auflebt ! « » In deiner Lieb halt , weißt ! « sagte Franzl ernst . » So was is gut . Dös spürt einer gleich . So was is oft besser wie der beste Dokter . Da wird eim völlig warm in die innern Urgan , weißt , und ' s ganze Leben kriegt an andern Zug . Wie a kranks Blümerl , wann d ' Sonn kommt ! Gelt , Netterl ? So was tut wohl ! Jaaaaa ! « Zärtlich tätschelte er das Gesichtl des lallenden Kindes , das auf dem Schoß seiner jungen Pflegemutter immer lustiger zappelte und mit beiden Händen in dem klappernden Spielzeug wühlte . » Jaaa , Netterl , gelt ? Die richtige Lieb hilft gschwinder als Meisterwurz und Hollertee ! « » Da soll ' s net fehlen an mir ! « beteuerte Mali . » Lieb hab ich an ganzen Sack voll im Herzen , und alles gib ich her , wann ' s helfen kann ! « Nun saßen sie stumm und sahen lächelnd dem Spiel des Kindes zu . - Forbeck betrat den Hofraum . Seine Stirn war bleich , dunkle Schatten lagen um seine Augen , als hätte er eine schlaflose Nacht verbracht . Beim Anblick der drei Menschen , die anzusehen waren wie eine junge , glückliche Familie , heiterte sein Gesicht sich auf . Auch der malerische Reiz des Bildes fesselte ihn , und gern begrüßte er die Gelegenheit , den Jäger , den er wiedererkannte , als Modell zu gewinnen . Als Forbeck sich der Hausbank näherte , rückte Mali errötend zur Seite , und Franzl machte ein verdrossenes Gesicht . Auf die Bitte des Malers , ihm eine Stunde Modell zu stehen , fand der Jäger nicht gleich eine Antwort . Erst als ihm Mali ermunternd zunickte , erhob er sich und sagte : » Wenn der Herr Maler an mir was z ' malen findet , meintwegen . A Stündl hab ich noch Zeit ! « Forbeck und Franzl stiegen hinauf in die Giebelstube , und die Arbeit wurde sofort begonnen . Der Jäger , der an dem Bild seine Freude hatte und über die Ähnlichkeit der » lieben Konteß « nicht genug zu staunen wußte , erfaßte mit flinker Gelehrigkeit seine Aufgabe . Doch als er eine Weile in der ihm vorgeschriebenen Stellung ausgehalten hatte , ließ er die Arme sinken und schüttelte nachdenklich den Kopf . » Sind Sie müde ? « fragte Forbeck . » Gott bewahr ! Aber ich glaub , wir könnten die Sach a bißl besser machen . Ich denk mir freilich , daß ich wieder die Konteß so trag wie selbigsmal . Aber die richtige Kraft im Gstell käm besser aussi , wann ich was auf ' m Arm hätt - was Gwichtigs ! Meinen S ' net auch ? « » Allerdings - « Da rannte Franzl zur Tür und rief über die Treppe hinunter : » Mali , geh , komm gschwind a bißl auffi ! « Das Mädel erschien mit dem Netterl in der Stube . Geschäftig breitete Franzl seinen Wettermantel über die Dielen , setzte das Kind zu Boden und gab ihm die Uhrkette mit den baumelnden Schätzen als Spielzeug . » Aber was machst denn ? « stotterte Mali . » Was is denn los ? « » Paß nur auf ! « lachte Franzl und hob das Mädel mit flinkem Griff auf seinee Arme . » So , Herr Maler ! Jetzt fangen S ' an ! « Unter Lachen wollte Mali sich sträuben ; aber Franzls Arme pflegten festzuhalten , was sie einmal gefaßt hatten . Und als auch Forbeck sich noch mit einem bittenden Wort ins Mittel legte , gab Mali ihren ohnehin nicht allzu energischen Widerstand auf und sagte : » Weil ' s der Herr Maler will , in Gottsnamen ! « Forbeck arbeitete mit stillem Eifer , während durch das Fenster die Morgensonne breit und leuchtend auf die zwei geduldigen Modelle fiel . Die beiden waren so ganz bei der Sache , daß Franzl die Elfuhrglocke und Mali die Stimmen überhörte , die sich drunten im Flur vernehmen ließen . Die zwei älteren Kinder des Bruckner waren von der Schule heimgekehrt und auf der Straße mit dem Vater zusammengetroffen . Als der Bauer die Stube leer und in der Küche den Herd ohne Feuer fand , rief er nach der Schwester . Da hörte er Lärm in der Giebelstube und eine erschrockene Männerstimme : » Mar ' und Josef ! Elfe vorbei ! Jetzt pressiert ' s aber ! « Droben wurde die Tür aufgerissen , hastige Schritte polterten über die Treppe herunter , und Franzl , mit Büchse und Bergstock , stürmte ohne Gruß an dem Bauer vorüber , wie ein Flüchtling . Bruckner erblaßte . Mit bebendem Fluch stieß er die Schuhe von der Füßen und sprang über die Treppe hinauf . Droben , auf der Schwelle der offenen Tür , blieb er ratlos stehen . Er hatte gefürchtet , die Schwester allein zu finden . Nun stand sie neben dem Maler , mit dem Netterl auf den Armen , und betrachtete vergnügt die Leinwand . » Mali ! Die Kinder sind daheim ! « sagte der Bauer mit schwankender Stimme , wandte sich ab und stieg wieder hinunter in den Flur . Hier wartete er . Als die Schwester kam , hing er mit finsterem Blick an ihrem Gesicht , dessen Augen in Freude leuchteten . » Jetzt koch ich aber auf der Stell ! « sagte sie und wollte an dem Bruder vorüber in die Küche . Er vertrat ihr den Weg , und seine gedämpfte Stimme klang heiser . » Wie kommt der Jager ins Haus ? « Lachend wollte Mali Antwort geben . Als sie das bleiche , vor Erregung zuckende Gesicht des Bruders sah , verging ihr das Lachen . » Aber Lenzi ? Was hast denn schon wieder ? « » Wie kommt der Jager ins Haus ? « Malis Brauen furchten sich . » Du fragst a bißl gspaßig ! « Sie wurde ruhig . » Der Herr Maler droben malt den Franzl und hat ihn mit naufgnommen in d ' Stub . Mich hat er auch dazu braucht . Is da was Unrechts dran ? « Bruckner strich die schwielige Hand übers Haar und wandte sich ab . Nun hielt ihn die Schwester zurück . » Du hast ' s Reden angfangt , Lenzi ! Jetzt reden wir die Sach amal aufs End ! « » Da is nix weiter z ' reden . « » Könnt sein , daß der Franzl amal um meintwegen käm . Hättst du da was einzwenden dagegen ? « Bruckner schwieg . Seine Augen irrten . » Red , Lenzi ! Hat der Franzl net Stellung und Dienst ? Hat er net Haus und Anwesen ? Und is er net a Mensch , den man gern haben muß ? « Mali sah , daß der Bruder vor sich hinnickte . » No also ? Was kannst einwenden ? « » Frag net ! « Der Bauer vermied den Blick der Schwester . » ' s Reden tät net gut . « » Es wird aber gredt sein müssen , ob heut oder an andersmal . « Da nickte der Bauer wieder , tonlos die Worte wiederholend : » Ob heut oder an andersmal ! « » Ich sag dir ' s offen : er hat mich gern . Und ich bin ihm gut . Gredt hat er noch nix . Aber so viel merk ich schon : wir zwei lassen nimmer aus . « Der Bauer starrte die Schwester an , als hätte er die Botschaft eines schweren Unglücks vernommen . Sie meinte ihn zu verstehen . » Mußt dich net ängsten , Lenzi ! Mich hast , so lang mich deine Würmerln brauchen . « Das kleine Netterl , das Mali auf den Armen trug , verlor die stille Geduld , klatschte lallend die Händchen in Malis Gesicht und drückte das winzige Näschen an die Wange des Mädels . Mali lachte , und ihre Augen wurden feucht . » Ich ? Und deine Kinder verlassen ? Ah na ! Der Franzl und ich , wir sind zwei junge Leut , wir können warten . Aber daß wir zammwachsen amal ? Dös is so gut wie fest und sicher . « Schwer atmend schüttelte Bruckner den Kopf . » Es kann net sein ! « » So ? « Mali streckte sich . » Warum net ? « Der Bauer hob das bleiche Gesicht . » So gern hast ihn ? Da tust mich erbarmen , Schwester ! Da geht ' s halt wieder , wie ' s in der Welt schon oft gangen is : fallt einer , reißt er die andern hinter ihm nach ! - Verstehst mich net ? Muß ich dir ' s halt sagen ! Komm ! « Alle Farbe wich aus Malis Gesicht , als der Bruder sie bei der Hand faßte und in die Stube zog . Die Sonne fiel durch die offene Haustür in den Flur , und draußen im Hof klangen die fröhlichen Stimmen der beiden Kinder , die unter den Obstbäumen das Gras durchstöberten und die Äpfel und Birnen auflasen , die in der Nacht gefallen waren . Auf der Straße ließ sich Hufschlag vernehmen . Zwei Reiter trabten vorüber : Graf Robert in Begleitung seines Stallburschen . Hurtig liefen die zwei Kinder zum Zauntürchen , um dieses im Dorfe seltene Ereignis aus nächster Nähe zu bestaunen . Graf Robert hatte es unter seiner Würde gefunden , in der » kurzledernen Maskerade « , die für das Erscheinen in der Jagdhütte unumgängliche Vorschrift war , das Dorf und die von Sommergästen wimmelnde Seelände zu passieren . So ritt er voraus , um sich erst bei ihm passend erscheinender Gelegenheit in einen Jäger nach dem Geschmack seines Vaters zu verwandeln . Eine Viertelstunde später wanderten seine Brüder mit Büchse und Bergstock an dem Bruckneranwesen vorüber . Franzl , dessen spähender Blick die Fenster und den Hofraum überflog , führte den kleinen Zug . Tassilos kraftvolle Gestalt in der verwitterten Jägerkleidung machte ein schmuckes Bild , doch dem Ernst seiner Augen war es nicht anzumerken , daß es nun bergwärts ging zu » fröhlichem Jagen « . Hinter ihm kamen drei Träger mit schwer gepackten Rucksäcken , und in weitem Zwischenraum folgte Willy mit dem alten Moser , der Graf Roberts Büchse trug ; die beiden sprachen lachend miteinander , blickten immer wieder über die Straße zurück und winkten mit der Hand , wie zu lustigem Abschied auf baldiges Wiedersehen . Als ihnen der Gegenstand ihres Vergnügens aus den Augen schwand , stieß der alte Moser scherzend den Ellbogen an den Arm seines jungen Herrn . » Hab ich net recht , Herr Graf ? So was Liebs hat die ganze Welt nimmer ! « Willy zwirbelte das Bärtchen . » Aber den Schnabel halten , Moser ! « » Das wissen S ' doch , daß ich Ihnen a kleins Spasserl von Herzen vergönn . Lassen S ' nimmer aus ! Mir scheint , ' s Fischerl hat schon anbissen ! « Der kleine Jagdzug erreichte den ansteigenden Bergwald . Zwei Stunden ging es im Schatten der Buchen und Fichten auf leidlich bequemen Wegen aufwärts . Als die Lichtung der Niederalm durch die Bäume schimmerte , begegnete ihnen der Stallbursch , der die zwei Pferde nach Schloß Hubertus zurückführte . Bei der Sennhütte wartete Robert ; er schien sich in Joppe und Lederhose nicht behaglich zu fühlen , hatte für die Brüder kaum einen Gruß und zeigte während des Frühstücks , das in der Hütte genommen wurde , eine ungnädige Stimmung ; nachdem er einige Bissen genossen hatte , sprang er auf , steckte mit nervöser Hast eine Zigarette in Brand und trat vor die Hütte , als möchte er mit seinen unruhigen Gedanken allein sein . Dem alten Moser erschien es rätselhaft , daß es auf der Welt einen Menschen gab , der zur Gemsjagd auszog , ohne die lachende Weidmannslaune zu finden . » O du heiliger Strohsack ! Was hat er denn ? « Willy lachte , ohne Antwort zu geben , doch als er Tassilos fragenden Blick gewahrte , sagte er : » Ich bin neugierig , wie er diesmal mit Papa ins reine kommt . « Franzl mahnte zum Aufbruch . Als man bereit war , trennte sich einer der Träger von den anderen und nahm seinen Weg seitwärts gegen den Wald . » Gehört der Mann nicht zu uns ? « fragte Tassilo . » Aber freilich , « versicherte Moser und zwinkerte , » der tragt die heimliche Zehrung in d ' Holzerhütten auffi . Man muß ja alles verstecken vor ' m gnädigen Herrn Grafen . Sie wissen ja , wie er is ! « Tassilo furchte die Brauen . » Wer hat das angeordnet ? « » Ich ! « fiel Willy ein . » Und du wirst sehen , ich habe für uns alle mit mütterlicher Zärtlichkeit gesorgt : Niersteiner , Pschorrbräu , Gulaschkonserven - « » Das war unrecht ! Du weißt , daß Papa in der Jagdhütte keine Änderungen seiner Gewohnheit duldet . Und wenn wir ihm nicht Ärger bereiten wollen , müssen wir uns seinem Willen fügen . « » Fällt mir ein ! Mich acht Tage von Mehlschmarren und Wasser zu nähren ? Dafür bedank ' ich mich . Wenn du von meiner genialen Vorsicht keinen Gebrauch machen willst , bitte ! Ich schmuggle . Wenn ich mich den ganzen Tag auf der Jagd abgehetzt habe , will ich am Abend essen und trinken wie ein anständiger Mensch . « Willy nahm die Büchse auf die Schulter und schritt davon . » Philister ! « brummte er und suchte Robert einzuholen , der über das offene Almfeld vorangestiegen war , als könnte er die Ankunft in der Jagdhütte kaum erwarten . Im neu beginnenden Walde wurden die Pfade steil und beschwerlich . Robert hielt sich mit treibender Eile immer an der Spitze des Zuges ; Willy schien müde zu werden und warf sich nach jeder Viertelstunde für ein paar Minuten in den Schatten eines Baumes . Nur Tassilo bewahrte seinen gleichmäßig ruhigen Schritt und blickte sinnend in das von Lichtern durchwobene Schattendunkel des Waldes . Einmal hörte er den alten Moser ein paar erschrockene Worte stottern und sah , daß Willy erschöpft an einen Baum gelehnt stand und aus der kleinen Branntweinflasche trank , die Moser ihm gereicht hatte . Besorgt eilte Tassilo auf den Bruder zu . » Was ist dir ? « » So ein komischer Schwindel . Ich bin wohl ein wenig zu schnell gestiegen und habe den Atem verloren . « » Aber hab ich ' s net allweil gsagt : Lassen S ' Ihnen Zeit ! « schmollte Moser . » Dös gache Umanandfahren tut net gut in die Berg . Da muß man schön stad ein Schrittl vors ander stellen ! Zeit lassen , junger Herr , Zeit lassen ! « Mit ernster Sorge sah Tassilo in Willys Gesicht , dessen müde Blässe einer langsam wiederkehrenden Röte wich . » Hier ist ein schattiger Platz . Komm , ruhe dich tüchtig aus , ehe wir weitersteigen ! « » Ach , Unsinn ! Es ist schon vorüber . Und von Ermüdung fühl ' ich keine Spur ! « Unmutig den Bergstock einsetzend , sprang Willy über einen Steinblock und folgte dem Pfad . Tassilo schwieg ; doch als die Wanderung zwischen den Felswänden einer breiten Schlucht über ebenen Boden hinging , trat er an Willys Seite . » Wie fühlst du dich ? « » Ich ? Warum ? Ach so , wegen vorhin ? Danke , mir ist pudelwohl ! Ich begreife überhaupt deine Sorge nicht . So eine harmlose Blutwallung . « » Du solltest die Sache nicht so leicht nehmen . Hätt ' ich geahnt , daß du noch unter den Nachwehen deiner Krankheit zu leiden hast , so würde ich dir geraten haben , die strapaziöse Tour nicht mitzumachen . Papa hätte dich gewiß entschuldigt . Man hätte ihm sagen können , daß du dich noch immer schonen mußt - ohne ihn deshalb zu beunruhigen und ihm einzugestehen , wie ernstlich krank du warst . « Willy lachte , ein bißchen gezwungen . » Ich ? Ernstlich krank ? Wer hat dir dieses Ungeheuer von einem Bären aufgebunden ? eine leichte Bronchitis , die reine Lächerlichkeit . « » Weiche mir nicht aus , Junge ! Ich habe die Gelegenheit herbeigesehnt , einmal offen mit dir zu reden . « Tassilo schlang Willys Arm in den seinen . » Vor meiner Abreise von München hab ' ich deinen Arzt gesprochen . « » Du hast ihn wohl aufgesucht , um auf den Busch zu klopfen ? Was ? Und nun willst du mich bei Papa droben ankreiden ? « » Nein , Willy , ich habe weder das eine getan , noch beabsichtige ich das andere . Ein Zufall hat mich mit eurem Stabsarzt im Kasino zusammengeführt , und deinem Willen entgegen hielt er es für seine Pflicht , mir mitzuteilen , in wie schwerer Gefahr du warst . Er sagte mir , daß du trotz des glücklichen Verlaufes der Sache noch immer Ursache hättest , dich zu schonen . Ein Rückfall könnte bedenklich werden . Bewegung in Höhenluft wäre gut für dich . Aber - « » Was ? « » Vor allem solltest du dich vor jeder Ausschreitung hüten . « Tassilo zögerte , als fielen ihm die Worte schwer . » Du weißt , was ich meine . « Willy wollte heftig erwidern , aber der herzliche Blick , der ihn aus den Augen des Bruders traf , machte ihn verlegen und stumm ; er verzog den Mund wie ein verdrossenes Kind . Es schien , als wäre Tassilo auch mit diesem halben Erfolg zufrieden ; noch fester zog er Willys Arm an seine Brust , und seine Stimme wurde wärmer . » Ich weiß , du bist jung , und Jugend will austoben . Ich bin gewiß der letzte , der dir aus deiner sprudelnden Lebensfreude einen Vorwurf machen will . Aber sieh , mein Junge , es hat doch alles seine Grenzen . « » Das stimmt ! Aber weißt du , mein junger Schimmel hat Rasse und brennt eben manchmal mit mir durch . Da pariere nun einer . Ich mache wohl ab und zu einen Versuch , den Zügel anzuziehen . Aber was willst du ? Der Ausreißer in mir ist hartnäckig . Was ist da zu machen ? « » Mit ernstlichem Willen alles ! Ich weiß , daß die erste Schuld nicht an dir liegt . Du warst in allzu jungen Jahren dir selbst überlassen . « Tassilos Stimme bekam einen herben Klang . » Papa war mit seinen Gemsen und Hirschen immer so sehr beschäftigt , daß wir alle darunter leiden mußten . Ich fürchte , du am meisten . Das Versäumte ist nicht mehr zu ändern . Aber sieh , mein Junge , nun bist du doch in den Jahren , in denen man selbst unterscheidet zwischen Gewinn und Nachteil . Nun mußt du dein eigener Hüter sein . Das kann dir doch auch nicht schwerfallen . Du mußt dir nur immer vorhalten , was für dich auf dem Spiel steht . Was du jetzt an Gesundheit vergeudest , das wird dich darben machen ein ganzes Leben lang . Erwacht dann einmal in dir die Sehnsucht nach Freude und Glück , und führt dich dein Lebensweg zu spät an die Stelle , an der die schöne Blume für dich hätte blühen können , so wirst du mit zaghaften Händen zugreifen in Zweifel und Reue . Denn du wirst empfinden müssen , daß du nur die Halbheit gewinnen kannst , da du zum Tausch nur einen verbrauchten Menschen zu bieten vermagst . Alles volle Glück , sei es in Tat und Arbeit oder in der Liebe , verlangt einen ganzen Menschen ! « Verträumt sah Willy vor sich hin . » Du hast recht , Tas ! Es muß eine feine Sache sein , in guter Kondition sein Ziel zu erreichen , als ein fester und reinlicher Mensch . Wie das schmecken könnte , brauchst du mir nicht zu schildern . Das hab ' ich mir selbst schon oft mit den schönsten Farben ausgemalt . Bei allem Rummel hab ' ich manchmal so meine lyrischen Stimmungen mit dem obligaten Katzenjammer . Aber jetzt will ich Ernst machen . Aus mir soll was werden ! Man lebt nicht zweimal , und ich will mein Glück nicht verscherzen . Ich will meine Blume brechen , die echte ! Und ich danke dir , daß du mir einmal tüchtig ins Gewissen geredet hast . « Tassilo lächelte . » Es war nicht der erste Versuch . « » Na ja ! Aber das Vergangene wollen wir begraben , nicht wahr ? Ich verspreche dir , daß ich mir meine stützige Art dir gegenüber nach Kräften abgewöhnen will . Das war ja bei mir nie Bockbeinigkeit . Ich bin doch eigentlich ein sehr guter Kerl , der mit sich reden läßt . Aber wenn du mich manchmal ins Gebet nahmst , hattest du oft so eine Art - ich habe immer den Advokaten aus dir herausgehört , und das ist mir gegen den Kopf gegangen . Jetzt bist du böse ? Was ? « » Nicht im geringsten . Es mag ja sein , daß ich nicht immer den rechten Ton und die rechte Stunde gefunden habe . Und da geb ' ich dir ein Versprechen zurück : Ich will dem Advokaten in mir ein Schloß vor den Mund hängen , damit du immer nur den Bruder hörst . « » Das war nett ! Ich danke dir , Tas ! Was du mir heute gesagt hast , soll auf guten Boden gefallen sein . Und wenn ich wieder einmal einen Schubs brauche , um in den rechten Sattel zu kommen , weiß ich , wo ich mir den Helfer suche . Schlag ein , Tas ! « Mit festem Druck umspannten sich ihre Hände . Inzwischen waren die anderen weit vorausgekommen und hinter einer Biegung der Felswand verschwunden . Nun kam Franzl zurückgelaufen und rief : » Ich bitt , meine Herrn , a bißl flinker ! Der Herr Graf hat an Treiber gschickt , er wartet unter der Bärenwand und will ' s Latschenfeld heut noch durchtreiben lassen . « Nun galt es Eile . Die Träger schlugen den Weg zur Jagdhütte ein , während die Jäger , von dem Treiber geführt , seitwärts über steiles Gehäng emporstiegen . Der alte Moser hielt sich wieder an Willys Seite ; doch so lustig er auch immer drauflos plauderte , er hatte einen zerstreuten Zuhörer . Auf einem grasigen Fels gewahrte er zwei blühende Brunellen ; schmunzelnd brach er die braunen Blumen und reichte sie seinem jungen Herrn . » Da schauen S ' , Herr Graf ! Sind die Blümerln net grad so süß wie dem Lieserl seine Äugerln ? « Willy nahm die Blüten und sog an ihrem Duft . Dann plötzlich warf er sie über die Schulter . » Ach , Unsinn ! Hol ' der Teufel diese Dummheiten ! « » Aber Herr Graf ! « stotterte Moser gekränkt . » Was haben S ' denn ? « Willy blieb ihm die Antwort schuldig . 15 Unter der steilen , auch für den Fuß der Gemse pfadlosen Bärenwand dehnte sich , den schräg ansteigenden Schuttkegel eines vor grauen Zeiten niedergegangenen Bergsturzes bedeckend , ein riesiges Latschenfeld , aus dem sich eine breite Talrinne gegen die offenen Almen hervorsenkte . Wenn das Latschenfeld von Treibern durchstöbert wurde , flüchtete das Wild , das keinen Aufstieg über die glatten Felsen fand , am liebsten durch diese Mulde . Hier war der Hauptstand . Zu Füßen einer alten moosigten Fichte saß Graf Egge auf einem mit dem Wettermantel überbreiteten Steinblock . Zu seiner Rechten hatte er schon die Patronen ausgelegt , zu seiner Linken standen die zwei Expreßbüchsen schußfertig an den Baum gelehnt . Ungeduldig blickte er über das Almfeld der Stelle zu , an der seine Söhne erscheinen mußten . Den mürben Filzhut hatte er tief in die Stirn gezogen , so daß man den grüngelben Fleck , den die verschwundene Beule zurückgelassen , kaum bemerken konnte . Nur das linke Knie war nackt , das rechte von einem groben Wolltrikot umschlossen . Graf Egge hatte es als eine überflüssige Verschwendung betrachtet , die wollene Unterhose , die Moser für ihn gekauft und zur Jagdhütte geschickt hatte , auch am gesunden Bein zu tragen . Er hatte sie in der Mitte entzweigeschnitten und trug nur die rechte Hälfte . Die warme Wolle schien auch ihre Schuldigkeit zu tun . Als Graf Egge seine Söhne kommen sah und sich erhob , stand er fest auf den Füßen , und den paar Schritten , die er den Kommenden entgegenmachte , merkte man keine Spur von Schwäche an . Schipper , der neben seinem Herrn gestanden , zog den Hut . Robert kam als erster und reichte dem Vater die Hand . » Weidmanns Heil , Papa , da sind wir ! Dein Aussehen ist vortrefflich , wie immer . Wir Jungen werden älter mit jedem Tag , und an dir wirkt Hubertus seine verjüngenden Wunder . Es ist fabelhaft , wie famos du aussiehst ! Natürlich , die Jagd ! Wer es so gut haben könnte wie du ! « » Meinst du ? « lachte Graf Egge . » Aber sprich leiser , die Treiber sind schon aufgestellt . Und tu mir den Gefallen und wird die Zigarette weg . Ich und meine Gemsböcke vertragen das nicht . Wenn du rauchen willst , kann dir Schipper seinen Stummel leihen . « » Entschuldige , ich vergaß ! « Die Zigarette flog ins Moos . Nun kam Willy , umarmte den Vater herzlich und küßte ihn auf beide Wangen . Graf Egge musterte ihn freundlich und doch ein bißchen spöttisch - die neue , glänzend-schwarze Lederhose , die Willy trug , schien ihm nicht zu gefallen . » Grüß ' dich Gott , Junge ! Und wie fein du dich gemacht hast , uuuh ! Na , auf den Anlauf bin ich begierig , den du heut haben wirst . Deine Hose leuchtet ja wie eine Laterne ! Und sag ' mir , du zärtlicher Floh , wie steht ' s mit deiner Gesundheit ? Haben dir die Münchner Quacksalber den rostigen Lauf wieder ordentlich blank geputzt ? « » Natürlich , Papa ! Da spiegelt wieder alles , blitzblank wie eine nagelneue Büchse . « » Das hör ' ich gern . Und laß dir - « Graf Egge verstummte , und seine Augen wurden kleiner , als er Tassilo kommen sah . » Aaaah ! Herr Doktor Egge ! Und sieht , weiß Gott , wie ein richtiger Jäger aus ! Oder steckt dir nicht doch die Feder hinter dem Ohr ? « Das war wie ein Scherz , und Graf Egge lachte auch ; aber seine Stimme hatte harten Klang . Tassilo schien den sonderbaren Willkomm überhört zu haben . Ruhig reichte er seinem Vater die Hand . » Guten Tag , Papa ! Wir haben uns lange nicht gesehen . « » Du bist immer beschäftigt . Hoffentlich fallen deine Prozesse glücklich aus ! Wie steht das Befinden deiner geliebten Spitzbuben ? « » Wen meinst du ? « » Deine sogenannten Klienten : Waldfrevler , Wilddiebe und so weiter . « » Zu meinen Klienten zählt auch dein alter Freund Fürst Wittenstein ! « Graf Egge machte ein verblüfftes Gesicht . » Was hat er denn angestellt ? « » Aber Papa ! « fiel Willy lachend ein . » Wie kommst du nur auf eine solche Idee ? Wittenstein hat Tas die Verwaltung seines Vermögens übertragen . « Nun verwandelte sich Graf Egges Verblüffung in ehrliches Staunen . » Schockschwerenot ! Da fängt ja dein Handwerk an , einen goldenen Boden zu bekommen . Ich weiß , was ich Jahr um Jahr meinem Anwalt bezahle . Und gegen Wittenstein bin ich ein Schlucker . Das muß dir ein fettes Stück Geld eintragen ? « Dunkle Röte glitt über Tassilos Stirn ; doch er nickte ruhig . » Ja , Papa ! « » Da hast du vielleicht die Apanage , die ich dir bezahle , gar nicht mehr nötig ? « » Nein . Wenn du für die Summe eine bessere Verwendung hast , ich verzichte gern . « Robert zog den sorgsam gepflegten Schnurrbart durch die Finger und wandte sich lächelnd ab , während Willy mit einem hastigen Schritt an Tassilos Seite trat , als wollte er Partei in dem Zwist ergreifen , dessen Ausbruch er befürchten mochte . Graf Egge aber schien von Tassilos Antwort nicht im geringsten unangenehm berührt . » Gut ! Wir sprechen noch über die Sache . Jetzt haben wir Wichtigeres zu tun ! « Er sah auf die Uhr . » Eine halbe Stunde habt ihr Zeit , um eure Stände zu erreichen . Punkt fünf Uhr gehen die Treiber an . Schipper , du gehst mit Robert auf den Wechsel unter der Wand ! Moser , du mit Willy auf den Rückwechsel . Und gibt acht , daß mir der Junge keine Gamsgeiß niederbrennt ! Sonst schlagt das Wetter ein . Und du , Hornegger , führst deinen Schützen dort hinüber unter das Latschenfeld , zu er alten Zirbe . « Franzl machte verwunderte Augen zu dieser Weisung . » Also weiter ! « mahnte Graf Egge , nahm seinen Stand ein und zog den Feldstecher aus dem Futteral . Seine Söhne lüfteten die Hüte . » Weidmanns Heil , Papa ! « » Weidmanns Dank