aber verfielen in Schweigen und nahmen erst nach einer Viertelstunde das Gespräch wieder auf . Das Gesamtbild war nicht mehr ganz dasselbe , denn Corinna hatte mittlerweile den Tisch abgeräumt und einen blauen Zuckerbogen darüber ausgebreitet , auf welchem zahlreiche alte Semmeln lagen und daneben ein großes Reibeisen . Dies letztere nahm sie jetzt in die Hand , stemmte sich mit der linken Schulter dagegen und begann nun ihre Reibetätigkeit mit solcher Vehemenz , daß die geriebene Semmel über den ganzen blauen Bogen hinstäubte . Dann und wann unterbrach sie sich und schüttete die Bröckchen nach der Mitte hin zu einem Berg zusammen , aber gleich danach begann sie von neuem , und es hörte sich wirklich an , als ob sie bei dieser Arbeit allerlei mörderische Gedanken habe . Die Schmolke sah ihr von der Seite her zu . Dann sagte sie : » Corinna , wen zerreibst du denn eigentlich ? « » Die ganze Welt . « » Das is viel ... un dich mit ? « » Mich zuerst . « » Das is recht . Denn wenn du nur erst recht zerrieben un recht mürbe bist , dann wirst du wohl wieder zu Verstande kommen . « » Nie . « » Man muß nie nie sagen , Corinna . Das war ein Hauptsatz von Schmolke . Un das muß wahr sein , ich habe noch jedesmal gefunden , wenn einer nie sagte , dann is es immer dicht vorm Umkippen . Un ich wollte , daß es mit dir auch so wäre . « Corinna seufzte . » Sieh , Corinna , du weißt , daß ich immer dagegen war . Denn es is ja doch ganz klar , daß du deinen Vetter Marcell heiraten mußt . « » Liebe Schmolke , nur kein Wort von dem . « » Ja , das kennt man , das is das Unrechtsgefühl . Aber ich will nichts weiter sagen un will nur sagen , was ich schon gesagt habe , daß ich immer dagegen war , ich meine gegen Leopold , un daß ich einen Schreck kriegte , als du mir ' s sagtest . Aber als du mir dann sagtest , daß die Kommerzienrätin sich ärgern würde , da gönnt ich ' s ihr un dachte , warum nich ? warum soll es nich gehn ? Un wenn der Leopold auch bloß ein Wickelkind is , Corinnchen wird ihn schon aufpäppeln und ihn zu Kräften bringen . Ja , Corinna , so dacht ich un hab es dir auch gesagt . Aber es war ein schlechter Gedanke , denn man soll seinen Mitmenschen nich ärgern , auch wenn man ihn nich leiden kann , un was mir zuerst kam , der Schreck über deine Verlobung , das war doch das Richtige . Du mußt einen klugen Mann haben , einen , der eigentlich klüger ist als du - du bist übrigens gar nich mal so klug - un der was Männliches hat , so wie Schmolke , un vor dem du Respekt hast . Un vor Leopold kannst du keinen Respekt haben . Liebst du ' n denn noch immer ? « » Ach , ich denke ja gar nicht dran , liebe Schmolke . « » Na , Corinna , denn is es Zeit , un denn mußt du nu Schicht damit machen . Du kannst doch nich die ganze Welt auf den Kopp stellen un dein un andrer Leute Glück , worunter auch dein Vater un deine alte Schmolke is , verschütten un verderben wollen , bloß um der alten Kommerzienrätin mit ihrem Puffscheitel und ihren Brillantbommeln einen Tort anzutun . Es is eine geldstolze Frau , die den Apfelsinenladen vergessen hat un immer bloß ötepotöte tut un den alten Professor anschmachtet un ihn auch Wilibald nennt , als ob sie noch auf ' n Hausboden Versteck miteinander spielten un hinterm Torf stünden , denn damals hatte man noch Torf auf ' m Boden , un wenn man runterkam , sah man immer aus wie ' n Schornsteinfeger - ja , sieh , Corinna , das hat alles seine Richtigkeit , un ich hätt ihr so was gegönnt , un Ärger genug wird sie woll auch gehabt haben . Aber wie der alte Pastor Thomas zu Schmolke un mir in unsrer Traurede gesagt hat : Liebet euch untereinander , denn der Mensch soll sein Leben nich auf den Haß , sondern auf die Liebe stellen ( dessen Schmolke un ich auch immer eingedenk gewesen sind ) - so , meine liebe Corinna , sag ich es auch zu dir , man soll sein Leben nich auf den Haß stellen . Hast du denn wirklich einen solchen Haß auf die Rätin , das heißt einen richtigen ? « » Ach , ich denke ja gar nicht dran , liebe Schmolke . « » Ja , Corinna , da kann ich dir bloß noch mal sagen , dann is es wirklich die höchste Zeit , daß was geschieht . Denn wenn du ihn nicht liebst und ihr nich haßt , denn weiß ich nich , was die ganze Geschichte überhaupt noch soll . « » Ich auch nicht . « Und damit umarmte Corinna die gute Schmolke , und diese sah denn auch gleich an einem Flimmer in Corinnas Augen , daß nun alles vorüber und daß der Sturm gebrochen sei . » Na , Corinna , denn wollen wir ' s schon kriegen , un es kann noch alles gut werden . Aber nu gib die Form her , daß wir ihn eintun , denn eine Stunde muß er doch wenigstens kochen . Un vor Tisch sag ich deinem Vater kein Wort , weil er sonst vor Freude nich essen kann ... « » Ach , der äße doch . « » Aber nach Tisch sag ich ' s ihm , wenn er auch um seinen Schlaf kommt . Und geträumt hab ich ' s auch schon un habe dir nur nichts davon sagen wollen . Aber nun kann ich es ja . Sieben Kutschen , und die beiden Kälber von Professor Kuh waren Brautjungfern . Natürlich , Brautjungfern möchten sie immer alle sein , denn auf die kuckt alles , beinah mehr noch als auf die Braut , weil die ja schon weg ist ; un meistens kommen sie auch bald ran . Un bloß den Pastor konnt ich nich recht erkennen . Thomas war es nich . Aber vielleicht war es Souchon , bloß daß er ein bißchen zu dicklich war . « Fünfzehntes Kapitel Der Pudding erschien Punkt zwei , und Schmidt hatte sich denselben munden lassen . In seiner behaglichen Stimmung entging es ihm durchaus , daß Corinna für alles , was er sagte , nur ein stummes Lächeln hatte ; denn er war ein liebenswürdiger Egoist , wie die meisten seines Zeichens , und kümmerte sich nicht sonderlich um die Stimmung seiner Umgebung , solange nichts passierte , was dazu angetan war , ihm die Laune direkt zu stören . » Und nun laß abdecken , Corinna ; ich will , eh ich mich ein bißchen ausstrecke , noch einen Brief an Marcell schreiben oder doch wenigstens ein paar Zeilen . Er hat nämlich die Stelle . Distelkamp , der immer noch alte Beziehungen unterhält , hat mich ' s heute vormittag wissen lassen . « Und während der Alte das sagte , sah er zu Corinna hinüber , weil er wahrnehmen wollte , wie diese wichtige Nachricht auf seiner Tochter Gemüt wirke . Er sah aber nichts , vielleicht weil nichts zu sehen war , vielleicht auch , weil er kein scharfer Beobachter war , selbst dann nicht , wenn er ' s ausnahmsweise mal sein wollte . Corinna , während der Alte sich erhob , stand ebenfalls auf und ging hinaus , um draußen die nötigen Ordres zum Abräumen an die Schmolke zu geben . Als diese bald danach eintrat , setzte sie mit jenem absichtlichen und ganz unnötigen Lärmen , durch den alte Dienerinnen ihre dominierende Hausstellung auszudrücken lieben , die herumstehenden Teller und Bestecke zusammen , derart , daß die Messer- und Gabelspitzen nach allen Seiten hin herausstarrten , und drückte diesen Stachelturm im selben Augenblicke , wo sie sich zum Hinausgehen anschickte , fest an sich . » Pieken Sie sich nicht , liebe Schmolke « , sagte Schmidt , der sich gern einmal eine kleine Vertraulichkeit erlaubte . » Nein , Herr Professor , von pieken is keine Rede nich mehr , schon lange nich . Un mit der Verlobung is es auch vorbei . « » Vorbei . Wirklich ? Hat sie was gesagt ? « » Ja , wie sie die Semmel zu den Pudding rieb , ist es mit eins rausgekommen . Es stieß ihr schon lange das Herz ab , und sie wollte bloß nichts sagen . Aber nu is es ihr zu langweilig geworden , das mit Leopolden . Immer bloß kleine Billetter mit ' n Vergißmeinnicht draußen un ' n Veilchen drin ; da sieht sie nu doch wohl , daß er keine rechte Courage hat un daß seine Furcht vor der Mama noch größer is als seine Liebe zu ihr . « » Nun , das freut mich . Und ich hab es auch nicht anders erwartet . Und Sie wohl auch nicht , liebe Schmolke . Der Marcell ist doch ein andres Kraut . Und was heißt gute Partie ? Marcell ist Archäologe . « » Versteht sich « , sagte die Schmolke , die sich dem Professor gegenüber grundsätzlich nie zur Unvertrautheit mit Fremdwörtern bekannte . » Marcell , sag ich , ist Archäologe . Vorläufig rückt er an Hedrichs Stelle . Gut angeschrieben ist er schon lange , seit Jahr und Tag . Und dann geht er mit Urlaub und Stipendium nach Mykenä ... « Die Schmolke drückte auch jetzt wieder ihr volles Verständnis und zugleich ihre Zustimmung aus . » Und vielleicht « , fuhr Schmidt fort , » auch nach Tiryns oder wo Schliemann grade steckt . Und wenn er von da zurück ist und mir einen Zeus für diese meine Stube mitgebracht hat ... « , und er wies dabei unwillkürlich nach dem Ofen oben , als dem einzigen für Zeus noch leeren Fleck , » ... wenn er von da zurück ist , sag ich , so ist ihm eine Professur gewiß . Die Alten können nicht ewig leben . Und sehen Sie , liebe Schmolke , das ist das , was ich eine gute Partie nenne . « » Versteht sich , Herr Professor . Wovor sind denn auch die Examens un all das ? Un Schmolke , wenn er auch kein Studierter war , sagte auch immer ... « » Und nun will ich an Marcell schreiben und mich dann ein Viertelstündchen hinlegen . Und um halb vier den Kaffee . Aber nicht später . « Um halb vier kam der Kaffee . Der Brief an Marcell , ein Rohrpostbrief , zu dem sich Schmidt nach einigem Zögern entschlossen hatte , war seit wenigstens einer halben Stunde fort , und wenn alles gut ging und Marcell zu Hause war , so las er vielleicht in diesem Augenblicke schon die drei lapidaren Zeilen , aus denen er seinen Sieg entnehmen konnte . Gymnasial-Oberlehrer ! Bis heute war er nur deutscher Literaturlehrer an einer höheren Mädchenschule gewesen und hatte manchmal grimmig in sich hineingelacht , wenn er über den Codex argenteus , bei welchem Worte die jungen Dinger immer kicherten , oder über den Heliand und Beowulf hatte sprechen müssen . Auch hinsichtlich Corinnas waren ein paar dunkle Wendungen in den Brief eingeflochten worden , und alles in allem ließ sich annehmen , daß Marcell binnen kürzester Frist erscheinen würde , seinen Dank auszusprechen . Und wirklich , fünf Uhr war noch nicht heran , als die Klingel ging und Marcell eintrat . Er dankte dem Onkel herzlich für seine Protektion , und als dieser das alles mit der Bemerkung ablehnte , daß , wenn von solchen Dingen überhaupt die Rede sein könne , jeder Dankesanspruch auf Distelkamp falle , sagte Marcell : » Nun , dann also Distelkamp . Aber daß du mir ' s gleich geschrieben , dafür werd ich mich doch auch bei dir bedanken dürfen . Und noch dazu mit Rohrpost ! « » Ja , Marcell , das mit Rohrpost , das hat vielleicht Anspruch ; denn eh wir Alten uns zu was Neuem bequemen , das dreißig Pfennig kostet , da kann mitunter viel Wasser die Spree runterfließen . Aber was sagst du zu Corinna ? « » Lieber Onkel , du hast da so eine dunkle Wendung gebraucht ... ich habe sie nicht recht verstanden . Du schriebst : Kenneth von Leoparden sei auf dem Rückzug . Ist Leopold gemeint ? Und muß es Corinna jetzt als Strafe hinnehmen , daß sich Leopold , den sie so sicher zu haben glaubte , von ihr abwendet ? « » Es wäre so schlimm nicht , wenn es so läge . Denn in diesem Falle wäre die Demütigung , von der man doch wohl sprechen muß , noch um einen Grad größer . Und sosehr ich Corinna liebe , so muß ich doch zugeben , daß ihr ein Denkzettel wohl not täte . « Marcell wollte zum Guten reden ... » Nein , verteidige sie nicht , sie hätte so was verdient . Aber die Götter haben es doch milder mit ihr vor und diktieren ihr statt der ganzen Niederlage , die sich in Leopolds selbstgewolltem Rückzuge aussprechen würde , nur die halbe Niederlage zu , nur die , daß die Mutter nicht will und daß meine gute Jenny , trotz Lyrik und obligater Träne , sich ihrem Jungen gegenüber doch mächtiger erweist als Corinna . « » Vielleicht nur , weil Corinna sich noch rechtzeitig besann und nicht alle Minen springen lassen wollte . « » Vielleicht ist es so . Aber wie es auch liegen mag , Marcell , wir müssen uns nun darüber schlüssig machen , wie du zu dieser ganzen Tragikomödie dich stellen willst , so oder so . Ist dir Corinna , die du vorhin so großmütig verteidigen wolltest , verleidet oder nicht ? Findest du , daß sie wirklich eine gefährliche Person ist , voll Oberflächlichkeit und Eitelkeit , oder meinst du , daß alles nicht so schlimm und ernsthaft war , eigentlich nur bloße Marotte , die verziehen werden kann ? Darauf kommt es an . « » Ja , lieber Onkel , ich weiß wohl , wie ich dazu stehe . Aber ich bekenne dir offen , ich hörte gern erst deine Meinung . Du hast es immer gut mit mir gemeint und wirst Corinna nicht mehr loben , als sie verdient . Auch schon aus Selbstsucht nicht , weil du sie gern im Hause behieltest . Und ein bißchen Egoist bist du ja wohl . Verzeih , ich meine nur so dann und wann und in einzelnen Stücken ... « » Sage dreist , in allen . Ich weiß das auch und getröste mich damit , daß es in der Welt öfters vorkommt . Aber das sind Abschweifungen . Von Corinna soll ich sprechen und will auch . Ja , Marcell , was ist da zu sagen ? Ich glaube , sie war ganz ernsthaft dabei , hat dir ' s ja auch damals ganz frank und frei erklärt , und du hast es auch geglaubt , mehr noch als ich . Das war die Sachlage , so stand es vor ein paar Wochen . Aber jetzt , darauf möcht ich mich verwetten , jetzt ist sie gänzlich umgewandelt , und wenn die Treibels ihren Leopold zwischen lauter Juwelen und Goldbarren setzen wollten , ich glaube , sie nähm ihn nicht mehr . Sie hat eigentlich ein gesundes und ehrliches und aufrichtiges Herz , auch einen feinen Ehrenpunkt , und nach einer kurzen Abirrung ist ihr mit einem Male klargeworden , was es eigentlich heißt , wenn man mit zwei Familienporträts und einer väterlichen Bibliothek in eine reiche Familie hineinheiraten will . Sie hat den Fehler gemacht , sich einzubilden , das ginge so , weil man ihrer Eitelkeit beständig Zuckerbrot gab und so tat , als bewerbe man sich um sie . Aber bewerben und bewerben ist ein Unterschied . Gesellschaftlich , das geht eine Weile ; nur nicht fürs Leben . In eine Herzogsfamilie kann man allenfalls hineinkommen , in eine Bourgeoisfamilie nicht . Und wenn er , der Bourgeois , es auch wirklich übers Herz brächte - seine Bourgeoise gewiß nicht , am wenigsten wenn sie Jenny Treibel , née Bürstenbinder heißt . Rundheraus , Corinnas Stolz ist endlich wachgerufen , laß mich hinzusetzen : Gott sei Dank , und gleichviel nun , ob sie ' s noch hätte durchsetzen können oder nicht , sie mag es und will es nicht mehr , sie hat es satt . Was vordem halb Berechnung , halb Übermut war , das sieht sie jetzt in einem andern Licht und ist ihr Gesinnungssache geworden . Da hast du meine Weisheit . Und nun laß mich noch einmal fragen , wie gedenkst du dich zu stellen ? Hast du Lust und Kraft , ihr die Torheit zu verzeihen ? « » Ja , lieber Onkel , das hab ich . Natürlich , soviel ist richtig , es wäre mir ein gut Teil lieber , die Geschichte hätte nicht gespielt ; aber da sie nun einmal gespielt hat , nehm ich mir das Gute daraus . Corinna hat nun wohl für immer mit der Modernität und dem krankhaften Gewichtlegen aufs Äußerliche gebrochen und hat statt dessen die von ihr verspotteten Lebensformen wieder anerkennen gelernt , in denen sie großgeworden ist . « Der Alte nickte . » Mancher « , fuhr Marcell fort , » würde sich anders dazu stellen , das ist mir völlig klar ; die Menschen sind eben verschieden , das sieht man alle Tage . Da hab ich beispielsweise , ganz vor kurzem erst , eine kleine reizende Geschichte von Heyse gelesen , in der ein junger Gelehrter , ja , wenn mir recht ist , sogar ein archäologisch Angekränkelter , also eine Art Spezialkollege von mir , eine junge Baronesse liebt und auch herzlich und aufrichtig wiedergeliebt wird ; er weiß es nur noch nicht recht , ist ihrer noch nicht ganz sicher . Und in diesem Unsicherheitszustande hört er in der zufälligen Verborgenheit einer Taxushecke , wie die mit einer Freundin im Park lustwandelnde Baronesse eben dieser ihrer Freundin allerhand Confessions macht , von ihrem Glück und ihrer Liebe plaudert und sich ' s nur leider nicht versagt , ein paar scherzhaft übermütige Bemerkungen über ihre Liebe mit einzuflechten . Und dies hören und sein Ränzel schnüren und sofort das Weite suchen ist für den Liebhaber und Archäologen eins . Mir ganz unverständlich . Ich , lieber Onkel , hätt es anders gemacht , ich hätte nur die Liebe herausgehört und nicht den Scherz und nicht den Spott und wäre , statt abzureisen , meiner geliebten Baronesse wahnsinnig glücklich zu Füßen gestürzt , von nichts sprechend als von meinem unendlichen Glück . Da hast du meine Situation , lieber Onkel . Natürlich kann man ' s auch anders machen ; ich bin für mein Teil indessen herzlich froh , daß ich nicht zu den Feierlichen gehöre . Respekt vor dem Ehrenpunkt , gewiß ; aber zuviel davon ist vielleicht überall vom Übel und in der Liebe nun schon ganz gewiß . « » Bravo , Marcell . Hab es übrigens nicht anders erwartet und seh auch darin wieder , daß du meiner leiblichen Schwester Sohn bist . Sieh , das ist das Schmidtsche in dir , daß du so sprechen kannst ; keine Kleinlichkeit , keine Eitelkeit , immer aufs Rechte und immer aufs Ganze . Komm her , Junge , gib mir einen Kuß . Einer ist eigentlich zuwenig , denn wenn ich bedenke , daß du mein Neffe und Kollege und nun bald auch mein Schwiegersohn bist , denn Corinna wird doch wohl nicht nein sagen , dann sind auch zwei Backenküsse kaum noch genug . Und die Genugtuung sollst du haben , Marcell , Corinna muß an dich schreiben und sozusagen beichten und Vergebung der Sünden bei dir anrufen . « » Um Gottes willen , Onkel , mache nur nicht so was . Zunächst wird sie ' s nicht tun , und wenn sie ' s tun wollte , so würd ich doch das nicht mit ansehn können . Die Juden , so hat mir Friedeberg erst ganz vor kurzem erzählt , haben ein Gesetz oder einen Spruch , wonach es als ganz besonders strafwürdig gilt , einen Mitmenschen zu beschämen , und ich finde , das ist ein kolossal feines Gesetz und beinah schon christlich . Und wenn man niemanden beschämen soll , nicht einmal seine Feinde , ja , lieber Onkel , wie käm ich dann dazu , meine liebe Cousine Corinna beschämen zu wollen , die vielleicht schon nicht weiß , wo sie vor Verlegenheit hinsehen soll . Denn wenn die Nichtverlegenen mal verlegen werden , dann werden sie ' s auch ordentlich , und ist einer in solch peinlicher Lage wie Corinna , da hat man die Pflicht , ihm goldne Brücken zu baun . Ich werde schreiben , lieber Onkel . « » Bist ein guter Kerl , Marcell ; komm her , noch einen . Aber sei nicht zu gut , das können die Weiber nicht vertragen , nicht einmal die Schmolke . « Sechzehntes Kapitel Und Marcell schrieb wirklich , und am andern Morgen lagen zwei an Corinna adressierte Briefe auf dem Frühstückstisch , einer in kleinem Format mit einem Landschaftsbildchen in der linken Ecke , Teich und Trauerweide , worin Leopold , zum ach , wievielsten Male , von seinem » unerschütterlichen Entschlusse « sprach , der andere , ohne malerische Zutat , von Marcell . Dieser lautete : » Liebe Corinna ! Der Papa hat gestern mit mir gesprochen und mich zu meiner innigsten Freude wissen lassen , daß , verzeih , es sind seine eignen Worte , Vernunft wieder an zu sprechen fange . Und , so setzte er hinzu , die rechte Vernunft käme aus dem Herzen . Darf ich es glauben ? ist ein Wandel eingetreten , die Bekehrung , auf die ich gehofft ? Der Papa wenigstens hat mich dessen versichert . Er war auch der Meinung , daß Du bereit sein würdest , dies gegen mich auszusprechen , aber ich habe feierlichst dagegen protestiert , denn mir liegt gar nicht daran , Unrechts- oder Schuldgeständnisse zu hören ; - das , was ich jetzt weiß , wenn auch noch nicht aus Deinem Munde , genügt mir völlig , macht mich unendlich glücklich und löscht alle Bitterkeit aus meiner Seele . Manch einer würde mir in diesem Gefühl nicht folgen können , aber ich habe da , wo mein Herz spricht , nicht das Bedürfnis , zu einem Engel zu sprechen , im Gegenteil , mich bedrücken Vollkommenheiten , vielleicht weil ich nicht an sie glaube ; Mängel , die ich menschlich begreife , sind mir sympathisch , auch dann noch , wenn ich unter ihnen leide . Was Du mir damals sagtest , als ich Dich an dem Mr.-Nelson-Abend von Treibels nach Hause begleitete , das weiß ich freilich noch alles , aber es lebt nur in meinem Ohr , nicht in meinem Herzen . In meinem Herzen steht nur das eine , das immer darin stand , von Anfang an , von Jugend auf . Ich hoffe Dich heute noch zu sehen . Wie immer Dein Marcell . « Corinna reichte den Brief ihrem Vater . Der las nun auch und blies dabei doppelte Dampfwolken ; als er aber fertig war , stand er auf und gab seinem Liebling einen Kuß auf die Stirn : » Du bist ein Glückskind . Sieh , das ist das , was man das Höhere nennt , das wirklich Ideale , nicht das von meiner Freundin Jenny . Glaube mir , das Klassische , was sie jetzt verspotten , das ist das , was die Seele frei macht , das Kleinliche nicht kennt und das Christliche vorahnt und vergeben und vergessen lehrt , weil wir alle des Ruhmes mangeln . Ja , Corinna , das Klassische , das hat Sprüche wie Bibelsprüche . Mitunter beinah noch etwas drüber . Da haben wir zum Beispiel den Spruch : Werde , der du bist , ein Wort , das nur ein Grieche sprechen konnte . Freilich , dieser Werdeprozeß , der hier gefordert wird , muß sich verlohnen , aber wenn mich meine väterliche Befangenheit nicht täuscht , bei dir verlohnt es sich . Diese Treibelei war ein Irrtum , ein Schritt vom Wege , wie jetzt , wie du wissen wirst , auch ein Lustspiel heißt , noch dazu von einem Kammergerichtsrat . Das Kammergericht , Gott sei Dank , war immer literarisch . Das Literarische macht frei ... Jetzt hast du das Richtige wiedergefunden und dich selbst dazu ... Werde , der du bist , sagt der große Pindar , und deshalb muß auch Marcell , um der zu werden , der er ist , in die Welt hinaus , an die großen Stätten , und besonders an die ganz alten . Die ganz alten , das ist immer wie das Heilige Grab ; dahin gehen die Kreuzzüge der Wissenschaft , und seid ihr erst von Mykenä wieder zurück - ich sage ihr , denn du wirst ihn begleiten , die Schliemann ist auch immer dabei - , so müßte keine Gerechtigkeit sein , wenn ihr nicht übers Jahr Privatdozent wärt oder Extraordinarius . « Corinna dankte ihm , daß er sie gleich mit ernenne , vorläufig indes sei sie mehr für Haus und Kinderstube . Dann verabschiedete sie sich und ging in die Küche , setzte sich auf einen Schemel und ließ die Schmolke den Brief lesen . » Nun , was sagen Sie , liebe Schmolke ? « » Ja , Corinna , was soll ich sagen ? Ich sage bloß , was Schmolke immer sagte : Manchen gibt es der liebe Gott im Schlaf . Du hast ganz unverantwortlich un beinahe schauderöse gehandelt un kriegst ihn nu doch . Du bist ein Glückskind . « » Das hat mir Papa auch gesagt . « » Na , denn muß es wahr sein , Corinna . Denn was ein Professor sagt , is immer wahr . Aber nu keine Flausen mehr und keine Witzchen , davon haben wir nu genug gehabt mit dem armen Leopold , der mir doch eigentlich leid tun kann , denn er hat sich ja nich selber gemacht , un der Mensch is am Ende , wie er is . Nein , Corinna , nu wollen wir ernsthaft werden . Und wenn meinst du denn , daß es losgeht oder in die Zeitung kommt ? Morgen ? « » Nein , liebe Schmolke , so schnell geht es nicht . Ich muß ihn doch erst sehn und ihm einen Kuß geben ... « » Versteht sich , versteht sich . Eher geht es nich ... « » Und dann muß ich doch auch dem armen Leopold erst abschreiben . Er hat mir ja erst heute wieder versichert , daß er für mich leben und sterben will ... « » Ach Jott , der arme Mensch . « » Am Ende ist er auch ganz froh ... « » Möglich is es . « Noch am selben Abend , wie sein Brief es angezeigt , kam Marcell und begrüßte zunächst den in seine Zeitungslektüre vertieften Onkel , der ihm denn auch - vielleicht weil er die Verlobungsfrage für erledigt hielt - etwas zerstreut und das Zeitungsblatt in der Hand mit den Worten entgegentrat : » Und nun sage , Marcell , was sagst du dazu ? Summus episcopus ... Der Kaiser , unser alter Wilhelm , entkleidet sich davon und will es nicht mehr , und Kögel wird es . Oder vielleicht Stoecker ... « » Ach , lieber Onkel , erstlich glaub ich es nicht . Und dann , ich werde ja doch schwerlich im Dom getraut werden ... « » Hast recht . Ich habe den Fehler aller Nicht-Politiker , über einer Sensationsnachricht , die natürlich hinterher immer falsch ist , alles Wichtigere zu vergessen . Corinna sitzt drüben in ihrem Zimmer und wartet auf dich , und ich denke mir , es wird wohl das beste sein , ihr macht es untereinander ab ; ich bin auch mit der Zeitung noch nicht ganz fertig , und ein dritter geniert bloß , auch wenn es der Vater ist . « Corinna , als Marcell eintrat , kam ihm herzlich und freundlich entgegen , etwas verlegen , aber doch zugleich sichtlich gewillt , die Sache nach ihrer Art zu behandeln , also sowenig tragisch wie möglich . Von drüben her fiel der Abendschein ins Fenster , und als sie sich gesetzt hatten , nahm sie seine Hand und sagte : » Du bist so gut , und ich hoffe , daß ich dessen immer eingedenk sein werde . Was ich wollte , war nur Torheit . « » Wolltest du ' s denn wirklich ? « Sie nickte . » Und liebtest ihn ganz ernsthaft ? « » Nein . Aber ich wollte ihn ganz ernsthaft heiraten . Und mehr noch , Marcell , ich glaube auch nicht , daß ich sehr unglücklich geworden wäre , das liegt nicht in mir , freilich auch wohl nicht sehr glücklich . Aber wer ist glücklich ? Kennst du wen ? Ich nicht . Ich hätte Malstunden genommen und vielleicht auch Reitunterricht und hätte mich an der Riviera mit ein paar englischen Familien angefreundet , natürlich solche mit einer Pleasure-Yacht , und wäre mit ihnen nach Korsika oder nach Sizilien gefahren , immer der