andern Ende des Zimmers , plötzlich brennt die Kerze , ohne daß jemand daran gerührt . Nun ist aber das Seltsame , sowie einer die vorgeschriebene Kreislinie überschreitet , ist das Licht für ihn verschwunden . Das enthält für mich ein Stück Lösung des ganzen Lebensrätsels . « » Ich muß gehn , « sagte Bojesen , » es ist spät . « » Wieviel Uhr ist es ? « » Zwölf . « » Schon ! Darf ich Sie begleiten ? « Sie gingen . Kalt und klar war die Nacht , bis an die fernsten Grenzen lichtlos und still . Nieberding murmelte : » Mühsam ist der Pfad und lang , kein geschmückter Priester schreit ein versöhnliches Gebenedeit , wenn dein Fuß im Finstern vorwärts drang . « » Von wem ist das ? « fragte Bojesen . » Von Gudstikker . Er hat ein Buch sehr schöner Verse veröffentlicht . Ich muß ihn aufsuchen , muß mit ihm sprechen . Ein großes Talent . « » Kein Charakter , doch ein Genie , « sagte Bojesen bitter » Was meinen Sie damit ? « » Nun , dieses große Talent , - ich kenne es genau und schon lange . Eine Intrigantenseele , ein verwickelter Lügenkomplex . Was soll man dazu sagen . Die Kunst eines solchen Menschen ist vergänglich , selbst wenn sie für den Augenblick noch so sehr blendet . « Sie gingen vorbei an Bojesens Wohnung und wanderten weiter in die Stadt hinein . Ihr Schweigen war nicht das von vertrauten Menschen , sondern ein beunruhigtes und mißtrauisches . Selten waren noch Fenster erleuchtet . Der Turm einer Kirche erhob sich plötzlich auf einem Platz und dies gab der ganzen Umgebung einen solchen Ausdruck stummer Majestät , daß Bojesen glaubte , mit verschärften Ohren könne man die Orgel klingen hören . Auf der Königsstraße blieben sie vor einem kleinen Wirtshaus stehen . Durch die grünverhängten Fenster drang die Fistelstimme einer Soubrette , die ein laszives Lied mit entschiedener Betonung zum besten gab . Die Stimme war so , daß man die Haltung des Körpers darnach beurteilen konnte ; ja , man glaubte , die falsch lächelnden Lippen und die gezierten Gesten zu sehen . Wütendes Händeklatschen belohnte die Leistung , und der Klavierspieler gab einen Tusch . Da sah Bojesen , wie sich Nieberding an den Kopf schlug , auflachte und wieder auflachte und dann davonstürzte . Bojesen sah ihm kopfschüttelnd nach und setzte seinen Weg allein fort . Auf einmal sah er eine Schar von zehn bis zwölf Knaben auf der Straße stehen , sich lautlos um einen Mittelpunkt scharen , sich lautlos ordnen und dann ebenso geheimnisvoll die Straße hinausmarschieren . Sie trugen die schwarze Mütze der Waisenhauszöglinge bis auf zwei , die an der Spitze gingen . In dem einen erkannte Bojesen sofort Agathon Geyer . Bojesen , zu erstaunt , um nach Gründen zu raten , beschloß , dem Zug zu folgen . Er empfand eine unerklärliche Scheu , die ihn hinderte , Agathon kurzweg anzureden . Die Wanderung ging über die schlechten und winkeligen Gassen des Altstadtviertels und über den Schießanger und Bojesen wurde so begierig , zu erfahren , was all dies bedeute , daß er seine Vorsicht vergaß und sich den Knaben zu sehr näherte . Einige standen still und wandten sich ihm zu . Agathon kam , stutzte , erkannte ihn , ließ den Kopf sinken und schwieg . Der Himmel schien von einem weit entfernten Licht innerlich erleuchtet und Bojesen konnte jeden Zug in Agathons Gesicht erkennen . » Tun Sie es nicht ! Folgen Sie uns nicht ! « sagte Agathon endlich stehend . » Was geschieht hier , Agathon ? « fragte Bojesen , und er war seltsam bewegt , aus einem Grund , der ihm später zu denken gab . Er war matt und feig geworden diesem jungen Menschen gegenüber . » Nichts Unrechtes , Herr Bojesen , « entgegnete Agathon , heftete den Blick fest in den des Lehrers und lächelte so , daß Bojesen ihm die Hand hinstreckte . Er machte sich auf den Rückweg , ohne sich ein einziges Mal umzudrehen . » Wie romantisch , « murmelte er und suchte sich im Innern über Agathon zu stellen ; aber sein Herz war beklommen . Am andern Tag , als er über die Wiesen spazieren ging , sah er Agathon von ferne . Er hatte nicht das Verlangen , ihn anzureden ; er empfand ein Vertrauen zu ihm , das ihm Neugierde als etwas Verächtliches erscheinen ließ . Agathon ging langsam , mit in sich gekehrtem Blick ; seine Kleider waren etwas beschmutzt . Noch nie hatte Bojesen den Ausdruck einer solch gespannten Erwartung , eines fast atemlosen Lauschens in einem Gesicht erblickt . Am Eingang des Nadelwäldchens entschwand er seinen Blicken . Gegen drei Uhr kam Agathon ins Dorf zurück . Er begegnete Frau Olifat , die aus ihrem Haus kam . Sie bemerkte seinen Gruß nicht . Auf ihrem Gesicht lag etwas so finster Drohendes neben einer bangen Ratlosigkeit , ja Verzweiflung , daß Agathon ihr erschreckt nachsah , dann eilends ins Haus ging und am Wohnzimmer pochte . Das kleine Mädchen öffnete , legte den Zeigefinger auf die Lippen und deutete dann wortlos auf das Sofa , wo Monika lag . Agathon schlich auf den Fußspitzen hin . Sie schien zu schlafen . Ihre Wangen glühten . Durch die geschlossenen Lider und die langen Wimpern schimmerte es wie von aufbewahrten Tränen . Der Körper lag in einer gequälten Lage , der Kopf und die Beine nach rückwärts gebogen . Die Finger waren in den Stoff des Polsters eingekrampft , die Lippen waren in leiser Bewegung . Agathon ging es wie ein Stich von der Stirn bis zum Knie . Nicht nur Angst und Schrecken waren es , sondern er hatte plötzlich die unwiderstehliche Begierde , diese unhörbar flüsternden Lippen zu küssen . Die wogende Brust des Mädchens , die leidenschaftliche Glut , in der sie lag , hilflos einer Wucht von Träumen überliefert , der schwach geöffnete Mund mit den begehrlich blitzenden Zahnen , - das ließ Agathen schaudern , und er verdeckte die Augen mit der Hand . Aber noch deutlicher sah er so das Bild , und er seufzte schwer , streichelte flüchtig , wie huschend , das glatte Haar der kleinen Esther und verließ das Zimmer . Alles Klare , Gute , Getröstete seines Innern war wie verblasen . Er ging heim , es dunkelte schon , und er war so erregt , daß er wie blind umhertappte . Das Haus war wie ausgestorben ; doch als er in den Flur trat , um in seine Kammer zu gehen , stand wieder wie damals die Magd unter ihrer Türe . Wieder wie damals stand sie breit und gleichsam wartend vor dem düstern Kerzenschein . Ein trotziges und sinnliches Lächeln umspielte ihre dicken Lippen und Agathon starrte sie furchtsam an , wie ein Schicksal , dem er nicht entrinnen konnte . Sie sprach ihn an , aber er hörte es nicht ; sie tätschelte seine Hand , und er fühlte es nicht . Sie nahm sein Gesicht mit grober Zärtlichkeit zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer Linken und lachte ; er war wie versteinert . Begierde , Trotz und Scham wollten fast seine Brust sprengen . Endlich machte er sich keuchend los und stürzte mit drei Sätzen die morsche Treppe hinab . Die Finsternis des Hofes empfing ihn , - es wurde ihm zu eng . Er eilte hinaus , bis in die Felder und über den Kirchhof und wußte nicht , wieviel Zeit verronnen war , als er wieder vor Frau Olifats Haus stand und hinaufschaute . Da öffnete sich die Gartentür ; Monika war es . Sie blickte hinauf und hinunter , und als sie Agathon gewahrte , erschrak sie , kam schnell auf ihn zu , stockte , machte wieder ein paar Schritte , stockte wieder und fiel endlich nieder , umklammerte fest Agathons Knie und begann klagend und kummervoll zu schluchzen . Agathon wurde bis in die Lippen bleich . » Was ist denn nur ! « stammelte er . Aber sie antwortete nicht , er sah ihre Schultern zucken , und ihr Weinen wurde immer verstörter und fassungsloser . Es schien aus einer Tiefe zu kommen , wohin sonst nicht leicht ein menschlicher Schmerz gelangt . Agathon wollte sie emporziehen , doch sie wehrte ihm heftig , fast zornig . Endlich und ganz unerwartet war sie still geworden , hielt die Schläfe mit beiden Händen und sah zu ihm auf mit einem gebrochenen Blick , in dem etwas Böses und Schuldiges war und der von einer Andern zu kommen schien als jener Monika , die Agathon bisher gekannt . Er wagte nichts zu sagen . » Ach , Agathon , « flüsterte endlich Monika mit einer weitentfernten Stimme , » ich hab dich erwartet , so lange , so lange . Denke nicht schlecht von mir , tu ' s nicht . Höre mich an , wenn du kannst und verstoß mich nicht . Es hat Gott gewollt , daß ich hier so werden sollte , wie ich bin . O Agathon ! Agathon ! « Und sie blickte mit dem Ausdruck tierischer Verzweiflung in sein Gesicht . Da stieg in Agathon eine Angst vor ihr auf , wie sie in einer finstern Landschaft kommen mag , wenn uns vor einem unsichtbaren Begleiter graut . Er machte sich los von ihr ; aus irgend einem Grunde erschien sie ihm niedrig , er drückte ihr unentschlossen die Hand und sagte beklommen gute Nacht . Kaum war er fort , so bereute er tief , was er getan , doch die Stimme des Lämelchen Erdmann schreckte ihn empor aus seinem Brüten . Lämelchen Erdmann stand vor dem Wirtshaus , focht mit den Armen durch die Luft und schrie Agathon zu , den er im Schein des Laternenlichts erkannte : » Hel Agathon ! schnell ! Dein Vater ! Dein Vater ! « Zwölftes Kapitel In dem dumpferhellten Vorflur der Schenke standen mit aufgerissenen Augen ein paar jüdische Händler , die um diese Zeit zu einem Glas Bier zu gehen pflegten , außerdem zwei Bauern : Jochen Gensfleisch und Jochen Wässerlein , dann Lämelchen Erdmann , der Gendarm Pavlovsky , wie immer schnaufend und wild um sich blickend , als wünsche er einen Widersetzlichen zu zermalmen und der Wirt selbst mit dem Gesicht eines alten Komödianten . Gegen neun Uhr war Lämelchen Erdmann in die Schenke gekommen und die beiden Bauern hatten ihren Spaß mit ihm zu treiben und ihn zu zwingen versucht , die gelbe Katze des Wirts beim Schwanz zu fassen und emporzuheben . Lämelchen blickte , bebend am ganzen Körper , um sich . Alle wußten , daß er einen namenlosen Abscheu vor Katzen hatte . Er wich jeder Katze in weitem Bogen aus und wenn die Katzen des Nachts vor seinem Hause schrien , verstopfte er sich die Ohren und lag dennoch voll fiebernder Furcht in seinem Bett . Die jüdischen Händler , die schwatzend an einem Tisch beisammen saßen , wagten dem bedrängten Alten nicht beizustehen ; sie runzelten die Stirn und sahen halb furchtsam , halb entrüstet hinüber . Der Wirt suchte sich ins Mittel zu legen , aber jetzt kamen der Doktor , der Schmied und der Apotheker herein und lachten , als sie sahen , daß Jochen Wässerlein die Katze nahm und sie wie einen Pelz Lämelchen Erdmann um den Nacken legte und wie der Unglückliche dann dastand mit einem Gesicht , das nicht mehr Angst , nicht mehr Schrecken ausdrückte , sondern etwas , das jenseits aller menschlichen Empfindungen lag . Das Kätzchen , das nicht scheu war , blieb faul sitzen , blinzelte , schloß die Augen und fuhr behaglich fort zu schnurren . Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Elkan Geyer taumelte herein . Kopf , Gesicht , Hände und Kleider waren mit Kot besudelt , was um so sonderbarer war , als draußen überall Schnee lag und alles im Umkreis gefroren war . Seine Haare hingen steif , in drei oder vier Strähne verteilt , auf die Augenbrauen herab , den Hut schien er verloren zu haben . Sein Gesicht war weiß wie Kalk , eingefallen und verzerrt , in seinen Augen flackerte ein unstetes und beängstigendes Feuer , sein Mund war nicht geschlossen . Er machte eine weitausholende Gebärde wie ein Betrunkener , stützte sich mit beiden Händen auf eine Stuhllehne und sein Kopf sank tief zwischen seine Schultern . » Allmächtiger Gott , was haste denn , Elkan ? « raunte ihm einer der Händler zu . » Biste schikker ? « » Ich weiß gar nicht , was mit mir ist , « sagte Elkan langsam , legte die Hand über die Augen und sah dann alle , die sich um ihn herumgestellt hatten , mit leerem Ausdruck an . » Ich war beim Sürich Sperling in der Nacht , « murmelte er , dicht an den Apotheker herantretend . » Und wie alles still war , rief er nach mir , daß ich an sein Bett kommen sollte , und er fing an , im Zimmer Gesichter zu sehen , die von Hause kamen . « » Ruf mir meinen Sohn ! « schrie er auf einmal , streckte beide Hände vor sich aus und drehte sich ganz um sich selbst . Er fiel hin wie ein Stock , sein Hinterkopf stieß mit einem dumpfen Krach an das Tischeck und alle wandten sich schaudernd ab . Der Wirt schrie nach Wasser . Pavlovsky kam , Lämelchen lief fort und traf Agathon zufällig auf der Straße , der Doktor drängte die müßigen Zuschauer in den Flur und ging dann selbst ratlos hinaus , da der Unglückliche sich von niemand berühren ließ . Als Agathon zu seinem Vater trat , nahm ihn der mit beiden Händen beim Kopf , zog ihn zu sich herunter und flüsterte : » Agathon , ich will dir was sagen , aber sei still in die Ewigkeit . Ich habe Sürich Sperling durch mein Wünschen in den Tod gebracht . Ich bin herumgegangen wie ein Geschlagener vor dem Herrn und hab ' s auf meinem Herzen lasten gefühlt , daß ich sterben muß , weil mein schuldiges Herz befleckt ist . Sag nichts , bin ich tot , so Hab ich gebüßt und der jüdische Name braucht nicht verunreinigt zu werden . Ich wollte mir das Leben nehmen und Hab mich hinuntergestürzt in den Steinbruch , daß es aussehen sollte wie ein Unglück . Aber die Decke vom gefrorenen Wasser ist durchbrochen und da Hab ich mich ins Dorf geschleppt . Was schaust du so ? Ich atme schwer und rede schwer . Hol jüdische Männer , daß sie mich heimtragen . « Während Agathon hinter dem Handwagen herschritt , womit der Vater nach Haus gefahren wurde , während er angstvoll nach einer Aufklärung suchte , die ihm seine Vernunft verweigerte , stieg seine innere Erregung mehr und mehr . Allmählich kam ein Nachdenken über ihn , so wie es selten einem Menschen vergönnt ist , in sich die Dinge der Welt zu sehen . Er war plötzlich nicht mehr jung ; Einsicht und Inspiration überflügelten seine Jahre . Er hatte etwas begangen , wofür ein anderer sühnte und litt . Er jedoch hatte sich gereinigt und erhoben gefühlt dadurch ; es war ihm danach geschehen , als hätte man seine Hände entfesselt zu freiem Gebrauch . Er war sehend geworden und alles um ihn herum , Menschen und Dinge und Fügungen , hatten einen Bund geschlossen , ihn zu schützen . Er hatte sich keiner irdischen Macht unterworfen gefühlt , doch auch keiner göttlichen . Eine Stimme in ihm , die aber fremd war und ihn schaudern ließ , so oft er sie vernahm , rief ihn hinaus , rief ihn fort von den Seinen und er ahnte , zu welchem Krieg sie ihn befehligte . Daheim sah er bestürzte und erschrockene Gesichter . Die Kartoffeln standen unberührt und erkaltet auf dem Tisch . Die Petroleumlampe war ausgelöscht worden , und die Talgkerze stand auf dem Kommode-Eck in einem mit Grünspan überzogenen Leuchter . Mirjam saß auf der Bank und hielt den Kopf in den Händen . Vor seines Vaters Bett in der Kammer stehend , rief Agathon den bleich , mit geschlossenen Augen Daliegenden an . Elkan öffnete die Lider mit einem entsetzten Starrblick . Tiefe Furchen liefen auf beiden Seiten seines Gesichts bis zu den Mundwinkeln herab und erinnerten an die übertriebenen Falten eines grotesken Schnitzwerks . Agathon stieß mit einer ungeschickten Bewegung an das wackelige Tischchen vor dem Bett , der Leuchter fiel um und es war finster . Unwillkürlich atmete er auf , als ob er gewünscht hätte , es möge finster sein . Doch erblickte er an der Wand , die nur durch einen Bretterverschlag gebildet wurde und einen ursprünglich größeren Raum in zwei erbärmliche Löcher teilte , ein glühendes Schimmern , und als er näher trat , sah er im andern Gemach seine Mutter sitzen , die den Oberkörper über den Tisch gelegt hatte . Das Gesicht war verdeckt durch die verschränkten Arme . Vor ihr saß der Gast von damals mit seinem Asketengesicht , dm dünnen Lippen , den kaltfunkelnden Augen , den hageren Mönchsfingern . Finster starrte er vor sich hin , als ob er in ein Grab schaute . Und er schaute in ein Grab . Er selbst hatte es gegraben mit seinesgleichen um darin alles zu verscharren , was frei und schön ist . Desungeachtet betete er die Worte der Schrift : Sochrenu lachajim melech chofes bachajim ; gedenke unser , o Herr , zum Leben , der du Wohlgefallen hast am Leben . » Vater ! « flüsterte Agathon leidenschaftlich . » Vater , hör mich an . « » Licht , Licht ! « erwiderte Elkan dumpf . » Hör mich erst , Vater . Es ist nicht wahr , daß du Sürich Sperling getötet hast . Ich hab ' s getan . « » Nein , Agathon , du willst eine Wohltat an mir verrichten , aber es ist umsonst . « » Weißt du denn noch , wie es war ? « » Sobald er nur ins Haus kam , Hab ich ihm das Böseste gewünscht , was malt einem Menschen zudenken kann . Ich bin auf den Knien vor ihm gelegen und Hab geschluchzt wie ein Kind , aber er hat kein Erbarmen mit mir und meinen Kindern gehabt . Wie ein Narr bin ich nach Geld gelaufen und ging über Land und dachte mir , wenn er doch tot wäre . Und immer war der Gedanke in mir , bis der Tag kam , wo er dich ins Wasser stieß , und in der Nacht darauf lag ich da und mein glühender Wunsch war wie ein Engel mit feurigem Schwert , wie auf einer Feuerkugel schwebte er aus meiner Brust heraus und ging hin und öffnete das Tor und mein Auge begleitete seine Rachegestalt und sah , wie er aus Bett des Elenden trat und das finstere Herz durchbohrte und ich lag da und jubelte . Später freilich bäumte sich meine Seele dagegen auf und das ganze Leben war mir ein schwarzes Gewand . « Atemlos staunend hatte Agathon gelauscht : all das war sein Erlebnis , sein Gesicht , nur hatte ihn das Schicksal dann nicht verworfen , sondern erhöht . » Es war ein Traum , Vater , « sagte er mit seltsamer Freudigkeit und jene hinreißende Inspiration kam wieder über ihn . » Ich war es , ich hab es getan , mein Engel schwebte hinüber , meine Rache hat ihn getötet . Ich bin kein Jude mehr und auch kein Christ mehr und meine Tat ist über dich gekommen , weil du ein Jude bist und ich von deinem Blut . Weil dein Haus , deine Wände , deine Kleider , deine Messer und dein Gebet es nicht dulden dürfen , und sie mußten alles das an dich heften , wovon ich frei war und frei sein mußte . Denn ich weiß , was bevorsteht , Vater , und meine Hände sind schon ausgestreckt für das Werk . Mir ist , als ob mit Sürich Sperling die ganze christliche Religion gestorben wäre , oder vielleicht nur der böse Geist in diesem Volk , durch den es hassen mußte und Blut vergießen und wußte nicht warum und war selber gequält dadurch . Nimm dein Leben wieder , trag es froher , preß es an die Brust , glaube mir , daß du schuldlos bist ! « Elkan Geyer hatte sich erschrocken aufgerichtet und ihm war , als sähe er seines Sohnes Gesicht in der Dunkelheit leuchten . Dann ächzte er plötzlich schwach auf und verlor das Bewußtsein . Agathon rief nach Licht . In ruhigem Fall sank der Schnee , bisweilen glitzernd und gleißend im Lichtstrom eines Fensters , als Agathon am späten Abend noch umherwanderte . Er begegnete Stefan Gudstikker in der Nähe der Ziegelei und wich ihm aus . Er hatte keine Sympathien mehr für Gudstikker , der zu den Menschen gehörte , die bei ihren Versicherungen stets die Hand auf das Herz legen . Auch hatte er die Gewohnheit , wenn er mit einem Menschen in Streit gelegen , dem andern einen langen Brief zu schreiben , voll von advokatischen Wendungen und rätselhaften Andeutungen auf Ewiges , Zukünftiges und Unveränderliches , - Lügenworte , Verlegenheitsworte . Er liebte die eigene Melancholie , prahlte gern vor Unkundigen , verriet die Pläne zu seinen Arbeiten jedermann in überschwenglichen Schilderungen und Prophezeiungen , schimpfte über alles Große und Anerkannte , sofern es von Lebenden ausging , erhorchte aber dabei stets des Zuhörers Meinung vorher , der er entweder , wenn es sein Vorteil heischte , beipflichtete , oder sie in einem hinterlistigen Feldzug besiegte . All das wußte Agathon , wenn er auch neben diesem Neid , dieser Verbitterung und Großmannssucht einen hohen Zug gewahrte , durch den Gudstikker fähig war , das wirklich Große zu verstehen und sich ihm hinzugeben . Als Agathon am Haus der Frau Olifat vorbeiging , sah er einen helleren Lichtschimmer als sonst aus den Fenstern strahlen . Er stieg auf einen an der Straße liegenden Quaderstein und erblickte ein Bild voll Frieden . Monika saß am Klavier in einem alten , blauen Kleid , das die Arme entblößt ließ , und sie spielte in einer schweren , langsamen , tragen Art , das Gesicht nach oben gewendet , wie wenn sie einer oft gehörten und nun vergessenen Melodie nachhinge . Ihre sonst so geschwätzige Mutter schien stumm und sah aus , als ob sie ihr ganzes Leben an sich vorbeiziehen ließe . Agathon wandte sich ab und blickte in die finstere Landschaft . Er war bewegt . Ziellos ging er weiter , - zur Höhe . In der Luft hing eine Fülle feinen Schneestaubs . Bald kamen die Tannen und eine furchtbare Finsternis brütete zwischen ihnen . Fern im Norden sah er den Lichtschein über Nürnberg . Als er dann wieder umkehrte , gewahrte er den Kirchturm des Dorfes wie eine drohende Nachtgestalt . Wieder ging Agathon vor das Olifatsche Haus , wieder starrte er nachdenklich zu den Fenstern empor und entschloß sich endlich , trotzdem es schon elf Uhr geschlagen hatte , hinauszugehen . Frau Olifat , eine unansehnliche Dame , die beständig etwas einfältig lächelte und von ihrer großen Vergangenheit zu erzählen liebte , lag auf dem Sofa und las . Monika spielte mit ihrer kleinen Schwester Ball . Sie saß auf einem Schemel , fing den Ball auf oder warf ihn fort , beides mit gleichgültiger Gebärde und ohne die Richtung ihres in der Ferne weilenden Blickes zu ändern . Agathon setzte sich zu ihr auf einen zweiten Schemel , stützte den Kopf in die Hand und den Arm aufs Knie und betrachtete Monikas Hände , die weiß und sein waren , mit schlanken Fingern und blassen Nägeln . An der Linken trug sie einen spiralförmig gewundenen Ring , der nur locker saß , und den sie bei jeder Bewegung mechanisch zurückschob . Jede Bewegung selbst schien nur mechanisch , oft sanken die Hände matt in den Schoß und blieben müßig liegen , selbst wenn der Ball schon durch die Luft flog ; dann legte sie den Kopf zur Seite und ließ ihn an sich vorbeisausen . » Esther muß jetzt zu Bett , il est tard , « rief Frau Olifat , aber die Mädchen achteten nicht darauf und begannen ein anderes Spiel . Monika setzte sich auf die Erde und legte zwanzig Spielkarten rund um sich herum . Nun sollte Esther mit verbundenen Augen die Herz-Dame suchen . Ein seltsames Spiel , um so mehr , als Monika dabei fortwährend lächelte und gespannt auf die Karten sah ; ihr Lächeln hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen . » Warum bist du so eifrig beim Spiel , Monika ? « fragte Agathon , eigentümlich bewegt . Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn . Dann sagte sie : » Wenn du die Dame erwischst , darfst du mich schlagen , Esther . « Sie legte sich mit dem ganzen Körper auf die Dielen , streckte die Arme über sich hinaus und schloß die Augen . Als Agathon sich verabschiedete , folgte ihm Monika mit einem kleinen Lämpchen in den Flur . Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und löschte das Licht aus . Eine kurze Zeitlang standen sie unschlüssig im Dunkeln , noch geblendet vom Licht des Zimmers , dann konnten sie einander sehen und fanden , daß es gar nicht finster sei . Indes Agathon an der Treppe gute Nacht sagen wollte , lehnte sich Monika weit über die Brüstung und er sah ihre wilden Augen leuchten . Er streckte beide Hände nach ihr aus und wußte nicht , wie er sie plötzlich ganz in den Armen hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden Augen drückte . Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust , und obwohl sie weder weinte noch sprach , zuckten ihre Lippen unaufhörlich . Dann stand Agathon vor dem Gartentor und träumte , sah über das weite , nachtdunkle , schneeblaue Land , und fühlte gleichsam in seinen Augen , wie sehr er dies Land liebte , das ihm Heimat war . Als er am nächsten Morgen , es war der erste Weihnachtstag , an Estrichs Zaun vorbeikam , hörte er grimmiges Schelten im Hause . Er lauschte . Es war die wetternde , böse Stimme des Alten . Er traf dann Gudstikker , der ihm mit großer Erzählerfreude den Grund des Streites berichtete . Der Bruder des Alten sei ein heruntergekommener Mensch , der nichts mehr besitze , als ein ererbtes Patrizierhaus in Nürnberg , das er nicht verkaufen dürfe . Er sei ein höchst sonderbarer Kumpan , Alchymist , suche schon seit zwanzig Jahren den Stein der Weisen und habe dabei ein großes Vermögen verschwendet . Nun sei er zum Bruder betteln gekommen . Merkwürdig sei dabei nur , daß Käthe an diesem verrückten Onkel Goldmacher mit überschwenglicher Zärtlichkeit hänge . Onkel Baldewin komme bei ihr gleich neben der Bibel . » Wie glücklich sich doch manches trifft in der Welt , « schloß er in philosophischer Art seine Ausführungen , » daß solch ein närrischer Karpfen auch noch Baldewin heißen muß . Zu dumm ! « Er schüttelte sich vor Lachen , schaute auf seine Uhr , die er dann aus Ohr legte und eilte davon . Daheim angelangt , sah Agathon einen Postboten , der für den Feiertagsgang von Frau Jette ein Trinkgeld erbat . Er hatte die Zeugenvorladung für die Verhandlung gegen Enoch Pohl gebracht . Frau Jette vermochte kaum ihren Namen unter den Empfangszettel zu setzen . Elkan Geyer würde Zeugnis ablegen - im Himmel . Er lag in Krämpfen und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand , der ihr beistehen konnte . Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt , sie konnte das fremde Maul nicht mehr füttern , sie , die jeden Pfennig bewachen mußte . Gegen die Mittagszeit entstand ein Schreien und Durcheinanderreden vor den Fenstern . Agathon blickte hinaus . Die Rosenaus Mädchen verkündeten mit roten Gesichtern irgend einen aufregenden Vorfall . Agathon hätte es kaum beachtet , da die beiden zum Zeitvertreib alles zur Katastrophe aufbauschten , aber als Isidor ihm winkte , hinauszukommen , folgte er und erfuhr , daß sich eine von den vertriebenen , russischen Judenfamilien auf der Altenberger Landstraße befinde und vor Elend und Hunger nicht weiter könne . Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt , und als Agathen dort war , bot sich ihm ein schrecklicher Anblick . Ein Mann , oder nur noch der Schatten eines Mannes , lag auf der Erde , und seine erloschenen Blicke irrten stier durch die Luft . Die Frau , ein Weib von etwa dreißig Jahren , das vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war , jetzt aber das Aussehen einer Greisin hatte , kniete vor ihm und wimmerte wie ein geschlagener Hund . Ihre Finger schienen erfroren . Sie trug in Tüchern ein Kind auf dem Rücken , ein zweites , noch Säugling , lag im Schnee , ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren stand zusammengekrümmt , mit verweintem , schmierigen Gesicht neben ihr , klammerte sich , schlotternd vor Frost , an ihren Rock und richtete zuweilen in fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine Mutter . Agathon , nicht geneigt zu träumen , unterbrach das Fragen und Gassen der andern , schickte Mirjam , die mitgelaufen war , zurück um einen Wagen zu holen , und da sich die Rosenaus zur Beherbergung der Unglücklichen erboten , waren seine Dienste bald überflüssig . Erst in der Nacht , die nun folgte , kamen die Gedanken . Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit mit seinem Volk , und doch haßte er dies