und hielt L ' Hermite die Hand hin , als er ihr wahrsagen wollte , natürlich aber bloß » killekille « machte . Sie war überglücklich und unterließ nicht , als ihre Hand wieder frei war , ihn abwechselnd auf Brust und Knie zu tippen . So ging es bis neun Uhr , wo man sich trennte , Maruschka mit dem Trauerworte , daß es bald wieder ganz anders sein würde , was L ' Hermite mit einem » oui , oui « bestätigte . Dann nahm dieser Lehnerts Arm , und eine Minute später stiegen beide gemeinschaftlich die Treppe hinauf . Als man oben war , wurde noch ein Plauderabend beschlossen , was Lehnert durchaus zupaß kam , weil er nun endlich zu hören hoffte , was es mit dem » feast « und dem » festival « , von denen Totto wie von etwas geheimnisvoll sich Steigerndem gesprochen hatte , denn eigentlich auf sich habe . L ' Hermite lachte . » Ja , feast und festival ; dies ist die Woche dazu . Les jours de fête sont passés pour nous , mais « ( und er schmunzelte ) » les jours de fête commencent pour Obadja . « Und nach diesem zugespitzten Einleitungsworte begann er dem aufhorchenden Lehnert zu erzählen , daß die letzten Septembertage regelmäßig die großen Fest- und Ehrentage von Nogat-Ehre seien . Im Laufe des nächsten oder zweitnächsten Tages werde nicht nur Obadja mit Ruth und Toby wieder von Halstead her eintreffen , sondern auch alles Mennonitische , was auf dreißig und fünfzig Meilen in der Runde zu finden sei , und dann würde der Betsaal unten seine großen Aufführungen haben . Einem zivilisierten Geschmacke könne die Sache nicht eigentlich genügen , da man indes eine wirkliche Komödie nicht haben könne , so sei solch Heiligensabbat immer noch das Unterhaltlichste , was Nogat-Ehre biete . Das Ganze hier auszuplaudern würde zu lange dauern , weshalb er es vorzöge , sich für heut auf ein kurzes Programm zu beschränken . Die Sache beginne mit einer Art Vorfeier , und zwar mit der sogenannten Fußwaschung , bei der Obadja den Heiland spiele . Beiläufig gut genug , nur um vierzig Jahre zu alt . Das alles ( bei einer Fußwaschung übrigens selbstverständlich ) sei Abendprogramm , und nun folge tags darauf der eigentliche jour de fête . Dann sei das ganze Tabernakel so gefüllt , daß kein Apfel zur Erde könne ; wo noch Lücken seien , würden ein paar Indianer hineingestopft , und endlich erscheine Obadja in höchsteigener Person und spreche das Gebet . Daran schlösse sich dann am selben Tage noch , oder auch am Tage darauf , die Taufe der Neuaufzunehmenden , unter denen nur selten eine Weißhaut sei , und dann komme die Predigt , in der der Alte meistens Geschmack genug habe , sich kurz zu fassen . Im weiteren Verlauf singe Ruth , was immer das Beste sei , und zuletzt falle der Chor der Cherokee- und Arapahokinder ein und habe man dann einen Lärm wie bei » Ferdinand Cortez ou la Conquête de la Mexique « , namentlich wenn gleichzeitig das große Tamtam geschlagen würde , das beiläufig wirklich aus Mexiko stamme . Der alte Gunpowder-Face aber , den er ( Lehnert ) bisher nur von seiner Doktorseite kennengelernt habe , sei dann - weil er nicht bloß die kettle-drums , sondern auch das Tamtam zu bedienen habe - auf seiner eigentlichen Höhe , sähe dabei aus wie ein mexikanischer Oberpriester , und Obadja verschwinde daneben . L ' Hermite hatte das alles in bester Laune vorgetragen und Lehnert mehr als einmal ein Lächeln abgenötigt . Aber ihn in eine wirklich heitere Stimmung zu bringen war ihm trotzdem nicht gelungen . Im Gegenteil , Lehnert blieb befangen und unruhig und sah den Festlichkeiten fast wie mit Bangen entgegen . Der zweitnächste Morgen brachte nicht nur Obadja samt Ruth und Toby nach Nogat-Ehre zurück , sondern auch alle Mennoniten aus dem weiteren Umkreise trafen ein , meist Lehrer und Prediger , die zwischen den Ozark-Mountains und den Shawnee-Hills ihre Wohnung und ihren Wirkungskreis hatten , und mit ihnen viele bekehrte Rothäute , Männer und Frauen , die , während des Festes , in die Gemeinde der » Taufgesinnten « aufgenommen werden sollten . Ein Teil davon , so viele waren ihrer , mußte , wegen Raummangels , in einer benachbarten Indianersiedlung untergebracht werden , drin unser Freund Gunpowder-Face - welchen Namen er wegen seines anscheinend mit Schießpulverkörnern überstreuten Gesichts erhalten hatte - das Regiment führte . Nach diesem mehr oder weniger befreundeten Indianerdorfe kamen viele , der Rest aber verblieb teils in Nogat-Ehre , teils in Obadjas eigenem Hause , darin wieder Mistress Kaulbars , nach inzwischen erfolgter Rückkehr vom Vorwerk , mit bewährter Umsicht das Wirtschaftliche leitete , während Ruth die Honneurs des Hauses zu machen hatte . Freitag war alles versammelt ; erste Begrüßung im Tabernakel und Ansprache , woran sich dann tags darauf der Akt der Fußwaschung mit vieler Feierlichkeit anschloß . Und nun ging man dem eigentlichen großen Festtage , dem Sonntag , entgegen , dessen Programm Monsieur L ' Hermite bereits in aller Kürze gegeben hatte . Bis in die Nacht hinein und dann wieder in frühester Morgenstunde war im Betsaal alles für den großen Tag hergerichtet worden , so daß man sich , um die neunte Morgenstunde , darin versammeln und Plätze , nach vorher getroffener Anordnung , einnehmen konnte . Wie sich denken läßt , hatte das Tabernakel unter all diesen Herrichtungen seine fast an Kahlheit grenzende Schlichtheit eingebüßt : überallhin waren Laub - und Blumengirlanden gezogen , am meisten an der der Eingangstür gegenübergelegenen dreigeteilten Empore , zu deren Füßen , um ein geringes vorspringend , der von Lichtern flimmernde Altar aufragte . Hierher richtete sich denn auch die Hauptaufmerksamkeit , desgleichen nach dem breiten Mittelteile der Empore , wo Ruth in vorderster Reihe stand , um sie her die den Chor bildenden Mennonitentöchter von Nogat-Ehre . Daneben aber , in dem rechten und linken Flügelteile , befanden sich , zur Verstärkung des Chors herangezogen , viele Indianerkinder , deren eines , ein sehr hübsches Mädchen , eine Christusfahne hielt , während , ganz im Hintergrunde , Häuptling Gunpowder-Face nicht bloß mit einem mexikanischen Oberpriester- , sondern geradezu mit einem mexikanischen Götzengesicht sichtbar wurde , glühäugig und erregt , weil ihm , wie herkömmlich , so auch heute wieder , die beiden Kesselpauken und vor allem das an der Wand hängende Tamtam zur Bedienung anvertraut worden waren . Die Kesselpauken , wie noch hervorgehoben werden muß , waren ein Geschenk von Monsieur L ' Hermite , der sie , mit Hilfe selbstpräparierten Pergaments , erfinderisch und kunstvoll hergestellt hatte , zugleich mit der schon erwähnten , von dem jungen Cherokeemädchen gehaltenen Kirchenfahne , deren auf Wolken thronender Heiland allerdings mehr an Judas Ischariot als an Christus erinnerte - wobei selbstverständlich im Dunkel blieb , ob L ' Hermite diese Dreißig-Silberlings-Physiognomie mit Absicht oder nur in totaler Abwesenheit Leonardischer Kunst geschaffen hatte . Festlich wirkte die dreigeteilte Empore samt Altar , aber kaum minder festlich der Saal selbst , nachdem er sich unten auf allen seinen Plätzen gefüllt hatte . Vorn , auf den ersten zwei Bänken , erblickte man in langer Reihe die Männer und Frauen , meist vom Stamm der Arapahos , die heute noch , seitens Obadjas , in die Gemeinde der Taufgesinnten aufgenommen werden sollten , und zwischen ihnen , als Paten oder Taufzeugen , saßen die Mennonitenväter von Nogat-Ehre samt den Lehrern und Missionaren , sechs an der Zahl , die das Werk der Bekehrung geleitet hatten . Einer derselben , mit einem feinen Windhundkopf , war ersichtlich ein Engländer : Mister Anthony Shelley , während die fünf andern sämtlich gute Deutsche waren , was nicht bloß ihre vierkantigen Köpfe , sondern beinah mehr noch ihre kerndeutschen Namen bezeugten : Bartels und Nickel , Krähbiel , Stauffer und Penner . All diese hatten auf der ersten und zweiten Bankreihe Platz gefunden , unmittelbar hinter ihnen aber saßen alle die , die mit zum Obadjaschen Hauswesen , trotzdem aber nicht eigentlich zur Gemeinde von Nogat-Ehre gehörten , also Maruschka und Totto , Mister und Mistress Kaulbars , Lehnert und L ' Hermite , letzterer in einem Respektabilitätsanzuge , drin man ihn nur mühsam wiedererkennen konnte . Von Lehnert gefragt , warum er überhaupt erschienen sei , hatte er in der ihm eignen Weise geantwortet , daß er das seinem Christus in Gouache , vor allem aber seinem Freunde Gunpowder-Face schuldig sei , welcher letztere , trotz seiner Bekehrung - und was mehr sagen wolle , trotz seiner persönlich freundschaftlichen Gefühle für ihn - doch nach seinem Skalp trachten werde , wenn er sich seiner ( Gunpowder-Faces ) allerdings ans Virtuose streifenden Paukenleistung entziehen wolle . Das war so L ' Hermites Redeweise . Sah man ihn aber so sitzen , so schien er voll Ernst und Interesse , zumal wenn er , halb nach rückwärts gewandt , die zweite Hälfte des Saales neugierig musterte , drin die schon früher getauften Cherokees und Arapahos zu Hunderten standen und mit großen Augen nach dem Altar hinübersahen , an dessen Stufen sich der heutige Feierlichkeitsakt vollziehen sollte . Dem großen Feierlichkeitsakte vorauf aber ging ein Gebet , darin Obadja , unter Vermeidung alles bloß Lehrsätzlichen , das gab , was er praktisches Christentum nannte . » Lasset uns beten ! « so begann er . » Das Gebet heiligt uns und macht unsere Seele frei . Das Gebet macht uns jeden Tag zum Feiertag . Ohne Gebet wäre unser Leben ein Haus ohne Dach , ein Garten ohne Blumen , eine Wüste ohne Oase . Was unser großer Benjamin Franklin von der Mäßigkeit gesagt hat , das sag ich von der Frömmigkeit : sie bringt Kohlen zum Feuer , Mehl in das Mehlfaß , Geld in den Beutel , Kredit bei der Welt , Zufriedenheit in das Haus , Kleider für die Kinder , Verstand ins Gehirn und Leben in alle Verhältnisse . Das sind die Wunder der Frömmigkeit , und das Gebet ist unser Beistand und unsere Hilfe dazu ! « L ' Hermite nickte Zustimmung , während er vor sich hin brummte : » Ca suffit « , Obadja seinerseits aber fuhr fort : » Unsere Hilfe , sag ich . Aber das Gebet , das helfen und Wunder tun soll , das muß den rechten Weg gehen . Wer den falschen Weg geht , dem hilft kein Gebet , und vor allem hütet euch vor denen , die der armen Seele , sei ' s mit Wissen , sei ' s ohne , den falschen Weg weisen . Lasset euch erzählen von einem , der den falschen Weg wies . Ein alter Mann kam zu sterben und schickte nach dem Geistlichen , um ihm zu beichten . Und der Geistliche kam . Und nun höret , was der Alte zu beichten hatte ! Leute hätten in der Wildnis einen Wegweiser gesetzt , und als der Wegweiser gestanden , da hab er ihn umgedreht und dadurch Tausende in die Irre geführt . Das laste jetzt schwer auf seiner Seele ... So war die Beichte des Alten . Ich aber sage euch : wer die Lehre verdreht oder umkehrt , der tut Schlimmeres , denn er führt von dem rechten Weg ab , der allein zum Himmel führt . Unser Wegweiser aber , dessen bin ich sicher , zeigt in die rechte Richt , denn er ist das Wort Gottes , und wir beten , daß er uns das Licht und das Auge gebe und die Kraft dazu , die Wege zu wandeln , die er uns weist . « Ein liturgischer Vers wurde nach dem Gebet gesungen , und als auch der Gesang schwieg , gab Obadja ein Zeichen , und die zu Taufenden traten nun vor . Und er besprengte sie mit dem Taufwasser und sprach die Formel . L ' Hermite aber nickte wieder und sah zu seinem Freunde Gunpowder-Face hinauf , der , zur Antwort , ihn freundlich angrinste , während die plötzlich von einem Feierlichkeitsgefühl angewandelte Maruschka die Galvestonsche Bonbontüte , die sie bis dahin in der Hand gehabt hatte , leise beiseite schob und das Kreuz schlug . Obadja war inzwischen von dem Taufbecken wieder an den Altar getreten , um nun , worauf alles wartete , die eigentliche Predigt zu halten , die - wie gewöhnlich bei diesen Jahresfesten - die Hauptunterscheidungspunkte der mennonitischen Lehre betonen sollte . Der Text aber , den er seiner Predigt zugrunde gelegt hatte , war der : » Wer das Schwert nimmt , soll durch das Schwert umkommen « , und daneben der andere Spruch : » Die Rache ist mein , spricht der Herr . « Er sah , als er diese Worte sprach , zu Lehnert hinüber , der sein Auge vor dem ruhigen Blick des Alten senkte . Dann aber wandte sich dieser der Auslegung seiner Textesworte zu und stellte die Bilder kriegerischen und friedlichen Lebens einander gegenüber . Alles Blut , was flösse , flösse zum Unheil , und nur einmal sei Blut zum Heil geflossen , freilich nicht zum Heile derer , die ' s vergossen , wohl aber zum Heile der Menschheit , um deretwillen es vergossen wurde . Das sei das Erlöserblut Jesu Christi gewesen . Alles andere Blutvergießen aber sei Sünde , zumeist , wenn es flösse , der Rache des einzelnen zuliebe . Das führe zu sicherem Untergang und Verderben . Aber auch der große Krieg sei Sünde , auch das Blutvergießen um Land und Herrscher und selbst um Glaubens und Freiheit willen . Und so hab er denn auch in diesem gesegneten Lande den Krieg beklagt , den Nord und Süd um die Frage der Befreiung ihrer schwarzen Brüder geführt hätten , sosehr er dieser Befreiung selbst auch entgegengejubelt habe . Fortschritt und Freiheit sollten freilich ihren Einzug halten in die Welt , aber auf einer Palmenstraße , nicht auf einer Straße , da die Kriegsknechte zu beiden Seiten am Wege stehen . Absage dem Krieg , das sei die Lehre der Taufgesinnten . » Und so höret denn zum Schluß : Übermut macht Krieg , Demut macht Frieden . Und der Frieden im Gemüt ist das Glück und die Vorbereitung zum ewigen Heil . Selig sind die Friedfertigen , selig sind , die reines Herzens sind . Die Rache ist mein , spricht der Herr . « Obadja schwieg jetzt , und im Augenblick , als er die Stufen verließ , klang es von der Mittelempore her : » Rühret eigner Schmerz Irgend unser Herz , Kümmert uns ein fremdes Leiden , O so gib Geduld zu beiden , Richte unsern Sinn Auf das Ende hin ! « Es war Ruth , deren Stimme mit wunderbarer Klarheit durch den Saal drang , während die jungen , sie umstehenden Mädchen die Palmenzweige immer höher über ihr emporhielten . Lehnert sah hinauf , zitternd vor innerster Bewegung , und wollte die Friedensstätte meiden , die seine Stätte nicht mehr war . Aber eh er sich erheben konnte , klang der Schlußvers von oben her : » Soll ' s uns hart ergehn , Laß uns feste stehn Und auch in den schwersten Tagen Niemals über Lasten klagen , Denn durch Trübsal hier Geht der Weg zu dir . « Und nun schwieg auch Ruth und trat , verdeckt fast von den über sie gehaltenen Zweigen , in den Hintergrund der Empore zurück . Aber ehe sie sich noch ganz dem Auge der unten Versammelten entziehen konnte , fiel auch schon , von rechts und links her , der Chor der Indianerkinder ein , und während das schöne Cherokeemädchen , strahlend vor Freude , die Christusfahne schwang , rührte Gunpowder-Face seine kettle-drums und schlug zugleich zweimal an das hinter ihm aufgehängte Tamtam . L ' Hermite war nicht müde , stille Zeichen des Beifalls zu geben und huldigend hinaufzugrüßen , aber ehe er noch einen Gegengruß eintauschen konnte , vernahm er auch schon , unmittelbar neben sich , einen schweren Fall und sah , sich wendend , daß Lehnert , wie vom Schlage getroffen , zusammengebrochen war . Alles drängte herzu , Maruschka und Toby und zuletzt auch Obadja und Ruth . » Er ist tot . « » Nein , er lebt « , sagte Ruth im festen Glauben ihres Herzens . Und ihr Auge leuchtete , als sie so sprach . Fünfundzwanzigstes Kapitel Das Jahresfest konnte nicht eindringlicher abschließen , und als am andern Tage , nach voraufgegangener Beichte Lehnerts , Lehnert selbst ( woran bis dahin weder er noch andere gedacht hatten ) in die Gemeinde der Taufgesinnten aufgenommen worden war , war man einig , daß , bei der Beschreibung des Festes in den Blättern der mennonitischen Genossenschaft , auch speziell dieses Bekehrungsherganges , als einer wunderbaren Erweckung , gedacht werden müsse . Ganz besonders waren es die Brüder Krähbiel und Nickel , die sich in diesem Sinne vernehmen ließen und bei der Gelegenheit in Obadja drangen , sie mit der Vorgeschichte Lehnerts bekannt zu machen . Obadja aber lehnte dies Ansinnen nicht nur ab , sondern behandelte das Vorkommnis überhaupt als ein Etwas , das wohl erfreuen und zufriedenstellen , aber nicht groß in Verwunderung setzen könne . Er ging darin so weit , daß seine zur Schau getragene Ruhe den trotz tiefster Erschütterung immer noch in menschlicher Eitelkeit verbliebenen Lehnert beinah verletzte , während Krähbiel und Nickel , was wohl auch in Obadjas eigentlichster Absicht gelegen haben mochte , nicht müde wurden , aus dieser Ruhe des Alten aufs neue den Beweis seiner Überlegenheit und seines besonderen Berufenseins für sein Amt herzuleiten . Und mehr oder weniger war dies die Meinung aller . Selbst L ' Hermite gab seiner Genugtuung auf seine Weise Ausdruck und sagte zu Krähbiel : » Oui , oui , c ' est beaucoup plus que le prophète du Testament , c ' est le prophète de Meyerbeer . « In der Tat , jeder fühlte sich erhoben , und nur einer war da , der sowohl der Tatsache der Erweckung wie dem Erwecker gegenüber in seiner landeseigentümlichen Nüchternheit verharrte . Dieser eine war natürlich Mister Kaulbars . » Sieh , Röse « , so etwa waren seine Worte , » da siehst du , was ein Schlesier is . Die sind so ... ja , wie sag ich bloß , die sind so duselig , so gleich weg und fallen um wie Bleisoldaten , schon bloß wenn einer antippt . So was kann unserein gar nich passieren . Und nun gar erst der Alte ! « » Nu höre , Martin , gegen den Alten wirst du doch woll nichts sagen wollen ! Der Alte is ja doch soweit ganz gut . « » Freilich is er . Warum soll er auch nich ? Und ich muß auch sagen , er macht es fein und forsch genug und sieht aus , na , wie sag ich gleich , na doch wenigstens wie Abraham oder wie Noah oder so einer von die Allerältesten . Aber du meine Güte : Stehe auf und lebe , was er da zuletzt doch wahr und wahrhaftig gesagt hat , als Lehnert wie für dod dalag , sieh , Röse , das is ja doch schon die reine Dodenerweckung oder Jüngling zu Nain . Und soviel is doch nich los mit ihm . Er ist ja doch am Ende kein Christus nich und auch kein Heiland , und wenn ich auch nichts gegen ihn sagen will , denn darin hast du ganz recht , er ist immer noch von die Besten einer - aber höre , soviel bleibt doch , wo Bartel Most holt , das weiß er ganz gut und weiß auch ganz gut , daß die Spargelköppe besser schmecken als die Stangen , und in Denver hat er was in der Bank liegen , und in Galveston hat er was liegen , und in Amsterdam hat er auch was liegen . Er hat überall was liegen . Und dann : Steh auf und lebe , und auch gleich niederknien lassen und ihm die Hand hinhalten , bis er seinen Handkuß weg hat ... Ne , Röse , das is mir zuviel . Unser alter Rüthnick in Schwante , na , da kniete man woll auch mal nieder und kam auch so was vor , aber Rüthnick war arm , und dieser is reich . Und Armut , das is die Hauptsache . Glaube mir , auf die Armut kommt es an ! « Röse lachte und sagte : » Du sagst sonst immer , Martin , aufs Geld käme es an . « » Is auch ganz richtig , aufs Geld kommt es auch an . Aber wenn einer immer dasteht wie vom Himmel hoch , da komm ich her , da muß er an das Kamel und das Nadelöhr denken und nicht rechnen können wie ' n Bankdirektor . « » Freilich , rechnen kann er « , sagte Röse . » Na siehst du , nu sagst du ' s auch schon . « Ja , auf Kaulbars und Frau - die , bald nach der Abreise der Gäste , nach ihrem Vorwerke wieder hinausgezogen - war die Wirkung der Erweckung nicht allzu groß gewesen , desto größer aber auf Tobias und Ruth . Sie hatten von Anfang an eine Liebe zu Lehnert gehabt , die sich jetzt , nachdem er ein Mitglied der Gemeinde geworden , unbefangener zeigen durfte , was dann selbstverständlich auch das Vertrauen auf Lehnerts Seite steigern mußte , so weit , daß es allmählich zur Vertraulichkeit wurde . L ' Hermite , ganz unkleinlich und jedenfalls frei von jeder Eifersuchtsregung , hatte seine Freude daran , und so begann denn bei beiden ein Wetteifer , nicht nur in ihrer Liebe zu den Geschwistern , sondern auch - wozu die großen Eisenbahnlinien nach dem Süden und Osten die Mittel und Wege schafften - in der Erfüllung aller Wünsche , die Ruth und Toby hegten . Ja , die beiden sonderbaren Schwärmer , von denen der eine den Erzbischof von Paris und der andere den Förster Opitz auf dem Gewissen hatte , kannten nichts Schöneres , als für Miss Ruth zu denken und zu arbeiten , und fühlten sich belohnt , wenn sie lachte , nickte , dankte . Der Lehnert-L ' Hermiteschen Reunion-Abende wurden , in natürlicher Folge davon , immer weniger , und an ihre Stelle traten Familienabende , zu deren Abhaltung man sich auf Ruths oder Maruschkas Zimmer versammelte . L ' Hermite , sosehr er sich dieser Abende freute , kam freilich nur selten und immer nur auf Aufforderung , desto häufiger aber stieg der Alte die Treppe hinauf , und mit herzlicher Genugtuung erzählten alsbald die Kinder , daß der Vater , seit der Mutter Tode , kaum jemals in ihrer Mitte so fröhlich und guter Dinge gewesen sei wie gerade jetzt . Daß er dies sein konnte , war vor allem Ruths , aber doch auch Lehnerts Verdienst . Denn wenn Ruth erfinderisch und in ihren Vorschlägen immer auf einen glücklichen Wechsel bedacht war , so war es doch schließlich allemal Lehnert , der das wechselvolle Programm durchzuführen hatte . Vielleicht , daß er damit gescheitert wäre , wenn er nicht voll musikalischen Sinnes und zugleich - wie schon der alte Kommandant von Fort MacCulloch in seinem Briefe geschrieben hatte - von einer nicht unbeträchtlichen Fertigkeit im Geigen- und Zitherspiel ( und eine Zither hatte sich natürlich gefunden ) gewesen wäre . Ruth ihrerseits war eine kleine Gesangsvirtuosin , als die wir sie schon im Tabernakel kennenlernten , und wenn ihre melodische Stimme , während Toby auf dem Harmonium und Lehnert auf der Geige begleitete , durch das Zimmer klang , so verklärten sich des alten Obadja Züge , und glückliche Stunden , die nun weit , weit zurücklagen , Stunden aus der Kindheit Tagen her , traten wieder lebhaft vor seine Seele . Das zurückhaltend Feierliche , das er sonst hatte , fiel in solchen Stunden von ihm ab , und im Augenblicke , wo die Kinder diesen Wechsel eintreten sahen , wechselten sie , je nach dem Maß der aufkeimenden guten Laune , rasch auch die Lieder selbst , und wenn eben noch ein Choral auf dem Notenpult gestanden hatte , so wurde jetzt ein weltliches , wenn auch zunächst noch ein elegisches Lied aus dem Choral . Eines unter diesen elegischen Liedern , welches das » Lied vom Herzen « hieß und eine sehr gefällige , ganz für die Zither berechnete Melodie hatte , war eine Zeitlang aller Lieblingsstück , so sehr , daß selbst Monsieur L ' Hermite mit einstimmte . ' s Herz ist ein spaßig Ding , An sich nur klein und g ' ring ; Oft ist ' s ganz mäuschenstill , Dann hämmert ' s wie ' ne Mühl , Oft tut mir ' s wohl und oftmals wehe ! - Drum denk ' ch in meinem Sinn , ' s sitzt was Lebend ' ges drin , Zeigt Freud und Schmerzen Ganz tief im Herzen ! - Auch Maruschka sang mit Vorliebe diese Strophe mit , trotzdem sie vom Text wenig oder nichts verstand , aber das Zittrige der Melodie tat ihr unendlich wohl und bestimmte sie , während sie weinte , Mal auf Mal auf das » Durchsingen « aller Strophen zu bestehen . Es waren ihrer sechs oder sieben , unter denen die junge Welt die zweite bevorzugte . Diese lautete : Wenn man was Böses tut , Da hämmert ' s gar nicht gut , Dann redt man gern sich ein : ' s wird wohl so schlimm nicht sein , Man möcht die Wahrheit sich nicht sagen ! Doch - was hilft aller Schein , Der droben schaut darein , Er wird ' s am Schlagen Dir deutlich sagen ! - In Lehnerts Auge flimmerte dann was , auch wohl bei den andern , und nur Obadja , der , infolge seines Vertrautseins mit dem Kirchenliede , dem bloß Weichlichen durchaus abhold war , außerdem auch die dünne knipsige Begleitung auf der Zither nicht recht leiden konnte , blieb ziemlich nüchtern bei diesen Sentimentalitäten , die die Kinder , in totaler Verkennung seines Geschmacks , recht eigentlich für ihn ausgesucht hatten , und kam immer erst in die richtige , von seiner Umgebung gewünschte Stimmung , wenn man aus dem Gefühlvollen offen und ehrlich in die direkten Heiterkeiten überging . Auf Schlesiens Bergen , da wächst ein Wein , Den trifft nicht Regen , nicht Sonnenschein ... Ja , das tat ihm wohl , und wenn Obadja dann , am Schluß des Liedes , den sich in seiner Trinkwette für überwunden erklärenden Teufel laut jammern hörte : Noch mehr zu trinken solch sauren Wein , Muß man ein geborner Schlesier sein .... da kam ein Lachen über ihn , so herzlich , als ob er nie der Hohepriester von Nogat-Ehre gewesen wäre . Daß dem so sein konnte , das hing übrigens noch mit einem andern Zuge seiner Natur zusammen : Obadja , trotz beinah vierzigjährigen Aufenthalts in Amerika , hatte sich einen altheimatlichen Sinn , ganz besonders aber einen Sinn für provinziale Sitten und Vorkommnisse bewahrt , und gleich nach Kaiser Wilhelm und Bismarck gab es eigentlich nichts Unterhaltlicheres für ihn als Weichselüberschwemmungen oder Sand- und Schneeverwehungen auf der Nehrung oder Bernsteinausgrabungen - lauter ost- und westpreußische Themata , daran sich selbstverständlich auch schlesische Besonderheiten anschließen durften , und je mehr Sagen und Märchen aus dem Riesengebirge von Lehnert erzählt und je mehr Wichtelmännchen und Zwerge dem Monsieur L ' Hermite für seine Schürfversuche zur Verfügung gestellt wurden , je lächelnder und glücklicher sah Obadja drein . Am meisten , und das galt für alt und jung , interessierte natürlich Rübezahl , von dem jeder immer mehr hören wollte , bis Lehnert versprach , ihnen allen einen Rübezahl in Holz zu schnitzen . Das könne jeder Schlesier , und er wolle sich für Porträtähnlichkeit verbürgen , trotzdem er Rübezahl seit über sechs Jahren nicht mehr gesehen habe . Und gesagt , getan . Eine große Fichtenflechte , die für Haar und Bart zu sorgen hatte , wurde von den benachbarten Ozark-Mountains herbeigeschafft , und schon am nächsten Familienabende machte der alte Berggeist , dem L ' Hermite ein Paar rote Glasaugen eingesetzt hatte , seine Aufwartung und ging reihum und wurde bestaunt und bewundert . Nur Maruschka erklärte , ihn nicht anfassen zu wollen ; der heilige Niklas sei es nicht , also sei es ein Götze . Und mit dieser ihrer naiven Erklärung behielt sie mehr recht , als sie selber erwartet haben mochte . Denn kaum drei Tage nachdem man das Holzbild in die Halle gestellt hatte , ließen sich mehrere Mennoniten von Nogat-Ehre bei Obadja melden und stellten den Antrag , den Götzen , der bereits Anstoß in der Gemeinde gegeben habe , wieder beseitigen zu wollen , ein Antrag , dem natürlich Folge gegeben und mit dessen Ausführung : ein Autodafé drüben im Parkgarten , Monsieur L ' Hermite betraut wurde . Ja , der Rübezahl ging in Flammen auf , aber diese Nachgiebigkeit machte die mal zu Wort gekommenen Unzufriedenen nicht schweigen , seitens derer die Gelegenheit benutzt und über den Einzelfall hinausgreifend ganz allgemein bemerkt wurde : Das käme davon , wenn man sein Haus zur Freistätte für all und jeden mache - eine Bemerkung , die sich übrigens , sonderbar zu sagen , nicht so sehr gegen Lehnert und Monsieur L ' Hermite wie gegen Maruschka richtete , der es nichts half , das unzweifelhaft harmloseste Mitglied der katholischen Kirche zu sein . Obadja nahm daraus Veranlassung , am nächsten Sonntag im Betsaale eine Ansprache zu halten und auf den Unterschied zwischen einem Götzen und einem bloßen Spielzeug hinzuweisen . Auch gegen ein solches , ein Spielzeug , rigoros vorzugehen , verenge den Sinn und verkümmere das Leben . Und