Er konnte nicht schlafen - und hatte kein Frau , keine Kinder - das ist ja nichts - Frau und Kinder , da liegt ' s - und wußte , daß er für die Menschheit starb , für eine große , heilige Idee - wofür sterbe ich ? - einen Wahn , eine Seifenblase - und hatte das Paradies vor sich - ich das Nichts - das öde , leere Nichts - Und kann doch schlafen - schlafen - Achtundzwanzigstes Kapitel Am nächsten Morgen , kurz nach neun , kam durch den Nebel , der über der Stadt lag und mit jeder Minute dicker zu werden schien , von Westen her ein geschlossener Wagen langsam die Lützowstraße heraufgefahren , bog durch das Gitterthor des Elisabeth-Krankenhauses und hielt vor dem Portale . Ein Schwerverwundeter wurde ausgeladen und in ein Zimmer geschafft , das Dr. Herbert - einer von den zwei Herren , die den Verwundeten begleiteten - tags zuvor den ihm befreundeten Assistenzarzt der Anstalt auf alle Fälle bereit zu halten gebeten hatte . Dr. Rodeck , der andere der beiden Begleiter , blieb in dem Vorraum , während die beiden jungen Ärzte mit dem Oberarzt , der sich alsbald eingefunden , ihre Untersuchung anstellten . Dr. Rodeck war an das breite Fenster getreten und starrte auf die entlaubten Bäume des Gartens , durch deren Gespensterarme der Nebel in grauen Schwaden zog . Das Furchtbare , das er während dieser letzten Stunden erlebt , wollte ihm das Herz abdrücken ; und nicht minder Furchtbares , ja , das Furchtbarste von allem , erwartete ihn . Er seufzte tief auf und wandte sich zu Dr. Herbert um , der aus dem Untersuchungszimmer zu ihm trat . Es ist , wie ich diagnosierte , sagte er leise : die Kugel hat über dem Jochbein rechts an der innern Schädelwand ihren Weg genommen und steckt hinten an einer Stelle , die sich nicht mit Bestimmtheit ermitteln ließ . Es kommt auch wenig darauf an . Also keine Hoffnung ? Gar keine . Er hat keine zwei Stunden mehr zu leben . Und wird nicht wieder zum Bewußtsein kommen ? Unmöglich . O , mein Gott ! mein Gott ! murmelte Dr. Rodeck . Ja , lieber Freund , es ist ein saurer Gang ; aber das hilft doch nun nicht . Die arme Frau muß es jetzt erfahren . Kennen Sie sie ? Ganz oberflächlich . Na , wie gesagt : Das hilft nun nicht . Ich will wieder zu dem Patienten . Es ist ein interessanter Fall . Der junge Arzt war gegangen ; Dr. Rodeck stand noch eine kleine Weile versunken im Nachdenken über die ersten Worte , mit denen er die Ärmste auf das Gräßliche vorbereiten sollte ; schüttelte verzweifelt den Kopf ; fühlte in der Tasche nach den Schlüsseln , die ihm Albrecht , bevor er sich aufstellte , gegeben hatte ; seufzte noch einmal ; drückte mit einem jähen Entschluß den Hut fester in die Stirn und verließ den Vorraum . - Ein paar Stunden später - es ging bereits auf Mittag - saß Adele in der Wohnstube , mit einer Näharbeit beschäftigt , und wartete auf Klotilde , die aus dem Logierzimmerchen noch immer nicht zum Vorschein gekommen war . Wahrscheinlich kramte sie in den Sachen , die sie sich gestern abend spät aus ihrer Wohnung hatte holen lassen . Wie sie für so was noch Sinn haben kann - in einem solchen Augenblick - unbegreiflich ; sagte Adele bei sich . Was sollte daraus werden ? Klotilde schien sich darüber kaum Gedanken , geschweige denn Sorge zu machen , trotzdem der Brief , den sie gestern auf Andringen , man konnte sagen : auf Befehl Elimars an Viktor geschrieben hatte , bis zur Stunde unbeantwortet geblieben war . Den Brief hatte sie weder ihr noch Elimar zeigen wollen . Ihr werdet doch nicht damit zufrieden sein , hatte sie sich entschuldigt . Ihr nehmt so was immer gleich tragisch . Das ist Unsinn . Ich kenne Viktor . Sinn für Humor hat er freilich auch nicht . Aber Sentimentalität und dergleichen kann er noch weniger leiden . Wenn man vernünftig mit ihm spricht , nimmt er auch Vernunft an . Ich habe mich davon heute nicht überzeugen können , sagte Elimar . Ja , worüber habt Ihr eigentlich verhandelt ? rief Klotilde . Ich muß bitten , darüber vorläufig schweigen zu dürfen ; erwiderte Elimar . Nur so viel : die Sache steht nicht gut für Sie , liebe Klotilde ; nicht für Sie und für keinen der Beteiligten . Ich rate Ihnen sehr ernstlich , sich auf Schlimmeres gefaßt zu machen . Darüber war denn doch Klotilde für einen Augenblick stutzig geworden - Elimar hatte es in einem so eigenen Ton gesagt , ordentlich feierlich - dann aber hatte sie gleich wieder den Kopf geschüttelt und gemeint : Ihr wollt mir nur bange machen . Wirklich , Ihr kennt Viktor nicht . Er sollte einer solchen nichtigen Farce willen - lächerlich ! Sie will nicht hören ; so wird sie denn wohl leider fühlen müssen , hatte Elimar , als Klotilde aus dem Zimmer war , vor sich hingemurmelt . Weiter war er aber auch ihr gegenüber mit seinen Mitteilungen nicht gegangen , und sie hatte nicht mehr gefragt . Wenn Elimar schwieg , hatte er seine guten Gründe . Das mußte sie doch wissen . Aber er war gestern den ganzen Tag sichtbar verstimmt geblieben und hatte , was Adele auffiel , Klotilde möglichst vermieden . Heute morgen hatte er sogar noch ernster drein geblickt , fast kein Wort gesprochen und nur , als er auf sein Bureau ging , kurz gesagt : Wenn etwas Besonders vorfallen sollte , kannst Du Karl nach mir schicken . Er soll mich herausrufen lassen . Das war doch genug , um eine arme Frau in tausend Ängste zu jagen ! Und Klotilde konnte währenddessen an ihren albernen Garderobekram denken ! Endlich ! Klotilde kam herein in einem prachtvollen resedagrünen Schlafrock mit sehr vielen Bändern und Schleifen . Verzeihung , Herz , ich habe heute lange gebraucht und Dich warten lassen . Die dumme Person von Julie hat mir lauter falsche Sachen geschickt , trotzdem ich ihr , wie Du weißt , jedes Stück einzeln aufgeschrieben habe . Ich merke , ich bin schon zu lange von Hause weg . Was siehst Du mich so wunderlich an ? Du meinst : und schon zu lange hier ! Wie magst Du nur so sprechen ! Lieber Schatz , ich bin Euch lästig . Das würde mittlerweile auch eine andre herausgebracht haben , die weniger scharfe Augen hätte , als ich . Elimar behandelt mich miserabel ; und freundlichere Gesichter , als Du eben eins machst , habe ich auch schon gesehen . Wie willst Du , daß wir andere machen , wenn wir uns so um Dich ängstigen ! Aber , um Gottes willen , weshalb ? Ich weiß ja ganz gut , was Deinem Manne - und natürlich auch Dir - Ihr seid ja ein Herz und eine Seele - im Kopfe herumgeht : daß Viktor den Mann fordert . Ich habe es mir überlegt und bin zu dem Resultat gekommen : Viktor wird sich hüten . Was hätte er davon ? An seiner Schneidigkeit zweifelt kein Mensch - von der hat er zu viele Beweise gegeben . Nun , und große Ehre ist doch nicht bei einem Duell zu holen , bei dem der andre auf einer so viel tieferen gesellschaftlichen Stufe steht . Weiter ! Viktor kennt die Welt in seiner Weise recht gut und weiß ganz genau : man kann ihr keinen größeren Gefallen thun , als wenn man ihr Stoff zum Skandal giebt . Er wird sich hüten in einem Augenblicke , wo er vor dem Regierungsrat hält , wenn er nicht einen Landratsposten vorzieht , zu dem ich dringend geraten habe . Er soll mich nur gewähren lassen . Nur noch ein bißchen etwas dreistere Flirtation mit Excellenz - et le tour est fait . Klotilde machte ein paar triumphierende Schritte durch das Zimmer , blieb dann wieder vor Adele stehen und fuhr fort : Und angenommen - das heißt : ich nehme es nicht an - es käme zum Duell . Was wäre denn dabei so Außerordentliches ? Die Herren fordern einander um ein unüberlegtes Wort ; schon wenn einer den andern fixiert , wie sie es nennen . Viktor renommiert mit den vielen Duellen , die er gehabt hat . Er sagt zwanzig . Es ist möglich - ich bin nicht dabei gewesen . So viel ist gewiß : er wird nicht den kürzeren ziehen . Aber der Professor ! Sehr wahrscheinlich . Und Klotilde begann wieder ihre Wanderung durch das Zimmer . Adele blickte ratlos vor sich hin ; Klotilde wurde ihr immer rätselhafter . Aber Du mußt den Mann doch geliebt haben ! rief sie ganz verzweifelt . Keinen Moment ! sagte Klotilde . Sie war , Adele den Rücken wendend , an eine Etagère getreten uns schob die dort aufgestellten Nippes durcheinander . Das heißt - offen gestanden - ich bin gar nicht sicher , ob ich genau weiß , was Liebe ist . Giebt es überhaupt welche und ist nicht alles bloß eine façon de parler ? Nach meinen Beobachtungen wenigstens reden sich die Leute so was immer nur ein , um es sich nach einiger Zeit , wenn sie davon genug , wieder auszureden . So viel glaube ich aber davon zu verstehen , daß man einen Mann nicht lieben kann , der so große rote Hände hat . Mein Gott , ich habe auch rote Hände , rief Adele kläglich . Aber sie sind nicht groß , sagte Klotilde , zu ihr zurückkommend und sich vor ihr auf einen Sessel setzend . Zeig mal her ! Sie sind wirklich ein bißchen rot . Aber wie kannst Du es anders verlangen , wenn Du so in der Wirtschaft aufgehst , wie ich es gestern und heute zu meinem Entsetzen beobachtet habe . Du spielst ja Deine eigene Jungfer ! und Köchin dazu ! Ganz unnötigerweise , meine ich : man erzieht sich damit nur faule Leute . Aber , wenn Du es durchaus nicht lassen kannst , so trage wenigstens in der Nacht Handschuhe , nachdem Du vorher die Hände - nur ganz leicht - mit crême Simon - Sie brach plötzlich ab : an der Schelle der Flurthür war heftig gerissen worden . Dann auf dem Flur eine fremde Stimme , der das Mädchen etwas erwiderte . Dann hastige Schritte nach dem Salon zu . Die Thür flog auf und herein stürzte eine kleine , untersetzte Frau in wenig modischer Kleidung , bei deren Anblick Adele einen Schrei ausstieß und Klotilde , vom Sessel emporschnellend , erbleichte . Sie hatten Klara nur einmal auf dem Balle bei Sudenburgs gesehen ; aber auch ohne das hätten sie gewußt , wer es war . Fürchten Sie nichts , sagte Klara zu Adele mit seltsam heiseren Ton ; ich hab ' es nur mit der da zu thun . Sie schritt auf Klotilde zu . Was wollen Sie von mir ? murmelte Klotilde , zurückweichend . Meinen Mann will ich ! schrie Klara mit jetzt gellender Stimme . Meinen Mann , den Sie mir gemordet haben ! Du grundgütiger Gott ! stöhnte Adele , ihr Gesicht in die Hände drückend . Klotilde hatte instinktiv eine Bewegung nach der Thür des Speisezimmers gemacht ; Klara war ihr in den Weg getreten . O ja ! Unglück anrichten , das kann man ! dem Unglück , das man angerichtet hat , ins Gesicht sehen , das kann man nicht ! Liebe , beste Frau Professor , sagte Adele ; ich - Schweigen Sie doch ! rief Klara . Mit Ihnen habe ich ja nichts zu schaffen . Zu Ihnen wäre ich nicht gekommen , wenn man mir nicht gesagt hätte , daß ich diese hier finden würde - diese elende Person ! Hüten Sie Ihre Zunge ! sagte Klotilde mit einem gewaltsamen Versuch , die vornehme Dame herauszukehren . Hüten Sie Ihre hochmütige Fratze ! schrie Klara , mit funkelnden Augen und gespreizten Händen vor sie hintretend , so daß sie abermals erschrocken zurückwich . Sehen Sie mich nicht an , als wäre ich verrückt ! Danken Sie Gott , daß ich es nicht bin ! Oder ich schlüge Ihnen meine Nägel in Ihre geschminkten Backen und zeichnete Sie , wie Sie es verdienen ! Genug ! sagte Klotilde , jetzt mit Entschlossenheit auf die Thür zugehend . Aber sie hatte noch nicht zwei Schritte gemacht , als sie von Klara am Handgelenk gepackt und mit solcher Kraft zurückgeschleudert wurde , daß sie , vor Schmerz stöhnend , auf dem Sofa zusammenknickte . Aber auch Klaras tobende Wut schien gebrochen . Sie fuhr sich mit beiden Händen an den Kopf , auf dem unter dem verdrückten Hut das gelbblonde , krause Haar in wirren Strähnen hervorquoll , und murmelte : Was habe ich nur gewollt ? was habe ich nur gewollt ? Plötzlich ließ sie die Hände wieder fallen . Ihr vorher gerötetes Gesicht war todbleich ; ihre tief in die Höhlen zurückgesunkenen Augen hatten einen gläsern starren Ausdruck , und ihre Stimme , als sie nun wieder zu sprechen anhub , klang unheimlich ruhig : Das war ' s ! Meinen Mann , dem ich vor einer Stunde die Augen zugedrückt habe , konnten Sie mir nicht wiedergeben ; unseren verwaisten Kindern nicht ihren Vater . Aber ohne meinen Fluch sollen Sie doch nicht weiter leben . Kokettieren und grimassieren und buhlen Sie nur so weiter - seien Sie sicher , mein Fluch begleitet Sie auf Tritt und Schritt ! Und der blutige Schatten des , dem Sie sein frühes Grab gegraben haben . Ja , verflucht , tausendmal verflucht sei fortan Ihr Leben ! Es müßte keinen Gott im Himmel geben , bliebe das ungehört . Sie hatte sich zu Adele gewandt : Man sagte mir , daß Sie eine gute Frau sind , Sie würden auch sonst nicht so weinen . Dann jagen Sie die da von Ihrer Schwelle ! Die gehört in kein reines Haus . - Leben Sie wohl ! Erlauben Sie , gnädige Frau , daß ich Sie begleite ! Elimar stand in dem Zimmer , in Uniform , den Säbel an der Seite , die Mütze in der Hand , wie er vor einer Minute in sein Arbeitskabinett vom Flur aus getreten war . Niemand hatte ihn komme hören . Wer sind Sie ! sagte Klara , einen irren Blick auf ihn heftend . Ein Freund , erwiderte Elimar , den sie nicht zurückweisen werden . Sie bedürfen jetzt eines Freundes . Bitte , nehmen Sie meinen Arm ! Es war ein so herzlicher Klang in seiner tiefen Stimme . Klara schaute zu der hohen Gestalt hinauf - nicht mehr irr : mit großen Augen , aus denen plötzlich die Thränen stromweis stürzten . Sie hatte seine Hand ergriffen und wollte sie an ihren Mund drücken . Nicht doch ! nicht doch ! sagte er abwehrend . Kommen Sie ! Er hatte ihren Arm in den seinen gelegt und mit ihr das Zimmer verlassen , Adelen mit den Augen winkend . Für Klotilde hatte er keinen Blick gehabt . Die Flurthür war gegangen , auf dem Korridor war es wieder still . Adele , unfähig zu sprechen , hatte sich über ihren Nähkorb gebeugt , in den von ihren Wimpern Tropfen um Tropfen fiel . Plötzlich schreckte sie auf bei einem seltsamen Schrei , der hinter ihr erscholl und halb wie lautes Schluchzen , halb wie gellendes Lachen klang . Klotilde lag vor dem Sofa auf den Knieen ; das Gesicht in die flachen Hände pressend , während der schlanke Leib in krampfhaftem Weinen zuckte .