als man aufbrach , nachdem sich die Prinzessin kurz vorher in ihre Gemächer zurückgezogen . Holk begleitete wieder das Schleppegrellsche Paar , diesmal aber bis in die Stadt selbst hinein , und kehrte erst , nachdem er zugesagt hatte , bei nächster freier Zeit einen Besuch im Pfarrhause machen und daselbst Schleppegrells Sammlungen besichtigen zu wollen , in sein Turmzimmer zurück , um hier , im Laufe des Abends , verschiedene Briefe zu schreiben , an Asta , an Axel , an die Dobschütz . Von dieser letzteren waren am voraufgegangenen Tage , fast unmittelbar vor Aufbruch des prinzeßlichen Hofes nach Frederiksborg , einige Zeilen eingetroffen , in denen ihm mitgeteilt wurde , daß Christine nicht schreiben könne , weil sie krank sei . Daß diese Mitteilung einen großen Eindruck auf ihn gemacht hätte , konnte nicht behauptet werden . Er kannte seiner Frau Wahrheitsliebe , trotzdem sagte er : » Sie wird verstimmt sein , und das heißt dann Krankheit . Wenn man will , ist man immer krank und erfreut sich des Vorzugs , jede Laune rechtfertigen zu können . « Der andere Morgen führte wieder einen klaren und wolkenlosen Tag herauf ; kein Wind ging , und Holk , der sich in der Mittagsstunde zum Dienst zu melden hatte , saß in Nähe des Fensters und sah nach dem Hilleröder Kirchturm hinüber , dessen Wetterhahn in der Sonne blitzte ; still lagen die Häuser da , die Dächer blink und blank , und wäre nicht der Rauch gewesen , der aus den hohen Topfschornsteinen aufstieg , so hätte man glauben können , es sei eine verwunschene Stadt . Nirgends Menschen . » In solcher Stille zu leben « , sprach er vor sich hin , » welch Glück ! « Und als er sich dann vergegenwärtigte , daß Holkenäs dieselbe Stille habe , setzte er hinzu : » Ja , dieselbe Stille , aber nicht denselben Frieden . Wie beneidenswert dieser Pastor ! Er hat seine Gemeinde , seine Steingräber und seine Moorfunde , den Herluf Trolle ganz ungerechnet , und läßt die Welt draußen ihren Gang gehen . Hilleröd ist seine Welt . Freilich , wer will sagen , was in ihm vorgeht ? Er scheint so ruhig und abgeklärt , so ganz in Frieden , aber ist er ' s ? Wenn es wahr ist , daß drei Prinzessinnen hintereinanderweg , oder vielleicht auch a tempo , sich in ihn verliebten , so will mir solch Idyll , als Ausgang von dem allem , doch als ein fragliches Glück erscheinen . Eine Prinzessin zu heiraten ist freilich ein noch viel fraglicheres , aber wenn man ' s klug unterläßt und als einzigen Lohn seiner Klugheit nichts hat als solche Hilleröder Kleinstädterei , so muß einem doch immer so was wie Sehnsucht bleiben . Eine prächtige Frau , diese kleine dicke Kugel von Pastorin , aber ganz unangetan , einen Mann wie Schleppegrell seine Vergangenheit vergessen zu machen . Zuletzt hat doch jeder seine Eitelkeit , und Pastoren sollen in diesem Punkte nicht gerade die letzten sein . « Er phantasierte noch eine Weile so weiter und ging bei der Gelegenheit noch einmal alles durch , was ihm der gestrige Tag , abgesehen von der kleinen Festlichkeit bei der Prinzessin , an Bildern und Erlebnissen gebracht hatte : den Spaziergang auf Fredensborg zu , das flache Fährboot mit seinem ausgespannten Seil , daran man sich über den Parkgraben ans andere Ufer zog , den wundervollen Blick auf die Rückseite des Schlosses mit seinem Steildach und seinen Türmen und endlich den Muldenstein und das Gespräch mit Ebba . » Ebba spricht doch nicht liebevoll genug von der Prinzessin und ist mir darin wieder ein rechter Beweis , wie schlecht sich Esprit und Dankbarkeit vertragen . Ist ihr etwas Pikantes auf der Zunge , so muß es heraus , und die Pietät wird zu Grabe geläutet . Die Stockholmer Geschichte ... nun , von der will ich nicht reden , die mag auf sich beruhen , wiewohl auch da viel Grund zur Dankbarkeit vorliegen mag ; aber auch jetzt noch , alles , was die Prinzessin sagt oder tut , ist eine Verwöhnung , und Ebba nimmt es hin , nicht bloß als selbstverständlich , sondern als wäre sie der Prinzessin überlegen . Und das ist sie nicht , die Prinzessin ist nur von einer schlichteren Ausdrucksweise . Wie gut war das alles wieder , was sie gestern , aus der Fülle der Erfahrung , über den alten Grundtvig sagte , wobei mir einfällt , daß ich daraus eine gute Nachschrift für meinen Brief an die Dobschütz machen könnte . Der Brief ist ohnehin etwas mager ausgefallen . « Und während er das sagte , nahm er seinen Platz an dem rechts neben dem Fenster stehenden Schreibtisch und schrieb auf die noch leer gebliebene Seite : » Noch eine kleine Nachschrift , meine liebe Dobschütz . Unter unseren gestrigen Gesprächen bei der Prinzessin war auch eins über Grundtvig . Schleppegrell hatte nicht übel Lust , einen halben Heiligen aus ihm zu machen , worin ihn , natürlich ironisch , Pentz und die Rosenberg unterstützten . Die Prinzessin aber nahm die Sache ganz ernsthaft , fast so ernsthaft wie Schleppegrell , und sagte : Grundtvig ist ein bedeutender Mann und so recht angetan , ein Dänenstolz zu sein . Aber einen Fehler hat er doch , er muß immer etwas Apartes haben und sich von dem Rest der Menschheit , auch selbst der dänischen , unterscheiden , und wiewohl ihm nachgesagt wird , er stelle Dänemark so hoch , daß er ganz ernsthaft glaube , der liebe Gott spräche dänisch , so bin ich doch sicher , daß er von dem Tag an , wo dies ganz allgemein feststände , mit allem Nachdruck behaupten und beweisen würde : der liebe Gott spräche preußisch . Grundtvig kann nicht ertragen , mit irgend jemandem in Übereinstimmung zu sein . Hieraus , liebe Dobschütz , spricht ganz und gar der Ton unserer Tisch- und Abendunterhaltungen , und ich füge diese kleine Geschichte meinem Briefe mit allem Vorbedacht hinzu , weil ich weiß , wie sich Christine für Pastoralanekdoten und theologische Streitigkeiten interessiert . Und die Frage nach der Intimsprache Gottes kann vielleicht dafür gelten . Nochmals die herzlichsten Grüße . An Christine schreibe ich morgen , wenn auch nur einige Zeilen . « Er couvertierte nun diesen Brief an die Dobschütz , zugleich die beiden andern an Asta und Axel und war eben damit fertig , als es klopfte . » Herein . « Aber das Klopfen wiederholte sich nur , so daß Holk aufstand , um zu sehen , was es sei . Draußen stand Karin , die verlegen vor sich hin sah , trotzdem Verlegenheit zu den letzten ihrer Eigenschaften zählte . Sie behändigte Holk einige Zeitungen und Briefe , die der Postbote , der sehr eilig gewesen , um Zeitersparnisses willen unten beim gnädigen Fräulein mit abgegeben habe . Das gnädige Fräulein lasse sich dem Herrn Grafen empfehlen und habe vor , mit Baron Pentz einen Spaziergang zu dem » Stein « im Park zu machen - der Herr Graf wüßten schon , bis zu welchem Stein . Holk lächelte , ließ sich entschuldigen und nahm dann seinen Platz wieder ein , um zu sehen , was die neueste Post gebracht habe . Die Zeitungen , die bei der momentan herrschenden politischen Windstille wenig versprachen , schob er beiseite und musterte dabei schon die Handschriften der eingetroffenen Briefe . Sie ließen sich alle leicht erkennen ; das war die des alten Petersen , das die seines Gärtners und diese hier die Handschrift Arnes , seines Schwagers . Der Poststempel » Arnewiek « bestätigte nur . » Von Alfred ? Was will er ? Er faßt doch sonst die Machtvollkommenheiten seiner Majordomusschaft weitgehend genug auf , um mich durch Anfragen nicht groß zu stören . Und ein wahres Glück , daß er so verfährt und überhaupt so ist , wie er ist . Ich habe nicht Lust , mich hier um Wollpreise zu kümmern oder um die Frage , wieviel Fetthämmel nach England verladen werden sollen . Das ist seine Sache beziehungsweise Christinens , und beide verstehen es außerdem viel besser als ich ; die Arnes waren immer Agrikulturgrößen , was ich von den Holks eigentlich nicht sagen kann ; ich meinerseits habe immer nur den Anlauf dazu genommen . Also was will er ? Aber wozu mir den Kopf mit Vermutungen zerbrechen . « Und dabei nahm er den Brief und schnitt ihn mit einem kleinen Elfenbeinmesser auf , aber langsam , denn er stand unter einem Vorgefühl , daß ihm der Brief nicht viel Erfreuliches bringen werde . Und nun las er : » Lieber Holk ! Ich unterlasse es , wie Du weißt , grundsätzlich , Dir , in Deinen Kopenhagener Tagen , mit wirtschaftlichen Angelegenheiten aus Holkenäs beschwerlich zu fallen . Es war auch bisher nie nötig , da Dein liebenswürdiger Charakter es leicht macht , an Deiner Stelle zu regieren ; Du hast nicht bloß die glückliche Gabe , mit dem , was andre tun , einverstanden zu sein , sondern die noch glücklichere , wenn der Ausnahmefall mal eintritt , fünf gerade sein zu lassen . Und um es gleich vorweg zu sagen , ich schreibe Dir auch heute nicht um pressanter wirtschaftlicher Dinge willen und habe noch weniger vor , ganz allgemein auf meine Lieblingspläne zurückzukommen , die , wie Du weißt , dahin gehen : lieber Shorthorns als Oldenburger ( die Milchwirtschaft hat sich überlebt ) und lieber Southdowns als Rambouillet . Was soll uns noch die Wollproduktion ? Ein längst überwundener Standpunkt , der für die Lüneburger Heide passen mag , aber nicht für uns . Der Londoner Cattle-Market , der allein ist es , der für Güter wie die unsrigen in Betracht kommt . Meat , meat ! Aber nichts mehr davon . Ich schreibe Dir wegen wichtigerer Dinge , wegen Christine . Christine , wie Dir die Dobschütz schon mitgeteilt haben wird , ist leidend , ernst und nicht ernst , wie Du ' s nehmen willst . Sie braucht weder nach Karlsbad noch nach Nizza geschickt zu werden , aber doch ist sie krank , krank im Gemüt . Und daran , lieber Holk , bist Du schuld . Was sind das für Briefe , die Du nun schon seit sechs Wochen schreibst oder , fast ließe sich sagen , auch nicht schreibst . Ich verstehe Dich nicht , und wenn ich Dir , von Anbeginn unserer Freundschaft an , immer vorgeworfen habe : Du kenntest die Frauen nicht , so muß ich jetzt alles Scherzhafte , was sich früher bei dieser Bemerkung mit einmischte , daraus streichen und Dir im bittersten Ernste sagen : Du verstehst die Frauen wirklich nicht , am wenigsten aber Deine eigene , meine teure Christine . Unsere teure Christine wage ich , bei der Haltung , die Du zeigst , kaum noch zu sagen . Ich sehe nun freilich deutlich , wie Du hier ungeduldig wirst und nicht übel Lust hast , gerade mich als den Anstifter und Begründer all der Behandlungssonderbarkeiten zu verklagen , in denen Du Dich seit Deiner Abreise von Holkenäs mit ebensoviel Virtuosität wie Konsequenz ergehst . Und wenn Du Dich mir und meinen früheren Ratschlägen gegenüber durchaus auf Deinen Schein stellen willst , so kann ich Dir ein bestimmtes Recht dazu nicht absprechen . Ja , es ist richtig , ich habe Dir mehr als einmal zu dem Wege geraten , den Du nun eingeschlagen hast . Aber , mein lieber Schwager , muß ich Dir zurufen : est modus in rebus ? Muß ich Dich darauf aufmerksam machen , daß in all unserem Tun das Maß entscheidet und daß der klügste Rat , Pardon , daß ich den meinigen darunter zu verstehen scheine , sicherlich in sein Gegenteil verkehrt wird , wenn der , der ihn befolgt , das richtige Maß nicht hält und den Bogen einfach überspannt ? Und das hast Du getan und tust es noch . Ich habe Dich beschworen , Christinens Eigenwillen gegenüber auf der Hut zu sein und ihrem Herrschergelüste , das sich hinter ihrer Kirchlichkeit verbirgt und zugleich immer neue Kraft daraus saugt , energisch entgegenzutreten , und ich habe Dir , so ganz nebenher , auch wohl den Rat gegeben , es mit Eifersucht zu versuchen und in Deiner Frau , meiner geliebten Schwester , die Vorstellung zu wecken : auch der sicherste Besitz sei nicht unerschütterlich sicher und auch der beste Mann könne seine schwache Stunde haben . Ja , lieber Holk , in diesem Sinne habe ich zu Dir gesprochen , nicht leichtfertig , sondern , wenn mir der Ausdruck gestattet ist , aus einer gewissen pädagogischen Erwägung , und ich bedaure nichts davon und habe auch nicht nötig , irgendwas davon zurückzunehmen . Aber was hast Du nun in Anwendung dieser , glaub ich , richtigen Sätze tatsächlich daraus gemacht ? Aus Prickeleien , die vielleicht gut gewesen wären , sind Verletzungen , aus Nadelstichen sind giftige Pfeile geworden , und , was schlimmer ist als alles , an die Stelle einer gewissen Zurückhaltung , der man den Kampf und die Mühe der Durchführung hätte ansehen müssen , an die Stelle solcher Zurückhaltung ist Nüchternheit getreten und ein nicht immer glückliches , weil forciertes Bestreben , diese Nüchternheit hinter Stadtklatsch- und Hofklatschgeschichten zu verbergen . Ich habe Deine Briefe gelesen - es waren ihrer nicht allzuviel , und keinen einzigen traf der Vorwurf , zu lang gewesen zu sein - , aber die Hälfte dieser wenigen beschäftigt sich mit der märchenhaften Schönheit der doch mindestens etwas sonderbaren Frau Brigitte Hansen und die zweite Hälfte mit den Geistreichigkeiten des ebenfalls etwas sonderbaren Fräulein Ebba von Rosenberg . Für Deine Frau , Deine Kinder hast Du während dieser langen Zeit keine zwanzig Zeilen gehabt , immer nur Fragen , denen man abfühlte , daß sie nach Antwort nicht sonderlich begierig waren . Ich glaube , lieber Holk , daß es genügt , Dich auf all das einfach aufmerksam gemacht zu haben . Du bist zu gerecht , um Dich gegen das Recht der hier vorgebrachten Klage zu verschließen , und bist zu gütigen und edlen Herzens , um , wenn Du das Recht dieser Klage zugestanden hast , nicht auf der Stelle für Abhülfe zu sorgen . Die Stunde , wo solcher Brief auf Holkenäs eintrifft , wird zugleich die Stunde von Christinens Genesung sein ; laß mich hoffen , daß sie nahe liegt . Wie immer Dein Dir treu und herzlich ergebener Schwager Alfred Arne « Holk war so getroffen von dem Inhalt dieses Briefes , daß er darauf verzichtete , die beiden andern zu lesen . Petersen schrieb vielleicht ähnliches . Zudem war die Stunde da , wo er bei der Prinzessin erscheinen mußte , vor der er ohnehin fürchtete seine Erregung nicht recht verbergen zu können . Und er wäre auch wirklich damit gescheitert , wenn bei seinem Erscheinen alles wie sonst und die Prinzessin bei freiem Blick gewesen wäre . Dies war aber nicht der Fall , weil der Prinzessin selber inzwischen ein Brief zugegangen war , der ihr Gemüt gefangennahm und ihr die Fähigkeit raubte , sich um Holks Benommenheit zu kümmern . Vierundzwanzigstes Kapitel Der bei der Prinzessin eingetroffene Brief war ein Brief des Kammerherrn Baron Blixen-Finecke und lautete : » Eurer Königl . Hoheit in aller Eile die gehorsamste Mitteilung , daß Se . Majestät der König , der heute noch von Glücksburg nach Kopenhagen zurückkehrt , mit der Absicht umgeht , die nächsten Wochen in Schloß Frederiksborg zu verbringen , wahrscheinlich bis Neujahr ; jedenfalls gedenkt er das Weihnachtsfest daselbst zu feiern . Es werden ihn nur wenige Personen aus seiner nächsten Umgebung begleiten : Oberst du Plat vielleicht , Kapitän Westergaard und Kapitän Lundbye gewiß . Ich hielt es für angezeigt , Eure Königl . Hoheit von diesem Entschlusse Sr. Majestät in Kenntnis zu setzen . Eurer Königl . Hoheit untertänigster Blixen-Finecke « Der erste Gedanke nach Lesung dieser Zeilen war gewesen , das Feld zu räumen und noch vor Eintreffen des Königs , also womöglich noch vor Ablauf der nächsten vierundzwanzig Stunden , nach Kopenhagen zurückzukehren . War der König erst da , so war solcher Rückzug , wenn nicht unmöglich , so doch sehr erschwert , weil , bei den persönlich guten Beziehungen zwischen Neffen und Tante , zu klar zutage getreten wäre , daß die Prinzessin nur vermeiden wolle , mit der von ihr gehaßten Gräfin Danner unter einem Dache zu sein . Also rasches Entschließen war unerläßlich und » Abreise oder nicht « die Frage , die den um die Prinzessin versammelten Kreis beschäftigte , vor allem Ebba , die mehr Hoffnungen als Befürchtungen an die Möglichkeit einer raschen Rückkehr knüpfte . Denn einen so fein ausgebildeten Natursinn sie hatte und so gut ihr Schleppegrell , trotz gelegentlicher Auflehnung gegen ihn und seine ewige Altertümlerei , gefiel , so war ihr alles in allem die Hauptstadt , wo man die Neuigkeiten sechs Stunden früher und außerdem abends eine Theaterloge hatte , doch um ein erhebliches lieber . Die große Frederiksborger Halle war in ihrer Art ein Prachtstück , gewiß , und wenn die Lichter und Schatten an Wand und Decke hinliefen , so hatte das seine Romantik und seinen kleinen Schauer ; aber man konnte doch nicht sechs Stunden lang , von Dunkelwerden bis Schlafenszeit , mit immer gleichem Interesse nach Herluf Trolle hinüberblicken und noch weniger auf die große Seeschlacht und den in die Luft fliegenden » Makellos « . Ja , die Rückkehr , wenn die Entscheidung bei Ebba gelegen hätte , wäre rasch beschlossen worden ; die Prinzessin aber , die schon aus Aberglauben von einem Platze nicht gern fort wollte , den sie sich durch Jahrzehnte hin als ihren Weihnachtsplatz anzusehen gewöhnt hatte , verharrte , ganz gegen ihren sonstigen Charakter , in einer gewissen Unschlüssigkeit und war froh , als Holk bemerkte : » Verzeihung , Königliche Hoheit , aber steht es denn überhaupt fest , daß die Gräfin den König begleiten wird ? Seine Majestät , soviel ich weiß , ist voll Rücksicht gegen Eure Königliche Hoheit und kennt nicht nur Dero Gefühle , sondern respektiert sie auch . Er läßt sich dadurch in seiner Neigung nicht beirren und kann auch nicht , wenn das Volk recht hat , das an eine Art Hexenzauber glaubt , worin ihn die Danner eingesponnen ; aber er kann in seiner Neigung durchaus beharren und die Gräfin doch drüben in Skodsborg belassen . Er besucht sie dann jeden Tag , was ihm vielleicht noch besser behagt , als sie von Morgen bis Abend um sich zu haben . Denn jede Stunde sie mit Liebesaugen anzusehen , wenn es solche Zeiten überhaupt für ihn gegeben hat - das sind doch wohl Tempi passati . « » Wer weiß « , lachte die Prinzessin . » Sie sehen , lieber Holk , in dem Behextsein etwas wie etwa das intermittierende Fieber und glauben an freie Tage . Das leuchtet mir aber nicht ein . Ein richtiger Zauber pausiert nicht und setzt nicht aus . Gib mir übrigens , liebe Ebba , noch einmal Blixen-Fineckes Brief herüber ; ich will genau lesen , was er schreibt . Er ist der Mann des vorsichtigen Ausdrucks . « Ebba brachte den Brief , und die Prinzessin las : » ... es werden ihn nur wenige Personen aus seiner nächsten Umgebung begleiten , Oberst du Plat vielleicht , Kapitän Westergaard und Kapitän Lundbye gewiß ... Holk hat recht ; Blixen-Finecke weiß zu gut , wie wir stehen , als daß er nicht wenigstens eine Andeutung gemacht haben sollte . Die Gräfin kommt nicht , und mit meinem Neffen weiß ich mich gut zu stellen . Er ist eine Seele , gütig , der beste Mensch von der Welt . Jedenfalls brauchen wir nicht heute schon an Abreise zu denken . Aller Wahrscheinlichkeit nach wird auch Berling noch schreiben , und der wird sich weniger diplomatisch ausdrücken als Finecke . « Wirklich , am andern Tage kam ein Billet vom Kammerherrn Berling , das zunächst die Bestätigung von dem noch bevorstehenden Eintreffen des Königs , zugleich aber , hinsichtlich der Danner , vollkommene Beruhigung brachte . Die Gräfin werde wieder , nach eigenem Wunsch , in Skodsborg Wohnung nehmen und daselbst die Besuche des Königs empfangen . Damit war der Schwankezustand , in dem man sich einen Tag lang befunden hatte , völlig beseitigt , und es stand fest , man blieb . Aber auch wenn das Entgegengesetzte beschlossen worden wäre , so würde sich doch der Ausführung dieses Beschlusses ein unübersteigliches Hindernis entgegengestellt haben : die Prinzessin erkrankte . Der Charakter der Krankheit blieb freilich unaufgeklärt , was es aber auch sein mochte ( man hatte zuletzt von einem versteckten , aber gutartigen Nervenfieber gesprochen ) , Doktor Bie von Hilleröd sprach dreimal des Tages vor und nahm regelmäßig an dem für die Personen des Hofstaates servierten Lunch und meist auch an den anderen Tagesmahlzeiten teil . Doktor Bie war der Bruder der Frau Pastorin Schleppegrell , mit der er die kleine Figur , das Embonpoint und die klugen , freundlichen Augen gemein hatte , zugleich die Wohlgelittenheit bei der Prinzessin . Er trug einen Bambus mit Goldknopf und eine goldene Brille , die er regelmäßig abnahm , wenn er etwas sehen wollte , zählte den Puls laut , wie ein Klavierlehrer die Takte , und plauderte gern von Island und Grönland , wo er vierzehn Jahre lang Schiffsarzt gewesen war . Gegen die Residenzler war er im allgemeinen sehr eingenommen . » Es ist in Kopenhagen Sitte geworden , über die Isländer zu lachen ; aber ich nenne da nur den Are Marson , der Amerika fünfhundert Jahr vor Kolumbus entdeckte , und Erik den Roten und Ulf den Schieler und seine ganze Sippe , lauter Helden und weise Männer - das alles waren Isländer , und ich beklage , daß Königliche Hoheit die Insel nie besucht haben . Es ist ein ganz eigen Gefühl , ein Ei zu essen , das im Geiser gekocht wurde , vielleicht in einem Augenblicke , wo die beiden Feuerspeier dazu leuchteten . Daß die Isländer unsere Zeitungen um zwölf Monate zu spät lesen , immer gerade die Nummern vom Jahre vorher , das ist alles eine hochmütige Kopenhagener Einbildung ; die Isländer schreiben sich ihre Zeitungen selbst , können auch , denn jeden dritten Tag kommt ein englisches oder amerikanisches Schiff , und wenn in Reykjavik ein Stiftsamtmann oder auch bloß ein Sysselmann gewählt wird , so ist das geradeso interessant , wie wenn sich die Kopenhagner einen neuen Burgemeister wählen . Ach , Königliche Hoheit , ich möchte beinah sagen , es ist überhaupt kein Unterschied zwischen einem Dorf und einer Residenz ; überall wohnen Menschen und hassen und lieben sich , und ob eine Sängerin eine Minute lang einen Triller schlägt oder ob ein Fiedler den dappren Landsoldaten spielt , das macht keinen großen Unterschied , wenigstens mir nicht . « Bei solchen Betrachtungen war er der heitersten Zustimmung der Prinzessin allemal sicher , und wenn Pentz und Ebba fragten : » ob Königliche Hoheit nicht doch vielleicht Ihren Leibarzt , Doktor Wilkins , beföhlen , der ohnehin nichts zu tun habe und dann und wann daran erinnert werden müsse , daß er sein Gehalt eigentlich doch bloß für eine Sinekure bezöge « , so lehnte die Prinzessin dies ab und sagte : » Nein , am Sterben bin ich noch nicht . Und wenn ich am Sterben wäre , so würde mich Doktor Wilkins , der alles liest , aber nicht viel weiß , auch nicht zurückhalten können . Was irgend ein Mensch für mich tun kann , das tut Bie für mich , und wenn ich ihm eine halbe Stunde zugehört und während seiner Erzählungen im Rentierschlitten mit ihm gesessen oder wohl gar bei Missionar Dahlström eine rote Grütze mit ihm gegessen habe , so habe ich bei solcher Gelegenheit allemal das gehabt , was man die heilsame Gegenwart des Arztes nennt ; medico praesente , so heißt es ja wohl , da ruht die Krankheit . Nein , Bie muß bleiben . Und was würde seine Schwester zu solcher Kränkung sagen , die gute kleine Pastorin , die ihn für so berühmt hält wie Boerhaave und ganz aufrichtig denkt , daß man die alte Geschichte wiederbeleben und mit voller Sicherheit des Eintreffens vom Nord- oder Südpol aus an ihn schreiben könnte : An Dr. Bie in Europa . « Die Krankheit der Prinzessin , so wenig gefährlich sie war , zog sich hin . Der König , inzwischen eingetroffen , hatte mit den Personen seiner nächsten Umgebung den linken Flügel bezogen und beschränkte sich , was die Prinzessin anging , darauf , sich jeden Tag nach dem Befinden derselben erkundigen zu lassen . Sonst wurde man seiner kaum gewahr , was teils mit seiner häufigen Anwesenheit drüben in Skodsborg , teils mit seiner Lebensweise zusammenhing . Er liebte nun mal die Vergnügungen im Freien . War nicht Hetzjagd , so war Pirschjagd , und war nicht Dachsgraben , so war Graben nach Steinbetten und Moorfunden , ja mitunter war er bis Vinderöd und Arreseedal hinüber , um von dort aus , wo seine Boote lagen , auf dem großen Arre-See zu segeln . Holk , der die Kapitäne Westergaard und Lundbye noch von Schleswig und Flensburg her , wo sie vorübergehend in Garnison gestanden hatten , gut kannte , suchte den Verkehr mit ihnen zu erneuern , was auch gelang und ihm dann und wann ein paar vergnügliche Plauderstunden eintrug ; aber wenn er dann wieder allein war und nach Holkenäs hinüberdachte , kam ihm ein Gefühl schwerer Verlegenheit und Sorge . Das ging nicht so weiter . Die Korrespondenz zwischen ihm und Christine stockte völlig ; aber auch die Briefe von Petersen und Arne waren noch unerledigt . Dieser letztere wenigstens mußte beantwortet werden ( schon eine Woche war seit seinem Empfange vergangen ) , wenn er ' s nicht auch mit dem noch verderben wollte , der allezeit sein bester Freund und Berater und vielleicht nur zu oft sein Anwalt in seinen früheren kleinen Kämpfen mit Christine gewesen war . Es war ein dienstfreier Tag , hell und klar , und Doktor Bie , von der Prinzessin kommend , hatte bei ihm vorgesprochen und ihn durch Hilleröder Stadtklatsch und kleine Doktorgeschichten in eine behagliche Stimmung versetzt . Diese Stimmung wollte er nicht ungenutzt vorübergehen lassen ; Stimmung war schon der halbe Brief . Und was war es denn auch am Ende ? Christine war eine Frau mit weniger Vergnüglichkeit als wünschenswert und mit mehr Grundsätzen als nötig ; das war eine alte Geschichte , die von niemandem bestritten wurde , kaum von Christine selbst . In diesem Sinne sprach er noch eine Weile vor sich hin , und als er sich mehr und mehr in die Vorstellung hineingeredet hatte , daß alles , genau betrachtet , eine bloß aufgebauschte Geschichte sei , weil ja doch eigentlich nichts vorläge , nahm er schließlich seinen Platz am Schreibtisch und schrieb : » Lieber Arne ! Sei herzlich bedankt für Deinen lieben Brief vom 23. v. M. , um so herzlicher , als ich , nach so vielen Beweisen Deiner freundschaftlichen Gefühle für mich , sehr wohl weiß , daß Du , bei starker Hervorhebung Deiner Bedenken über mein Tun und Lassen , nur der Vorstellung einer Pflicht gehorchtest . Aber , lieber Arne , laß mich Dich fragen , lag eine solche Pflicht wirklich vor ? Hast Du nicht , um diesmal als Christinens Anwalt ( sonst warst Du der meine ) das Recht Deiner Klientin gegen mich zu wahren , mich in ein Unrecht gesetzt , das gar nicht existiert ? Alles Anklagematerial gegen mich ist meinen eigenen Briefen entnommen . Nun , diese Briefe liegen jetzt drüben in Holkenäs und sind mir nicht mehr in jedem Einzelpunkt gegenwärtig , aber wenn ich ihren Inhalt aus dem Gedächtnis rekapituliere , so kann ich nichts finden , was eine Beschuldigung rechtfertigte . Da sind die Hansens , und da ist das Fräulein von Rosenberg , bei deren Schilderung ich , wie ein englisches Sprüchwort sagt , mehr Petersilie an das Hühnchen gelegt haben mag , als unbedingt nötig war ; aber ein solches Zuviel hätte mir entweder auf Unbefangenheit gedeutet werden müssen oder auf einen Hang , das Ridiküle durch sich selber wirken zu lassen . Ich entsinne mich , in einem meiner Briefe von einer halb märchenhaften Audienz der schönen Capitana beim Kaiser von Siam und in einem andern von dem pikanten und allerdings etwas freisinnigen Fräulein von Rosenberg als von einem David Straußschen Amanuensis gesprochen zu haben , und nun frag ich Dich , lieber Arne , ob das Auslassungen sind , die Christinens Empfindlichkeiten und im weitern Verlauf Deine brieflichen Vorwürfe rechtfertigen . Ich sprach eben von meiner Unbefangenheit , die mir zum Guten gedeutet werden müsse , will aber im Gegensatze dazu einräumen - und das ist das einzige Zugeständnis , das ich machen kann - , daß mir in meiner Korrespondenz mit Christine der richtige Ton schließlich verlorengegangen ist . Von dem Augenblick an , wo man sich beargwohnt sieht , ist es schwer , in Ton und Haltung korrekt zu bleiben , und um so schwerer , als es den Unschuldsgrad gar nicht gibt , der einen , wenn erst mal Zweifel angeregt wurden , gegen Bedenken und kleine Vorwürfe seiner selbst ein für allemal sicherstellte . Was wandelt uns nicht alles an , was beschleicht uns nicht alles ? Vieles , alles . Aber schon Martin Luther , dies weiß ich aus der Traktätchenliteratur , die immer nur zu fleißig in unser Haus kam , hat einmal ausgesprochen : Wir können nicht hindern , daß die bösen Vögel über uns hinfliegen , wir können nur hindern , daß sie