürgerschaft uneins war . Der Arme mißgönnete dem Reichen seine Wohlfahrt und mochte nicht dulden , daß jener länger zu Hause bleiben oder sein Gesinde an seiner Statt zu Walle schicken durfte . Die Reichen aber wollten ihre Licenz mißbrauchen , und haben etliche , insonderheit die heimlich Kaiserischen , sich nicht ein einzigmal auf dem Walle sehen lassen . Ging man zu Walle , so geschah es weniger , um dem Feinde Abbruch zu tun , als vielmehr umherzulungern und Neues zu hören . Ein großer Teil wußte sein Bier und die dargereichten Würste besser anzuwenden als die Muskete . Gleichwohl haben die Unseren in einem Ausfalle dem überraschten Pappenheim Schanzkörbe und Schippen weggenommen , auch 18 Leute erschlagen . Einen größeren Sieg gewann der Oberstleutnant Trost auf der Elbinsel , genannt der Stadtmarsch . Dorten hatte er die Ligisten also weit zurückgetrieben , daß er die Rote-Hagen-Schanze hätte zurückerobern gekonnt , hätte er nur zweihundert Leute mehr gehabt . Aber weil der geschlagene Feind Sukkurs erhielt , mußten die Unsrigen mit der halben Viktoria zufrieden sein . In den Trancheen gab es mehr denn hundert Feinde tot , also daß man die ligistischen Truppen den ganzen Tag damit hat schleppen sehen . Nach einem dritten Ausfalle , so dem Feind 40 Mann gekostet , hat Tilly sich abermals aufs Paktieren gelegt und Briefe durch seinen Trompeter geschickt . Ist aber nichts aus den Traktaten worden . Des Feindes Arbeit ist inzwischen besser vorwärts gegangen . An manchen Orten ist er mit seinen Trancheen bis an die Kante des Grabens gelangt , hat auch Brandkugeln und Granaten , etliche einen Zentner schwer , in die Stadt geworfen . Nur weil wenig Heu und Stroh bei uns vorhanden , dazu gute Aufsicht gewesen , so ist kein anderer Schaden angerichtet , als daß eine Kuh zerschmettert worden und an etlichen Stellen Feuer aufgegangen , das jedoch mit nassen Häuten und Wasserkübeln allsogleich gelöscht worden . Es war für uns schädlich , daß bei der Zerstörung der Neustadt nicht Zeit übrig , alle Mauern und Keller zu ebenen . Diese Deckungen wurden nun von Pappenheim genutzt . Von der Elbe bis zum Krökentor wühlete er Laufgräben durch die Neustadt und machte Approchen bis an unsere Fausse-braye , ließ hier die Pallisaden ausheben und mehrere hundert Leitern zum Sturme ansetzen . Die Pappenheimschen Laufgräben waren so dicht mit Musketen besetzt , daß , sobald von den Unseren einer hinter der Brustwehr herfürlugte , augenblicklich sechs bis acht Schüsse auf ihn fielen . Am 7. Mai fing der Feind an , aus seinen vollendeten Batterien auf das heftigste zu schießen , und seine Truppen waren in Bewegung , daß wir gläubten , gleich werde der Sturm losgehen . Es gab ein Hin- und Wiederschießen , daß der Erdboden erzitterte und wie Hagel die Kugeln prasselten . Gleichermaßen ging es auch den folgenden Tag . Ein Turm bei der Hohenpforte , so allbereits an die 300 Kartaunenkugeln empfangen , hielt sich nicht länger , sondern stürzte krachend und stäubend zusammen . Immer düsterer dräueten die Wolken . Eine dumpfe Feierlichkeit lag auf der Stadt , gemahnend , wie nunmehro das schwanke Zünglein unserer Schicksalswage sich neigen solle zum Leben oder zum Tode . Am Abgrund der Ewigkeit stund die Bürgerschaft , starrte schaudernd hinab und besann sich in banger Selbstprüfung auf die letzten Dinge . Aus war es auf einmal mit hoffärtigen Gebärden , mit bunten Röcken , stolzen Hutfedern und güldenen Zieraten . In Trauerkleidung oder gar verwahrlost als Büßer strömten Frauen und Jungfern , Greise und Kinder , sowie die wenigen Männer , so gerade vom Kriegsdienste abkömmlich , in die Kirchen zum Tisch des Herrn , das Abendmahl zu nehmen - vielleicht ihr letztes . Und seltsam , in diesen schwierigen Tagen fanden überaus viele Trauungen statt . Manch armes Menschenherze wollte die anoch vergönnte , vielleicht ganz kurze Lebensfrist nützen , einen inniglichen Wunsch zu erfüllen . Bei solchen Trauungen nun kam die Sitte auf , daß vor dem Altare rings um das Hochzeitspaar Junggesellen und Jungfern , so heimliche Liebe zueinander im Herzen trugen , Hand in Hand niederknieten , um für den Fall des Todes als Verlobte für das Jenseits zu gelten . Am Morgen des 8. Mai , da ich von der Nachtwache heimkehrte und bei Sankt Johannis Kirche vorüberkam , ward ich im Kirchgängerzuge Theklas ansichtig und folgte ihr allsogleich in die Kirche . Unter der Wölbung , im Anblicke des Gekreuzigten und der frommen Gemälde , erschüttert von der Orgel , oft die Augen auf Theklas holdes Haupt gerichtet , fühlte ich Flammen der Andacht und der zärtlichen Liebe in meinem Herzen zusammenschlagen . Der Prädikant sprach über die Schriftworte » Sei getreu bis in den Tod , so will ich dir die Krone des Lebens geben « und schloß mit dem Gebete : » Erwecke denn in uns die rechte Treue bis in den Tod , so nichts anderes bedeutet , als eine heilige Märtyrschaft , darin unsere Seele erstarket , lieber Haus und Heimat , Gut und Blut dahinzugehen , als ihren Glauben , ihre Liebe , ihre Hoffnung . « Inbrünstig sang die Gemeinde : » Nehmen sie uns den Leib , Gut , Ehr , Kind und Weib , Laß fahren dahin , Sie haben ' s kein Gewinn , Das Reich muß uns doch bleiben . « Nach dem Segen wollten die aufgebotenen Paare - neun an der Zahl - summarisch durch das Sakrament der Ehe kopulieret werden . Wie sie niederknieten , gab es schier ein Getümmel von solchen Junggesellen und Jungfern , so bei diesem Anlaß sich still einander verloben wollten . Thekla warf einen traurigen Blick hinter sich , ward mein ansichtig und erschrak . Ich machte mich neben sie , und nun richtete sie ihre Augen tränenvoll , doch zärtlich auf mich . Wie von Magie angezogen , reichten wir einander die Hand und knieten zu den andern nieder . Taumeligen Fluges schwebte meine Seele im Himmel . Ich vernahm die Worte : » Was Gott zusammenfüget , soll der Mensch nicht scheiden . « Tillys Geschütze brülleten ein höhnisch Amen . Alsdann nahmen sowohl die verlobten wie die verehelichten Paare das Abendmahl . Kaum war die heilige Handlung vorüber , so gingen Thekla und ich - wie es die Sitte gebot - in Züchten voneinander , obwohl unsere schmachtenden Herzen uns unlöslich verbunden deuchten . Eine Weihe trug ich im Busen , die mein Quartier mit seligen Phantasien erfüllte , bis mich endlich der Schlaf unter sein Zepter nahm . Um Mittage kam der Page von nebenan und holte mich zum Obersten . Ich fand daselbst etliche Offiziere und ein Häuflein Bürger , zumeist Schiffer und Handwerker . In unsere Mitte trat Falkenberg , dessen Angesicht in finsterem Trutze erstarret schien . » Magdeburger ! « - sprach er heiser ; » habe euch versammelt , dieweilen ihr keine schelmischen Proditores oder mattherzigen Akkordbrüder seid , sondern wahrhaft patriotischen und treu evangelischen Sinnes . « Schweigend nickten die Bürger . » Nun denn , « fuhr Falkenberg fort , » wie ihr wisset , soll heute Tillys Trompeter , der Überbringer des Ultimatums , von der Stadt mit ihrem Bescheide zurückgeschickt werden . Sintemalen nun der Rat all seine Courage eingebüßet , so will er hinter die Menge retirieren . Hat aus diesem Grunde die ganze stimmfähige Bürgerschaft für heute Nachmittag in die Häuser ihrer Viertelsherren berufen , auf daß jedes Stadtviertel für sich ein Votum abgebe . Bitt euch , ihr Bürger , wollet doch mit aller Macht die geplanten Verhandlungen hintertreiben ! Der Akkord wäre unser Untergang . So wir aber dem Feinde durch kecke Ablehnung alle Hoffnung nehmen , verbleibet ihm nur der Ausweg , entweder die Belagerung aufzuheben , maßen die schwedische Majestät mit dem Entsatzheere allbereits bei Burg sein muß , oder aber an unserer Beste sich den Kopf einzurennen . Gläubet mir , nicht der Belagerer draußen ist jetzo unser schlimmster Feind , vielmehr in unsern Mauern der schwache Mut und schleichende Verrat . « » Schelme sind die Akkordbrüder ! « rief es aus der Versammlung . » So vereitelt denn auf jede Weise den Akkord ! Streuet aus , was ich jetzo euch sage . Diese Nacht zwischen eilf und zwölf werden bei Biederitz drei Feuer aufgehen . Lasset die Zweifler auf die Domtürme steigen , und dann saget ihnen : Das ist König Gustavi Signal , anzeigen soll es , daß die schwedischen Vorposten schon da sind , und daß Magdeburg nicht in letzter Stunde alles verderben soll . « Ein paar der Versammelten nickten schlau , andere blickten bedenklich . » Mit Verlaub , « meinte ein Bürger - » können wir uns denn auf die Signalfeuer verlassen ? « » Feste wie up en Swur , « platzte ein Schiffer heraus - - » wat mien Fritze öwernehmen duht , is als fix und fardig . « Da nun etliche Gesichter säuerlich wurden , dieweil zutage getreten , daß die Signalfeuer nur Vorspiegelung seien , entschuldigte sich Falkenberg : » Ja , es ist weit gekommen , daß wir müssen zum Truge greisen , die Bürgerschaft vor Desperation zu bewahren . Doch lasset gut sein ! Hinterher wird man unsere gewagten Mittel segnen . Im übrigen kann ja der König wirklich nicht mehr ferne sein . Daß aber die Feuer brennen werden , ist so gut wie sicher . Dieses Mannes Sohn , der Fritze , will mit zween anderen heute abend die Elbe hinunterschwimmen , beim Biederitzer Busche an Land gehen und die Feuer anbrennen . Sorget nun . Freunde , daß recht viele Leute bei Nacht die Türme besteigen . Und ferner könnet ihr sagen : Tilly will die Stadt , auch wenn sie sich ergibt , drei Tage plündern lassen - hat seinen Kroaten vorgeredet , hier sei der Reichtum dreier Königreiche . « Scheu blickten die Bürger und grollten . » Höret weiter « , sprach Falkenberg , indem er ein Schriftstück aus seinem Koller zog . » Hier halte ich einen Brief von der schwedischen Majestät ; vernehmet , was darinnen geschrieben stehet . « Hierauf tat der Oberste den Hut von seinem Haupte und las : » Meinem getreuen Falkenberg zu wissen , was Zeitung mir worden . Herzog Wallenstein , vordem Kaiserlicher Feldherr , ist auf seinen Nachfolger Tilly neidisch und ist ränkevoll beflissen , diesen Ligisten in die Schwerenot zu bringen , auf daß hernach der Kaiser keinen andern Rat wisse , als den altbewährten Generalissimum zum Retter des Reiches zu berufen . Vor den Augen der Welt ist der Wallenstein ein Freund Tillys , heimlich aber sucht er seine Lage zu verschlimmern . So hat er seinen mechelnburgischen Statthalter angewiesen , dem Tilly nur ja keinen Proviant zu verschaffen . Ferner möchte der Wallenstein dem Tilly , falls dieser Magdeburg in seine Gewalt bekommen sollte , die Suppe gänzlich versalzen . Hat dahero seinem Freunde Pappenheim , so blind auf ihn vertrauet , den teuflischen Rat gegeben , die Stadt nach der Kapitulation zu plündern und dann durch Feuer vom Erdboden zu tilgen . « Wie diese heillosen Worte ausgesprochen waren , erhub sich unter den Versammelten ein Gemurmel des Entsetzens und der gärenden Wut . Doch Falkenberg las weiter : » Die Vertilgung Magdeburgs soll der lutherischen Rebellion eine klaffende Wunde reißen . So heuchelt der Friedländische Ränkeschmied , bauend auf des Pappenheimers papistischen Sinn . In Wahrheit freilich will er seinen Rivalen Tilly ruinieren ; nicht zugute soll ihm Magdeburgs Einnahme kommen , auf daß ja nicht die Hauptstadt der Elbe ein Stützpunkt der ligistischen Operationen werde . « Grimm lächelten und nickten die Zuhörer . » So hat nun Pappenheim heimlich angeordnet , es solle die Stadt gleich nach geschehener Plünderung an allen Ecken und Enden angezündet werden . Die evangelische Bürgerschaft soll gänzlich verschwinden und an ihre Stelle eine neue aus papistischen Landen treten ; auch soll Magdeburg seinen ehrlichen Namen verlieren und hinfüro Marienburg heißen . « Bleichen Angesichts antworteten die Bürger mit Stöhnen und Knurren . Falkenberg warf das Schreiben auf den Tisch , schlug mit der Faust darauf und ließ seine Augen flammend im Kreise herumgehen . » Und nun ihr ? Was wollet ihr tun ? Werdet ihr den Akkord zulassen ? « » Nimmermehr ! « Und Fäuste erhuben sich . » Nieder mit den Akkordbrüdern ! « Falkenberg ließ sie eine Weile toben , dann gebot er mit ausgebreiteten Armen Ruhe und sprach dumpf : » Was aber soll geschehen , so unsere Stadt gleichwohl in Feindes Hände gerät ? « Ohne Laut , ohne Regung starrte ein jeder vor sich hin . Es war eine Schwüle , wie vor dem Losbrechen des Gewitters . Dann zuckte der zündende Blitz . Ein hagerer Mann , grau von Angesicht , roten Bartes , trat aus der Versammlung . Es war der Rottmeister Hans Herkel , eine Säule der schwedischen Partei . Wie Irrlichter loheten seine düsteren Augen , in denen das Weiße funkelte . Zähnefletschend schüttelte er die Fäuste und stöhnete wie von einem Dämon besessen : » Meine Seele sterbe mit den Philistern ! « Da wir verwundert den Mann anstarreten , winkte ein Schiffer raunend : » Der Geist kommet über ihn . « » Simson , Simson ! « - fuhr Hans Herkel fort - » in die Hand der Philister warst du gegeben , die hatten dir die Augen ausgestochen . Was hast du da getan ? Hast im Philisterhause mit der Rechten die Mittelsäule ertastet und hast dich geneiget kräftiglich : Meine Seele sterbe mit den Philistern ! Und hei , da stürzete das Haus auf die Fürsten und das versammelte Volk , und waren der Erschlagenen mehr , die an Simsons Tode starben , denn die er bei Lebzeiten gefället hatte . Simson , Simson , dein Geist komme über Magdeburg ! « Nach diesen Worten blickte Hans Herkel als ein Erwachender im Kreise ringsum . » Das war Gottes Ratschlag ! « sprach jemand ; » dieser Prophete gibt uns ein Zeichen . Wohlan ! Wenn wir schon müssen untergehen , so sollen wir wenigstens Rache nehmen . « » Rache , Rache ! « rief Falkenberg . » Ha , ihr Männer , jetzo kommet euch die Erleuchtung . Ja , tuet wie Simson ! Oder wie die Bürger von Saguntum , so ihre Stadt nebst allen Schätzen verbrannten , um dem Eroberer Hannibal den Siegespreis zu ruinieren . « » Zünden wir die Stadt an ! « kreischte Herkel . Stutzig lauschte die Versammlung , dann kam es über sie wie grimme Freude : » Recht so ! Wir zünden an ! Noch bevor der Feind die Stadt geplündert hat , muß sie allbereits in Flammen stehen ! « Triumph blitzete aus Falkenbergs Augen , und er rief : » Patrioten ! Helden seid ihr ! Ja , unsere Stadt sei wie die römische Jungfer Lukretia ; die hat sich selber entleibet , auf daß kein Feind ihre Unschuld raube . O du edle Jungfer Magdeburg ! Zünde lieber deine Burg an und stirb auf solchem Scheiterhaufen , als daß du dein Kränzlein verlierest . « Ein hohl Gelächter erhub sich : » Haha , Pappenheim , du Erzschelm ! Siehe , nun hast du deine Meister gefunden . Vermeinest , erst wird geplündert , dann gesenget . Wir aber sagen : Erst wird gesenget - dann magst du wühlen in rauchenden Trümmern nach den Schätzen der drei Königreiche ... haha ! Einen Aschenhaufen vermachen wir den papistischen Mausköpfen . « - » Wer tut mit ? « rief Herkel . » Gehen wir allsogleich in die Johanniskirche und schwören am Altare , daß wir es tun wollen . « » Wir tun mit ! « rief männiglich und ging eifernd hinaus . Schweren Herzens folgte ich bis zur Kirche , weiter nicht . Andern Tages , durch etlichen Schlaf gestärket , vernahm ich , daß man auf dem Rathause noch immer verhandle , was denn eigentlich geschehen solle , und daß derweilen Tillys Trompeter von kriechenden Liebedienern mit Braten und Wein regalieret werde . Um zu beschließen , welche Antwort er seinem General heimbringen solle , sei die Bürgerschaft zu den Häusern ihrer Viertelsherren berufen worden ; da tobe nun das heiße Ringen der Parteien , und es habe den Anschein , als solle den Akkordbrüdern die Oberhand werden . Ekel hatte mein Sinn für die Krämerseelen , und ich brannte vor Begier , endlich die Entscheidung herbeizuführen , Mann an Mann . Wir schüttelten die Fäuste , knirschten mit den Zähnen , bissen uns die Lippen blutig in ohnmächtiger Wut , da wir über die Mauer lugend , gewahr wurden , wie der Feind unsere Pfähle am Neustädtischen Bollwerk in aller Ruhe ausgrub , ohne daß wir schießen durften ; wegen unseres Pulvermangels war ja befohlen worden , wir sollten Kraut und Lot sparen . Der Feind aber überschüttete uns fortwährend mit Geschossen , also daß Wall und Zingel unter den schweren Kugeln erbebeten . Bis zur Raserei steigerte sich unsere Kampfbegier , wir öffneten die Hohepforte und überfielen mit blanker Waffe den verdutzten Belagerer . In meiner Wildheit hatte ich keinen anderen Vorsatz , als den Säbel immerfort in Feindesblut zu tauchen , und sooft ich einen