, und Ellen fragte auch nicht mehr . Sie begann , sich an dies stille , weltferne Dasein zu gewöhnen , das ihr ein tiefes , langes Ausruhen brachte und einen milden Schleier über Leid und Freude legte . Ihr schien jetzt , als läge schon eine unendlich lange Zeit zwischen dem Jetzt und jener Gewitternacht in Bozen - der Aufschrei war verhallt und nur noch ein mattes , sehnendes Weh zurückgeblieben . Noch einmal hatten sie und Reinhard sich wiedergesehen , er war an ihr Krankenlager gekommen , als er durch den Arzt erfuhr , daß sie wohl hoffnungslos daläge . Und als er sie dann so wiederfand , in einem engen , heißen Hotelzimmer , sie ihn aus starren , tiefliegenden Augen ansah und kaum erkannte , da schwieg sein eigner Schmerz und sein Groll . Er brachte sie ins Krankenhaus und blieb bei ihr , bis die erste Gefahr vorüber war , und selbst dann fand er keine harten Worte mehr . Sie hielten sich lange an der Hand zum Abschied - , es war nicht mehr Ellens Schuld , die sie voneinandergerissen hatte - , sie glaubten beide das Schicksal zu fühlen , das dunkel über ihrem Leben war , eine fremde , unerbittliche Macht , der sie Hand in Hand gegenüberstanden . Oft gingen jetzt ihre Gedanken zu ihm hin ; ihr Heim war für immer verloren , das wußte sie wohl , aber es war doch wie ein großes Geschenk , daß er so von ihr geschieden war ohne Haß und Zorn . Und wie ungeheuer mußte seine Liebe gewesen sein , daß er so bis in die letzten Tiefen zu verstehen mochte - und wie einsam lag der Weg jetzt vor ihr ohne ihn und alles , was er ihr gewesen war . Aber es kamen auch Tage , wo sie daran dachte , wie jung sie noch war , und was noch alles vor ihr lag - , wo sich die Zukunft in goldene Fernen weitete - leben und schaffen . - Die Gesunden kamen zu ihr herauf in das stille , weiße Zimmer , die alten Freunde , und sprachen davon , wenn Ellen erst wieder mit ihnen arbeiten würde . Johnny brachte ihr Blumen , alle verwöhnten sie und wunderten sich im stillen , daß Ellen dies lange Krankenlager so ruhig ertrug . Sie wußte wohl selbst nicht , wie es um sie stand . So war allmählich fast ein Vierteljahr dahingegangen , und sie war immer noch kaum imstande , sich aufzurichten ; dann standen eines Vormittags wieder die Ärzte um ihr Bett - , sie gingen zur Beratung hinaus , und einer kam zurück , um mit ihr zu reden . Ellen drang selbst in ihn um volle Wahrheit . Ihr waren schon lange manche bange Ahnungen gekommen - , aber dann traf es sie doch wie ein Donnerschlag : nur , wenn sie sich einem schwierigen und gefährlichen Eingriff unterziehen wollte , so wäre auf Besserung zu hoffen . Gewißheit könne man ihr vorher nicht geben - , sie sollte sich alles wohl überlegen . » Und sonst ? « fragte Ellen . Ja , sonst hätte sie wohl nur ein unabsehbares Siechtum zu erwarten - ein jahrelanges Krankendasein - - vom Bett auf das Sofa und wieder zurück . Der Arzt sagte das alles so schonend wie möglich - er wußte manches von ihrem Leben und daß sie ganz alleinstand . Aber sie ahnte wohl , daß es noch nicht die volle Wahrheit war - in seinem Gesicht glaubte sie ihr Urteil zu lesen und etwas von dem Mitleid , das der Arzt nicht sehen lassen darf - Mitleid mit dem Verurteilten . In dieser Nacht kämpfte sie einen harten Kampf . Daß sie schwerkrank war , hatte sie wohl gewußt , und anfangs war auch manchmal der Gedanke an den Tod gekommen , an ein langsames Verlöschen bei halbem Bewußtsein . Aber mit dieser schreckenden Klarheit war er noch nie vor sie hingetreten - sie hatte sich ja nur mit Geduld in das lange Daliegen gefunden , weil sie immer wieder dachte , es müßte doch endlich der Tag kommen , wo sie wieder hinauskönnte ins Leben . Nein - nicht sterben , nur nicht sterben - sie hatte noch nicht entsagt , hatte noch wieder hinaustreiben wollen auf das ruhelose Meer von Hoffnungen und Möglichkeiten . Sie - Ellen Olestjerne - mit ihren dreiundzwanzig Jahren , die mehr vom Leben verlangte als viele andere , die noch so viel schaffen und gewinnen wollte - , und das sollte nun das Ende sein von allem . - Immer wieder sagte sie es laut vor sich hin : das soll nun das Ende sein . - Und doch war sterben noch nicht das Schlimmste - , wenn sie sich nicht entschließen konnte , den Kampf zu wagen , dann erwartete sie das andere : jahrelanges Siechtum , hatte er gesagt , das bloße Wort war schlimmer wie zehnfacher Tod - sich herumschleppen vom Bett zum Sofa , vielleicht auch einmal bis ans Fenster - mit den ewig bohrenden und zerrenden Schmerzen - nichts mehr tun , nichts mehr wollen können und dabei verfallen , häßlich werden , Falten bekommen , langsam zum Skelett werden , bis auch das zusammenbrach . - Der Gedanke schüttelte sie wie etwas Widersinniges , Wahnsinniges , Unfaßliches . Was hatte sie nicht schon alles hingegeben in dem unbändigen Drang nach ihrem innersten Selbst , das so viel zum Opfer wollte - Heimat , Geschwister , selbst den Bruder , den sie so sehr liebte , denn der war schließlich auch von ihr gegangen zu den anderen - den Mann , dem ihre erste große Leidenschaft gehörte - sein Kind - Reinhard - alles , alles von sich geworfen , ihr war , als ob sie immer nur über Leichen hinweggegangen sei - , um schließlich vor ihrer eigenen anzukommen , und daneben stand das Schicksal und grinste sie eisig an : Es ist noch nicht genug - jetzt nehme ich dir auch noch deine letzte Kraft , deinen jungen Körper , der noch blühen wollte , deine jungen Jahre , die noch heißes Verlangen trugen - , und schlage dich zum Krüppel . Ohnmächtig sollst du vor mir daliegen , und es war alles umsonst . Und sie konnte nicht einmal aufspringen , um sich zu wehren oder zu fliehen . Was half es ihr , wenn sie die Fäuste zum Himmel ballte und ihrem Geschick fluchte ? - Nein - kraftlos daliegen und warten , bis der Schlag sie traf oder an ihr vorbeiglitt . - Wie hatte sie nicht schon warten gelernt - auf Gesundheit und auf die Rückkehr zum Leben , aber auf den Tod warten , auf den wirklichen oder den anderen - den Tod bei lebendigem Leibe - , das war eine fürchterliche , verzehrende Geduld , die sie noch zu lernen hatte . Als der Arzt am nächsten Morgen wiederkam , stand Ellens Entschluß fest , sie wollte nun alles so rasch wie möglich festgesetzt haben . Aber es hieß noch eine Reihe von Tagen warten und sich zur Ruhe zwingen . Draußen war immer noch Sonnenschein und goldne Tage . Ellen meinte noch nie einen so lichten , strahlenden Herbst gesehen zu haben , es schien ihr fast wie eine gute Vorbedeutung , und mit der Entscheidung kam allmählich eine Art Zuversicht über sie . Manchmal lag sie lange da und betrachtete sich in ihrem Handspiegel - nein , sie sah noch nicht aus wie ein zerstörter Mensch . - Sonnenkind , so nannte Johnny sie - ja , sie hatte eigentlich immer noch ein Kindergesicht , nur etwas schmaler war es geworden , aber keine Leidenszüge . Am letzten Tage kamen viele von ihren Bekannten mit dem verborgenen Gedanken , sie vielleicht zum letztenmal zu sehen , Schwester Maria fragte , ob sie nicht doch mit einem Geistlichen reden wollte - und dann Johnny - er legte ihr einen Haufen Rosen aufs Bett , seinen Kopf dazu , und Ellen glaubte zu sehen , daß er weinte . » Aber Johnny « , sagte sie , » was habt ihr alle ? - Tut , als ob ihr mich schon begraben wolltet , und ich denke ja gar nicht daran zu sterben . « Jetzt , wo es so dicht vor ihr war , fand sie beinah etwas Festliches in der Gefahr und gewann ihre alte Fähigkeit wieder , über alles zu lachen . Es war ein trüber , grauer Nachmittag , und die ersten Schneeflocken trieben gegen die Fenster , als Ellen aus langer Betäubung wieder erwachte - wie durch einen Nebel sah sie Gesichter um sich her , dann sank sie wieder in den Nebel zurück , und es kam eine lange , halb bewußtlose Nacht - neben ihr die Schwester - ihre weißen Schleier schwankten hin und her wie große Flügel - - noch mehr Tage und Nächte - ein Gewirr von neuen wühlenden Schmerzen , schreckhaften Träumen und sengendem Durst - ein dumpfes , willenloses Ringen gegen unerträgliche Pein und dann wieder Zurücksinken in die milde Morphiumbetäubung . War das noch Leben oder war es schon Todeskampf ? Am ersten Morgen , wo sie wieder klar um sich sehen konnte , war ihr zumut , als sei sie schon weit fortgewesen , in dem dunklen Land , aus dem keiner mehr zurückkommt - und ein seltsames Gefühl von Erdenfremdheit durchzog sie , als ginge es sie nichts mehr an , ob sie wieder zu den Lebenden gehören sollte . Dezember 93 Den ganzen Tag in alten Briefen gelesen und zuletzt in meinem einstigen Münchener Tagebuch - bis dahin , wo es plötzlich abbricht ... Seither habe ich nie wieder geschrieben , es taumelte alles zu überstürzend rasch an mir vorbei und über mich weg , von einer Katastrophe zur andern , bis zu der langen Ruhezeit im Krankenhaus . Danach kann ich mich oft noch zurücksehnen - mein Gott , es war nicht leicht , von der stillen Zeit Abschied zu nehmen und so mit halben Kräften wieder hinaus - sich am Stock herumschleppen wie ein Krüppel . Und wo mich Bekannte sehen , dies Erstaunen - man hat ja immer nur gehört : mit der ist ' s aus . Es kommt mir beinahe vor , als wären sie enttäuscht , wenn einer wieder aufersteht von den Toten . - Und diese endlosen Fragen , warum ich immer noch hier bin , nicht bei meinem Mann . - Das weht einen so kalt und feindlich an , man möchte seine Habe auf den Rücken nehmen und davongehen - Gott weiß wohin . - Aber ich hätte es mir vorhersagen können . - Und wenn ich so dasitze und meine Umgebung ansehe , in der ich jetzt lebe - dies kleine , enge Atelier mit dem Feldbett und dem großen Tisch , weiter ist fast nichts darin - , da kommen so allerhand Gedanken . - Ja , ich bin jetzt nicht mehr die verwöhnte junge Frau , der man jeden Wunsch an den Augen abliest - , und auch nicht mehr die unverwüstliche Ellen früherer Tage , der die größte Misere am lustigsten schien . Der schwerste Kampf wird jetzt erst beginnen , wo ich ihm eigentlich nicht mehr gewachsen und schon recht kampfmüde bin . Da steht der Stock neben mir - der Stab Wehe - mein guter Doktor versichert mir , daß ich mit der Zeit wieder würde gehen können wie andere Menschen , aber dann redet er auch von Schonung und Pflege und ist entsetzt , wenn er hier heraufkommt : » Kann denn niemand etwas für Sie tun ? « - Aber das kann ich ihm nicht auseinandersetzen - - Reinhard tut immer noch für mich , was er kann , aber die Krankenzeit hat mehr verschlungen , wie ich ihm sagen möchte , und noch Schulden von früher her . - Es kommt eine ziemliche Misere dabei heraus . Nur gut , daß wir immer zwei sind , die Dalwendt ist jetzt auch ganz auf sich selbst angewiesen , und wir teilen gute und schlechte Tage wie früher . Alles in allem bin ich ja gerade dahin gelangt , wo ich wollte , mein Leben gehört nur noch mir , ich kann daraus machen , was ich will . Ich bin auch noch jung genug - wie viele fangen in meinem Alter erst an hinauszukommen . Wenn ich daran denke , wie ich mich in ganz jungen Jahren fürchtete , ich möchte nicht genug erleben ! - Jetzt liegt viel hinter mir in den kurzen Jahren . Die alten Briefe haben mich heute ganz wehmütig gemacht - Detlev , Friedl und all die andern . - Wir waren ja noch halbe Kinder damals , in unserer Begeisterung und unserem Pathos , fühlten uns als die Vorkämpfer einer neuen Zeit - jeden Augenblick wären wir bereit gewesen , uns dafür zu opfern . Ich weiß wenig davon , was aus ihnen allen geworden ist und wie weit sie dem Damals » treugeblieben « sind . - Aber wer mag so dafür geblutet haben wie ich ? - Ja , » der letzte Mut zu sich selbst « - ein blutiger Weg , der dahin führt - , der die Füße wund und müde macht . Und manchmal möchten Heimweh und Sehnsucht rufen : Komm zurück ! - Als ich anfing , mich zu erholen , den ganzen Tag im Lehnstuhl am Fenster saß und daran dachte , wie Reinhard jetzt einsam ist und sich vielleicht noch nach mir sehnt - , da haben sie oft nach mir gerufen - - Aber dann der erste Besuch bei Johnny - , er trug mich die Treppe hinauf , die ich so lange nicht mehr gegangen war - , und da droben , wo alles an unsere wilden Stunden erinnerte - , da fühlte ich wieder den heißen Hauch der Stürme , die draußen wehen , wo man frei ist . Die am warmen Kamin sitzen , wissen nichts davon - nur wir , die auf der Landstraße gehen . Januar 94 Endlich kann ich wieder etwas an die Arbeit , und der Stab Wehe ist verbannt . Allmählich fangen nun die Erfahrungen an , die man mir früher so oft weissagte - , daß wir nie ungestraft vom geraden Wege abweichen dürfen . - Ich wollte in unsere frühere Malschule eintreten , aber man hat etwas von Ehescheidung gehört und erhebt Bedenken . - So bin ich denn in eine andere gegangen , wo es nicht so strenge genommen wird . Und das andere ist dem gleich . - Bei meinem ersten Münchener Aufenthalt verkehrte ich noch in einigen Familien - trotzdem ich damals doch ein ziemlich extravagantes Leben führte , aber man wußte nicht , wie weit es in Wahrheit ging , und vor allem wußte man , daß ein geachteter Mann in sicherer Stellung mich heiraten wollte . - Eine Mittelsperson macht mich jetzt schonend darauf aufmerksam , daß man an mir irre geworden sei - aus dem , was sie sagt , fühle ich wohl heraus , daß ein offenes Bekenntnis vielleicht alles wieder gutmacht - man könnte ja vielleicht eingreifen , helfen - tout comprendre et tout pardonner - man weiß ja nichts Genaues . Aber ich danke schön - ich suche niemand mehr auf , der nicht zu mir kommt . Es wacht etwas von dem alten Ibsenklubgeist in mir auf . Wenn mir etwa Steine in die Fenster fliegen sollten , so werde ich sie mit Vergnügen aufsammeln und für meine Kinder aufheben . - Ich habe eine stille Freude dabei , all diesen guten Leuten in Gedanken die Tür recht weit aufzumachen . 2. Februar Diesen Winter hat sich eine etwas merkwürdige Freundschaft angeknüpft - ich war abends bei strömendem Regen in der Stadt , wollte beim Marienplatz in den letzten Fiaker steigen . Als ich ankam , stand schon jemand daneben , will mir aber aus Höflichkeit den Wagen überlassen , hält sogar seinen Regenschirm über mich . Mir machte das so tiefen Eindruck , daß ich sagte , er könne ja mitfahren , wenn wir denselben Weg hätten . Das Ende war , daß wir dreimal zwischen dem Hoftheater und dem letzten Stück der Theresienstraße hin- und herfuhren und uns noch nicht darüber geeinigt hatten , wer wir eigentlich wären . Dann trafen wir uns am Weihnachtsabend wieder auf der Straße , hatten beide nichts anderes vor und feierten ihn zusammen in einer Weinstube , gerieten so tief in ein Gespräch über Boheme , Gesellschaft , guten Ton und Etikette , daß wir eine Stunde vor meiner Haustür standen und ich ihn schließlich zu einem Kaffee bei mir einlud . So ähnlich hat sich unser Verkehr dann weitergesponnen , er kommt oft abends zu mir herauf , und wir schwätzen die halbe Nacht durch - trotz allem guten Ton , an dem wir übrigens aufs strengste festhalten . Denn unser Benehmen ist tadellos korrekt in Gedanken , Worten und Werken , man könnte es eigentlich nicht einmal Freundschaft nennen , wir verkehren nur wie zwei liebenswerte Eisblöcke , die irgendwelchen Gefallen aneinander finden . Bel-ami - den Namen hat er bekommen , wie ich seinen wirklichen noch nicht wußte - gehört der sehr guten Gesellschaft an - ist immer sehr elegant und scheint ein ziemlich unruhiges Leben zu führen . - Jetzt im Karneval , kommt er einmal im Frack , einmal in irgendeiner Maske zwischen zwei Festlichkeiten bei mir angestürzt , um sich auszuruhen . Wir suchen erst lange nach einem geeigneten Platz für seinen Zylinder , dann sitze ich auf dem Bett , er auf dem einzigen Klappstuhl und erzählt mir seine Erlebnisse . Einmal schlief er dabei im Stuhl ein - und entschuldigte sich wenigstens drei Stunden lang . Ich versicherte ihn meiner Nachsicht , und so ist es allmählich Brauch geworden , daß er bei mir seine nächtliche Siesta hält . Ach , dieser Karneval ! Wenn ich Bel-amis Schlaf bewache oder Johnny zu irgendeinem Fest schminken und kostümieren helfe , da wird es mir doch manchmal arg schwer , immer zu Hause zu bleiben - aber dies Jahr darf ich nicht tanzen - wer weiß , ob später . März Nun ist bald Frühjahr - und dann geht Johnny fort - vielleicht auf Jahre . Aber wir sind beide sehr tapfer und machen uns keine Abschiedsschmerzen . - Eigentlich sind wir überhaupt sehr weise , nehmen das Leben nun von der Sonnenseite , soweit es uns zusammen angeht . Wir wissen wohl , was der andre an trüben und schweren Sachen zu tragen hat ; aber das behält jeder für sich . Es gibt keine abgründigen Gespräche zwischen uns über Seelenzustände und dergleichen , aber auch keine Verstimmungen und keine Szenen . Der Tag gehört jedem allein und der Tagesordnung , die man nie miteinander teilen sollte . - Wir kennen eben alle Weisheiten . Und Eifersucht , ich glaube , davon wissen wir auch nichts . Oder doch - ich fühlte so etwas , weil er ein Kind hat . Sonntags kommt die Mutter manchmal damit , um es ihm zu zeigen - einmal auch , wie ich da war . Und dabei wurde mir ganz weh - man hat mir gesagt , daß ich wohl nie eins haben werde . Und wenn ich dann solche kleine Wesen sehe , schmerzt mich das Gefühl , daß es eine Sehnsucht gibt , die mir nie erfüllt werden kann . Aber Johnny hat mich furchtbar ausgelacht , als ich ihn bat , er sollte es mir schenken . August Lange , lange nichts aufgeschrieben - daran kann ich selbst immer messen , ob mein Leben still und einsam gewesen ist , oder ob es mich mitgerissen und durchgeschüttelt hat . Ich bin viel gesünder , seit ich draußen auf dem Lande bin , male den ganzen Tag . - Und doch denke ich immer wieder , daß ich nicht lange leben werde - , daß es mich doch wieder hinwerfen könnte und ich mich eilen müßte . Dann kommt ein förmliches Fieber über mich , ich möchte in jeden Tag hineindrängen , was er nur fassen kann , an heißer Arbeit und heißem Leben . Wenn ich mein Tagebuch lese - das klingt alles so , als ob ich immer in tiefer Melancholie herumginge und der dunkle Hintergrund nie ganz wiche . Und dabei gibt es keinen Menschen , der so viel lacht wie ich - niemand glaubt , daß ich auch nur einen Tag ernst oder traurig sein könnte , oder daß mir irgend etwas tief geht . Ich begreife es ja auch selbst manchmal nicht völlig , daß ich immer noch ganz dieselbe bin . Aber immer noch könnte ich für einen Moment der Freude meine ewige Seligkeit verkaufen . - Ich könnte es nicht nur , ich tue es auch . Seit Johnny fortging , ist es fast wie das Leben im herumziehenden Zigeunerwagen , das ich mir als Kind träumte - von einem Ort zum andern und über dem Hier das Dort vergessen . Nur immer weiter , nicht rückwärts sehen und nicht vorwärts , den Zufall als Gott anbeten und ihm opfern . Ich denke oft daran , wie ich als Kind war . Ich dachte mir immer , mein Leben müßte etwas ganz Besonderes werden , und später auch noch : Ungeheure Dinge leisten , in der Kunst , in allen möglichen Verwegenheiten , am liebsten hätte ich auch Seiltanzen und Akrobatenkünste gelernt , überhaupt alles können , alles beherrschen . Und vielleicht wäre ja auch allerhand daraus geworden , wenn sich nicht von Anfang an alles dagegen gestemmt hätte . Zu Hause - ich kann meine Eltern doch heute noch nicht recht begreifen - ; Eltern sollen doch froh sein , wenn ihre Kinder viel wollen , und sie sind immer nur entsetzt . Ich habe wohl kein Wort so gehaßt wie das : Es geht nicht . - Es ist das unwahrste Wort , das es gibt . Und später , ja , hätte der liebe Gott mir nicht dies Kranksein geschickt , mir wieder eine Kette an den Fuß gehängt - - , denn darüber gibt ' s wohl keine Täuschung : Ein ganz gesunder Mensch werde ich nie wieder , wenn ich auch nach außen hin so tue und so lebe . Und das ist doch das einzige , wirkliche Unglück , das einen treffen kann . Aber ich habe immer noch nicht gelernt zu sagen : Es geht nicht . September Zwischendurch ein paar Tage in der Stadt . Ein Abend mit Bel-ami . Der ist wie ein Anker in der Brandung , er weiß wohl ungefähr , wie ich lebe , aber wir reden nicht davon . Wir zwei verlieben uns nicht ineinander , auch nicht vorübergehend , kommen uns auch freundschaftlich nicht näher , es liegt eine weite Ferne zwischen uns , und die geringste Übertretung würde alles zunichtemachen . Er schlief wieder ein auf seinem gebrechlichen Lehnstuhl . Es wurde immer später , und ich versuchte ein paarmal , ihn aufzuwecken . Es ist etwas Eigenes , jemand schlafen zu sehen - bei diesem ist ' s , als ob der wirkliche Mensch dann erst zum Vorschein käme , seine Züge bekommen etwas Zerwühltes , Gequältes , er sieht aus , als ob er nie jung und froh gewesen wäre . Ich weiß wenig von seinem Leben , aber ich denke manchmal , daß er ebenso ruhelos ist wie ich , sein Gesicht sagt es , wenn er schläft . Vielleicht hält uns das zusammen - , obgleich wir es uns niemals eingestehen würden . Schließlich werde ich auch müde , lege mich aufs Bett . Dann und wann wache ich auf und sehe mich um : dieser elende Raum ohne alle Behaglichkeit - der große , wüste Tisch , auf dem all meine Sachen liegen , weil ich keine Schubladen habe - die Lampe mit dem zerrissenen , hellgrünen Schirm - aber doch liebe ich das Ganze , und es hat einen gewissen Zauber . Und drüben im Lehnstuhl schläft der ferne , fremde Mann . Beim Einschlafen geht mir durch den Sinn , wie schön doch diese unsere stillen Stunden sind - , daß ein Mensch zu mir kommt , um auszuruhen , und all das Schweigen zwischen uns beiden Ruhelosen . Erst am hellen Sommermorgen wachen wir auf , die Lampe brennt immer noch . Ich mache Kaffee , und nun kommt erst die Plauderstunde . Dann begleite ich ihn durch den Englischen Garten , er hat einen weißen Tennisanzug an und ich ein weißes Kleid - draußen ist alles so morgenfrisch und schön . November Nun wieder zurück von den Sommerfahrten , und der Herbst macht melancholisch . München verödet immer mehr ; dieses Jahr sind viele gegangen . Johnny , die Dalwendt - der Zarekkreis hat sich nach und nach aufgelöst , es ist nicht mehr das abenteuerliche Traumland von früher . Ich komme im Café mit allerhand Leuten zusammen , Malern , Literaten usw. , aber es ist eine ganz andere Sorte Menschen . Es scheint mir beinah , als ob inzwischen eine andere Zeit und eine andere Generation gekommen wäre . Es ist kein Sturm mehr darin , und all das Neue ist eben doch nicht gekommen . Diese Kaffeehausmodernen sind schon so mit allem fertig , was wir damals andächtig anbeteten , als ob man nun keine Andacht mehr brauchte , weil man die Kinderschuhe ausgetreten hat . Und im Grunde haben sie dafür nur Pantoffeln angezogen und bewundern nur mehr sich gegenseitig . Oh , diese vielen ernsten Gespräche , was der eine als Künstler will und wie der andere das Leben anfaßt usw. Ich bin doch , weiß Gott , noch nicht so alt , daß mir alles in der Erinnerung anders aussieht , aber diese Leute scheinen mir so abgelebt und greisenhaft gegen die , mit denen ich jung war , sogar auch gegen unsere Zarekboheme vor drei Jahren . Sie wollen auch nicht mehr Boheme sein , jeder hat seinen schwarzen Rock und geht auf jours , um über Kunst und Kultur zu reden . Man soll es doch nicht ganz mit der Gesellschaft verderben , denn sie hat die Übermacht behalten , und es ist gescheiter , sich eine Tür offen zu halten . Ach , wie hätten wir den totgelacht , der auf einen jour gegangen wäre . Neujahrsabend Wenn doch Bel-ami noch käme , um mir die schwarzen Gedanken etwas zu vertreiben , und wenn er nur ganz ruhig dasäße und kein Wort sagte . Aber es ist alles still , und ich bin allein . Seit Tagen schon nicht mehr ausgegangen , es hilft nichts , gegen diese Kraftlosigkeit und Erschöpfung anzukämpfen , es hilft nichts , daß ich mich nicht ergeben will . Warum man wohl an solchen Tagen immer so sehr zu Betrachtungen aufgelegt ist - , aber es scheint eine alte Gewohnheit , die schwer loszuwerden ist . Immer wieder muß ich an Reinhard denken , vor zwei Jahren waren wir an dem Abend noch zusammen - , und weiter zurück - zu Hause - die Geschwister . - Vielleicht denken sie manchmal noch an mich , wie an jemand , der lange gestorben ist . Und ich sitze hier , halbkrank , in dem elenden Raum , wo das Schneewasser durch die Scheiben läuft , und wo alles zu sagen scheint : Was führst du für ein Dasein ! Und ich bin noch jung - aber alles , was ich hoffen und wünschen könnte , ist untergraben durch diese elende Kraftlosigkeit . Es hat längst zwölf geschlagen , lärmende Menschen kommen unten in der Straße vorbei , dann ist es wieder ruhig . - Mir ist , als ob mein eigenes Leben mir hier in der Totenstille gegenübersäße - so haben wir beide schon oft Zwiegespräche gehalten , mit bangen schweren Fragen . Wenn ich an die eine Hoffnung glauben könnte , die ganz leise und ganz ferne aufdämmern will , aber ich habe nicht den Mut dazu - , als ob sie dann zerrinnen müßte wie alles andere , wenn ich nur den Blick nach ihr wende oder nur eine Hand rühre . Mitte Januar Nun schon seit Wochen so hinliegen . - Wollte ich mir meine ganze Verzweiflung eingestehen ! Wozu immer wieder sich aufraffen , wenn doch alles umsonst ist . Als ob ein Gespenst mich vor meinen eigenen Augen hinwürgte - ich kann nicht leben und nicht sterben . Heute habe ich mir mit vieler Mühe den Lehnstuhl ans Fenster geschleppt - es ist ein wahres Ereignis , einmal den Platz zu verändern , in den Hof hinauszusehen , wo ein paar Knechte Holz hacken und der Schnee von den Dächern rinnt . Alles trüb und grau , weiche , drückende Vorfrühlingsluft , über dem Kohlenschuppen graugelbe Häuserwände - so einer von den Tagen , wo man sehnsüchtig von Luft und Licht träumen möchte wie ein Gefangener . Ja , was ist das für ein Dasein , wenn man krank ist - morgens liege ich lange im Bett , nur um nicht in den Tag hinein zu müssen . Dann mit dem Hammer dreimal an die Wand klopfen , bis der alte Hausmeister kommt , um Feuer zu machen . Er läßt die Tür offen , und sie knarrt , daß ich weinen möchte , dann fliegen die Späne durchs Atelier , und dabei unterhalten wir uns über das Elend im Leben - drüben liegt seine Frau schon seit Monaten krank . Die beiden Alten sind wie eine Art Familie für mich . Dann bringt er mir den Kaffee , der auf meinem schwarzen Koffer serviert wird , weil kein anderer Platz da ist . Ich stehe allmählich auf , alles ist in Unordnung ,