eine kleine Rachenahme ihrerseits nicht allzustreng zu verdammen gewesen wäre ; aber daß Friedrich als Revanchemittel dienen sollte - dagegen hätte ich doch einiges einzuwenden gehabt ... Eifersüchtig - ich ? ... Ich wurde rot , als ich mich bei dieser Erregung ertappte . Ich war ja seines Herzens so sicher ... Keine , keine auf der Welt konnte er so lieben wie mich . Nun ja : lieben - aber eine kleine Verliebtseinsflamme - die hätte immerhin neben der mir geweihten , sanften Glut aufflackern können ... Lori verhehlte mir gar nicht , wie sehr sie an Friedrich Gefallen fand : » Hörst Du , Martha - Du bist wirklich zu beneiden um diesen charmanten Mann . « Oder : » Bewache ihn nur ordentlich , Deinen Friedrich , denn dem setzen gewiß alle Frauenzimmer nach . « » Ich bin seiner Treue sicher , « antwortete ich darauf . » Laß Dich nicht auslachen - als ob » treu « und » Ehemann « nebeneinander genannt werden könnten . Das gibt ' s nicht . Du weißt , wie zum Beispiel mein Mann - « » Mein Gott , vielleicht bist Du da auch falsch berichtet . Dann sind ja nicht alle gleich - « » Alle , alle - glaube mir . Ich kenne keinen von unseren Herren , der nicht ... Unter denen , die mir den Hof machen , sind mehrere verheiratet - was wollen die nun ? Offenbar nicht mich und nicht sich in ehelicher Treue üben . « » Sie wissen vermutlich , daß Du sie nicht erhören wirst ... Und gehört Friedrich auch zu dieser Phalanx ? « fragte ich lachend . » Das werde ich Dir doch nicht sagen , Gänschen . Es ist ohnehin sehr schön von mir , Dich aufmerksam zu machen , wie gut er mir gefällt . Jetzt heißt es nur , ein wachsames Auge öffnen . « » Ich habe es schon weit offen , dieses Auge , Lori , und dasselbe hat bereits mit Mißbehagen verschiedene Koketterie-Angriffe Deinerseits wahrgenommen . « » Da haben wir ' s ! So werde ich mich in Zuknnft besser verstellen müssen « ... Wir lachten beide ; dennoch fühlte ich , daß - so wie hinter meiner scherzhaft vorgebrachten Eifersucht eine wirkliche Regung dieser Leidenschaft sich verbarg - so auch unter ihrer vermeintlich neckenden Rede ein Kern von Wahrheit lag . Loris Mann hatte den Schleswig-Holsteiner Feldzug nicht mitgemacht und das verdroß ihn sehr . Auch Lori ärgerte sich ob dieses » Pechs « . » So ein schöner , siegreicher Krieg ! « klagte sie . » Jetzt wäre Griesbach gewiß um eine Stufe im Rang vorgerückt . Nun , das Tröstliche ist , daß bei einer nächsten Campagne - « » Was fällt Dir ein ? « unterbrach ich . » Dazu ist nicht die mindeste Aussicht . Oder weißt Du einen Anlaß ? Wofür sollte denn jetzt ein Krieg geführt werden ? « » Wofür ? Darum kümmere ich mich wahrlich nicht . Die Kriege kommen und sind da . Alle fünf oder sechs Jahre bricht immer wieder etwas aus - das ist so der Gang der Geschichte . « » Es müssen aber doch Gründe vorliegen ? « » Vielleicht ... doch wer kennt sie ? Ich gewiß nicht , und mein Mann auch nicht . Warum schlägt man sich denn eigentlich dort droben , fragte ich ihn während des letzten Krieges . Das weiß ich nicht - ist mir auch ganz egal , antwortete er achselzuckend . Ärgerlich ist nur , daß ich nicht mit dabei bin , fügte er hinzu . O , Griesbach ist ein echter Soldat . - Das warum und das wozu der Kriege , das geht den Soldaten nichts an . Das machen die Diplomaten untereinander ab . Ich habe mir nie den Kopf zerbrochen über alle die politischen Streitigkeiten . Uns Frauen geht es schon gar nichts an - wir würden doch nichts davon verstehen . Ist das Gewitter einmal losgebrochen , so heißt es beten - « » Daß es beim Nachbar einschlage und nicht bei uns , das ist freilich das einfachste . « Gnädige Frau ! Ein Freund - vielleicht auch ein Feind , gleichviel - ein Wissender , der sich nicht nennen will , benachrichtigt Sie hierdurch , daß Sie betrogen werden . Auf die verräterischste Weise betrogen . Ihr scheinheiliger Mann und Ihre unschuldigthuende Freundin lachen Sie aus ob Ihres gutmütigen Vertrauens , Sie arme , verblendete Frau . Ich habe meine Gründe , den Beiden die Maske vom Gesicht zu reißen . Nicht aus Wohlwollen für Sie handle ich da , denn ich kann mir denken , daß diese Entlarvung zweier geliebter Wesen Ihnen eher Schmerz als Gewinn bringen wird - aber ich bin Ihnen nicht wohlwollend gesinnt . Vielleicht bin ich sogar ein verstoßener Anbeter , der sich rächt ... Was liegt am Motiv ? Die Thatsache ist da , und wenn Sie Beweise wollen , so kann ich Ihnen dieselben liefern . Ohne Beweise würden Sie einem anonymen Brief ohnehin keinen Glauben schenken . Beifolgendes Billet hat Gräfin Gr * * * verloren . Diese überraschende Epistel lag eines schönen Frühlingsmorgens auf unserem Frühstückstisch . Friedrich saß mir gegenüber , mit seiner Post beschäftigt , während ich Obiges las und zehnmal wiederlas . Das dem verräterischen Schreiben beigelegte Billet war in einen Extra-Umschlag verschlossen und ich zögerte , denselben aufzureißen . Ich schaute zu Friedrich auf . Er war in ein Morgenblatt vertieft , doch mußte er meinen auf ihn gerichteten Blick gefühlt haben , denn er ließ die Zeitung sinken und mit seinem gewohnten lieben , lächelnden Ausdruck wandte er den Kopf zu mir : » Nun , was gibt ' s , Martha ? Warum starrst Du mich so an ? « » Ich möchte wissen , ob Du mich noch lieb hast ? « » Schon lange nicht mehr , « scherzte er . » Eigentlich habe ich Dich nie recht leiden können . « » Das glaube ich nicht . « » Aber jetzt sehe ich erst - Du bist ja ganz blaß ! Hast Du eine böse Nachricht erhalten ? « Ich schwankte . Sollte ich ihm den Brief zeigen ? Sollte ich vorher das Beweisstück besehen , welches ich noch immer unerbrochen in der Hand hielt ? Die Gedanken schwirrten mir im Kopfe ... Mein Friedrich , mein alles , mein Freund und Gatte , mein Vertrauter und Geliebter - könnte er mir verloren sein ? Untreu - er ? Ach , ein momentaner Sinnentaumel , weiter nichts ... War da in meinem Herzen nicht Nachsicht genug , um das zu verzeihen , zu vergessen , als nicht geschehen zu betrachten ? ... Aber die Falschheit ! Wie , wenn auch sein Herz sich von mir abwendete , wie , wenn er die verführerische Lori lieber hatte als mich ? ... » So sprich doch - Du bist ja ganz verstummt ... Zeige mir den Brief , der Dich so erschreckt hat . « Er streckte die Hand darnach aus . » Da hast Du . « Ich überließ ihm das schon gelesene Blatt ; die Einlage behielt ich zurück . Er überflog die angeberischen Zeilen . Mit einem zornigen Fluche zerknitterte er das Blatt und sprang von seinem Sitze auf . » Eine Infamie ! « rief er . » Und wo ist das vermeintliche Beweisstück ? « » Hier - noch uneröffnet . Friedrich , sag ' nur ein Wort und ich werfe das Ding ins Feuer . - Ich will keine Beweise , daß Du mich betrogen hast . « » O Du meine Einzige ! « ... Er war jetzt an meiner Seite und umschlang mich stürmisch - » mein Kleinod ! Sieh mir in die Augen - zweifelst Du an mir ? Beweis , oder kein Beweis - genügt Dir mein Wort ? « » Ja , « sagte ich und warf das Papier in den Kamin . » Es fiel aber nicht in die Flammen , sondern blieb neben dem Roste liegen . Friedrich hatte sich darauf hingestürzt und hob es auf . » Nein , nein , das dürfen wir nicht vernichten - ich bin zu neugierig ... wie wollen es zusammen ansehen . Ich erinnere mich nicht , je Deiner Freundin etwas geschrieben zu haben , was auf ein Verhältnis schließen ließe - welches nie bestanden hat . « » Aber Du gefällst ihr , Friedrich ... Du brauchst nur Dein Taschentuch hinzuwerfen - « » Glaubst Du ? ... Komm , laß uns dieses Dokument besichtigen . - Richtig : meine Schrift ! Ah , sieh her , es sind ja die zwei Zeilen , die Du mir selber vor einigen Wochen diktiert hattest , als Deine rechte Hand verwundet war : Meine Lori , komm , ich erwarte Dich mit Sehnsucht heute um 5 Uhr Nachmittag . Martha ( noch immer Krüppel ) . Die Bedeutung der Klammer nach der Unterschrift hat der Finder des Billets nicht verstanden ... Das ist wirklich ein komisches Quiproquo . Gottlob , daß dieses prächtige Beweismaterial nicht verbrannt ist - jetzt ist meine Unschuld am Tage . Oder hast Du noch immer Verdacht ? « » Schon seitdem Du mir ins Auge gesehen hast - nicht mehr . - Weißt Du , Friedrich , daß ich sehr unglücklich gewesen wäre - Dir aber doch verziehen hätte . Lori ist kokett , sehr hübsch ... Sag ' - hat sie Dir nicht Avancen gemacht ? - Du schüttelst den Kopf ... Nun freilich : hierin hättest Du ein Recht , ja beinah ' die Pflicht , sogar mich anzulügen - ein Mann darf weder angenommene noch verschmähte Frauengunst verraten . « » Du würdest mir also eine Verirrung verzeihen ? Bist Du nicht eifersüchtig ? « » Doch - auf herzquälerische Weise ... Wenn ich Dich mir vorstelle , einer Anderen zu Füßen , von den Lippen einer Anderen Seligkeit nippend ... gegen mich erkaltet - jedes Begehren erstorben - das ist mir schrecklich . Dennoch - das Ersterben Deiner Liebe fürchte ich nicht - Dein Herz wird unter keinen Umständen mehr gegen mich erkalten , dessen fühle ich mich sicher - unsere Seelen sind ja so verschlungen , aber - « » Ich verstehe . Du brauchst mir aber durchaus nicht zuzumuten , daß ich für Dich fühle wie ein Ehemann nach der silbernen Hochzeit . Dazu sind wir doch noch zu jung verheiratet - so weit das Feuer der Jugend ( ich bin freilich schon vierzig Jahre alt ) noch in mir lodert , brennt es für Dich . Du bist mir das einzige Weib auf Erden . Und sollte in der That noch einmal eine andere Versuchung an mich herankommen - ich habe den festen Willen , sie von mir abzuwehren . Das Glück , welches in dem Bewußtsein liegt , den Treueschwur bewahrt zu haben ; die stolze Gewissensruhe , mit der man sich sagen kann , daß man den festgeschlungenen Lebensbund in jeder Beziehung heilig gehalten - das alles finde ich zu schön , um es durch einen vorübergehenden Sinnentaumel vernichten zu lassen . Du hast überhaupt einen so vollständig glücklichen Menschen aus mir gemacht , meine Martha , daß ich über alles , was Berauschung , was Lust , was Vergnügen ist , so erhaben bin , wie der Besitzer von Goldbarren über den Gewinn von Kupfermünzen . « Wie wonnig mir solche Worte ins Herz fielen ! Ich war dem anonymen Briefschreiber förmlich dankbar , daß er mir zu diesem süßen Auftritt verholfen . Auch habe ich jedes Wort in die roten Hefte gesetzt . Hier kann ich die Eintragung noch nachlesen , unter dem Datum 1 / 4. 1865 . Ach wie weit - wie weit liegt das alles zurück ! Friedrich hingegen war gegen den Verleumder höchlichst aufgebracht . Er schwor , herauszubringen , wer das Machwerk verfaßt , um den Thäter gehörig zu strafen . Ich erfuhr noch am selben Tage , was Ursprung und Zweck des Schriftstücks gewesen ; den Erfolg desselben - nämlich , daß Friedrich und ich uns nunmehr noch ein wenig näher gekommen - hatte der Urheber schwerlich vorausgesehen . Am Nachmittage ging ich zu meiner Freundin Lori , um ihr den Brief zu zeigen . Ich wollte sie aufmerksam machen , daß sie einen Feind habe , von welchem sie fälschlich verdächtigt wurde , und wollte mit ihr über den Fall lachen , daß mein diktiertes Billet so mißdeutet worden . Sie lachte mehr als ich geglaubt » Also bist Du über den Brief erschrocken ? « » Ja , tödlich . Und doch hätte ich beinahe das inliegende Billet ungelesen verbrannt . « » Da wäre ja der ganze Spaß mißlungen - « » Welcher Spaß ? « » Du hättest am Ende noch geglaubt , daß ich Dich wirklich betrüge . Laß mich bei dieser Gelegenheit Dir beichten , daß ich in einer verrückten Stunde - es war nach dem Diner bei Deinem Vater , wo ich neben Tilling saß , und weil ich zu viel Champagner getrunken hatte - daß ich da wirklich mein Herz so zu sagen auf einem Präsentierteller ihm antrug - « » Und er ? « » Und er mir noch rechtzeitig sagte , daß er Dich über alles liebe und fest entschlossen sei , Dir bis zum Tode treu zu bleiben . Damit Du nun dieses Phänomen desto besser schätzen lernen mögest , ist der ganze Spaß gemacht worden . « » Von welchem Spaß redest Du nur immer ? « » Du weißt ja doch : nachdem der Brief samt Einlage von mir kommt - « » Von Dir ? ... Ich weiß nichts . « » Hast Du denn das Begleitschreiben nicht umgewendet ? Sieh her : hier steht ja auf der Kehrseite der Name und das Datum : Erster April . Näher gebracht - immer näher ! Ich habe es erfahren , daß die Annäherungsfähigkeit liebender Herzen zu jenen Dingen gehört , die keine Grenzen haben - wie zum Beispiel die Teilbarkeit . Man sollte glauben , ein Partikelchen sei schon so klein , daß es nicht kleiner gedacht werden könne , und doch : es läßt sich noch in zwei Hälften spalten ; und man sollte glauben , zwei Herzen seien schon so ineinander verschmolzen , daß ein innigeres Einswerden nicht mehr möglich wäre , und doch : eine äußere Einwirkung und noch fester und näher - immer näher - umschlingen und durchdringen sich die Herzensatome . So hatte Loris ziemlich geschmackloser Aprilscherz auf uns gewirkt , und so wirkte noch ein äußeres Ereignis , welches kurz darauf eintrat . Ein heftiges Nervenfieber nämlich , das mich sechs Wochen auf das Krankenlager warf . Ein an sich zwar trübes Ereignis - und doch wie fruchtbar an glücklichen Erinnerungen für mich und wie einflußreich auf den oben geschilderten Vorgang : das » Noch-näher-bringen « von zwei so allernahesten Herzen . War es die Furcht , mich zu verlieren , die mich dem Gatten noch teurer machte , oder war mir seine Liebe nur noch offenbarer geworden durch sein Krankenwärter-Benehmen - kurz , während dieses Nervenfiebers und nach demselben fühlte ich mich noch viel mehr und noch viel sicherer geliebt als zuvor . Vor dem Sterben hatte ich mich auch wohl gefürchtet . Einmal , weil es mir schrecklich leid gethan hätte , ein Leben zu verlieren , das mir so reich an Schönheit und Glück schien , und meine Lieben - Friedrich , mit dem ich so gern alt geworden wäre , Rudolf , den ich so gern zum Manne auferzogen hätte , zu verlassen ; zweitens auch - nicht in Selbstsucht , sondern im Hinblick auf Friedrich - war mir der Gedanke an den Tod entsetzlich , denn ich wußte , so gewiß als man nur wissen kann , daß der Schmerz , mich zu begraben , den Beraubten schier unerträglich wäre ... Nein , nein : glückliche Menschen und von teuern Wesen geliebte Menschen können nicht Todesverachtung empfinden . Zu dieser gehört vor allem Lebensverachtung . Ich konnte auf meinem Lager , wo die Krankheit mit ihrer tödlichen Gewalt mich umschwirrte , wie der Krieger auf dem Schlachtfeld von Kugeln umschwirrt wird , mich so recht in die Empfindung solcher Soldaten hineindenken , welche das Leben lieben , und welche wissen , daß ihr Tod geliebte Wesen in Verzweiflung stürzen würde . » Nur das eine hat der Soldat vor dem Fieberkranken voraus : das Bewußtsein erfüllter Pflicht , « antwortete mir Friedrich , als ich ihm diese Gedanken mitteilte . » Doch darin gebe ich Dir recht : gleichgültig sterben , freudig sterben , - was uns allenthalben zugemutet wird - das kann kein glücklicher Mensch . Das konnten nur die aller Lebensnot Preisgegebenen in alter Zeit , die an der Friedensexistenz gar nichts zu verlieren hatten , oder solche , die sich und ihre Brüder nur durch den Tod von Schmach und unerträglichem Joch befreien können . « Als die Gefahr überstanden war , wie genoß ich da meine Genesung , meine Wiedergeburt ! Das war ein Fest - für uns beide . Ähnlich dem Glücke bei der Wiedervereinigung nach dem Schleswig-Holsteiner Kriege , aber doch anders . Dort kam die Freude mit einem Schlag und hier nach und nach - und zudem , wir waren uns ja seither wieder näher , immer näher . Mein Vater hatte mich während meiner Krankheit täglich besucht und viel Besorgnis gezeigt ; dennoch , ich wußte , daß er sich meinen Tod nicht übertrieben zu Herzen genommen hätte . Seine beiden jüngeren Töchter hatte er viel lieber als mich , und der Liebste von Allen war ihm Otto . Ich war ihm durch meine zwei Heiraten , namentlich durch die zweite , und vielleicht auch durch meine ganz verschiedene Denkungsart , einigermaßen entfremdet . Als ich vollständig hergestellt war - es war Mitte Juni - , übersiedelte er nach Grumitz und forderte mich lebhaft auf , samt meinem kleinen Rudolf mitzukommen . Ich aber zog es vor , da Friedrich diensteshalber die Stadt nicht verlassen durfte , meinen Landaufenthalt ganz in der Nähe von Wien zu nehmen , wo mein Mann mich täglich besuchen konnte , und so mietete ich eine Sommerwohnung in Hitzing . Meine Schwestern - immer unter Tante Mariens Schutz - reisten nach Marienbad . In ihrem letzten Brief aus Prag schrieb mir Lilli unter Anderem : » Ich muß Dir gestehen , daß Vetter Konrad anfängt , mir - gar nicht zuwider zu werden . Während so manchen Cotillons war ich in der Laune , wenn er nur die betreffende Frage gestellt hätte , ja zu sagen . Er unterließ es aber , den entscheidenden Schritt im rechten Moment zu thun . Als es hieß , daß wir abreisen sollten , hat er zwar wieder einen neuen Antrag gemacht , aber da hatte ich einen neuen Anfall von Korbgeben . Das habe ich mir dem armen Konrad gegenüber schon so angewöhnt , daß , wenn er das bekannte : Willst Du nicht doch meine Frau werden , Lilli ? vorbringt , meine Zunge ganz von selber antwortet : Fällt mir gar nicht ein . Diesmal aber habe ich hinzugefügt : Frage in sechs Monaten nochmals an . Ich werde nämlich den Sommer über mein Herz prüfen . Sehne ich mich nach dem Abwesenden , verläßt mich der Gedanke an ihn - der mich jetzt so ziemlich unablässig im Wachen und Träumen verfolgt - auch in Marienbad nicht ; gelingt es dort und auch in folgender Jagdsaison keinem Anderen , Eindruck auf mich zu machen - dann hat des eigensinnigen Vetters Ausdauer gesiegt . « Um dieselbe Zeit schrieb mir Tante Marie : ( Es ist zufällig der einzige Brief von ihr , den ich aufbewahrt habe . ) » Mein liebes Kind ! Das war eine ermüdende Winter-Campagne : Ich werde nicht wenig froh sein , wenn Rosa und Lilli Partien gefunden haben werden . Gefunden hätten sie deren zwar genug , denn wie Du weißt , haben sie hier im Laufe des Faschings jede ein Vierteldutzend Körbe ausgeteilt - den perennierenden Konrad gar nicht mitgerechnet . Jetzt wird die Plackerei in Marienbad wieder anheben . Ich wäre für mein Leben gern nach Grumitz gegangen , oder zu Dir - und muß statt dessen die mühsame und undankbare Chaperon-Rolle bei den vergnügungssüchtigen Mädchen weiterspielen . Ich freue mich sehr , zu hören , daß Du wieder ganz gesund bist . Jetzt , da die Gefahr vorüber , kann ich Dir sagen , daß wir sehr besorgt waren - Dein Mann schrieb uns eine Zeit lang so verzweifelte Briefe : jeden Augenblick fürchtete er , Dich sterben zu sehen . Nun das war Dir , Gott sei Dank , nicht bestimmt . Die Novene , welche ich für Deine Genesung bei den Ursulinerinnen abgehalten , hat vielleicht auch zu Deiner Rettung beigetragen . Der liebe Gott wird Dich für Deinen Rudi erhalten . Grüße mir den lieben Kleinen , und er soll nur immer recht brav lernen . Ich schicke ihm gleichzeitig ein paar Bücher : Das fromme Kind und sein Schutzengel - eine wunderschöne Geschichte - und Vaterländische Helden - eine Sammlung von Kriegsbildern für Knaben . Man kann den Kleinen nicht früh genug Sinn für derlei beibringen . Dein Bruder Otto z.B. war noch nicht fünf Jahre alt , als ich ihm schon vom großen Alexander , von Cäsar und anderen berühmten Eroberern erzählte - und wie ist er jetzt für alles Heroische begeistert - es ist ein Vergnügen ! Ich habe vernommen , daß Du den Sommer in der Nähe von Wien bleiben willst , statt nach Grumitz zu gehen . Daran thust Du sehr unrecht . Die Luft in Grumitz würde Dir viel besser bekommen , als die des staubigen Hietzing - und der arme Papa wird sich langweilen , so allein . Vermutlich willst Du Deines Mannes wegen nicht fort ; aber mir will scheinen , daß die Tochterpflichten doch auch nicht ganz vernachlässigt werden sollten . Tilling könnte ja doch bisweilen auch einen Tag nach Grumitz kommen . Gar so viel beieinander sein ist für Eheleute nicht einmal gut - glaube meiner Lebenserfahrung . Ich habe bemerkt , daß die besten Ehen diejenigen sind , wo die Gatten sich nicht immer gegenseitig auf dem Halse sitzen , sondern einander eine gewisse Freiheit lassen . Jetzt leb ' wohl , schone Dich , damit Du keinen Rückfall bekommst , und überlege Dir das noch mit Hietzing . Der Himmel schütze Dich und Deinen Rudi ! - Dies das aufrichtige Gebet Deiner Dich liebenden Tante Marie . P. S. Dein Mann hat ja Verwandte in Preußen ( zum Glück ist er nicht so arrogant wie seine Landsleute ) , frage ihn doch , was man dort im allgemeinen spricht über die politische Lage . Dieselbe ist doch sehr bedenklich . « Dieser Brief meiner Tante brachte mir erst wieder ins Gedächtnis , daß es eine » politische Lage « gebe . Die ganze Zeit über hatte ich mich nicht um derlei gekümmert . Vor und nach meiner Krankheit hatte ich zwar , wie immer , viel gelesen : Tag- und Wochenblätter , Revüen und Bücher , aber die Leitartikel der Zeitungen waren unbeachtet geblieben ; seitdem ich nicht mehr die bange Frage aufstellte : » Krieg oder nicht Krieg « , besaß der inner- und außerpolitische Klatsch kein Interesse für mich . Erst anläßlich der Nachschrift des oben angeführten Briefes fiel mir ein , das Vernachlässigte einzuholen und mich nach den gegenwärtigen Verhältnissen zu erkundigen . » Was will denn Tante Marie mit diesem bedrohlich sagen , Du minder arroganter Preuße ? « frug ich meinen Mann , ihm den Brief zu lesen gebend . » Gibt es denn überhaupt jetzt eine politische Lage ? « » Die gibt es - gerade so wie irgend ein Wetter - leider immer . Und dabei ebenso veränderlich und trügerisch - « » Nun , so erzähle mir ... Spricht man etwa noch immer von den verwickelten Elbherzogtümern ? Sind die nicht abgemacht ? « » Mehr als je spricht man davon . Nicht im geringsten abgemacht . Die Schleswig-Holsteiner haben jetzt große Lust , die Preußen - die arroganten , denn das sind wir , dem neuesten Schlagwort gemäß - wieder ganz los zu werden . Eher dänisch als preußisch , wiederholen sie eine ihnen von den Mittelstaaten gegebene Losung . Und weißt Du , wie das abgedroschene Meerumschlungen-Lied jetzt zur Abwechselung gesungen wird : » Schleswig-Holstein stammverwandt Schmeißt die Preußen aus dem Land . « » Und was ist ' s mit dem Augustenburger ? Den haben sie doch ? O sag ' mir nicht , Friedrich , daß sie ihn nicht haben ... Wegen dieses einzig berechtigten Thronerben , nach welchem die armen dänengedrückten Lande sich so gesehnt , mußte der ganze Krieg , der mich Dich - Dich ! - hätte kosten können , geführt werden ! Laß mir also wenigstens den Trost , daß der nötige Augustenburg in seine Rechte eingesetzt worden und über die ungeteilten Herzogtümer regiert . Auf diesem ungeteilt bestehe ich : das ist ein altes historisches Recht , das jenem seit mehreren hundert Jahren verbürgt ist und dessen Begründung ich mir mühsam genug erforscht habe . « » Schlecht steht ' s um Deine historischen Rechtsansprüche , meine arme Martha , « lachte Friedrich . » Vom Augustenburger ist - außer in seinen eigenen Protesten und Manifesten - gar nicht mehr die Rede ! « Von nun an fing ich wieder an , mich um die politischen Verwicklungen zu bekümmen und erfuhr folgendes : Festgesetzt und anerkannt war - trotz des beim wiener Frieden gezeichneten Protokolls - eigentlich noch gar nichts . Die schleswig-holsteinische Frage war seither in allerlei Stadien gebracht worden , » schwebte « aber mehr als je . Der Augustenburger und der Oldenburger hatten sich beeilt - nach der von seiten des Glücksburgers erfolgten Abtretung - , beim Bundestag zu reklamieren . Und Lauenburg verlangte stürmisch , dem Königreich Preußen einverleibt zu werden . Niemand wußte , was die Verbündeten nun eigentlich mit den eroberten Provinzen anfangen würden . Von diesen beiden Mächten selber mutete jede der anderen zu , daß jede die andere übervorteilen wolle . » Was will nur dieses Preußen ? « Das ist nunmehr die von Österreich , von den Mittelstaaten und den Herzogtümern stets aufgeworfene , Böses ahnende Frage . Napoleon III. rät Preußen , es solle die Herzogtümer - bis auf das dänisch redende Nordschleswig annektieren . Aber daran denkt Preußen vorläufig nicht . Am 22. Februar 1865 formuliert es endlich seine Ansprüche dahin : Preußische Truppen bleiben in den Landen ; die letzteren haben ihre Wehrkraft zu Wasser und zu Land mit Ausnahme eines Bundeskontingents Preußen zur Verfügung zu stellen . Der Kieler Hafen wird in Besitz genommen : Post und Telegraphen sollen preußisch werden und die Herzogtümer müssen sich dem Zollverein anschließen . Über diese Forderungen ärgert sich - ich weiß nicht warum - unser Minister Mensdorf-Ponilly . Und noch mehr - ich weiß schon gar nicht warum - vermutlich aus Neid , diesem Grundzug in Behandlung der » äußeren Angelegenheiten « - ärgern sich die Mittelstaaten . Dieselben verlangen ungestüm , der Augustenburger möge eiligst , sofort , in die Verwaltung der Herzogtümer eingesetzt werden . Österreich hat aber auch etwas zu sagen und sagt - indem es den Augustenburger als Luft behandelt - , daß es den Besitz des Kieler Hafens gern zugestehe , aber gegen die Rekrutierung und Matrosenpresse sich verwahre . So wird unablässig fortgestritten . Preußen erklärt , daß seine Forderungen nur im Interesse Deutschlands gemacht werden , daß es Annektierung gar nicht verlange - Augustenburg möge , unter Gewährung der gestellten Forderungen , sein Erbrecht antreten ; wenn aber diese notwendigen und billigen Ansprüche nicht befriedigt werden , dann - mit drohend erhobener Stimme - dann werde es vielleicht gezwungen sein , mehr zu fordern . - Gegen diese drohenden erheben sich sofort höhnische , hämische , hetzende Stimmen . In den Mittelstaaten und in Österreich wird die öffentliche Meinung gegen Preußen und namentlich gegen Bismarck immer mehr verbittert . Am 27. Juni tragen die Mittelstaaten darauf an , von den Großmächten Auskunft zu verlangen , aber ( Auskunftgeben ist auch nicht diplomatischer Brauch , nur alles schön geheim ) die Großmächte unterhandeln unter sich . König Wilhelm reist nach Gastein , Kaiser Franz Joseph nach Ischl . Graf Blome fliegt zwischen beiden hin und her und man einigt sich über verschiedene Punkte : Die Besatzung soll halb österreichisch und halb preußisch werden . Lauenburg wird - wie es ja selber wünschte - Preußen einverleibt . Dafür erhält Österreich eine Entschädigung von zweieinhalb Millionen Thaler . Dieses letztere Ergebnis ist durchaus nicht im stande , mir patriotische Freude einzuflößen . Was soll den sechsunddreißig Millionen Österreichern - selbst wenn sie unter ihnen verteilt würde , was nicht geschieht - diese unbedeutende Summe nützen ? Würde sie die Hunderttausende ersetzen , die zum Beispiel ich bei Schmitt & amp ; Söhne durch den Krieg verloren ? Oder gar die Verluste derjenigen , die ihre gefallenen Lieben beweinen ? ... Was mich freut , ist ein am 14. August zu Gastein unterzeichneter Vertrag . - » Vertrag « , das Wort klingt so friedensverheißend . Erst später habe ich die Erfahrung gemacht , daß die internationalen Verträge sehr oft dazu da sind , um durch gelegentliche Verletzungen dasjenige herbeizuschaffen , was man einen » casus belli « nennt . Da braucht denn nur einer den anderen des » Vertragsbruches « anzuklagen und sofort springen - mit allem Anschein der Verteidigung verbriefter Rechte - die Schwerter aus der Scheide . Mir jedoch gewährte der Gasteiner Vertrag Beruhigung . Der Streit schien beigelegt , General Gablenz - der schöne Gablenz , für welchen wir Frauen alle