, der Alte würde den Verlust schwerlich überleben . » Ja , ja , das kann ich begreifen ! « sagte der Hauptmann . Schließlich sprang er auf von seinem Sitze . » Ich will Ihnen mal was sagen , Büttner ! Ich werde die Sache machen ! Ich will dem Grafen schreiben . Versprechen kann ich nichts , aber ich kann wohl sagen , der Graf tut im allgemeinen , was ich ihm empfehle . Die Verantwortung ist nicht klein , die ich auf mich nehme ; aber ich will ' s tun , weil ... Um der Sache willen will ich ' s tun . « Gustav ging vom Rittergutshofe mit viel leichterem Herzen , als er gekommen . II. Samuel Harrassowitz saß in seinem halbverdeckten Wägelchen , in welchem er über Land zu fahren pflegte . Auf dem Bocke der Kutscher , mit einer goldbetreßten Livree angetan , die Sam bei irgendeiner Zwangsversteigerung billig erstanden hatte . Er war auf der Fahrt nach Wörmsbach begriffen , ein Dorf , in dem er verschiedene Häuser und Landparzellen besaß . Sein Weg führte ihn über Halbenau . Eigentlich hatte es nicht in seinem Plane gelegen , sich hier aufzuhalten , aber als er von weitem den Giebel des Büttnerschen Hauses winken sah , konnte er der Versuchung nicht widerstehen , einen Abstecher dorthin zu unternehmen . ' mal sehen , wie die Dinge dort standen . Auf ein Stündchen kam es ja nicht an . Und » stets auf dem Platze sein « , das war eines von Sams Geschäftsgeheimnissen . Außerdem hatte er den Bauernhof und seine Bewohner nicht ungern . Harrassowitz war einer gewissen Gutmütigkeit fähig . Er haßte die nicht , welche er schädigte . Auch besaß er Sinn für die Gemütlichkeit . Er vertilgte nicht gierig ; das war nicht klug , und man verdarb sich den Genuß . Er nahm sich Zeit und machte sich öfters das Vergnügen , um seinen Baum herumzugehen , mit den Früchten zu liebäugeln , ehe er sie schüttelte . Er gab dem Kutscher Weisung , von der großen Straße abzubiegen und hielt bald darauf im Büttnerschen Hofe . Die alte Bäuerin erschien in der Haustür . Sie erschrak , als sie den Händler erkannte , und vergaß darüber ganz , ihn zu begrüßen . » Ist denn mein braver Büttner zu Haus ? « fragte Sam . Die Bäuerin erklärte , er sei mit Karl im Walde , und Gustav sei aufs Rittergut gegangen . » Ich bin ack ganz alleene mit den Madeln , « meinte sie schüchtern . » Recht so , Frau Büttner , recht so ! « sagte der Händler im Aussteigen . » Ihr Mann ist ein fleißiger Mann , immer bei der Arbeit , trotz seiner Jahre . Das ist brav ! Mein Kutscher kann wohl etwas Hafer bekommen für das Pferd - nicht wahr ? « Die Bäuerin beeilte sich , zu versichern , daß hier alles zu seinen Diensten stünde . Sie schickte sofort Ernestinen in den Stall , um Hafer und Heu für das Pferd des Herrn Harrassowitz zu besorgen . » Leg die Decke auf ! « befahl der Händler . » Und laß dir überschlagenes Wasser geben - hörst du ! daß er mir nicht etwa Husten kriegt ! « Nachdem er so für das Wohlergehen seines Tieres gesorgt hatte , wandte sich Sam wieder an die Bäuerin . » Und mir machen Sie wohl eine kleine Tasse Kaffee zurecht , beste Frau Büttner ! Ich bin ganz ausgekältet von der Fahrt , und Sie kochen ja solch ausgezeichneten Kaffee ; das weiß ich von neulich . « Damit trat er ins Haus und klopfte der alten Frau wohlwollend auf den Rücken . Die Bäuerin war nur zu froh , Herrn Harrassowitz eine Aufmerksamkeit erweisen zu dürfen . Der Mann spielte keine geringe Rolle in den Hoffnungen und Befürchtungen der Familie . Sein Name wurde nur mit gedämpfter Stimme ausgesprochen . Die alte Frau wußte , daß ihrer aller Wohl und Wehe in dieser Hand lag . Nach Weiberart glaubte sie , daß man einen Feind dadurch entwaffnen könne , wenn man ihm schmeichle . Trotz ihrer Lähme , die sich im Laufe des Winters verschlimmert hatte , lief sie auf und ab , rief den Töchtern zu , sie sollten sich sputen , ließ das Feuer schüren , setzte selbst das Wasser an und schaffte heran , was nur irgend im Hause an Leckerbissen aufzutreiben war . Sam entledigte sich inzwischen seines Nerzpelzes , der nach seiner Angabe von den Mädchen breit am Kachelofen aufgehangen wurde , damit er nicht auskühle . Dann ließ er sich selbst in der Nähe des Ofens nieder . » Ein hübsches , warmes Zimmer haben Sie hier , Mama Büttnern ! « sagte er in gemütlich scherzendem Tone . » Es geht nichts über die Temperatur in den Bauernstuben . Ich wollte eigentlich erst durchfahren durch Halbenau ; dann dachte ich : mußt doch mal sehen , was Büttners machen . « Die Bäuerin wußte kaum , wie sie ihren Dank für so viel Ehre in Worte kleiden sollte . » Jetzt im Winter ist ruhige Zeit auf dem Lande , « fuhr er fort . » Keine Arbeit auf dem Felde , was ? Im Frühjahre da geht ' s dann wieder ordentlich los mit allen Kräften . Sie haben ja jetzt auch Ihren zweiten Sohn hier , wie ich höre . « » Se meenen Gustaven ? « » Der bei den Soldaten war bis vor kurzem ; der wird dem Vater nun wohl tüchtig in der Wirtschaft helfen ? « » Freil ' ch ! Das mechte aben sein ! Aber er tutt sich sei Madel heiraten . Und hernachen da will er furt von uns . Ar spricht , er wullte sei eegner Herre sein . ' s gefällt ' n ni mih zu Hause . Ar gieht , und ar sieht s ' ch nach an Dienste im . Vurden gerade , eh Se kamen is er uf ' n Huf geganga wegen aner Kutscherstelle . Ar spricht , er mechte als Kutscher giehn beim Grafen , spricht ' r. « » So , so ! Zum Grafen will er . Sagen Sie Ihrem Sohn mal von mir , das soll er lieber bleiben lassen . Herrschaftlicher Dienst , das ist schlimmer als Sklaverei . Er mag lieber zu mir kommen . Ich werde ihm schon was verschaffen . Drüben im Wörmsbach zum Beispiel , da habe ich gerade eine Stelle , die wäre für einen tüchtigen jungen Landwirt wie geschaffen . Haus , Garten , einige zwanzig Morgen Feld dazu . Ich würde ihm die Pacht billig lassen . Dort könnte er sein Glück machen . Sagen Sie ihm das von mir ! « Die Bäuerin beknixte jeden seiner Sätze . Inzwischen hatte sich der Tisch vor dem Fremden mit allerhand Eßbarem bedeckt . Die alte Frau trat zu ihm : » Entschuld ' gen Se ack , Herr Harrassowitz , mir han ' s emal ne basser . Was mer han , das gähn mer Se gerne . Nu war ' ch den Kutscher ane Bemme schmieren giehn . Und an Branntwein wird er wuhl och annehmen . Oder sull ' ch ' n ane Neege Kaffee gähn , dem Kutscher ? « » Tun Sie das , Frau Büttner , « sagte Harrassowitz lachend und kniff dabei die alte Frau in den bloßen Arm . » Man wird bei Ihnen wirklich verwöhnt . « Dann hieb er ein und ließ es sich schmecken . Toni brachte die Kaffeekanne herbei und setzte sie auf den Tisch . Ernestine mußte die beste Tasse aus dem Glasschranke holen . Die Bäuerin schenkte selbst ein . Es war alles um den Gast bemüht . Dem schien es offenbar Freude zu machen , sich so aufmerksam bedient zu sehen . Er schlürfte seinen Kaffee , blickte die Frauen vergnügt schmunzelnd durch seinen goldenen Zwicker an und richtete hin und wieder eine Frage an sie . Die Frauen wagten kaum zu antworten , verlegen standen sie im Hintergrunde und sahen ihm mit ehrfurchtsvollem Schweigen zu , wie er aß und trank . Sam betrachtete sich die Tasse , aus der er trank . » Dem Jubelpaare ! « stand darauf in Goldschrift . Die Bäuerin erklärte , das sei ein Geschenk gewesen zur silbernen Hochzeit , die sie vor etwa fünf Jahren gefeiert hätten . » Dreißig Jahre verheiratet ! « rief Sam . » Eine schöne Zeit ! « Und je glücklicher man gewesen , je kürzer kommt es einem vor . - Nicht wahr ? - Ich werde nun auch bald meine silberne feiern . Mein Ältester ist schon auf Universität . Er studiert Jurisprudenz , verstehen Sie . Zu Ostern wird er fertig . Ein feiner Kopf , sage ich Ihnen ! » Habe mir ' s aber auch , was kosten lassen . Dem Jungen ist nichts abgegangen . « Sams Gesicht strahlte , als er von seinem begabten Sprößlinge sprach . Er sah sich selbstzufrieden im Kreise um und weidete sich an der stummen Bewunderung , die hier jedem seiner Worte entgegengebracht wurde . Sein Blick fiel auch auf Toni . Seine zudringlichen , alles Zweideutige ausspürenden und aufstöbernden Blicke ruhten so lange auf der Figur des Mädchens , bis Toni sich errötend abwandte , um sich in einer dunkleren Ecke etwas zu schaffen zu machen . Der Händler winkte sich die alte Bäuerin heran . » Wie steht denn das mit Ihrer Tochter dort , Frau Büttner ? « fragte er und gab sich kaum die Mühe , seine Stimme zu dämpfen . » Verheiratet ist sie meines Wissens doch nicht - he ! « Mit schnüffelnder Miene spähte er dabei immer nach dem Mädchen hinüber . » Ach , Se meenen und Se denken , weil , daß se ... « Und nun folgte eine lange Auseinandersetzung von Tonis Liebesgeschichte . Es war weniger Entrüstung oder Trauer , was in den Worten der Mutter zum Ausdruck kam , als Ärger , daß dem Mädchen eine solche Dummheit passiert war . Beide Töchter waren im Zimmer und hörten jedes Wort , das die Bäuerin über den Fall sagte . Harrassowitz hörte mit einem gewissen Behagen zu und nickte hin und wieder mit dem Kopfe . » Ja , ja , so geht ' s ! Die jungen Dinger sind immer nicht vorsichtig genug . Und ehe man sich ' s versieht , ist ein neuer Weltbürger da . Na , man muß immer noch das Beste daraus zu machen suchen . Haben Sie denn noch gar nicht daran gedacht , Ihre Tochter als Amme gehen zu lassen , Mama Büttnern ? « Die Bäuerin verstand nicht , was er damit meinte . » Nun ja , als Amme ! Verstehen Sie nicht ? Da kann sich so ein Mädchen heutzutage ein schönes Stück Geld mit verdienen . Wenn ein Mädel gesund ist und stark , - verstehen Sie . In den Städten wird das sehr gesucht . Lassen Sie Ihre Tochter mal dort aus der Ecke herauskommen . « Das Mädchen zögerte , dem Ansinnen des Händlers Folge zu leisten . » Toni ! « rief die willfährige Mutter , » de sollst kommen , herst de ne ! Zu Herrn Harrassowitz . Er will d ' ch sahn . « Toni kam schließlich zum Vorschein ; sie wußte nicht , wohin sie blicken sollte vor Verlegenheit . Sie lachte krampfhaft , hielt sich den Arm vors Gesicht und war dem Weinen nahe . » So stellen Sie sich doch nur nicht so schrecklich an ! « meinte er und musterte das Mädchen , wie etwa der Viehhändler sich ein Stück betrachtet . » Das sieht ja famos aus ! In bester Ordnung alles , wie ' s scheint . Spreewälderkostüm wird Ihrer Tochter ausgezeichnet stehen , Frau Büttner . Das tragen diese Art Mädchen nämlich meist in Berlin . Weiße Hauben , kurze , grüne oder rote Röcke , Samtmieder , schwarze Strümpfe . Alles hochpatent ! Wird dem Fräulein ausgezeichnet kleiden . - Na , wie steht ' s , Mama Büttnern ? « Die Bäuerin war in großer Bestürzung über den Vorschlag des Händlers . Erzürnen wollte sie den Mann um keinen Preis durch eine abschlägige Antwort ; dazu war ihre Furcht vor ihm zu groß . Auf der anderen Seite hatte sie das sichere Gefühl , daß das , was er da vorschlug , nicht recht und schicklich sein könne . Sie hätte auch ihr Kind nur schweren Herzens von sich gelassen . Harrassowitz verfolgte seinen Plan weiter . » Ich wüßte eine ausgezeichnete Stelle , « sagte er . » Meine eigene Tochter , die in Berlin verheiratet ist , erwartet im zeitigen Sommer . Die Sache ist eigentlich wie gegeben . Da käme Ihre Tochter in ein hochherrschaftliches Haus , Berlin W. , Tiergartenviertel , das Feinste , was es gibt ! Na , kurz , das Mädel könnte sich gratulieren , wenn sie dorthin käme . - Wie steht ' s , Frau Büttner , wollen wir die Sache abmachen ? « Der Händler hielt die Hand ausgestreckt zum Zuschlag . Da die Bäuerin zögerte , griff er in seine Tasche . » Ich will auch gleich ein Aufgeld geben , damit Sie sehen , daß mir der Handel ernst ist . « - Er ließ ein Geldstück blicken . Die Bäuerin hatte sich die Sache inzwischen überlegen können . Die Mutter in ihr war rege geworden . » Nee , nee ! Herr Harrassowitz ! « rief sie . » Su gieht das ne ! Su jählings ! Das muß sich eens duch erscht urdentlich mit seine Leite beraden . Und das Madel salber mechte duch och gehert wern , ob se und se mechte . « » Nu ja ! Beredt euch untereinander ! « meinte Sam und steckte sein Geldstück wieder ein . » Ich werde gelegentlich mal wieder nachfragen dieserhalb . « In diesem Augenblicke hörte man kräftige Tritte draußen am Türpfosten , wie von einem , der sich den Schnee von den Füßen tritt . Die Tür öffnete sich , und Gustav trat ein . Er kam vom Rittergutshofe , wo er mit Hauptmann Schroff gesprochen hatte . Vor der Tür sah er das Gefährt des Händlers stehen und erfuhr vom Kutscher , wer zu Hause sei . Sofort schoß ihm das Blut in den Kopf . Erregt trat er ins Zimmer , er hatte den Feind noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen . Seine Überraschung war groß , als er den Händler erblickte . Den Burschen hatte er sich ganz anders vorgestellt . Unwillkürlich wollte er etwas von der teuflischen Bosheit , die er dem Menschen zutraute , auch in seiner Erscheinung wiederfinden . Dort , dieser kleine , fette Mann , kahlköpfig , mit rotem Kotelettenbart , das sollte der berüchtigte Samuel Harrassowitz sein , von dem man erzählte , daß er viele Menschen zugrunde gerichtet habe ! - Gustav fühlte auf einmal das Bedürfnis , dem Manne seine ganze Verachtung zu zeigen . Der sollte sich um keinen Preis einbilden , daß er sich vor ihm fürchte . Er wußte selbst nicht , woher ihm der Übermut kam . Als ob der Fremde gar nicht im Zimmer sei , feuerte er seinen Hut in die Ecke und rief : » Wo ist der Vater ? « Harrassowitz betrachtete sich den jungen Menschen . » Das ist also Nummero zwei , der gewesene Unteroffizier . Gratuliere , Mama Büttnern , Sie haben einer gesunden Nasse das Leben geschenkt . Solche Leute können wir brauchen . « Die Bäuerin war auf ihren Sohn zugeschritten und machte ihm verstohlene Zeichen , daß er den Gast begrüßen solle . Als Gustav das nicht zu verstehen schien , sagte sie ihm halblaut , wer es sei . » Wie alt sind Sie denn , junger Mann - he ? « fragte Sam . Gustav hielt es nicht der Mühe für wert , zu antworten . Jetzt erkannte die Mutter , daß mit Gustav nicht alles in Ordnung sei . Sie glaubte , er sei angetrunken . Außerdem wußte sie , daß Gustav dem Händler nicht grün sei . Sie fürchtete das Schlimmste . In der Wut war er unberechenbar , gerade wie der Vater . Sie trat daher zu dem Händler und antwortete statt des Sohnes : » Siebenundzwanzig is er , Herr Harrassowitz - ju ju , siebenundzwanzig . A strammer Kerle , nich wahr , Herr Harrassowitz ? « Dazu lachte sie gänzlich sinnlos , aus Angst . » Und su a gutter Sohn wie der is , Herr Harrassowitz ! « fuhr sie fort . Abwechselnd lächelte sie den Händler an , um ihn bei guter Laune zu erhalten , und warf dann wieder dem Sohne flehende Blicke zu , daß er nichts Unbesonnenes unternehmen möge . Gustav hatte inzwischen an den Speisen auf dem Tisch , dem kriechenden Wesen der Mutter und den verängstigten Mienen der Schwestern erkannt , wie tief sich die Seinen vor dem Fremden gedemütigt hatten . Eine dumpfe Wut erfaßte ihn plötzlich gegen dieses fette Gesicht . Wie der Bursche dasaß , protzig und sicher , sich die guten Sachen seiner Mutter schmecken ließ ! Den würde er mal auf den Trab bringen . Auf Unterhandlungen wollte er sich gar nicht erst einlassen ; denn mit der Zunge war einem so einer ja natürlich über . Hier konnte nur » ungebrannte Asche « helfen . » Ich höre , Sie sind auf dem Rittergute gewesen , « sagte Harrassowitz , sich im Kauen nicht unterbrechend , » um sich nach einer Kutscherstelle beim Grafen umzutun - war denn da was ? « » Gustav ! Herr Harrassowitz fragt dich , ob ' s de ... Was suchste de denn , Junge ? « » Ich suche meinen Stock , Mutter ! « sagte Gustav mit bedeutungsvollem Blicke nach dem Fremden hinüber . » Wo habe ich denn meinen Stock gleich ... Ach , hier is ' r ! « Sam war während des letzten rege geworden . Er hatte ein schnelles Begriffsvermögen . Gustavs Mienen- und Gebärdenspiel war auch äußerst sprechend in diesem Augenblicke . Der Händler sprang auf die Füße , riß seinen Pelz vom Ofen und suchte die Tür zu gewinnen , so schnell wie möglich . Die Mutter war dem Sohne in den Arm gefallen , der holte aus , konnte aber nicht zuschlagen , weil er sonst unfehlbar die alte Frau getroffen hätte . So gelang es Sam , unversehrt ins Freie zu gelangen . Die Frauen standen jetzt um Gustav und beschworen ihn , Vernunft anzunehmen . Er ließ den Stock sinken . Seine Wut hatte sich schnell gelegt , sowie er den Feind in seiner ganzen Erbärmlichkeit gesehen . Der Anblick dieses Männchens , wie es mit erhobenen Händen , kläglich schreiend , sich ein paarmal um sich selbst gedreht hatte , war zu drollig gewesen . Gustav brach noch nachträglich in ein unbändiges Gelächter aus . Er mußte sich die Seiten halten vor Lachen . Und ansteckend , wie die Lustigkeit nun einmal wirkt , lachten die Mädchen schließlich auch mit . Die Bäuerin humpelte hinaus , um des Händlers womöglich noch habhaft zu werden und ihn um Verzeihung für die Untat des Sohnes zu bitten . Aber es war zu spät ; der Wagen fuhr bereits in schneller Gangart aus dem Hofe . III. Kaschelernst war in die Stadt gefahren . Der Hauptzweck seiner Fahrt war , Besorgungen und Bestellungen für die Gastwirtschaft zu machen . Da er bei dieser Gelegenheit hauptsächlich mit Bierbrauern , Zigarren- , Wein- und Likörhändlern zu tun hatte , die bei Geschäftsabschlüssen gern etwas springen lassen , befand er sich bereits am frühen Nachmittage in stark angeheiterter Stimmung . Kaschelernst pflegte sich jedoch nie bis zu voller Besinnungslosigkeit zu betrinken . Auch heute schwankte er zwar bedenklich auf seinen kurzen Beinen , und sein Rattengesicht hatte eine bläuliche Färbung angenommen , aber im übrigen hatte er seine fünf Sinne völlig beisammen , und vor allem war seine Durchtriebenheit nicht im geringsten geschwächt durch die selige Stimmung . In solcher Laune machte er sich auf , seinem Geschäftsfreunde Sam einen Besuch abzustatten . Herr Kaschel aus Halbenau war ein gern gesehener Gast in der Getreidehandlung von Samuel Harrassowitz . Wenn er angemeldet wurde , ließ ihn Sam stets ohne weiteres in das kleine Hinterzimmer . Der Kretschamwirt pflegte meist wichtige Nachrichten vom Lande zu bringen . Auch hier wieder bekam Kaschelernst sein Gläschen vorgesetzt . Man sprach von diesem und jenem . Der Kretschamwirt hatte schon mancherlei Interessantes ausgekramt . In seiner Stellung als Wirt eines vielbesuchten Gasthauses erfuhr er vielerlei , was anderen verborgen blieb . Heute hatte er sich etwas Besonderes bis zuletzt aufgespart . Eine Nachricht , die , wie er mit verschmitzten Augenzwinkern sagte , sie beide angehe : der Saländer Graf wolle dem Büttnerbauer auf die Beine helfen . Der Händler schnellte von seinem Sitze empor . » Das wäre doch ein starkes Stück ! « » Es is genau su , wie ich ' s sage ! « meinte Kaschelernst . » Der Graf will mich auszahlen . Büttnertraugott soll drinne bleiben im Gute . Su is es ! « Harrassowitz stieß eine Verwünschung aus . Dann fragte er , ob Kaschel das genau wisse ; es beruhe vielleicht auf einem falschen Gerüchte . Der Gastwirt erklärte dagegen , der Graf lasse mit ihm unterhandeln wegen Übernahme seiner Hypothek , » Mir kann ' s ja schließlich recht sein , « meinte Kaschelernst mit pfiffiger Miene . » Mir kann ' s schon ganz recht sein , wenn der Graf mich auszahlt ; auf diese Weise komme ich doch zu Gelde . « » Sie wären auch ohnedem zu Ihrem Gelde gekommen , wenn wir das Geschäft zusammen gemacht hätten ! « rief der Händler wütend . » Und was Schönes zu verdienen hätte ich Ihnen außerdem gegeben , Kaschel ! Das wissen Sie ganz gut ! Das hier ist vollständig gegen die Verabredung . Nun kommt der Bauer wieder auf die Füße . Verfluchte Gauner , die Aristokraten . Überall müssen sie sich einmischen . Wie kommt der Graf dazu , sich um dergleichen zu bekümmern ! Verdirbt ehrlichen Leuten die Preise ! « Harrassowitz war in diesem Augenblicke ehrlich entrüstet . Er empfand die Hilfe , die der Graf leisten wollte , als ein persönliches Unrecht , als unerlaubtes Eingreifen eines Unbefugten in seine Domäne . Kaschelernst lächelte stillvergnügt und rieb sich die Hände . Er freute sich an Sams Ärger . Dann trank er sein Glas aus und meinte : » Ja , da wird ' s am Ende diesmal doch nischt werden . « Damit erhob er sich zum Gehen . Sam blieb in ärgerlichster Stimmung zurück . Der Gedanke , daß ihm das Büttnersche Bauerngut entgehen sollte , war äußerst schmerzlich . Er hatte im Geiste bereits über dieses Gut verfügt , als sei es sein Eigentum . Unter anderem waren Unterhandlungen angeknüpft wegen einer Dampfziegelei , welche er auf dem neuen Besitz anzulegen gedachte . Ferner hatte er sich überlegt , welche Stücke er abtrennen und veräußern und welche er behalten wolle . Das Hauptgeschäft aber hatte er mit dem Walde vor . Den sollte ihm die Herrschaft Saland für teueres Geld abnehmen . Alle diese bereits eingefädelten Pläne drohten nun in nichts zu zerfallen durch das , was er soeben von Kaschelernst erfahren hatte . Denn wenn der Graf wirklich für die Schulden des Bauern eintrat , dann wurde nichts mit der Subhastation , auf die es der Händler in erster Linie abgesehen hatte . Er hatte schon eine Menge Arbeit in diese Sache gesteckt , und nun sollte alles das auf einmal verloren sein . Das war sehr ärgerlich ! Aber Sam pflegte sich niemals lange zu ärgern . Ärger kostete Zeit , und » Zeit ist Geld « . Er schätzte das Geld viel zu hoch , um es auf etwas Verlorenes zu setzen . Lieber strengte er seinen Verstand an , überlegte , ob sich hier nicht doch noch etwas machen lasse , und bald hatte er das Richtige gefunden . Wozu war denn Edmund Schmeiß da ! Von der Gewandtheit und dem Schneid des jungen Mannes hatte er mehr als eine Probe erhalten . Edmund Schmeiß war auch hierfür der richtige Mann . Der Plan des Händlers war folgender : Der Besitzer der Herrschaft Saland war Rittmeister und stand in Berlin . Sam kannte den jungen Grafen zwar nicht persönlich , aber er wußte , daß er ein vornehmer Herr sei , der sich nicht sonderlich viel um die Gutsangelegenheiten kümmerte . Im Sommer und Herbst lebte der Graf ein paar Wochen mit seiner jungen Frau auf der Herrschaft , die übrige Zeit hielten ihn Dienst und Geselligkeit in der Reichshauptstadt fest . Mit den Einzelheiten der Landwirtschaft seines großen Besitzes konnte der junge Herr sich wohl kaum befassen ; dazu waren die Beamten da . Ihm war jedenfalls die Rente die Hauptsache , und er war schon zufrieden , wenn er nur möglichst wenig Arbeit und Sorgen durch den Besitz hatte . Es war ferner anzunehmen , daß der Graf über die Verhältnisse bei den kleinen Leuten und Bauern , mit denen er grenzte , nur sehr unvollkommen unterrichtet sei . Was er etwa darüber wußte , wurde ihm jedenfalls durch seine Leute zugetragen . Überhaupt sah er alle Verhältnisse wahrscheinlich durch die Augen der Angestellten . Was konnte er eigentlich für ein Interesse an dem Büttnerbauer haben ? Dem Grafen irgendwelche Teilnahme an der Erhaltung eines kräftigen Bauernstandes zuzutrauen , so naiv war Samuel Harrassowitz nicht . Er kannte doch die Kavaliere ! Wahrscheinlich spekulierte der Graf auf den Wald des Bauerngutes der Jagd wegen . Jedenfalls war hier irgendein ganz realer , egoistischer Zweck im Hintergrunde , welcher diesen großen Herrn veranlaßte , dem Bauern anscheinend hilfreich unter die Arme zu greifen . Wie nun den Grafen daran verhindern ? Die Sache war äußerst brenzlich und mußte mit größter Vorsicht angefaßt werden . Solche Aristokraten waren hochfahrend , stark von sich eingenommen und liebten nicht , daß man sich ihnen aufdränge . Auf der anderen Seite waren sie leichtlebig und rasch in ihren Entschließungen , ließen sich leicht bereden und fortreißen . Vor allem aber kam es ihnen bei jedem Geschäfte darauf an , daß es sich in netter , gefälliger Form darbot , daß die Etikette gewahrt wurde . Sam besaß so viel Selbsterkenntnis , um sich zu sagen , daß , wenn er selbst nach Berlin führe , um mit dem Grafen zu verhandeln , dabei schwerlich etwas herauskommen werde . Er hielt sich zwar durchaus nicht für unfein ; aber er wußte , daß Leute , wie der Graf , besonders wenn sie Offiziere sind , einen schwierigen Geschmack haben ; kurz und gut , es schien ihm besser , seine Person im Hintergrunde zu halten . Edmund Schmeiß - des war etwas ganz anderes ! Das war ein » proper « aussehender junger Mann , immer » patent « angezogen und mit » noblen « Manieren , überhaupt » prima ! « Sam hatte immer seine geheime Freude gehabt an dem forschen Auftreten seines Günstlings . Er zweifelte keinen Augenblick daran , daß der Kommissionär auch das Wohlgefallen des Grafen , schon durch seine Erscheinung , gewinnen werde . Edmund Schmeiß wurde also ausersehen , nach Berlin zu reisen . Zuvor natürlich einigte man sich über die Provision , wie das unter vorsichtigen Geschäftsleuten üblich ist . Sam vereinigte immer gern mehrere Geschäfte , wenn es sich machen ließ . Da er sich nun einmal in die Kosten gestürzt hatte , seinen Kommissionär nach Berlin zu schicken , gab er diesem gleich noch ein paar andere Aufträge mit . Man hatte Geschäftsverbindungen mit Berlin . Schmeiß bekam Order , verschiedene Freunde von der Produktenbörse aufzusuchen und ein wenig auszuhorchen über dieses und jenes . Überhaupt hätte Sam gern etwas über die Stimmung im Kreise der Eingeweihten erfahren . Besonders für Weizen interessierte sich der Händler gegenwärtig lebhaft . Die Berliner Berichte lauteten seit etwa acht Tagen stehend : » Weizen ruhig bei ziemlich behauptetem Preise . « Aber Sam traute nicht . Das war wohl nur die Stille vor dem Sturm . Der Markt litt nicht unter starkem Angebot , und trotzdem kein Anziehen der Preise ! Roggen litt unter Glattstellungen , Gerste war still . Wahrscheinlich dachte eine Anzahl großer Firmen , im trüben fischen zu können ; etwa die niedrigen Notierungen zu benutzen , um im stillen Deckungen auszuführen und dann mit einem Male , wenn sie genug hatten , die Preise zu schnellen . Es wäre recht interessant gewesen , hinter die eigentlichen Absichten der maßgebenden Leute im Weizengeschäft zu kommen . Wenn man das Ziel des Manövers rechtzeitig erfuhr , konnte man sich in seinen Manipulationen danach richten . * * * Edmund Schmeiß reiste also nach Berlin ab . Zunächst versah er sich in einem Modemagazin mit einem neuen Zylinder , rotbraunen Handschuhen und einer Kravatte von prächtiger Farbe . Er meldete sich nicht an ; denn da riskierte man eine Ablehnung . Er wollte überraschen , wenn es sein mußte , überrumpeln ! Die Mittagsstunde schien ihm die beste Zeit für seinen Besuch . Er nahm eine Droschke erster Klasse , der Kutscher sollte vor der Tür auf ihn warten - man durfte nichts versäumen , was guten Eindruck machen konnte - und fuhr nach » den Zelten « wo , wie er durch das Adreßbuch ersehen hatte , der Graf seine Wohnung hatte . Fast gleichzeitig mit ihm fuhr ein Coupé vor . Der Diener sprang vom Bock und öffnete den Schlag . Ein Ulanenoffizier stieg aus und eine Dame