Baum wächst , hoch wird und breit , und seine Form ist ebenmäßig ; aber wer ringt und wessen Gewissen kämpft und wer will und wessen Verstand ein Ziel sieht , der ist ein Mensch , der zerfällt , denn er hat sein Band nicht mehr ; und was er auch tut , das gereicht ihm alles zum Unsegen ; und zum schlimmsten Unsegen gereicht es ihm , wenn sein Gewissen ein eifriger Mahner ist . Den andern aber treibt es ruhig und in Kraft zur Höhe , durch kluge Handlungen und törichte , und durch gute Taten und schlechte . Und nun ist das sonderbarste , daß mir jetzt plötzlich die Fähigkeit geworden ist , durch meinen Blick die Menschen zu unterscheiden , ob sie von dieser Art sind oder von jener ; denn zwar hat unsre gegenwärtige Weise des Lebens die Kraft , die Menschen stärker zu zersetzen und aufzulösen wie frühere Zeiten , und so entgehen auch die zum Glück Bestimmten nicht solchen Jahren , wo es scheint , als haben sie ihr Band nicht mehr , und ihre Gedanken klagen einander an , und ihre Handlungen scheinen keinen guten Ausgang zu haben ; aber dennoch kann ich diese Guten deutlich unterscheiden von den Geringen ; und indem ich die Augen schließe , sehe ich deutlich vor mir , wie meine Freunde und Bekannten sich teilen in die beiden Lager . Diese Worte wollte ich dir hinterlassen zu einer Erinnerung an mich , und auch als einen Trost , wenn du über mein Schicksal bekümmert sein solltest , was ich zwar nicht denke , denn ich habe dir nichts erwiesen , aus dem du eine Liebe gegen mich hättest schöpfen können , und nun ist es ja für solches zu spät . Aber denke nur , daß ich ohne Bekümmernis und in Ruhe den Pfad schreite , der mir vorgeschrieben ist . « Nach dieser Rede ging Ivo und machte denselben Weg , den sein Vater gemacht zwei Tage vorher ; aber wie er vorausgesehen , hatte sein Suchen nach Geld keinen Erfolg . Und so kam die Kunde in die Heimat , daß der zweite Sohn seinem Leben selbst ein Ende gemacht habe , und mit dieser Kunde kam eine verwirrte Erzählung von einem Mädchen , die zu derselben Zeit in den Tod gegangen sei . Das war ein blutjunges Wesen , das kaum zur Jungfrau herangereift war , die wohnte mit ihrer Mutter in einem kleinen Stübchen , das ein schräges Dach hatte und ein einziges Mansardenfenster , aus dem man über die Dächer und in den rauchverhängten Himmel der Großstadt sah . Zwei weiß bezogene Betten , ein ärmlicher Tisch und zwei schlechte Stühle waren in dem Kämmerchen , und ein herrlicher großer Spiegel aus geschliffenem Glas in kunstvollem Glasrahmen aus Venedig , der das Licht tausendfach widerblitzte . Die Kleine war eine Schauspielerin , die zu einem großen Theater gehörte , aber wegen ihrer Jugend , und weil sie sich auf der Bühne befangen und eckig zeigte , erhielt sie keine großen Rollen , sondern wurde immer nur zu ganz unbedeutenden Nebenfiguren verwendet , und meistens zu Dienstboten , wo sie dann einige unwichtige Worte zu sprechen hatte . Es lebte aber eine große Sehnsucht in ihr nach der Kunst , und es berauschte sie , wenn sie an die Lampen dachte und an den dunkeln Zuschauerraum und an eine Leidenschaft , die ihr das Herz überfließend machte , daß sie hätte die Arme öffnen mögen , und an den schönen Klang voller und tiefer Worte . Deshalb lernte sie eifrig für sich und studierte , und wenn sie einen Abend frei hatte , so zündete sie Lichte an , daß der herrliche Spiegel blitzte und funkelte , und trat im Kostüm ihrer Rolle vor den Spiegel und spielte , was sie am meisten liebte ; vornehmlich aber war das die Ophelia . Da trug sie ein weißes Kleid , das durch einen goldenen Gürtel gehalten wurde , und ihre gelben Locken flossen über ihren zarten Nacken . So stand sie vor dem blitzenden Spiegel und sprach : » Da ist Rosmarin , das ist zur Erinnerung : ich bitte Euch , liebes Herz , gedenket meiner ! Und das Vergißmeinnicht , das ist für Liebestreue . Da ist Fenchel für Euch und Aklei , da ist Raute für Euch , und hier ist welche für mich , wir können sie auch Reue , Gnadenkraut nennen - Ihr könnt Eure Raute mit einem Abzeichen tragen . Da ist Maßlieb - ich wollte Euch ein paar Veilchen geben , aber sie welkten alle , da mein Vater starb . Sie sagen , er nahm ein gutes Ende . « Währenddem stand die alte Mutter in der Ecke , und Tränen des Glückes liefen über ihr blasses Gesicht , und sie freute sich der lieblichen und schön klingenden Stimme und der gelben Locken und zarten Gestalt . Und die Tochter umarmte sie , küßte sie und fragte : » Wann werde ich die Ophelia spielen dürfen ? Meinst du , noch diese Spielzeit ? « Und vor Sehnsucht und Glück weinte auch sie klare Tränen . Und an dem Abend , da Ivo auf seiner einsamen Stube saß und an sie einen Brief schrieb voll schmerzlicher Worte des Abschiedes und der Sehnsucht nach Glück , und dann holte er seine Waffen hervor und machte sie bereit , da geschah es ihr , daß Hamlet gegeben wurde , und kurz vor dem Aufziehen des Vorhanges fiel die Darstellerin der Ophelia , die eine berühmte Künstlerin war , über einen vergessenen Bohrer , und verletzte sich den Fuß derart , daß sie nicht auftreten konnte ; und wie der Inspizient und die Schauspieler in großer Verlegenheit standen , denn durch einen besonderen Zufall war die Darstellerin , der die Rolle sonst in der zweiten Besetzung anvertraut wurde , für den Abend krank gemeldet , da trat die Kleine mit klopfendem Herzen vor und bot sich an , und in der allgemeinen Kopflosigkeit nahm man ihr Anerbieten an , das in einem ruhigen Augenblick wohl lächelnd abgewiesen wäre . Und nun stellte sich die Kleine vor die Lampen und den dunkeln Zuschauerraum , im weißen Kleid mit dem goldenen Gürtel , wie sie so oft vor dem strahlenden Spiegel gestanden . Wie Laertes sie ermahnt : » Schlaf nicht , laß von dir hören « , antwortet sie in süßer Verwirrung ihr » Zweifelst du daran ? « Und in den drei Worten klang ihre Angst und Hoffnung , ihre Liebe und Furcht so wunderbar an die Ohren der Hörenden , daß alle zusammenzuckten , als in Ahnung des angeknüpften Unheils dieser lieblichen Gestalt ; und in einem Nu war ein Faden gesponnen zwischen ihrem Munde und den Herzen der Zuschauer , den spürte sie immer stärker werden , wie sie dem Bruder ihre kindliche Ermahnung gibt und ihrem Vater antworten muß , bis zu dem » Ich will gehorchen , Herr « . Da war erst eine atemlose Stille , wie der Zwischenvorhang fiel , und ihr schien , als müßten alle ihre Herzschläge hören , und dann kam ein sonderbares Geräusch , das sie erst gar nicht verstand , wiewohl sie schon oft den Beifall für andre gehört hatte , und wie sie noch so zweifelnd harrte , da ging der Vorhang wieder in die Höhe und ihre Mitspieler führten sie mit dankbarer Verbeugung vor die Rampe . Dann sprachen andre mit ihr , und sie antwortete und fühlte , daß sie beglückwünscht wurde , und trat wieder auf , und das Stück hatte seinen Fortgang , und auch die Stelle sprach sie : » Da ist Rosmarin , das ist zur Erinnerung : ich bitte Euch , liebes Herz , gedenket meiner ! Und da ist Vergißmeinnicht , das ist für Liebestreue . « Schwankend und mit unsicheren Schritten ging sie nach Hause , wo ihre Mutter sie erwartete , die noch nichts ahnte ; und wie sie in das helle Kämmerchen trat , wo das dürftige Abendbrot auf dem Tische stand und die Mutter fleißig an einem Kleid für sie nähte , da konnte sie sich zuerst gar nicht verständlich machen , aber die Mutter erriet schon und jubelte , und eine Lustigkeit kam ihr über das verhärmte Gesicht , und sie wurde beweglich und geschwätzig als eine alte Schauspielerin , die freilich nie zum Höheren gekommen war , und indes die Tochter munter aß , erzählte sie alte Bühnengeschichten und die Legenden , wie diese entdeckt war und jener seinen ersten Erfolg gehabt hatte , fragte dazwischen und beantwortete selbst ihre Fragen , und hatte endlich in allem ein so wunderliches Wesen , daß die Tochter zuletzt in ein lautes und herzliches Lachen ausbrechen mußte . Erst spät gingen die beiden schlafen unter vielen Plänen und Hoffnungen , und früher wie sonst wachten sie wieder auf , wie die helle Wintersonne auf die gefrorenen Fensterscheiben schien . Lachend vor Kälte sprang sie aus dem Bett , heizte schnell den kleinen Eisenofen an und kroch wieder in das warme Lager , um noch in behaglichen Gesprächen abzuwarten , bis das Stübchen sich erwärmte und das dicke Eis des Fensters abtaute . Dann erhoben sich die beiden , kleideten sich an und bereiteten sich das Frühstück ; wie sie sich setzen wollten , klingelte der Briefträger ; sie kam jubelnd zurück ; da war ein Brief von Ivo , der war gewiß gestern im Theater gewesen und hatte gleich geschrieben . Aber wie sie den Brief aufgerissen hatte , wurde sie totenblaß ; hastig kleidete sie sich für die Straße an und eilte in Ivos Wohnung . Da standen schon Neugierige auf der Straße , und Schutzleute bewachten den Eingang des Zimmers , damit nicht Unberufene eindringen sollten , aber durch ihren Anblick wurden sie bestürzt und ließen sie durch . Da lag Ivo auf dem Fußboden , unentstellt , denn seine Kugel hatte gut getroffen , und nur die Tischdecke war ein wenig verschoben . Der Pistolenkasten stand auf dem Schreibtisch ; sie nahm die andre Waffe heraus , ehe den Schutzleuten ihre Bewegung klar wurde , und indem sie gegen sich abdrückte , fiel sie neben ihrem Geliebten zur Erde . Wie die Unglücksfälle über die gräfliche Familie hereinbrachen , bemühten sich bereitwillige Verwandte um Hilfe . Ein Vetter erschien , ein älterer und unverheirateter Mann , der als ein Sonderling galt , der ordnete , was zunächst notwendig war , denn die junge Gräfin Maria war zu unerfahren , und die alten Herrschaften schienen beide ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig zu sein . Deren Schicksal war nun bestimmt und unabänderlich , und so bemühte sich der Vetter vornehmlich , für die junge Dame etwas auszudenken . In der ersten Zeit erschien die recht verschlossen und ohne Teilnahme für irgend etwas , bis an einem Abend der Vetter im Ärger aus sich herausging und sie schalt , daß sie wohl auch nur so sei wie alle , die etwas musizieren , etwas malen , englische Romane lesen und Konversation machen . Auf die Vorwürfe erwiderte sie , daß sie gar keine besonderen Talente gehabt habe und wohl gern die Hauswirtschaft geleitet hätte , aber das habe sie nicht gedurft ; aber wenn es möglich sei , daß sie etwas nach ihrem Willen tun dürfe , so möchte sie wohl Krankenpflegerin werden . Hierüber wurde der Verwandte recht erstaunt und fragte sie , ob sie denn fromm sei ; das verneinte sie und sagte , sie habe vieles gelesen , und wenn sie sich auch kein Urteil anmaßen wolle , so müsse sie doch sagen , daß sie nicht kirchengläubig sei ; und wie der Verwandte weiter forschte , stellte sich heraus , daß sie gänzlich atheistisch gesinnt war , und wollte aber Menschen nützlich sein und eine Beschäftigung haben , die sie befriedigte . Da wurde der Verwandte gerührt und erzählte , daß er als junger Mann eine große Neigung zur Medizin gehabt , und weil das damals nicht als standesgemäß gegolten , ein solches Studium zu beginnen , so habe er sich von seiner Neigung abwenden lassen ; dadurch aber habe er sein Leben eigentlich zugrunde gerichtet , denn indem er zu dem andern , das er nun wirklich getrieben , keine innere Neigung gehabt , sei er nie zu Befriedigung und rechter Arbeit gekommen . Deshalb , weil er selbst das durchgemacht habe , wolle er ihr helfen bei ihrem Vorhaben , und es freue ihn , daß sie ihrem jetzigen Leben entsagen wolle , denn das Leben der Vornehmen werde im Grunde doch nur durch die Furcht vor den Leuten bestimmt , die trotzdem nicht so schlimme Dinge verhüten könne , wie sie eben mit Vater und Brüdern durchgemacht . Nach solchen Worten schloß er sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn ; und dann ermahnte er sie nochmals , sie solle bei ihrem Mute verharren , denn der komme aus einem guten Gewissen ; und wenn Ängstliche ihr vorstellen würden , daß es ihre natürliche Pflicht sei , daß sie ihre Eltern pflege , so solle sie nicht darauf hören , sondern solle ruhig tun , was sie sich vorgenommen . Weiland hatte sich bald nach dem letzten Zusammentreffen mit Hans und Karl verheiratet . Um wenigstens äußerlich zu zeigen , welche geringe Bedeutung sie der bürgerlichen Eheform beilegten , waren das Brautpaar mit den beiden Zeugen , welche Freunde von Weiland waren , in Alltagskleidung zum Standesbeamten gegangen ; da hatten sie in einem staubigen und leeren Vorzimmer gewartet und waren dann zu dem Beamten eingetreten , der hinter einem gelbpolierten Tisch saß und einen Federhalter im Mund hielt und in der Rechten ein Lineal hatte . Der prüfte die Papiere der Zeugen , nahm die Aushangsbescheinigung zu seinen Akten , füllte das Formular in seinem dicken Buche aus , las dann seine Niederschrift laut vor und ließ die Anwesenden unterschreiben , indem er mit ärgerlichen Worten mahnte , daß sie keine Kleckse machen und nichts durchstreichen , auch ihre Vornamen nicht abkürzen sollten . Dann unterschrieb er selbst , und indem das Paar und die Zeugen noch in Erwartung weiterer Geschehnisse standen , winkte er ungeduldig mit der Hand , daß sie entlassen seien und gehen müßten . Im Vorzimmer wünschten die beiden Zeugen mit verlegenen Mienen Glück , und das Brautpaar lud sie der Verabredung gemäß zum Mittagessen ein . So gingen die vier mit leerem und verwirrtem Gemüt in eine Gastwirtschaft , da bestellte der junge Ehemann nach der Karte das Essen , und die üble Stimmung besserte sich ganz allmählich , indem alle zuerst die Speisen lobten und dann die Unfreundlichkeit des Standesbeamten tadelten ; nur die junge Frau blieb fast stumm , und man sah , daß sie sich bezwang , um nicht zu stören . Nicht lange verharrte die Gesellschaft an dem unbehaglichen Ort , sondern nachdem sie gegessen hatten , standen sie auf und gingen , und auf der Straße verabschiedeten sich die Freunde mit Danksagungen und nochmaligem Glückwunsch , und dann faßten die Eheleute sich unter den Arm und gingen ihrem Heim zu , das sie sich schon vorher eingerichtet hatten . Sie gingen durch die Haustür und über den Hof und sahen die neugierigen Gesichter der Mitbewohner an den Fenstern und erstiegen die schmalen Treppen und gingen an den verschlossenen und mit Namenschildern versehenen Türen der Wohnungen vorbei in die Höhe , und immer niedergedrückter wurden sie , wie sie so immer höher stiegen auf der schmutzigen und ungastlichen Treppe . Nur wie sie vor ihrer Tür ankamen , an der bereits das neue Namenschild befestigt war , hatten sie ein glücklicheres Gefühl , aber wie sie dann aufgeschlossen hatten und in dem engen und dunkeln Korridor standen , fiel sie ihm um den Hals , schluchzte und weinte heiße Tränen aus dem tiefsten Herzen herauf , und die Erinnerung an die schmutzige Treppe , die sich eintönig an den gleichmäßigen Türen vorbei in die Höhe wand , bewirkte ihnen beiden eine heftige Vorstellung von dem einförmigen , freudeleeren und gedrückten Leben , das heute armen Leuten bevorsteht , wenn sie ihre Jugend verlassen und die Sorgen der Ehe auf sich nehmen . Und wiewohl sie ja jetzt noch jung waren und selbst die Sorgen noch nicht erlebt hatten und ein fröhliches Stübchen hatten mit neuen Möbeln und frischen Gardinen , und die Sonne schien hier oben in ihre Fenster , so standen doch vor ihrem Sinn die vielen beladenen , mißmutigen , vergrämten und besorgten Menschen , die sie in ihrem Leben schon gesehen , und sie wußten , daß nicht lange mehr ihre Heiterkeit und roten Backen andauern würden . Aber wie den armen Leuten gegeben ist , daß sie die Gegenwart zu genießen vermögen , so kamen auch die beiden bald über ihre Verstimmung hinweg , freuten sich ihres Stübchens und ihrer Küche , des neuen Sofas und des Salontisches , auf dem eine Visitenkartenschale stand , und des Vertiko ; und wiewohl Sofa , Tisch und Schränkchen , neben dem Teppich und den Stühlen und allem anderen , ja neben den bunten Bildern von Marx und Lassalle an den Wänden , genau gleich waren tausend andern Sofas und Tischen , Schränkchen und Stühlen , die in tausend andern Wohnungen junger Leute standen , so schien ihnen ihr Stübchen doch etwas Besonderes und Schönes zu sein , das kein anderer Mensch hatte ; und wenn sie zwar der festen Meinung lebten , daß die Zukunftsgesellschaft auch das häusliche Leben viel vernünftiger ordnen werde , wie es jetzt ist , so waren sie doch jetzt glücklich und zufrieden , wie sie ehrfurchtsvoll vor ihrem Salontisch saßen , auf dem die Visitenkartenschale aus bronziertem Zinkguß in der Sonne blitzte . So führten sie ihre erste Zeit in harmloser Freude und genossen beide das Glück der jungen Ehe und die Vorstellung von einer besonderen Freiheit in ihr , die sie durch ihre Anschauungen und Gesinnungen hatten , daß nämlich die Frau nicht unterdrückt und ausgebeutet werde , und daß sie so in Wahrheit in freier Liebe lebten . Derart hatten sie ausgemacht , daß sie des Morgens abwechselnd früher aufstehen wollten , denn beide mußten um sechs Uhr auf ihrer Arbeitsstelle sein , und nun sollte den einen Tag der Mann und den andern Tag die Frau zuerst das Bett verlassen , um für beide den Morgenkaffee herzurichten . Nach dieser Verabredung begann den ersten Tag die junge Frau , und mit sonderbarem Behagen erwachte der Mann von einem leisen Huschen auf den Dielen , da sah er durch die halboffene Tür , wie sie den neuen Petroleumapparat instand setzte und Wasser in das Blechgeschirr mit prasselndem Geräusch aus der Wasserleitung ließ , und während das heiß wurde , maß sie den Kaffee ab in die Mühle , nahm die zwischen die Knie und begann zu mahlen . Dann wischte sie den sauberen Küchentisch noch einmal ab und rückte die Stühle davor , holte den Frühstücksbeutel herein und setzte den Topf mit der Milch zurecht . Und wiewohl das alles nur ganz einfache Dinge waren , die nun von jetzt an jeden Tag geschehen sollten , so kam ihm doch ein sonderbares Glücksgefühl ins Herz , indem er zufrieden in seinem Bette lag . Am andern Tag war die Reihe an ihm ; da stand er vorsichtig auf , um seine Frau nicht zu wecken , die indessen mit verbissenem Lachen sich nur so stellte , als schlafe sie noch ; mit ungeschickten Händen brachte er die Kochmaschine in Ordnung , wie er es gestern gesehen ; aber schon als er das Wasser in die Kasserolle ließ , war er irr , und wie er die Bohnen mahlen sollte , wußte er nicht , wie viel er nehmen durfte . Da mußte er zu ihr gehen und sie fragen , sie aber antwortete , daß er ganz ungeschickt sei und nie die Handgriffe lernen werde , und daß die Männer überhaupt solche Sachen nicht verstünden , und dann sprang sie geschwind aus dem Bett , nahm alles in ihre flinken Hände und besorgte mit Schnelligkeit das Frühstück , indessen der Mann gehorsam zuschaute . In solcher Weise geschah es , daß nach einiger Zeit die rasche Frau doch alle frauenhafte Arbeit in ihre Hände nahm , indem sie freilich ihren Mann häufig ausschalt ; dieser aber , der sich schnell zu großer Geduld entwickelt hatte , nahm solches Schelten nicht übel , da es ja nicht böse gemeint war und eigentlich eine Zärtlichkeit ausdrücken sollte . Wenn am Abend die Arbeit beendet war und das Abendbrot verzehrt und das Geschirr aufgeräumt , so begann für die beiden der schönste Teil des Tages , denn der Mann nahm vom Büchergestell an der Wand ein aufklärendes Buch , etwa Bebels » Frau « oder Zimmermanns » Wunder der Urwelt « , las vor und erklärte ; die Frau aber , die fleißig stopfte und flickte , hörte eifrig zu , fragte und widersprach , und recht oft kam zwischen beiden eine lehrreiche Diskussion zustande . In den meisten Fällen drehte sich der Streit darum , was die Arbeiter unter den gegenwärtigen Verhältnissen tun könnten , indem der Mann meinte , daß sie sich aufklären müßten und Bildung erwerben , die lebendige Frau aber schalt , daß die Männer träge und mutlos seien und zu Taten vorgehen müßten , und wenn sie selbst ein Mann wäre , so würde sie gewiß suchen , die Arbeiterklasse durch ein Attentat von einem besonders schlimmen Bedränger zu befreien , damit die andern Furcht kriegten . Hierauf erwiderte der Mann , daß sie durch solche Handlungen ja Ausnahmegesetze rechtfertigen würde und den ruhigen Fortgang der Entwicklung stören , von dem man alles erwarten müsse . Indem die beiden dergestalt für sich lebten , geschah es ganz natürlich , daß sie weniger in Versammlungen gingen und der Mann auch geringeren Anteil nahm an der geheimen Tätigkeit seiner Freunde in Verbreitung verbotener Schriften oder im Sammeln von Geld ; er sagte ihnen aber , daß er seinen Mann stehen werde , wenn es nötig sei ; und wenn etwa die zunehmende Macht der Arbeiter die Regierung zu weiteren Unterdrückungsmaßregeln treibe und diese dann in einer bewaffneten Erhebung antworteten , um die soziale Republik zu begründen , das etwa in zwei oder drei Jahren geschehen könne , so wolle er selbstverständlich sogleich mit in die Reihen der Kämpfenden treten . Inzwischen zeigte es sich zu ihrer großen Freude , daß die Frau ein Kind erwartete , und nun machten sie neue Pläne und Hoffnungen , wie sie das nicht wollten taufen lassen und als ein freies Wesen auferziehen ohne den Glauben an alle die Erfindungen , welche die herrschenden Klassen benutzten , um das Volk niederzuhalten , und dazwischen erzählte die Frau von einem schönen Kinderwagen , auf den sie jetzt schon sparte , denn er sollte Gummiräder haben , und auch von Jäckchen und Mützchen sprach sie ; diese Gedanken schienen zwar dem Mann töricht , allein er mochte doch nicht recht etwas gegen sie vorbringen , denn sie konnte viel schneller sprechen wie er und auch viel mehr . Er selber trug sich indessen mit noch andern Absichten ; denn es war damals zuerst die Sitte aufgekommen , daß die Spekulanten ihre unbenutzten Grundstücke , die zu Bauplätzen bestimmt waren , in kleinen Abteilungen an Arbeiter verpachteten , die allerhand Gemüse und Blumen auf dem sandigen Boden zogen und sich eine Laube bauten und am Feierabend mit Weib und Kind sich hier in ländlicher Arbeit erfreuten . Einige Arbeitsgenossen von Weiland hatten sich zusammengetan zu einer solchen Ansiedelung , die sie » Klein-Kamerun « nannten ; diesen dachte er sich anzuschließen , wenn er seine Frau von der Vortrefflichkeit des Planes überzeugte , und die Frau sollte das Abendbrot in der Laube zurichten , und da würden sie dann im Freien essen , und das Kind sollte auch im Wagen anwesend sein und die frische Luft mit genießen , und nach dem Essen wollte er dann immer graben , pflanzen und jäten . Derart lebten die beiden als zielbewußte und ganz umstürzlerisch gesinnte Arbeiter doch in allerhand Wünschen , wie sie wohl kleine Bürger haben mögen , und es zeigte sich auch an ihnen , daß die Gedanken der Menschen immer viel weiter greifen , wie ihr eigentliches Streben ist , das für einen Arbeiter in Wahrheit ja doch immer nur auf ein größeres Behagen gehen kann und auf die Art von Freiheit und Sittlichkeit , welche er versteht , nämlich des kleinen Bürgers , weil er den gerade über sich sieht . So nahte sich die Zeit , wo die Frau entbunden werden sollte . Als eine fleißige und frische Person ging sie noch bis in die letzten Tage auf ihre Arbeit , und weil sie jung und gesund war , so geschah alles ohne besondere Unfälle und in richtiger Weise . Und nun war das Leben und das Glück , das sich jedesmal wiederholt , wo eine Familie wenigstens nicht mit allzu großem Leichtsinn gegründet ist , wenn das Erstgeborene kommt ; zwar hatten sie nur ein Mädchen , aber doch war der Vater so stolz , daß er meinte , er sei fast allen seinen Arbeitsgenossen überlegen , und die Mutter dachte , ein so kräftiges , gesundes und kluges Kind sei doch eine sehr große Ausnahme ; den Namen gaben sie ihm nach den drei von ihnen am meisten verehrten Männern , nämlich Marx , Lassalle und Bebel , als Karoline Ferdinande Auguste . Es stellte sich naturgemäß heraus , daß die Frau zunächst ihre Arbeit lassen mußte , und so hatten die Ehegatten jetzt wieder viele Gelegenheit , über die bessere Organisation solcher Dinge in der künftigen Gesellschaft zu reden , wo eine gelernte und geübte Pflegerin eine Menge Kinder versorgen kann , indes die Mütter ihrer Arbeit nachgehen , die wegen ihrer geringen Kenntnis und Übung , auch wegen des bekannten Nachteils jeden Kleinbetriebes , doch gewiß ungeeignetere Pflegerinnen wären wie jene , und meinte die Frau , sie würde sich sehr gern von der Gesellschaft an solche Stelle als Pflegerin setzen lassen , denn dabei hätte sie ihr Kind doch immer bei sich , das sie auch nicht bevorzugen wolle . Inzwischen erwies sich das Kind als kräftig wachsend und froher Gemütsart und bekam einen sehr schönen Wagen mit Gummirädern , um den vorher die Frau eines Amtsrichters vergeblich gefeilscht hatte , er war der aber zu teuer gewesen , und auch alle seine Wäsche war sehr schön . Hans und Karl hatten die Freundschaft mit den beiden aufrecht gehalten , und obschon sie zwar kein rechtes Verständnis für kleine Kinder hatten , so freuten sie sich doch des Glückes der Eltern mit . Zuweilen kamen sie am Sonntagnachmittag in die kleine Wohnung mit den ängstlich geschonten Möbeln , brachten allerhand Zugebröte in Papier gewickelt , wie Wurst und Käse , und aßen dann mit der Familie unter fröhlichen Gesprächen zu Abend ; und erzeugte die Annäherung der Klassen in dem Schuhmacher und den Studenten auf beiden Seiten ein besonderes Hochgefühl und eine gewollte Freude , als kämen sie alle in eine neue Freiheit , indem es ihnen freilich oft mit Schwere auffiel , daß es eigentlich wenig war , was sie einander sagen konnten , und daß sie fast sich gegenüberstanden wie Menschen verschiedener Sprachen , die durch einige allgemeinverständliche Laute und Zeichen einander ihre Freundschaft versichern . Auch Jordan war oft zu Besuch bei den jungen Leuten , jener ruhige Mann , der damals in der Versammlung ihnen die Spuren der Ketten an seinen Knöcheln gezeigt hatte . Einmal , als er mit den beiden Studenten zusammen von dem Ehepaar wegging , war er in sehr trüber Stimmung und in jener Verfassung , die zu Klagen und Erzählungen treibt . So sprach er von seiner Heimat , wo er bei einem alten Meister gelernt , der ihn lieb gewonnen hatte , weil er Sonntags nicht zum Tanzen ging und zu Biere , sondern zu Hause blieb und Bücher las ; der hatte ihm gesagt , wenn er seine Wanderschaft beendet habe , so solle er wiederkommen , dann sei er selbst so weit , daß er nicht mehr arbeiten könne , dann solle er seine Werkstätte übernehmen und seine Kundschaft bekommen . Nun hatte er aber gesehen , wie überall das Handwerk durch die Fabriken verdrängt wurde , und auch die Schuhmacher konnten sich nicht lange mehr halten , und wenn jetzt ein junger Mensch sich in einem kleinen Ort als Meister niederließ , so mochte er ja wohl noch ein paar Jahre lang sein Auskommen haben , aber dann ging das Handwerk doch zugrunde , und da war es besser , gleich in jungen Jahren in die fabrikmäßige Produktion zu gehen , solange man sich noch gewöhnen konnte , und vielleicht bekam er eine bessere Stellung . Weshalb Jordan das erzählte , wurde nicht klar ; aber der Grund war , daß er Heimweh hatte und sich aus dem großen Fabriksaal mit den schnurrenden Maschinen und der hastigen Arbeit wegsehnte in die kleine Schusterwerkstätte mit dem Schemel , dem Knieriemen und der Glaskugel vor dem Licht . Weiterhin erzählte er , daß er versprochen gewesen sei , kurz vor seiner Verhaftung , und das Mädchen habe er auch von Jugend auf gekannt , denn was man so in Berlin sehe von Mädchen , da wisse man bei keiner , was der schon alles passiert sei , und das sei ja wohl nicht richtig , wenn man als junger Kerl sein Herz an ein Mädchen hängt , denn man könne ja tausend haben für eine , aber weil er sie so lange gekannt und auch ihre Eltern , so sei er doch der Meinung gewesen , er habe etwas Gutes . Wie er aber wieder aus dem Gefängnis herausgekommen sei , da habe er sie mit einem andern verlobt gefunden , und sie habe