mir auf meine Frage , daß er von einem inneren Frost geschüttelt werde , und bat mich wieder um Chinin . Ich hielt es für geraten , ihm dieses Mittel jetzt vorzuenthalten und schlug ihm eine Wiederholung unseres Wettrennens vor . Sofort richtete er sich munter im Sattel auf und sagte : » Ich bin mit Freuden einverstanden , Sihdi . Aber ich mache eine Bedingung . « » Welche ? « » Daß wir die Pferde wechseln ! « Welch ein kleiner Schlaumüller ! Ich erklärte mich selbstverständlich bereit dazu und gab ihm meinen Assil , während ich seinen Barkh bekam . Am liebsten hätten wir auf diesem Ritte den Weg eingeschlagen , den wir überhaupt zu nehmen hatten , wären da aber zu Fragen an den Scheik gezwungen gewesen , der mit uns schmollte . Wir beschlossen also , eine andere Richtung zu nehmen , und zwar rund um einen Berg , welcher zur Linken vor uns lag . Wir mußten , wenn wir ihn umritten hatten , wieder auf die Dinarun , und wenn nicht auf sie selbst , so doch auf ihre Spuren stoßen . Wir riefen also Nafar Ben Schuri zu , was wir beabsichtigten , und wollten schon die Pferde antreiben , da antwortete er : » Bleibt doch hier ! Dort , jenseits des von euch erwähnten Berges , liegt ja der Kreuzungspunkt , auf welchem meine Krieger auf uns warten . « » Das ist für uns kein Grund , uns in eure Langsamkeit zu fügen . Ihr kennt ja nun die Schnelligkeit unserer Pferde . Wahrscheinlich sind wir eher dort als ihr . « » Aber ihr kommt gewiß ? « » Ja . « » Schwöre es mir ! « » Was fällt dir ein ! Einen Schwur giebt es selbst für viel wichtigere Dinge bei uns nicht . Du hast mein Wort , und das muß dir genügen ! « Nun ritten wir fort , aber zunächst langsam , denn Halef hatte eine Mitteilung auf seinem Herzen : » Er ist mißtrauisch , Sihdi . « » Und beleidigend , « fügte ich hinzu . » Ja , es war eine Beleidigung , einen Schwur zu verlangen . Wir müssen ihm von großem Werte sein . « » Das scheint freilich so ! « » Hast du eine Ahnung , warum ? « » Ja . « » Welche ? « » Es ist eben nur eine Ahnung , das heißt , etwas Unklares . Von Wert sind wir ihm als Helfer gegen die Dschamikun . Er weiß , daß er sich auf unsere Erfahrung und auf unsere Fertigkeit im Schießen mehr verlassen kann , als auf sich selbst und alle seine Leute . Das hat er uns ja schon gesagt , ohne es eigentlich sagen zu wollen . Aber diese Betrachtung genügt mir nicht , verschiedenes zu erklären , was mir aufgefallen ist . « » Was ? « » Er trachtet so auffallend und eifrig darnach , die Geheimnisse unserer Waffen und unserer Pferde kennen zu lernen . Warum ? Diese Geheimnisse haben doch nur für den Besitzer Wert . Hat er etwa die Absicht , unser Eigentum an sich zu reißen ! « » Sihdi ! « rief Halef überrascht . » Ist er etwa unser Feind , der nach den Pferden und Gewehren trachtet , die ihm aber ohne vorherige Aufklärung unnütz sind ? Und giebt er nur deshalb vor , unser Freund zu sein , weil er auf diesem Wege die Geheimnisse zu erfahren hofft ? Wird er dann , sobald er sie kennt , uns sein richtiges Gesicht zeigen - - das Gesicht eines Räubers und Mörders ? « » Sihdi ! Kann ein Mensch von so bodenloser Schlechtigkeit sein ? « » Das fragst du und hast doch schon solche Menschen kennen gelernt ! « » Wie thöricht wäre ich gewesen , wenn du recht hättest ! « » Tröste dich ! Auch ich habe keineswegs klug gehandelt . Wir haben die größte Vorsicht zu beobachten . Das ist um so schlimmer für uns , als wir von der Krankheit jeden Augenblick niedergeworfen werden können . « » Du , Sihdi , die Krankheit ist nun bei mir Nebensache ! Seit du deine Befürchtung ausgesprochen hast , giebt es für mich nicht eher Zeit , krank zu sein , als bis wir wissen , woran wir mit diesem Nafar Ben Schuri sind . Ist jetzt noch etwas zu besprechen ? « » Nein . « » So wollen wir beginnen . Zu gleicher Zeit . Paß auf ! Eins - - zwei - - - drei ! « Bei » drei ! « begann die Jagd nach der Ehre , welche , wie ich wollte , dem Scheik der Haddedihn zufallen sollte . Leider sollte sie ihm nicht vergönnt sein , aber auch mir nicht . Es wurde eine ganz andere Jagd daraus . Wir hatten uns von den Dinarun auf einem Plateau getrennt , von welchem wir hinunterritten , um an den Fuß des Berges zu gelangen , den wir halb umkreisen mußten . Unten angekommen , sahen wir , daß sich das Terrain zunächst so sehr verengte , daß wir gezwungen waren , langsam zu reiten . Wir hatten uns vorsichtig durch ein fast unzugängliches Felsengewirr zu winden , wo es aber doch Spuren davon gab , daß zuweilen Menschen hier vorüberzukommen pflegten . Diese Enge trat dann mit einem Male weit auseinander , um sich in das Thal zu öffnen , dem wir rund um den Berg zu folgen hatten . Grad als wir aus ihr hervor wollten , tauchten kaum zwanzig Schritte entfernt zwei Reiter vor uns auf , welche da hineintrachteten , wo wir herauskamen . Und wer waren sie ? Sallab , der Fakir ! Er ritt eine braune Stute , die sichtlich ein Pferd allererster Rasse war , jedenfalls » Sahm « , dem Ustad angehörig . Sein Begleiter , ein jüngerer Mann , sichtlich auch ein Fakir und ebenso unbewaffnet wie Sallab , saß auf einem dunkeln , halbedlen Hengste . Beide erschraken , als sie uns erblickten . » Die Dschamikun ! « rief Sallab aus . » Nein , nur wir ! « antwortete ich . » Ihr beide allein ? « » Ja . « » Das glaube euch der Scheitan ! Komm ! Zurück , zurück ! « Er wendete sein Pferd und jagte fort . Der andere folgte ihm . » Sihdi , was ist - - - « rief Halef . » Still ! Kein unnützes Wort ! « unterbrach ich ihn . » Diese beiden Fukara58 sind die Schlüssel zum Rätsel , welches zu lösen ist . Wir müssen sie unbedingt haben ! « » Auch mit Gewalt ? « » Ja , wenn sie sich wehren ! Nimm du den andern ; ich fasse Sallab . Aber seine Stute ist pfeilschnell . Gieb mir meinen Assil ! Jeder sein Pferd , welches er kennt . Rasch , rasch ! « Wir sprangen ab und wechselten die Tiere . Dann ging es vorwärts , hinter den Fliehenden her . » Nimm dich in acht ! « rief ich Halef noch zu . » Sie könnten doch verborgene Waffen bei sich führen ! « » Keine Sorge , Sihdi ! Hamdulillah ! Endlich , endlich einmal eine Hetze , eine wirkliche , wahrhafte Hetze ! Wohlan ! Jallah , jallah , jallah ! « Das Umtauschen unserer Pferde hatte keine Minute in Anspruch genommen , dennoch waren die Fukara schon weit von uns entfernt ; Sallab ritt voran . Wie die Sache lag , durfte ich mich auf keine lange Jagd einlassen . Da der Kreuzungspunkt jenseits des Berges lag , konnten die Dschamikun in der Nähe sein . Wir mußten die Flüchtlinge also so bald wie möglich fassen . » Assil - - Assil ! Ramchchchchch , ramchchchchch ! « Das war die Aufforderung zum schnellsten Galopp . Ich streichelte ihm den Hals . Er flog . Die Vorderhufe berührten noch den Boden , so griffen die hinteren schon vor . Es war eine Lust , dieses Gefühl , als ob man nur den freischwebenden Sattel und gar kein sich bewegendes Tier unter sich habe ! Ich kam den beiden Fukara schnell näher . Da sah Sallab sich um . Ich hörte , daß er einen Schrei ausstieß . Er trieb sein Pferd an ; es vergrößerte die bisherige Schnelligkeit . Der andere schlug auf das seine ein , blieb aber zurück . Nach kurzer Zeit hatte ich ihn erreicht . Indem ich an ihm vorüberflog , that ich das so nahe , daß ich ihn erreichen konnte . Er saß halb nach vorn gebeugt . Ich stieß ihm die Faust in die Seite . Die Kraft meines Stoßes wurde durch Assils ungemeine Schnelligkeit verdoppelt . Der Fakir flog aus dem Sattel , und hinter mir erscholl die Stimme Halefs : » Ich ergreife ihn ! Ich halte ihn ! Ich bringe ihn Schau nur noch nach dem andern , Sihdi ! « Ich sah gar nicht nach dem Hadschi zurück , denn ich wußte ja , daß er thun werde , was ich erwartete . Aber Sallab schaute sich wieder um , und da er mich in solcher Nähe hinter sich sah , mußte er erkennen , daß ich ihn in einer Minute eingeholt haben werde . Ich behielt ihn scharf im Auge und sah , daß er dreimal mit beiden Händen auf beide Halsseiten seines Pferdes schlug und dabei ein Wort ausrief , welches ich nicht verstehen konnte . Sollte dies das Geheimnis der Stute sein ? War dieser Fakir ein solcher Freund und Vertrauter des Ustad , daß dieser es ihm mitgeteilt hatte ? Meine Frage wurde sofort beantwortet : Die Stute lief nicht mehr , sondern sie raste ! Es war das Geheimnis gewesen . Kaum hatte er es gegeben , so war seine Entfernung von mir schon verdoppelt . Ich mußte also auch das meinige anwenden . Indem ich mich weit vorbog , legte ich Assil die Hand zwischen die Ohren und sagte dreimal seinen Namen . Dieses Zeichen war gewählt worden , weil es sehr schwer auszuführen ist . Nur ein Reiter , welcher eines arabischen Renners würdig ist , wird es fertig bringen , im schärfsten Galoppe die Ohren seines Pferdes mit der Hand zu erreichen . Die Wirkung war eine großartige . Zunächst schien es für einen Moment , als ob Assil haltenbleiben wolle . Es ging wie ein Zittern durch seinen ganzen Körper . Dann ließ er ein tiefes , schnaubendes Stöhnen hören , ein Stöhnen dankbarer Willensfreudigkeit . Und aber nun - - - nun kam es mir vor , als ob die Beine nicht mehr zu sehen seien , so unglaublich schnell bewegten sie sich . Die Büsche und Bäume flogen förmlich an mir vorüber . Der Boden des Thales kam wie auf einer sich drehenden Walze auf mich zugeflossen , um hinter mir zu verschwinden . Die stehende Luft des Thales wurde in blasenden Wind verwandelt . Meine Bewegung glich nicht mehr einem Ritte , sondern einem horizontalen Fallen . Ich konnte nicht anders : ich jauchzte auf , worauf Assil schnaubend frohe Antwort gab . Das war ein ganz anderes Wettreiten , als ich mit Halef beabsichtigt hatte ! Die berühmte , pfeilschnelle Stute des Ustad und das beste Blut der Haddedihn im Kampfe gegen einander ! Nicht im Scherz , sondern im Ernste ! Beide mit geöffneten Geheimnissen und sich anstrengend , ihr Bestes , ihr Alles herzugeben ! Wer wird siegen ? Diese Frage blieb mir höchstens eine Viertelminute lang eine Frage . Sie verwandelte sich in die Antwort , als ich sah , daß das Geheimnis die Stute aufgeregt hatte . Das Spiel ihrer Glieder war von wunderbarer Leichtigkeit , aber nicht regelmäßig . Sie zeigte bald die rechte , bald die linke Flanke . Bald sah ich ihren Kopf auf dieser , bald auf jener Seite . Schon nach kurzer Zeit kam es mir vor , als ob sie sich nicht immer gleich , sondern in bemerkbaren Pulsen vorwärts bewege . Wahrscheinlich hatte man sie seit langem nicht mehr geübt , im Geheimnisse zu rennen , und darum wurde ihr nun jetzt die Lunge kurz und schwer . Dazu kam , daß der Reiter kein Mann für ein Pferd dieser Gattung war . Ob man überhaupt gewohnt ist , einen Fakir reiten zu sehen , mag hier Nebensache sein . Mit Sallab mußte es in dieser Beziehung eine ganz besondere Bewandtnis haben . Aber er saß jetzt während des Geheimnisses nicht anders als bei einem ganz gewöhnlichen Galopp im Sattel . Ich vermutete , daß er seine eigne Lunge nicht zu regulieren und dem Pferde überhaupt keine Erleichterung zu geben wisse . Eine innere Fühlung zwischen ihm und dem Tiere gab es nicht , denn ich sah , daß er , um Steinen und anderen Hindernissen auszuweichen , die Zügel zu Hilfe nahm . Das thut man doch nicht , wenn die Energie des Reiters mit der seines Pferdes in guter , innerlicher Verbindung steht ! Wie wunderbar glatt und gleich ließ dagegen Assil seine Kräfte spielen . Das war es ja : es glich einem Spiele , keiner Anstrengung . Es war , als ob er nicht mehr Körper , sondern nur noch Willen sei . Er ging über Löcher und Steine hinweg , oder er vermied sie , ohne daß seine Rückenlinie sich dabei zu heben oder zu senken schien . Der Schlag seiner Hufe wettete an Regelmäßigkeit mit dem Ticken einer Uhr . Die Mitte seiner Stirn wich keinen Augenblick lang und keinen Zoll breit von der Gesamtrichtung seines Körpers ab . Von seinem Atem war kein Hauch zu spüren . Die Schnelligkeit , von der ich vorhin sprach , war nicht mehr da ; an ihre Stelle war die Unbegreiflichkeit getreten . So kam ich dem Fakir näher und immer näher . Er drehte sich immer öfter um und begann , das Pferd zu schlagen . Ich war kaum zehn Längen hinter ihm , als er die Unvorsichtigkeit beging , es auch noch mit den Füßen zu bearbeiten . » Halt ein ! « rief ich ihm zu . » Im Geheimnisse schlägt und stößt man nie ein Pferd ! « Kaum hatte ich dies gesagt , so bewahrheitete es sich . Die Stute gab ihre Windeseile auf , fiel in Galopp , that einen Seitensprung , einen zweiten wieder zurück , und - - - der Fakir flog aus dem Sattel ! Ich schoß sofort weit über ihn hinaus , gab aber schnell das Zeichen und nahm mit dem Zurufe Andak ! 59 das Geheimnis wieder zurück . Fast noch im Fluge ging Assil einen Bogen , fiel dabei durch Galopp und Trab in Schritt und blieb da stehen , wo der Fakir von der Erde aufstand und sich prüfte , ob und wo er vielleicht Schaden genommen habe . » Warum bist du vor uns geflohen ? « fragte ich ihn , indem ich abstieg . » Sihdi , dein Pferd ist kein Pferd , sondern ein Dschinni60 ! « antwortete er . » Ich habe dich nicht nach meinem Pferde gefragt ! Bist du verletzt ? « » Nein . Allah sei Dank ! « » So hole Sahm herbei ! « » Sahm ? « fragte er erstaunt . » Du kennst den Namen dieser Stute ? « » Ich weiß noch mehr , mehr als du denkst . Aber eins weiß ich nicht und kann es nicht begreifen : Warum bist du vor uns erschrocken und hast die Flucht ergriffen ? « » Weil - - weil - - « Er sprach nicht weiter , sah mir forschend ins Gesicht und senkte dann den Kopf . Da trat ich nahe zu ihm hin und sagte : » Du scheinst früher von dem Scheik der Haddedihn und mir gehört zu haben ? « » Ja . « » Gutes oder Böses ? « » Nur Gutes . « » Und hältst uns doch für schlimme Menschen ? « » Nein . « » Doch ! Denn gute Menschen flieht man nicht ! « » So lange sie gut sind , ja ! « » Sind wir es etwa nicht mehr ? « » Ist der Mensch noch gut , wenn er sich in den Dienst der Bösen stellt ? « » Meinst du die Dinarun ? « » Ja . « » Wir stehen nicht in ihrem Dienste ! « » Aber in ihrer Freundschaft . Und die Freundschaft solcher Leute macht den besten Ruhm zunichte . « » Deine Worte klingen mir unverständlich ; aber sie haben große Aehnlichkeit mit der Warnung , die mir meine Ahnung gab . Vor allen Dingen muß ich dir sagen , daß wir nie beabsichtigt haben , die Freunde böser Menschen zu sein - - - « Ich wurde unterbrochen , weil Halef kam . Er ritt neben dem andern Fakir . Beide unterhielten sich , als ob sie sich im herzlichsten Einverständnisse miteinander befänden . Sobald er mich erblickte , rief er mir zu : » Assil hat gesiegt ? « » Ja , « antwortete ich . » Ich wußte es ! Warte , was ich dir zu sagen habe , Sihdi ! Es ist von größter Wichtigkeit . « Er trieb seinen Barkh an , sprang , als er uns erreicht hatte , ab und fuhr eifrig fort : » Hier werden wir uns niedersetzen , um Beratung zu halten . Weißt du , Sihdi , wer und was unsere Dinarun sind ? « » Nun ? « » Wir sind dumm gewesen , ganz unendlich dumm ! Sie sind gar keine Dinarun , sondern Ausgestoßene , Ausgestoßene aus allen Stämmen , die es in dieser Gegend giebt . Jeder Mensch , der ein Verbrechen , eine schlechte That begangen und sich mit Schande beladen hat , geht zu ihnen , um sich ihnen anzuschließen . Sie leben nur von Diebstahl , von Raub und ähnlichen Unternehmungen . O , Sihdi , wir haben diesen Leuten ein Vertrauen geschenkt , welches sie gar nicht verdienen . Du bist zwar ein ganz klein wenig klüger gewesen als ich , aber sehr viel trägt das auch nicht aus . Ich möchte dir eine Ohrfeige geben , mir selbst aber zehn oder zwanzig oder auch fünfzig . Aber weil ich dich viel zu sehr achte und liebe , als daß ich sie dir wirklich geben könnte , so muß ich natürlich auch auf meine fünfzig verzichten ! « Sein Aerger war sehr echt , denn ohne diese Echtheit wäre es ihm , der so viel auf seine persönliche Ehre hielt , gar nicht eingefallen , in Gegenwart der beiden Fukara so despektierlich von sich selbst zu sprechen . Was mich betrifft , so war es mir willkommen , endlich Klarheit zu erlangen ; aber ich wollte vermeiden , eine begangene Unvorsichtigkeit durch eine zweite , vielleicht noch größere wieder gutmachen zu wollen . Darum fragte ich ihn : » Weißt du gewiß , daß unsere bisherigen sogenannten Freunde keine Dinarun sind ? « » Ja . « » Wer hat es dir gesagt ? « » Dieser Fakir . « Er deutete auf ihn . » Und du glaubst ihm ? « » Natürlich ! Unter Fukara darf keine Lüge sein ! « » Das ist erstens nicht ganz richtig , und zweitens muß ich dich fragen : Könntest du darauf schwören , daß diese beiden Fukara wirkliche Fukara sind ? « » Maschallah ! Welche Frage ! Richte sie doch nicht an mich , sondern an sie selbst ! « Da wandte ich mich an Sallab : » Sei aufrichtig ! Meine Frage soll der Prüfstein deiner Ehrlichkeit sein . Bist du ein Fakir ? « Da antwortete er : » Du bist Kara Ben Nemsi , der Mann aus Dschermanistan , und wir wissen , daß aus Dschermanistan nie ein böser Mensch zu uns gekommen ist . Darum will ich ehrlich sein . Ich bin kein Fakir und dieser mein Begleiter ist auch keiner . « » So heißest du gar nicht Sallab ? « » Nein . « » Wie denn ? « » Ich legte mir aus guten Gründen den Namen des bekannten Fakirs bei . Aber wer ich eigentlich bin , das darf ich dir so lange nicht sagen , als du dich für verbunden hältst , diesen Räubern Unterstützung zu erweisen . « » Haben sie uns belogen , so ist das , was wir ihnen versprochen haben , so gut wie nicht gesprochen ! « » Nun , sie haben euch belogen ! « » Kannst du das beweisen ? « » Beweisen ? Was verlangst du für Beweise ? « Ich muß gestehen , daß er mich mit dieser Frage in Verlegenheit brachte . Ich antwortete ihm : » Sie haben sich als Dinarun bezeichnet , und du behauptest , daß sie keine seien . Du selbst aber gestehst ein , daß du als Fakir Sallab eine Lüge seist . Von dir ist die Unwahrheit erwiesen , von ihnen aber nicht . « Wir hatten uns niedergesetzt , alle vier . Der Alte senkte den Kopf , sah einige Zeit sinnend vor sich nieder , hob ihn dann wieder und fragte : » Ihr seid mit denen , die sich Dinarun nennen , gegen die Dschamikun ausgezogen . Wir sind Dschamikun . Ihr habt uns gefangen . Was werdet ihr mit uns thun ? « » Wir lassen euch frei . Ihr könnt reiten , wohin ihr wollt . « » Gleich jetzt ? « » Ja . « » Reiten ? « » Natürlich ! « » So wollt ihr nicht wenigstens unsere Pferde als Beute behalten ? « » Nein . « » Aber bedenke , was für ein Pferd die Stute ist ! « » Kein Mann aus Dschermanistan wird jemals in euer Land kommen , um Beute zu machen ! « » So segne dich Allah , und so segne er auch alle , welche in deiner Heimat dieses menschenfreundlichen Gedankens sind ! Du hast dich soeben als ein Mann erwiesen , der das , was er zu sein vorgiebt , auch wirklich ist , nämlich ein Christ . Die Nächstenliebe und Selbstlosigkeit , welche Isa Ben Marryam61 von allen fordert , die sich nach seinem Namen nennen , ist bei dir nicht bloß ein leerer Schall , sondern sie leitet dein Leben , dein Reden und dein Thun . Ich aber kann dir leider jetzt , in diesem Augenblicke , nicht den von dir geforderten Beweis erbringen , daß das , was ich sage , mit der Wirklichkeit übereinstimmt . Erst die Thatsachen des morgenden Tages werden dir zeigen , daß du mir heute Vertrauen schenken konntest . Wäre dieser Nafar Ben Schuri im gegenwärtigen Augenblick hier bei uns , so würde er eingestehen müssen , daß ich die Wahrheit über ihn gesprochen habe . Du sollst von mir erfahren , was diese Wahrheit sagt . « Er machte eine kleine Pause und fuhr dann fort : » Nafar hat als Oberster der Ausgestoßenen unten in Bagdad und Bassora Späher , von denen er alles für ihn Wichtige erfährt , was dort geschieht . Von ihnen kam die Kunde von euren herrlichen Pferden , von den unvergleichlichen Gewehren , welche euch beiden die Stärke eines ganzen Stammes verleihen . Man teilte ihm mit , daß ihr kommen würdet , und er nahm sich vor , euch diese Schätze abzunehmen . Er ließ euch unterwegs beobachten , ohne daß ihr es bemerktet . So erfuhr er , wann und wo ihr kamt . Euch offen zu überfallen , das wagte er nicht , weil er eure Waffen fürchtete . Darum entschloß er sich zur List . Ihr solltet seine Gäste sein und einen Schurb en Nom62 von ihm bekommen . « » Bei ihm ? Von ihm ? « unterbrach ihn Halef . » Das war doch nicht bei ihm ! « » Höre mich nur weiter ! « antwortete der Alte . » Man hatte am Wasser auf euch gewartet , weil anzunehmen war , daß ihr dort bleiben würdet . Ihr kamt . Man stellte sich bescheiden ; man hütete sich , euch durch Aufdringlichkeit mißtrauisch zu machen . Darum war man in Verlegenheit , wie man euch den Schurb en Nom werde beibringen können . Da aber batet ihr selbst um Kaffee . Man that den schon bereitgehaltenen Afiun63 hinein und gab euch das Getränk , welches ihr trotz seiner Bitterkeit bis auf den letzten Tropfen zu euch nahmt . Dann schlieft ihr ein . Man wollte euch nur berauben , nicht ermorden . Aber selbst als ausgeraubte Männer hatte man euch zu fürchten , eurer Erfahrung , eurer Klugheit , eurer Kühnheit wegen . Darum mußtet ihr über die , welche euch den Trank der Schläfrigkeit reichten , im Irrtum sein ; also ließ sich Nafar Ben Schuri gar nicht bei euch sehen , und darum lauerte er nicht mit allen seinen Leuten auf euch , sondern er schickte nur wenige Männer an das Wasser , welche dann nach vollbrachter That leicht verschwinden konnten . - - - Diese That gelang , und der darauffolgende Regen deckte sogar ihre Spuren zu . Aber als man eben begonnen hatte , des vollbrachten Raubes froh zu werden , mußte man die Vergeblichkeit desselben erkennen . Eure Gewehre gingen von Hand zu Hand , doch niemand konnte entdecken , auf welche Weise man mit ihnen zu schießen habe . Sie waren für die Unwissenheit wertlos . Und eure Pferde ließen keinen Reiter aufsitzen . Man wollte sie zwingen , doch war die Folge , daß dabei zwei Männer verletzt wurden . Es galt also , die Geheimnisse der Pferde und der Waffen zu erfahren , und das konnte nur durch euch erreicht werden . « » Allah , wallah , tallah ! « rief Halef zornig aus . » Wir werden diesen Schurken unsere Heimlichkeit derart offenbaren , daß ihnen vollständig unheimlich dabei werden soll ! Sprich weiter ! « » Nafar Ben Schuri faßte den klugen Plan , als euer Retter aufzutreten . Er war überzeugt , daß die Dankbarkeit euch verleiten werde , eure Geheimnisse gegen ihn nicht als Geheimnisse zu betrachten . Man mußte euch da zwar alles wiedergeben , aber doch nur für kurze Zeit . Er schickte also die Thäter nach einer bestimmten Stelle , wo sie sich ruhig überfallen lassen sollten , und ritt euch dann entgegen , denn er nahm ganz richtig an , daß ihr nicht umkehren , sondern weitergehen würdet , um nach den Uebelthätern zu suchen . Auf welche Weise er diesen seinen Plan ausgeführt hat , das wißt ihr besser , als ich es weiß . Ihr habt ihm ja dabei geholfen ! « » Ja , das haben wir allerdings ! « gestand Halef ein . » Wir haben diesem Manne geglaubt und ihm vertraut . Wir haben ihm die Gefangenen überlassen und nicht einmal nach den Leichen und Gräbern derer gefragt , die ihr ihm getötet habt ! « » Wir ? Ihm ? Ja , ich weiß gar wohl , welche Fabel euch erzählt worden ist ; aber wo es keine Leichen giebt , kann es auch keine Gräber geben . Es ist ihm kein einziger Mann getötet oder auch nur verletzt worden . « » Was ? Wie ? So ist auch das eine Lüge ? « » Ja . Wir töten nicht ! Unser Glaube verbietet uns den Angriff gegen das Leben derer , die selbst dann unsere Brüder sind , wenn sie die Thorheit begehen , sich als unsere Feinde zu betrachten . « » Allah ! Welch ein Glaube ! Welche Friedfertigkeit ! So seid ihr also Christen ? « » Vielleicht , vielleicht auch nicht ! Erst dann , wenn ich Christen kennen gelernt habe , kann ich dir sagen , ob wir welche sind . Nicht wir haben Blut vergossen , sondern Nafar Ben Schuri hat es gethan . Seine That hat mir , grad mir das Herz so schwer , so tief verwundet . Und dieses Herz , es will laut auf um Rache schreien , weil ich ein Mensch mit menschlichen Gefühlen bin . Aber da oben , wo der Himmel in stillen Stunden für mich offen ist , da steht ein lichtes , großes Wort geschrieben , welches das irdische Gesetz der Rache überstrahlt . Ed dem b ' ed dem ! 64 schreit das Menschenherz zum Himmel auf , wenn der Rauch vergossenen Blutes aufwärts steigt ; von droben aber rufen tausend Engel ihr es Samah ! 65 nieder , und bei diesem heiligen Gebot muß jede Wunde schweigen ! « Er war aufgestanden und ging , innerlich erregt , eine kleine Weile hin und her . Ich sah jetzt nicht den Schmutz , der sein Gesicht entstellte , und nicht die Lumpen , die ihn häßlich machten . Aber ich sah den tiefen Schmerz , der seine Augen füllte , und ich sagte mir , daß wir diesem Mann wohl vertrauen dürften . Als er sich beruhigt und wieder niedergesetzt hatte , sprach er weiter : » Ich will annehmen , daß ihr euern Bund mit Nafar Ben Schuri für zerrissen halten werdet , und betrachte es darum als keinen Fehler , euch schon jetzt zu sagen , was ihr eigentlich erst später erfahren solltet . Nämlich der Tir66 unseres Stammes , zu welchem ich gehöre , hat sich von den andern Dschamikun abgesondert , weil wir Muhammed zwar für einen Propheten , seine Lehre aber nicht für seligmachend halten . Wir sind nicht mehr Nomaden , sondern wohnen in Häusern , welche wir nur im Sommer mit Zelten vertauschen . Wir haben Gärten und Felder ,