auf Seite der Dänen und war überhaupt kein Mensch , sondern ein Schiff und hieß » Rolf Krake « . » Ja , Kinder , wie wir nu da so rübergondelten , da lag das schwarze Biest immer dicht neben uns und sah aus wie ' n Sarg . Und wenn es gewollt hätte , so wär es auch alle mit uns gewesen und bloß noch plumps in den Alsensund . Und weil wir das wußten , schossen wir immer drauflos , denn wenn einem so zumute ist , dann schießt der Mensch immerzu . « Ja , » Rolf Krake « war eine fatale Sache für Kluckhuhn gewesen . Aber dasselbe schwarze Schiff , das ihm damals soviel Furcht und Sorge gemacht hatte , war doch auch wieder ein Segen für ihn geworden , und man durfte sagen , sein Leben stand seitdem im Zeichen von » Rolf Krake « . Wie Gundermann immer der Sozialdemokratie das » Wasser abstellen « wollte , so verglich Kluckhuhn alles zur Sozialdemokratie Gehörige mit dem schwarzen Ungetüm im Alsensund . » Ich sag euch , was sie jetzt die soziale Revolution nennen , das liegt neben uns wie damals Rolf Krake ; Bebel wartet bloß , und mit eins fegt er dazwischen . « Schulze Kluckhuhn war in der ganzen Stechliner Gegend sehr angesehen , und als er jetzt mit seiner Medaille so dasaß , dicht neben Koseleger , war er sich dessen auch wohl bewußt . Aber gegen Krippenstapel , den er als Schulpauker und Bienenvater eigentlich nicht für voll ansah , kam er bei dieser Gelegenheit doch nicht an ; Krippenstapel hatte heute ganz seinen großen Tag , so sehr , daß selbst Kluckhuhn seinen Ton herabstimmen mußte . Katzler , ein entschiedener Nichtredner , begann , als er sich mit seinem Notizenzettel , auf dem verschiedene Satzanfänge standen , erhoben hatte , mit der Versicherung , daß er den so zahlreich Anwesenden , unter denen vielleicht auch einige Andersdenkende seien , für ihr Erscheinen danke . Sie wüßten alle , zu welchem Zweck sie hier seien . Der alte Kortschädel sei tot , » er ist in Ehren hingegangen « , und es handle sich heute darum , dem alten Herrn von Kortschädel im Reichstag einen Nachfolger zu geben . Die Grafschaft habe immer konservativ gewählt ; es sei Ehrensache , wieder konservativ zu wählen . » Und ob die Welt voll Teufel wär . « Es liege der Grafschaft ob , dieser Welt des Abfalls zu zeigen , daß es noch » Stätten « gäbe . Und hier sei eine solche Stätte . » Wir haben , glaub ich « , so schloß er , » niemand an diesem Tisch , der das Parlamentarische voll beherrscht , weshalb ich bemüht gewesen bin , das , was uns hier zusammengeführt hat , schriftlich niederzulegen . Es ist ein schwacher Versuch . Jeder tut , soviel er kann , und der Brombeerstrauch hat eben nur seine Beeren . Aber auch sie können den durstigen Wanderer erfrischen . Und so bitte ich denn unsern politischen Freund , dem wir außerdem für die Erforschung dieser Gegenden soviel verdanken , ich bitte Herrn Lehrer Krippenstapel , uns das von mir Aufgesetzte vorlesen zu wollen . Ein Promemoria . Man kann es vielleicht so nennen . « Katzler , unter Verneigung , setzte sich wieder , während sich Krippenstapel erhob . Er blätterte wie ein Rechtsanwalt in einer Anzahl von Papieren und sagte dann : » Ich folge der Aufforderung des Herrn Vorsitzenden und freue mich , berufen zu sein , ein Schriftstück zur Verlesung zu bringen , das unser aller Gefühlen - ich bin dessen sicher und glaube von den Einschränkungen , die unser Herr Vorsitzender gemacht hat , absehen zu dürfen - zu kräftigstem Ausdruck verhilft . « Und nun setzte Krippenstapel seine Hornbrille auf und las . Es war ein ganz kurzes Schriftstück und enthielt eigentlich dasselbe , was Katzler schon gesagt hatte . Die Betonungen Krippenstapels sorgten aber dafür , daß der Beifall reichlicher war und daß die Schlußwendung , » und so vereinigen wir uns denn in dem Satze : was um den Stechlin herum wohnt , das ist für Stechlin « , einen ungeheuren Beifall fand . Pyterke hob seinen Helm und stieß mit dem Pallasch auf , während Uncke sich umsah , ob doch vielleicht ein einzelner Übelwollender zu notieren sei . Nicht um ihn direkt anzuzeigen , aber doch zur Kenntnisnahme . Brose , der ( wohl eine Folge seines Berufs ) unter dem ungewohnten langen Stillstehen gelitten hatte , nahm im Vorflur , wie zur Niederkämpfung seiner Beinnervosität , eine Art Probegeschwindschritt rasch wieder auf , während Kluckhuhn sich von seinem Stuhl erhob , um Katzler erst militärisch und dann unter gewöhnlicher Verbeugung zu begrüßen , wobei seine Düppelmedaille dem Katzlerschen Eisernen Kreuz entgegenpendelte . Nur Koseleger und Lorenzen blieben ruhig . Um des Superintendenten Mund war ein leiser ironischer Zug . Dann erklärte der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen ; alles brach auf , und nur Uncke sagte zu Brose : » Wir bleiben noch , Brose ; morgen wird es Lauferei genug geben . « » Denk ich auch . Aber lieber laufen , als hier so stillestehen . « Achtzehntes Kapitel Draußen , unter dem Gezweig der alten Linden , standen mehrere Kaleschwagen , aber der des Superintendenten fehlte noch , weil Koseleger eine viel längere Sitzung erwartet und daraufhin seinen Wagen erst zu zehn Uhr bestellt hatte . Bis dahin war noch eine hübsche Zeit ; der Superintendent indessen schien nicht unzufrieden darüber , und seines Amtsbruders Arm nehmend , sagte er : » Lieber Lorenzen , ich muß mich , wie Sie sehen , bei Ihnen zu Gaste laden . Als Unverheirateter werden Sie , so hoffe ich , über die Störung leicht hinwegkommen . Die Ehe bedeutet in der Regel Segen , wenigstens an Kindern , aber die Nichtehe hat auch ihre Segnungen . Unsre guten Frauen entschlagen sich dieser Einsicht , und dieser unbedingte Glauben an sich und ihre Wichtigkeit hat oft was Rührendes . « Lorenzen , der sich - bei voller Würdigung der Gaben seines ihm vorgesetzten und zugleich gern einen spöttischen Ton anschlagenden Amtsbruders - im allgemeinen nicht viel aus ihm machte , war diesmal mit allem einverstanden und nickte , während sie , schräg über den Platz fort , auf die Pfarre zuschritten . » Ja , diese Einbildungen ! « fuhr Koseleger fort , zu dessen Lieblingsgesprächen dieses Thema gehörte . » Gewiß ist es richtig , daß wir samt und sonders von Einbildungen leben , aber für die Frauen ist es das tägliche Brot . Sie malträtieren ihren Mann und sprechen dabei von Liebe , sie werden malträtiert und sprechen erst recht von Liebe ; sie sehen alles so , wie sie ' s sehen wollen , und vor allem haben sie ein Talent , sich mit Tugenden auszurüsten ( erlassen Sie mir , diese Tugenden aufzuzählen ) , die sie durchaus nicht besitzen . Unter diesen meist nur in der Vorstellung existierenden Tugenden befindet sich auch die der Gastlichkeit , wenigstens hierlandes . Und nun gar unsre Pfarrmütter ! Eine jede hätt sich für die heilige Elisabeth mit den bekannten Broten im Korb . Haben Sie übrigens das Bild auf der Wartburg gesehen ? Unter allen Schwindschen Sachen steht es mir so ziemlich obenan . Und in Wahrheit , um auf unsere Pfarrmütter zurückzukommen , liegt es doch so , daß ich mich bei pastorlichen Junggesellen immer am besten aufgehoben gefühlt habe . « Lorenzen lachte : » Wenn Sie nur heute nicht widerlegt werden , Herr Superintendent . « » Ganz undenkbar , lieber Lorenzen . Ich bin noch nicht lang in dieser Gegend , in meinem guten Quaden-Hennersdorf da drüben , aber wenn auch nicht lange , so doch lange genug , um zu wissen , wie ' s hierherum aussieht . Und Ihr Renommee ... Sie sollen so was von einem Feinschmecker an sich haben . Kann ich mir übrigens denken . Sie sind Ästhetikus , und das ist man nicht ungestraft , am wenigsten in bezug auf die Zunge . Ja , das Ästhetische . Für manchen ist es ein Unglück . Ich weiß davon . Das Haus hier vor uns ist wohl Ihr Schulhaus ? Weiß gestrichen und kein Fetzchen Gardine , das ist immer ' ne preußische Schule . So wird bei uns die Volksseele für das , was schön ist , großgezogen . Aber es kommt auch was dabei heraus ! Mitunter wundert ' s mich nur , daß sie die Bauten aus der Zeit Friedrich Wilhelms I. nicht besser konservieren . Eigentlich war das doch das Ideal . Graue Wand , hundert Löcher drin und unten großes Hauptloch . Und natürlich ein Schilderhaus daneben . Letzteres das Wichtigste . Schade , daß so was verlorengeht . Übrigens rettet hier der grüne Staketenzaun das Ganze ... Wie heißt doch der Lehrer ? « » Krippenstapel . « » Richtig , Krippenstapel . Katzler nannte ihn ja während der Sitzung mit einer Art Aplomb . Ich erinnere mich noch , wie mir der Name wohltat , als ich ihn das erste Mal hörte . So heißt nicht jeder . Wie kommen Sie mit dem Manne aus ? « » Sehr gut , Herr Superintendent . « » Freut mich aufrichtig . Aber es muß ein Kunststück sein . Er hat ein Gesicht wie ' ne Eule . Dabei so was Steifleinenes und zugleich Selbstbewußtes . Der richtige Lehrer . Meiner in Quaden-Hennersdorf war ebenso . Aber er läßt nun schon ein bißchen nach . « Unter diesen Worten waren sie bis an die Pfarre gekommen , in der man , ohne daß ein Bote vorausgeschickt worden wäre , doch schon wußte , daß der Herr Superintendent mit erscheinen würde . Nun war er da . Nur wenige Minuten waren seit dem Aufbruch vom Krug her vergangen , die trotz Kürze für Frau Kulicke ( eine Lehrerswitwe , die Lorenzen die Wirtschaft führte ) ausgereicht hatten , alles in Chic und Ordnung zu bringen . Auf dem länglichen Hausflur , an dessen äußerstem Ende man gleich beim Eintreten die blinkblanke Küche sah , brannten ein paar helle Paraffinkerzen , während rechts daneben , in der offenstehenden Studierstube , eine große Lampe mit grünem Bilderschirm ein gedämpftes Licht gab . Lorenzen schob den Sofatisch , darauf Zeitungen hoch aufgeschichtet lagen , ein wenig zurück und bat Koseleger , Platz zu nehmen . Aber dieser , eben jetzt das große Bild bemerkend , das in beinahe reicher Umrahmung über dem Sofa hing , nahm den ihm angebotenen Platz nicht gleich ein , sondern sagte , sich über den Tisch vorbeugend : » Ah , gratuliere , Lorenzen . Kreuzabnahme ; Rubens . Das ist ja ein wunderschöner Stich . Oder eigentlich Aquatinta . Dergleichen wird hier wohl im siebenmeiligen Umkreis nicht oft betroffen werden , nicht einmal in dem etwas heraufgepufften Rheinsberg ; in Rheinsberg war man für Watteausche Reifrockdamen auf einer Schaukel , aber nicht für Kreuzabnahmen und dergleichen . Und stammt auch sicher nicht aus dem sogenannten Schloß Ihres liebenswürdigen alten Herrn drüben , Riesenkate mit Glaskugel davor . Ach , wenn ich diese Glaskugeln sehe . Und daneben das hier ! Wissen Sie , Lorenzen , das Bild hier ruft mir eine schöne Stunde meines Lebens zurück , einen Reisetag , wo ich mit Großfürstin Wera vom Haag aus in Antwerpen war . Da sah ich das Bild in der Kathedrale . Waren Sie da ? « Lorenzen verneinte . » Das wäre was für Sie . Dieser Rubens im Original , in seiner Farbenallgewalt . Es heißt immer , daß er nur Flamänderinnen hätte malen können . Nun , das wäre wohl auch noch nicht das schlimmste gewesen . Aber er konnte mehr . Sehen Sie den Christus . Wohl jedem , der draußen war und zu dem die Welt mal in andern Zungen redete ! Hier blüht der Bilderbogen , Türke links , Russe rechts . Ach , Lorenzen , es ist traurig , hier versauern zu müssen . « Als er so gesprochen , ließ er sich , vor sich hin starrend , in die Sofaecke nieder , ganz wie in andre Zeiten verloren , und sah erst wieder auf , als ein junges Ding ins Zimmer trat , groß und schlank und blond , und dem Pastor verlegen und errötend etwas zuflüsterte . » Meine gute Frau Kulicke « , sagte Lorenzen , » läßt eben fragen , ob wir unsern Imbiß im Nebenzimmer nehmen wollen . Ich möchte beinahe glauben , es ist das beste , wir bleiben hier . Es heißt zwar , ein Eßzimmer müsse kalt sein . Nun , das hätten wir nebenan . Ich persönlich finde jedoch das Temperierte besser . Aber ich bitte bestimmen zu wollen , Herr Superintendent . « » Temperiert . Mir aus der Seele gesprochen . Also wir bleiben , wo wir sind ... Aber sagen Sie mir , Lorenzen , wer war das entzückende Geschöpf ? Wie ein Bild von Knaus . Halb Prinzeß , halb Rotkäppchen . Wie alt ist sie denn ? « » Siebzehn . Eine Nichte meiner guten Frau Kulicke . « » Siebzehn . Ach , Lorenzen , wie Sie zu beneiden sind . Immer solche Menschenblüte zu sehn . Und siebzehn , sagen Sie . Ja , das ist das Eigentliche . Sechzehn hat noch ein bißchen von der Eierschale , noch ein bißchen den Einsegnungscharakter , und achtzehn ist schon wieder alltäglich . Achtzehn kann jeder sein . Aber siebzehn . Ein wunderbarer Mittelzustand . Und wie heißt sie ? « » Elfriede . « » Auch das noch . « Lorenzen wiegte den Kopf und lächelte . » Ja , Sie lächeln , Lorenzen , und wissen nicht , wie gut Sie ' s haben in dieser Ihrer Waldpfarre . Was ich hier sehe , heimelt mich an , das ganze Dorf , alles . Wenn ich mir da beispielsweise den Tisch wieder vergegenwärtige , dran wir , drüben im Krug , vor einer halben Stunde gesessen haben , an der linken Seite dieser Krippenstapel ( er sei , wie er sei ) und an der rechten Seite dieser Rolf Krake . Das sind ja doch lauter Größen . Denn das Groteske hat eben auch seine Größen und nicht die schlechtesten . Und dazu dieser Katzler mit seiner Ermyntrud . All das haben Sie dicht um sich her und dazu dies Kind , diese Elfriede , die hoffentlich nicht Kulicke heißt - sonst bricht freilich mein ganzes Begeisterungsgebäude wieder zusammen . Und nun nehmen Sie mich , Ihren Superintendenten , das große Kirchenlicht dieser Gegenden ! Alles nackte Prosa , widerhaarige Kollegen und Amtsbrüder , die mir nicht verzeihen können , daß ich im Haag war und mit einer Großfürstin über Land fahren konnte . Glauben Sie mir , Großfürstinnen , selbst wenn sie Mängel haben ( und sie haben Mängel ) , sind mir immer noch lieber als das Landesgewächs von Quaden-Hennersdorf , und mitunter ist mir zumut , als gäbe es keine Weltordnung mehr . « » Aber Herr Superintendent ... « » Ja , Lorenzen , Sie setzen ein überraschtes Gesicht auf und wundern sich , daß einer , für den die hohe Klerisei soviel getan und ihn zum Superintendenten in der gesegneten Mittelmark und der noch gesegneteren Grafschaft Ruppin gemacht hat - Sie wundern sich , daß solch zehnmal Glücklicher solchen Hochverrat redet . Aber bin ich ein Glücklicher ? Ich bin ein Unglücklicher ... « » Aber Herr Superintendent ... « » ... Und möchte , daß ich eine Hundertundfünfzig-Seelen-Gemeinde hätte , sagen wir auf dem Toten Mann oder in der Tuchler Heide . Sehen Sie , dann wär es vorbei , dann wüßt ich bestimmt : Du bist in den Skat gelegt . Und das kann unter Umständen ein Trost sein . Die Leute , die Schiffbruch gelitten und nun in einer Isolierzelle sitzen und Tüten kleben oder Wolle zupfen , das sind nicht die Unglücklichsten . Unglücklich sind immer bloß die Halben . Und als einen solchen habe ich die Ehre , mich Ihnen vorzustellen . Ich bin ein Halber , vielleicht sogar in dem , worauf es ankommt ; aber lassen wir das , ich will hier nur vom allgemein Menschlichen sprechen . Und daß ich auch in diesem Menschlichen ein Halber bin , das quält mich . Über das andre käm ich vielleicht weg . « Lorenzens Augen wurden immer größer . » Sehen Sie , da war ich also - verzeihen Sie , daß ich immer wieder darauf zurückkomme - , da war ich also mit siebenundzwanzig im Haag und kam in die vornehme Welt , die da zu Hause ist . Und da war ich denn heut in Amsterdam und morgen in Scheveningen und den dritten Tag in Gent oder in Brügge . Brügge , Reliquienschrein , Hans Memling - so was müßten Sie sehn . Was sollen uns diese ewigen Markgrafen oder gar die Faule Grete ? Mancher , ich weiß wohl , ist fürs härene Gewand oder zum Eremiten geboren . Ich nicht . Ich bin von der andern Seite ; meine Seele hängt an Leben und Schönheit . Und nun spricht da draußen all dergleichen zu einem , und man tränkt sich damit und hat einen Ehrgeiz , nicht einen kindischen , sondern einen echten , der höher hinauf will , weil man da wirken und schaffen kann , für sich gewiß , aber auch für andre . Danach dürstet einen . Und nun kommt der Becher , der diesen Durst stillen soll . Und dieser Becher heißt Quaden-Hennersdorf . Das Dorf , das mich umgibt , ist ein großes Bauerndorf , aufgesteifte Leute , geschwollen und hartherzig , und natürlich so trocken und trivial , wie die Leute hier alle sind . Und noch stolz darauf . Ach , Lorenzen , immer wieder , wie beneide ich Sie ! « Während Koseleger noch so sprach , erschien Frau Kulicke . Sie schob die Zeitungen zurück , um zwei Couverts legen zu können , und nun brachte sie den Rotwein und ein Cabaret mit Brötchen . In dünngeschliffene große Gläser schenkte Lorenzen ein , und die beiden Amtsbrüder stießen an » auf bessere Zeiten « . Aber sie dachten sich sehr Verschiedenes dabei , weil sich der eine nur mit sich , der andre nur mit andern beschäftigte . » Wir könnten , glaub ich « , sagte Lorenzen , » neben den besseren Zeiten noch dies und das leben lassen . Zunächst Ihr Wohl , Herr Superintendent . Und zum zweiten auf das Wohl unsers guten alten Stechlin , der uns doch heute zusammengeführt . Ob wir ihn durchbringen ? Katzler tat so sicher und Kluckhuhn und Krippenstapel nun schon ganz gewiß . Aber ich habe trotzdem Zweifel . Die Konservativen - ich kann kaum sagen , unsre Parteigenossen , oder doch nur in sehr bedingtem Sinne - , die Konservativen sind in sich gespalten . Es gibt ihrer viele , denen unser alter Stechlin um ein gut Teil zu flau ist . Fortiter in re , suaviter in modo , hat neulich einer , der sich auf Bildung ausspielt , von dem Alten gesagt , und von suaviter , wenn auch nur in modo , wollen alle diese Herren nichts wissen . Unter diesen Ultras ist natürlich auch Gundermann auf Siebenmühlen , der Ihnen vielleicht bekannt geworden ist ... « » Versteht sich . War neulich bei mir . Ein Mann von drei Redensarten , von denen die zwei besten aus der Wassermüllersphäre genommen sind . « » Nun , dieser Gundermann , wie immer die Dummen , ist zugleich Intrigant , und während er vorgibt , für unsern guten alten Stechlin zu werben , tropft er den Leuten Gift ins Ohr und erzählt ihnen , daß der Alte senil sei und keinen Schneid habe . Der alte Stechlin hat aber mehr Schneid als sieben Gundermanns . Gundermann ist ein Bourgeois und ein Parvenu , also so ziemlich das Schlechteste , was einer sein kann . Ich bin schon zufrieden , wenn dieser Jämmerling unterliegt . Aber um den Alten bin ich besorgt . Ich kann nur wiederholen : es liegt nicht so günstig für ihn , wie die Gegend hier sich einbildet . Denn auf das arme Volk ist kein Verlaß . Ein Versprechen und ein Kornus , und alles schnappt ab . « » Ich werde das Meine tun « , sagte Koseleger mit einer Mischung von Pathos und Wohlwollen . Aber Lorenzen hatte dabei den Eindruck , daß sein Quaden-Hennersdorfer Superintendent bereits ganz andern Bildern nachhing . Und so war es auch . Was war für Koseleger diese traurige Gegenwart ? Ihn beschäftigte nur die Zukunft , und wenn er in die hineinsah , so sah er einen langen , langen Korridor mit Oberlicht und am Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift : » Dr. Koseleger , Generalsuperintendent . « So ziemlich um dieselbe Stunde , wo die beiden Amtsbrüder » auf bessere Zeiten « anstießen , hielt Katzlers Pürschwagen - die Sterne blinkten schon - vor seiner Oberförsterei . Das Blaffen der Hunde , das , solange der Wagen noch weitab war , unausgesetzt über die Waldwiese hingeklungen war , verkehrte sich mit einem Mal in winseliges Geheul und wunderliche Freudentöne . Katzler sprang aus dem Wagen , hing den Hut an einen im Flur stehenden Ständer ( von den ewigen » Geweihen « wollte er als feiner Mann nichts wissen ) und trat gleich danach in das an der linken Flurseite gelegene , matt erleuchtete Wohnzimmer seiner Frau . Das gedämpfte Licht ließ sie noch blasser erscheinen , als sie war . Sie hatte sich , als der Wagen hielt , von ihrem Sofaplatz erhoben und kam ihrem Manne , wie sie regelmäßig zu tun pflegte , wenn er aus dem Walde zurückkam , zu freundlicher Begrüßung entgegen . Ein als Weihnachtsgeschenk für eine jüngere Schwester bestimmtes Batisttuch , in das sie eben die letzte Zacke der Ippe-Büchsensteinschen Krone hineinstickte , hatte sie , bevor sie sich vom Sofa erhob , aus der Hand gelegt . Sie war nicht schön , dazu von einem lymphatisch-sentimentalen Ausdruck , aber ihre stattliche Haltung und mehr noch die Art , wie sie sich kleidete , ließen sie doch als etwas durchaus Apartes und beinahe Fremdländisches erscheinen . Sie trug , nach Art eines Morgenrockes , ein glatt herabhängendes , leis gelbgetöntes Wollkleid und als Eigentümlichstes einen aus demselben gelblichen Wollstoff hergestellten Kopfputz , von dem es unsicher blieb , ob er einen Turban oder eine Krone darstellen sollte . Das Ganze hatte etwas Gewolltes , war aber neben dem Auffälligen doch auch wieder kleidsam . Es sprach sich ein Talent darin aus , etwas aus sich zu machen . » Wie glücklich bin ich , daß du wieder da bist « , sagte Ermyntrud . » Ich habe mich recht gebangt , diesmal nicht um dich , sondern um mich . Ich muß dies egoistischerweise gestehen . Es waren recht schwere Stunden für mich , die ganze Zeit , daß du fort warst . « Er küßte ihr die Hand und führte sie wieder auf ihren Platz zurück . » Du darfst nicht stehen , Ermyntrud . Und nun bist du auch wieder bei der Stickerei . Das strengt dich an und hat , wie du weißt , auf alles Einfluß . Der gute Doktor sagte noch gestern , alles sei im Zusammenhang . Ich seh auch , wie blaß du bist . « » Oh , das macht der Schirm . « » Du willst es nicht wahrhaben und mir nichts sagen , was vielleicht wie Vorwurf klingen könnte . Ich mache mir aber den Vorwurf selbst . Ich mußte hierbleiben und nicht hin zu dieser Stechliner Wahlversammlung . « » Du mußtest hin , Wladimir . « » Ich rechne es dir hoch an , Ermyntrud , daß du so sprichst . Aber es wäre schließlich auch ohne mich gegangen . Koseleger war da , der konnte das Präsidium nehmen so gut wie ich . Und wenn der nicht wollte , so konnte Torfinspektor Etzelius einspringen . Oder vielleicht auch Krippenstapel . Krippenstapel ist doch zuletzt der , der alles macht . Jedenfalls liegt es so , wenn es der eine nicht ist , ist es der andre . « » Ich kann das zugeben . Wie könnte sonst die Welt bestehen ? Es gibt nichts , was uns so Demut predigte wie die Wahrnehmung von der Entbehrlichkeit des einzelnen . Aber darauf kommt es nicht an . Worauf es ankommt , das ist Erfüllung unsrer Pflicht . « Katzler , als er dies Wort hörte , sah sich nach einem Etwas um , das ihn in den Stand gesetzt hätte , dem Gespräch eine andere Wendung zu geben . Aber , wie stets in solchen Momenten , das , was retten konnte , war nicht zu finden , und so sah er denn wohl , daß er einem Vortrage der Prinzessin über ihr Lieblingsthema » von der Pflicht « verfallen sei . Dabei war er eigentlich hungrig . Ermyntrud wies auf ein Taburett , das sie mittlerweile neben ihren Sofaplatz geschoben , und sagte : » Daß ich immer wieder davon sprechen muß , Wladimir . Wir leben eben nicht in der Welt um unsert- , sondern um andrer willen . Ich will nicht sagen , um der Menschheit willen , was eitel klingt , wiewohl es eigentlich wohl so sein sollte . Was uns obliegt , ist nicht die Lust des Lebens , auch nicht einmal die Liebe , die wirkliche , sondern lediglich die Pflicht ... « » Gewiß , Ermyntrud . Wir sind einig darüber . Es ist dies außerdem auch etwas speziell Preußisches . Wir sind dadurch vor andern Nationen ausgezeichnet , und selbst bei denen , die uns nicht begreifen oder übelwollen , dämmert die Vorstellung von unsrer daraus entspringenden Überlegenheit . Aber es gibt doch Unterschiede , Grade . Wenn ich statt zu der Stechliner Wählerversammlung lieber zu Doktor Sponholz oder zur alten Stinten in Kloster Wutz ( die ja schon früher einmal dabei war ) gefahren wäre , so wäre das doch vielleicht das Bessere gewesen . Es ist ein Glück , daß es noch mal so vorübergegangen . Aber darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen . « » Nein , darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen . Aber man darf darauf rechnen , daß , wenn man das Pflichtgemäße tut , man zugleich auch das Rechte tut . Es hängt soviel an der Wahl unsers alten trefflichen Stechlin . Er steht außerdem sittlich höher als Kortschädel , dem man , trotz seiner siebzig , allerhand nachsagen durfte . Stechlin ist ganz intakt . Etwas sehr Seltenes . Und einem sittlichen Prinzip zum Siege zu verhelfen , dafür leben wir doch recht eigentlich . Dafür lebe wenigstens ich . « » Gewiß , Ermyntrud , gewiß . « » In jedem Augenblicke seiner Obliegenheiten eingedenk sein , ohne erst bei Neigung oder Stimmung anzufragen , das hab ich mir in feierlicher Stunde gelobt , du weißt , in welcher , und du wirst mir das Zeugnis ausstellen , daß ich diesem Gelöbnis nachgekommen ... « » Gewiß , Ermyntrud , gewiß . Es war unser Fundament ... « » Und wenn es sich um eine sittliche Pflicht handelt , wie doch heute ganz offenbar , wie hätt ich da sagen wollen : bleibe . Ich wäre mir klein vorgekommen , klein und untreu . « » Nicht untreu , Ermyntrud . « » Doch , doch . Es gibt viele Formen der Untreue . Das Persönliche hat sich der Familie zu bequemen und unterzuordnen und die Familie wieder der Gesellschaft . In diesem Sinne bin ich erzogen , und in diesem Sinne tat ich den Schritt . Verlange nicht , daß ich in irgend etwas diesen Schritt zurück tue . « » Nie . « Das kleine Dienstmädchen , eine Heideläufertochter , deren storres Haar , von keiner Bürste gezähmt , immer weit abstand , erschien in diesem Augenblicke , meldend , daß sie das Teezeug gebracht habe . Katzler nahm seiner Frau Arm , um sie bis in das zweite , nach dem Hof hinaus gelegene Zimmer zu führen . Als er aber wahrnahm , wie schwer ihr das Gehen wurde , sagte er : » Ich freue mich , dich so sprechen zu hören . Immer du selbst . Ich bin aber doch in Unruhe und will morgen früh zur Frau schicken . « Sie nickte zustimmend , während ein halb zärtlicher Blick den guten Katzler streifte , der , solange das ihm nur zu wohlbekannte Gespräch über Pflicht gedauert hatte , von Minute zu Minute verlegener geworden war . Neunzehntes Kapitel Und nun war Wahltagmorgen . Kurz vor acht erschien Lorenzen auf dem Schloß , um in Dubslavs schon auf der Rampe haltenden Kaleschewagen einzusteigen und mit nach Rheinsberg zu fahren . Der Alte , bereits gestiefelt und gespornt , empfing ihn mit gewohnter Herzlichkeit und guter Laune . » Das ist recht , Lorenzen . Und nun wollen wir auch gleich aufsteigen . Aber warum haben Sie mich nicht an Ihrem Pfarrgarten erwartet ? Muß ja doch dran vorüber « - und dabei schob er ihm voll Sorglichkeit eine Decke zu , während die Pferde schon anrückten . » Übrigens freut es mich trotzdem ( man widerspricht sich immer ) , daß Sie nicht so praktisch gewesen und doch lieber gekommen sind . Es is ' ne Politesse . Und die Menschen sind jetzt so schrecklich unpoliert und geradezu unmanierlich ... Aber lassen wir ' s ; ich kann es nicht ändern , und es grämt mich auch nicht . « » Weil Sie gütig sind