eilig aus dem Staube machte . Zu spät bedachte der Graf , daß er sich vergessen habe ; aber wie empfindlich mußte der Schlag sein , der ihn getroffen , wenn dadurch die eherne Ruhe und Zurückhaltung eines so vom Zweck Umpanzerten erschüttert werden konnte ! Mit fliegender Hand schrieb er einige Zeilen , schloß und siegelte den Brief , ließ den Jäger kommen , gebot ihm , ein Pferd zu satteln , und trug ihm auf , die Botschaft vor Ablauf von achtundvierzig Stunden an Ort und Stelle zu bringen , kost es , was es wolle . Der Mann entfernte sich schweigend . Er kannte seinen Herrn . Er wußte , daß sein Herr sich nicht mit Späßen beschäftigte , Liebeshändeln und kleinen Intrigen . Er kannte dieses Gesicht an Seiner Lordschaft , diese Spannung eines gräßlichen Entweder-Oder , diese Miene eines angestrengten Wettläufers , diese krankhafte Fassung des Hasardspielers . Man hatte dergleichen Ritte schon oft unternommen bei Tag wie bei Nacht ; man mußte eine verschwiegene Zunge haben , um die unbehaglichen Zutaten solcher Obliegenheiten vor einer wißbegierigen Welt bergen zu können , denn es hatte nicht selten den Anschein , als ob man der Mittler lichtscheuer Geschäfte sei . Eile war stets geboten ; man kam auch stets zurecht , doch jenes » Kost es , was es wolle « war ein bißchen aufschneiderisch , man erhielt nicht immer seinen Lohn , man mußte oft wochenlang warten und heimlich nach den Brocken haschen , die von der gräflichen Tafel abgetragen wurden ; Seine Herrlichkeit war eben nicht bei Kassa , man erwartete Gelder aus England oder aus Frankreich oder man wurde sogar um Geld zu irgendeinem vornehmen Herrn geschickt , und es war auffallend , daß dem gräflichen Verlangen häufig nicht eben diensteifrig begegnet wurde , der vornehme Herr ließ in seiner Sprache eher etwas von Geringschätzung als von Ehrfurcht gegen die Person des Lords merken . Woran hing das alles ? Wohin liefen die Fäden , die dieses über den Pöbel erhobene Schicksal an die gemeine Notdurft knüpften ? Der edle Abkömmling eines edeln Geschlechts , seine Tage in einer erbärmlichen Spelunke fristend , einer der stolzesten Namen eines stolzen Reiches , abhängig von der schmierigen Freundlichkeit eines Gastwirts , verdammt , seines Lebens Mark und Kern mit eignen Füßen in den Schlamm zu treten , das strenge Gedächtnis unantastbarer Ahnen preiszugeben , wofür ? Woran hing das alles ? Jede gegenwärtige Stunde war eine Ruine der Vergangenheit , jeder Tag die Trümmerstätte eines goldenen Ehemals ; ehemals , da der Name Stanhope in den Hauptstädten Europas noch jene Rolle gespielt , die seinem Träger selbst nur noch wie eine Sage erschien , als der jugendliche Lord das Entzücken der Salons von Paris und Wien gewesen war , als er reich gewesen und den Reichtum benutzt hatte , um seine maßlose Jugend damit zu sättigen und der Welt seiner Standesgenossen das Schauspiel einer Verschwendung ohnegleichen zu geben . Seine Feste und Gastmähler waren berühmt gewesen . Er war von Land zu Land gereist mit einem Hofstaat von Köchen , Sekretären , Kammerdienern , Handwerkern und Spaßmachern . Er hatte bei einer Pergola in Madrid für fünfundzwanzigtausend Livres Blumen an die Frauen verteilen lassen . Er hatte während des Wiener Kongresses die Könige und Fürsten bewirtet , Wettrennen veranstaltet , die allein ein Vermögen verschlangen , und Oratorien und Opern für eigne Rechnung aufführen , lassen . Seine luxuriösen Launen hielten die Gesellschaft in Atem ; er beschenkte seine Freunde mit Villen und Landgütern und seine Freundinnen mit Perlenketten . Er war jahrelang der Timon des Kontinents gewesen , um den sich eine Armee von geilen Schmarotzern drängte , die alle ihr Profitchen an ihm machten und ihre ausschweifenden Gelüste bei ihm befriedigten . Seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit war sprichwörtlich geworden , seine Art , mit immer gefüllten Händen Gold um sich her zu streuen , achtlos , ob es in die Gosse oder auf die Teppiche fiel , glich dem Wahnsinn oder einer tollen Probe auf die menschliche Habgier . Dann das Ende : Fallissement und Selbstmord eines Bankiers beschleunigten den unaufhaltsamen Zusammenbruch . Es war an einem Abend im Palais Bourbon , man hatte hoch gespielt , Stanhope verlor viele Tausende , um so bezaubernder wirkte sein unbefangenes Geplauder , das Feuer und die Anmut seines Geistes . Der Gesandte , Lord Castlereagh , trat zu ihm und machte ihm eine hastige Mitteilung . Man sah ihn erblassen , ein Lächeln von eigner Schwermut gefror auf den feinen Zügen , andern Tags reiste er . Er glaubte in der Heimat das zurückgezogene Leben eines Landedelmannes führen zu können , dies mißlang . Die Güter waren überschuldet , von allen Seiten drängten Gläubiger , außerdem graute ihm vor der Einsamkeit , haßte er die menschenlose Natur . Er floh . Der Glanz vergangener Zeiten mußte Fetzen borgen für ein Dasein , das allmählich von innen ausgehöhlt wurde durch die Angst um das nackte Brot . Es war still um ihn geworden ; seine Wanderzüge waren eine Jagd nach den früheren Freunden und Genossen , aber auf einmal gab es keinen mehr , der nicht alles vorher gewußt hätte und aus sicherer Schanze heraus Verdammnis predigte . In einem römischen Hotel nahm er , verzweifelt , erschöpft , aller Hoffnung bar , Strychnin . Eine junge Sizilianerin pflegte und rettete ihn . Das Gift , das seinen Körper verlassen hatte , schien von seiner Seele Besitz zu ergreifen . Er rang mit dem Dämon , der ihn niedergestoßen ; er wurde wild und kalt ; seine ans Erhabene streifende Menschenverachtung erleichterte ihm , die Schwächen seiner Umgebung zu benutzen . Er begab sich in den Dienst hoher Herren und studierte die schmutzigen Mysterien ihrer Vorzimmer und ihrer Hintertreppen . Er wurde Emissär des Papstes und bezahlter Agent Metternichs . Bald war sein Name ausgestrichen aus der Liste der Untadeligen und jenen Abenteurern zugezählt , die an den Grenzbezirken der Gesellschaft eine gefürchtete Korsarenrolle spielen . Die außerordentlichen Talente , die er besaß , machten ihm keine Aufgabe schwer ; der unablässige Zwang zu handeln , die Vielfältigkeit der Beziehungen erstickten die Stimmen des Gewissens und die Empfindung dunkler Schmach . Oben geächtet und bei aller Nützlichkeit gemieden , war er in den Niederungen noch immer der erlauchte Mann ; er wurde ein geübter Menschenjäger und Seelenfänger ; was dem Druck des Unglücks entsprungen war , wurde Metier ; das unwiderstehliche , sanfte Lächeln : Metier ; die edeln Manieren , das ritterliche Betragen , die gewinnende Konversation , die treffliche Bildung : alles Metier ; jedes Zucken der Wimpern , jede Verbeugung war Geschäft ; alles hatte Folgen , alles Ursache , ein nachlässiges Wort konnte das Mißlingen einer Aufgabe bedeuten , und doch , wie entbehrungsvoll war ein solches Dasein , wie jämmerlich der Lohn ! Und wie ging es bei alledem langsam bergab , ins Kleine hinein , als ob die Kette , an der er zog , von selber und ohne daß sie sich lockerte , Glied um Glied absetzte , um ihn in den Abgrund zu zerren . Eines Tages hieß die Kriegslosung Caspar Hauser . Der Auftrag war deutlich , seine Quelle klar , die Umstände finster wie nichts zuvor . Man sagte : Du bist der rechte Mann , das Unternehmen ist schwer , aber einträglich , es scheint von geringer Bedeutung , doch Ungeheures steht auf dem Spiel . Die Verhandlungen wurden nicht von Gesicht zu Gesicht geführt , alles war hinter Vorhängen versteckt , jeder Mittler trug das Wort eines namenlosen Gebieters . Das Gespenstertreiben reizte die Phantasie , der Abgrund begann zu leuchten . Das Ausspinnen des Plans hatte etwas von Wollust ; der seltene Vogel mußte meisterlich beschlichen werden . Ja , der Auftrag war deutlich , er hatte Hand und Fuß Du hast den Findling aus dem Bereich zu entfernen , in welchem er anfängt für uns gefährlich zu werden , lautete die Weisung ; nimm ihn zu dir , nimm ihn mit in ein Land , wo niemand von ihm weiß ; laß ihn verschwinden , stürze ihn ins Meer oder wirf ihn in eine Schlucht oder miete das Messer eines Bravo oder laß ihn unheilbar krank werden , wenn du dich auf Quacksalberei verstehst , aber verrichte das Werk gründlich , sonst ist uns nicht gedient . Unsers Dankes bist du versichert ; wir notieren unsern Dank mit der und der Summe bei Israel Blaustein in X. Was war zu überlegen ? Alle Not konnte zu Ende sein . Jedes Zögern machte schon mitschuldig ; den untätigen Wisser zu beseitigen war für jene ein Zwang . Es gab keine Wahl . Der Beginn des Unternehmens lag weit zurück ; schon damals , wo man den Mordgesellen in Daumers Haus geschickt , hatte Stanhope Befehl , einzugreifen , falls der Anschlag , an dem er selber unbeteiligt war , nicht gelingen sollte . Die Roheit und Verworfenheit der angewandten Mittel schreckten ihn , beleidigten seinen guten Geschmack , rüttelten sein besseres Wesen auf . Er floh , er verbarg sich . Das Elend und drohender Hunger lockten ihn wieder ins Garn , und so machte er sich auf » aus weiter Ferne « , um sein Opfer zu betören . Doch wie sonderbar war schon das erste Begegnen und Zusammensein ! Welch eine Stimme ! Welch ein Auge ! Was erschütterte den Verderber und riß ihn hin ? Er wurde betört , er ! Dieser Vogel verstand auch zu singen , das hatte der Netzknüpfer nicht bedacht . Auf einmal sah er sich geliebt . Nicht wie Frauen lieben , das hatte er erfahren , das kann gewürdigt und auch vergessen werden , es liegt im Fluß der Dinge begründet , Zufall und Trieb haben gleichen Anteil daran ; auch nicht wie Männer lieben oder Eltern oder Geschwister oder wie ein Kind liebt ; Gesetz und Aneignung , Not und Wille binden die Kreatur an ihresgleichen ; doch im tiefsten Grund ruht Wetteifer , Kampf und Feindschaft . Dies aber war anders , ungeahnt und wundersam rührte die Schönheit einer Seele an das ummauerte Herz . Es gibt eine Sage , die von einem Land erzählt , wo nicht Tau noch Regen fiel , daher entstand Trockenheit und Wassermangel , weil nur ein einziger Brunnen war , der Wasser erst in großer Tiefe enthielt ; wie nun die Leute zu verschmachten anfingen , da kam ein Jüngling zu dem Brunnen , der die Zither spielte und seinem Instrument so süße Melodien entlockte , daß das Wasser bis zur Mündung des Brunnens heraufstieg und im Überfluß dahinströmte . So wie dem Brunnen erging es dem Lord , wenn der Jüngling Caspar bei ihm weilte und die süßen Melodien seines Wesens spielte . Sein Geist stieg aus der Tiefe , ein jammernder Blick flog rückwärts , Scham entzündete das bebende Gemüt , leicht schien es das Übel ungeschehen zu machen , er fand sich selbst wieder , es strahlte ihm aus diesem Antlitz das Bild der eignen noch unbefleckten Jugend entgegen , und so , wie er hätte sein können , wenn das Schicksal nicht sein Edelstes zermalmt hätte , so sah er sich genommen , geglaubt und verherrlicht . Und so wahr , so reich , so grundlos schenkend , daß der verruchteste Geizhals und Bösewicht seine Truhe nach Kostbarkeiten durchwühlt hätte , nur um sich der Qual der Verschuldung zu entledigen . Aber er gab - nichts . Er konnte sich nicht selber geben , denn seine Person war zum voraus verschrieben , sein Leben war von denen bezahlt , denen er diente , bezahlt sein Tag und seine Nacht , bezahlt seine Reue , sein Unfrieden , sein schlechtes Gewissen . Er führte eine Tat im Schilde , die jede Falte seines Gesichts mit Lüge bemalte , aber bisweilen dachte er in Wirklichkeit daran , mit Caspar zu fliehen . Doch wohin ? Wo gab es eine Ruhestatt für den Geächteten eines Erdteils ? Ach , wenn er die stillen Stunden mit Caspar verbrachte und dieses Antlitz ihm zugeneigt war , in dem der reine Glanz des Menschen wohnte , da fühlte er , daß auch er noch ein Mensch war , und er konnte in unermeßlicher Wehmut vor sich hintrauern . Dann vergaß er Zweck und Sendung und rächte sich an jenen , deren schuldiges Opfer er war , indem er hinwarf , was er von ihren Geheimnissen wußte , und doppelten Verrat beging . Er erfüllte Caspar mit Erwartungen auf Macht und Größe , das war seine Gegengabe , das Geschenk des Geizhalses . Ein Glück , daß der Zauber an Kraft verlor , wenn er von dem Jüngling entfernt war und er nicht mehr jenen fragenden Blick auf sich lasten fühlte , bei dem ihm zumute war , als sei ein Gesandter Gottes neben ihn hingestellt . Inmitten der finstern Überlegung und im Verfolg der furchtbaren Pläne schrieb er gleichwohl kurze leidenschaftliche Briefchen an den Umgarnten , wie dies : » In der ersten Woche , da ich dich kennenlernte , hieß ich mich deinen Vasall ; solltest du je für eine Frau dasselbe fühlen , was du für mich empfindest , so bin ich verloren . « Oder : » Wenn du einmal Kälte an mir bemerkst , so schreibe es nicht einer Herzlosigkeit zu , sondern nimm es für den Ausdruck jenes Schmerzes , den ich bis ans Grab in mir verschließen muß ; meine Vergangenheit ist ein Kirchhof , als ich dich fand , hatte ich Gott schon halb verloren , du warst der Glöckner , der mir die Ewigkeit einläutete . « Es waren Wendungen im Geschmack der Zeit , beeinflußt durch Modepoeten , aber sie bekundeten doch die Ratlosigkeit eines bis ins Innerste verworrenen Gemüts . So hin- und hergerissen , hemmte er selbst den Gang seiner Unternehmung . Er ließ geschehen , was geschah , und unterlag dem Anprall der Ereignisse , denn sie waren mächtiger als seine Entschlüsse . Er wußte , daß er sein schändliches Werk enden würde und enden müsse , aber er zauderte , und dies Zaudern gab ihm Zeit , sein Geschick zu beklagen . Er versuchte sich eine Ausrede vor dem Himmel zu schaffen , indem er betete , und vor dem Richter in sich selbst , indem er aus seinem Dasein ein Fatum machte . Den an Genuß und Wohlleben hängenden Geist beschwichtigte er durch den Sophismus , daß die Notwendigkeit stärker sei als Liebe und Erbarmen , und das klare Bild des Endes eskamotierte er hinweg mit einem billigen : es wird ja so schlimm nicht werden ! Indessen wurde auch nach der hastigen Absendung des Jägers die Unsicherheit seiner Lage immer größer , die Kosten des Aufenthalts wuchsen beständig , die Kreditbriefe nutzten wenig , sie waren einstweilen nur ein Aushängeschild , die Bedrängnis zwang ihn zu Taten , und er faßte den Entschluß , nach Ansbach zu reisen und mit dem Präsidenten Feuerbach persönlich zu unterhandeln . An einem Samstag zu Ende November gebot er , eilends den Reisewagen instand zu setzen , und schickte eine Nachricht ins Tuchersche Haus , daß Caspar sogleich zu ihm kommen möge . Er aber begab sich , nachdem er Auftrag erteilt , Caspar bis zu seiner Wiederkehr zurückzuhalten , auf einem Weg , wo er dem Gerufenen nicht zu begegnen fürchten mußte , selbst dorthin , ließ sich in Caspars Zimmer führen , gab vor , auf ihn warten zu wollen , und als er allein war , durchstöberte er in gehetzter Eile alle Schubläden , Bücher und Hefte des Jünglings , um einen vor Wochen von ihm selbst an Caspar geschriebenen Brief zu finden , in welchem ihm höchst unbedachte , auf die Zukunft Caspars bezügliche Bemerkungen entschlüpft waren und den er um jeden Preis aus der Welt schaffen wollte , denn schon hatte man ihn gewarnt , schon hatten die Finsteren hinter dem Vorhang gedroht . Sein Suchen war vergeblich . Da öffnete sich auf einmal die Tür , und Herr von Tucher stand auf der Schwelle . In seinem ängstlichen Eifer hatte der Lord die nahenden Schritte überhört . Herr von Tucher sah mächtig groß aus , da sein Scheitel den oberen Pfosten der Türe berührte ; in seiner Haltung lag ein schmerzliches Erstaunen , und nach einem langen Schweigen sagte er mit heiserer Stimme : » Herr Graf ! Das sind doch nicht etwa die Geschäfte eines Spions ? « Stanhope zuckte zusammen . » Einen Anwurf solcher Art erlauben Sie mir wohl mit Schweigen zu übergehen « , entgegnete er mit gelassenem Hochmut . » Aber was soll das , « fuhr Herr von Tucher fort , » wie soll ich den Augenschein deuten ? Mir ahnt , Herr Graf , eine innere Stimme verrät es mir , daß hier nicht alles auf geraden Wegen vor sich geht . « Der Lord geriet in Verwirrung ; er preßte die eine Hand an die Stirn , und mit flehendem Ton sagte er : » Ich bedarf mehr des Mitleids und der Nachsicht , als Sie denken , Baron . « Er zog das Taschentuch aus der Brusttasche , drückte es vor die Augen und begann plötzlich zu weinen , wirkliche , unverstellte Tränen . Herr von Tucher war sprachlos . Seine erste Regung war düsterer Argwohn und der Verdacht , daß alle trüben und versteckten Redereien über Caspars Schicksal eines ernstlichen Grundes doch nicht entbehren mochten . Stanhope , als ahne er , was in dem klugen Manne vorging , faßte sich schnell und sagte : » Nehmen Sie sich eines schwankenden Herzens an . Ich tappe im Dunkeln . Ja , es will in Worte gebracht sein , ich zweifle an Caspar ! Ich vermag ihn nicht loszusprechen von gewissen Unaufrichtigkeiten und heuchlerischen Künsten ... « » Auch Sie also ! « konnte sich Herr von Tucher nicht enthalten auszurufen . » Und ich fahnde nach Beweisen . « » Diese Beweise suchen Sie in Schubladen und Schränken , Herr Graf ? « » Es handelt sich um geheime Aufzeichnungen , die er mir vorenthielt . « » Wie ? Geheime Aufzeichnungen ? Davon ist mir nicht das mindeste bekannt . « » Sie sind nichtsdestoweniger vorhanden . « » Vielleicht meinen Sie am Ende das Tagebuch , das er vom Präsidenten erhalten hat ? « Stanhope griff diesen Gedanken , der ihn aus der schiefen Situation halbwegs rettete , mit Vergnügen auf . » Ja , gerade dieses , ohne Frage dasselbe « , beteuerte er rasch , indem er sich zugleich gewisser verräterischer Andeutungen Caspars darüber entsann . » Ich weiß nicht , wo er es aufbewahrt , « sagte Herr von Tucher ; » ich würde auch Anstand nehmen , es Ihnen in seiner Abwesenheit auszuliefern . Im übrigen weiß ich zufällig , daß er vor einiger Zeit aus demselben Tagebuch das Bildnis des Präsidenten , das sich auf der ersten Seite befand , herausgeschnitten und das Ihre , Herr Graf , an dessen Stelle gesetzt hat . « Damit langte Herr von Tucher nach einer Mappe , die auf dem Schreibpult lag , zog ein darin befindliches Blatt hervor und reichte es Stanhope . Es war Feuerbachs Porträt . Der Lord sah eine Weile darauf nieder , und beim Anschauen dieser jupiterhaften Züge beschlich ihn eine niegekannte Furcht . » Das ist also der berühmte Mann , « murmelte er ; » ich bin im Begriff , ihn aufzusuchen , ich erwarte viel von seiner unbestechlichen Einsicht . « Doch alles , was er plante , der Weg dorthin , der Zwang , dem furchtbaren Blick dieser Augen standhalten zu sollen , versetzte ihn in eine Befangenheit , deren er nicht Herr werden konnte . » Exzellenz Feuerbach wird zweifellos entzückt sein , Ihre Bekanntschaft zu machen « , sagte Baron Tucher höflich , und da Stanhope sich anschickte zu gehen , bat er ihn , dem Präsidenten seine verehrungsvollen Grüße zu übermitteln . Zwei Stunden später sauste der Wagen des Lords auf der Reichsstraße dahin . Es war ein arger Sturm , in Wellen und Spiralen krümmte sich der Staub empor , der Lord kauerte , in Tücher eingehüllt , in der Ecke des Gefährts und wandte keinen Blick von der herbstlichtrübseligen Landschaft . Doch sein krankhaft leuchtendes Auge sah weder Felder noch Wälder , sondern schien die Ebene nach verborgenen Gefahren zu durchspähen . Das Auge eines Besessenen oder eines Flüchtlings . Als kurz vor dem Städtchen Heilsbronn das Gedudel eines Leiermanns hörbar wurde , drückte er die Hände gegen die Ohren , wandte sich ab und stöhnte seine zur Einsamkeit verdammte Qual in das seidene Ruhekissen des Wagens . Danach saß er wieder aufrecht , hart und kalt wie Stahl , ein Hexenlächeln um die dünnen Lippen . Zweiter Teil Gespräch zwischen einem , der maskiert bleibt , und einem , der sich enthüllt Es regnete in Strömen , als die Kalesche des Lords am späten Abend über den Ansbacher Schloßplatz donnerte . Dazu scheuten die Pferde plötzlich vor einem über den Weg trottenden Hund , und der elsässische Kutscher fluchte in seinem greulichen Dialekt so laut , daß sich hinter den dunkeln Fensterquadraten ein paar weiße Zipfelmützen zeigten . Die Zimmer im Gasthof zum Stern waren vorausgemietet , der Wirt tänzelte mit einem Parapluie vors Tor und begrüßte den Fremdling mit unzähligen tiefen Komplimenten und Kratzfüßen . Stanhope schritt an ihm vorüber zur Treppe , da trat ihm ein Herr in der Uniform eines Gendarmerieoffiziers entgegen , sehr eilfertig , mit regentriefendem Mantel und stellte sich ihm als Polizeileutnant Hickel vor , der die Ehre gehabt habe . Seiner Lordschaft vor einigen Wochen beim Rittmeister Wessenig in Nürnberg flüchtig , » leider allzu flüchtig « , begegnet zu sein . Er nehme sich die Freiheit , dem Herrn Grafen seine Dienste in der unbekannten Stadt anzubieten , und bitte um Vergebung für die einem Überfall ähnliche Störung , aber es sei zu vermuten , daß Seine Lordschaft wenig Zeit und vielerlei Geschäfte habe , darum wolle er nicht versäumen , in erster Stunde nachzufragen . Stanhope schaute den Mann verwundert und ziemlich von oben herab an . Er sah ein frisches , volles Gesicht mit eigentümlich kecken und dabei zärtlich ergebenen Augen . Unwillkürlich zurücktretend hatte Stanhope das Gefühl , daß hier einer seine ganze Person als Werkzeug antrug , gleichviel zu welchen Zwecken ; nichts Neues war ihm der begehrlich streberische Glanz solcher Blicke , schon glaubte er seinen Mann in- und auswendig zu kennen . Aber woher wußte der Dienstbeflissene davon ? Wer hatte ihn auf die Fährte gebracht ? Eine feine Nase war ihm jedenfalls zuzutrauen . Der Lord dankte ihm kurz und erbat sich für eine bestimmte Stunde seinen Besuch , worauf der Polizeileutnant militärisch grüßte und ebenso eilig , wie er gekommen war , wieder in den Regen hinausrannte . Stanhope bewohnte den ganzen ersten Stock und ließ sogleich in allen Zimmern Kerzen aufstellen , da ihm unbeleuchtete Räume verhaßt waren ; während der Kammerdiener den Tee bereitete , nahm er ein in Saffian gebundenes Andachtsbüchlein aus der Reisetasche und begann darin zu lesen . Oder wenigstens hatte es den Anschein , als lese er , in Wirklichkeit dachte er hundert zerstreute Gedanken , die Ruhe des kleinen Landstädtchens war ihm unheimlicher als Kirchhofsstille . Nach dem Imbiß ließ er den Wirt rufen , befragte ihn über dies und jenes , über die Verhältnisse im Ort , über den ansässigen Adel und die Beamtenschaft . Der Wirt zeigte sich den neuen Läuften gründlich überlegen . Er hatte noch die selige Markgrafenzeit erlebt , und mit dem Tag , wo Höfling und Hofdame aus ihren ziervollen Rokokopalästchen die Flucht vor dem heransausenden Kriegssturm ergriffen hatten , war es aus mit dem Glanz der Welt ; ein stinkendes Rattennest war sie geworden , ein Aktentrödelmarkt mit dem hochtrabenden Namen Appellationssenat , eine Tintenhöhle , ein Paragraphenloch . Damals , ach , damals ! Wie verstand man zu schäkern , wie heiter war das Treiben , man spielte , man parlierte , man tanzte ; und der dicke Mann fing vor den Augen des Lords an , einige gravitätische Menuettposen und Pas de deux zu illustrieren , wozu er eine verschollene Melodie trällerte und mit zwei Fingern jeder Hand schelmisch die Rockschöße hob . Der Lord blieb vollkommen ernsthaft . Er fragte auch beiläufig , ob Herr von Feuerbach in der Stadt sei , doch bei diesen Worten zog der Dicke ein säuerliches Gesicht . » Die Exzellenz ? « grollte er . » Ja , die ist da . Wohler wäre uns , sie wär nicht da . Wie ein brummiger Kater lauert sie uns auf und faucht uns an , wenn wir ein bißchen pfeifen . Er kümmert sich um alles , ob die Straßen gekehrt sind , ob die Milch verwässert ist ; überall ist er hinterher , aber Galanterie hat er keine im Leib . Nur eines versteht er gründlich , er ist ein scharfer Esser , und halten zu Gnaden , Herr Graf wenn Sie mit ihm zu tun haben , müssen Sie alles loben , was auf seinen Tisch kommt . « Stanhope entließ den Schwätzer huldvoll , dann bezeichnete er dem Diener die Kleider , die für morgen instand zu setzen seien , und begab sich zur Ruhe . Am andern Morgen erhob er sich spät , schickte den Lakaien in die Wohnung Feuerbachs und ließ um eine Unterredung bitten . Der Mann kam mit der Botschaft zurück , der Herr Staatsrat könne heute und wohl auch in den nächsten Tagen nicht empfangen , er ersuche Seine Lordschaft , ihm das Anliegen schriftlich mitzuteilen . Stanhope war wütend . Er begriff , daß er sich überstürzt habe , und fuhr sogleich zum Hofrat Hofmann , der ihm empfohlen war . Indessen hatte sich die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet und nach weiteren vierundzwanzig Stunden war schon ein Sagenkranz um seine Person geflochten . Ein halb Dutzend mit Goldguineen gefüllte Säcke seien auf dem Reisewagen des Fremdlings aufgeschnallt gewesen , hieß es , und er wolle das Markgrafenschloß samt dem Hofgarten kaufen ; er führe ein Bett mit Schwanendaunen mit sich und gestickte Wäsche ; er sei ein Vetter des Königs von England und Caspar Hauser sein leiblicher Sohn . Stanhope , kühl bis in die Nieren , sah sich als Mittelpunkt kleinstädtischen Schwatzes und war es zufrieden . Der Hofrat hatte ihm keine Erklärung über das Verhalten des Präsidenten zu geben vermocht . Um die dienstlichen Schritte zu beraten , suchten sie den Archivdirektor Wurm auf , der bei Feuerbachgroßes Vertrauen genoß . Stanhope spürte , daß man nur mit scheuer Vorsicht an die Sache ging ; die amtssässigen Herren konnten sich keines freien Verhältnisses zu einem Manne rühmen , dessen Hand wie eine Eisenlast auf ihnen ruhte . Am Abend folgte Stanhope der Einladung in einen Familienkreis . Als er hier die Rede auf den Präsidenten brachte , wurde eine Reihe von Anekdoten erzählt , die teils lächerlich , teils bizarr klangen , oder man berichtete , wie um den Mangel an Liebe und echtem Sichbescheiden durch Umstände zu verdecken , welche das Mitleid herausforderten , von dem Unglück , welches Feuerbach an zweien seiner Söhne erlebe , von einer zerrütteten Ehe , von der menschenhassenden Einsamkeit , in welcher der Alte hauste , und in der man doch wieder etwas wie eine dunkle Verschuldung sehen wollte . » Er ist ein Fanatiker , « ließ sich ein kahlköpfiger Kanzleivorstand vernehmen , » er würde , wie Horatius , seine eignen Kinder dem Henkersknecht ausliefern . « » Er vergibt niemals einem Feind , « sagte ein andrer klagend , » und dies beweist keine christliche Gesinnung . « » Das alles wäre nicht so schlimm , wenn er nicht in jedem Menschen eine Art von Übeltäter sehen würde , « meinte die Dame des Hauses , » und bei jeder Harmlosigkeit gleich das ganze Strafgesetz aufmarschieren ließe . Neulich ging ich um die Dämmerung mit meiner Tochter auf der Triesdorfer Straße spazieren , und wir waren unbedachtsam genug , ein paar Äpfel von den Bäumen zu pflücken ; auf einmal steht die Exzellenz vor uns , schwingt den Stock in der Luft und schreit mit einer fürchterlich krähenden Stimme : Oho , meine Gnädige , das ist Diebstahl am Gemeindegut ! Nun bitt ich einen Menschen , Diebstahl ! Was soll denn das heißen ? « » Du mußt aber auch sagen , Mama , « fügte die Tochter hinzu , » daß er dabei ganz pfiffig geschmunzelt hat und sich kaum das Lachen verbeißen konnte , als wir , vor Schrecken zitternd , die Äpfel in den Graben warfen . « Der bloße Name des Mannes glich einem Steinblock im Strom , vor dem das Wasser staut und aufprallt . Stanhope machte kein Hehl aus seiner Bewunderung für den Präsidenten . Er , zitierte Stellen aus seinen Schriften , schien selbst die trockensten juristischen Abhandlungen zu kennen und pries die von Feuerbach durchgeführte Abschaffung der Folter als eine Tat , die über die Jahrhunderte leuchten würde . Es war ein Mittel zu blenden , wie irgendein andres . Auf allen Gassen , in allen Salons gab es alsbald nur einen einzigen Gesprächsstoff , und das war Lord Stanhope . Lord Stanhope , der Held und die Zuflucht der unschuldig Verfolgten ; Lord Stanhope , der Gipfel der Eleganz , Lord Stanhope , der Freigeist , Lord Stanhope , der Liebling des Glücks und der Mode , Lord Stanhope , der Melancholische , und Lord Stanhope , der Strengreligiöse . Soviel Tage , soviel Gesichter ; heute ist Lord Stanhope kalt , morgen ist er leidenschaftlich ; zeigt er sich hier heiter und ungebunden , dort wird er tiefsinnig und würdevoll sein ; Gelehrsamkeit und leichte Tändelei , die Stimme des Gemüts und sittliche Forderung : es kommt nur auf das Register