hierher zu kommen , gewußt habe . « » Aber wenn Sie sie entdecken , geben Sie mir augenblicklich Nachricht ? « » Sofort ! « » Ich danke Ihnen ! Und nun gehen Sie ! Ich will Sie nicht abhalten , nachzuforschen , zumal ich gerade jetzt einen sehr wichtigen Besuch erwarte . Also , ich bin Doktor Tsi , der Arzt , weiter nichts ! « Wir drückten einander die Hände , und ich ging . Als ich wieder in das Gastzimmer kam , saß da ein älterer Chinese bei einer Tasse Tee . Er war durchweg in kostbaren Ghilam31 gekleidet , doch ohne alle Rang- oder Standesabzeichen ; aber es schien mir , als ob er auf seinem Hute eigentlich einen Knopf zu tragen habe . Kaum war ich eingetreten , so bezahlte er , ohne auszutrinken , und ging den Weg , den ich soeben gekommen war . Tsi wartete auf ihn . Was ich von diesem erfahren hatte , das klang so geheimnisvoll . Jedenfalls handelte es sich um wichtige Angelegenheiten . Ich hatte nichts darnach zu fragen und begnügte mich mit der Freude , meinen jungen Freund Tsi hier so unverhofft wieder getroffen zu haben . Nun nahm ich eine Rickschah und fuhr nach den genannten drei Hotels . Es hatte in keinem derselben ein Missionar Waller nebst Tochter logiert . Aber als ich nach Hause kam und im Bureau nachfragte , erfuhr ich , daß sie allerdings hier gewohnt hatten , doch bereits wieder abgereist seien . Waller war krank gewesen , so krank , daß er zwei Aerzte zu Rate gezogen hatte , und von diesen war ihm dringend geraten worden , so schnell wie möglich die niedere Küstengegend zu verlassen und Bergland aufzusuchen . Das von hier aus nächste Höhengebiet hatte man an der Nordspitze von Sumatra zu suchen , und so war er mit der Tochter und all seinem Gepäck nach Uleh-leh gegangen , von wo aus die Berge schneller und leichter als von einem Orte der Ostküste aus zu erreichen sind . Das war vor nun fast zwei Wochen gewesen ; eine Nachricht hatte man während dieser Zeit nicht bekommen . » Es kam indessen ein Brief aus Ceylon an , « fuhr der Bureauschreiber fort , welcher mir Auskunft gab . » Wir haben ihn mit dem nächsten Schiffe nachgesandt . « Das war jedenfalls der Brief des Professors Garden aus Amerika . » Nach welcher Stelle haben Sie ihn geschickt ? « erkundigte ich mich . » Hotel Rosenberg in Kota Radscha , der Hauptstadt von Atjeh ; Uleh-leh ist nur der Hafenort . « » Das weiß ich . Der Atjeh-Fluß führt nach Kota-Radscha , und außerdem ist eine Eisenbahn vorhanden . Doch , Hotel Rosenberg ? Das kann nicht der richtige Name sein . Ich kenne Rosenberg persönlich . Er ist ein sehr unternehmender Kaufmann und hat lange Zeit einem in Kota Radscha von ihm selbst gegründeten Geschäft vorgestanden ; aber die Rücksicht auf die Gesundheit von Frau und Kind zwang ihn , es später aufzugeben . Er lebt jetzt in Wien . « » Das stimmt . Aber er kehrt zuweilen wieder und pflegt dann bei uns zu logieren . Jetzt steht ein Schwager von ihm an der Spitze des Geschäftes , welches mit einem Hotel verbunden ist . Wir nennen es jetzt noch immer nach dem Namen des Gründers Hotel Rosenberg . « Nun erkundigte ich mich nach der Art der Krankheit des Missionars , konnte aber nur erfahren , daß er außerordentlich hinfällig gewesen sei . Der Name eines der beiden Aerzte wurde mir gesagt . Ich suchte ihn per Rickschah auf und fand ihn daheim . Er teilte mir mit , daß es sich um einen besorgniserregenden Fall von Dysenterie gehandelt habe . Als Spezifikum war Ipecacuanha gegeben worden , als Diät nur Reiswasser und Marantaaufguß , durch Rizinus eingeleitet . Das waren genau dieselben Mittel , mit denen man auch in den Nilländern dieser gefährlichen Krankheit entgegentritt . Man sagt , daß Ipecacuanha gegen die Dysenterie ebenso sicher wirke wie Chinin gegen das Fieber ; aber einen schon durch die Krankheit so außerordentlich geschwächten Körper durch Rizinusöl , Reiswasser und Aufguß von Arrowroot , denn Maranta ist nichts anderes als Arrowroot , aufhelfen zu wollen , das konnte ich mit meinen Erfahrungen nicht vereinigen . Ich begann , um Waller besorgt zu werden , und ging mit mir zu Rate , was zu machen sei . Sollte ich Tsi benachrichtigen ? Ich hatte es ihm versprochen , und er war ja , wie er mir mitgeteilt hatte , Arzt . Aber wer dem Missionar helfen wollte , mußte ihn in Atjeh aufsuchen , und vor Kapitän Wilkens gab es Niemand , der dorthin ging . Man hatte also auf alle Fälle zu warten , und da eine ausführliche Mitteilung an Tsi ihn ganz unnützer Weise aufgeregt hätte , so gab ich ihm durch einige Zeilen nur die kurze Nachricht , daß meine Erkundigungen nach Wallers nicht ganz erfolglos gewesen seien , ich aber bis übermorgen noch Ausführlicheres zu erfahren hoffe . Mein Sejjid Omar befand sich in sehr gehobener Stimmung ; er sagte zunächst nichts , aber ich sah es ihm deutlich an . Er pflegte über solche Dinge nicht eher zu sprechen , als bis er glaubte , sie geistig richtig untergebracht zu haben . Ich konnte überzeugt sein , daß er dann nicht versäumen werde , mir seine Mitteilungen in der ihm eigenen drolligen Wichtigkeit zu machen . Und wie gedacht , so geschah es auch ! Am Abend saß ich im offenen Vorzimmer . Die nahe Brandung predigte zu mir herüber ; ein kühler Hauch bewegte die Wipfel der Bäume , zwischen denen die aufgegangenen Sterne zu mir niederfunkelten . Die Fee des Südens stieg aus den Wogen , um in den Gärten Penangs nach offen träumenden Blumen suchen zu gehen . Da gab es nun aber Einen , der die Brandung nicht hörte , die Bäume nicht beachtete , die Sterne nicht sah und von der Fee erst recht keine Ahnung hatte . Dieser Eine war Omar , der siegreiche Held der heutigen Tiffinstunde.32 Das , womit er gegenwärtig beschäftigt war , hatte freilich mit diesem seinem Heldentume nichts zu tun . Er hatte ein Licht herausgeholt und sich nicht weit von mir auf den Rasen niedergekauert , um meine hellen Schnürstiefel blank zu machen . Er tat dies in ganz ungewöhnlich liebevoller und eingehender Weise . Der Lappen flog nur so , und das Leder stöhnte förmlich . So oft ich glaubte , daß er fertig sei , griff er immer wieder zu der Büchse mit der gelben Salbe , um von Neuem zu beginnen . Dabei war auf seinem Gesichte deutlich zu lesen , daß ihn dieses abwechselnde Schmieren und Reiben , Reiben und Schmieren unendlich glücklich mache . Ein Moslem , der einem Christen mit Wonne die Stiefel schmiert . Man denke ! » Ist es noch nicht gut , Omar ? « fragte ich , als er das glänzende Werk zum sechsten oder achten Male wieder zerstören wollte . » Nein , « antwortete er sehr energisch . » Aber du reibst die Salbe durch ; dann werden meine Strümpfe fett und gelb ! « » So ziehst du andere Strümpfe an , und ich wasche dir die gelben ! Heut muß das ganze , ganze Fett hinein ! « » Oho ! « » Jawohl ! Und du bist selbst schuld daran , Sihdi ! Weißt du , was du getan hast ? Wie einen Gentleman hast du mich behandelt , als du mir stillschweigend erlaubtest , mit den Engländern zu speisen . Weißt du , was das heißt ? Als Diener habe ich dir die Stiefel nur einmal zu salben ; als Gentleman aber salbe ich sie dir so lange , bis ich kein Fett mehr habe . Oder meinst du etwa , daß ein Gentleman undankbar sein darf ? Wenn ich dich nicht hätte , so wäre ich noch der alte Sejjid Omar , der ich früher war , und wenn ich dieser wäre , so hätte mich kein General heut eingeladen , mit ihm und seinem Harem zu speisen . Das habe ich doch nur dir , nicht mir zu verdanken ! « » Hoffentlich hast du keinen allzugroßen Fehler gemacht ! « » Fehler ? Ich gewiß nicht , denn ich weiß , daß ich nur ein armer Eselsjunge bin ; aber der Harem des Generales hat sie gemacht . « » Wieso ? « » Er wollte mich als Diener haben und hat mir mehr geboten , als du mir gibst . Da habe ich geantwortet , wenn man das noch einmal sage , so müsse ich aufstehen und fortgehen , denn es habe noch niemals einen Diener gegeben , der einen solchen Herrn gehabt hat , wie du bist , Sihdi . Ich sagte ihnen , daß ich dir nicht bloß diene , sondern dich auch liebe ; ich bin dir also nicht bloß aus Pflicht , sondern auch aus Liebe treu und werde dich für alles Geld der Erde nicht verlassen . Da drückte mir der General die Hand und forderte mich auf , dir zu sagen , daß er sehr bedaure , daß du kein Engländer seist . Am meisten hat ihm gefallen , daß mir sein Harem gefallen hat . Ich habe ihm das ganz aufrichtig gesagt . Bei den Christen sind die Frauen klüger als bei uns , und ich glaube , das ist der Grund , daß dort auch die Männer mehr wissen , als die unserigen wissen . « » So meinst du , daß die Männer von den Frauen lernen können ? « fragte ich . » Das wäre ja ein Gedanke , der bei einem Moslem ganz unmöglich ist ! « » Ich habe jetzt nicht als Moslem , sondern als Sejjid Omar gesprochen . Ich bin zwar Beides , aber ich kann doch auch einmal nur das Eine oder das Andere sein ! Bei uns sind die Frauen so unwissend , daß die Kinder nichts von ihnen lernen können , auch die Knaben nicht , und wenn sie ihre Klugheit nicht von der Mutter bekommen können , so kann der Vater sie ihnen auch nicht geben , denn wer sich einen Harem anschafft , der keine Seele hat , der hat selbst so wenig Verstand , daß er für seine Kinder keinen übrig hat . Du hast einmal in Colombo mit dem deutschen Wirte gesprochen , bei dem ich wohnte , und dabei auch das Wort Mutterwitz gesagt . Ich verstand es nicht ; aber ich habe darüber nachgedacht . Ein witziger Mann ist doch wohl ein gescheiter Mann , und wenn diese Gescheitheit Mutterwitz genannt wird , so ist sie ihm höchst wahrscheinlich von der Mutter angeboren worden . Warum aber haben wir kein arabisches Wort für Mutterwitz ? Weil wir keine klugen Frauen und Mütter haben ! Aber , weißt du , zuweilen gibt es Eine , doch nur zuweilen . Ich kenne nur eine einzige , und die ist meine Mutter ! Ich denke oftmals : Wenn ich ein guter Mensch bin , so habe ich das von ihr geerbt ; der Vater hat es nur unter seinen Schutz genommen . Ist das dumm von mir ? « » Nein , lieber Omar , ganz und gar nicht dumm . Du ahnst Etwas , was selbst bei uns viele große und gelehrte Männer noch nicht wissen . Du bist fast zu beneiden , daß du , was wir vergeblich suchen , schon so von weitem liegen siehst ! « » Ich werde es wegnehmen , wenn ich vollends hin komme . Meine Gedanken werden nicht abirren , sondern auf diesem Wege bleiben . - - - So , jetzt sind die Stiefel fertig , denn die Salbe ist alle . Hoffentlich gibt es in Penang hier einen Laden , wo ich morgen wieder welche bekommen kann . « Er hatte seinem lieben , guten Herzen Luft gemacht , trug die Schuhe in das Zimmer und ging dann , eine Wasserpfeife zu rauchen . Das und eine kleine arabische Tasse Kaffee dazu , zusammen für ihn kaum mehr als zehn Pfennige kostend , war die einzige Luxusausgabe , welche er sich gestattete . Wie kommt es wohl , daß nur » unkultivierte « Menschen so bescheiden und zufrieden sind ? ! Am nächsten Frühmorgen wurde ein Spazierritt unternommen , von welchem wir erst gegen Mittag heimkehrten . Nach dem Tiffin ging ich nicht aus , sondern blieb daheim . Ich bin ein eigentümlicher Mensch . Ich kann mich einem Gedanken , welcher mich beschäftigt , niemals eigenmächtig entziehen , sondern ich bin so lange sein Eigentum , bis ich ihn vollständig erledigt habe . Es ist , als stehe ein unsichtbares Wesen bei mir , welches auf diese Erledigung warte und , wenn sie erfolgt ist , mich mit einem Gefühle der Befriedigung belohnt , welches mich mehr als Trank und Speise stärkt . Ich fühle mich dann , selbst nach langer anstrengender Arbeit , während welcher ich nichts genieße , nicht nur geistig , sondern auch körperlich so befriedigt , daß ich kein Bedürfnis nach materieller Nahrung habe . Ist es bloß der Magen , der den Menschen ernährt ? Oder findet das , was wir Stoffwechsel nennen , auch noch auf eine andere , geheimnisvolle Weise statt ? Ich kann , wenn ich geistig beschäftigt bin , recht gut mehrere Tage ohne Essen und auch Trinken sein , ohne Hunger oder Durst zu spüren . Man sollte diese Erfahrung aufmerksam verfolgen ; vielleicht käme man dadurch auf eine ganz unerwartete Erklärung des Bibelwortes , daß der Mensch nicht allein vom Brote lebe ; denn , offen gestanden , mache ich die erwähnte Beobachtung meist dann , wenn ich von religiösen Fragen beschäftigt werde . Man wird wahrscheinlich über mich lächeln ; ich aber würde mich freuen , wenn ich von anderer Seite erführe , daß ich nicht der Einzige bin , der daran zweifelt , daß der Mensch seine körperliche und geistige Entwickelung nur allein dem Verdauungskanale zu verdanken habe . Die gestrige Beschäftigung mit dem Aufenthalte und der Krankheit des amerikanischen Missionars hatte Alles , was in meinem Innern zu ihm in Beziehung stand , wieder in den Vordergrund gezogen , und da stellte es sich denn heraus , daß ich diesem Gegenstande die Erledigung eines Gedankens schuldig geblieben war . Dieser Gedanke war freilich kein sehr wichtiger , und so hatte es kommen können , daß er einstweilen auf die Seite geschoben werden konnte ; jetzt aber machte er sich wieder geltend , und jenes unsichtbare Wesen stand hinter mir und mahnte mich unaufhörlich , diese Lücke auszufüllen . Ich hatte diese Mahnung schon gestern abend in mir gespürt , war während der Nacht einige Male von ihr aufgeweckt worden , und während des heutigen Rittes hatte sie mich hin- und zurückbegleitet , um mich nun daheim festzuhalten , damit ich daran gehen möge , mich von ihr zu befreien oder , was wahrscheinlich richtiger ist , sie endlich wieder freizugeben . Es handelte sich , wie gesagt , um nichts Großes , sondern nur um das Gedicht » Tragt Euer Evangelium hinaus « , und wer nicht weiß , was im Seelenleben ein unvollendeter Gedanke zu bedeuten hat , der wird es nicht begreifen , daß man sich von so Etwas beunruhigen lassen kann . Wer aber gewöhnt ist , seinen geistigen Himmel immer rein , klar und licht zu sehen , dem wird jeder nur halb fertig gedachte Gedanke zu einer Wolke , welche ihn nicht nur direkt stört , sondern auch auf alle seine anderen Gedanken ihren Schatten wirft . Wenn wir von einem Lichte der innern Welt des Menschen sprechen , so meinen wir damit jene Alles durchdringende und das Einzelne zum Ganzen fügende Logik , welche den Geist von der Materie zu scheiden und ihn sich anzueignen hat . Diese Logik duldet nichts Unfertiges , nichts Halbvollbrachtes , weil sie nur aus dem Klargewordenen zu neuer Klarheit schreiten kann . Da gibt es nichts Unwichtiges , nichts Nebensächliches , was man im Dunkel , ohne daß es schadet , liegen lassen darf . Freilich , wer in der Weise nur für das Aeußere lebt , daß er für diese innere Welt keine Zeit und kein Verständnis hat , oder wer gar ein so grasser Materialist ist , daß er nicht ansteht , eine unendlich reiche Schöpfung , die er in sich trägt , zu leugnen , dem kann keine Wolke seinen Himmel stören , weil er eben keinen Himmel hat . Es war mir , als ob dieses Gedicht ein notwendiger Teil meines Verhältnisses zu Wallers sei , als ob ich es unbedingt vollenden müsse , wenn dieses Verhältnis so , wie sein Anfang es versprochen hatte , sich ausgestalten sollte , und so nahm ich mir vor , heute Nachmittag der fertigen ersten Strophe die noch fehlende zweite hinzuzufügen . Aber ob es mir gelingen werde , das wußte ich freilich nicht , denn ich verstehe unter » Dichten « nicht das , was tausend Andere damit meinen . Aber , sonderbar , kaum hatte ich das Papier vor mich hingelegt , so war es mir , als ob jenes » unsichtbare Wesen « mir die nötigen Worte zuflüstere . Ich brauchte die erste Strophe gar nicht erst wieder zu zergliedern , um ihr die zweite logisch folgen zu lassen , und es dauerte wohl kaum zehn Minuten , so hatte ich geschrieben : » Tragt Euer Evangelium hinaus , Indem Ihrs lebt und lehrt an jedem Orte , Und alle Welt sei Euer Gotteshaus , In welchem Ihr erklingt als Engelsworte . Gebt Liebe nur , gebt Liebe nur allein ; Laßt ihren Puls durch alle Länder fließen ; Dann wird die Erde Christi Kirche sein Und wieder eins von Gottes Paradiesen ! « Nicht lange hierauf lief die » Coen « in den Hafen . Ich ließ mich an Bord bringen , um Kommandant Wilkens die Hand zu drücken . Er war ein tüchtiger , viel befahrener Seemann , ein lang und stark gebauter , sehr aristokratisch erscheinender und auch wirklich vornehm denkender » Mijnheer « und last not least , ein seelensguter Mensch , der für seine Passagiere und Untergebenen wie ein Vater sorgte . Er freute sich , als ich mich für die Rückfahrt nach Uleh-leh anmeldete , und bat mich , doch lieber gleich mit nach Java zu gehen . Es sollte aber anders kommen , als ich dachte . Die Einleitung dazu kam , ohne daß ich es ahnte , soeben auf der Route von Laknawa herbeigedampft . Ich war hinunter in den Speisesaal gegangen , um wieder einmal auf der dortstehenden , prächtigen Orgel zu spielen , welche Wilkens sich aus Amerika hatte kommen lassen . Da unterbrach er mich , indem er durch das geöffnete Oberlicht herunterrief : » Wenn Sie etwas Schönes sehen wollen , so kommen Sie herauf ! Es ist geradezu ein nautisches Ereignis , ein Unikum ! « Ich eilte hinauf . Er stand auf dem Hinterdeck und beobachtete mit bewundernden Blicken ein Fahrzeug , welches leicht und schnell , als ob das Wasser ihm gar keinen Widerstand biete , herbeigeflogen kam . Es war eine Dampfjacht , so scharf und kühn auf den Kiel gesetzt , wie nur die Amerikaner es fertig bringen oder - - brachten , denn wir Deutsche verstehen das jetzt auch ! Die Konturen waren zum Erstaunen schön und rein . Die Decklinie stieg vorn und hinten in die Höhe , denn sonderbarerweise war sowohl der Vorder-wie auch der Quarterplatz nach Dschunkenart erhoben , was dem Schiffe etwas Fremdartiges , fast möchte ich sagen , Märchenhaftes gab . Der nach Klipperart schneidig gezogene Bug wurde von einem wunderbar schönen Frauenkopf aus weißem , reinstem Marmor gekrönt , unter welchem auf dunklem Schleier in großen goldenen Buchstaben der Name » Yin « zu lesen war . Hinten wehte die chinesische Flagge mit dem gelben Sonnenball auf rotem Grunde . » Wahrhaftig ein Unikum ! « rief Wilkens begeistert aus . » Macht wenigstens zwanzig Knoten die Stunde ! Habe so Etwas noch nicht gesehen ! Eine Vermählung des Leichtesten und des Unbeholfensten , der Schoner-und Dschonkenform , und doch nichts als Linien , welche eiligst vorwärts drängen . Diese Dampfjacht ist ein Meisterstück ! Aber daß sie einem Chinesen gehört , ist mir unbegreiflich ! Was bedeutet das Wort Yin ? « » Es heißt so viel wie Güte , « antwortete ich ; » das wird wohl der Name des schönen Wesens sein , dessen Marmorbild vom Bug getragen wird . Es sind chinesische Gesichtszüge , und doch auch wieder nicht . Diese Jacht ist ein Rätsel , und ich wollte , daß ich es lösen dürfte ! « Es war mir beschieden , daß ich es gar nicht zu lösen brauchte , weil es sich mir freiwillig offenbarte . Schade , daß das Deck mit der Sonnenleinwand verhangen war ! Man sah keinen Menschen , als nur den hochstehenden Kommandierenden , und dieser hatte einen so breitkrämpigen , chinesischen Hut auf dem Kopfe , daß die Gesichtszüge nicht zu erkennen waren , zumal die Jacht in ziemlicher Entfernung an der » Coen « vorüberging . Sie tat das so zierlich , so anmutig und doch so kraftgewiß , daß nur eine vollständig ausgewachsene Landratte nicht darüber in Entzücken geraten wäre . Man konnte getrost darauf schwören , daß alle Augen , die es hier im und am Hafen gab , jetzt ausschließlich nur auf die unvergleichliche » Yin « gerichtet seien ! Sie schien gar nicht vor Anker gehen zu wollen , sondern sie drehte nur bei und gab ein Boot mit einem Manne und zwei Ruderern ab , welches Richtung nach dem Lande nahm . Dann dampfte sie wieder mit fast unhörbarer Maschine und vollständig rauchlos atmend , zum Hafen hinaus . » Wie viele Millionen dieser Chinese wohl besitzen mag ! « seufzte Wilkens . » Er selbst aber kommandiert die Jacht jedenfalls nicht ! So eine spielende Kurve bei so einer gedankenschnellen Trennung des Bootes , und dann so rund wieder herum und mit Vollkraft hinaus , das bringt kein Chinese fertig ; das kann nur Jemand , dem ich die Hand dafür drücken möchte , daß ich es habe ansehen dürfen . Die Jacht kam , gab dem Hafen mit dem Boote einen Kuß und ging dann wieder fort . So ist es , nicht anders . Morgen werde ich denken , daß ich diese Marmor-Yin nicht gesehen , sondern nur geträumt habe ! « Der Aufenthalt der » Coen « währte nur kurze Zeit . Ihr Kapitän hatte an Land zu tun und bat mich , für diese Zeit bei ihm zu bleiben . Daher mußte ich unterlassen , was ich sonst wohl getan hätte , nämlich mich , um über die » Yin « Etwas zu erfahren , nach dem von ihr ausgesetzten Boote zu erkundigen . Als er seine geschäftlichen Angelegenheiten erledigt hatte , war von seinem Dampfer aus das erste Zeichen für die Abfahrt schon gegeben worden ; er mußte sich beeilen ; darum begleitete ich ihn nicht wieder an Bord , sondern nur bis an das Wasser . Der Abschied von ihm war nur für einige Tage , darum kurz und ohne überflüssige Worte ; dann ließ ich mich in einer Rickschah nach dem Hotel fahren . Dort angekommen , erfuhr ich von Omar eine Neuigkeit , welche er mir in sehr mißbilligender Weise mitteilte : » Sihdi , ich bin zornig ; ja , ich bin sogar wütend ! Man hat keine Rücksicht auf dich genommen ! Du willst ruhig und ungestört hier wohnen ; aber man hat gerade die Zimmer , welche über uns liegen , an zwei Inglis abgegeben , die vor einer halben Stunde hier eingetroffen sind . Man hört hier unten jeden Schritt , den sie oben machen , und sie sprechen so laut , als ob sie ganz allein auf der Erde wären . Soll ich hinaufgehen und ihnen sagen , wie sie sich zu verhalten haben ? « » Nein . Jeder hat das Recht , zu wohnen , wo er will . Wenn ich mich von ihnen belästigt fühle , werde ich ein anderes Zimmer nehmen ; es sind ja mehr als genug Wohnungen da . Der Mensch hat nicht stets das zu wollen , was gerade ihm beliebt , denn Jeder ist auf Andere angewiesen . Man muß sich nach der Decke strecken ! « » Decke - - - Decke - - - ! « wiederholte er . Das war ein ihm ganz fremdes Gleichnis . Er ging langsamen Schrittes in den Garten hinüber und lehnte sich dort an einen Baum . Seine Lippen bewegten sich . Er lernte die sieben Worte von der » Decke « auswendig und dachte über ihre Bedeutung nach . Das war so seine Weise . Dann pflegte er später nach einer Gelegenheit zu suchen , das Resultat seines Nachdenkens anzubringen . Als ich in meine Wohnung getreten war , hörte ich allerdings sofort , daß Jemand über mir wohnte . Man ging mit starken , ungenierten Schritten hin und her ; Tisch und Stühle wurden gerückt ; es fiel etwas Schweres mit lautem Krache um . Ich sah Kellner an meiner offenen Tür vorüber eilen , welche mit Küchengeschirr an der nach oben führenden Treppe verschwanden . Die beiden neu angekommenen Engländer schienen speisen zu wollen . Sie traten jetzt , um der Bedienung Raum zu geben , auf den freien Vorraum heraus , und ich konnte hören , was sie sprachen . Sie sahen den Sejjid stehen . » Ein prächtiger Kerl dort ! « sagte der Eine . » Schaut , Sir , was für ein Körperbau , und was für charakteristische Züge ! Kein Bildhauer könnte sich ein besseres Modell wünschen . Jedenfalls ein Muhammedaner vom Himalaja ! « » No ! « erklang die Antwort des Andern sehr kurz und sehr bestimmt . » Nicht ? Ich glaube doch , Indien und seine Bevölkerung zu kennen ! Nur in den Bergen können solche Prachtgestalten wachsen . « » No ! « Bei diesem zweiten » No « wurde ich aufmerksam . Der Klang dieses so unendlich bestimmt ausgesprochenen Wortes hatte etwas Bekanntes für mich . » Nur immer Widerspruch ! « tadelte der erste Sprecher . » Woher soll der Mann sonst sein ? « » Aus Aegypten ! « » Kennt Ihr ihn etwa , Sir ? « » No. Habe ihn noch nie gesehen . « » So habt Ihr Unrecht ! Was hätte ein ägyptischer Fellache hier in der Malakkastraße zu tun ? « » Wollen wir wetten ? « » Wieviel ? « » Fünf Pfund , zehn Pfund , hundert Pfund ! Mir ganz gleich ! « Jetzt , da gewettet wurde , war ich meiner Sache sicher . Ja , dieser Engländer , der so kurz und so bestimmt sprach und dem hundert Pfund ebenso gleichgültig wie fünf Pfund waren , wenn er nur wetten konnte , dieser Mann hatte nicht nur fünf- und nicht nur zehn- und nicht nur hundertmal mit mir wetten wollen , mich aber nie zu einem Einsatz gebracht . Er war nicht nur ein Bekannter , sondern sogar ein lieber , lieber Freund von mir ! Auch die Stimme seines Gefährten mußte ich schon irgendwann und irgendwo gehört haben . » Lassen wir es bei fünf Pfund , « meinte der Letztere . » Ich weiß , daß ich gewinnen werde , und muß also bescheiden sein . « » Setzen ! « wurde er aufgefordert . Das war so hochinteressant , daß ich weiter vortrat , um mir kein Wort entgehen zu lassen . Ich hörte Godstücke klingen ; dann wurde Omar von oben herab in arabischer Sprache angerufen : » Chod minni , ia Ibn ' arab ! Schu beledak - höre , Araber , wo bist du her ? « Omar sah erstaunt zu dem Frager hinauf und antwortete : » Aus Kairo in Aegypten . « » Well ! Komm her ! Bis ganz heran , gerade unter mir ! « Der Sejjid folgte dieser Anforderung . » Heb den Saum deines Gewandes auf ! Ich will dir Etwas hinabwerfen ! « Omar tat , wie ihm geheißen worden war . Er fing fünf Goldstücke auf . » So ! Dieses Geld ist dein , weil du aus Aegypten bist ! « Hierauf folgte ein zweistimmiges Lachen , welches jedenfalls der unbeschreiblichen Verwunderung galt , mit welcher der Sejjid emporschaute . Er stand ganz starr , das Gesicht nach oben gerichtet und den aufgerafften Saum unbeweglich festhaltend . Dann , als man oben von der Brüstung zurückgetreten war , bewegte er sich langsam auf mich zu , hielt mir die Falten , aus denen die Goldstücke flimmerten , hin und sagte : » Hast du es gehört , Sihdi ? Fünf englische Pfund ! Das sind fast tausend ägyptische Piaster ! Mir geschenkt , weil ich aus Kairo bin ! Rechts macht mich das stolz ; links aber ärgert es mich ! Diesem Inglis da oben ist Aegypten wert ; das freut mich ; aber er hält mich nicht für einen wohlhabenden Diener meines Sihdi , sondern für einen armen Teufel , welcher das Gewand aufhebt , um sich Piaster schenken zu lassen . Ich werde hinaufgehen , um ihm das Geld wiederzugeben . « » Ja , du wirst hinaufgehen , aber das Geld behalten , Omar . Dieser Inglis ist unendlich reich , und er hat dir die fünf Pfund nicht gegeben , um dich zu beleidigen . Er hat dich gesehen und dann gewettet , daß du ein Aegypter seist . Und weil du einer bist , hat er