mit ihren scharfen , aufgebrachten Worten über Wetterschaden , über Henny Ottens Tod , und Aussichten der Obsternte und derart tausenderlei Sachen . 5 Jahre gehen hin und kommen nicht wieder . Einhart war reich genug , sie nicht zurückzubegehren . Auch die , die jetzt kamen und nicht sichtbare Merkzeichen einritzten , die scheinbar ungehört verhallten . Es waren Jahre innerlicher Raffung zu sich selber . Denn der Mensch ist lange ein Kind , und dann ein Schüler , und auch wenn ihn die Menschen entlassen aus ihrer Meisterschaft , liegt er noch immer mit der Welt im Streite , ehe sie ihn gewähren läßt , aus sich zu sehen , zu sammeln , zu sichten , zu reden und zu malen . Und es kommt in jedes Menschen Leben eine Zeit , wo er mit leidenschaftlicher Sehnsucht nach Stimmen und Gestalten greift , die aus selbsteigener Gnade hineingerufen und hineingebildet in die Zeit . Einmal mit denen Zwiesprach zu halten , die in ihrer Zeiten Drange nach dem persönlichen Gute rangen , und nach der Kraft die eigenen Laute und Gesichte in die Lüfte über der Menge Häupter hinzuschreiben zu dauernder Verlockung . Einhart versank in ernste Studien . Er las jetzt mit wirklicher Begier Philosophie . Da war er nur gerade schlecht beraten zuerst . Er griff da einen langen Zopf , der dem Chinesen im Westen hinten hängt . Man nennt es Geschichte der Philosophie . Ein uraltes Bild , was man so die Philosophie der Alten nennt . Tausend Stümper haben es übermalt . Es versuchte so mancher zu bessern und zu streichen , was originale Menschen aus innerstem , eigenem Lebens- und Schauensbedrängnis zur Klarheit gestaltet . Es ist ziemlich unkenntlich , alles daran . Und von dem Ursprung nicht mehr viel Spur . Das merkte Einhart . Er kam mit wahrem Verlangen . Er hatte gar nichts gelernt . Oder besser , er kam mit dem natürlichen Drange , eine Welt , die sich ihm reich und heiß darbot , zu ergreifen mit Sinn und Seele allenthalben . » Das nennt ihr also Philosophie ? « sagte er zuerst ganz erstaunt , als er die Berge des gelehrten Wissens ansah . » Gibt es nicht Männer , in denen sich wirklich die Welt in ihren wahren Mächten spiegelte ? Gibt es nur solche zerstückelte Weisheit ? Hirngespinste von tausend Begriffen , in denen sich nicht einmal Fliegen fangen ? Gibt es nicht Männer , die die Welt klar anschauen , also daß man in sie einsehen kann wie in einen kristallenen Wassergrund , auf enger Scheibe das ganze , weite Eine ? So suchte er immer wieder nach Menschen . Und es kam auch , wie er durch den Vorhof , die geilen Reminiszenzensammlungen und Retouchieranstalten , durch allerlei Kommentare von Kreti und Pleti , durch die Stätten der unpersönlichen Fruchtbarkeit flüchtig hindurchgegangen , daß ein paar Heilige selber ihm endlich wirklich begegneten . Einhart stand plötzlich vor Spinoza . Der dunkle , bleiche , wortkarge , jüdische Mann entzückte ihn . Er hatte Mühe , sich in seine Strenge einzufinden . Er sah ihn beständig versunken über seine mühsame Arbeit gebeugt . Mitten in das Lesen der Worte dieses Vertieften hörte er manchmal plötzlich das Surren des Schleifrädchens , das er mit seinem Blicke verfolgte . Denn der irdische , äußere Mensch dieses Juden saß angebunden an die irdische Leistung , indes sein Geist selbstvergessen den Zwängen der Menschenseelen tief nachsann . So persönlich das Werk , so ganz selbstvergessen der Mensch zugleich . Zum ersten Male begriff Einhart mit dem in sich gewissen Blick dieses Erkenners die Zwänge von Launen , Lieben und Leidenschaften der Menschen , die , wie Wolken- und Weiterspiele den hinausgeworfenen Erdball , so die einsame , hinausgestoßene Menschenseele umdrängen . Die entsagende Weisheit solchen Betrachters , der ohne eigenen Anspruch , ohne auch nur leises Erzittern des eigenen Spiegels , Leiden und Leidenschaften des Menschen , ohne Hauch eigener Leidenschaften , bemaß , erregte ihn förmlich . Die erhabene Ruhe und durchdringende Macht , mit der dieser kranke , jüdische Glasschleifer den unentrinnbaren Verkettungen in den Seelen nachtrachtete , ohne je Wunsch und Plan eines engen , eigenen Lebenskreises anmaßlich und trübend seiner eisklaren Schau zuzumischen , dünkte Einhart das unverlierbare Gleichnis der reinsten Hingabe des Menschen an seine Quellen . Dann las Einhart in sonderbarem Zufallsspiel Schopenhauer . Das griff ihm sehr ans Herz . Aber weil er sich auch immer wieder die Welt mit Sinnen besah , konnte er das grausige Urgespenst des Willens vor tausend schönen Ordnungen der Dinge und den liebenden Sehnsuchten nach deren reicher Gestaltung nicht immer entdecken . Und seltsam vor allem , daß er nach dem stillen Frieden in Spinozas Schleiferzelle nie ganz vergaß , daß er nun einen unwirschen Griesgram vor sich hatte , dem er zwar mit schuldiger Devotion vor dem hohen Flug und dem weiten Umblick manchmal fein zulächelte , weil auch er Hohn und Verachtung gut kannte , aber auch oft mit sicherem , klaren Worte entgegentrat . Einhart begriff nicht , daß es ein Weltleid gäbe , weil er meinte , daß nur der Einzelne immer wirklich leide . Das wirkliche Leiden schien ihm begrenzt in dem engen Becher der Vereinzeltheit . Und das Maß dieses persönlichen Leidens däuchte ihm nicht um ein Jota vermehrbar , wenn er die einzelnen Personen zusammenreihte . Leid und Freude dünkten Einhart gleich nur eine schwankende , leise Begleitung in der weiten Ordnung dieser Welt und dem weiten Meer der Seele darin . » Gewiß , « sagte Einhart , » die Welt der Hanswurste und Affen . Aber auch der Weisheit mit vielen Gesichtern . « » Wie ich sie nehme , ist meine eigene Sache . « » Ich werde nicht weinen , weil ich malen will . Die Augen müssen weit und des Lichtes viel sein . Aber es gibt auch Licht genug . « » Ich liebe meine Welt , « sagte er dann drollig lachend , » und nur die eine Welt . « Später geriet er über die Legenden des heiligen Franziskus von Assisi . » Man kann die Exstasen weit treiben , « sagte er zuerst . » Das Lustigste bleibt doch Bruder Ginepro , der Schalk und Hanswurst unter den Heiligen , der den verstiegenen Menschen durch alle Frömmigkeit hindurchscheinen läßt , daß die dummen , nackten Selbstsüchte sichtbar werden wie die Knochen im Röntgenbilde . Und dann Bruder Egidio , der selbstsichere , achtlose Arbeitsmann , der zeigt , daß man tun kann mit Händen und Füßen und doch reine Absichten und frommes Schauen der Welt mit sich tragen . « » Ich werde immer ein Schalk und Arbeitsmann bleiben : große Liebe und klare Schau ! und lachen über den Staub meines Kleides , und immer tun , und im Tun mich vergessen ! « » Und von Zeit zu Zeit zwei Fuß mich über die Erde erheben , « sagte er lachend , » aber nicht weiter ! « Alles in allem ging Einharts Winter und Sommer und noch ein Winter und Sommer so hin . Er las viel und hatte tausend Erfüllungen . Und verwarf dann alles in Summa , weil nichts kommen wollte fürs Werk aus allen solchen Betriebsamkeiten . Er lebte in diesen Zeiten ganz abgeschieden . Er hatte auch dazwischen allerlei Studien gemalt und Entwürfe . Aber er trat auf allen bald herum . Pappen und Leinwanden lagen auf dem Erdboden ohne daß er sie achtete . Er kam nicht dazu , etwas fertig zu machen . Er war manchmal dann in heller Verzweiflung plötzlich , verfluchte die dummen Bücher und ging einen Tag in Unruhe unter die Leute auf den Straßen , sah Werke in den Galerien an oder zeigte sich unversehens einmal in einer Gesellschaft . Es war ihm in solcher Art des Tuns schließlich auch ganz klar geworden , daß ein Kunstwerk immer nur aus Dunkel nach den heimlichen Drängen der Fruchtbildung zusammenschießt und aufsteigt , wie die Blüte mit der eigenen , jungen Gestalt aus dem Ackergrunde . Werk um Werk . Erfüllung um Erfüllung . Ein wahres Rückschauen auf die eigene Zeit , wenn also Werke wirklich Erfüllung gegeben . So begann Einhart nach zweierlei sich jetzt neu zu sehnen , nach selbsteigenem Tun und nach selbsteigenen Menschen unter den Lebendigen . Er fragte sich oft jetzt nach Einem , den er mit sich trüge , wie sich selber , dem er trotzig begegnen möchte , wie dem griesgrämigen Verächter Schopenhauer , oder zu dem er leise eintreten möchte wie in Spinozas einsame Schleiferzelle . Am Ende brachte ihm der Zufall noch Platons Welt in die Seele . » Da haben wir den Seher , den ich gesucht , « rief er vielemale im Lesen . Und er saß unter den schönen , jungen Griechen selber bekränzten Hauptes in Rausch und fröhlichem Widerstreit , daß er sogar die äußeren Augen weit aufriß . » Diese Welt ist ergriffen mit Auge und Ohr , mit Geruch und Geschmack , ist wahrhaft angeschaut , « rief er entzückt . » Und die Ideen sind wie Arome , die der leibhaftigen Blüte entsteigen . « » Seht doch unsre Duftmacher , die uns Arome eintränken wollen und haben nie die Blüten gesehen . « Jeden Schritt hin und her auf den Fliesen im Hofe hörte Einhart hallen , das Poltern der Berauschten an den Läden machte ihn lachen , jede Geste und jeden Geist griff er in wahrem , sinnlichen Gewande . Damit kam er ganz zum Leben zurück . » Ich will Menschen finden , « sagte er streng , » nicht Werker ! - Menschen ! « Das war ein Wendepunkt nach einigen Jahren . Weil er auf einmal jetzt auch gefühlt hatte , daß in den Werken der Vergangenheit sich klar Menschen und Werker unterscheiden : Menschen , die die Welt spiegeln , ihre eigene und die ewige zugleich , kristallklar in ihrem einen Wesensblick , und Werker , die im Dienste der Gesellschaftsmächte zusammenhäuften , redeten , kommentierten , alles zu wissen meinten , nicht schauten mit eigenen Sinnen , nichts lebten aus Blut und Atem , als einen Widerschein fremder Welten , fremder Gefühle und fremder Entschließungen . 6 Die fremdartige Erscheinung Einharts , die fahle Strenge seiner Züge , seine weichen Glutaugen , die plötzlich Haß und Feuer geben konnten , dazu die ungewöhnliche Ruhe seiner Bewegungen , seine schmalen , dünnen Zigeunerfinger in der straffen , braunen Hand , sein leicht rauhes Organ , das immer sanft verhalten klang , sein Lachen voller in sich gekehrten , kindlichen Uebermutes , wenn es wirklich einmal Lachen gab , verursachte ein sonderliches Aufmerken nach ihm hin . Wenn Einhart jetzt einmal in Gesellschaft kam , sahen ihn viele heimlich an . Einharts Augen waren jetzt immer sehr wach . Er war jetzt auf dem Menschenfang , wie er es nannte . So begegnete er in einem vornehmen Hause der Stadt einmal einem Gelehrten , der so dunkel und verschlossen war wie er selbst . Beider Augen hatten sich erst wie zufällig nur begegnet . Dann am Kamin waren sie zueinander gekommen . Sie sprachen dabei nichts . Doktor Poncet war von herrischer , wegwerfender Gebärde und dachte nicht daran , jeden gleich anzusprechen . Und Einhart lächelte nur ein wenig . Aber die Dame des Hauses , eine bucklige , häßliche Frau mit Negerlippen und ebenso gelbbrauner Gesichtshaut , wie Einhart gelbgrau , eine sehr vornehme , hochgeartete und geistesanmutige Frau , die den Winter in ihrem Stadthause Künstler und Männer von Welt bei sich versammelte , eine Gräfin Schleh , freute sich heimlich , wie sie endlich einmal Einhart bei Poncet stehen sah . Es gab durchaus gar keine laute Bewegung . Die beiden starrten nur in das Loderfeuer des Kamins . Nichts weiter zuerst lange . Doktor Poncet sah dann , immer mit unterstützten Armen sich haltend , seiner Zigarre Glühende an , desgleichen Einhart auf den Glühfleck seiner Zigarette sah . Das Feuer flammte und die Scheite knackten . » Feuer ist schwer zu malen , « sagte Poncet endlich , weil er sich jetzt erinnerte , daß Einhart Maler war . » Gott ja , « sagte Einhart . Dann standen sie wieder , ehe sie sich auch einmal flüchtig in die Augen sahen . So begannen sie langsam zu fühlen , daß sie sich viel zu erzählen gewußt . Um so hartnäckiger schwiegen sie . Manchmal ist es mit Menschen so , daß ihnen beieinander plötzlich eine neue Frohheit und Freiheit kommt . Es drängt etwas auf aus jedem in jeden , gibt ein sanftes Gebundensein und zugleich eine seltsame Ruhe . Die Gesellschaft war ziemlich groß , die weiten Räume dehnten sich . In dem hintersten Eckzimmer spielten einige alte Herren an grünen Tischen . Im Mittelsaale schwatzte die Jugend durcheinander . Es war alles hellerleuchtet . Junge Frauen in erlesenen , bunten Seiden und Sammeten waren im Lichte blendend sichtbar . Hundert Gesichter schoben sich durcheinander , wenn man wie Einhart jetzt oder Poncet aus dem Halbdunkel des verlassenen Kaminzimmers durch die umhangenen Türen in die bewegte Menge hineinsah . Man sang jetzt im Musikzimmer ein Lied . Der Klang kam gedampft zu Einhart und zu Poncet . Die beiden sprachen noch immer kein Wort weiter . Der Klang tönte wie eine Vogelstimme . Die Melodie war ein wenig feierlich . Das Flackern und Zucken der Flammen im Kamin schien sich den Klängen anzuschmiegen . Einhart beobachtete unaufhörlich gespannt in das Feuer . » Sehen Sie einmal , « sagte er dann zu Poncet , » die Flammen scheinen mitzutun . « Poncet war solches Gefühl bis jetzt unbekannt . Wie wenn er nun plötzlich seine Fäden der Dinge , mit denen sie sich halten , blinken sähe . Er lächelte ein wenig , als er nun auch gespannt wie Einhart in das Feuer sah . So standen sie und standen . Im Raume waren gedämpfte Lichter . Bleiche Bilder in goldnen Rahmen hingen an Schnüren dämmernd an den Damastwänden . Man ging auf weichen Teppichen . Es war ein seines Duften aus Blumen und Parfums allenthalben . Einharts Sinne waren davon wie umnebelt . Er sah nur dann und wann wie aus einem Traum von den Düsterflammen in die lichten , fernen Gesichter , die in dem Glanz der Nebenräume sich bewegten . Auch Poncet erwachte ein paarmal richtig . » Sie sind ein Gelehrter ? « sagte Einhart dann zu Poncet . » Wissen Sie , daß das eine Tragik ist ? « sagte Poncet . Einhart setzte sich dabei lächelnd nieder . Auch Poncet . So blieben sie neu beieinander sitzen . » Eine Tragik ! « wiederholte Einhart . Die Vorstellung ging in ihn ein wie ein stiller Akkord , den er jetzt summen und summen hörte . » Sie lächeln , « sagte Poncet . » Aus Kummer ! « sagte Einhart . » Denn nicht wahr ? Wenn ich Sie richtig verstand , müssen Sie sich immer fliehen . Und Sie möchten sich finden . « » Ja , so ist es , « sagte Poncet . Dann fühlten beide neu die Flammen zucken und springen , als wenn sie mitsprächen in das heimliche Leben der Stunde von ihrem eigenen , heißen Erlebnis . Auch die Blicke der beiden Hineinstarrenden schienen von innen zu brennen . Endlich erhoben sie sich . Sie gingen gleichzeitig lässig in den Glanz der Gesellschaft zurück . Sie kamen sich wie geblendet vor und zögerten noch immer . Jedem schien es , als hätten sie von tiefen Dingen und Schicksalen Zwiesprach gehalten . Als hätte es einen heimlichen Zusammenklang gegeben , nicht bloß von Seele zu Seele , auch zu allerhand Wesen ringsumher . Zu Flammen und Stimmen und Lichtern im Raume . Und es kam einem jeden jetzt auch so vor , als wenn sie viel voneinander wüßten und sich einig fühlten über das ganze , rätselhafte Leben . 7 Alles , was Einhart so entgegenkam , erregte ihn lange und tief . Aber es machte ihn nicht zufrieden . Einen Menschen hatte er in Doktor Poncet gefunden . Das war an und für sich ein Ereignis . Zumal Poncet in seinem Fache tüchtig genug war , um zu glänzen , wenn er nur mit Wissen sich zufriedengegeben . Aber » der Wahn ist unserer Füße Schemel , « sagte Einhart . Und das dachte auch Poncet . So gab es gutes Miteinandersein . Und sie kamen auch voll überein , daß sie die Welt von verschiedenen Seiten , aber die eine Welt angefaßt . Poncet war seines Faches ein Mann , der nach den Gesetzen des Lebens der Vielen suchte . Und Einhart sehnte sich und suchte die Träume und Gesichte zu erschauen , die ihm sein eigenes Blut als Glück und Stillung verraten wollte . » Es sind nicht weniger Gesetze des tiefsten Lebens , « sagte Einhart zu Poncet , als sie sich ein jeder ein wenig an die Sprachweise des andern gewöhnt hatten . Sie waren jetzt oft beieinander . Als sie einmal in einer Schneenacht die Straße entlangspazierten , weil Poncet gekommen war , um Einhart aus seiner Arbeit herauszulocken , hatte Einhart noch immer seine Tafel vor Augen , und das Zwiegespräch der beiden war also arm und stumm nach außen , wie damals vor dem Kaminfeuer . Da hatte es eine flüchtige Beglänzung aus einer der schneebekappten Laternen mitten im Flockenfall so weise gefügt , daß Einhart in ein Paar der wunderlichsten Augen hineingesehen , die je unter einem Kapottehütchen zu ihm aufgeblitzt . Einhart war wie gefangen gleich . Er ging mit Poncet Arm in Arm . Denn Poncet liebte Einhart , und Einhart Poncet . Ein jeder , wie es kam , hatte bald , wenn sie so gingen , den Arm in den des andern vertraulich eingelegt . Nun eben war es , daß Einhart in der sonderlichsten Laune Poncet plötzlich losließ . Es schneite weich und die Flocken tanzten . » Nein , « sagte er nur , » hier werde ich mich nicht groß besinnen und einfach zurück die alte Fährte gehn ! « Poncet war auch ein Frauenkenner . Aber mit Einhart jetzt oft in seiner alten Versunkenheit . Und ehe er also ganz begriff , hatte Einhart nur noch zurückgerufen , daß sie sich in dem Kaffeehause gegen die Nachtzeit wiederfänden . Einhart lief , was er konnte . Das Mädchen war wieder in seiner Nähe . Sie war schlank und hatte einen eiligen Schritt . Offenbar ging sie mit einem Ziele . Einhart war kindlich erregt , neugierig und lustig . Er kannte auch gar keine Scheu und Rücksicht . Ihre Augen hatten wie sammetene Blätter geschienen . Dunkel und großäugig hatten sie ihn angeblickt , wie Eulenaugen . So tief , wie wenn es Weisheit gewesen , die ihn angesehen . So lief er jetzt nur schnell vorüber und blickte sich nach den Augen wieder um . » Nein , um keinen Preis dürfen Sie mir jetzt entwischen , « sagte er hastig . » Wie ? « sagte das junge Fräulein nur , als wenn sie ganz arglos wäre und gar nicht weiter auf ihn geachtet . Da stand auch Einhart in seinen langen Mantel gehüllt schon vor ihr mit seinen lächelnden Augen voll kindlicher Freude , sah ihr prüfend drollig ins Gesicht und machte sie so im Laternenscheine und Flockenspiele lachen . » Lachen Sie nur , mein sehr gutes Fräulein ! Aber ich muß um jeden Preis noch einmal Ihre Augen sehen , ehe ich es glaube ! « sagte er bestimmt . » Was glaube ? « sagte das Fräulein , das eine sanfte , bleiche Miene hatte und dessen Augen in Wahrheit groß schienen wie Dunkelflecken . Der Schneefall trieb und tanzte um sie . » Ach , nein , nein ! so etwas Wunderbares ! « sagte Einhart ganz inbrünstig . » Ich muß Sie um jeden Preis wiedersehen . « » Wenn Sie meinen ! « sagte das Fräulein , kindlich wie er . Denn Einhart gewann durch Ton und Glück seines Erstaunens gleich einen Eingang in ihre Seele . » Wenn es nur meine Augen sind ! « sagte sie sanftmütig und brach dann plötzlich richtig in Kichern aus . Da gingen sie schon miteinander . Das Mädchen war eine kleine Putzmacherin . Sie trug noch ein Paketchen zu Kunden aus . Sie hieß Johanna und war voll Übermutes . » Sie sind wirklich ein Ungestüm ! « sagte sie zu Einhart . » Maler sind Sie ? « fragte sie ihn noch einmal , als er ihr erzählt hatte , daß er eben zu einem Bilde ein Paar besonderer Augen schon ewig in seinen Träumen und auf allen irdischen Wegen gesucht und nicht gefunden hätte . » Ich brauche irgendeinen Ton aus der Seele , eine glückliche Tiefe . Und renne schon immer herum , wie ein Raubtier äugend , « mühte er sich jetzt , von seiner Arbeitsnot einen Begriff zu geben . » So wollen Sie mich also verspeisen ! « sagte Johanna . So liefen sie lange miteinander und plauderten allerlei Loses , worüber sie immer wieder beide lachen mußten . » Ich wohne bei einer Wäscherin , wo ich mein Stübchen habe , « sagte Johanna . » Sonntags bin ich immer frei . « Es stellte sich heraus , daß Johanna erst vor wenigen Monaten in die Stadt gekommen und noch scheu und ängstlich war . Einhart war an dem Abend wie losgebunden . Er hatte so viel Dummheiten im Kopfe , daß Johanna aus dem Lachen nicht herauskam , so beschneit , wie sie schließlich aussah . Er hatte ihr längst das Paketchen abgenommen und ging die ganze Strecke neben ihr ordentlich wippend . Ihr war es längst auch recht . » Ich bin ein bisset töricht richtig in der Stadt , « sagte sie . » Das paßt sich doch gewiß nicht , wenn ich zu Ihnen käme . « » Ih , mein Fräulein , « sagte Einhart . » Was nicht paßt , muß passend gemacht werden , wie Ihre Hüte ! Darauf verstehen wir uns doch . Und außerdem « , redete er weiter , » dienen wir beide einem Höheren ! « » Oh , Sie sind aber sehr eingebildet ! « sagte Johanna . » Was wäre denn das ? « » Die Kunst ! die Kunst ! « sagte Einhart äußerst gewichtig . » Das ist eine Ausrede ! « sagte Johanna . Beide lachten wieder um der Rede willen . Aber beider Augen lachten auch jetzt , wenn sie eine Weile nur stumm die Flocken an Mund und Nase spürten , die ein wenig kitzelten . So waren sie bis ans Ende der Straße gekommen , wo ein großer Platz im dämmernden , nächtlichen Schneetreiben lag . Johanna erledigte ihre Mission . Einhart mußte eine Weile , vergnügt die Schultern in die Höhe stoßend und trappend , weil es kalt war , hin und her gehen , ehe er wieder ihre weiche Plauderstimme aus dem Dämmer vernahm . Auf dem Heimwege plauderten sie schon allerhand Zutrauliches . So daß Einhart jetzt dünkte , als ob er diesen Laut seit Ewigkeit gehört . So ist alles innerlich Nahe und Verwandte , wenn es auch zum ersten Male unser Ohr und Auge trifft , uns gleich vertraut und will uns erscheinen wie in uns selber , wie ein Stück erweckten Eigenwesens . Es gibt eine wunderbare Ruhe und Freude , ihm zu begegnen . Johanna erzählte , daß sie , eines kleinen Beamten Tochter , von Hause gegangen , weil eine zweite Mutter ihr das Leben verbittert . Nicht sehr viel davon . Einhart hatte auf Rückblicken jetzt gar nicht die Gedanken . Ihm war mit der Gegenwart genug . Er hielt Johannas Arm mit Scheu und sah nur oft in die großen , dunklen Eulenaugen , und war sanft entzückt , daß ihm die Augen zulachten , und auch daß die Hände , die einmal aus dem dicken Wollhandschuh herausfuhren , sanfte , kleine Frauenhände waren . » Ich werde Ihnen die Hände reiben . Kommen Sie ! « sagte Einhart . Johanna gab ihm die Hände . Es waren ziemlich viel Vergnüglichkeiten in ihren Blicken dabei , weil auch sie in seinen Augen das Funkeln und die Güte gern sah , und alles sanft und zärtlich war , was er sagte und tat . Schließlich wollte Johanna doch nicht mit ihm kommen , so sehr Einhart auch bat und quälte und sie am Arme hielt und lachte , wobei auch sie lachte . » Schon wegen der Schmutzerei , « meinte sie , auf ihre Beschneitheit weisend . Sie hatten beide Schneelasten auf Hut und Mänteln . » Aber auch so ! das schickt sich nicht . Ich werde Sie erst einmal am Tage besuchen . Wenn Sie mir dann noch so gefallen wie jetzt , « sagte sie ganz bestimmt , » dann können wir weiter Freunde sein . « So hatten sie sich getrennt . An dem Abend war es Einhart , als ob er plötzlich eine ganz eigene Art und Leichtigkeit gewönne . Es kamen ihm allerhand Tollheiten in den Sinn . Er konnte gar nicht zum Entschluß kommen , ob er zu Poncet noch in die Ecke ins Kaffeehaus gehen sollte . Dann ging er doch . Poncet , der verheiratet war und daheim zwei Kinder hatte , saß vor sich hinbrütend wie oft . Einhart war an dem Abend voller Leben . Aber er sagte nicht warum . Er ließ sich zweimal hintereinander Kaffee geben . Und glomm Zigarette um Zigarette und war sehr gesprächig . » Ja , malen ! « sagte er . » Ach Gott , das liebe Malen ! Wenn man nicht einmal fände , was einen im Alter noch anmutet mit dem Glück eines gefundenen Schatzes . Man muß dahinter sein . Das große Bild wird etwas . Ganz neuartig . Ganz meine eigenen Harmonien . Das ist sicher . Der Einfall und der Zufall ! Ich will nur malen , was mich selber überrascht ! Den glücklichsten Einfall und den seligsten Zufall . « Er hörte nicht auf , so hinzuplaudern , daß Poncet nur zuhörte . » Ein Blick gibt es manchmal , « sagte er . Poncet saß versunken in sich . Aber er lächelte auch manchmal , weil Einhart lächelte . » Einfälle und Zufälle machen es bei euch , « sagte Poncet dann einmal . » Bei uns ist alles System , System , System ! Das ganze Leben System ! Schrecklich ! schrecklich ! schrecklich ! « Sie liefen erst in tiefer Nacht nach Hause . Einhart war noch immer nicht still . Sie standen erst lange vor Poncets Hause , ehe sie sich bis zum andern Tage Lebewohl sagten . 8 Johannas Hände waren fein und klein , weiche Frauenhände , die Finger schlank . Wenn sie hantierte , gab es ein lustiges Spiel . Wenn sie mit einem Finger drohte , mußte Einhart lachen . Und nun hantierte sie erst noch eine Weile , einige Monate , bis über die Weihnacht im Putzladen , daß die weißen , lieblichen Frauenhände in bunte Seidenbänder und in allerlei fremde Blumen und Federn sich ewig einwühlten , und garnicht , däuchte es , daraus endlich ganz ans Tageslicht kommen könnten . Die etwas gebogene , schmale Nase war ewig noch den Tag gesenkt . Die großen , schwarzen Eulenaugen hatten durchaus gar kein Lachen , nur eine sichere Sittsamkeit und Spannung . Sie umprüften um und um die breiten Krempen oder hohen Türme der sonderlichsten Frauenhüte , ehe endlich wieder einer , rings umziert , aus der Schöpferin liebender Hand ins Schaufenster oder auf den Ladentisch wanderte . Einhart stand jetzt oft vor dem Laden , schon am Tage . Aber die großen Eulenaugen drinnen sahen und zwinkten nur heraus . Erst am Abend waren dann die lustigen Blicke und der junge Mund und die sanften Hände in Einigkeit mit Einharts . Bis Einhart sich ganz und garnicht trennen gewollt , gleich zu Neujahr , und Johanna ruhig lachend eingestimmt hatte und eine kleine , zierliche Hausmutter bei Einhart geworden war . Und Einhart war jetzt plötzlich ganz auf sich selber gekommen . » Ich male nur dich und mich , das ganze Leben lang , « sagte er stolz . » Denn im Grunde genommen sind wir zusammen alles . Du bist eine hohe und eine niedere Frau , und ich lebe auch das ganze volle Leben . Alle Tugenden und alle Laster sind in einem jeden . Besser , man lockt sie auf die Leinwand , als ins Leben . « Es war das drolligste Spiel zwischen den beiden . Johanna war wie ein Kind , so dienstwillig und hingegeben . Und hatte einen Zauber schon im Lachen . Das klang rein , als wenn Lachtauben ihre weichen Laute sanft hinhauchen und ein wenig dazu schluchzen . Und Johanna war voller Grazie . Fast noch mehr als früher . Sie hatte gleich begriffen , daß sie mit Anmut die Seele Einharts ganz und gar umspinnen konnte . Wenn sie auch nur mit der Kaffeemühle dasaß , die sie hockend zwischen den Knieen hielt , so gab das schon für Einhart eine Malerfreude , rein nur , wie sie dann die Schultern aufnahm und den Kopf halbgesenkt , halb ihm zugewandt ihre großen Dunkelblicke geschäftig spielen ließ . Oder wenn sie sich einmal flüchtig dabei zum Kusse hergab , launiges Lachen in die Lüfte schluchzend . Oder gar , wenn sie in feierlichen Gesten , den schlanken , kindhaften Jungleib in irgend ein köstliches Tuch leicht eingehüllt , eine griechische Krugträgerin hinschritt . Nun : Einhart konnte plötzlich ein Gefühl nicht loswerden , als wenn er jetzt erst ganz die eigene Kunst