; auch die , welche hernach auf dem Schulleranwesen hausten . Den Kindern von seinem ältesten Buben wurde die Lüge erzählt , noch abscheulicher aufgetragen wie jetzt . Denn jeder mußte denken , wenn es sogar der Pfarrer ins Kirchenbuch gesetzt hatte , mußte es das Ärgste gewesen sein . Keiner wußte etwas von ihm . Daß er als ehrengeachteter Mann lange Zeit den Hof regiert hatte . Keiner wußte etwas vom Baustätter und von seinem Hasse . Nur das Geschriebene galt . Wie hätten sie später die Wahrheit finden sollen , wenn er sie selber mit allen Mühen nicht herstellen konnte ? Acht Tage war er herumgelaufen von Pontius zu Pilatus und hatte gemeint , er müsse sein Recht kriegen . Er war Im Amtsgerichte und brachte seine Sache vor . Kroiß ließ ihn kaum zu Ende reden und fertigte ihn kurz ab . Was das für ein Prozeß sei , wenn er nicht einmal wisse , gegen wen er klagen wolle ? Und was das Gericht mit dem Kirchenbuch zu tun hätte ? Oder mit den Aufschreibungen eines Verstorbenen ? Jetzt fuhr der Schuller nach München und ging zum Landgericht . Die sagten ihm , wenn er wirklich klagen wolle , müsse er ' s in Nußbach tun ; sie hätten gar nichts damit zu schaffen . Er solle doch einen Advokaten nehmen . Und er ging zu einem Advokaten . Der lächelte etwas ungläubig . Was das wieder für eine Geschichte war ! Aber er hörte doch aufmerksam zu und fragte dazwischen . » Und Sie haben Ihren Vater nicht geschlagen ? « » Na . « » Ist alles erfunden ? Und kein Wort wahr ? « » Koa Wort is wahr , Herr Dokta ! « Der Advokat lächelte wieder . Ja , ja , Bauern sind Spitzbuben . Wenn sie ihren Advokaten anlügen , meinen sie , wie schlau sie sind . Und dann sagte er : » Da wirst nicht viel machen können , Schuller . Der jetzige Pfarrer red ' t sich auf den alten aus , den alten kannst nicht verklagen , weil er tot is . Wenn du gegen die andern klagst , sagen sie , daß sie bloß gesagt haben , was geschrieben steht . Und bringst du Zeugen , was können die bestätigen ? Höchstens , daß sie nie was gesehen haben . Deswegen ist nicht gesagt , daß der Pfarrer Held oder der jetzige gelogen hat . Ich glaub ' dir ja alles , aber das Gericht is nicht so vertrauensvoll . Die Herren sagen : Ja , der hat halt niemand zuschauen lassen . Sehr einfach . « Und der Advokat patschte die Handflächen ineinander . Dann merkte er doch , wie sein Reden dem Manne zu Herzen ging . » Ich tät ' dir gern helfen , Schuller , « setzte er hinzu . » Aber mit einer Klag ' is da nicht viel zu machen . Eines könnten wir probieren . Beschwer dich beim Ordinariat ! Das wär ' noch ein Mittel . Da gehst du hin und erzählst den Fall wie mir . Die Herren verderben es jetzt nicht gern mit den Bauern . Es kann sein , daß sie euern Pfarrer zu einer friedlichen Lösung anhalten . « Und dann ging der Schuller die Stiege hinunter und ging mit seinen Kümmernissen und seinem Zorn über breite Plätze und durch enge Gassen , bis er vor der Wohnung des Domkapitulars Späth angelangt war . An den hatte ihn der Advokat gewiesen . Ein altes Fräulein öffnete ihm und sagte , der hochwürdigste Herr Bruder sei nicht zu Hause , aber in einer halben Stunde komme er . Der Schuller fragte , ob er nicht warten dürfe , und als es ihm erlaubt wurde , setzte er sich auf eine kleine Bank , die im Hausgange stand . Eine Stunde verging , und der Herr Domkapitular kam noch immer nicht . Von Zeit zu Zeit streckte das Fräulein den Kopf zu einer Türe heraus und überzeugte sich , daß der fremde Bauersmann noch immer da war . Der saß geduldig und regungslos auf seinem Platze . Das Warten wurde ihm nicht lang , denn er hatte Gedanken genug , die ihn beschäftigten . Endlich klangen Schritte die Treppe herauf und näherten sich der Wohnungstüre . Ein alter Geistlicher trat ein , und wie er den Schuller sitzen sah , fragte er ihn nach seinem Begehren . Er hatte ein kluges , freundliches Gesicht , und der Schuller fing mit größerem Vertrauen seine Erzählung an . Da hieß ihn der alte Herr in sein Zimmer eintreten und Platz nehmen . Und hörte ihn aufmerksam an . Der Schuller erzählte seine Geschichte etwas weitläufig , mit vielen Nebensächlichkeiten . Weil der Advokat ihm so wenig Hoffnung gemacht hatte , wollte er jetzt alles recht verständlich vorbringen und nichts weglassen . Der Geistliche schüttelte manchmal den Kopf und sah den Mann mit prüfenden Blicken an . Aber er unterbrach ihn nicht . Er schwieg auch noch eine Weile , als der Schuller fertig war . Gewiß bildete er sich nicht ein festes Urteil über die ganze Sache , aber das eine sah er klar , daß hier wieder einmal Übereifer und falsche Auffassung von priesterlicher Würde Unheil angerichtet hatten . Er konnte nicht Partei nehmen für den Mann ; vielleicht hatte er sich durch eigenes Verschulden den Unwillen seiner Pfarrer zugezogen , aber auch dann war es töricht , wenn diese ihr persönliches Empfinden so stark geltend machten und in öffentliche Angelegenheiten eingriffen . Solche Dinge waren schuld , daß jetzt der bäuerliche Stand seinen Priestern entfremdet wurde . Die verloren immer mehr die Fähigkeit , Maß zu halten und eine versöhnende Stellung einzunehmen . Das Schlimmste bei solchen Vorkommnissen war , daß man sie selten gut machen konnte . Diese Herren wagten sich gewöhnlich so weit vor , daß ein Zurückgehen das Ansehen des Standes gefährdete . Herr Doktor Späth schüttelte unwillig den Kopf . » Mein lieber Mann , « sagte er , » was Sie mir erzählen , gefällt mir nicht . Aber was soll ich dabei tun ? « » Sie müassen befehl ' n , daß der Zettel ausg ' liefert werd ' . Der muaß öffentli , vor alle Leut ' z ' rissen wer ' n. « » Das kann ich nicht befehlen . « » Sie san do der Vorg ' setzte von insern Pfarrer ? « » In gewisser Beziehung steht er unter dem Ordinariat . Aber nicht so , wie Sie das meinen . « » Ja , dös könnt ' s do ös net zualassen , daß an offenbare Verleumdung im Kirchenbuach d ' rin bleibt ? Da seid ' s ös allesamt schuldig ! « » Wir wollen uns jetzt nicht aufregen . Im Kirchenbuch steht so etwas nie . « » Er hat den Zettel ins Kirchenbuch einig ' legt . So was derft ' s ös do it zualassen ! « » Erstens : Ich kann dem Pfarrer von Erlbach nicht anschaffen , wohin er seine Papiere legen soll , und zweitens : Niemand kann ihm befehlen , daß er einen Zettel ausliefert , den er nicht unrechtmäßig erworben hat . Das müssen Sie doch einsehen . « » Na , dös siech i net ei ' . Mi derfen do aa koa falsche Urkund ' net ei ' trag ' n. A Burgermoasta , der so was tuat , werd ei ' g ' sperrt . Für de Pfarrer werd ' s do aa ' r a G ' setz geb ' n ? « » Wir verstehen uns nicht . Hören Sie mich ruhig an ! Eine Urkunde ist diese Schrift da nicht . Wenigstens keine Urkunde , wie Sie das verstehen . Das ist eine private Aufschreibung , eine Bemerkung . Geradeso , wenn Sie zum Beispiel in Ihr Notizbuch hineinschreiben , der Pfarrer Soundso hat gestohlen . Da kann Sie doch kein Mensch zwingen , daß Sie es herausreißen . « » Wenn i ' s aber ander Leuten zoag ? « » Dann können Sie wegen Beleidigung verklagt werden . Das ist hier nicht möglich , weil der Schreiber jenes Zettels gestorben ist . « » Herzoagt hat ' n der jetzige Pfarrer . « » Ja , das hat er . Und ich würde es nicht getan haben . Aber verurteilt kann er deshalb nicht werden . « » Ich siech scho , es gibt koa Recht für mi . Ös helft ' s alle z ' samm . « - » Das müssen Sie nicht sagen . « » Dös sag ' i net alloa . Mir hat scho lang ' oaner g ' raten , daß i nix toa soll , weil ' s do für nix is . « » Sie wollten von mir einen Rat . Also darf ich Ihnen nichts sagen , was ich selbst nicht glaube . « » Ja , ja , i woaß scho . Hätt ' da Bauer an Pfarrer beleidigt , nacha waar ' s leicht mit ' n Klag ' n. « » Sehen Sie , Schuller - so heißen Sie ? - reden Sie sich nicht in Zorn und Argwohn hinein . Ich will Sie nicht fortschicken , wie Sie gekommen sind . Wenn es Ihnen recht ist , schreibe ich dem Pfarrer ; vielleicht kann man die Sache noch mit Güte beilegen . Das halte ich für das Beste . « » Dös tean S ' net ! Bai i koa Recht it finden ko , is trauri ; koa G ' nad ' mag i net . Und mit der Güte is bei mir gar nix mehr . « » Er ist doch Ihr Seelsorger ! « » Na , dös is er net . Liaba fall ' i am Fleck um , als daß i no mal in d ' Kirch ' geh ' oder daß i a Sakrament nimm von dem Ehrabschneider . « » Versündigen Sie sich nicht an unserem heiligen Glauben ! « » Heilig ! Ja , der is heilig , der Glaub ' n , der solchene Lehrer hat ! San ma staad über dös ! I bin firti damit ! Adjes ! « Und der Schuller ging . Auf der Straße blieben die Leute stehen und schauten dem Manne nach , der so hastig ging und mit sich selber redete . Die Lüge blieb stehen . Jedes Wort war erfunden ; so schlecht , wie nur einer was erfinden kann . Alle mußten es wissen . Mit Händen war es zu greifen . Und half ihm alles nichts . Er mußte das Unrecht leiden , wie er sich auch dagegen wehrte . Er war machtlos , ganz machtlos . Herrgottsackerament ! Daheim fand er nichts , was ihm den Verdruß genommen hätte . Seine Bäuerin hatte nur dumme Fragen , und die Ursula ging müde und schwerfällig im Hause herum . Ihr Zustand regte ihm noch mehr den Zorn auf . Da würde es nun über eine kurze Weile neuen Verdruß geben . Und seine Feinde konnten sich freuen , wenn ihm der Hierangl vor Gericht das Hauswesen schlecht machte . Das mußte ihm gerade jetzt geschehen . Das heimliche Lachen sehen müssen und nichts sagen dürfen . Vielleicht fragte ihn der Bezirksamtmann , ob das auch bloß eine Verleumdung sei , das mit der Ursula . Und nahm es als Beweis , daß er recht gehabt habe . Daß einer nicht zum Bürgermeister taugt , wenn er im Haus nicht auf Ordnung sieht . » Geh mir aus ' n Weg , du ! I mag di net sehg ' n ! « Das mußte die Ursula oft hören ; und dann schlich sie sich in den Stall hinaus und heulte jämmerlich . Die Mutter weinte mit . Ihr Herz war schwer bedrückt , weil der Bauer ihr gesagt hatte , daß er seinen Fuß nicht mehr in die Kirche setze ; sie solle ihn nie darum angehen , denn es helfe ihr nichts . Das schien ihr das Ärgste von allem . Sie versuchte es mit Bitten . Wenn er schon in Erlbach nicht gehe , so könne er ja in Webling die Messe hören , daß ihn die Leute nicht für einen Heiden anschauen dürften . Wie wolle er denn in der Beichte bestehen , wenn er keinen Sonntag mehr Amt und Predigt besuche ? Das wäre ihm keine Sorge , sagte der Schuller , weil er nicht mehr beichte . Aber wenn er die österliche Beichte versäume , sei er doch ausgestoßen aus der Kirche ! Das kümmere niemand wie ihn , und er frage blutwenig danach . Sie solle nach ihrem Gewissen leben , er rede ihr nichts ein . Aber in seine Sache solle sie sich nicht mischen , und er rede nicht mehr darüber . Da wußte sie , daß alles vergeblich war ; sie jammerte ihm nicht mehr vor , aber wenn sie allein in der Küche war , setzte sie sich neben den Herd und weinte in die Schürze hinein . Ihre kleine Welt war aus den Angeln gehoben . In der gab es neben der Arbeit nur die kirchlichen Feierlichkeiten . Sie hingen so zusammen mit allen Ereignissen , daß sie ihr notwendig schienen zum Leben . So war es doch immer gehalten worden , bei ihr daheim und in jedem rechtschaffenen Hause , daß die Eheleute miteinander zur Kirche gingen . Und fortan sollte sie allein den Weg machen ; nie mehr würde ihr Bauer neben ihr sein , nicht an den gebotenen Feiertagen , nicht an den hohen Festen . Sein Platz im Kirchenstuhle mußte leer bleiben , und die Nachbarinnen sollten spöttisch auf sie hinüberschielen . Das schien ihr , als wäre ihr alle Ehrbarkeit genommen . In der Schlafkammer lag unter einem Glassturze ihr Myrtenkranz . Einmal prangte sie mit ihm , als der Andreas Vöst vor dem Altare versprach , ihr christlicher Ehemann zu sein , bis der Tod sie scheide . Und wenn sie ihr zum zweiten Male den Kranz aufsetzten , dann war es an dem Tage , wo sie nach einem arbeitsamen Leben die Glieder streckte . Aber lebte derweilen noch ihr Bauer , dann stand er nicht hinter dem Geistlichen , der sie einsegnete , dann ging er nicht beim Gottesdienste als Erster zum Opfern und sprengte nicht Weihwasser auf ihr Grab , wenn er des Sonntags daran vorbei in die Kirche ging . So konnte sie nicht mehr ruhig sein im Leben und nicht im Sterben . Ihr Hauswesen war fortan nicht mehr geachtet . Alle bösen Mäuler im Dorfe konnten es lästern , und die richtigen Leute mußten es meiden . Zu Weihnachten ging es die Schullerin am härtesten an . Aus allen Häusern eilten die Leute in die Christmette ; in der kleinsten Hütte flammte um die Mitternacht ein Licht auf und irrte hinter den Fenstern hin und her . Wenn es erlosch , öffnete sich die Türe , und verhüllte Gestalten traten heraus . Auch die ganz Alten blieben nicht daheim ; sie wateten mühsam durch den Schnee und schleppten sich hustend bis zur Kirche . Die Ursula war mit den Ehehalten vorangegangen ; die Schullerin wartete noch und machte sich im Hause zu schaffen . Sie versuchte es noch einmal , ihren Bauern umzustimmen . » Heut ' ko ' st do gar it dahoam bleib ' n , scho weg ' n de Deanstbot ' n it . Da is ja koa Respekt nimmer im Haus ! « » Geh , und laß ma mei Ruah ! I mag den Menschen it sehg ' n. « » Du brauchst ' n ja it o ' schaug ' n ; du tuast as ja g ' rad weg ' n de Leut ' . « » Na , sag i. I geh ' net , und bal ' st du no lang red ' st , nacha kimmst selm z ' spat . « » Da Haberlschneider sagt ' s aa , du gibst an Pfarra bloß a G ' leg ' nheit , daß er schlecht reden ko über di . « » Wenn dös da Haberlschneider glaabt , is sei Sach ' . I glaab ' s anderst und bleib ' dahoam . « Und die Schullerin mußte allein gehen . Die Nacht war klar und kalt . Aus der Kirche drang helles Licht und legte sich auf die Schneedecke . Und leuchtete weithin in die Gassen und Winkel und zu den Hügeln hinauf , von denen eilige Menschen herunterkamen . Sie schritten über die Felder dem Lichte zu , wie vor vielen hundert Jahren die Hirten , denen die frohe Botschaft verkündet wurde . » Heute ist euch der Erlöser geboren worden . Ihr werdet ein Kindlein finden , das in einer Krippe liegt . « Da verließen sie ihre Herden und eilten , um das Ereignis zu sehen . Es muß wohl ein armer Häusler gewesen sein , bei dem der Herr Joseph eingekehrt war . Bloß ein Ochs und ein Esel standen hinter dem Barren ; kein Roß fraß von der Raufe , keine Kuh lag auf der Streu . Der Stall war niedrig und eng , daß er die Wärme hielt für das wenige Vieh . Und weil die Hirten keinen Platz darin hatten , blieben sie an der Türe stehen . Das Kindlein lag nackend , wie es zur Welt gekommen war , und die Magd des Herrn kniete davor und faltete fromm die Hände . Man sah ihr das Leiden an , denn sie ist gar ein zartes Frauenzimmer gewesen und hat noch in den Wehen herumirren müssen , bis sie endlich das Obdach fanden . Der Joseph ist sorgsam dabei gestanden in zwiefacher Sorge um die Mutter und das Kind ; wenn er seine schwieligen Hände zum Beten zusammenlegte , hat er in die Krippe geschaut , ob die Tiere das Stroh nicht unter dem Kinde wegzogen , und ob er noch ein Büschel unterlegen müsse . Das waren drei arme Menschen . Aber die Hirten sind vor ihnen niedergekniet . Es ist ein lichter Schein von der Krippe ausgegangen und auf sie gefallen . Der leuchtet noch heute den Armen . In diesem nackten Kindlein erstand ihnen ein Streiter . Wie es neben der Hobelbank aufwuchs und in ehrfürchtiger Liebe an den Händen der Eltern die Ehrenmale der Arbeit sah , ist in ihm der heiße Wunsch groß geworden , den Menschen zu helfen . Und es ist der erste Kämpfer geworden gegen die Reichen und Mächtigen . Die leidenden Menschen wissen es kaum ; in der lauten Verehrung seines Namens ist gerade das zur Vergessenheit gekommen . Aber einmal im Jahre müssen sie daran denken . In der stillen Winternacht , wenn man die Geburt des Kindes feiert . Da mögen die Armen glauben , daß der Mann sein Leben lang zu ihnen gestanden ist , der im engen Stalle auf die Welt kam . Dichtgedrängt standen die Leute in der Kirche , und immer noch ging die Türe auf und zu . Vorne am Altare und an den Seitenwänden brannten Kerzen ; davon war die gewölbte Decke erhellt ; unten auf der Menge lag tiefes Dunkel . Aber hier und dort flackerte ein Licht , und in seinem gelben Scheine hob sich scharf umrissen ein ernsthaftes Gesicht ab . Eine alte Bäuerin , die ihren Wachsstock angezündet hatte und im Gebetbuche las . Man sah die Lippen sich bewegen und den Hauch vom Munde gehen . Die Menge stand nicht still . Viele rührten sich , daß sie die Kälte nicht so empfindlich merkten . Die Füße scharrten den Boden , unterdrücktes Husten kam aus dem Dunkel heraus und hallte vom Gewölbe zurück . Mit einem Male verschlang voller Orgelton das Geräusch ; Herr Stegmüller griff drei oder vier kräftige Akkorde und ging zu einer Melodie über . Eine dünne Frauenstimme fiel ein , und wer zum Chor hinaufblickte , sah in schwacher Beleuchtung die Näherin , die Schallmaier Zenzi , welche auch des Sonntags das Hochamt begleitete . Für gewöhnlich mußte sie lateinische Worte singen ; heute war es ein deutsches Lied . Den Brauch hatte vor vielen Jahren der Pfarrer Held so eingeführt . » Es ist ein Ros ' entsprungen Aus einer Wurzel zart , Wie uns die Alten sungen , Aus Jesse kam die Art. Und hat ein Blümlein bracht Mitten im kalten Winter Wohl zu der halben Nacht . « Als das Lied zu Ende war , zog der Mesner dreimal an der Sakristeiglocke ; der Pfarrer schritt im goldgestickten Kleide zum Altare hin , die Ministranten klingelten , und einer schwang das Weihrauchfaß . Jetzt kam wieder das Lateinische zu seinem Rechte . Die Schullerin war in dem Gedränge bis zur Seitenkapelle geschoben worden . Hier hatte der Mesner eine Krippe aufgerichtet ; darstellend die Geburt des Herrn . Über die Hälfte des Raumes nahm der Stall von Bethlehem ein ; es war aber kein Stall , wie sie vielleicht in Palästina gebaut worden sind ; es war ein richtiger , ordentlicher Stall , wie man sie hierzulande hat . Alles darin war genau und gut nachgemacht ; Barren und Raufe , ein hölzerner Verschlag , in dem man die Schweine unterbringt , oben die Luke , durch die man das Heu herunterwirft ; dazu Geräte und Handwerkszeug , ein Schubkarren , Trankkübel und ein Melkstuhl waren da ; Heurechen und Gabeln waren an die Wand gelehnt . Und hinter dem Barren stand ein Ochse ; aber kein Ochse , wie man sie in Palästina hat , sondern ein richtiger Pinzgauer , rot und weiß gefleckt . Der Esel daneben ist eher orientalisch gewesen , denn der Meister hatte ihn ohne Vorbild geschnitzt . Vom Stalle weg dehnte sich eine Landschaft aus ; eine richtige , deutsche Schneelandschaft mit Hügeln und Bäumen . Am dunkeln Himmel leuchteten die Sterne ; einer besonders hell . Das war der Stern , der die Weisen aus dem Morgenlande herbeiführte . Zu dem sahen die Hirten hinauf ; sie mußten aber die Augen vor seinem Glanze bedecken . Andere Hirten hatten sich vor dem Stalle aufgestellt und schauten andächtig hinein . Da saß die Jungfrau auf dem umgestülpten Schubkarren und hielt zärtlich blickend das Kindlein im Schoße . Der Joseph stand daneben ; mit der linken Hand strich er sich den langen Bart , die rechte hielt er freudig in die Höhe , und sie stieß beinahe an der Decke des Stalles an . Die Schullerin schaute gar andächtig auf die Gruppe . Das war so , wie es im Liede gesungen wurde . » Und hat ein Blümlein bracht Mitten im kalten Winter Wohl zu der halben Nacht . « Da mußte sie an ihr eigenes Kind denken , das sie den letzten Herbst zur Welt gebracht hatte . Und das ihr der Pfarrer in ungeweihter Erde neben der Friedhofmauer einscharren ließ , weil es nicht getauft war in dem Glauben dessen , der da drinnen in der Krippe so hilflos auf seiner Mutter Schoß lag . Es steht aber geschrieben : » Acht Tage später wurde das Kind beschnitten und ihm der Name Jesus gegeben . « Eine ganze Woche später . Wenn da ein Unglück geschehen wäre , ob sie im Morgenlande gegen die Mutter auch so grausam gehandelt hätten ? Das ihrige war keine Stunde alt geworden und durfte doch nicht liegen neben den Eltern , um auf die Auferstehung zu warten . Daran mußte die Schullerin denken . Wenn das nicht geschehen wäre , hätte vieles ein anderes Aussehen bekommen . Von dem Tage an war der Verdruß angegangen und hatte nicht mehr aufgehört . Ja , wäre das nicht gewesen , dann stünde jetzt der Bauer neben ihr und fehlte nicht am heiligsten Abend in der Kirche . Eine lebhafte Bewegung kam unter die Leute ; am Altare sang der hochwürdige Herr ein lateinisches Wort besonders langgedehnt und feierlich durch die Nase . Die Mette war zu Ende . Die Ehehalten des Schuller verbreiteten es bald im Dorfe , daß ihr Bauer den Glauben abgeschworen habe und kein Christ mehr sein wolle . Aber die Erlbacher hätten das auch ohne die Rederei bald gemerkt , denn bei allen heiligen Handlungen , die in dieser Zeit schnell hintereinander folgen , fehlte der Andreas Vöst . Er trank nicht vom gesegneten Johanneswein ; er war nicht bei der großen Salz- und Wasserweihe , die am Abend vor dem Dreikönigstage gehalten wird , und er ging am Lichtmeßtage nicht mit einer geweihten Kerze in der Prozession . Die Schullerin brachte freilich geweihtes Salz heim und vermengte es mit dem Johanneswein , auf daß die Mischung das ganze Jahr aufbewahrt bleibe und davon jedem Stück Vieh gegeben würde , welches in den Stall käme . Aber wie konnte es helfen und den Schaden abwehren , wenn der Hausherr den Brauch nicht ehrte ? Sogar den Blasiussegen verschmähte er . Er war nicht unter den Leuten , welche am Tage nach Lichtmeß vor dem Altare knieten ; er ließ sich nicht die gekreuzten Kerzen an den Hals legen , daß er von Krankheit verschont bleibe . Aber wenn der Schuller glaubte , daß er für sich allein nach eigenen Gesetzen leben könne , irrte er sich . An seine Feindschaft mit dem Pfarrer hätten sich viele nicht gekehrt ; die gab es zu allen Zeiten , voraus jetzt , wo sich die Bauernbündler zusammentaten . Aber wer sich von Herkommen und Brauch losmacht , verliert den Boden unter den Füßen . Darin hatte die Schullerin mit ihrem Weiberverstande klarer gesehen wie der Bauer . Das Ansehen wurde ihm gemindert , in der Gemeinde , wie im Hause . Denn die Sitte ist älter als die Menschen . Und sie ist stärker . Weil sie das nüchterne Leben segnet , ist sie ehrwürdig , und weil sie ehrwürdig ist , kann sie keiner ohne Schaden verletzen . Sie ehrt die Arbeit , sie gibt der Fröhlichheit und der Trauer Bedeutung . Absonderlich der Bauer hängt mit zäher Treue an ihr . Sie begleitet ihn von dem Tage an , wo der Göd seinen Einbindtaler dem Täufling in die Windeln steckt , bis zu der Stunde , wo ehrsame Nachbarn seinen Sarg dreimal auf die Schwelle des Hauses niederlassen , bevor sie ihn auf die Schultern heben . Daß der Schuller heraustrat aus dem festgefügten Kreise , mißfiel allen . Auch dem Haberlschneider . Er sagte dem Freunde offen , daß er unrecht damit tue , und daß ihn jeder tadeln müsse , der es gut mit ihm meine . Wenn jetzt der Pfarrer seinen Schmerz über den unchristlichen Haushalt auf der Kanzel verkündete , dachte mancher Rechtschaffene , daß er damit seine Pflicht tue . Und im eigenen Hause mehrte sich dem Schuller der Verdruß . Zu Lichtmeß sagten ihm alle Dienstboten auf . Sie wollten einem Herrn nicht dienen , der im Gerede stand ; denn von dem Spotte fiel auch etwas auf sie . Die neuen , welche kamen , taugten nicht viel . Sie glaubten von Anfang , daß sie in diesem Hause das Recht zur Liederlichkeit hätten . Wenn sie dann straffes Regiment spürten , wurden sie störrisch und mißmutig . Der Roßknecht war das Jahr zuvor bei einem Bauern in Webling gewesen , der alle fünf gerade sein ließ und seinen Stall unreinlich hielt . Gerade in dem Punkte war der Schuller genauer wie andere ; er hatte nicht bloß in seinem eigenen Anwesen alte Mißbräuche abgeschafft , sondern auch Nachbarn und Freunde darüber belehrt , daß die alte Manier schädlich sei . Er sah streng darauf , daß jede Futterzeit Dünger und Streu entfernt wurden , damit die Pferde ein trockenes und reinliches Lager hatten . Dem neuen Knechte war die Arbeit zu viel . Als ein richtiger Faulenzer wußte er immer Gründe anzugeben , wenn er die Streu liegen ließ . Der Boden sei zu hart , sagte er , und er dürfe doch nicht jedesmal einen großen Haufen ausbreiten ; da sei es gescheiter , frische Streu auf die alte zu legen . Der Schuller machte ihm begreiflich , daß es ihm auf ein paar Strohbündel nicht ankomme . Übertreiben müsse man es ja nicht ; und ein hartes Lager sei immer noch besser , wie Schmutz oder Nässe . Der Hansgirgl hörte zu und sagte , er wolle in Gottes Namen jedesmal frische Streu aufschütten ; aber die alte warf er liederlich in eine Ecke des Stalles . Da mußte ihn der Schuller wieder mahnen . Er habe ihm doch angeschafft , daß er die alte Streu auf den Misthaufen bringen solle . Der Hansgirgl sagte , es sei draußen zu kalt , und er habe die Stalltüre nicht aufmachen dürfen , sonst wäre die Luft hereingekommen . Der Dallhammer von Webling sei scharf darauf gewesen , daß die kalte Luft nicht in den Stall komme . Das sei eine alte Dummheit , entgegnete der Schuller . Bei ihm müsse es anders gemacht werden . Nur auf mit der Tür , dreimal im Tag , und den Mist hinausgefahren ! Die Luft sei was Gutes für Mensch und Vieh . Ein paar Wochen tat es gut . Bis eines Tages der Hansgirgl wieder frische Streu auf die alte warf . Diesmal faßte der Schuller schärfer an . » Ja , hab ' i dir ' s it g ' sagt , daß i dös it mag ? Is mei Reden für gar nix ? « » ' s Roß liegt oamal z ' hart , und de alt ' Strah is gar it naß ; beim Dallhammer hamm mir de Strah glei drei und vier Täg liegen lassen . « » Was geht denn dös mi o , was der Dallhammer tuat ? « » Der sell hat aa