tragen . Seine mageren langen Hände , mit schwarzen Haaren bedeckt , stachen grell von dem dunkeln Kaftan ab . » O Joel , mein Joel ! « stöhnte er aufs neue und erhob sich wieder und schritt weiter zwischen Leichen und Kadavern , die jetzt mitunter zu großen Haufen im Wege lagen . Es war kein Zweifel mehr , daß er auf einem Schlachtfelde wandelte . - Aus einem Haufen drang plötzlich das deutliche Wimmern eines Menschen . Der Alte steckte hastig seinen Kopf vorwärts und horchte , und als sich das Gestöhn wiederholte , schritt er schnell darauf zu . Es drang mitten aus einem Hügel von Leichen . Mit riesenmäßiger Anstrengung , die niemand dem alten Manne hätte zutrauen sollen , warf er die oben liegenden Körper auf die Seite und drang zu dem noch Lebenden . Er richtete ihn halb auf und griff in die Tasche , brachte eine Flasche hervor und gab ihm zu trinken . Dem Unglücklichen waren die Beine zerschossen . Der Alte streichelte ihm heftig das Gesicht und fragte mit fliegenden Worten , wo die Kickischen Ulanen zuletzt gefochten hätten . » Sage mir ' s , Freund , sage mir ' s gleich , ich komme wieder und nehme dich mit . « Der Verwundete streckte den Arm aus und wies nach Westen . » Ist es weit ? « Verneinend schüttelte jener den Kopf . Da nahm der Alte heftig die Leuchte und wollte von dannen , aber der zerschossene Soldat griff krampfhaft in den langen Mantel , und sein Wimmern und seine Mienen beschworen den Juden , ihm zu helfen . Mit einem Ruck machte sich indessen dieser los , sprach : » Ich komme zurück ! « und schritt hinein in die Finsternis . Schneidend drang das Gestöhn des Verlassenen durch die Nacht . Der alte Jude war nicht lange gegangen , da stolperte er über Kürasse und Helme . - » Gott meiner Väter , ich bin auf dem rechten , traurigen Wege , « murmelte er vor sich hin , » mit diesen eisernen Männern haben sie gefochten . « Und überwältigt von Angst und Sorge brach er in lautes Wehklagen aus : » Joel , Joel , Sohn meiner Esther , wo bist du ? ! « Hastig unter den Riesenleichnamen der Kürassiere herumsuchend , die auf und unter den ungeheuren Pferden lagen , wiederholte er diesen Schmerzensruf unaufhörlich . Auf einmal vernahm er in einiger Entfernung eine Stimme , aber der Wind warf den rasselnden Eisregen dazwischen , er konnte nichts Deutliches vernehmen . » Manasse , mein Vater ! « klang es von neuem . » Joel , ich komme , Joel - « Aber statt hinzueilen , duckte er sich zusammen zwischen die Füße eines toten Pferdes und regte sich nicht . Seine aufmerksamen Sinne hatten ihn auch nicht getäuscht , ein Trupp Soldaten kam über das Schlachtfeld dahergeritten gerade auf den Ort zu , wo Manasse lag , die Leuchte fest in den Mantel hüllend . Ob sie versprengt , ob Freund oder Feind waren , wer konnte es wissen . Ein Mann mit einer hell brennenden Laterne schritt voraus , die Pferde gingen schlurfend und unruhig zwischen den Leichen , sie kamen dicht zu Manasse ; kaum wagte er es , hinzusehen nach den in Mäntel gehüllten Reitern . Dicht in seiner Nähe hielten sie , und einige stiegen von den Pferden . Manasse hörte ihre Sprache ; es waren Russen . Zitternd vor Frost drückte er sich tiefer in die Weichen des toten Pferdes . 2. Es schien , als ob sie den Körper eines bedeutenden Offiziers suchten . Alle Leichen wurden betrachtet , und sie kamen dabei Manasse so nahe , daß ein Reiter mit seinen Sporen in des Juden Mantel hängen blieb . Manasse regte sich nicht , das morsche Tuch gab nach , der Reiter sah sich um , aber da die Laterne auf einer andern Seite leuchtete , so entdecktes er den zitternden Juden nicht . Als sich die suchende Gruppe ein wenig entfernt hatte , machte sich Manasse auf und schlüpfte nach der Gegend , wo er Joels Ruf vernommen hatte . » Joel - Joel ! « flüsterte er ununterbrochen mit gedämpfter Stimme . Die Laterne durfte er nicht zum Vorschein bringen , und so kam ' s , daß er in einen tiefen Graben stürzte , dessen Oberfläche mit einer dünnen Eisrinde bedeckt war . Die Laterne zertrümmerte und verlosch . Er raffte sich mühsam auf - » Manasse - Manasse ! « klang ' s in seiner Nähe . Das gab ihm Kraft , sich vollends aus dem Graben herauszuarbeiten . » Mein Sohn , mein Joel , mein Joel ! « - und so eilte der Durchnäßte dem Rufe zu . Er fand seinen Sohn halb ausgerichtet , und nun brach aus dem Alten ein wirbelndes Gewitter von Empfindungen los . » Mein Sohn , mein Joel , Esthers Sohn - lebst du , wo haben dich die Ismaeliter verwundet , o mein Joel ! « Und dabei fuhren zitternd , liebkosend , schnell , aber behutsam die Hände des Alten über den ganzen Körper des Sohnes . Joel beruhigte ihn mit der Versicherung , die Wunde sei unbedeutend und hindere ihn nur am Gehen . » Auf , mein Sohn , hänge dich auf meine Schultern , der Wagen harrt unserer im Hölzchen . « Joel aber bedeutete seinem Vater , erst müsse sein Nachbar dahin gebracht werden , dieser habe ihn durch den letzten Schluck aus seiner Flasche wieder ins Leben zurückgerufen . Manasse war eine Zeitlang sprachlos , der Ideengang seines Sohnes mocht ' ihm augenblicks ganz unfaßlich erscheinen . - » Törichter Joel , mach , hänge dich auf meine Schultern , ich werde Mühe haben , dich über den Graben zu bringen - ach Sohn meiner Esther , « und Schluchzen hemmte seine Worte , er fühlte von neuem besorgt an Joels Körper herum . » Joel , wo ist die Wunde , welche dir die Gottlosen geschlagen ? « Joel bestand darauf , daß erst sein Nachbar in Sicherheit gebracht werde . » Er war der bravste Soldat , und da liegt er erstarrt , kaum fühl ' ich noch einen Rest Leben in ihm , Vater Manasse , eilt , schafft ihn zum Wagen , und holt dann mich . « Jetzt brach des Alten Leidenschaft in stürmende Worte aus , er schalt seinen Sohn einen halbchristlichen Narren , und man wußte nicht mehr , ob das unterbrechende Schluchzen mehr Mitleid oder Zorn gegen seinen Joel sei - » was kümmert dich der tote Idumäer , komm , halte dich fest ! « - Und damit schickte er sich an , seinen Sohn aufzuladen . Joel weigerte sich entschieden ; des Alten Zorn stieg auf das höchste - da kamen die suchenden Russen auf sie zu , wahrscheinlich aufmerksam gemacht durch die lauten Worte des Zwiegesprächs . Manasse drückte schnell seinen Kopf in den Schoß , seines Sohnes , und bedeutete diesem leise , sich still zu verhalten . Aber obwohl die . Russen schon dicht am Graben waren , so konnte er es doch nicht unterlassen , seine heftige Entrüstung fortzumurmeln über die Torheit Joels ; wie ein gereizter Hund leise fortknurrt , wenn er nicht mehr bellen darf . Die Russen standen am Graben und horchten - Manasse regte sich nicht mehr ; sie wendeten sich nach einer andern Seite . Bald erhob sich der vorige Streit zwischen Vater und Sohn aufs neue - Manasse raufte sich den Bart und schlug bald nach Joel , bald streichelte er ihn . Er fand in seinem Kopfe nicht die kleinste Beschönigung für solchen Wahnsinn , und dies brachte ihn immer von neuem außer sich . Joel aber blieb unerschüttert , und so mußte der Alte endlich weichen , wenn er den eigenen Sohn nicht seinem traurigen Schicksal überlassen wollte . Der Nachbar Joels lag auf zwei toten Kürassieren , also zum Teil im Trocknen , Joel hatte auch ein Stück Mantel über ihn gebreitet . Unter heftigen Verwünschungen lud ihn Manasse auf sich und schleppte ihn ziemlich unsanft durch den Graben . Dann kam er zurück und brachte auch Joel hinüber . » Laß uns forteilen , « rief er , am andern Ufer ankommend , » der Mensch ist tot . « » Und hörst du nicht sein Stöhnen , Vater Manasse , « damit machte er sich heftig vom Vater los , fiel an die Erde und stieß einen Schmerzensschrei aus , da der Fall seine Wunde berührt hatte . » Joel , mein Blut - « » Bei unserer Mutter Esther beschwör ' ich dich , Vater Manasse , bringe den Mann fort ! « Seufzend tat es Manasse . Keuchend kam er zurück , trocknete sich den Schweiß und lud seinen Sohn auf den Rücken . » Meine Glieder zittern vor Frost , und doch rinnt der Schweiß über meine Stirne , kaum hab ' ich den Wagen wieder gefunden - o Gott meiner Väter , wie züchtigst du mich , weil mein eigen Blut , dieser Joel , mit den Ismaelitern unsere Sitten vermengt , o , törichter , törichter Joel . « Während er abgebrochen diese Worte sprach , waren sie in die Nähe jenes Verwundeten gekommen , welcher dem Alten kurz zuvor den Weg zu seinem Sohne gezeigt hatte . Er bat in herzzerschneidenden Tönen , ihm zu helfen , und erinnerte den Alten an sein Versprechen , da dieser dicht an ihm vorüberging und trotz der Finsternis an der Stimme zu erkennen war . » Vater Manasse , was hast du versprochen ? « » Schweig , Joel - nichts hab ' ich versprochen ! « - und rascher ging er vorwärts . Immer kläglicher ward das Winseln des Zurückbleibenden . Sie kamen zum Wagen . Sorgfältig legte der Alte seinen Sohn in das Heu , womit der kleine verdeckte Wagen angefüllt war , nahm die Pferde am Zügel und brachte mit vieler Vorsicht den Wagen aus dem Gehölz . » Vater Manasse , hole den Unglücklichen ! « » Schweig , kindischer Joel , kann ich das ganze Schlachtfeld meinen kleinen Krabben aufladen , kindischer Joel ! « Damit setzte er sich vornhin und fuhr in die Nacht hinein , die ein wenig heller geworden war durch den dichten Schnee , welcher seit einigen Minuten dicht herabfiel . 3. Es war das Schlachtfeld von Grochow , aus dessen Nähe die kleinen Pferde den Wagen zogen . Am Tage vor dieser unfreundlichen Nacht hatten die Polen und Russen zum dritten Male auf das erbittertste miteinander gekämpft . Die Ebene von Warschau , welche sich ostwärts an die nahen Wälder erstreckt , war drei Tage lang der Schauplatz mörderischen Kampfes gewesen . Bekanntlich fließt der breite Weichselstrom rechts an der polnischen Hauptstadt Warschau vorüber . Die eigentliche Stadt liegt also an seinem linken Ufer nach unseren Ländern zu , und wenn man so sagen darf , auf der europäischen Seite . Am Ufer des Flusses hin prangen große Paläste , und das stolze Warschau gewährt von der großen Brücke , welche hinüber führt zur östlichen Vorstadt Praga , einen königlichen Anblick . Man irrt sehr , wenn man bei dem Worte » polnische Hauptstadt « seine Vorstellung nur ein wenig von dem Anblick und Begriffe polnischer Ortschaften steigert : Warschau gehört zu den imponierendsten Hauptstädten Europas . Die Vorstadt Praga nun , ein befestigter Brückenkopf , war der erste Stützpunkt der polnischen Armee , welche sich auf den Feldern angesichts der großen Waldungen ausgebreitet hatte . Die Russen rückten von Osten her in den letzten Tagen des Februar aus jenen Wäldern heraus . Diebitsch war ihr Heerführer , und angesichts Pragas entspannen sich die zwei Tage lang dauernden stürmischen Gefechte , welche man die Schlacht bei Praga nennt . Sie führten äußerlich zu keinem besonderen Resultate , und die Schlacht wird von der Geschichte eine unentschiedene genannt , war aber von großem moralischen Einflusse . Überall hatte man erwartet , Diebitsch werde mit der großen russischen Armee die nach Zahlenverhältnis unbedeutenden Truppen der Polen werfen , über die Pragaer Brücke nach Warschau hineindringen und so den Aufstand endigen . Das war indessen nicht gelungen . Die historisch bekannte leidenschaftliche Vaterlandsliebe der Polen , welche man bei dem sonstigen Wesen dieser Nation hier und da bereits für Prahlerei hielt , hatte auf eine überraschende Weise Wort gehalten . Und zwar unter den ungünstigsten Verhältnissen . Denn es gebrach ihnen vor allen Dingen an einem Mittelpunkte ihrer militärischen Kraft , an einem verlässigen Heerführer . Chlopicki , in der Zeit des Aufstandes am letzten Tage des November zum Oberbefehlshaber ernannt , hatte nie an die Möglichkeit geglaubt , dem mächtigen Rußland militärisch die Spitze bieten zu können , hatte sich auf Unterhandlungen eingelassen , die Rüstungen vernachlässigt , und am Ende störrisch seine Diktatur niedergelegt , als die zum Äußersten entschlossene Nation ihm in den Weg trat . Chlopicki . war aber der einzige populäre Mittelpunkt des Heeres , unzweifelhaft tapfer und ein tüchtiger Führer aus der Napoleonischen Schule . Die Wahl eines neuen Führers war unsäglich schwer . Einen zweiten so hervorragenden General gab es nicht , jede Wahl mußte also die nicht Gewählten kränken . Besonders bei einer so ehrgeizigen und eifersüchtigen Nation . Man entschloß sich zu dem traurigen Auswege , einen Nichtmilitär , den Fürsten Radzivil , einen alten , höchst wackeren Patrioten zum Generalissimus zu erwählen . In der Hoffnung , er werde nur für Chlopicki den Namen hergeben . So geschah es nun wohl auch , denn der graue Chlopicki setzte sich zu Pferde und ritt hinaus ins Lager . Er hat ein starres , gerötetes Soldatenantlitz , weißgrauen Bart , hellblaue scharfe Augen . Prüfend sah er nach den Wäldern hinüber , aus welchen die Russen sich entwickelten , und ordnete die Treffen . Aber es war ein halbes Wesen mit dem Kommando ohne Titel . Nicht alle Führer gehorchten unbedingt und schnell , und es war mehr die erstaunenswerte ritterliche Tapferkeit der auf eigene Hand fechtenden Korps , welche die Schlacht in den Tagen bei Praga aufrecht erhielt . Beide Heere waren übrigens in diesen Tagen noch nicht in voller Kraft . Abteilungen der polnischen Armee waren nordöstlich ein wenig vorgeschoben , um die Vereinigung eines großen russischen Korps mit Diebitsch zu hindern . Die überlegene Zahl der Russen hatte dies aber vereitelt , am Tage von Grochow war alles konzentriert . Grochow ist ein kleines Dörfchen auf der Ebene von Praga . Nach diesem drängte sich an diesem Tage die Hauptschlacht . Ein Erlengebüsch war der Preis des Sieges , dasselbe Gebüsch , in welchem Manasse die Nacht darauf sein Fuhrwerk verbarg . Diebitsch hatte am Ende bei so hartnäckigem Widerstande die Entscheidung des Tages auf einen großen Reiterangriff gesetzt , und Chlopicki war bei neuer Eroberung des Gebüsches von einer Granate niedergeworfen worden . Schon vorher hatte sein scharfes Auge die Entwicklung der Reitermassen am fernen Waldessaume entdeckt , und ununterbrochen hatte er nach Kavallerie gerufen . Aber er war nicht Generalissimus und Fürst Radzivil nicht bei der Hand . Noch als man ihn forttrug , wies er fortwährend mit seinem Pfeifenstummel zurück und flehte um Kavallerie . Von Praga aus läuft mitten durch die Ebene die breite große Heerstraße in die Wälder hinein über Siedlce bis an die altpolnischen Provinzen . Sie war der Mittelpunkt des auf diese Tage folgenden Krieges , der rote Faden aller Treffen und Schlachten vor der bei Ostrolenka . Auf und neben dieser Straße war der kolossale Angriff von Reitern einhergedonnert , welchen Diebitsch angeordnet hatte . Auf der Straße selbst kamen die gewaltigen Kürassierregimenter , unter welchen das Riesenregiment Prinz Albrecht , an der Seite der Chaussee die leichtere Reiterei . Dieser Angriff nun war durch den kalten Mut der polnischen Infanterie , welche sich in Karrees formierte , und erst in der dichtesten Nähe des Feindes ein mörderisches Rottenfeuer eröffnete , er war durch die gewandte Tapferkeit der Kickischen Ulanen zersprengt worden . Die besudelten , zersprengten , abgematteten Reste , welche nach dem Saume des Waldes zurückkamen , nötigten Diebitsch , den Tag aufzugeben und in die Wälder zurückzugehen . Bei diesem blutigen Reitergefechte waren Joel und sein Nachbar gefallen . Durch Chlopickis Fall war aber auch unter den Polen eine solche Ungewißheit entstanden , daß niemand recht wußte , wie die Schlacht stand . Wer eben am Kampfe war , kämpfte aufs beste , ein großer Teil des Trains zog aber bereits schon im Rückzuge über die Brücke von Praga , und der Generalissimus Radzivil selbst hielt unsicher mit seinem Pferde am Brückenköpfe . So lagen die Sachen an jenem rauhen Spätabende , und weder Manasse , der jenseits aus der Waldung gekommen war , noch Joel , der bald polnische , bald russische Partien vorübereilen gesehen hatte , wußte , wie das Schicksal des Tages entschieden worden sei . Im allgemeinen kamen indessen beide dahin überein , das Resultat für die Polen günstig anzusehen , da Manasse auf seiner Herfahrt durch den Wald nur mit Mühe den rückwärts marschierenden Russen ausgewichen war . Dies regte nun aber auch wieder die größte Bedenklichkeit auf , ob man sich auf den Weg nach der Heimat machen dürfe , da dieser eben durch jene Wälder führte , oder ob es geratener sei , nach Warschau zu fahren . Der Wagen kam eben an der großen Chaussee an , und man mußte sich entscheiden . Manasse hatte viel gegen Warschau einzuwenden : es sei ein teurer Ort , man werde abgesperrt von allem Verkehr , das Haus in der Heimat bliebe allen Zufällen preisgegeben , an Pflege für den Verwundeten dürfe man auch nicht denken , da soviele Tausende darauf Anspruch machten . Im Hintergrunde lag ihm auch der lebhafte Wunsch , dem Sohne die Soldatenjacke wieder auszuziehen , worauf in Warschau durchaus nicht zu rechnen war . Zur Sicherheit kannte Manasse alle kleinen Wege durch die Wälder und meinte zuversichtlicher , als sonst seine Art war , man würde gewiß glücklich durchkommen , wenn man sich weit genug rechts von der großen Straße halte nach dem Schlosse des gnädigen Herrn zu . Anfänglich hatte sich Joel lebhaft widersetzt , der letzte Zusatz schien ihn aber anders zu stimmen . Der Alte mochte ihn nicht ohne Absicht beigebracht haben , Joel schwieg - Manasse fuhr quer über die Chaussee nach dem Walde zu . 4. Die Finsternis zwischen den Bäumen war natürlich noch dichter und das Fahren sehr beschwerlich . Manasse zitterte und klapperte vor Frost in den nassen Kleidern , sprach aber kein Wort . Er mochte indes noch so oft absteigen , und rechts abführende Wege suchen , indem er mit den Händen herumtastete , immer hörte man von Zeit zu Zeit auf der linken Seite den verworrenen Lärm russischer Kriegsvölker . Nicht selten mußte er stillhalten , weil er bald eine marschierende , bald eine reitende Truppe vor sich hörte . Es blieb auch nicht aus , daß sich einzelne Nachzügler am Wege fanden , welche vor Wunden oder Erschöpfung nicht weiter konnten und den Wagen in Anspruch nahmen . Glücklicherweise war aber Manasse der russischen Sprache völlig mächtig , und er wies alle Zudringlichen mit dem barschen Bedeuten ab , er führe einen verwundeten russischen General . Bei alle dem war die Lage äußerst gefährlich ; wenn die Russen die polnischen Uniformen gut dem Wagen erkannten , so war das Äußerste zu befürchten . So nötig ihnen also auch das Tageslicht war zum Auffinden des Weges , so besorgt sahen sie doch das verdrießliche Grau des Morgens heraufdämmern . Und das Unglück stand auch schon am Wege . Nicht weit von ihnen teilte sich die Straße ; am Scheidepunkte hielt ein russischer Offizier zu Pferde . Als er das Fuhrwerk erblickte , kam er ihm einige Schritte entgegen und forderte mit rauhen Worten die Abtretung des Wagens . Manasse brachte die gewöhnliche Entschuldigung vor . Der Offizier ließ sich aber nicht hindern , zog den Degen , gebot Halt und steckte den Kopf nach dem Wagen hinein . Glücklicherweise war jener Mantel , womit Joel auf dem Schlachtfelde seinen Nachbar zugedeckt hatte , von einem russischen Kürassier . Joel suchte deshalb in Eile sich selbst damit zu bedecken , und da er ebenfalls Russisch verstand , so rief der drohend , der Kamerad möge einen russischen General nicht aufhalten . Der Offizier an die unterwürfigste Subordination gegen Höhere gewöhnt , wollte sich eiligst zurückziehen , als Valerius - so hieß der Nachbar Joels - zum ersten Male die Besinnung wieder erhielt und sich ein wenig aufrichtete . Der plötzliche Stillstand des Wagens , das heftige Gespräch mochten dazu beigetragen haben . Durch diese Bewegung ward der Mantel zurückgeschlagen , und der Offizier sah noch mit dem letzten Blicke polnische Uniformen . Da erhob er ein lautes Fluchen , hieb mit dem Säbel nach Manasse und griff nach der Pistolenhalfter . Manasse war aber dem Hiebe glücklich ausgewichen , Joel schob sich , so schnell und so weit es seine Wunde gestattete , vorn nach der Öffnung des Wagens und drückte ein Pistol nach ihm ab . Der Schuß traf , der Reiter wankte , Manasse hieb in die Pferde , und der Wagen flog rechts in den Weg hinein . Es war dasselbe Pistol , welches Manasse auf dem Schlachtfelde mitgenommen und unterwegs seinem Sohne gegeben hatte . Dies rettete sie für den Augenblick ; der Schuß hatte aber ihre Lage doppelt bedenklich gemacht . Er mußte alles aufregen , was von Feinden in der Nähe war , und wirklich hörten die Flüchtigen bald mehrere Schüsse hinter sich fallen und Lärm von vielen Seiten . Manasse trieb die bereits erschöpften kleinen Pferde auf das äußerste an und fuhr in jeden noch so schwach angedeuteten Weg hinein , welcher sich nach rechts hin öffnete . Nach einer Viertelstunde hörte aller Weg auf , und sie waren mitten im unwirtlichen Forste . Die beschneiten Kiefern sahen sie trostlos an , der Schnee fiel dichter , sie waren ratlos . Manasse stieg wimmernd und betend ab , um einen Ausweg zu suchen . Valerius war unterdessen völlig zu sich gekommen , Joel sah jetzt hastig nach des Nachbars breiter Kopfwunde . Es war der tüchtige Hieb eines handfesten Kürassiers . So gut er konnte , verband er wenigstens die klaffende Stelle mit seinem Halstuche und setzte Valerius von dem in Kenntnis , was mit ihnen vorgegangen war . » Und warum fahren wir zu den Feinden statt nach Warschau ? « fragte dieser verwundert . » Still , still ! « erwiderte Joel , » wo ich Sie unterbringen werde , gibt ' s keine Feinde , es ist eine überaus patriotische Familie , Sie werden mit Bequemlichkeit geheilt , die alte Gräfin - « Ein durchdringender Schrei Manasses unterbrach ihn . Sie fuhren hastig an die Öffnung des Wagens , Manasse kam an den Wagen gestürzt , die Pferde gerieten in Bewegung , ein Wolf sprang durch die Bäume , graurot , mager , den Kopf mit den tödlichen düsteren Augen nach dem Fuhrwerke gerichtet . Valerius und Joel schrien ebenfalls jach auf , die Pferde jagten mit dem Wagen in die Bäume hinein , die Achsen und Rippen des Fuhrwerks krachten , mit Mühe erhaschte Joel die Zügel und sprang , seine Wunde vergessend , aus dem Wagen . Ebenso tat Valerius , dessen Füße ihn nicht hinderten , rückwärts nach dem verlassenen Schauplatze zu laufen . Joel konnte nicht wieder von der Erde in die Höhe und schrie auf das kläglichste : » Manasse , Vater Manasse ! « Der Alte war bei dem plötzlichen Anrücken des Wagens auf die Seite geworfen worden und zurückgeblieben . Alles das lag im Zeitraume von wenig Augenblicken . Valerius fand noch vom Schlachtfelde den Säbel an seiner Seite , und obwohl ihm Schmerz und Betäubnis durch die Wunde bei der plötzlichen Bewegung alle Gegenstände in eine Art von Nebel hüllte , so tappte er doch mit gezogener Klinge vorwärts . Manasse kauerte an einem Baume , zitterte und bebte , und wies mit den Händen nach der Seite : » Er ist vorüber , ist vorüber . « Kaum vermochte es der schwache Valerius , den in diesem Augenblicke noch schwächeren Alten aufzurichten . Diesem hatte die Todesangst alle Sehnen zerschnitten . Straff und geschmeidig war er bis hierher durch soviel Gefahren gegangen , und vor dem wilden Tiere brach er zusammen . Er gestand es später , daß ihm ein ganzer Trupp Feinde nicht so fürchterlich seien als ein gefährliches Tier . » Es sind doch Menschen , « sagte er mit schwacher Stimme , als er bis zum Wagen gekommen war und sich ein wenig erholt hatte , » es sind Menschen , für tausend Dinge zugänglich , mit Organen wie ich , mit Schwächen wie ich . Sie können auf mich schießen , und meine Furcht ist nicht so groß , sie können vorbeischießen - aber die Bestie hat keine Schwäche mit mir gemein , ihre Zähne treffen immer - ach Joel ! « Trotz seiner Schwäche sah er , daß der Sohn hilflos an der Erde lag , und mit zitternden Händen griff er nach ihm . » Joel , warum tust du dir solchen Schaden ! Das wilde Tier sprang vorbei , weil wir alle geschrien haben , wozu steigst du mit dem kranken Beine vom Wagen ! - - « Joel verbarg seinen Schmerz und ließ sich von Valerius und dem Alten wieder hinaufheben . Darauf untersuchte Manasse voll Angst und Sorge , ob und wie der Wagen zerbrochen wäre , sah sich indessen immer noch vorsichtig um , ob noch eine Bestie in der Nähe sei . Der Wagen war zwar beschädigt , aber nicht so arg , daß die Weiterfahrt nicht hätte gewagt werden können . Er war durch den plötzlichen Ruck der Pferde auf einen schmalen freien Platz gebracht worden , und es öffnete sich wieder ein enger Weg rechts in den Wald hinein . So fuhren sie denn in Gottes Namen weiter . Manasse war noch totenbleich , und die großen schwarzen Augen lagen erloschen tief in den Höhlen , die langen erstarrten Finger hielten unsicher die Lenkstricke der Pferde . So ging ' s einige Stunden fort . Es zeigte sich kein Wechsel : immer dieselben unwirtlichen Kiefern , derselbe halb verschneite Weg . Valerius sagte , ob man nicht den Pferden etwas Heu vorlegen wolle . Manasse schüttelte schweigend den Kopf . Man könne indessen ein Feuer anmachen , um sich ein wenig zu wärmen . Manasse selbst vor Frost klappernd , schüttelte schweigend den Kopf . - Der Alte war zwar von Wilna bis Lemberg und von Brody bis Kalisch mit allen Wegen und Stegen des alten Königreichs bekannt , aber wer einmal auf Irrwege gerät in diesen polnischen Wäldern , namentlich wenn der Schnee die Gegenden alle gleich macht , der braucht auch bei genauer Kenntnis des Landes oft Tag und Nacht , eh ' er sich wieder zurecht findet . Manasse sah immer aufmerksam vor sich hin und trieb die müden Pferde ununterbrochen an . Joel klagte über Hunger : der Alte zog ein Stück Brot aus der Tasche und reichte es seinem Sohne , ohne selbst einen Bissen zu begehren . Wohl aber wandte er sich verdrießlich um , als Joel einen Teil davon an seinen Nachbar gab . Es mochte gegen Mittag sein , als er still hielt und den Pferden etwas von dem Heu vorwarf , was auf dem Wagen lag . Er zupfte es von der Seite heraus , auf welcher Valerius saß , und beobachtete übrigens noch immer dasselbe Schweigen . Vorsichtig griff er nun an seines Sohnes Bein und sah fragend mit schmerzlichem Gesichte zu ihm in die Höhe . Auf Joels zufriedenes Kopfnicken ging er hinweg und stellte sich an die Seite des Wagens . Das Schneien hörte auf , und es fuhr solch ein hellgrauer Dämmer über den Himmel , wie er in jenen Gegenden zuweilen daran erinnert , es sei noch eine Sonne hinter den Wolken . Alles rings war still . » Ich höre Tritte - wahrhaftig , ich höre Tritte , « sagte Manasse murmelnd vor sich hin . Joel und Valerius indessen entdeckten nichts . Wirklich aber trat nach einer Weile ein Mann aus den Kiefern und kam in den Weg unserer Reisenden . Er nahm keine Notiz von ihnen und wäre wahrscheinlich ohne zu grüßen vorübergeschritten , wenn ihn nicht Manasse angeredet hätte . Der polnische Bauer , und einem solchen sah er gleich in dem kurzen Schafpelze , der die Knie kaum bedeckte , ist auf der Landstraße nickt gesellig , am wenigsten spricht er einen Juden an . Das unterläßt er nicht sowohl aus Haß oder Abneigung , sondern aus gewöhnlicher Gleichgültigkeit . Der Reisende hat kein Interesse für ihn , und die deutsche Redseligkeit , die sich freut , wenn sie nur Gelegenheit findet , etwas zu reden , die kennt er nicht . Er geht tagelang durch Wald und Feld , ohne ein Wort zu sprechen . Er unterscheidet sich von der höheren Klasse in sehr vielen Dingen , welche nicht bloß Reichtum und äußere Verhältnisse betreffen . Das Melancholische des slawischen Volkscharakters ist noch vielfach am Bauer zu erkennen . Mag er auch heftig , schnell , verschlagen erscheinen , der trübe Slawe ist doch der Grund seines Wesens , und Schweigsamkeit bringt er aus seiner Hütte mit . Das chevalereske lebendige Wesen der Polen , das uns als polnisches bekannt wird , ist , wie gesagt , mehr dem Vornehmen eigen , und widerspricht auch dem eben Gesagten nicht - der lebhafteste Pole ist nicht so geschwätzig wie der Franzose und Deutsche . Manasse erkundigte sich in schneller Frage nach Weg und Richtung , und ob kein Dorf in der Nähe sei . Der Bauer antwortete