Lorberkränze . Ich bin ein einfacher Pionier des neuen Lebens . Nur der Zungenschnalzer versteht mich , weil er den Willen der Zeit versteht . Und denkt ihr denn , ich habe den alten Hut voll Geld gekriegt , um eine Bouillonkultur Seelenkrebs anzulegen ? Ich habe das Amt erhalten , die Berliner in ein künstlerisches Leben hinüber zu amüsieren , nicht aber , sie mit Literatur zu mopsen . Der Zweck des Momus ist direkt , eurer ganzen Literatur den Rest von Interesse zu nehmen , den sie etwa noch hat . Wir wollen die Berliner ästhetisch machen . Es giebt hier immer noch Menschen , die Bücher lesen . Das muß aufhören . In den Spitzenunterhöschen meiner kleinen Mädchen steckt mehr Lyrik , als in euren sämtlichen Werken , und wenn die Zeit erst so weit ist , daß ich ohne Unterhöschen tanzen lassen kann , dann werdet sogar ihr begreifen , daß es überflüssig ist , andere Verse zu machen , als solche , die bei mir gesungen werden . Umgotteswillen , begreift doch die Situation ! Schöne Kleider , schöne Frisuren , schöne Arme , Brüste , Beine , Bewegungen - darauf kommst an . Erfindet mir Tänze , dichtet Pantomimen , löst mir das Problem der Emancipation vom Tricot , - das sind Sachen , die ich brauchen kann . Und wenn ihr schon durchaus Verse machen müßt , so vergeßt doch nicht , daß sie von schönen Mädchen gesungen werden , die nicht mit leeren Corsetts auftreten . Und seht euch mal die bunten , feinen Stoffe da an ! Was müssen das für Verse sein , die mit solchen Farben , solchen Mustern konkurrieren wollen ! Zieht doch eure Verse endlich mal aus ! Ich lasse Rops tanzen , - habt ihr doch die Kurasche , Rops zu dichten ! Unser Theater heißt doch Momus und nicht Stöcker . Seid ihr denn Predigtamtskandidaten ? Mein Gott , was thät ich , wenn ich auf euch angewiesen wäre ! So polterte er sich aus und genügte seinem Bedürfnisse ab und an verwegene Worte zu ballen . Aus diesem Grunde waren ihm die renitenten Dichter , obwohl er sich herzhaft über sie ärgerte , doch unentbehrlich . Er konnte » an sie hin reden « und sich bei dieser Gelegenheit klar machen , worauf hinaus er eigentlich wollte . Diese Art , sich in Feuer zu reiben , that ihm gute Dienste . Er fand sich mit seinem literarischen Gewissen ab , indem er sich mit den ungebärdigen Poeten abraufte . Wären sie nicht immer wieder aufgetaucht , so hätte er die Literatur überhaupt vergessen und wäre ganz in Mußlin und Seide aufgegangen . Viertes Kapitel Das leipziger Cénacle , das durch die » fatale Stilpe-Sache « damals gesprengt worden war , hatte sich schließlich doch wieder zusammengefunden . Freilich ohne Stilpe . Dieser war um die Zeit der neuen Vereinigung gerade in den Vollgenuß seiner kritischen Berühmtheit getreten und hatte auf die Einladung , der ersten Sitzung in Leipzig beizuwohnen , eine schnöde Absage erteilt . Es war darin von Kinderschuhen die Rede , die er den Herren gerne zur Verfügung stellen würde , wenn er nicht befürchten müßte , daß auch sie ihnen noch zu groß seien ; im übrigen sei er bereit , die poetischen Werke der erlauchten Cénacliers mit derselben Objektivität zu tranchieren , mit der er die übrigen Erzeugnisse des dichterischen Germaniens der öffentlichen Meinung vorsetzte . Diese Bemerkung war das Boshafteste in dem Briefe , denn die Herren Barmann , Stössel , Wippert und Girlinger hatten ihren künstlerischen und dichterischen Jugendplänen längst den Abschied gegeben . Barmann war Gymnasiallehrer geworden , Stössel hatte reich geheiratet und gab vor , musikgeschichtliche Studien zu treiben , Wippert war auf dem Umwege über orientalische Philologie langsam zur Medizin gelangt und hatte eine Klinik für Frauenkrankheiten , Girlinger steuerte auf die Laufbahn eines königlichen Staatsanwalts zu . Wenn sie sich trotzdem zu einem neuen Aufguß des Cénacles vereinigten , so geschah es in einer gewissen melancholischen Stimmung und in der Hoffnung , unter sich wenigstens eine Art Abglanz jenes einbildungsvollen Übermutes zu erzeugen , an den sie sich nicht ohne ein leises Hochgefühl erinnerten . Es war ihnen im Grunde doch leid , daß jene überschwänglichen Einbildungen einer künstlerischen Zukunft nicht zur Wahrheit geworden waren . Sie gestanden sich das zwar nicht ein , konstruierten sich vielmehr ein Gefühl von ernster Zufriedenheit darüber , daß sie sich in bürgerlich gefestete Zustände und in einen praktischen Wirkungskreis hinübergerettet hätten , aber es gewährte ihnen doch Genugthuung , daß sie auf so etwas wie eine geistige Sturm- und Drangperiode zurückschauen konnten . Auch hegten sie die stille Hoffnung , daß sie vielleicht viribus unitis doch noch die Fähigkeit besitzen möchten , wenigstens unter sich ein bischen über die Stränge zu schlagen . Da war nun die Absage Stilpes , vor dessen literarischer Stellung sie doch etwelchen Respekt hatten und in dem sie den durchgedrungenen Cénaclier verehrten , sehr fatal gewesen . Ohne ihn entwickelte sich das Cénacle stark ins hausbacken Solide , und eigentlich gabs eine Wiedergeburt jenes Debattierklubs auf dem Gymnasium , nur daß mit der Unreise auch der Enthusiasmus fehlte . Es wurde aus dem Cénacle eines der kritischen Konventikel , wie sie sich jetzt gerne um die Literatur und Kunst herumgruppieren , wo man sich über das Neue unterhält , die Entwickelung mit bald wärmerer , bald kühlerer Anteilnahme verfolgt , und wo der heimliche Lessing dieser kritisch noch immer nicht unter einen Hut gebrachten Zeit in vielen Exemplaren wäscht , blüht und gedeiht . Ein Hauptsport dieses zeitgemäß gewordenen Cénacles war die Psychologie , diese Lieblingsneigung aller unproduktiven Köpfe , die zu klug und zu stolz sind , um zu dilettänteln . An Stoff gebricht es diesem Sporte niemals , aber hier war er besonders üppig und interessant , weil die Cénacliers in ihrem ehemaligen Freunde , dem Ex-Schaunard Stilpe , ein besonders ergiebiges Objekt hatten . Die Debatte drehte sich recht häufig um ihn , und besonders Girlinger ward nicht müde , ihn zu vivisecieren . Er sprach es direkt aus , daß Stilpe für ihn das interessanteste Schauspiel sei , und daß er ihn ganz sicher niemals aus den Augen verlieren werde . Er hatte natürlich auch schon eine Prognose bis ins Letzte in Bereitschaft , hütete sich aber doch , sie mit Bestimmtheit verlauten zu lassen . Die Kühnheit Wipperts , der im Geiste schon das Sterbebett Stilpes in der Charité mit der Aufschrift del . trem . sah , besaß er doch nicht . Dafür dachte er seinem Metier zufolge mehr an Plötzensee . Barmann , der in Secunda deutsche Literaturgeschichte traktierte , huldigte höheren Perspektiven ; er konstruierte sich einen modernen Fall Günther . Stössel war im Grunde voll phantastischer Erwartungen : - Paßt auf : Plötzlich tritt er mit einem Werke hervor . Jetzt ist alles Schutt und Scherben . Aber mit einem Male wird er sich zusammenfassen und aufraffen , und dann zeigt er erst seine wahre Gestalt , seine innerliche Kraft . Vielleicht muß er blos erst heiraten ! So psychologisierte jeder nach seinen Erfahrungen , und Stilpe ward nicht müde , in bunter Folge jeder Ansicht neue Nahrung zu geben . Zu einer konkreten Zusammenfassung reeller Unterlagen für diese psychologischen Bemühungen kam , es aber erst als Girlinger nach Berlin versetzt wurde . Es war etwa über ein Jahr nach der Gründung des Momus , da sandte Girlinger folgenden Bericht quoad Stilpe an das Leipziger Cénacle : Endlich ist es mir gelungen , nicht blos Authentisches über den Fall Stilpe-Momus zu erfahren , sondern auch unsern ehemaligen Schaunard selber aufzufinden . Ich hätte euch schon früher allerlei mitteilen können , aber ich wollte mit Thatsachen aufwarten und nicht blos referieren , was ihr aus den Zeitungen von damals ebensogut wißt , wie ich , und was doch durchweg mehr oder weniger feindliche Preßmache war . Ich verkehre hier ab und zu mit Journalisten und habe in dieser Gesellschaft zuweilen versucht , das Gespräch auf Stilpe zu bringen , aber es ist mir nicht gelungen , von dort her mehr zu vernehmen als Äußerungen einer fertigen Verachtung , die sich nicht zur Darlegung von Gründen herbeilassen wollte . Stilpe gilt in diesen Kreisen einfach als bête noire , und schon aus Korpsgeist vereinigt man sich zu einstimmiger Verdammung des räudigen Schafes . Nur einige geben noch zu , daß der » Mensch « ein » starkes pamphletistisches Talent besessen habe « , aber auch sie fügen die Bemerkung daran , daß er » nicht einmal für einen Schmähschreiber genug Charakter besitze « . Den Momus-Krach stellen sie als wohlverdiente Strafe hin 1 ) für die Frivolität , die das Gepräge dieser ganzen Gründung gewesen sei und 2 ) für das » ans Gaunerhafte grenzende Gebahren , das Stilpe in der ganzen Angelegenheit gezeigt haben soll und zwar sowohl bei Aufbringung wie bei Verwendung der Momusgelder . Durch Zufall lernte ich dann eine Gruppe von Dichtern kennen , die über jedem Verdachte journalistischer Verbindungen stehen , weil sie es schon längst aufgegeben haben , ihre Erzeugnisse durch die periodische Presse zu verbreiten , und die gerade über den Momusfall mitreden können , weil sie an ihm beteiligt gewesen sind . Da sie trotzdem im Grunde von Stilpe nicht viel wissen wollen ( weil er , wie sie sagen , den Momusgedanken prostituiert hat ) , so ist es erlaubt , ihre Aussagen wenigstens für insoweit objektiv zu halten , als die Herren überhaupt einer objektiven Betrachtung der Dinge dieser Welt fähig sind . Von diesen Herren habe ich nun dies erfahren : Das Momustheater erlitt ein vollkommenes Fiasko , weil es als Tingeltangel » immerhin « zu künstlerisch , als Kunstinstitut aber viel zu sehr Tingeltangel gewesen sei . Das Publikum lehnte » das bischen Literatur und Kunst « , was dabei mitspielte , schon als zu viel ab , und die Presse , die im Verein mit dem » Schock Berliner Kunst- und Literaturfreunde « sich » wenigstens den Anschein gab , etwas Künstlerisches erwartet zu haben « , erklärte mit » der ganzen Entrüstung lackierter Elitemenschen « , daß sie von Literatur und Kunst im Momus nicht mehr zu finden vermöchten , als im » Malepartus « . Das sei nun freilich zuviel gesagt , meinten meine » Dichter « , und sie führten zum Beweis der » Nüance von reeller Litteratur im Momus « jeder eine Programmnummer an , die den Citierenden zum Verfasser hatte . Ich muß gestehen , daß schon die Titel dieser Programmnummern mich in Staunen versetzten , und als mir eine Probe » interpunktionsloser Lyrik « vorgetragen wurde , die im Momus unter » Pizzicatobegleitung von acht Bratschen « deklamiert worden ist , da begriff ich , daß das dem Publikum zu viel gewesen war . Diese merkwürdigen Dichter amüsierten sich übrigens selber am meisten über ihre Programmnummern , und ich vermochte mir nicht darüber klar zu werden , ob sie diese Produkte ernst oder als einen Ulk nahmen , den sie sich mit Stilpe erlaubt hatten . Es war bei der Première sehr lärmhaft zugegangen , und zwar hatten , wie meine Dichter behaupten , zwei Parteien » um die Palme des Radaus gerungen « : In erster Linie die journalistischen Feinde Stilpes und dann ein Aufgebot der christlichen Jünglingsvereine . Nach Allem , was ich zumal über die Balletleistungen des Momus vernommen habe , muß ich erklären , daß ich die Opposition derart inkorporierter Jünglinge verstehe . Es ist auch sehr bald die Polizei gegen den Schnitt der Balletgewänder im Momustheater eingeschritten . Dieser Umstand in Verbindung mit dem einmütigen Verdikte der Presse , daß der Momus durchaus kein Kunstinstitut im höheren Sinne sei , hat den Aufsichtsrat der Momus-Gesellschaft , also die Geldgeber , veranlaßt , sich den Paragraphen in Stilpes Kontrakt zunutze zu machen , der es gestattete , den » artistischen Direktor « zu entlassen , freilich unter Zahlung einer sehr beträchtlichen Entschädigungssumme für diesen . Der leise unternommene Versuch , diese Entschädigung durch allerlei Anschuldigungen bedenklicher Natur in punkto Geschäftsgebahrung zu umgehen , ist schließlich nicht gemacht worden , aber schon der Ansatz dazu hat genügt , jenes von mir bereits erwähnte Gerücht von » Gaunereien « etc. zu erzeugen . Das Momustheater ist sehr bald an einen regelrechten Tingeltangeldirektor übergegangen , und man hat eine Weile geglaubt , daß Stilpe selbst mit seiner Entschädigungssumme der Hintermann dieses Variété-Mannes gewesen sei . Der Umstand , daß seine damalige Geliebte , eine Hamburger Chantantsängerin , die Diva des neuen Momustheaters wurde , deutete wohl darauf hin , aber die Stellung eines Hintermannes scheint mir nicht im Charakter Stilpes zu liegen . Zweifellos und leider in Stilpes Charakter sehr ersichtlich begründet ist dagegen die Thatsache , daß er sich nach seiner Entlassung einem völlig verrückten Lotterleben hingegeben hat . In seiner Eigenschaft als » Direktor « hatte er eine unendliche Schaar von Artisten und Artistinnen kennen gelernt , und er umgab sich nun mit einem wahren Heerbann von stellenlosen Sängerinnen und Tänzerinnen . Es wird euch genügen , das Faktum zu vernehmen , um euch ein Bild davon zu machen , in welchem Stile er eine Weile gelebt hat . Meine dichterischen Gewährsmänner machen ihm nicht sowohl dieses Faktum , als den Umstand zum Vorwurf , daß er jede Beziehung mit ihnen und überhaupt mit dem , was sie Literatur und Kunst nennen , abgebrochen habe . Sie sagen in ihrem Stile so : » Er sumpfte wie ein Kapitalist , der sich eine Leibgarde von Mitsumpfern aushalten muß , weil es ihm an Geist und Größe gebricht , allein oder mit erlauchten Leuten congenial zu sumpfen . Er fing wieder an , schwere Getränke nötig zu haben , wo dem Erlesenen schon Gilka genügt , um den Kontrakt mit dem Weltgeiste zu finden . Auch bei ihm war es die Verzweifelung der Impotenz , die ihn zwang , für teures Geld wertlose Räusche zu kaufen . Man brauchte sich schließlich kein Gewissen daraus zu machen , ihn anzupumpen wie einen Kunstfreund von hoher Steuerklasse . « Diese Verachtung von dieser Seite her besagte für mich eigentlich den tiefsten Stand der Stilpischen Dinge . Unser ehemaliger Schaunard , so sagte ich mir , hat also den brutal sinnlichen Zug seines Wesens vollkommen Herr über sich werden lassen und ist , da ihm mehr Geld zur Verfügung stand , als für ihn gut war , in gemeiner und geistloser Schwelgerei untergegangen . Der andere Zug seines Wesens , und wenn es auch blos eine untergrundlose Verblendung war : Das Hinaufbegehren in freie , schöpferische Geistigkeit , die Zuversicht , aus sich etwas Großes , einen Poeten zu machen , das hat er ganz verloren . Aber ich fügte in mir den Gedanken bei : Er muß , wenigstens in vorüber wehenden Augenblicken der Klarheit , wenn der Alkohol versagt , sehr unglücklich dabei sein . Deshalb gab ich mir Mühe , seiner habhaft zu werden . Aber es gelang mir lange Zeit nicht . So lange er Geld hatte , wohnte er , wenn er in Berlin war , bald in diesem , bald in jenem Hôtel , und häufig war er offenbar von Berlin abwesend , vielleicht an den Orten , wo die eine oder andere seiner Favoritinnen gerade ein Engagement an einem Tingeltangel hatte . Jetzt aber haben ihn die Favoritinnen ganz ausgezogen , und - er hat selber ein Engagement an einem Tingeltangel hier . Ich erfuhr , daß er in einem der kleinen Chantants draußen in Berlin N. , wo die Chausseestraße anfängt , als Komiker auftrete , und ich beschloß sofort , den nächsten Abend zu einem Besuche in diesem Lokal , das sich Zum Nordlicht nennt , zu benutzen . Das Milieu brauche ich euch nicht zu schildern ; ihr kennt es aus eigener Erfahrung und aus den Novellen der ersten Periode unsres deutschen Naturalismus . Ich muß sagen : Mit einer wahren Angst sah ich dem Auftreten Stilpes auf dieser Bühne entgegen , auf der sich im Übrigen nur Chansonetten letzten Ranges produzierten . Auf dem Programm stand er als - » Rudolph Schonaar « verzeichnet . Ist das nun ein Stück Selbstironie ? dacht ich mir ; hat er wirklich noch den Humor , sich über sich selbst lustig zu machen ? Wie wird er blos aussehen ! ? Und , mein Gott , wie wird er singen ? ! Ich war auf alles mögliche gefaßt , aber nicht auf das , was kam . Daß ich es kurz sage : Es war eine Leistung ! Ich bin ja freilich kein Kenner auf diesem Gebiete , aber das getraue ich mir zu sagen : In seiner Art war die Charge , die unser Schaunard von ehedem darstellte , ein brillantes Stück grotesk-realistischer Tingeltangelkunst . Es war im Grunde niederdrückend für mich , was ich sah , und doch ging ein Gefühl nebenher , das ich so ausdrücken möchte : Der Kerl imponiert mir doch ! So sich über sich selber zu stellen mit den Mitteln einer zwar niedrigen , aber in ihrem ganzen Stile fabelhaft erfaßten Kunst , so das ganze traurige Ergebnis seines Lebens mit grotesker Laune tragikomisch dem Pöbel vor die Füße zu werfen , so von oben herab auf sich selber herumzutreten und doch den Eindruck eines Mannes zu machen , der sich dabei amüsiert , - wißt ihr : Das ist kein gewöhnliches Stück , da steckt trotz Allem eine künstlerische Persönlichkeit dahinter . Also stellt euch vor : Stilpe trat als verlumpter , versoffener alter Dichter auf . Lange graue Haare , zerknüllter Cylinder , Bratenrock , flatternder Künstlershlips , - dies also die alte schablonenhafte Figur des idealistischen Dichters in übler Vermögenslage . Aber nun hättet ihr sehen sollen , wie das Gesicht , die Bewegungen , die Worte dazu paßten . Zum Gesicht hatte er freilich keine Kunst nötig gehabt : Diese aufgedunsenen Züge , diese alkoholisch poröse , kupferige Nase , diese schwimmenden , unstäten Augen , - das war leider Alles Natur . Auch die Bewegungen , dieses Fallenlassen der Arme , die dann an den Schenkeln herumsuchten und tasteten , dieses nervöse Zucken der Schultern , dieses zitternde Auflegen der rechten Hand auf die Stirne , dieses langsame Auf- und Niederneigen des Kopfes , dieses Nachschleifen der Füße beim schwankenden Gange , - auch dies war im Grunde Natur , nur unterstrichen , perspektivisch berechnet . Aber nun : Was er sprach und sang ! Es war so eine Soloszene , wißt ihr : Monologe mit Gesangseinlagen wechselnd ; man kennt das ja ; diese Geschichten sind eigentlich nicht mehr modern ; ein paar haben sich indessen sogar auf der großen Bühne erhalten . Aber Stilpe hat , ich sage es ohne Überschwänglichkeit , ein Kunstwerk daraus gemacht . Ich wäre auch ergriffen zwischen Lachen und Grausen hin- und hergeworfen worden , wenn kein persönliches Interesse mitgewirkt hätte . Er kam langsam , ruckweise schwankend aus der linken Coulisse und bewegte sich im Zickzack , scheu sich umsehend , nach einer Bank rechts . Wie er sich auf die hinfallen ließ , wie er den Cylinder müde abnahm , sich durch die Haare fuhr und nun mit einem leeren , ängstlichen Blick rund im Zuschauerraum herumsah , das war für mich schon ein Eindruck , wie ich ihn selten von einer Bühne herab gehabt habe . Plötzlich kicherte er , bückte sich und hob einen Zigarrenstummel auf , griff dann lässig an sich herum , fuhr suchend in die Taschen , zog die Hände resigniert heraus und sagte dann leise vor sich hin : Ja , Feuer ! Is nich ! Wieder ein paar Blicke im Kreise . Dann plötzliches Aufrichten und im Vorwärtsschreiten das Bemühen , nicht zu schwanken , sondern anständig , mit Würde zu gehen . Und nun , an der Rampe , eine höfliche Verbeugung vor dem Baßgeiger und im Tone vollendeter Höflichkeit mit gebrochener Stimme : Dürfte ich Sie um etwas Feuer bitten , werter Herr ? Er erhält ein Streichholz , verbeugt sich wiederum sehr höflich und zündet sich den Stummel an ; stößt die Tabakwolken mit Genuß von sich , betrachtet den Stummel mit Zärtlichkeit , lächelt und sagt : Sie müssen nämlich wissen : Ich bin auch Künstler ! Der Baßgeiger sieht ihn fragend an . - Ach nein , so schön geigen kann ich nicht . Nein . Aber - dichten ! Haben Sie keine Kindtaufe in Aussicht ? Ich machs billig . Wenn nur vom Essen was übrig bleibt ... Dies sehr demütig , traurig . Aber auf einmal wird er wild und fängt an zu schimpfen : Auf das Gesindel , das Geld und kein Talent hat , auf alle , die ihn verachten , weil sie Kameele sind , während er ein Genie ist u.s.w. - Ich sage euch : Ein fabelhafter Ausbruch mitten in den johlenden Mob hinein , der sich königlich zu amüsieren anfängt , während der Dichter , an der Rampe hin- und herrennend wie ein Eisbär im Käfig , Zorn , Wut , Verachtung nach allen Richtungen schleudert . Ich hatte die Empfindung , daß Stilpe dies alles improvisierte . Dann fiel er wieder in den demütigen Ton und bat um Verzeihung und ein Glas Gilka . Nachdem ihm dies hinaufgereicht worden war und er es mit der Hast eines Verdurstenden hinuntergestürzt hatte , erklärte er , nun wolle er auch nicht so sein und seinerseits etwas zum Besten geben . Und er begann im Schauerballadenstil sein Leben , das Leben des verkommenen Genies , herunterzusingen . Es war einfach grausig , sag ich euch , wie er immer sich selber als zweite Person behandelte und gleichsam mit dem Stocke auf sich wies , wie die alten Jahrmarktsmorithatensänger auf die warnenden Exempel . Dabei stellte er in großen Zügen wirklich sein eigenes Leben dar , natürlich grotesk verzerrt und mit burlesken Beigaben . Aber ich habe dieses sein Leben nie mit so greller Deutlichkeit erkannt , wie während dieser Ballade , die überdies als parodistische Leistung ein Leckerbissen zu nennen ist . Am Schlusse immer der Kehrreim : O lockert eure steinernen Geberden ! Ich bin ein Lump und ihr könnt Lumpe werden . Seht dieses Fleisch und schlotternde Gebein , Jetzt sauf ich Gilka und einst soff ich Wein . Nachdem er die Ballade zu Ende gesungen hatte , trat er unter johlendem Beifall ab . Der Beifall hielt an , und er erschien wieder , trat ganz an die Rampe vor und sagte : » Übrigens haben Sie mich vorhin gestört . Ich bin nicht hier hergekommen , Ihnen was vorzuflöten . « Dann ganz leise : » Es ist doch kein Schutzmann unter Ihnen ... ? ... « Rufe aus dem Publikum : Ich wo ! - Stilpe : » Ich ... ich ... möchte mich nämlich erhängen . « Ihr werdet es kaum glauben , aber das wurde in einem Tone gesagt , daß selbst dieses Publikum erschrak . Aber nun schlug Stilpe eine Lache auf : Sie denken wohl , das ist unangenehm ? Im Gögenteil ! Ich habe mir sagen lassen , man erlebt da seine schönsten Sachen alle noch einmal . Jotte nee , was ick mir auf Laura ' n freue ! Und jetzt folgte ein bockiges Herumstolzieren mit vorgestrecktem Bauche , eine laszive Szene ohne Worte , die in mir direkt den Staatsanwalt wachrief . Gemein ! Gemein ! Das Publikum wand sich vor Entzücken . Stilpe aber hielt plötzlich inne und rief : Aber wissen Sie denn auch , warum ich mich erhängen will ? Und nun folgte , ich kann es nicht anders nennen , eine Dissertation über den Selbstmord . Und zwar so , daß er erst alle möglichen gewöhnlichen Selbstmordgründe ablehnte , um schließlich als einzig zwingenden und berechtigten Grund den anzuführen : Es giebt kein Getränk mehr , das mich umbringen könnte , drum muß ick mir selber umbringen . Nun zog er den Strick hervor und sang ihn als » Schnaps der Schnäpse « an . Während der Schlußstrophe warf er den Strick um einen Laternenhaken , und während der Vorhang fiel , legt er sich den Strick um den Hals . Ich atmete auf , wie der Vorhang unten war . Das Publikum aber klatschte wie besessen . Nach einer Weile hob sich der Vorhang wieder , und ich sah , daß die Originalität unseres verflossenen Freundes auch als Tingeltangelsänger keine Grenzen kennt : Der Dichter hing an der Laterne und sang , ungeachtet des Einspruchs der Naturgesetze , in dieser Situation , röchelnd und nach Luft schnappend , sein Schwanenlied , eine schauerliche Mischung von Grausen , grotesker Komik und Cynismus . Dann ein letztes Schlenkern mit den Beinen , die Zunge weit heraus , dem Publikum entgegengestreckt , - der Vorhang fiel . So oft er sich wieder unter dem Beifallgewieher des Publikums hob , sah man den Dichter am Laternenpfahl hängen und mit herausgestreckter Zunge den grinsenden Kopf dankend verneigen . Scheußlich ! Scheußlich ! werdet ihr sagen , und ihr habt ganz gewiß recht , aber ich wiederhole es : Was in meiner Darstellung blos widerlich wirken kann , machte von der Bühne herab , ich muß es bekennen , in der Hauptsache auf mich doch den Eindruck von ergreifender Kunst , schauderhaft verirrter , gottsträflicher , infamer Kunst zwar , aber ich wäre nicht im Stande gewesen , etwa inmitten dieser schauerlichen Frivolitäten aufzustehen und fortzugehen . Alles in mir empörte sich , aber ich war gefesselt . In jedem anderen Falle wäre ich nun freilich jetzt weggegangen , zumal , da auf diese pièce de resistance des Nordlichtes nur noch die ausgesungenste aller Chanteusen folgte , aber mich verlangte es , Stilpe nun auch » in Civil « zu sehen . Wie muß der Mensch , der aus seinem Leben einen solchen grausigen Clownwitz zu machen im Stande ist , aussehen , wie muß er sich benehmen , wenn er mir gegenüber steht , der ihn aus Zeiten her kennt , wo es trotz Allem doch eine solche Perspektive auf das Ende nicht gab ! Ich schickte ihm meine Karte hinter die Bühne . Nach einer Viertelstunde erschien er , die Vorstellung war mittlerweile durch den üblichen Galopp geschlossen , an meinem Tische . Unglaublich ! Er geberdete sich wenigstens ganz wie früher . - Willst Du mich verhaften , Staatsanwalt meiner Seele ? Wieviel Jahre stehen auf den Bauchtanz meiner Prägung ? Ich hatte Mühe , ihn von diesem Stil abzubringen . Ganz hat er ihn überhaupt nicht aufgegeben . Das Endresultat , was ich euch zu vermelden habe , ist dies : Stilpe erklärt , sich recht wohl zu fühlen , wenngleich es ihm nur in den seltensten Fällen noch gelingt , sich zu betrinken . Als Entschädigung für diesen beklagenswerten Umstand bezeichnet er die » glorreiche Thatsache « , daß er endgiltig darauf verzichtet habe , in die Literaturgeschichte zu kommen . - Literatur ? Pf ! Das Tingeltangel ist die Kunst der Zukunft . Übrigens hat meine Orgel blos noch eine Pfeife . Sonst ? ... Na , mein Junge , wenn alle Pfeifen schweigen , - die Heilsarmee leckt alle Finger nach mir . Ein bischen religiös komm ich mir überhaupt manchmal vor . Wer weiß ... ? ... Wer kann wissen ... ? ... Überhaupt ... der liebe Gott ! ... Na ... einstweilen halten wir mal die Fahne hoch ... Aber nicht wahr : Meine Nummer is gut ! ? Schlußkapitel Etwa drei Wochen nach dem Gespräche Girlingers mit Stilpe erhielten die Berliner neben anderen Frühstücksbeilagen auch diese Notiz vorgesetzt : ( Selbstmord eines Chantantkomikers . ) Die Besucher der Variétébühne » Zum Nordlicht « waren gestern Abend Zeugen eines grausigen Schauspiels . Der Komiker Schonaar hat sich auf offener Bühne vor den Augen des Publikums erhängt . Da der Schlußtric in der Nummer dieses Komikers ( ! ) darin bestand , daß er sich an einem Laternenpfahl aufhängte , so gewahrte das Publikum es anfangs nicht , daß diesmal das an sich scheußliche Schauspiel entsetzliche Wirklichkeit war . Es applaudierte , die scheinbare Naturwahrheit der Darstellung bewundernd , anhaltend , so daß sich der Vorhang dreimal über dem zuckenden Körper des Hängenden erheben mußte . Da erst fiel es den » Habitués « dieser Schaustellung auf , daß der Darsteller nicht wie sonst seinen Kopf in der Schlinge gegen das Publikum verneigte . Man eilte über die Rampe weg auf die Bühne und schnitt den Erhängten ab . Da es nicht möglich war , ihn wieder ins Leben zu bringen , so muß mit Bestimmtheit angenommen werden , daß Schonaar , um ganz sicher zu gehen , sich vorher vergiftet hat . Die polizeiärztliche Untersuchung wird zweifellos die Richtigkeit dieser Mutmaßung ergeben . In den Taschen des Selbstmörders fand man ein Packet mit der Aufschrift : An den Staatsanwalt Girlinger . Dies erweckt die Vermutung , daß dieser Selbstmord vielleicht noch anderweites kriminelles Interesse hat . Wir kommen auf den krassen Fall zurück . Schon zum Abendbrot hatten die Berliner volle Aufklärung über den Fall Schonaar . Sie lasen : ( Zum Selbstmord im » Nordlicht « . ) Der scheußliche Selbstmord auf offener Bühne , von dem wir heute früh berichtet haben , hat kein weiteres kriminelles Interesse , wohl aber eine psychologisches traurigster Natur . Der Selbstmörder , der unter dem Namen Schonaar ein elendes Dasein als Komiker niederster Gattung gefristet hat , war der ehemals viel genannte und gefürchtete Kritiker Willibald Stilpe , derselbe , der sich in der Literatur durch das berüchtigte Pamphlet » Der Tintensumpf « unmöglich gemacht und dann das bald verkrachte » Literatur-Tingeltangel Momus « gegründet hat . Wieder einmal ein Talent , das an seiner eigenen Charakterlosigkeit zu Grunde gegangen ist ! Über die direkten Motive zu diesem in so schauerlicher Weise in Szene gesetzten Selbstmord haben wir vom Herrn Staatsanwalt Girlinger