ich weiß - ich will ' s aber nicht hören ... nicht heute . « » Wenn Sie es nur wissen , das genügt mir - heute . « Die junge Frau stand auf und ging ans andere Ende des Zimmers bis ans Fenster und lehnte die Stirn an die Scheiben . Eine schwüle Unruhe war über sie gekommen . Dazu eine Mischung von zwei ganz heterogenen Gefühlen , die nebeneinander ihr Sein durchdrangen , obschon sie sich gegenseitig aufheben sollten : - so unglücklich und so selig ... Aber der gefährliche Auftritt sollte nicht verlängert werden ; wieder trat der Diener ein , Besuch anzumelden - die Schwestern Ranegg . Hugo nahm seinen Hut und ging - nicht heute war sein Tag . Nicht heute , aber - - er war nicht die Beute doppelter Gefühle - er war nur selig . XXIII Aus Marthas Tagebuch . Ich habe mir jetzt wieder angewöhnt - wie ich es in meiner Jugendzeit getan - Tagebuch zu schreiben . Nicht regelmäßig , nur wenn etwas mir die Seele bedrückt , hatte ich so Zwiegespräch mit mir selber . Ach , wo sind die Zeiten , da ich Einen hatte , dem ich alles , alles sagen konnte , dem alles zu sagen mir Lust und Bedürfnis war ! Was ich erlebte , ward mir erst zum Erlebnis , wenn ich es mit ihm geteilt hatte . Jede Freude , jede Sorge , jeder Zweifel , jede Hoffnung , jedes Urteil kam mir erst ganz zum Bewußtsein , wenn ich darüber mit ihm gesprochen und seine Meinung darüber erfahren hatte . Mein erster Gedanke war stets : was wird Friedrich dazu sagen ? Ich kannte ihn so gut , daß ich in den meisten Fällen wohl wußte , was er sagen würde - aber ich sehnte mich darnach , es zu hören - und dann erst war mein Erlebnis , meine Stimmung , mein Urteil sanktioniert . Jetzt hab ' ich niemand , dem ich mich so ganz vertrauen kann - als höchstens mich selber . Was ich empfinde , kommt ja doch auch dem am nächsten , was er empfunden hätte - waren wir ja so sehr eins geworden . So beschwöre ich mir seinen Geist herbei , wenn ich diese Blätter fülle ... Unsere Sylvia macht mir Kummer . Ich sehe sie auf einem gleitenden - in einen Abgrund gleitenden Pfad . Und Schwindel - d.h. Liebesleidenschaft - hat sie erfaßt . Mein Gott , ich kenne das nicht ... ich habe wohl auch geliebt , aber so ruhig , so innig , so - gesetzlich , nur den eigenen Gatten , niemals einen anderen , was weiß ich also von den tollen , betäubenden Gluten verbotener Liebe . Ich kann nicht urteilen , darf also auch nicht richten ... Und das Predigen , das ich neulich versuchen wollte , das mißlang gar kläglich . Sie lehnte sich auf . Dabei warf sie mir vor , daß ich ja auch eine Auflehnerin sei und ihr Vater ein Revolutionär gewesen . Ich frage mich : sind nicht alle Stufen der Befreiung von Jammer , Qual und Fesselung durch Auflehnung erreicht worden ? Die ersten Empörer sind freilich oft die Märtyrer ihrer Kühnheit , aber sie sind es , die den Nachkommenden ein Stück - ein dann unbestrittenes Stück Freiheit errungen haben . Mir ist , als hätte Sylvia vor mir einen Vorhang aufgehoben , hinter dem bislang ein ganzes Stück Welt für mich verborgen lag , eine Kette von Dingen , über die ich eigentlich nie recht nachgedacht ... Neulich hatte ich eine kleine Diskussion mit meiner Freundin Ranegg . » Na ja , Du , « sagte sie , » Du denkst da ganz anders , Du bist eben eine moderne Frau . « Großer Gott - wie wenig trifft diese Bezeichnung zu ! Das fühle ich jetzt ganz deutlich . Rokoko bin ich zwar nicht , auch der Metternich-Ära bin ich entwachsen und unter unseren reaktionären kirchen- und militärfrommen Kreisen gebe ich die neuerungskühnste Aufwieglerin ab - aber der wirklichen Modernität gegenüber stehe ich da kopfschüttelnd , auffassungslos . Ästheten , Dekadenten - Übermensch - the new woman ... Ich sehe wohl , daß eine ganz neue Geschmacksflora ( in der sich auch eine absonderliche Typenfauna zu regen beginnt ) um mich her aufsprießt - eine Kunst , neuer Stil , neue Sensationen - aber verstehen , mich damit identifizieren , das will nicht gehen . Wenigstens nicht so schnell . Ich versuche es ja , denn mein Entwicklungsglaube schützt mich vor dem bei alten Leuten gebräuchlichen Widerstand gegen das Neue ; daß aber alles Neue auch das Bessere sein müsse - wie so viele junge Leute meinen - vor diesem Glauben schützt mich die Erkenntnis , daß so manches , was da auftaucht , nur vergängliche Mode oder krankhafte Entartung ist . Oder auch eine Übergangsform , aus der - - So weit hatte Martha geschrieben , als sie mit der Meldung unterbrochen wurde , Graf Delnitzky frage , ob die Frau Baronin ihn empfangen könne . Martha bejahte , unangenehm überrascht . Toni hatte nicht die Gewohnheit , seiner Schwiegermutter ohne Anlaß Besuche zu machen und unter den obwaltenden Umständen war der Anlaß vermutlich ein unerfreulicher . Und richtig . » Ich bin gekommen , « sagte er nach der ersten Begrüßung und nachdem er sich gesetzt , » um in einer recht peinlichen Angelegenheit - « Er stockte . Martha kam ihm nicht zu Hilfe . Sie blickte nur fragend auf . » Sylvia wird Dir ja neulich gesagt haben , « hub er wieder an , » was es zwischen uns für eine Auseinandersetzung gegeben ... Ich möchte wissen , was sie Dir erzählt hat und was Du ausgerichtet hast ... Du bist doch gewiß auch dafür , daß dieser Sache mit dem Herrn Theaterdichter ein Ende gemacht werden soll - « » Welcher Sache ? « » Ach , tu ' doch nicht so ... Weißt Du denn nicht , daß die Leute schon reden - ? « » Die Leute reden mancherlei . Auch über Dich . « » Das hat mir Sylvia auch geantwortet - als ob es dasselbe wäre , was man von einem Mann erzählt , oder von einer Frau . Das ist doch ein gewaltiger Unterschied ... « » Die Ungerechtigkeit dieses Unterschieds fängt mir zu dämmern an . « » Es ist schon so . « » Ja , mit diesem Satz glaubt man allen Widerspruch abzuschneiden ... ich hab ' ihn auch angewendet . Aber man sollte eher sagen : es ist noch so . Doch , es wird nicht so bleiben . Der Anspruch der Frau auf die Treue ihres Gatten wird - « » Was ? « unterbrach Delnitzky , » auch Du ? - Du nimmst Dich um die Ansprüche der Frauen an ? - Bist Du unter die Frauenrechtlerinnen gegangen ? Von der Seite kenne ich Dich gar nicht ... Hast Dich , Gott sei Dank , dieser sogenannten Bewegung immer ferngehalten . « » Weil man nicht überall mittun und mitsprechen kann . Du weißt , daß eine andere sogenannte Bewegung mir Herz und Sinn ausfüllt . « » Na ja , die ist aber - weil ganz aussichtslos - auch harmlos , während die verflixte Frauenfrage schon ganz bedenkliche Dimensionen annimmt - neulich haben sie sogar schon einen weiblichen Doktor promoviert . Aber das hat ja im Grunde nichts damit zu tun , was ich mit Dir besprechen wollte , Mama . « » Und was war das ? « » Einfach dies : Du mußt mir helfen , den Bresser aus Sylvias Nähe zu verbannen . « Martha machte eine Bewegung . » Du brauchst nicht zu erschrecken , « fuhr er fort , » ich glaube ja gar nicht , daß sie in den Menschen verliebt ist , aber er schwärmt für sie und , wie gesagt : die Leute munkeln - und das kann ich nicht zugeben . « » Und wie , wenn sie ihn liebte ? « » Aber Mama - um Gotteswillen ... ! « » Hast Du ihr denn geboten , was eines jungen Weibes Anspruch an das Leben ist ? - Hast Du ihr Liebe gegeben ? Und Treue gewahrt ? ... Toni , ich habe nie über diese Dinge mit Dir gesprochen , weil ich finde , daß eine Schwiegermutter sich solcher Einmengung enthalten soll , aber heute warst Du es , der den Gegenstand - Euer eheliches Verhältnis - zur Sprache gebracht hat , und da kann ich mich nicht enthalten , Dir zu sagen : wenn dieses Verhältnis zerstört und bedroht ist , so liegt die Schuld an Dir . « Delnitzky sprang auf : » Ich sehe schon , an Dir habe ich keine Stütze ... Ich werd ' mit dem sauberen Herrn allein fertig werden müssen . Es wird mir doch nicht schwer fallen , ihn beim Rockkragen zur Tür hinauszuexpedieren . « » Mäßige Dich doch ! Gerade auf diese Weise würdest Du den Eklat herbeiführen , den Du zu fürchten scheinst . « » Was soll ich also tun ? Zuschauen , wie meine Frau einen Liebhaber - « » Schweig ' ! So zu sprechen hast Du kein Recht . Für Sylvias Reinheit stehe ich ein . Aber sie sollte nicht länger zuschauen , daß Du Deine Geliebte , diese - « » Willst Du etwas Beleidigendes sagen ? « unterbrach Delnitzky , » vielleicht weil sie beim Theater ist ? « » O nein , aber weil sie das Eigentum einer anderen entwendet hat . « » Damit meinst Du mich ? Glaub ' mir , auf dieses Eigentum hat Deine Tochter nie viel Wert gelegt . Du weißt gar nicht , wie kalt und abstoßend sie mit mir war - gleich nach unserer Hochzeitsreise . Wir passen nicht zusammen . « » So gehet denn auseinander ... « » Scheidung ? Wir leben in einem katholischen Land ... Freilich , man könnte ungarischer Staatsbürger werden ... « » Die Idee scheint Dir nicht zu mißfallen ? « » Ach Gott , es sind da tausend Schwierigkeiten und ich hasse Schwierigkeiten ... Du willst also nichts tun , um Sylvia auf den Pfad der Pflicht zu lenken ? « » Auf den von Dir verlassenen ? Ich will überhaupt nichts tun , Anton - weder für , noch gegen Dich . Wenn Sylvia meinen Rat erbittet , so werde ich ihn erteilen und sicher in der Richtung , in der ich ihre Ruhe und ihre Ehre gesichert sähe ... aber ungebeten werde ich mich nicht als Sittenpredigerin aufdrängen . Sie ist der mütterlichen Autorität entwachsen . Ich bin ihre Freundin - mehr nicht . « » Meine Freundin bist Du nicht - « » In aller Aufrichtigkeit : nein . Du hast mein Kind nicht glücklich gemacht ... Du betrügst sie vor aller Welt - wie soll sie Dir da liebevoll zugetan sein ? « » Es ist ja auch nicht nötig , daß Du meinetwegen einschreitest , sondern ihr zu nutz und frommen . Wenn sie sich kompromittiert , so wird es ihr Schaden - und wenn sie sich vergeht , ihr Unglück sein . Denn ich lasse mir nichts gefallen . Mein Name darf nicht in den Schlamm gezerrt werden . « Er war dunkelrot im Gesicht und die Stirnadern waren angeschwollen . Martha empfand etwas wie Furcht : dieser Mann wäre imstande , ihrer Sylvia ein Leid zuzufügen . Die vorhin angeregte Idee einer Scheidung nahm die Form eines Wunsches an . Freilich , kein schönes Los , eine geschiedene Frau zu sein . Aber wenn es gilt , einer Gefahr zu entrinnen , so kann man nicht erst fragen , ob der Fluchtpfad in eine liebliche Gegend mündet . » Ich hätte mir den Besuch bei Dir ersparen können , « fuhr Delnitzky im selben zornigen Tone fort . » Auf den Einfluß , den Du auf Deine Kinder übst , brauchst Du Dir wirklich nicht viel einzubilden . Über den Rudi und sein Gebaren wird ja genug gespottet und geschimpft . Daß es geheißen hat , er würde aus der Reserve fortgejagt , hast Du wohl erfahren ? « Martha warf den Kopf zurück . » Du versuchst , mir weh zu tun . Was zwischen Rudolf und dem Kriegsminister vorgefallen , weiß ich - ich besitze meines Sohnes volles Vertrauen und ich vertraue auch ihm . Was er tun wird , wird recht getan sein . Das Gebiet seiner Pflichten liegt höher als Du weißt . « » Verrückt ist er einfach - und Ihr alle miteinander . « Sie stand auf : » Anton , ich ersuche Dich , mich zu verlassen . Du hast kein Recht , in meinem Hause mich und meine Kinder zu insultieren . « Sie sagte es mit ruhiger und gar nicht erhobener Stimme , doch war sie kreidebleich geworden . » Oh , ich gehe ja ohnehin , « antwortete der Schwiegersohn . Und ohne zu grüßen eilte er zur Türe hinaus und schlug diese heftig hinter sich zu . XXIV Sylvia saß in einer Parkettloge des Burgtheaters - allein . Sie hielt den Zettel in der Hand . Zum ersten Male : Der tote Stern . Märchenspiel in 4 Aufzügen von Hugo Bresser . Am selben Morgen hatte sie eine Sendung des Dichters aus Dresden erhalten , wohin er sich begeben hatte , um der Generalprobe seines Stückes beizuwohnen . das dort gleichzeitig mit Wien aufgeführt werden sollte . Doch war ihm die Burgtheater-Première die wichtigere und mit dem Sechsuhrzuge wollte er heute hier eintreffen . In jener Sendung war die Sammlung der Gedichte » An sie « enthalten . » Ich wollte Ihnen diese Lieder erst schicken , « schrieb er dazu , » bis ich zu Weltruhm gelangt wäre , damit die Huldigung Ihrer würdiger sei . Doch nein - so lange will ich nicht warten - wer weiß , ob ich je zu Weltruhm gelange ... Und nicht die Außenwelt - Sie habe ich mir zum Richter eingesetzt . Was ich in den Augen jener bin , die ich besinge - das entscheidet . Und diese könnte mich nicht ganz beurteilen , wenn sie von meinen Dichtungen nicht kennte , was meiner innersten Seele entrungen , was mit meinem Herzblut geschrieben ist - was ich schreiben mußte . « Mehrere Stunden des Tags hatte Sylvia mit lesen und wieder lesen der zwanzig Gedichte zugebracht , und sie stand von dieser Lektüre auf , so leidenschaftlich aufgewühlt und süß erschöpft , als wäre diese Stunden über der Dichter selber zu ihren Füßen gelegen . So geliebt zu sein , so anbetungsvoll , so schmerzlich , so zärtlich und heiß - das hätte sie sich niemals träumen lassen . Das Theater war noch leer - es fehlten beinahe zwanzig Minuten bis zur angesetzten Anfangszeit . Sylvia hätte um alles in der Welt nicht das erste Aufziehen des Vorhangs , das erste Stimmen der Orchesterinstrumente versäumen wollen . Daß dieser Theaterabend zu den wichtigsten , angst- und doch zugleich genußreichsten ihres Lebens gehören würde , fühlte sie , und so wollte sie ihn ganz und gar ausnützen , auch die Vorstimmung kosten - auf dem Kampfplatze selber . Nie noch im Leben - selbst an ihrem Hochzeitstage nicht - war sie so erregt gewesen , wie an diesem Abend . So muß einst den Rittersfrauen zu Mute gewesen sein , die von ihrer Galerie auf den Tournierplatz herabsahen , wo der von ihnen still und heiß Geliebte entweder siegen oder in den Staub fallen sollte ... Ein Viertel vor sieben . Das Publikum fängt an , die letzten Parkettreihen und die höchste Galerie zu füllen . Noch ein paar Minuten und die Musikanten kommen zum Orchestertürchen herein und setzen sich an ihre Pulte . Die Logen sind noch leer . Sylvia späht nach der Direktionsloge ... wo mag Hugo sein ? Man sieht ihn nicht ... vermutlich hinter dem Vorhang ... wenn es ihm nur einfiele , jetzt auf einen Augenblick zu ihr zu kommen - mit einem Händedruck hätte sie ihm Mut machen wollen und selber ermutigt werden - sie hatte vielleicht größere Angst als er ... Fünf Minuten vor sieben . Jetzt füllt sich das Parkett , auch in den ersten Reihen und in den Logen beginnt es , sich zu regen . Die Galerien sind bis auf den letzten Platz gefüllt und im Stehparterre sind die Zuschauer dicht gedrängt . Punkt sieben . Der Kapellmeister gibt das Zeichen und das Orchester setzt ein . Zwei Erzherzöge nehmen am Rand der Inkognitologe Platz und in der Kammerherrenloge zeigen sich ein halb Dutzend uniformierte Herren und Hofdamen . Erwartungsvolle Spannung scheint über dem ganzen Haus zu schweben - Premièrenstimmung . Der Vorhang rollt auf . Sylvias Herz pocht und sie atmet schwer . Den ersten Akt kennt sie ja , hat sie ihn doch selber vorgelesen ; sie weiß noch , wie entzückt sie von der Schönheit der Sprache gewesen - aber würde das , hier auf der Bühne , so zur Geltung kommen ? Von der ersten Szene , durch drei oder vier Minuten verstand sie kein Wort . War es , weil ihr das Blut im Kopfe tobte , oder weil man immer erst eine Zeitlang an die Stimmen , die von der Bühne dringen , sich gewöhnen muß , bis man die Worte auffaßt und bis man sich überhaupt den Vorgängen dort gefangen gibt ? Und die Leute da herum , die gleichgültigen Leute , und die nörgelnden Rezensenten , diese ganze , einem Neuling gegenüber instinktiv widerstrebende Menge - wann wird es dem Dichter gelingen , die mitzureißen , wenn sogar sie , seine glühendste Bewunderin noch dasaß , verständnislos , unaufgetaut ? ... Aber es währte nicht lange und die Reden und Gegenreden der Schauspieler drangen deutlich und lebendig ins Haus . Sylvia erkannte einige der Verse , die ihr bei jener ersten Lektüre aufgefallen waren , und sie hatte die Genugtuung , daß Stellen , deren Schönheit sie frappierte , auch vom Publikum aufgefaßt zu werden schienen . Nicht etwa durch laute Bravos bekundete sich das , denn damit halten die kritischen Zuschauer in den Eingangsszenen einer Erstaufführung zurück ; es ist nur wie ein kaum hörbares Aufseufzen - vielleicht ist es nicht einmal ein Laut , sondern nur ein Zucken jenes elektrischen Rapports , der eine versammelte Menge den gleichzeitig erweckten Beifall empfinden läßt . Mit beruhigtem , immer sicherer werdenden Genuß gibt sich Sylvia jetzt dem Bühnenspiel gefangen . Zu der Süßigkeit der Versmelodien , zu der Pracht der hinwogenden Rede , die sie schon beim Lesen so entzückt hatte , war nun auch der Zauber dargestellten Lebens hinzugekommen . Die Träger der Hauptrollen Fritz Krastel und Stella Hohenfels - waren die verkörperte Poesie . Das eigentümliche Silbergeriesel des Hohenfelsschen unvergleichlichen Organs verlieh den Versen neben ihrem gedanklichen Wert noch den sinnlichen Reiz des Klanges . Und dazu : was es zu schauen gab ! Das Stück war ein Märchenspiel , also waren der Phantasie des Dichters keine Grenzen gesetzt . In verschwenderischer Üppigkeit boten die vorgeführten Bilder , was ein Maler nur erträumen kann - an Farbenglut und Formenpracht . Nach der ersten Verwandlung war der Schauplatz ein Zaubergarten . Eine Fee , eine wirkliche Fee , hatte der Regie geholfen ein Bild zu schaffen , das für das Auge ein Rausch war - die Fee Elektrizität . Mit ihren unwahrscheinlichen Leuchteffekten , ihren violetten , blauen und rosa Feuern , mit ihren Silberlichtern und Goldgluten und Lavaflammen , tauchte sie die Gestalten und Dekorationen in immer neue und magische Glanzwogen ; eine Flora , wie sie noch kein irdisches Auge gesehen , wucherte in diesem » Garten des Glücks « , in dessen Hintergrund ein diamantener Tempel ragte . Die Lust des Schauens beeinträchtigte aber nicht die Lust des Hörens , denn die Dichtung erlahmte keinen Augenblick . Auch da glitzerte es von Witz und strahlte in Pathos . Als der Vorhang fiel , brach das Haus in lauten Beifall aus . » Bresser , Bresser ! « rief man von mehreren Seiten . Aber Bresser erschien nicht . In seinem Namen dankte der Regisseur Sollte er den Zug versäumt haben , oder verschmähte er es , sich zu zeigen ? Sylvia empfand es als eine Erleichterung , daß er dem Hervorruf nicht gefolgt war . Die Schöpfung war dem Publikum preisgegeben , zu Beifall oder Tadel - nicht der Schöpfer . Nur sein Geist schwebt über dem Werke , nicht seine Person hat sich davor zu stellen . Wie kommt er dazu , sich vor jenen zu verbeugen , die er beschenkt hat , warum soll er dafür danken , daß sie ihm dankbar sind ? Aus diesen Gedanken wurde Sylvia durch Hugos Vater gerissen , der in die Loge trat . Sie reichte ihm die Hand : » Ich wünsche Ihnen Glück , « sagte sie - » es ist ein Erfolg . « » Das kann man noch nicht wissen , « antwortete der alte Herr . » Der erste Akt ist gut ... aber ein Erfolg entscheidet sich erst am Schluß ... Warum ist die Baronin Tilling nicht gekommen ? « » Mama ist unwohl - sonst wäre sie schon hier ... sie hatte sich schon lebhaft auf diese Vorstellung gefreut . « » Und Ihr Gatte ? « » Ist heute in der Oper . « » Ah - ja . « Ein Ausdruck des Ärgers huschte über Doktor Bressers Gesicht . » Ihr Sohn sollte heute aus Dresden zurückkommen und nun - « » Er ist zurückgekommen und er ist im Theater - ganz im Hintergrund der Direktionsloge verborgen . Er will sich nicht zeigen . « Die Direktionsloge lag der ihrigen schräg gegenüber , also konnte er sie sehen - der Gedanke berührte sie angenehm . Und daß er , wie sie es vorausgesetzt , es vorzog , sich dem Applaus zu entziehen - in Bescheidenheit und zugleich in Stolz - das war ihr auch eine Genugtuung . » Sie müssen doch große Freude an Ihrem Sohn haben , Doktor Bresser . « » Mein Gott , wenn ich ihn glücklich wüßte ... aber das Dichterhandwerk scheint ihn stark herzunehmen - er ist oft von einer Schwermut ... als ob die Liebe zu den Musen eine unglückliche Liebe wäre . « Sylvia wußte wohl , wer seinen Liebesgram verschuldete . Jene Schwermut war in einige der zwanzig Sonette gelegt , die sie heute zum erstenmal gelesen , von denen sie aber schon manche Strophe auswendig wußte . Zum zweiten Male hebt sich der Vorhang . Jetzt war Sylvia gespannter wie zuvor , denn was nun folgen sollte , war ihr neu . Immer hatte Bresser sich geweigert , ihr mitzuteilen , was die übrigen Akte enthielten ; und zwar aus dem Grunde , damit sie einst ganz unbefangen beurteilen könne , wie die Dichtung von der Bühne herab wirke . Sie hatte das Gefühl , als sollte nun das Stück ihr allein vorgespielt werden ; die anderen waren nur so nebenher zugelassen - als Richterin war nur sie berufen . Ob ihr » der tote Stern « gefallen werde , ob sie gespannt , gerührt , erhoben , befriedigt sein würde , das war die Frage , die den in der Loge drüben verborgenen Verfasser ganz erfüllte - das wußte sie Der zweite Akt spielte im » Garten des Schmerzes « . So hell und lieblich die Bilder des ersten Aufzugs gewesen , so düster und erschütternd waren die Vorgänge , die sich jetzt abspielten . Die Sprache hielt sich auf gleicher Höhe , und in dramatischer Steigerung bewegte sich die Handlung weiter . Als der Vorhang zum zweitenmal fiel , erhob sich wieder lauter , langanhaltender Beifall . Hätte sich aber auch keine Hand im Saale gerührt , Sylvia hätte doch gewußt , daß dieser zweite Akt vollendet schön war . Daß aber die Bewunderung der Menge dem geliebten Manne zuflog , erfüllte sie mit stolzem Hochgefühl . Ja , sie war stolz auf ihn und - wenn sie an die Widmung seiner zwanzig Lieder dachte - stolz auf sich . Ein bisher ganz unbekanntes Glücksgefühl durchströmte sie . Der Theatersaal war wie in einen Festsaal verwandelt und sie fühlte sich als des Festes heimliche Königin . Sie blickte im Hause umher . Nur wenige ihrer Bekannten waren da . Noch waren viele Mitglieder des Hochadels auf ihren Besitzungen - man schrieb Dezember - und das Interesse für literarische Ereignisse ist in diesen Kreisen überhaupt kein so reges , als daß man vom Lande herfahren würde , um der Aufführung eines neuen Stückes , von einem neuen Autor noch dazu , beizuwohnen . Ja , wenn es » theâtre paré « gewesen wäre , zu Ehren irgend einer fremden Fürstlichkeit - das wäre etwas anderes . Dazu kommt man schon hergereist ; es ist aber auch gar zu schön : die vielen Uniformen im Parkett , die Toiletten und der Schmuck in den Logen und dann am folgenden Tag in allen Blättern die Liste der Anwesenden , bei der kein glänzender Name , keine offizielle Persönlichkeit fehlt . Da soll man doch dabei gewesen sein ; aber so ein modernes Theaterstück , da muß man erst abwarten , was die Bekannten dazu sagen , und ob man überhaupt die Komtessen hineinführen kann ... Sylvia richtete ihr Glas von Loge zu Loge . Endlich traf sie auf ein paar bekannte Gesichter : Gräfin Ranegg mit ihren Töchtern Cajetane und Christine und bei ihnen - Kolnos . Dieser schaute eben herüber und erkannte sie . Er stand auf und verabschiedete sich - offenbar wollte er zu ihr kommen . Eine Minute später trat er auch schon in ihre Loge ein . » Ganz allein , Gräfin Sylvia ? Und Ihre Mutter ? « » Sie ist nicht ganz wohl . « » Doch nichts Bedeutendes ? « » Nein , eine leichte Erkältung . Was sagen Sie , Graf Kolnos , ist ' s nicht wunderschön ? « » Ja - er läßt sich sehr gut an . Wer hätte das hinter dem kleinen Bresser gesucht ? ... Ich sehe ihn nämlich immer noch als kleinen Buben vor mir . « » Was sagen die anderen ? Wie urteilt die Ranegg ? « » Sie hat nichts über das Stück gesprochen . « » Aber Sie haben doch schon Urteile aufgefangen ? Der Beifall ist ja groß - sind die Leute nicht entzückt ? « » Sind Sie es , liebe Sylvia ? « » Ja . « » Für die anderen ist der Ausdruck zu stark . Entzückt über eine Dichtung - das kommt bei uns nicht vor . Man schwärmt für einzelne Künstler in gewissen Rollen - das Stück ist Nebensache . Bewunderung kehrt man höchstens für die Klassiker hervor , da ist man auf sicherem Boden ... den neuen , noch lebenden Autoren gegenüber ist man voller Mißtrauen . « » Gehören Sie auch zu diesen man ? « » Einigermaßen . Ich begeistere mich auch nicht so leicht ; ich müßte das Werk erst lesen - es sind so viele äußere Effekte darin , welche blenden ... beinah wie in einem Ballett . « » Und ist es nicht auch dichterische Kunst , wenn man mit Bildern , mit aus höchstem Phantasiereichtum geschöpften Bildern die Zuschauer in bezauberte Stimmung versetzt ? ... « » Eigentlich ja - aber warten wir erst das Ende ab . « » Das Ende wird ebenso schön wie der Anfang - das fühle ich zuversichtlich - Hugo Bresser ist ein großer Dichter - « » Sylvia , wissen Sie , daß die Leute sagen , daß Hugo Bresser Ihnen nicht gleichgültig ist ? - Oh , erröten Sie nicht und entrüsten Sie sich nicht - ich bin der Letzte , der daran Anstoß nähme , wenn es wahr wäre . Nur finde ich , daß es die Leute nichts angeht , daß sie ' s nicht zu merken brauchten ... « » Noch nie war mir dieser Sammelbegriff gleichgültiger als heute . « » Welcher Sammelbegriff ? « » Das , was Sie Leute nannten - Leute , die so freundlich sind , mir ins Herz schauen zu wollen . « » Mein Gott - man muß doch etwas zu reden haben . Besonders so lang etwas nur vermutet , nur gewittert wird - ist ' s interessant ; weiß man es einmal , so schweigt man einverständlich dazu . Daß die Gräfin X. ein Verhältnis mit dem Opernkapellmeister hat ; daß Fürst Ypsilon schon seit Jahren der begünstigte Hausfreund der Baronin Z. ist : das sind alles so landläufige Kenntnisse , über die man kein Wort mehr verliert ; höchstens konstatiert man es - aber nicht in medisantem Ton - nur um zu zeigen , daß man auf dem Laufenden ist ... Jetzt verlasse ich Sie , liebe Sylvia , der dritte Akt beginnt . « Mit dem Aufrollen des Vorhangs war Sylvia wieder in die Zauberwelt versetzt - ein befreiender Gegensatz zu dem Stückchen wirklicher Welt , das sich in Kolnos ' satyrischem Berichte gespiegelt hatte . Der dritte und letzte Akt überflügelten noch die zwei ersten an dramatischen Effekten und an poetischer Kraft . Zum Schluß erhob sich ein wahrer Beifallssturm . Es war ein ganzer , ein großer Erfolg . Sylvia ließ sich im Logensalon auf das kleine Sofa fallen und mit geschlossenen Augen und zurückgelehntem Kopfe saß sie da . Sie fühlte sich so erschüttert , so berauscht , daß sie um alles in der Welt jetzt nicht da hinausgehen wollte , in das Gedränge der Korridore und Treppen , wo sie riskierte , von Bekannten angesprochen zu werden , die , als wäre nichts geschehen , sie mit einem nüchternen » Guten Abend « angesprochen hätten und dazu :