, daß sie sich nach jener furchtbaren Nachtszene allein miteinander befanden . Bei den Mahlzeiten waren stets die Pensionäre und die Kinder wie ebenso viele abstumpfende Widerlager zwischen ihnen . Scheu und feindselig hatte sich Georges in die Ecke zurückgezogen , als Josefine mit ihrem entschlossenen , unbekümmerten Schritt hereinkam . » Sieh , « sagte sie , ihm das Blatt hinhaltend , » da lueg auch , was sie mir hingesudelt haben ! Kein Detail erkennbar ! eine graue Sauce ! bin fast untröstlich , wenn man mir die Sach so verderbt . « Lange verstand er nicht , was sie wollte , guckte mit zitternder Unterlippe das Blatt an , seufzte auf . » Das Negativ war nicht so , versteht sich , « fuhr die Frau fort , » vielleicht en wenig dichter als die besten , aber so ist ' s halt unbrauchbar , gelt ? « Georges hielt das Blatt vor die Augen , zuckte die Achseln und legte es hin . » Undeutlich . Wertlos , « sagte er knurrend . Josefine lebte auf : » C ' est ça ! Undeutlich und wertlos ! Was macht man ? « » Eine neue Kopie halt . « » Er hat ' s bereits fünfmal versucht , es wird nüt . « » Ja , da ist ' s Negativ schuld . « Die Frau nickte . » Fürcht es auch . Aber dann - « » Neue Aufnahme , « sagte der Mann teilnahmlos . » Neue Aufnahme machen , « er hüstelte hinter der Hand . » Glaubst es ? aber woher die Zeit nehmen ? « rief Josefine bestürzt . » Und noch sechs , sieben andere von der Schnittserie sind so verwischt . Heißt also sieben , acht neue Aufnahmen machen . « Sie schüttelte den Kopf . » Undenkbar . « Auf einmal zuckte ein Gedanke hell über ihr Gesicht . » Mach du sie , Georges . « Er prallte zurück vor ihrem aufleuchtenden Auge , vor ihrer lebhaft gestikulierenden Hand , vor dem werbenden Willen , der , ihr selber unbewußt , wie eine Flamme aus ihr hervorbrach . Kein Wort erwiderte er . Aber freudig und zuversichtlich kam sie näher . » Ich bringe dir alles , trage die ganze Geschichte zusammen ! Die Präparate sind ja sämtlich vorhanden , deutlich numeriert . Du verstehst das so ausgezeichnet , hast ' s ja mich gelehrt , Georges . « » Geh zu deinen Polacken ! « grollte er und drehte ihr den Rücken . Die Frau folgte ihm in den Winkel . » Tu nicht so wüst , du ! Gelt , Georges , du hilfst mir aus ? aber ob ' s da heroben still genug ist ? Der Tram fährt , daß der Boden schüttert und das Haus bebt - « » Nachts fährt kein Tram , « sagte der Mann , widerwillig interessiert . Josy nickte wieder . » Ja , auch ich hab die Aufnahmen nachts gemacht . Drunten im Laboratorium freilich . Aber es ginge auch hier . « Sie musterte die Drehbank . » Die steht fest , « sagte er » und horizontal . « » Eben das . « Sie strich über die Fläche . » Du wirst sie tausendmal besser machen , als meine sind , « lockte Josefine . » Tausendmal ! « höhnte er , eine widerwillig lächelnde Grimasse machend . » Man kann dann schreiben , daß die Abbildungen von dir sind , Georges . « » Oh - Handlanger für dich - « murrte er , argwöhnisch und gequält , » dazu taug ich noch , gelt ? « » Und es liegt dir doch auch daran , daß mein Buch - mein erstes Buch - sich möglichst gut präsentiert , « fuhr Josefine unschuldig fort . Ihre Naivetät machte ihn verdutzt . » Nun ja , « sagte er , » wenn du ' s so annimmst - « Sie lief fort , um das Mikroskop und die Präparatserie zu holen ; wenn Georges wieder Interesse an wissenschaftlichen Arbeiten bekam , dann sah die Zukunft für ihn nicht so trostleer aus . Sowie sie hinausgegangen war , geriet Georges in eine fiebernde Wut . Mit Hast verriegelte er die Tür , lehnte sich mit dem Rücken dagegen , die Hände geballt , die Zähne aufeinander gebissen . So horchte er auf ihren schnellen Schritt , auf ihr Klopfen . Es dauerte fast eine Viertelstunde , bis sie kam . Er verging vor Ungeduld , Widerwillen und Verlangen . Frostschauer zogen sich von seinem kahlen Kopfe , auf dem jedes neue Härchen auf und nieder bebte , abwärts über seine matte Haut . Er entblößte seinen hageren Arm und sah das Zusammenziehen der Haut zu kleinen Inseln , das Beben des Blutes in dem dunkel und wie obenauf liegenden Aderngeflecht . » Ah , misérable , « stöhnte er , den Arm streckend und anziehend und mit dem Zeigefinger der Rechten das schwache Muskelspielverfolgend , - » malheureux que je suis ! « Das Fenster war mit von außen anklebenden gelben Blättern fast bedeckt , ein gelbes Dämmerlicht kam herein und machte alle Farben fahl und krank ; der nüchterne Raum , die schwarze Drehbank - es war ihm , als sei er hier angekettet , mit Eisen an diese Drehbank geschmiedet , als sei er in einem viel entsetzlicheren Gefängnis jetzt als zuvor . War es das , wonach er sich fünf fürchterliche Jahre lang gesehnt hatte ? War es das ? » Öffne , bitte ! « rief Josefine draußen , » ich habe keine Hand frei . « Er stellte sich taub , schlich auf den Zehen ans Fenster , streckte den Kopf durch die offene Luftscheibe , ließ sie drei- , viermal rufen . Sie hatte inzwischen ihre Hand frei gemacht und klapperte an dem Drücker . » Verschlossen ? warum ? « hörte er sie sagen . Dann kam er mit großem Gepolter und riegelte auf . Sie musterte ihn erstaunt . » Schliefst wohl ? « Er rieb sich die Augen , dehnte sich , gähnte , schwieg . » Gut , ich will dich nicht lange stören . Schlafe weiter . Hier ist alles . Du findest dich schon zurecht . « Er sprach noch immer nicht und hielt sie eben dadurch zurück . » Mein Instrument kann nicht schuld sein , « sagte sie , sich zu dem blanken Mahagonikasten beugend ; » das ist noch immer tadellos . Sieh selbst . « Als er sein eigenes Mikroskop wieder erblickte - eines der letzten sehr vervollkommneten Instrumente , das er wenige Monate vor seiner Verhaftung angeschafft hatte - , brach seine Fassung . Er weinte mit zusammengebissenen Zähnen . Er hatte dieses große prächtige Instrument geliebt , wie ein Künstler sein Werkzeug liebt . Josefine begriff sofort und wurde sehr verlegen . Mit zugeschnürter Kehle begann sie , so als ob ihr dieser Gedanke spontan komme , von seiner Zukunft zu sprechen : » Wissenschaftliche Arbeit - schriftliche meine ich - das ist eigentlich dein Feld , Georges , dort wirst du etwas leisten , und niemand kann dir wissenschaftliche Arbeit verbieten ! Das gibt ' s nicht , so weit reicht ihre Macht denn doch nicht . Man wird vielleicht auch etwas zusammen herausgeben , du und ich gemeinsam , - wie denkst du ? « » Ziemlich stark abgenutzt , « sagte er mühsam und strich über eine abgestoßene splitternde Ecke des Mahagonikastens . » Schade ! « Eine Uhr schlug . Die Frau schnellte auf : » Also heute nacht ? willst du ? Schlafe aber im voraus , sonst wirst du verkürzt , und du brauchst viel Ruhe ! Sieben Aufnahmen , und jede circa eine halbe Stunde - da wirst du fast die ganze Nacht dran rücken müssen ! Ich laufe jetzt ! Ade ! Dank dir zum voraus ! « Sie ging , und er riegelte sich wieder ein . Nicht einmal die Hand gegeben ! Dann warf er sich aufs Bett und grübelte . Er sah sie , blau im Gesichte und veratmend auf dem Boden liegen , auf dem Boden dieses Zimmers , lang hingestreckt neben der Drehbank . Und er , er kniete auf ihr , zerriß ihre Kleider , zerfleischte sie , wühlte in ihrem wehrlosen unterjochten Leibe , berauscht vom Geruch des frischen Blutes . Und dieser Geruch des frischen Blutes , ihm bekannt von mancher Operation , wo er ihm immer wie einen seltenen Wohlgeruch empfunden hatte , - diesen Geruch glaubte er plötzlich um sich in der Luft zu spüren , aufreizend und peinigend und lastend schwer . In Konvulsionen der Lust und des Grausens wand er sich auf seinem Bette . Gehaßte und geflohene Bilder aus der Vergangenheit wurden zu lebendigen Szenen , die sich mit furchtbarer Anschaulichkeit , mit Geschrei und Gewimmer hier vor ihm , zwischen dem Bette und der Drehbank von neuem abspielten . Er sah verzerrte Köpfe auftauchen , verkrampfte Glieder zuckten - aus dunkeln Kleidern - weiß und rosig hervor . Plötzlich füllte sich die ganze Luft mit blutigen Teilen menschlicher Leiber , und alles das wollte über ihn stürzen , wollte ihn zudecken , ihn begraben . Er entwischte durch ein Fenster und wurde von einer Bergspitze heruntergeschmettert ... dann lag eine kalte Leiche auf ihm und preßte ihn , Mund auf Mund , Brust auf Brust , Glied auf Glied , in die weiche feuchte kühle Erde hinein . Mit verklebten Augen , mit verklebter Zunge taumelte er auf ... Es hatte gepocht ... Durch die geschlossenen Lider hindurch fühlte er , daß es Tag war . So matt , so weich - wie zerschmolzen fühlte er sich . Aber der Blutgeruch , das Gewimmer vor seinen Ohren war nicht mehr da . Er sah sich um wie ein Nachttier , das ein Versteck sucht . Warum pochten sie an seine Tür ? Hatte er wieder etwas begangen ? » Ich bin unschuldig ! wahrhaftig : ich bin unschuldig ! « stammelte er und verkroch sich unter die Decke . Aber gleichwohl sah er , daß die Tür aufging , und daß jemand hereinkam . Er verkroch sich noch tiefer , und nun sah er noch besser , sah zwischen seinen Zehen hindurch nach den vielen Menschen , die hereinkamen . Sie kamen , kamen , aber das Zimmer wurde nicht voll . Ein paar schwarze Herren drehten sich in der Mitte herum , die anderen gingen in die Wände hinein , ohne jede Schwierigkeit . » Hier ist das Gebiet der Hallucinationen , « sagte er , und dann hielt er eine Rede über die Hallucinationen . Jemand lachte aus der Ecke , die Versammlung wurde aufgelöst . Er schlug auf den Tisch , erhitzte sich , schrie : » Realität ? Hier haben Sie die schönste Realität , meine hochverehrten Anwesenden ! Kein Arzt leugnet Sie oder sie , - denn das ist im Grunde ganz das nämliche , Sie oder sie , meinen Sie nicht ? Willkürliche Striche kann jeder machen , aber was gewinnen Sie damit ? Ich rede aus Erfahrung , aus blutiger und , ich darf wohl sagen , unangenehmer Erfahrung . Ob jemand durch die Tür hereinkommt , oder ob er aus der Wand hervorkriecht oder so von der Decke herunterspringt , was für ein Unterschied ist zwischen diesen Jemanden , wenn sie sich unverschämt , eynisch , aufdringlich an einen Menschen heranmachen , - sagen Sie selbst ! Die Krone der Unverschämtheit ist ja gerade dieser von der Decke Heruntergesprungene , denn wie Sie alle wissen , kann der Geist nur da wieder hinaus , wo er hereinkam . Durch die Decke ! ich bitte Sie ! Sie werfen ihn in die Höhe , - er fällt Ihnen auf den Kopf , Sie schäumen vor Wut , laden ihn in einen Revolver , schießen ihn gegen die Decke - der Gips berstet , der Plafond kommt auf Sie herunter , voran natürlich der kleine Jemand , den Sie los werden wollen . Nein , nein , es gibt nur ein Mittel : spielen Sie mit ihm , schlau , kindlich , machen Sie ihn kirre , zutraulich und sorglos . Und dann - und dann - ja - ja - In diesem hübschen Augenblick ein scharfes Messerchen bereit halten ! Blutet ' s , so war ' s eine Realität , unzweifelhaft ! - es blutet nämlich immer , ich habe ja meine Erfahrungen , meine - hm ! hm ! Kuriert - kuriert , und doch nicht kuriert ! Man ist halt Psychopath , meine Herren ! « - - Jemand kam an sein Bett , griff nach seiner Hand , an seinen Puls . » Was kann das sein ? « Es wurde ihm schwer , die Zähne auseinanderzubringen . Endlich gelang es ihm , und er röchelte : » Ein Anfall ! Seit Jahren ausgeblieben . Gib Morphium . « Josefine gab ihm Morphium . Er belebte sich wunderbar schnell , sprach ganz vernünftig , aß und trank und schlief ein . Die Frau besah die Instrumente auf dem Tische . Sie waren unangerührt ; kopfschüttelnd packte sie alles auf und trug es fort . Ihr Buch erschien ohne jene mißratenen Clichés , die übrigen fünfzehn Tafeln waren vollständig gelungen . Georges fragte nie wieder danach , und sie zeigte ihm das Buch nicht , als es herauskam . Er sah es dann , als sie in der Klinik war , blätterte darin mit anfangs gleichgültigen , dann aufglimmenden Augen . Als Hermann zufällig darüber zukam , warf er den Band schnell unter das Bücherregal . Auch das Mikroskop betrachtete er nie wieder . Josefine hatte die sechs schweren Examenwochen hinter sich ; die letzte Stufe war erstiegen - sie konnte nun ihre Praxis ausüben , überall wo sie wollte in ihrem Vaterlande . Eine Art Befreitsein empfand sie , nicht mehr . Zuweilen verwandelte sich dies Gefühl des Losgebundenseins in eine wehe Verlassenheit . Bedauern ergriff sie , daß die Studienzeit hinter ihr liege ; rückwärts gesehen erschien sie ihr als die einzige Zeit , wo sie wirklich gelebt . Die größten Schmerzen und die größten Freuden lagen in diese Zeit eingeschlossen wie Perlen in köstlicher Fassung , und wenn sie sich selber erblickte , wie sie vor diesen fünf und ein halb Jahren gewesen , dann staunte sie über ihre damalige , fast ungestüme Frische . Wie konnte ich das alles auf mich nehmen , damals , unter dem Druck des großen Unglücks ! Daß ich nicht erlegen bin , daß ich nicht einmal ernstlich erkrankte , daß ich es durchgemacht habe , und daß ich nun ein ganz selbständiger Mensch bin - wie merkwürdig ist das alles ! Und mit wehmütigem Neid sah sie die eben immatrikulierten Studentinnen ins Kolleg gehen . Oh , schöne , schöne Zeit ! Nehmt sie wahr ! Blickt nicht so geschäftig , nicht so sorgenvoll ! Ihr denkt , daß ihr sehr wichtige Personen seid ; daß ihr schon viel viel Großes und Schweres arbeitet ! Aber ihr arbeitet noch nicht , ihr nehmt nur auf wie das weiche Frühlingsland den warmen Regen . Wann ihr fertig seid , dann - beginnt eure Arbeit . Erst dann . Meine Arbeit beginnt jetzt , und was - was werde ich tun ? Werde da in meinem Sprechzimmer sitzen , froh , wenn mein Warteraum von hilfesuchenden Kranken überläuft ? Werde sie hereinbitten , einzeln , feierlich ? werde den Gott aus den Wolken spielen , Lebenshoffnung aus meiner hohlen Hand herabsprengen auf emporgerichtete sterbende Elende ? Werde dem an der Armut Leidenden die » kräftige Kost « des Wohlhabenden verschreiben und nicht die höhnische Träne beachten , mit der er aus meiner Tür hinausgeht ? Werde » Ruhe « verordnen der zwölf Stunden täglich über dem Stickstuhl hängenden Stickerin , für die Ruhe gleich Arbeitslosigkeit und Arbeitslosigkeit gleich Verhungern ist ? Werde Wunden flicken , wie man Löcher in den Schuhen flickt , gleichgültig , geschäftsmäßig , in der ruhigen Überzeugung , daß ich die wahren Wunden mit keiner Sonde erreichen , mit keinem Pflaster heilen kann ? Werde - oh das allerschlimmste ! werde mich einreihen in die Heere der Zufriedenen , der mit dem Bestehenden Einverstandenen , der » mit den gegebenen Tatsachen Rechnenden « ? Nein , nur das nicht ! nur das nicht ! nur das nicht ! Was aber werde ich tun ? Und es schien ihr , daß sie von Himmelsflügen heimgekehrt sei , um auf die platte Erde zu fallen und dort Ameisenarbeit zu verrichten , eine von Millionen anderen Ameisen ! Ameisenarbeit ! nun denn auch das , wenn es so sein mußte ! Aber wenigstens keine schädliche , der Ameisenheit schädliche Arbeit verrichten ! Nützlich sein , selbst am Leben bleiben mit meiner Familie , der ich Brot schaffen will und muß , und der Ameisenheit nützlich sein - das ist fast unmöglich ! Aber dann wenigstens nicht schädlich sein . Für mich und die Meinen sorgen und doch nicht schädlich sein ! So viel wenigstens ! Ach , und wäre es denn nicht doch auch möglich , ein wenig zu nützen ? Hab ich so viel gelernt , so klar gesehen , so tief gefühlt , was schlimm , verderblich , zerstörend ist , und sollte ich kein , aber kein Mittel haben , gegen dieses Schlimme , Verderbliche , alle Kräfte Zerstörende mitzukämpfen ? Was kann ich tun ? Ich Ohnmächtige , Einzelne ? Der Einzelne kann nichts , nichts ausrichten , und wer sollte mir wohl helfen ? Es denkt ja niemand so , wie ich denke . Plötzlich tauchte vor ihr wie ein Stern ein schönes Gesicht auf ; eine schöne Stirn sah sie über tiefen Augen , und hinter der schönen Stirn wohnten schöne Gedanken . Gedanken den ihren gleich und deshalb schön für sie . Den ihren gleich ? nein , tausendmal höher , glänzender , schwungvoller . Damals ging ich auch so ratlos und verzweifelt , dachte sie , so einsam , allein auf der Erde . Und da kamst du gegangen , und was ich gewollt und ersehnt - in dir fand ich mich selber wieder , nur unendlich viel stärker , besser , reicher ! So weit , weit her kamst du , aus einer anderen Welt , aus anderen Lebensformen , und mit dir verstand ich mich , als hätte eine Milch uns genährt . Einer bist du , einer bin ich - unter all den Millionen - wo sind unsere Freunde ? Gewiß - sie sind da ! sie warten auf uns ! sie stehen hinter der Tür ! Ihre Hände sind ausgestreckt , die unsrigen zu fassen ! Sie halten kaum den Ruf nach uns auf ihren Lippen zurück ! Es wird ihnen schwer , ihre Ungeduld zu zügeln , so wie wir kaum die unsere zügeln können ... Soll ich nicht rufen ? Und unwillkürlich fast , kaum wissend , was sie tat , begann Josefine den unbekannten Freunden zu rufen . Sie wollte diese Hände fassen , die sich ihr wartend entgegenstreckten . Sie wollte diesen Augen begegnen , die aus Not und Drangsal des Tages wie aus der Wüste der Einsamkeit die ihren suchten . Sie wandte sich zurück an jene Fernsten , die sie nur ahnte , nicht einmal glaubte : sie schrieb . Aber ihrer impulsiven Natur war dieser Weg zu weit , zu lang , und sie fühlte , daß nur die Hoffnungsvollen ihn beschreiten können - jene , die zu warten wissen , denen die Sehnsucht nach dem Echo der Gefundenen nicht sofort erfüllt werden muß , und die ohne dieses Echo sterben . Nein , unmittelbarer als mit der Feder , mit ihrer eigenen Stimme wollte sie die unbekannten Freunde erreichen , zusammenrufen , mit ihren eigenen leiblichen Ohren den klagenden oder begeisterten , nicht durch sie , aber mit ihr begeisterten Widerhall hören . Und dann , wenn wir viele geworden sind - wer weiß ! vielleicht können wir doch gemeinsam etwas tun , etwas - etwas tun ! dachte sie , und es schien ihr , als weiche die zehrende Unruhe von ihr , die sie keinen Augenblick mehr verließ ... Etwas tun ... ach ! Helene Begas brachte eine deutsche Zeitschrift mit ; sie war ganz aufgeregt , zwischen Ärger und Vergnügen . Beim Mittagessen , nach der Suppe , schlug sie auf und las : » Gelehrte Weiber und geprellte Ehemänner ! Nun - klingt nett , nicht wahr ? vielverheißend ! Und wahrhaftig , ich sage euch , - der Titel ist so anlockend - massenhaft wird die Nummer gekauft ! Wenigstens zwanzig Studenten standen am Kiosk : Mir auch Gelehrte Weiber , bitte mir Geprellte Ehemänner - so ging es in einem fort ! Nach dem Inhalt fragte kein Mensch , es war nur der Titel . Huh , war ich wütend ! Diese Burschen da ! Dies Gegrinse und Gewieher ! Ich glaube , was von schlechten Elementen in Zürich studiert , drängte sich zu dem Kiosk , ich war das einzige Frauenzimmer . Wie Butter an der Sonne fühlt ich mich . « » Was ist ' s denn ? was Witziges und Nettes ? « fragte Josefine , lächelnd über Lenis Eifer . » Witzig keine Spur , « schrie die Mathematikerin , » immer das Gewöhnliche ! Wenn sie noch Geist hätten ! Aber das ist wirklich die Strafe des Himmels - sobald einer sich verleiten läßt , dies Thema anzupacken - gleich verläßt ihn , was er etwa an Geist besitzt , und nur Bosheit bleibt und Plattheit ! « » Warum sind Sie so aufgeregt ? « Bernstein öffnete seine Augen , so weit er konnte , » scheint es mir , daß dieser Herr Verfasser nicht sehr gefährlich sein kann . « » Bosheit und Plattheit nicht gefährlich ? « Helene schlug die Hände zusammen . » In welcher Welt leben Sie , Bernstein ? Unermeßlicher Schaden geschieht durch solche boshafte platte Darstellungen ! Alle Esel wiehern Beifall , fühlen sich gehoben und gestärkt in ihrer Eselhaftigkeit ! « » Halten Sie den Verfasser auch für einen Esel ? « erkundigte sich Georges , mit seinem Löffel spielend . » Wer ist der Verfasser ? « fragte gleichzeitig Bernstein . » Ich weiß nicht ; er unterzeichnet Strindberg jun. Na , das ist nun eine Unverschämtheit mehr , Strindberg hat doch Geist , aber dieser Junior ist nur platt ! wie eine Scholle , sag ich Ihnen . Hören Sie mal ' ne Probe . « Helene las vor : » Ein bewußter Schwindel ist dieses sogenannte Streben nach Gleichberechtigung der Geschlechter . Die Weiber wünschen durchaus keine Gleichberechtigung , sobald es sich um unbequeme oder schlecht bezahlte Arbeit handelt . Sie wünschen nur die bequemste , angenehmste und am besten honorierte Arbeit an sich zu reißen . Diese Arbeit ist ohne Zweifel die Arbeit des Gelehrten , und darum wollen die Weiber plötzlich alle gelehrt werden . Sie haben mit ihrer bekannten Schlauheit entdeckt , daß es sehr angenehm ist , Arzt zu sein , eine Vorzugsstellung zu besitzen und gute Honorare zu beziehen . Die Folge ihrer Entdeckung ist nun ein Zudrang zu dem medizinischen Beruf . Gleichberechtigung ! schreien sie , aber sie meinen Herrschaft . Was soll der gleichberechtigte Ehemann der Medizinerin tun ? Nun , die gelehrte bessere Hälfte wird ihm vielleicht erlauben , Wasser zu tragen und ihr die Hände zu waschen , wenn sie aus der Klinik kommt . Das heißt dann sehr hübsch Arbeitsteilung . Kein emanzipiertes Weib drängt sich jemals dazu , Kaminfeger zu werden oder Kloakenputzer : vor dem Ofenruß oder der Abfalldohle macht das Streben nach Gleichberechtigung sofort Halt ! Hier fordert auch die emanzipierteste Emanzipierte keine Arbeitsteilung , sondern höchstens eine Teilung des Lohns mit dem Manne . Mag er doch in das heiße schwarze Kaminloch hinaufklettern , mag er doch in die übelriechende , miasmatische Grube hinabsteigen - das Weib wird derweil gemächlich zu Hause bleiben , mit der Nachbarin schwatzen und lästern und in Süßigkeiten und unnötigem Putz das schwer erworbene Geld des Ehemanns verhausen . Ein junger Landwirt kurierte sein für Gleichberechtigung schwärmendes Eheweib auf ebenso leichte wie nachahmenswerte Weise . Er weckte sie des Morgens um halb vier aus den süßesten Emanzipationsträumen . Sie erschrak sehr , die Tochter aus besserem Hause . Jesis Gott , was fällt dir ein , mich so früh aufzuwecken ? sprach sie . Stand uf , sprach er , nimm die Kälber , führ sie auf den Berg , ich will jetzt eine Gleichberechtigung eintreten lassen . Ach , du mein Spaßvogel ! sprach das Weib . Da warf er sie zum Bett hinab und prügelte sie zur Tür hinaus . Spaßvogel hin , Spaßvogel her ! Hier wird nicht gespaßt , hier wird Gleichberechtigung durchgeführt . Das Weib wollte nicht , wehrte sich und schrie : Ich kann das nicht . Aber ich kann das ? denkst du , Weib , denkst du ? ich kann alle Tage um halb vier Uhr aufstehen oder um drei ? Marsch , Gleichberechtigung , führe die Kälber auf den Berg ! Und der Mann prügelte sie in den Stall hinein , wo die jungen Kälber dem Morgen entgegenbrüllten . Und er lachte sehr und sagte : Man muß euch Weiber zur Gleichberechtigung zwingen , ihr versteht sie falsch ! So belehrte ein kluger Mann sein törichtes Weib , und von da an hatte er Ruhe vor ihr . « » Ech ! « unterbrach Bernstein , » wozu lesen Sie ! lassen Sie das ! « Er betrachtete den Knaben Hermann , der begierig zuhörte und die Erzählung einzusaugen schien . » Chaibeluschtig ! Weiter , « sagte der Bub und seufzte vor Genuß . Georges warf den Löffel klirrend auf den Teller , ein fleckiges Rot spielte auf seinen blanken Backenknochen . » Gesunde Auffassung , scheint mir , « sagte er mit einem bösen Lächeln , » was haben Sie an dem Essay auszusetzen , Damen ? « » Essay ! lieber gar ! « Helene warf das Blatt hin und schüttelte sich vor Lachen . Hermann griff sofort nach der Zeitschrift ; seine Mutter nahm sie ihm aus der Hand , so heftig , daß sie zerriß . » Dummheiten , Bub , nichts für dich ! « sagte sie mit finsterem Gesicht , » wenn du lesen willst - es gibt so viel Gutes . « In Hermanns Augen stiegen Zorntränen auf . » Ich will das lesen , « sagte er , zu dem Vater gewandt , in dessen Gesichtsausdruck er Billigung , ja Wohlgefallen suchte und fand . Josy zerriß das Blatt mit der ihr eigentümlichen Heftigkeit in kleine Stücke , die sie in den Kohlenkasten warf . » Fühlst du nicht , Bub , daß hier Häßliches ist ? « sagte sie verwundert und bekümmert , » roh und dumm ist die Erzählung ! Mach deine Augen auf , Hermannli , wirst sehen , daß die Frauen überall mit ihren Händen schaffen , gleichviel ob die Arbeit angenehm ist oder nicht . Das Schreiberhirn stellt sich dumm , so , als ob es nur faule Weiber gäbe , und derweil sind schon alle Fabriken voll von arbeitenden Frauen . Und in den Familien - « - « Sie vollendete nicht , denn Hermanns gleichgültige verbissene Miene brachte sie aus der Fassung . Er hatte die Hand auf seines Vaters Arm gelegt , - der innere Zusammenhang zwischen diesen beiden ging ihr blitzartig auf . Ein Gefühl , das fast Entsetzen war , drückte ihr auf dem Herzen . » Hermann ! « schrie sie auf , schrill , außer sich , » komm hierher ! höre ! « Georges blickte groß auf , mit zurückgeworfenem Kopfe ; er lehnte sich gegen den Knaben mit der Schulter , als ob er ihn verdecken , schützen wolle . » Er ist wohl auch mein Sohn , oder - könnt ihr gar am End auch das schon ohne uns , ihr Herrscherinnen von heute ? « Sein spöttisches Zischeln ging in Gelächter aus . Josefine schloß wie betäubt die Augen , in ihrem Kopfe sauste und hämmerte das Blut - das - das - ging ja nicht , so ist es ja schlecht ! Man wird sich also jetzt hier streiten , so - streiten , - und sich vergessen wird man , - Dinge sagen , o pfui ! was für Dinge ! Und das schadenfrohe Blinzeln in Hermanns matten Augen , das soll sie - sie ertragen ? Sie zwang sich zu einem lauten Lachen , das sie alle aufschauen machte . » Oh , Hermannli , wie bist du angeführt , « rief sie , » der Vater scherzt , und du verstehst nichts ! Komm , mach , schieb ! hinaus ! es schneit ! der erste heurige Schnee ! frühzeitig , gelt ? Und die Geranien sind noch draußen . Der Schnee bringt sie um . Lauf , Hermannli , spring , die Geranien heraustun ! « Sie verließ mit den Kindern das Zimmer - ohne Hut ging ' s in das schmale Gärtchen , der nasse Schnee kühlte ihre heiße Stirn . Hinter ihr ging der Streit fort - mochte er fortgehen , Bernstein und Helene würden ihre Meinung schon allein verfechten . Der Knabe mußte die Pflanzen aus dem Boden heben , der sich mit leichtem , weißem Anflug bedeckte ; Rösi holte Scherben herbei , füllte sie halb mit Erde , Josefine setzte die Geranien hinein . Sie blühten noch reich , rosa , leuchtend rot und purpurn , die Wurzeln hatten sich tief und weit verbreitet . Der Knabe tat gehorsam , aber mürrisch seine Sache ; als eine Viertelstunde vergangen