, aber ich fühlte sonderbarerweise nicht die geringste Spur von Müdigkeit . Darum ging ich jetzt wieder hinab , um zunächst nach meinem Halef zu sehen , von dem ich heut noch nichts vernommen hatte . Hanneh war bei ihm . Er hatte soeben die Augen aufgeschlagen und richtete sie auf mich , als ich mich bei ihm niederließ . Ein liebes , liebes Lächeln ging über sein eingefallenes Gesicht . » Sihdi , gib mir deine Hand ! « flüsterte er . » Ich muß sie küssen ! « Ich kannte ihn und wußte , daß ich ihm diese Liebe nicht verweigern durfte . Er führte meine Hand an seine Lippen und hielt sie dort so fest , wie es ihm möglich war . Dabei hielt er die Augen wieder geschlossen . » Sihdi , wo - - - wo bist du gewesen ? « fragte er leise . » Aus deiner Hand strömt - - - Leben - - - Kraft - - - und Genesung ! Warst du vielleicht - - - im Schlafe dort , wo - - wo - - wo - - - « Er sprach nicht weiter , sondern er schlief ein . Dann ging ich wieder durch den Garten und nach der Pferdeweide hinter . Es war etwas in mir , was mich drängte , die dort so nahen Ruinen einmal in größerer Deutlichkeit als bisher vor mir liegen zu haben . Ich ahnte , daß in ihnen der Anfang des Endes liege , dessen Fäden jetzt in meine leider noch so schwache Hand gegeben waren . Das Gehen fiel mir heut schon wieder leichter als noch gestern . Meine kräftige Natur begann , sich geltend zu machen . Die Pferde seitwärts lassend , wendete ich mich der Stelle des alten Mauerwerkes zu , wo die letzten Büsche des Weidelandes standen . Dort war einer der cyklopischen Steine zu irgend einem Zwecke aus den Fugen gehoben und auf die hohe Kante gerichtet worden . Er warf nach Nord den Schatten . Da wollte ich mich niedersetzen und das Gemäuer in Augenschein nehmen . Aber es saß schon jemand da - - Schakara . Meine Schritte waren im Grase unhörbar gewesen . Sie wurde auf mein Kommen erst aufmerksam , als sie meinen Schatten neben dem des Steines erscheinen sah . Da wendete sie den Kopf , wer es wohl sein möge . Als sie mich erblickte , wollte sie aufstehen , aber ich bat sie ruhig sitzen zu bleiben , und nahm in ihrer Nähe Platz . Sie zeigte nicht die geringste Spur von Verlegenheit , während ein europäisches Mädchen , in derselben Beschäftigung überrascht , gewiß aufgesprungen und davongelaufen wäre . Sie hatte nämlich ihre langen , schweren , dunkeln Flechten geöffnet und war soeben dabei , dieses fast überreiche Haar durch den Kamm zu glätten . » Laß dich nicht stören , Schakara ! « sagte ich . » Hier bin ich Kurde und nicht Europäer . « » Europäer - - - ? « Sie sah mich fragend an . Dann kam es wie Verständnis über sie : » Ist es bei euch eine Schande für die Frauen , ihr Haar vor euren Augen zu berühren ? « » Zwar keine Schande , aber auch keine Ehre . Unsere Frauen zeigen ihr Haar nur in künstlich geordnetem Zustande . « » Künstlich geordnet ? « lächelte sie . » Also ist bei euch diese Ordnung nicht Natur , sondern Kunst ? Vielleicht ist das richtig ; ich verstehe es nicht . « Wie einfach und unbefangen das klang ! Wie hell und sorglos sie mich dabei anschaute ! Und wie unbedenklich sie dann in ihrer Beschäftigung fortfuhr ! Ich richtete mein Auge auf die Ruinen , zunächst ohne weiter zu sprechen . Kein Lufthauch war zu spüren . Es herrschte tiefe Stille , und nur - - - - was war denn das ? Während Schakara ihr Haar bewegte , war jenes laut knisternde , ganz eigenartige Geräusch zu hören , welches entsteht , wenn elektrische Fünkchen überspringen . Sie bemerkte meine schnelle Kopfbewegung und fragte : » Wolltest du mir etwas sagen , Effendi ? « » Eigentlich nicht ; aber , knistert dein Haar stets so , wenn du es ordnest ? « » Ja . Oft noch viel lauter . « » Seit wann ? « » So lange ich mich besinnen kann . « » Kennst du noch andere Personen , bei denen dasselbe Geräusch entsteht ? « » Nur eine einzige , nämlich Marah Durimeh . So oft ich ihr die langen , weißen Zöpfe flocht , erklang ihr Haar in diesen lieben Tönen , und in den Händen war es mir , als sprängen tausend Funken auf mich über . Sie sagt , das müsse sein , wenn sich nichts Fremdes zwischen Leib und Seele stelle . Hast du es noch nicht gekannt , Effendi ? « » Doch ! « » Bei vielen ? « » Nein ; nur bei einem , bei mir . Darum konnte ich nicht vergleichen und nach den Ursachen suchen . « » Die Ursache ist das Leben , ist die Seele . Ist diese ungeschwächt , so hat sie auch die Kraft , zu zeigen , daß sie Ueberschuß an Lebensvermögen besitze . « » Wie du so sprichst , Schakara ! « » Wie soll ich anders reden ? Ich hörte es von Marah Durimeh , die meine Lehrerin gewesen ist , so lange ich lebe . Sie liebt dies Knistern sehr ; sie pflegt es sogar ; sie wird besorgt , wenn es sich einmal mindert . Sie spricht von ihm , wenn sie aus alter Zeit erzählt , als noch kein Mensch von Krankheit etwas wußte . Hat sie dir nicht gesagt von jenem fremden Dichter , der seine Poesie , die er verloren hatte , an diesem Knistern , als sie dann wiederkam , sofort erkannte ? Das war das Roß der Himmelsphantasie , der treue Rappe mit der Funkenmähne , der keinen andern Menschen trug als seinen Herrn , den nach der fernen Heimat suchenden . Sobald sich dieser in den Sattel schwang , gab es für beide nur vereinten Willen . Die Hufe warfen Zeit und Raum zurück ; der dunkle Schweif strich die Vergangenheiten . Des Lauses Eile hob den Pfad nach oben . Dem harten Felsen gleich ward Wolke , Dunst und Nebel , und durch den Aether donnerte das Rennen hinauf , hinauf ins klare Sternenland . Dort flog die Mähne durch Kometenbahnen , und jedes Haar klang knisternd nach der Kraft , die von den höchsten aller Sonnen stammt und drum auch nur dem höchsten Können dient . Und thaten sich die Thore wieder auf , die niederwärts zur Erdenstunde führen , so tranken Roß und Reiter von dem Bronnen , der aus der Tiefe jenes Lebens quillt , und kehrten dann im Schein der Sterne wieder . Der Reiter hüllte leicht sich in den Silbermantel , den ihm der Mond um Brust und Schultern warf , und seiner Locken Reichtum wallte ihm vom Haupte . Des Rosses düstre Mähne aber wehte , im Winde flatternd wie zerfetzte Strophen , schwarz auf des Mantels dämmerlichten Grund . Und jene wunderbare Kraft von oben , die aus den höchsten aller Sonnen stammt , sprang in gedankenreichen Funkenschwärmen vom wallenden Behang des Wunderpferdes , hell leuchtend , auf des Dichters Locken über und knisterte versprühend in das All . « Sie hatte langsam und natürlich , ohne alle künstliche Hebung gesprochen , als ob diese Art der Ausdrucksweise eine ihr keinesweges ungewöhnliche sei . Ich war erstaunt , ja wohl mehr als erstaunt . Weniger über die bilderreiche Ausdrucksweise , weil diese dem Oriente eigen ist , als vielmehr über die Tiefe und den dichterischen Wert der Gedanken , welche sie ausgesprochen hatte . Welch ein Denken , Schauen und Empfinden ! Welch eine reiche , seltsame Welt in ihrem Innern ! Welche Schätze mochte sie in sich tragen , die doch so anspruchslos hier an der Erde saß ! Sie begann jetzt , ihr aufgelöstes Haar wieder in Flechten zusammenzulegen . Sie sah dabei nicht zu mir herüber , fühlte aber dennoch meinen auf ihr ruhenden Blick , denn sie sagte : » Effendi , du forschest in mir . Frage mich doch lieber , wenn du etwas willst ! Ich sage es dir ja gern . « Da erkundigte ich mich denn auch sogleich : » Du nanntest Marah Durimeh deine Lehrerin . Was hat sie dich gelehrt , und in welcher Weise that sie es ? « » Als echte Muallima25 , die nichts falsch oder überflüssig tut . Sie lehrte mich zunächst das Lesen und das Schreiben . Dann brachte sie mir nach und nach alle jene Bücher , die das enthielten , was ich lernen sollte . « » Gedruckte Bücher ? « » Nein , zunächst noch nicht . Diese bekam ich erst nach Jahren , als sie glaubte , daß mich fremde oder gar falsche Gedanken nicht mehr beirren könnten . Was ich in der ersten Zeit zu lesen und zu lernen hatte , das schrieb sie alles selbst , nur ganz allein für mich . Sie sagte , das müsse so sein , wenn ich werden solle , was ich zu werden habe . Solche Bücher haben die genaue Mostra26 zu enthalten , nach welcher die geistige Gestalt zu bilden sei , keinen Strich zu wenig und aber auch keinen zu viel . Weil aber niemals zwei verschiedene Personen ganz dieselbe Begabung besitzen , könne die Form für den einen nicht auch die Form für den andern sein . Darum sei außer der Schule des Lebens jede andere zu eng , die Kleinen in der Weise groß werden zu lassen , daß sich jeder in seiner besondern Eigenart entwickele . - Du siehst mich staunend an , Effendi . Habe ich etwas Törichtes gesagt ? « » Ich staune , ja ; aber aus einem ganz andern Grunde , als du denkst . Schakara , ich sage dir : Marah Durimeh ist eine Meisterin ! Hat sie noch andere Schülerinnen außer dir ? « » Wer kann das sagen ! Sie ist zwar meist verborgen , doch überall geliebt , wo sie erscheint , und jeder lernt von ihr , zu dem sie kommt . Mich aber hat sie einst zu sich geholt ; ich war und blieb bei ihr und teilte alles , was sie trug und tat . Sie gab sich wohl mit keiner so viel Mühe wie mit mir , und was ich bin , das habe ich nur ihr allein zu danken . « » So weiß sie , daß du jetzt hier bei dem Ustad bist ? « » Ja . Ich bin sogar in ihrem Auftrag hergekommen , von dem er allerdings bis jetzt noch nichts erfahren hat . Ich mußte erst studieren . « » Was oder wen ? Darf ich es wissen ? « Da schlug sie ihre klaren Augen groß und voll zu mir auf und antwortete : » Mir ist , als ob ich vor dir kein Geheimnis haben dürfe , als müsse ich dir alles sagen , was in mir ruht , und auch was mich bewegt . Drum will ich nicht verschweigen , daß ich den Ustad prüfe ; weshalb , wozu , das weiß nur Marah Durimeh . Auch ist die Gegend , wo er wohnt , für mich von Wichtigkeit . Es liegt hier in der Nähe viel begraben , was auferstehen will . Er selbst spricht ja von seiner eignen Gruft , doch ist das wohl nicht richtig . Schau diese Mauern an , die hoch und stark sich hier vor uns erheben , als ob sie Heimlichkeiten zu verbergen hätten , die keines Menschen Auge sehen dürfe ! Wer baute dies ? Warum in dieser Weise ? Aus welchem Grund gab man den Bau nicht völlig erdenfrei ? So türmt man doch nur Festungen empor , von welchen aus man blutig herrschen will ! Wozu Tyrannensitze für den Vater , der liebend zu den Kindern niedersteigt , wenn im Gebete sie ihn zu sich rufen ? Indem ich dieses frage , muß ich an jene alte Sage denken , die von Chodeh , dem Eingemauerten berichtet . Kennst du sie schon , Effendi ? « » Nein . « » So laß sie dir erzählen ! « Sie schaute zu den Ruinen hinüber , nickte wie unter einem heimlichen Gedanken vor sich hin und begann sodann : » Das war zu jener Zeit , als der Teufel auf den Gedanken kam , Baumeister zu werden . Er zeichnete viele tausend Pläne , aber keiner war ihm fromm genug . Da sah er ein , daß man jedes Fach , also auch dieses , erst nach und nach zu erlernen habe , und beschloß darum , zu den Menschen in die Schule zu gehen . Da er von unten zu beginnen hatte , so begab er sich zunächst zu einem Volke , welches nur auf Felsen baute . Als seine Zeit bei diesem vorüber war , suchte er ein anderes auf , welches ungeheure Steine aus dem Felsen brach , um sie zu Mauern aufeinander zu türmen . Bei einem dritten Volke lernte er Ziegel streichen und mit Asphalt zu Gebäuden vereinigen , die von scheinbar ewiger Dauer waren . Bei einem vierten richtete er sich auf riesenhafte Pfeiler und Säulen ein , welche selbst unter den schwersten Lasten nicht zusammenbrachen . Bei einem fünften hörte er zum erstenmal von Schönheit sprechen . Die Säulen bekamen freundlichere Gestalt , und die bisher platten Dächer hoben sich empor . Beim sechsten kam der Schmuck dazu und das Bedürfnis , Licht im Raum zu haben . Ein siebentes sah auf die äußere Gestalt und forderte für jedes Bauwerk andre Formen . So legte er sich also auf den Stil und weiter noch auf alles , was sonst noch nötig war . Und als er dann vor seiner Meisterprüfung stand , an was für Bauten hatte er , der Teufel , sich geübt ? Was glaubst du wohl , Effendi ? « » Erlaube mir , zu hören , nicht zu raten ! « antwortete ich . » An lauter frommen Werken , die nur zur Ehre dessen errichtet worden waren , für den der Teufel nichts als Haß besitzt . Zwar hatte wohl auch die Frömmigkeit gewollt , denn fromm erscheinen , fördert selbst den Teufel , doch wirklich fromm zu sein , daran geht er zu Grunde . Drum war sein Haß jetzt gar zum Grimm , zur stillen Wut geworden , weil alle diese Bauten der Wahrheit dienten , aber nicht dem Scheine , und er beschloß , in seinem Meisterstück ein Werk zu schaffen , bei welchem alles Schein , nichts aber Wahrheit sei . Er ging in jenes Felsenland zurück , wo er die Lehre einst begonnen hatte , denn dort war Gott ein lieber Himmelsgast und ließ sich oft bei seinen Menschen nieder . Er saß so gern bei ihnen , licht und hehr im offnen Alabasterberg , sich seiner Sonne freuend . Da kamen sie herbei , die er geschaffen , sie alle , groß und klein von seiner eignen Hand den Segen zu empfangen . Sie liebten ihn ; sie gönnten ihn auch andern ; die Eifersucht auf Gott und auf die Seligkeit war ihnen unbekannt . In diesen Menschheitsfrieden trat der Andre , den es gelüstete , sein Meisterstück zu machen . Er brachte seine Scharen , die ihm dienen , und ließ den Neid der Hölle rings verbreiten . Als dann der Herr im Morgenrot erschien , um wieder einen Erdentag zu weilen , da drangen alle , alle auf ihn ein , nur hier bei ihnen noch , sonst nirgends zu erscheinen ; die andern Menschen seien es nicht wert . Da neigte er das Haupt und ging betrübt von dannen . Er sprach den Segen nicht , sprach überhaupt kein Wort . Der Andre aber sprach : Wißt ihr noch nicht , daß Gott sich zwingen läßt ? Was ist die Bitte wert , wenn sie nicht zeigt , daß sie auch wirklich will ! Beweist ihm euern Ernst , so muß und wird er tun , was ihr begehrt . Ich will euch euern wahren Gott verschaffen ; die andre Welt mag andre Götter haben ! Nun sandte er den Neid in Scharen aus , herbeizuschleppen , was er vorbereitet . Und als das nächste Morgenrot erschien , nahm er die göttliche Gestalt des Höchsten an und kam , den frommen Schein ins Werk zu setzen . Er ließ sich licht und hehr im Berge nieder und lächelte voll Huld den Menschen zu . Und als sie ihre Bitte wiederholten und ernsten Nachdruck auf die Worte legten , sprach er im Tone väterlicher Güte : Ich prüfte euch ; drum war ich gestern still ; heut aber sag ich euch , ihr habt bestanden . Die Macht der Frömmigkeit ist größer als die meine . Drum nehmt mich hin als euer Eigentum . Ich will nun euch und niemand sonst gehören ! Da flogen die Quader herbei , die Säulen , die Steine , die Ziegel . Der Felsen gab das Fundament ; die Mauer klammerte sich fest ; sie wuchs empor . Der Teufel saß als Gott im Heiligtume . Doch seine Scharen regten sich , ihn eiligst für das Volk hier einzumauern . Das Bauwerk stieg ihm immer höher , bis an den Leib - - - bis an die Brust - - - bis an den Hals ! Und betend lag dabei die Andacht auf den Knieen ! Der Kopf verschwand nun auch . Fast war der Berg verschlossen . Da schwang ein dunkler Flederhäuter sich aus der letzten Oeffnung und flatterte in das Verschwundensein . Und in demselben Augenblick erschien der Architekt vor seinem Werke und lobte laut , daß er zufrieden sei . - - - Was war es für ein Bau ? Kein Mensch vermags zu sagen . Wo liegt der Berg ? Ich weiß es nicht , doch möchte ich ihn finden . Und wenn ich mich nicht irre , bist du bereit , mit mir nach ihm zu suchen , Effendi « . » Es wäre wohl der Mühe wert , sich hiermit zu beschäftigen , « antwortete ich . » Es steckt in jedem Märchen und in jeder Sage ein Kern , um dessen willen die Dichtung entstanden ist . Jedenfalls enthält auch diese Erzählung von Chodeh , dem Eingemauerten , eine Wahrheit , welche in dieser Form gesagt worden ist , um jedermann zugänglich zu werden . Nur meine ich , daß dieser Gottesberg mit seiner zugemauerten Alabasternische nicht an irgend einem geographischen Ort , sondern nur auf rein geistigem Gebiete zu suchen sei . « » Ich nicht . « » Wie ? « fragte ich überrascht . » Du denkst dir einen wirklichen Berg , auf den ich mit diesen meinen Füßen hier steigen könnte ? « Da flog ein unbeschreiblich schalkhaftes Lächeln über ihr schönes Angesicht , und es klang beinahe wie von oben herab , als sie erwiderte : » Effendi , Effendi ! Willst du mich etwa glauben machen , daß ein Kurmangdschimädchen klüger sein könne als ein Gelehrter aus dem Abendlande ? Was meinst du , wenn du von Wirklichkeiten sprichst ? Ist nur das wirklich , was ich sehe , höre , fühle ? Und muß das , was du als geistiges Gebiet bezeichnest , von unsern Sinnen niemals wahrzunehmen sein ? Sind wir Menschen nicht unendlich verschieden begabt ? Der Eine sieht , hört , riecht , fühlt oder schmeckt etwas , wofür der Andere nicht einen einzigen Empfängnisnerven besitzt . Und diesem Andern werden dafür viel tiefere und verborgenere Dinge offenbar , welche der Vorige für unbegreiflich hält . Ich bin nicht wie du , und du bist nicht wie ich ; aber indem wir uns gegenseitig vertrauen und ergänzen , können wir uns zu einer Persönlichkeit vereinigen , welcher zu erreichen möglich ist , was wir vereinzelt nie erreichen würden . Das ist so leicht zu begreifen ; aber schau um dich und sag , ob man es beherzigt ! Der Sonderstolz , Effendi , der Sonderstolz ! Du magst meinen , noch so hoch zu stehen , so hast du herabzusteigen , um zu lernen und dich fördern zu lassen . Willst du aber keinem Niederen etwas zu verdanken haben , so stehst du unter ihm , bist niedriger als er ! Ich wollte ich dürfte dir die Berge zeigen , die es für mich giebt , obgleich du sie nicht siehst « . » Und ich dir auch die meinen ! « fiel ich da schnell ein . » Wo stehen sie ? « fragte sie ebenso schnell . » Da oben an der Grenze , in stiller Einsamkeit . Nur selten kommt ein Mensch , um dort emporzusteigen und heimzukehren in das Wunderland . « » An der Grenze ? Heimkehr ? Wunderland ? Effendi , du siehst ich bin überrascht ! Meinst du etwa dasselbe wie ich ? Dieselben Felsenkronen , die mir so oft im Abendrot erglühten ? Dieselben Pfade durch die heil ' ge Stille , in welcher jede Blume und jeder Lufthauch betet ? Dasselbe Wasserrauschen , von welchem meine Seele trinkt , noch durst ' ger als die Lippe , die ich kühle ? Warst du vielleicht in jenem Tal der Sternenblüten , wo unsichtbar die Seelen wandeln gehen , doch ihrer Füße Spur im grünen Moose lassen ? Ich war einst dort , mit Marah Durimeh ! Wir hörten süßes Flüstern um uns her und leises Wehen , wie von himmlischen Gewändern . Ein Veilchen stand am Quell , das einzige im ganzen , weiten Tale , soeben erst gepflanzt , die Wurzel zärtlich sorgsam eingebettet und dann befeuchtet , daß sie trinken könne . Da kniete Marah Durimeh sich nieder , schloß es mit ihren lieben Händen ein und sprach : So war er also hier ! Ich kenne seine Weise und auch die namenlos Verehrte , die er mit seiner Lieblingsblume grüßt ! Ich wagte nicht , zu fragen , wen sie meine . Jetzt aber denk ' ich an die Lagerstätte , die ich mit deinen Lieblingsblumen schmückte , damit ihr Duft die Seele dir erhalte . - Nun sag ' , Effendi , kennst du meine Berge ? Warst du schon dort ? Bist du die Seele , die mit Veilchen grüßt ? « Da stand ich auf und ging zum nahen Erlenstrauch ; dort blühten einige Veilchen . Ich pflückte sie und reichte sie der Fragenden . Auch sie stand auf , steckte die Blumen in das Haar , welches nun wieder in vollen Zöpfen niederhing , und sagte : » Ich kenne seine Weise , sprach Marah Durimeh . Effendi , wenn du ins Tal der Sternenblumen kommst und dort ein zweites Veilchen stehen siehst , begieße es , wie ich das deine tränken werde ! Es sei fortan auch meine Lieblingsblume . Und nun sag ' mir : Warum kamst du hierher an diesen Stein ? Zwei Menschen , welche gleiche Pfade gehen , die pflegen gegenseitig sich zu ahnen . Dich zogen die Ruinen her zu mir ? « » Ja , Schakara . Dir will ich offen sagen , daß ich sie durchforschen werde , heimlich , bis in ihren tiefsten Winkel . Niemand soll jetzt davon erfahren , außer du . « » Also treffen wir uns auch hier auf gleichem Wege ! Ich war schon oftmals dort , ganz unbemerkt , des Nachts . « » Warum ? « » Warum ? Du weißt ja , was ich suche ! Den Berg , die Alabastergrotte , das Meisterstück des Architekten , der Schein auf Schein anstatt der Wahrheit baute . Er kam zuletzt als Flattertier heraus . Was also kann die Grotte nun enthalten ? Doch nichts ! Leer muß sie sein ! Es wurde weder Gott noch Teufel eingemauert . Und doch , und doch bin ich noch nicht am Schlusse ; ich muß vielmehr noch weiter , weiter denken . Wo Gott von dem Teufel verdrängt wurde , da kann das Resultat doch wohl in keinem Nichts bestehen . Ich bin nur Weib und du wirst wahrscheinlich über diese meine Mantyk27 lächeln ; aber es handelt sich hier doch nicht um zwei Körper , welche zusammentreffen und sich wieder trennen können , ohne etwas zurückzulassen , sondern um die Frage , was entstehe , wenn das Gute von dem Bösen verdrängt wird und - - - « Sie hielt inne . Es ist eben nicht leicht , Göttliches und Teuflisches durch menschliches Denken zu ergründen . » Schakara , ich bitte dich , laß Mantyk Mantyk sein , « sagte ich . » Du fühlst das Richtige ; aber es in Worten auszudrücken , das würde ich nicht wagen . Wenn der Teufel Schein auf Schein getürmt hat , so liegt hinter diesem Scheine sicher etwas Wahres verborgen . Was das ist , das können wir nicht wissen . Gelänge es aber , den Berg zu finden und die Grotte zu öffnen , so würde es sich zeigen . Ahnest du vielleicht einen gewissen Zusammenhang zwischen diesem Berge und dem alten Gemäuer hier im Gebiete der Dschamikun ? « » Ich ahne ihn nicht nur , ich fühle ihn ganz deutlich . « » Hast du dich nicht gefürchtet , des Nachts so allein in den Ruinen herumzusteigen ? « » Vor Menschen , ja , doch aber sonst vor nichts . « » Fandest du Spuren , daß Menschen dort verkehren ? « » Ja . Solche Spuren könnten eigentlich nicht befremden , weil die Neugierde doch gewiß so manchen Dschamiki und auch wohl manchen Andern hinunter in die alten Bauten treibt . Aber ich sah Einiges , was auf keine guten Absichten schließen läßt . « » Was war das , Schakara ? « » Ich halte es für besser , es dir zu zeigen , statt jetzt davon zu plaudern , ohne daß es Nutzen bringt . Jetzt bist du noch zu schwach für solche Anstrengung , doch wird sich das schnell bessern . Dann steigen wir hinab und du wirst alles sehen , was ich entdeckte . Man sagte mir , daß du heut ' den ganzen Tag zu schlafen haben werdest . Effendi , thue es ! Es kommen schwere Tage , und du hast stark zu sein . Die Kraft , welche du heut ' verschwendest , kann dir schon morgen fehlen . Glaube mir , ich meine es gut ! « Das klang so besorgt , so mütterlich , daß ich antwortete : » Ich werde diesen deinen Rat befolgen , doch nicht sofort , erst nach der Mittagszeit , wenn Pekala - - - « » Pekala ? « fiel sie da rasch ein . » Du wolltest sagen , daß sie dir das Essen bringen werde . Du irrst . Von jetzt an werde ich es sein , die für dich sorgt . Ich lasse dich in keiner andern Hand . « Ich wollte das nicht acceptieren und brachte meine Gründe dagegen vor . Da öffnete sie das kleine Dschasaltäschchen , welches an ihrem Gürtel hing , nahm ein Pergamentkärtchen heraus , gab es mir und sagte : » Am Tage nach der Nacht , in welcher man dich und Halef zu uns brachte , sandte ich einen Boten an Marah Durimeh , denn ich hielt es für nötig , daß sie wisse , wie es um eurer Leben stand . Ich habe ihr seitdem wiederholt berichtet und Antwort von ihr erhalten . Das Letzte , was sie schrieb , sind diese Worte . « Ich las : » Er sei der Geist ; du aber sei die Seele , seine Schwester . Das zeige ihm und grüße ihn von mir . Marah Durimeh . « Da gab ich ihr das Pergament zurück , legte die Hand auf ihr Haupt und sprach : » Was meine Freundin sagt , ist immer richtig . Ich will dein Bruder sein ; so sorge denn für mich ! Jetzt muß ich hinauf zu mir , um den Brief nach Bagdad zu schreiben . In einer halben Stunde wird er fertig sein . Dann esse ich mit dir und Hanneh in der Halle , und da du es so willst , versuche ich hierauf , mich auszuschlafen . « Dieses Programm wurde ausgeführt . Die Boten nach Bagdad hatten sich unten im Dorfe schon bereitgehalten . Sie gingen ab , sobald sie den Brief bekommen hatten , und nahmen eine Kamelsänfte für den dicken Kepek mit . Halef schlief noch fest , als wir uns zum Essen setzten . Ich bin ein mäßiger Esser ; heut ' aber aß ich doppelt so viel als gewöhnlich . Ich wurde von zwei Seiten hart bedrängt und hatte mich zu fügen . Als ich dann nach oben ging , nahm ich die noch immer im Hausgange liegenden Kleidungsstücke des Bluträchers mit , um sie in der » Rumpelkammer « aufzubewahren . Oben bei mir angekommen , trat ich auf die Plattform heraus , um nach dem Stande der Sonne zu sehen . Es war eine Stunde nach Mittag . Da legte ich mich nieder . Eigentlich war ich gar nicht müde . Es kamen mancherlei Gedanken , welche Audienz begehrten , und ich gab sie ihnen . Dann nickte ich ein bißchen ein , wachte aber sehr bald wieder auf . Nun griff ich zu künstlichen Mitteln . Ich sagte das ganze große und kleine Einmaleins rück- und vorwärts her , rezitierte in Gedanken Schillers Glocke und noch andere Gedichte , doch alles war vergebens . Dann stand ich wieder auf