, dunklen Treppenflur mündeten zwei Thüren . Die linker Hand trug auf einem aufgeklebten Zettel die Aufschrift : Korn , Schlosser , die andere Lottchens wohlbekanntes weisses Thürschild mit den grossen schwarzen Buchstaben : Charlotte Weiss , Putzmacherin . Als Frau Wohlgebrecht die Klingel zog , trat ihr eine grosse robuste Person entgegen . Fast schüchtern brachte die kleine Frau ihr Anliegen , Fräulein Weiss zu sprechen , vor . Die grosse Starkknochige schien trotz ihres gutmütigen Gesichts anfangs davon nicht viel wissen zu wollen . Erst als Frau Wohlgebrecht ihren Namen nannte , zog sie eine willfährigere Miene auf . » Sie sind die Frau Wohlgebrecht aus der Zimmerstrasse - das ist was anderes . Na , dann treten Sie man näher . « Und leise fügte sie hinzu : » Aber wundern Sie sich über nichts , und machen Sie keine Bemerkung über Lottchens Aussehen . Das arme Ding ist sehr krank gewesen , von Ende Oktober bis Weihnachten . Sie hat Nervenfieber gehabt , wir haben alle geglaubt , es sei aus mit ihr . Na , nun ist sie ja aber wieder gesund geworden , nur noch ein bischen schwach , das kommt wohl , weil sie noch gar nicht an der Luft gewesen ist . « Frau Wohlgebrecht stellte ihren Kober bei Seite , wischte sich die Augen und trat dann durch das erste ärmliche , aber sauber aufgeräumte Zimmer in die Küche , in der Lotte in einem alten Lehnstuhl sass . Die Küche war der am leichtesten zu erwärmende Raum . Es war gut , dass die Schlossersfrau es Frau Wohlgebrecht zur Pflicht gemacht hatte , sich über nichts zu wundern und keine Bemerkung zu machen , sie hätte sonst schwerlich ihre Erregung über die Veränderung zurückgehalten , die mit Lotte vorgegangen war . Sie küsste die schwach Errötende nur , streichelte ihr die Wangen und fragte mit heiserer Stimme , weil ihr die dicken Thränen , die sie nicht weinen durfte , in der Kehle sassen : » Na , mein Schäfchen , wie geht es denn ? Ich höre , Sie sind so krank gewesen ? Wie ist das denn so gekommen , mein armes Kind ? « Lotte liefen die Thränen über die eingefallenen Backen und während sie Frau Wohlgebrechts Hand fest umschlossen hielt , bat sie : » Ach , fragen Sie gar nicht danach , liebe Frau Wohlgebrecht . Ich kann es Ihnen nicht sagen . « » Das sollen Sie ja auch nicht , Kindchen , wenn Sie nicht wollen . Wie so was kommt , ist ja auch Nebensache . Das war eine ganz dumme Frage von mir . Die Hauptsache ist , dass Sie rasch gesund werden . Passen Sie ' mal auf , ich habe Ihnen was mitgebracht , das Ihnen gut thun wird . « Geschäftig lief die kleine rundliche Frau in das Zimmer nebenan und holte ihren Kober . » Sehen Sie ' mal hier , Lottchen , das ist was für Sie ! « Und sie entkorkte eine Flasche Tokayer . » Und da guter roher Schinken , fein gewiegt , den dürfen Sie doch gewiss essen ? Und ein paar frische Eier und ein bischen Eingemachtes . Und morgen mach ' ich Ihnen ein kleines Wein- oder Hühnergelée , was Sie lieber wollen . Lassen Sie die Wohlgebrecht man machen , die hat schon ganz andere Kranke auf den Damm gebracht . So , sehen Sie , wie Ihnen der Schluck schon gut gethan hat . Meine Nichte hätten Sie sehen sollen . Keinen Dreier hätte man für ihr Leben gegeben , nachdem ihr das Malheur passiert war . Und jetzt ? Wie der Deibel wirtschaftet die kleine Frau wieder im Hause herum . Wäre nicht Weihnachten dazwischen gekommen , sie hätte mich längst nach Hause geschickt . Seit vier Wochen schon besorgt sie ihre Wirtschaft und ihren Mann wieder allein . Nur zum Luxus haben sie mich über Weihnachten noch dabehalten . Aber Sie arbeiten doch nicht etwa schon wieder , Lottchen ? « unterbrach sie sich , nach einem Nähkörbchen neben Lottes Armstuhl greifend . » Ein Kinderhemdchen ! Sieh , sieh , lieber Gott , das hätte meine kleine Nichte nicht sehen dürfen . Das hätte gleich Thränen gegeben . Haben Sie sich jetzt auch aufs Kinderzeugnähen geworfen ? Ganz vernünftig , das bringt oft mehr ein , als die Putzmacherei . Aber was haben Sie denn Lottchen ? Das ist doch kein Grund zum Weinen . Na , na , na , wie kann man so nervös sein ! Da , trinken Sie noch ' nen ordentlichen Schluck . Sehen Sie , so , so , es wird schon besser . Und nun will ich gehen . Ich sehe , Besuch greift Sie noch an . Morgen komme ich wieder und bis dahin müssen Sie sich schon ein bischen ' rausgefüttert haben . Dann bringe ich Ihnen das Gelée , und sobald es der Doktor erlaubt und ein schöner Tag ist , fahren wir zusammen spazieren . Nach dem Grunewald oder so . Sie wohnen ja hier schon beinahe auf dem Lande , da haben wir ' s nicht allzuweit . Und noch ein paar Tage weiter , nehme ich Sie zu mir herein und pflege Sie gründlich aus . Nein , nein , da giebts keinen Widerspruch . Ich habe ja Platz dazu und Zeit mehr als genug . « Sie küsste Lottchen , ergriff ihren Kober und trippelte eilends davon . Frau Korn hatte sie fortgehen hören . Sobald sie Lotte allein wusste , ging sie wieder hinüber . Gott weiss , wie nötig sie da wieder war ! Wenn ' s das Unglück wollte , hatte die Frau in ihrer Arglosigkeit von dem Schwarzkopf gesprochen . Richtig fand sie Lotte in Thränen aufgelöst . » Na , na , Lottchen . Sie haben ' s ihr wohl gesagt ? Hm ? « Lotte schüttelte den Kopf und weinte weiter . » Das hätten Sie ruhig thun sollen . Die hätte Ihnen den Kopf deswegen nicht abgerissen . Die sieht ja aus , wie die Güte selbst . Ei und was für feine Sachen ! Die können wir gerade brauchen , um schneller gesund zu werden und endlich zu unserem Luischen herauszukommen . ' n süsser Balg ist das Gör . Ich kann ' s gar nicht mehr erwarten , bis Sie ' s zu sehen kriegen . Wenn Sie mir blos sagen wollten , was es eigentlich zu weinen gibt , Lottchen ? « Lotte trocknete ihre Thränen . » Ach , liebe Frau Korn , es ist nur - ich weiss nicht , ob Sie mich verstehen werden - sehen Sie , wenn jemand so gut zu einem ist , wie Frau Wohlgebrecht - und man muss ihn dann belügen für all ' seine Güte , - das ist zu schrecklich , Frau Korn . « » Warum soll ich das nicht verstehen ? Ich würde die Frau auch nicht belügen . Der sagte ich die Wahrheit gerade heraus . Lieber heute wie morgen . « » Sie würde es mir nie vergeben , nie wieder freundlich mit mir sein - « » Das wollen wir abwarten . « » Und dann - ich - ich kann ihn doch nicht beschuldigen , gerade ihr gegenüber nicht . Sie liebt ihn so und ist so stolz auf ihn . « » Auch was rares , um drauf stolz zu sein « , brummelte Frau Korn vor sich hin . Aber sie kam vorerst nicht wieder darauf zurück . So grosse Eile hatte das Geständnis ja am Ende nicht . Viel wichtiger war es , dass Lotte nun endlich ganz gesund wurde . An Frau Wohlgebrecht lag es jedenfalls nicht , wenn Lottes Genesung einstweilen noch nicht die gewünschten Fortschritte machte . Sie hegte und pflegte Lotte , wie man ein eigenes Kind nicht besser hätte hegen und pflegen können . Ganz wunderbar war es , wie die grenzenlose Güte dieser kinderlosen Frau die feinsten Mutterinstinkte in ihr ersetzte . Sie las in Lottes Herzen wie nur eine Mutter im Herzen eines geliebten Kindes liest . So hatte sie auch bald mit unbeirrbarer Sicherheit herausgefunden , dass Lottes Krankheit sowohl , wie ihre gesamten herabgekommenen Verhältnisse , weit mehr im Seelischen als im Körperlichen ihren Ursprung hatten , weit mehr durch innere , denn durch äussere Gründe veranlasst waren , und lange brauchte sie nicht zu suchen , um sich vollständig klar darüber zu sein , dass ihr Neffe zum mindesten nicht schuldlos an diesem Schiffbruch des lieben Madchens war . Wenn dies überhaupt noch möglich gewesen wäre , hätte sie ihre Güte verdoppeln mögen , um wieder gut an ihr zu machen , was Gerhart schlecht gemacht . Wie das alles zusammenhing , wie und woraus sich die augen-blicklichen Verhaltnisse entwickelt hatten , wie weit es mit den beiden gekommen war , danach forschte sie nicht . Es genügte ihr , dass Lotte krank und unglücklich war , um sich ganz auf die Seite des Mädchens zu stellen . Wenn sie das liebe Geschöpf nur erst heraus gehabt hätte aus diesen vier armseligen Wänden ! Aber davon wollte das eigensinnige kleine Ding ja nichts wissen , nicht um die Welt . Nun , wenn sie erst gesund sein wurde und einen kleinen Puff vertragen konnte , wurde man ein Wort deutsch mit ihr reden . Hier durfte sie in keinem Falle bleiben . Von Gerhart sprachen die Beiden während ihrer häufigen Zusammenkünfte niemals ein Wort . Ein einziges Mal hatte Frau Wohlgebrecht von ihm angefangen . Vielleicht dass Lottchen sich danach sehnte , dass es ihr gut that . Aber als sie sich erbleichend abgewandt und sich mit einer ganz gleichgültigen Sache zu thun gemacht hatte , hatte Frau Wohlgebrecht sich ' s zugeschworen , das Gespräch nie wieder auf ihren Neffen zu bringen . Dass er der allein Schuldige sei , stand seit dieser Stunde bei ihr fest . Niemand hätte es vermocht , sie davon abzubringen . Um Ende Januar - Lotte hatte , wie Frau Wohlgebrecht nachträglich erfuhr , am Vormittag ihre erste Ausfahrt mit Frau Korn gemacht - traf Frau Wohlgebrecht bei einem ihrer häufigen Besuche Lena oben bei Lotte an . Sie freute sich , dass die Schwestern trotz der veränderten Lebensverhältnisse beider noch so herzlich zu einander hielten , ja es kam Frau Wohlgebrecht so vor , als ob das heut eigentlich mehr denn sonst der Fall sei . Sie überraschte sie nämlich in einer scheinbar sehr intimen Unterhaltung , die die Schwestern stockend und errötend unterbrachen , als sie ins Zimmer trat . Gehört hatte sie von dem , was gesprochen worden war , nichts weiter als den warmen Ausdruck Lottes : » Du glaubst es nicht , Lena , wie lieb es ist ! « Frau Wohlgebrechts gutmütiger Takt half den beiden ziemlich schnell , ihre Fassung zu gewinnen . Um das Gespräch rasch in Fluss zu bringen , that denn auch Lena das ihre , und erzählte Frau Wohlgebrecht , die sie seit jenem Dezemberabend nicht wieder gesehen , als sie Lotte zum Weihnachtsfest einzuladen kam , dass ihnen beiden eine grosse Freude bevorstehe . Sie würden endlich einmal jemand aus der Heimat wiedersehen ! Ob der Vater auf Besuch käme ? erkundigte sich teilnehmend Frau Wohlgebrecht . Lena lachte hell auf bei dem Gedanken . » Vater und eine Reise machen . Da kennen Sie unseren Alten schlecht . Der wird aus Karstens warmer Stube gehen und seine Pfeife und seinen Korn auch nur auf ein paar Stunden entbehren ! Nein , Vater geht nicht aus seiner Ofenecke ' raus , der macht keine Reise . Wir erwarten einen Jugendfreund , der sein Geschäft zu Hause verkauft hat und , da er zu Vermögen gekommen ist , sich hier etablieren will . Er kommt in vierzehn Tagen bis drei Wochen , um ein Geschäftslokal zu suchen . Sorgen Sie nur , Frau Wohlgebrecht « , fügte Lena neckend hinzu , » dass Lotte bis dahin ganz mobil ist . Er ist ein grosser Verehrer von ihr . « Lotte wurde rot . » Ach , lass doch , Lena , wie kannst Du so etwas sagen . « Frau Wohlgebrecht aber klopfte die Unwillige wohlgefällig auf die Schulter . » Warum soll Ihre Schwester so was nicht sagen ? Sie hat ganz recht . Ganz mobil wollen wir werden bis dahin , und dann , wer weiss ? « Frau Wohlgebrecht sah Lena schmunzelnd an . Dabei fiel es ihr auf , dass Lena , die sonst den Vergleich mit Lottes sanfter , poetischer Schönheit nicht ausgehalten hatte , jetzt die bei weitem Hübschere von ihnen war . » Zum Fressen nett sieht die Kröte aus « , dachte Frau Wohlgebrecht . » Die weiss , was sie will . Kein Wunder , dass die ihren Weg gemacht hat . « Das Mädchen , das sie früher nicht hatte leiden können , flösste Frau Wohlgebrecht jetzt plötzlich Interesse ein . Es war doch alles mögliche , was diese Lena erreicht hatte , und eine gute Portion Fleiss und Tüchtigkeit gehörte bei allem Glück dazu , es so weit zu bringen . Frau Wohlgebrecht fragte nach diesem und jenem , und Lena machte es ein ungeheures Vergnügen , von den wirklich hübschen materiellen Erfolgen , die sie in dieser Saison schon erzielt hatte , zu erzählen . Lena berichtete über ihre schöne Kundschaft aus den besten Gesellschaftskreisen , rechnete Frau Wohlgebrecht in grossen Zügen ihre Aktiva und Passiva vor und versicherte sie , dass es der glücklichste Tag ihres Lebens sein würde , wenn sie das Kapital , das Herr Bornstein - sie nannte ihn ganz ungeniert als ihren Geldgeber - ihr für die Geschäftsbegründung vorgestreckt habe , einstmals würde herauszahlen können . Es dem Vertrag gemäss zu verzinsen , dazu habe es ja gottlob bisher immer ausgereicht , fügte sie am Ende hinzu . Frau Wohlgebrecht empfahl sich heut unter dem Vorwande , noch Geschäftswege machen zu müssen , früher als sonst . Sie hatte das Gefühl , dass die beiden Mädchen sich noch manches zu sagen hätten , was keinen Dritten etwas anginge . Vielleicht handelte es sich um Lotte und den Jugendfreund . Was würde sie darum geben , wenn das Kind in diesem Manne Glück und Frieden finden könnte ! - Sobald die Thür sich hinter Frau Wohlgebrecht geschlossen hatte , fing Lotte genau da wieder an , wo sie bei ihrem Eintritt aufgehört hatte . Mit demselben Eifer , mit derselben warmen Freudigkeit . » Du glaubst nicht , Lena , wie lieb es ist . So rund und niedlich , und so reizende blaue Augen wie es hat , und wenn es erst lacht gar ! Lange lass ' ich ' s der Frau da draussen nicht , wenn sie es auch noch so gut pflegt . « » Um Gotteswillen , Lotte , mach nur keinen Unsinn wieder . Bis jetzt ist alles so hübsch glatt gegangen . Du wirst doch Luischen nicht etwa zu Dir nehmen wollen ? Dann wäre der Skandal fertig . « Lotte schüttelte den Kopf . » Nein , aber ich will zu Luischen gehen , irgend wohin , wo es hübsch still und einsam ist und niemand uns kennt und niemand nach uns fragt . « Dabei erinnerte sie sich plötzlich des Häuschens und des Blumengartens , von dem Gerhart am Tage ihres Geständnisses im Wald am Müggelsee zu ihr gesprochen hatte . Etwas heisses stieg ihr in den Augen auf . Aber sie unterdrückte es schnell . Nur keine Erinnerungen , keine neue Schwäche ! Ihre ganze Kraft brauchte sie jetzt für das liebe kleine Geschöpf da draussen , das niemanden hatte als sie auf der Welt . Ihm wollte und musste sie fortan gehören , niemandem sonst . Lena hatte sich inzwischen heftig ereifert . » Was das für phantastische Gedanken sind , Lotte ! Du solltest doch nun endlich klug geworden sein ! Sich mit dem Kinde irgendwo vergraben , das wäre das rechte ! Verhungern kannst Du dabei und das Wurm dazu . Hier bleibst Du , wo Du Dein bischen Arbeit endlich gefunden hast , und Frau Korn ist und Frau Wohlgebrecht und ich und später der Franz . Wir werden Dich schon durchbringen , und das Kind mit Dir . Bleib ' mir blos mit den sentimentalen Geschichten vom Leibe . Du hast ja doch gesehen , was dabei herauskommt . « Lotte erwiderte nichts , aber in ihrer stillen Art dachte sie sich ihr Teil . Allzumächtig hatte sich heute die Mutterliebe in ihr geregt , als sie das kleine Geschöpf zum erstenmal wieder im Arm gehalten , zum erstenmal wieder gewartet hatte . Die Mutterliebe und die Eifersucht , die Niemandem ihr Kleinod gönnt als sich selbst . - Der Winter liess sich im ganzen so milde an , dass Lotte trotz ihrer noch immer sehr zarten Gesundheit es wagen durfte , ihrem Herzen zu folgen und jede Woche ein paarmal nach Schmargendorf hinauszufahren . Sie hatte sogar durch Vermittlung von Luischens Pflegemama draussen etwas Kundschaft bekommen , so dass sie sich nicht allzuviel Skrupel über den Zeitaufwand zu machen brauchte , den die Besuche bei Luischen ihr kosteten . Heute , an einem fast frühlingswarmen Tage zu Ende Februar hatte sie die kurze Stunde draussen doppelt genossen . Wohlverwahrt hatte sie die Kleine in das sonnige Gärtchen der Tischlersleute hinausgetragen . Unter den kahlen Fliederbüschen , die nun bald Knospen ansetzen würden , um die bescheidenen Beete , auf denen noch die verfaulten Stauden der Herbstblumen standen , die nun bald den ersten Schneeglöckchen und Veilchen würden Platz machen müssen , war sie mit ihr umhergegangen . Das war eine Lust gewesen ! Ganz allein mit ihrem Herzensschatz , unter Gottes reinem , blauen Himmel ! Niemand , der , wie in dem engen Zimmer der Tischlersleute , ihre Liebkosungen beobachtete , niemand , dem die Hälfte von Luischens Lächeln gehörte , niemand , der mit ihr des Kindes Thränen trocknete . In leidenschaftlicher Lust hatte sie das Kind an die Brust gepresst und zum Dank hatte Luischen sie angelächelt mit ihren blauen , sonnigen Augen , und ihre kleinen rosigen Lippen hatten süsse , unverständliche Laute gelallt . Lotte aber hatte das Lächeln und das Lallen zu verstehen geglaubt . Es hiess ihr : was brauchen wir andere , Du und ich , wenn wir nur uns haben ! Mit einer stillen Sicherheit , mit einem ruhigen Glücksgefühl , wie sie es seit Jahren nicht gekannt , nie mehr , seit sich das Mutterauge ihr geschlossen hatte , war sie heute von ihrem Kinde fortgegangen . Was sie in Liebe und Zorn für Gerhart empfunden , war ausgelöscht in ihr . Sie hatte nur noch ein Gefühl für ihn , das der Dankbarkeit , dass er ihr dies Kleinod geschenkt , und dass er kein Verlangen danach trug , es mit ihr zu teilen . Unbewusst gab sie in ihrem tiefsten Herzen Frau Korn zum erstenmale recht , dass es unter Umständen besser sei , solch ein Kindchen vaterlos für sich zu besitzen , als eine Ehe zu erzwingen , deren Schicksale vielleicht schwerer zu ertragen waren , als ein zweifelhaftes Ansehen vor der Welt . Als Lotte so , noch im vollen Mittagssonnenschein , in gehobener Stimmung nach Haus zurückkam , froh und frei wie seit langen Monaten nicht , fand sie einen Gast auf ihrem Zimmer . Franz Krieger war angekommen . Zuerst befiel sie wieder ein zager Schrecken , als sie den Freund so unerwartet vor sich sah . Aber die Stunde mit ihrem Kinde hatte ihr eine wundersam nachwirkende Kraft verliehen . Niemals hätte Lotte es für möglich gehalten , dass sie dem Freunde so ruhig und gefasst würde entgegentreten können , als sie es nach einer kurz aufwallenden , Franz kaum bemerkbaren Bewegung über sich gewann . Wie hatte sie gezittert vor diesem Augenblick des Wiedersehens und mit wieviel selbstverständlicher Natürlichkeit vollzog er sich nun ! Franz hatte sich sehr verändert . Das Tastende , Unsichere , das ihn Lotte gegenüber stets befallen , das ihn oft fast knabenhaft hatte erscheinen lassen , war einer selbstsicheren Männlichkeit gewichen , und so sehr sich ihm bei Lottes Anblick , bei der Betrachtung ihrer dürftigen Umgebung das Herz zusammenkrampfte , er verriet sich nicht und bewahrte seine Haltung . Er war mit dem festen Vorsatz nach Berlin gekommen , dies Mädchen , das er seit seinen Knabenjahren mit unveränderter Treue liebte , sich zu gewinnen . Nicht nur seine grosse Neigung zu Lotte , auch alle äusseren Verhältnisse sprachen für eine baldige Ehe . Er war unverhofft schnell zu einem ansehnlichen Besitztum gelangt . Sein Haus verlangte nach einer Hausfrau , ihn selbst , bei der starken Inanspruchnahme , die eine ausgedehnte Geschäftsführung mit sich bringt , nach einem traulichen Herd , an dem sich ' s ausruhen liess von des Tages Mühen . Wenn er dies Ziel erreichen wollte , musste er Schritt für Schritt vorgehen . Lotte war keine Natur , die sich im Sturm erobern liess . Er durfte sich nicht verraten , sich keine Blösse geben , wie früher so oft , wenn seine Hoffnung sich erfüllen sollte . Sie durfte in ihm nur den Freund , nicht den Bewerber sehen , wollte er sie nicht vorzeitig einschüchtern . Schwerer als er es vermutet hatte , wurde ihm diese selbst auferlegte Zurückhaltung . Hätte er Lotte wiedergefunden , wie er sie wiederzufinden geglaubt , in einer kleinen aber gesicherten Stellung , gesund und zufrieden in der selbstgewählten Lebenslage , es würde ihm nicht so sauer angekommen sein , seine tiefe Zärtlichkeit für sie zurückzuhalten . So aber , wie er sie fand , zart und schwach nach langer Krankheit , die Heiterkeit , die sie zur Schau trug , auf den ersten Blick ein Ergebnis der Resignation , oder schlimmer noch , eine gut gespielte Komödie , dazu die äussere Not , die ihn aus allen Ecken und Enden angrinste , musste er an sich halten , um sie nicht in seine Arme zu schliessen und ihr mit aller Innigkeit , die er für sie im Herzen barg , zu sagen : » Komm mit mir . Ich will Dich gesund machen und stark . Ich will Dir Ruhe und Behagen geben . Du sollst bei mir wohl geborgen sein , armes , verflogenes Vögelchen Du . « Trotzdem bewahrte er seine Ruhe ; er erzählte ihr von den Absichten , die er für seine Geschäftsbegründung in Berlin habe , von der Heimat , vom Vater , von den Gräbern ihrer und seiner Mutter . Sie hörte ihm zu mit ihrem sanften , stillen Blick , der zuweilen etwas fremdes annahm , das ihn beunruhigte , weil er es nicht enträtseln konnte . Von sich selbst sprach Lotte so gut wie gar nicht . Nur von Lena erzählte sie , wie weit sie ' s gebracht in Berlin , und wie stolz sie sein würde , ihm alles zu zeigen , was sie erreicht , gerade weil er an ihrem Fortkommen so starke Zweifel gehegt hatte . Sie hatte dabei ihr liebes Lächeln um den feinen Mund , das er hätte festküssen mögen für alle Zeiten . Von Lena sprach sie so viel , dass es am Ende etwas krankhaft Gewolltes bekam . Sie lobte die Schwester unausgesetzt über Gebühr und setzte sich selbst wie mit absichtlichem Nachdruck immer mehr hintenan . Aber Franz wollte sie nicht verstehen . Sein Herz rebellierte dagegen . Je mehr sie Lenas Geschäft und ihre Häuslichkeit herausstrich , desto mehr lobte er alles , was sie selbst umgab : die hübsche freie Aussicht , das ruhige Zimmerchen , das man so still nur unter dem Dach haben könne , die gute Luft hier draussen , die Blumen vor den schmalen Fensterchen . Am Ende gelang ihm , was er gewollt , ihr den Eindruck zu geben , dass nichts bei ihr ihn enttäuscht und gewundert habe . Dass er so , wie er sie gefunden , gehofft habe , sie wiederzufinden . Eine Last fiel ihr von der Seele . Gottlob , sein Mitleid blieb ihr erspart , das Mitleid für ihre selbstverschuldete armselige Lage , das ihr am wehesten gethan hätte von ihm , gegen dessen schweigende Bewunderung sie sich jahrelang kindisch trotzig aufgelehnt hatte . Der sonnige Tag hielt sich auf seiner Höhe . Franz schlug Lotte vor , eine Spazierfahrt mit ihm zu machen ; heute müsse sie aus alter Freundschaft schon einmal Feiertag ansetzen und die Kunden warten lassen . Dann wollten sie zusammen essen und am späten Nachmittag , es war inzwischen schon zwei Uhr geworden , zusammen zu Lena gehen . Nach kurzem Besinnen willigte Lotte ein . Nach der sonnigen Stunde im Garten zu Schmargendorf war ihr selbst heute so festtäglich zu Mute , dass sie nicht das Herz hatte , die Dinge mit dem ihr gewohnten engen Massstab zu messen . Und dann , was sie von dem Wiedersehen mit Franz am meisten gefürchtet , war augenscheinlich nicht mehr der Fall . Franz liebte sie nicht mehr ; er hatte den Gedanken sie zu besitzen , aufgegeben . Sie that kein Unrecht , wenn sie freundschaftlich annahm , was freundschaftlich geboten schien . Jetzt , da sie selbst die Liebe mit all ihren Wonnen und Qualen , all ihren Höhen und grauenvollen Abgründen kannte , hätte sie es weniger denn je übers Herz gebracht , Hoffnungen zu erwecken , nur um sie dann wieder vernichten zu müssen . Ein paar herzliche Stunden verbrachten sie mit einander . Dann trennten sie sich . Lotte war nicht zu bewegen , mit Franz zu Lena zu gehen . Sie schützte notwendige Arbeit vor . Im Grunde war es ein anderes , was sie trieb , etwas , das , nachdem sie Franz wiedergesehen , ihr weit schwerer wurde , als sie es irgend vorausgesehen hatte . Franz und Lena sollten allein sein bei diesem ersten Wiedersehen . Lena hatte Franz immer besonders gern gehabt . Sie war es ja auch gewesen , die auf seine Uebersiedelung nach Berlin gedrungen hatte . Welch ' ein Glück für Lena , wenn Franz , da er sie ja nicht mehr liebte , Lena sein braves , ehrliches Herz zuwendete . Die Schwester würde nicht immer allein bleiben wollen . Gäste , selbst Hausfreunde ersetzen die Familie auf die Dauer nicht . Und diese Hausfreunde ! Lotte wollte ganz und gar nichts mehr von ihnen wissen seit jenem Abend in Dahlow , wo Leutnant Kurt ihr so dreist zu nahe getreten war . Sollte Bornstein aus so ganz anderem Holz geschnitten sein ? Schwerlich ! Arme Lena ! Nein , sie sollte nicht auch geopfert werden . Eines braven Mannes glückliche Frau sollte sie werden , und was Lotte dazu thun konnte , sollte gewiss geschehen . So ging Franz allein nach der Potsdamerstrasse . Ungern genug . Nachdem er Abschied von Lotte genommen und ein Wiedersehen für den kommenden Tag verabredet hatte , sah er ihr mit brennenden Augen nach . Wie sie so durch den leichten , lichtdurchschimmerten Nebel von ihm fortschritt , war es ihm , als ob sein Glück von ihm ginge , weiter , immer weiter , in eine nebelhafte ungewisse Ferne hinaus . Er musste sich einen ordentlichen Ruck geben , um Lena wirklich aufzusuchen . Wenn er es Lotte nicht versprochen gehabt hätte , würde er den Weg nach dem Blumengeschäft sicherlich nicht gefunden haben . Er hätte viel darum gegeben , da er mit Lotte nicht sein durfte , wenigstens allein zu bleiben . Am Ende aber erwies sich der Besuch bei Lena als eine angenehme Enttäuschung . Franz hätte nicht selbst ein so vortrefflicher Geschäftsmann sein müssen , um an dem Aufblühen von Lenas Unternehmen nicht seine helle Freude haben zu sollen . Ueberdies imponierte ihm , wie Lena es ja nicht anders erwartet hatte , der äussere Apparat gewaltig . Das war in der That grossstädtischer Zuschnitt . Laden , Wohnraum und nicht zuletzt Lena selbst in ihrem dunkelroten , mit schwarzem Pelzwerk besetzten , eng anschliessenden Kostüm . Alle Wetter , hier konnte man lernen , wie es gemacht wurde , um in Berlin in die Höhe zu kommen . Ganz klein geworden , bat er Lena sein Misstrauen gegen ihre Fähigkeiten ab . Sie lachte und vergab ihm grossmütig . Es machte ihr ein ungeheures Vergnügen , dass auch dies wieder ganz so gekommen war , wie sie es gewünscht und vorausgesehen hatte . Ihre Laune war prächtig , und sie wünschte nur , dass weder Bornstein noch Kurt noch irgend einer ihrer andern Stammgäste kommen möchten , um ihr tête-à-tête mit Franz zu stören ! Nachdem er alles eingehend besichtigt hatte , bat Lena den Jugendfreund in ihr türkisches Boudoir zu einer Tasse Thee und einer Cigarette . Sie selbst hütete sich , eine anzuzünden . Sie war viel zu klug , um den ausgezeichneten Eindruck zu zerstören , den sie ersichtlich auf Franz gemacht hatte . » Trotz seiner Liebe zu Lotte « , fügte sie triumphierend hinzu . Franz Krieger war immer ein Faktor gewesen , mit dem Lena gerechnet hatte . Sie hatte stets eine kleine Schwäche für ihn gehabt . Vielleicht nur aus dem Grunde , weil er im Gegensatz zu allen übrigen Menschen sich nur um Lotte und nicht im geringsten um sie gekümmert hatte . Wäre Franz nicht zu Selbständigkeit und Vermögen gekommen , sie würde diese Schwäche zweifellos unterdrückt haben . Jetzt sah sie keinen Grund mehr dafür ein . Die letzte Nummer in ihrem Programm war eine Ehe als gute Versorgung , mit vollständiger Wahrung ihrer persönlichen Rechte und Freiheiten . Schon am ersten Abend des Wiedersehens zweifelte sie nicht mehr daran , dass Franz Krieger der Mann dazu geworden sei , den man für diese