Wie einem Freunde , der solche Bemerkungen nicht mehr mißverstehen konnte , gestand sie ihm , wie sie sich daheim immer weniger wohl fühle . Insbesondre , was Georg schon selbst manchmal beobachtet hatte , schien die Stimmung des Hauses durch das üble Verhältnis zwischen Vater und Sohn dauernd getrübt zu sein . Wenn Oskar in seiner nonchalant-vornehmen Haltung zur Tür hereinkam und in seinem wienerisch-aristokratischen Ton zu reden begann , wandte sich der Vater mit Hohn ab , oder konnte Anspielungen nicht unterdrücken , daß er von heut auf morgen der ganzen Vornehmheit durch Entziehen oder Herabsetzen des sogenannten Gehaltes , der ja doch nur ein Taschengeld wäre , ein Ende machen könnte . Fing hingegen der Vater , wie er es vor Leuten und mit offenbarer Absicht am liebsten tat , im Jargon zu reden an , so biß Oskar die Lippen aufeinander und verließ wohl auch das Zimmer . Doch kam es in der letzten Zeit nur mehr selten vor , daß Vater und Sohn zugleich sich in Wien oder in Neuhaus aufhielten . Sie ertrugen kaum mehr einer des andern Nähe . Als Georg bei Ehrenbergs eintrat , lag das Zimmer fast im Dunkel . Hinter dem Klavier hervor leuchtete die marmorne Isis , und in den Erker , wo Mutter und Tochter einander gegenübersaßen , fiel das Dämmerlicht des späten Nachmittags . Zum erstenmal hatte für Georg die Erscheinung dieser zwei Frauen etwas seltsam Rührendes . Eine Ahnung tauchte in ihm auf , daß ihm dieses Bild heute vielleicht zum letztenmal vor Augen träte , und Elses Lächeln leuchtete ihm so schmerzlich süß entgegen , daß er einen Augenblick lang dachte : wäre nicht am Ende hier das Glück gewesen ? ... ... Nun saß er neben Frau Ehrenberg , die ruhig weiter stickte , Else gegenüber , rauchte eine Zigarette und war wie zu Hause . Er erzählte , daß er , verführt von dem lockenden Frühlingswetter , die geplante Reise früher antrete , als beabsichtigt war , und daß er sie wahrscheinlich bis in den Sommer hinein ausdehnen werde . » Und wir wollen diesmal schon Mitte Mai nach dem Auhof « , sagte Frau Ehrenberg . » Aber heuer rechnen wir sicher darauf Sie bei uns zu sehen . « » Wenn Sie nicht anderweitig beschäftigt sind « , setzte Else hinzu , ohne eine Miene zu verziehen . Georg versprach im August zu kommen , auf einige Tage wenigstens . Dann sprach man über Felician und Willy , die sich vor wenig Tagen von Biskra aus mit ihrer Gesellschaft in die Wüste begeben hatten , um zu jagen ; über Demeter Stanzides , der nächstens seinen Abschied vom Militär nehmen und sich auf ein Gut in Ungarn zurückziehen wollte , und endlich über Heinrich Bermann , von dem seit Wochen niemand eine Nachricht hatte . » Wer weiß , ob er überhaupt nach Wien zurückkommt « , sagte Else . » Warum sollte er nicht ? wie kommen Sie darauf , Fräulein Else ? « » Gott , vielleicht wird er diese Schauspielerin heiraten und mit ihr in der Welt herumziehen . « Georg zuckte die Achseln ... Er wüßte von keiner Schauspielerin , mit der Heinrich in Verbindung stand , und erlaubte sich seinen Zweifel auszudrücken , daß Heinrich jemals heiraten werde , ob nun eine Prinzessin oder eine Zirkusreiterin . » Es wäre schade um Bermann « , sagte Frau Ehrenberg , ohne sich um Georgs Diskretion zu kümmern . » Überhaupt finde ich , die jungen Leute nehmen diese Dinge entweder zu leicht oder zu schwer . « Else ergänzte : » Ja es ist sonderbar . Ihr seid alle in diesen Dingen entweder viel klüger oder viel dümmer , als in allen andern , obwohl man doch gerade in solchen Lebenssachen möglichst der bleiben sollte , der man für gewöhnlich ist . « » Liebe Else « , sagte Georg obenhin , » wenn einmal Leidenschaften im Spiele sind ... « » Ja , wenn sie im Spiele sind « , betonte Frau Ehrenberg . » Leidenschaften ! « rief Else . » Ich glaube die sind so was Seltenes , wie alles Großartige auf der Welt . « » Was weißt du mein Kind « , sagte Frau Ehrenberg . » In meiner Nähe habe ich wenigstens noch nichts dergleichen gesehen « , erklärte Else . » Wer weiß , ob Sies entdecken würden « , meinte Georg , » auch wenn es einmal in Ihrer Nähe vorkäme . Von außen gesehen mag zuweilen ein Flirt und eine Liebestragödie ganz den gleichen Anblick bieten . « » Das ist gewiß nicht wahr « , sagte Else . » Leidenschaft ist etwas , das sich unbedingt verraten muß . « » Woher willst du denn das wissen , Else ? « wandte Frau Ehrenberg ein . » Gerade Leidenschaften können sich manchmal tiefer verbergen , als irgendein kleines Gefühlchen , schon weil mehr auf dem Spiel zu stehen pflegt . « » Ich glaube , gnädige Frau « , entgegnete Georg , » das ist sehr individuell . Es gibt eben Leute , denen alles auf der Stirn geschrieben steht , und andre , die undurchdringlich sind . Undurchdringlichkeit ist sogar gewissermaßen ein Talent wie ein anderes . « » Man kann es auch ausbilden wie ein anderes « , sagte Else . Das Gespräch stockte einen Augenblick , wie es leicht geschieht , wenn mit einemmal hinter einer allgemeinen Bemerkung die persönliche Nutzanwendung allzudeutlich hervorblinkt . Frau Ehrenberg setzte neu ein : » Haben Sie was Schönes komponiert in der letzten Zeit , Georg ? « fragte sie . » Ein paar Kleinigkeiten fürs Klavier . Übrigens ist auch mein Quintett bald fertig . « » Das Quintett fängt bald an mythisch zu werden « , sagte Else unzufrieden . » Else « , mahnte die Mutter . » Na ja , es wäre doch wirklich gut , wenn er fleißiger wäre . « » Da haben Sie freilich Recht « , erwiderte Georg . » Ich glaube , die Künstler haben früher viel mehr gearbeitet als jetzt . « » Die großen « , ergänzte Georg . » Nein , alle « , beharrte Else . » Es ist vielleicht gut , daß Sie eine Reise machen « , sagte Frau Ehrenberg weitblickend . » Sie werden hier zu viel abgelenkt . « » Er wird sich überall ablenken lassen « , behauptete Else streng . » Auch in Iglau , oder wo er sonst im nächsten Jahr sein wird . « » Daran hab ich jetzt gar nicht gedacht , daß Sie fortgehen « , sagte Frau Ehrenberg und schüttelte den Kopf . » Und Ihr Bruder ist nächstes Jahr in Sofia oder Athen , und Stanzides in Ungarn ... traurig eigentlich , wie die nettesten Menschen in alle Windrichtungen auseinander stieben . « » Wenn ich ein Mann wär « , sagte Else , » stöb ich auch . « Georg lachte . » Sie träumen von einer Reise um die Welt in einer weißen Yacht . Madeira , Ceylon , St. Franzisko . « » O nein , ich möchte nicht ohne Beruf sein , aber wahrscheinlich wäre ich Marineoffizier geworden . « » Möchten Sie nicht so lieb sein « , wandte sich Frau Ehrenberg an Georg , » und uns Ihre neuen Sachen ein bissel vorspielen ? « » Ganz gern . « Er stieg vom Erker am Fenster hinab , in die Dunkelheit des Zimmers . Else erhob sich und schaltete das Oberlicht ein . Georg öffnete das Klavier , setzte sich hin und spielte seine Ballade . Else hatte auf einem Fauteuil Platz genommen , und wie sie den Arm auf die Lehne und den Kopf auf den Arm gestützt dasaß , in der Haltung einer großen Dame und mit dem schwermütigen Gesicht eines altklugen Kindes , fühlte Georg von ihrem Anblick sich wieder sonderbar gerührt . Er war heute nicht sehr befriedigt von seiner Ballade und sich wohl bewußt , daß er durch ein allzu ausdrucksvolles Spiel der Wirkung nachzuhelfen suchte . Hofrat Wilt trat leise ein und machte ein Zeichen , man möchte sich nur nicht stören lassen . Dann blieb er mit dem grauen , kurz gesträubten Kopfhaar , überlegen , gütig und lang neben der Tür an der Wand gelehnt stehen , bis Georg mit übertrieben klangvollen Akkorden den Vortrag endete . Man begrüßte einander . Wilt beglückwünschte Georg , daß er ein freier Mann war und jetzt in den Süden reisen durfte . » Ich kann das leider nicht « , fügte er hinzu , » und dabei hat man doch überdies zuweilen eine dunkle Ahnung , daß in Österreich nicht das geringste sich ändern würde , selbst wenn man ein Jahr lang sein Bureau nicht beträte . « Wie immer redete er von seinem Beruf und seinem Vaterland mit Ironie . Frau Ehrenberg entgegnete ihm , es gäbe ja doch keinen , der sein Vaterland mehr liebte und seinen Beruf ernster nähme , als gerade er . Er gab es zu . Für ihn aber bedeutete Österreich ein unendlich kompliziertes Instrument , das nur ein Meister richtig behandeln könnte und das nur deshalb so oft übel klänge , weil jeder Stümper seine Kunst daran versuche . » Sie werden solange darauf herumschlagen « , sagte er traurig , » bis alle Saiten zerspringen und der Kasten dazu . « Als Georg ging , begleitete ihn Else ins Vorzimmer . Sie hatte ihm noch ein paar Worte über seine Ballade zu sagen . Besonders der Mittelsatz hatte ihr gefallen . So innerlich glühend wäre er gewesen . Im übrigen wünschte sie ihm glückliche Reise . Er dankte ihr . » Also « , sagte sie plötzlich , während er schon den Hut in der Hand hielt , » nun heißt es wohl gewissen Träumen endgültigen Abschied geben . « » Welchen Träumen ? « fragte er befremdet . » Den meinen selbstverständlich , die Ihnen nicht unbekannt geblieben sein dürften . « Georg war sehr überrascht . So deutlich war sie nie gewesen . Er lächelte befangen und suchte nach einer Antwort . » Was weiß man von der Zukunft « , sagte er endlich leicht . Sie runzelte die Stirn . » Warum sind Sie nicht wenigstens ehrlich zu mir , so wie ich zu Ihnen ? Ich weiß ja , daß Sie nicht allein da hinunter reisen ... Ich weiß auch , wer Sie begleitet ... Ich weiß überhaupt alles . Gott , was hab ich denn nicht gewußt , seit wir uns kennen . « Und Georg hörte Schmerz und Zorn im Untergrund ihrer Worte beben . Und er wußte : wenn er sie doch einmal zur Frau nähme , sie würde ihn fühlen lassen , daß sie zu lange hatte auf ihn warten müssen . Er sah vor sich hin , schwieg wie schuldbewußt und trotzig zugleich . Da lächelte Else heiter , reichte ihm die Hand und sagte nochmals : » Glückliche Reise « . Er drückte ihr die Hand , als müßte er ihr etwas abbitten . Sie entzog sie ihm , wandte sich ab , ging ins Zimmer zurück . Er blieb noch ein paar Sekunden an der Türe stehen , dann eilte er auf die Straße . Am Abend desselben Tages sah Georg nach vielen Wochen zum erstenmal Leo Golowski im Kaffeehaus wieder . Er wußte von Anna , daß Leo als Freiwilliger in der letzten Zeit unangenehme Dinge durchzumachen hatte , daß besonders jene » Bestie in Menschengestalt « ihn mit Bosheit , ja mit wahrem Haß verfolgte . Es fiel Georg heute auf , wie Leo in der kurzen Zeit , während er ihn nicht gesehen , sich verändert hatte . Er sah geradezu gealtert aus . » Es freut mich , daß ich Sie vor meiner Abreise noch einmal zu Gesicht bekomme « , sagte Georg und setzte sich ihm gegenüber an den Kaffeehaustisch . » Sie freut es « , erwiderte Leo , » daß Sie mich zufällig wieder einmal zu Gesicht kriegen , und mir war es ein Bedürfnis , Sie noch einmal zu sehen , das ist der Unterschied . « Seine Stimme klang noch zärtlicher als gewöhnlich . Er sah Georg ins Auge , gütig , beinahe väterlich . In diesem Moment zweifelte Georg nicht mehr , daß Leo alles wußte , war ein paar Sekunden so verlegen , als wenn er sich vor ihm zu verantworten hätte , ärgerte sich über seine Verlegenheit und war Leo dankbar , daß er sie nicht zu bemerken schien . Sie sprachen beinahe nur über Musik an diesem Abend . Leo erkundigte sich nach dem Fortgang von Georgs Arbeiten , und im Verlaufe der Unterhaltung ergab es sich , daß Georg sich bereit erklärte , Leo am morgigen Sonntag Nachmittag einiges aus seinen neuesten Kompositionen vorzuspielen . Aber als sie sich voneinander verabschiedeten , hatte Georg plötzlich das unangenehme Gefühl , als wenn er eben eine theoretische Prüfung mit mäßigem Erfolg bestanden hätte und ihm für morgen das praktische Examen bevorstünde . Was wollte dieser junge , weit über sein Alter sich reif gebärdende Mensch eigentlich von ihm ? Sollte Georg ihm gegenüber erweisen , daß sein Talent ihn berechtigte , Annas Geliebter zu sein , oder der Vater ihres Kindes zu werden ? Er erwartete Leos Besuch mit innerm Widerstand . Einen Moment dachte er sogar daran , sich verleugnen zu lassen . Aber als Leo erschienen war , so harmlos und herzlich , wie er sich manchmal zu geben liebte , wurde Georg bald milder gestimmt . Sie tranken Tee , rauchten Zigaretten , Georg zeigte seine Bibliothek , die Bilder , die in der Wohnung hingen , Antiquitäten und Waffen , und die Prüfungsstimmung verschwand . Georg setzte sich ans Klavier , spielte ein paar seiner Stücke aus früherer Zeit und die letzten , auch die Ballade , viel besser als gestern bei Ehrenbergs , dann einige Lieder , zu denen Leo ohne Stimme , aber mit sicherem , musikalischen Gefühl die Melodie markierte . Endlich begann er das Quintett aus der Partitur vorzutragen , es gelang ihm nicht recht , und Leo stellte sich mit den Noten zum Fenster hin und las sie aufmerksam . » Eigentlich weiß man noch gar nichts « , sagte er . » Manches ist wie von einem Dilettanten mit sehr viel Geschmack und anderes wie von einem Künstler ohne rechte Zucht . In den Liedern spürt man noch am ehesten ... aber was ... Talent ? ... ich weiß nicht ... daß Sie eine vornehme Natur sind , spürt man jedenfalls , eine musikalisch vornehme Natur . « » Na , das wäre nicht viel . « » Es ist sogar ziemlich wenig . Aber da Sie noch so wenig gearbeitet haben , beweist das auch nichts gegen Sie . Wenig gearbeitet und wenig durchfühlt . « » Sie glauben ... « Georg zwang sich zu einem spöttischen Lächeln . » O , erlebt wahrscheinlich sehr viel , aber gefühlt ... wissen Sie , was ich meine , Georg ? « » Ja , ich kann mirs schon denken . Aber Sie irren sich entschieden . Ich finde sogar eher , daß ich eine gewisse Neigung zur Sentimentalität habe , die ich bekämpfen muß . « » Ja , das ist es eben . Sentimentalität ist nämlich etwas , was in einem direkten Gegensatz zum Gefühl steht , etwas , womit man sich über seine Gefühlslosigkeit , seine innere Kälte beruhigt . Sentimentalität ist Gefühl , das man sozusagen unter dem Einkaufspreis erstanden hat . Ich hasse Sentimentalität . « » Hm , und doch glaube ich , daß Sie selbst nicht ganz frei davon sind . « » Ich bin Jude , bei uns ist es eine Nationalkrankheit . Die Anständigen arbeiten dran , daß Grimm oder Zorn daraus werde . Bei den Deutschen ist es schlechte Gewohnheit , innere Nachlässigkeit sozusagen . « » Also bei Ihnen zu entschuldigen , bei uns nicht ? « » Auch Krankheiten sind nicht zu entschuldigen , wenn man im vollen Bewußtsein seiner Anlage versäumt hat , sich dagegen zu wehren . Aber wir fangen an , aphoristisch zu werden , befinden uns also auf dem Wege zu Halb- oder Viertelswahrheiten . Kehren wir zu Ihrem Quintett zurück . Das Thema des Adagio ist mir das liebste daran . « Georg nickte . » Das hab ich einmal in Palermo gehört . « » Wie « , fragte Leo , » sollte es eine sizilianische Melodie sein ? « » Nein , aus den Wellen des Meeres ist es mir entgegengerauscht , wie ich eines Morgens allein am Strand spazieren gegangen bin . Das Alleinsein tut meiner Produktion überhaupt gut . Auch fremde Gegenden . Ich verspreche mir darum von meiner Reise allerlei . « Er erzählte ihm von Heinrich Bermanns Opernstoff , der für ihn von Anregungen erfüllt sei . Wenn Heinrich wieder zurückkäme , sollte Leo ihn doch veranlassen , den Text ernstlich in Angriff zu nehmen . » Wissen Sie noch nicht « , sagte Leo , » sein Vater ist gestorben . « » Wirklich ? Wann denn ? Woher wissen Sies ? « » Heute früh ist es in der Zeitung gestanden . « Sie redeten über Heinrichs Verhältnis zu dem Hingeschiedenen , und Leo sprach aus , daß es um die Welt vielleicht besser stünde , wenn die Eltern öfter von den Erfahrungen ihrer Kinder lernten , statt zu verlangen , daß diese sich ihrer Altersweisheit anbequemten . Sie kamen in ein Gespräch über die Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen , über echte und falsche Arten von Dankbarkeit , über das Sterben von geliebten Menschen , über die Verschiedenheit von Trauer und Schmerz , über die Gefahren des Erinnerns und die Pflichten des Vergessens . Georg fühlte , daß Leo den ernstesten Dingen nachsann , sehr allein war , und es verstand , allein zu sein . Er liebte ihn beinahe , als die Tür in später Abendstunde sich hinter ihm geschlossen hatte , und der Gedanke , daß Annas erste Schwärmerei ihm gegolten , tat ihm wohl . Noch ein paar Tage vergingen rascher als man gedacht , mit Einkäufen , Besorgungen , Vorbereitungen aller Art. Und eines Abends fuhren Georg und Anna nacheinander , in zwei Wagen , am Bahnhof vor und begrüßten sich gegenseitig in der Vorhalle zum Spaß mit großer Höflichkeit , wie entfernte Bekannte , die sich zufällig begegneten . » O mein Fräulein , was für ein glücklicher Zufall , reisen Sie vielleicht auch nach München ? « » Jawohl , Herr Baron . « » Ei , wie trifft sich das gut . Und haben Sie etwa Schlafwagen , mein Fräulein ? « » Jawohl , Herr Baron , Bett Nummer fünf . « » Nein , wie sonderbar , ich habe Nummer sechs . « Dann gingen sie auf dem Perron hin und her . Georg war sehr gut aufgelegt , und es freute ihn , daß Anna in ihrem englischen Kleid mit dem schmalkrempigen Reisehut und dem blauen Schleier aussah wie eine interessante Fremde . Sie schritten den ganzen Zug ab , bis zur Lokomotive , die außerhalb der Halle stand und in aufgeregten Stößen hellgrauen Dampf zum dunkeln Himmel sandte . Draußen auf der Strecke , im matten Schein , erglühten grüne und rote Laternen . Angstvolle Pfiffe kamen von irgendwoher aus der Weite , und langsam aus dem Dunkel hervor ringelte ein Zug sich in den Bahnhof . Ein rotes Licht schwankte zauberhaft auf der Erde hin und her , schien meilenweit zu sein , und wie es stille hielt , war es mit einem Mal ganz nah . Und draußen , schimmernd und im Unsichtbaren sich verlierend , zogen die Gleise ihren Weg , nach Nähen und Fernen , in die Nacht , in den Morgen , in den nächsten Tag , ins Unerforschliche . Anna stieg ins Kupee . Georg blieb noch eine Weile draußen stehen und amüsierte sich über die Reisenden , die eilig Aufgeregten , die vornehm Ruhigen und die , die die Ruhigen spielten , und über die verschiedenen Abarten der Begleiter : die Wehmütigen , die Heitern , die Gleichgültigen . Anna beugte sich aus dem Fenster . Georg plauderte mit ihr , tat so , als dächte er gar nicht daran abzureisen , stieg im letzten Moment ein . Der Zug fuhr ab . Auf dem Bahnsteig standen Leute unbegreifliche Leute , die in Wien zurückblieben , und denen wieder all die andern unbegreiflich schienen , die nun ernstlich davonfuhren . Ein paar Taschentücher wehten , der Stationschef stand wichtig da und sandte dem Zug einen strengen Blick nach , ein Träger , in blau weiß gestreifter Leinenbluse hielt eine gelbe Tasche hoch und blickte gierig in jedes Fenster . Merkwürdig , dachte Georg beiläufig , es gibt Leute , die davonfahren und ihre gelben Taschen in Wien zurücklassen . Alles verschwand , Tücher , Tasche , Stationschef , Bahnhofsgebäude , das hell erleuchtete Signalhaus , die Gloriette , die flimmernden Lichter der Stadt , die kleinen , kahlen Gärten am Damm ; und der Zug sauste weiter durch die Nacht . Georg wandte sich vom Fenster ab . Anna saß in der Ecke , hatte Hut und Schleier neben sich liegen ; kleine , sanfte Tränen rannen ihr über die Wangen . » Aber « , sagte Georg , umschlang sie , küßte sie auf die Augen , auf den Mund . » Aber Anna « , wiederholte er noch zärtlicher und küßte sie wieder . » Was weinst du denn ? Es wird ja so schön sein . « » Du hasts leicht « , sagte sie , und über ihr lächelndes Antlitz flossen die Tränen weiter . Es wurde schön . Zuerst hielten sie sich in München auf . In den hohen Sälen der Pinakothek spazierten sie umher , standen entzückt vor alten dunkelnden Bildern , wanderten in der Glyptothek zwischen marmornen Göttern , Königen und Helden ; und wenn Anna plötzlich ermüdet auf einem Diwan sich niederließ , fühlte sie Georgs zärtlichen Blick über ihrem Scheitel . Sie fuhren durch den englischen Garten , in breiten Alleen , unter noch entlaubten Bäumen , eng aneinander geschmiegt , jung und glücklich , und glaubten gern , daß die Menschen sie für Hochzeitsreisende hielten . Und sie hatten ihre Plätze nebeneinander in der Oper , bei Figaro , bei den Meistersingern , bei Tristan ; und es war ihnen , als webte sich aus den geliebten Klängen ein tönend durchsichtiger Schleier um sie allein , der sie von allen andern Zuhörern abschied . Und sie saßen , von niemandem gekannt , an hübsch gedeckten Gasthaustischen , aßen , tranken und plauderten wohlgelaunt . Und durch Gassen , die den wunderbaren Hauch der Fremde hatten , wandelten sie heim , wo im gemeinsamen Zimmer die milde Nacht ihrer wartete , schlummerten beruhigt Wange an Wange ein , und wenn sie erwachten , lächelte vor dem Fenster ein freundlicher Tag , mit dem sie schalten durften wie es ihnen beliebte . Sie waren ineinander beruhigt , wie sies nie gewesen und gehörten einander endlich ganz . Dann reisten sie weiter , dem rufenden Frühling entgegen ; durch gedehnte Täler , auf denen der Schnee glänzte und zerrann , dann , wie durch einen letzten , weißen Wintertraum , über den Brenner nach Bozen , wo sie mittags auf dem grellen Marktplatz in Sonnenstrahlen badeten . Auf den verwitterten Stufen des weiten Amphitheaters von Verona , unter einem kühlen Osterabendhimmel , fand sich Georg endlich der ersehnten Welt gegenüber , in die eine wahrhaft Geliebte zu geleiten ihm diesmal gegönnt war . Aus rötlich blassen Fernen , zugleich mit all den ewigen Erinnerungen , die auch andern Menschen gehörten , grüßte ihn die eigene , entrückte Knabenzeit ; ja ein Hauch der verwehten Tage , da seine Mutter noch gelebt hatte , zitterte hier schon durch die fremdheimatliche Luft . Venedig empfing ihn gefällig , doch zauberlos , und wohlbekannt , als hätte er es gestern verlassen . Auf dem Markusplatz wurde er von flüchtigen Wiener Bekannten gegrüßt , und der verschleierten Dame an seiner Seite im weiten Mantel galt mancher neugierige Blick . Einmal nur , spät abends auf einer Gondelfahrt durch enge Kanäle , erstanden ihm die starrenden Paläste , die im Alltagslicht allmählich zu Kulissen entwürdigt waren , im schweren Prunk dunkelgoldener Vergangenheiten . Dann kamen ein paar Tage in Städten , die er kaum oder gar nicht kannte , wo er als Knabe nur kurze Stunden , oder noch niemals geweilt hatte . Aus einem schwülen Paduaner Mittag traten sie in eine dämmrige Kirche und betrachteten langsam von Altar zu Altar wandelnd , die einfältig herrlichen Bilder , auf denen Heilige ihre Wunder vollbrachten und ihre Martyrien vollendeten . An einem trüben , regenschweren Tag fuhr sie ein rumpelnder , trauriger Wagen an einem ziegelroten Kastell vorbei , um das in einem breiten Graben graugrünliches Wasser stand , über einen Marktplatz , wo vor dem Kaffeehaus nachlässig gekleidete Bürger saßen ; in stillere und traurige Gassen , wo zwischen den buckligen Steinen Gras wuchs ; und sie mußten glauben , daß diese kläglich dahinsterbende Kleinstadt den schmetternden Namen Ferrara trug . In Bologna schon , wo die lebhaft aufblühende Stadt sich nicht am Stolz vergangener Herrlichkeiten genügen ließ , atmeten sie auf . Aber erst als Georg die Hügel von Fiesole erblickte , fühlte er sich wie von einer andern Heimat begrüßt . Dies war die Stadt , in der er aufgehört hatte Knabe zu sein , in der der Strom des Lebens durch seine Adern zu kreisen begonnen hatte . An manchen Plätzen tauchten Erinnerungen in ihm auf , die er für sich behielt ; und in dem Dom , wo jenes Florentiner Mädchen unter dem Brautschleier den letzten Blick zu ihm gesandt , sprach er zu Anna nur von der Herbstabendstunde in der Altlerchenfelder Kirche , wo sie beide ahnungsvoll von dieser Reise zu reden begonnen hatten , die nun so unbegreiflich rasch Wirklichkeit geworden war . Er zeigte Anna das Haus , in dem er vor neun Jahren gewohnt hatte . Noch befanden sich unten die gleichen Kaufläden , in denen Korallenhändler , Uhrmacher , Spitzenhändler ihre Waren feilhielten . Da der zweite Stock zu vermieten war , hätte Georg ohne weiteres das Zimmer wiedersehen können , in dem seine Mutter gestorben war . Aber er zögerte lange , die Wohnung wieder zu betreten . Erst am Tage vor der Abreise , als dürfte er es doch nicht versäumen , und allein , ja ohne es Anna vorher zu sagen , betrat er das Haus , die Stiege , das Gemach . Der alt gewordene Portier führte ihn herum und erkannte ihn nicht . Es waren noch dieselben Möbel überall ; das Schlafzimmer der Mutter sah noch genau so aus wie vor zehn Jahren , und in der gleichen Ecke , aus braunem Holz , mit der dunkelgrünen , silbergestickten Samtdecke , stand das gleiche Bett . Aber nichts von allem , was Georg erwartet hatte , regte sich in ihm . Ein müdes Erinnern , seichter und glanzloser als jemals sonst , rann ihm durch die Seele . Er verweilte lange vor dem Bett mit dem klar bewußten Willen , die Empfindungen , zu denen er sich verpflichtet fühlte , heraufzubeschwören . Er murmelte das Wort » Mutter « , er versuchte sichs vorzustellen wie sie hier gelegen war , in diesem Bett , viele Tage und Nächte lang . Er erinnerte sich der Stunden , in denen es ihr wohler gegangen war und er ihr hatte vorlesen oder im Nebenzimmer auf dem Klavier vorspielen dürfen , sah den kleinen runden Tisch in der Ecke stehen , an dem der Vater und Felician ganz leise gesprochen hatten , weil die Mutter eben eingeschlummert war ; und endlich , wie eine Szene auf dem Theater , so nah und scharf , stieg jenes furchtbaren Abends Bild in ihm auf , an dem Vater und Bruder fortgegangen waren , er selbst ganz allein an der Mutter Lager saß , ihre Hand in der seinen ... alles sah und hörte er wieder : wie sie mit einem Mal nach dem ruhigsten Tag sich übel befunden , wie er die Fensterflügel aufgerissen hatte und mit der lauen Märzluft das Lachen und Reden fremder Menschen ins Zimmer hereingedrungen war , wie sie endlich dalag , mit offenen und schon erloschenen Augen , das Haar , das noch vor wenigen Sekunden um Stirn und Schläfen wellig geflossen war wirr und trocken auf dem Polster starrte , und der linke Arm nackt über den Bettrand herunterhing mit weit auseinander gekrampften Fingern . Mit so ungeheuerer Lebendigkeit war dies Bild ihm aufgestiegen , daß er sein eigenes Knabenantlitz im Geiste wiedersah und sein eigenes längst verhalltes Weinen wieder hörte ... aber er fühlte keinen Schmerz . Es war doch zu lang vorbei . Zehn Jahr beinah . » E bellissima la vista di questa finestra « , sagte plötzlich der Portier hinter ihm , öffnete das Fenster ; und mit einem Mal , wie an jenem längst entschwundenen Abend , tönten Menschenstimmen von unten herauf . Und im gleichen Augenblick hatte er die Stimme der Mutter im Ohr , so wie er sie damals vernommen , flehend , verengend ... » Georg ... Georg « ... und aus der dunkeln Ecke , an der Stelle , wo damals die Kissen gelegen waren , sah er etwas Bleiches sich entgegenschimmern . Er trat zum Fenster und bestätigte : » Bellissima vista « . Aber vor der schönen Aussicht lag es wie dunkle Schleier . » Mutter « , murmelte er , und noch einmal : » Mutter « ... meinte aber zu seiner eigenen Verwunderung nicht mehr die längst Begrabene ,