! das ist aber etwas ! « rief die Alte , tat aufs äußerste verwundert und beantwortete seine Frage nach Maria mit den hastig gesprochenen Worten : » Bei den Pinien ... im Garten ... ich muß nur bitten ... ich will sie vorbereiten ... « Er hörte sie nicht an . Während im Schloß und im Beamtenhaus alles durcheinanderrannte und die feindlichsten Elemente sympathisch zusammentrafen in dem Verdruß über seine Ankunft , schritt er eilig der großen Baumgruppe am südlichen Ende des Gartens zu . - Wie war alles verwildert ! Die Wege grasüberwuchert , die Wiesen von Unkraut zerfressen , die Gebüsche unbeschnitten ; ihre kahlen , schwachen Stämmchen in die Höhe gewachsen , lauter Lichtungen statt der ehemaligen schattigen Gänge . Von weitem schon erblickte er seine Tochter . Sie saß auf einer Moosbank unter den mächtigen Stämmen - durchsichtig blaß , schmal in ihrem schwarzen , eng anliegenden Kleide - und sah dem Kinde zu , das sich eifrig mit dem Bau einer kleinen Grotte beschäftigte . Ihr Vater war schon nahe bei ihr , als sie seine Schritte knistern hörte auf dem mit dichten Schichten abgefallener Nadeln bedeckten Grunde und den Kopf erhob . » Maria ! « rief er aus , und Tränen traten ihm in die Augen . Sie stand auf , wollte sprechen , auf ihn zueilen , sank aber stumm zurück mit einem unendlich dankbaren Lächeln . Er neigte sich zu ihr herab und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn . Sie flüsterte etwas Unverständliches , ihre Nasenflügel bebten , ihre Lippen waren halb geöffnet , sie zogen die Luft hörbar atmend ein . Wolfsberg setzte sich zu ihr . » Hätte ich doch gewußt ... « sagte er , » warum nicht ein Wort schreiben ... Wie unrecht . « Von Rührung übermannt , zog er ihre Hände an seinen Mund und küßte sie und sprach leise : » Niemand liebt dich , wie ich dich liebe , und niemand hat dir so weh getan . « Alles war ihm Vorwurf , ihr abgehärmtes Aussehen , ihr verwahrloster Wohnort , das Fremdtun Erichs , der sein Spiel unterbrochen hatte und ihn ernst und fragend ansah , ohne ihn zu begrüßen . Auf einmal blitzte es freudig auf in den Augen des Knäbleins . Er trat an seine Mutter heran . » Schau dorthin « , sagte er , legte sein Händchen flach an ihre Wange und zwang sie , den Kopf zu wenden . Die Sonne ging unter ; ihre letzten waagerechten Strahlen schimmerten durch die Stämme der Bäume , das Angesicht des Kindes flammte in ihrem Widerschein ; goldene Lichter spielten auf seinen dunkeln , leicht gelockten Haaren . Wolfsberg betrachtete ihn mit schmerzlicher Bewunderung . » Nun , was ist mit dir ? « begann er . » Du siehst mich ja gar nicht an . Kennst du mich nicht mehr ? « » O ja - o ja ! « gab Erich zur Antwort , senkte den Kopf und wandte seine ganze Aufmerksamkeit einem Käfer zu , der an einem Grashalm emporzuklimmen suchte . Auch Maria wagte nicht aufzublicken . Die Erinnerung an den Abscheu , mit dem Gräfin Agathe das Kind von sich gestoßen hatte , durchzitterte sie , und sie murmelte : » Verzeih ihm , er ist so scheu geworden in der Einsamkeit . « » Wir wollen ihn schon zutraulich machen « , sagte ihr Vater und streckte dem Knäblein die Rechte entgegen . » Schlag ein , kleiner Wolfsberg , schlag ein , mein Enkel . Auf gute Freundschaft ! « Der Graf blieb einige Zeit daheim , und alle , die in seinem Dienste standen , erfuhren , wie begründet ihr Schrecken über seine Ankunft gewesen war . Er ging streng ins Gericht ; seinen unverschämtesten Ausbeutern , seinen aufgeblasensten Würdenträgern brach der Angstschweiß aus , als er , ohne die Stimme zu erheben , mit geschlossenen Zähnen zu ihnen sprach : » Weh euch , wenn ich bei meiner Wiederkehr nicht jedes Versäumnis eingebracht finde , hundertfach . « Seine Abreise verschob er von Tag zu Tag . Er hatte Erich liebgewonnen ; er beschäftigte sich mehr mit ihm , als er mit Maria getan , da sie noch in so zartem Alter stand . Halbheit war seine Sache nicht . Er wollte den Enkel , den er anerkannt , von aller Welt anerkannt sehen und ihn für eine glänzende Zukunft erziehen . Als er jedoch seine ehrgeizigen Pläne vor Maria entwickelte , traf er auf Widerstand . Sie strebte für Erich das Gegenteil von allem an , was ihrem Vater wünschenswert erschien ; ja , sie forderte von ihm das feierliche Versprechen , daß ihr die entscheidende Verfügung über ihr Kind bewahrt bleibe im Leben und im Tode . Zweifelnd und erschrocken sah er sie an , aber eine andere Antwort als » ja « hatte er auf einen von ihr geäußerten Wunsch nicht mehr . Ihre unerschütterliche Gelassenheit bewegte ihn in allen Seelentiefen . Es schien ihm die Gelassenheit einer halb Abgeschiedenen , die nicht mehr wünscht noch hofft . Ihre Mutter , in ihrem letzten Lebensjahre , hatte in ruhigen Stunden denselben Ausdruck stiller Trostlosigkeit gehabt . Maria war jetzt das vollkommene Ebenbild der unglücklichen Frau , und Wolfsberg schauerte manchmal zusammen , wenn sie ihm unerwartet entgegentrat . Am Abend vor seiner Abreise waren sie aus dem Salon , in dem der Tee genommen worden , in den anstoßenden Erker getreten . Aus seinen hohen schmalen Fenstern sah man über die Bäume des Gartens , über das Dorf hinweg auf eine von Trümmern , die aus dem Steinbruch herabgerollt , teilweise bedeckte Hutweide . Die Dämmerung war eingebrochen , und in ihrem täuschenden Scheine meinte man einen ungeheuren Friedhof vor sich zu sehen . Wolfsberg blickte lange gedankenvoll hinaus . Ein letztesmal suchte er Maria zu überreden , ihren düstern Aufenthalt mit dem auf einem seiner Güter in Tirol oder in Österreich zu vertauschen : » Wo du mir leichter erreichbar wärest und auch Tante Dolph , der die Reise hierher zu beschwerlich ist , dich besuchen könnte . Und die anderen , die vielen , die dich lieben . Was mir nur die kleine Fee alles aufgetragen hat ! Sie droht , wenn du ihr durchaus nicht erlaubst zu kommen , es ohne deine Erlaubnis zu tun . « » Gib es nicht zu ! « rief Maria flehend aus . Eine tiefe Röte spielte auf ihren Wangen . » Ich kann niemanden sehen , lieber Vater . Laß mich hier vergraben , tot für alle sein , nur so ertrage ich das Leben . « Zur Abfahrt Wolfsbergs versammelten sich seine Angestellten mit ihren nicht immer » besseren « Hälften im Schloßhofe . Auch der Vorsteher der Gemeinde war da . Der Graf hatte derselben einen Teil ihrer Schulden abgenommen , gegen seine Überzeugung , aber auf Marias Fürbitte . - Er kam mit ihr und mit Erich die Treppe herab , beantwortete die devoten Kratzfüße und Knickse der seiner Harrenden mit einer ablehnenden Gebärde , umarmte seine Tochter , küßte und segnete seinen Enkel und sprang in den Wagen . Maria blieb regungslos stehen und sah ihm nach . Plötzlich bemerkte sie , daß auch die übrigen sich nicht vom Flecke gerührt , sondern in untertäniger Haltung erwarteten , von ihr entlassen zu werden . - Die freche Feindseligkeit hatte sich in eine kriechende verwandelt . Ein Jahr nach dem Tode Hermanns schrieb Tessin an Maria . Seine Versetzung auf einen höheren , wieder überseeischen Posten sollte noch im Laufe des Jahres erfolgen ; er kam , bevor er ihn antrat , für einige Zeit in die Heimat zurück . In bewegten , tiefe , unwandelbare Liebe atmenden Zeilen bat er um die Gunst eines Wiedersehens und knüpfte daran eine Hoffnung , die vielleicht zu kühn war , um in Erfüllung zu gehen . Doch lebe er von ihr , und auf sie verzichten müssen wäre sein Untergang . Maria las mit Schrecken und Grauen . So war die Vergangenheit nicht begraben ? So streckte sich die Hand des Urhebers ihrer unsühnbaren Schuld noch immer nach ihr aus ? Die Stunde der Erniedrigung stieg wieder auf vor ihrem geistigen Auge - unfaßbar , ein höllisches Rätsel ... Ihr Herz stand still , ihre Zähne schlugen zusammen ... Mit dem Aufgebot aller ihrer Kraft trat sie zum Schreibtisch und richtete hastig einige Zeilen an ihren Vater : » Antworte für mich - du weißt alles ... Hilf , rette mich vor diesem Menschen , schütze mich vor der Gefahr , jemals wieder von ihm zu hören . « Sie schloß den Brief Tessins in den ihren und schickte damit einen Reitenden , dem sie selbst die größte Eile auftrug , nach der Post . In Gedanken begleitete sie ihren Boten . Jetzt konnte er beim Steinbruch sein und jetzt an der Brücke , und wenn er tüchtig jagte , kam er noch zurecht zur Abfahrt des Postkarrens . - Und der brauchte dann vier Stunden , bis er zur Eisenbahnstation gelangte . Vier volle Stunden ... Wenn nur die vorüber wären , sie würde leichter atmen . Jetzt also , dachte sie , ist der Brief auf der Bahn , als die Schloßuhr zehn schlug . Sie hatte die Leute zur Ruhe geschickt und ging nun rastlos in ihrem Schlafzimmer auf und ab , bis sie endlich todmüde auf ihr Lager sank , neben dem das kleine Bett Erichs stand . Er schlief fest und sah gescheit und lieblich aus . Seine Mutter schöpfte Mut und Kraft aus seinem Anblick , ihre Besorgnisse schienen ihr mit einem Male töricht . Was lag daran , ob die Antwort auf den Brief , der ihr zugeflogen war wie ein Pfeil aus dem Busche , einen Tag früher oder später kam ? - - Was lag daran ? - Sie sprach sich Vernunft zu ; sie schalt die Schwäche des Willens , der nichts vermochte über das Treiben aufgeregter Nerven , über das tolle Pochen des Herzens . Gegen Morgen fiel sie in leisen , durch wirre Träume gestörten Schlaf und erwachte , in kalten Schweiß gebadet . Sie stand mühsam auf und schickte Erich mit seiner Wärterin in den Garten . Zu Mittag kam er wie gewöhnlich zur Unterrichtsstunde in das Erkerzimmer , wo Maria ihn erwartete . » Mutter « , rief er , » es ist jemand angekommen , ein Herr , mit den Schimmeln vom Postmeister , und der eine hinkt . « Sie war aufgefahren , hatte einen raschen Blick nach der Tür geworfen , als ob sie entfliehen wollte , und war dann auf ihren Platz zurückgesunken . » Jemand angekommen « , wiederholte sie . » Weißt du wer ? « Nein , er wußte es nicht . Aber sie wußte es ... Tessin hatte ihre Antwort nicht abgewartet - er war gekommen . Die Tür , die vom Gang in das Nebenzimmer führte , wurde aufgerissen . Man vernahm Lisettens kreischenden Ausruf : » Jesus ! Herr Jesus ! « - » Ich darf niemanden vorlassen « , sprach ein Diener laut . » Mutter « , rief Erich , » warum schreien sie so da draußen ? « Er breitete seine Arme aus und stellte sich schützend vor sie hin : » Fürchte dich nicht ! « Und jetzt polterte sehr aufgeregt Lisette herein : » Nein , denk dir nur ... Graf Tessin nennt er sich , und ich schwöre darauf , es ist derselbe ... Aber was ist dir denn ? ... « Maria war aufgestanden ; ihr Gesicht hatte einen fremden Ausdruck angenommen . Finster und kalt sah sie den eintretenden Tessin an , der bei ihrem Anblick totenblaß wurde . Erich stürzte ihm entgegen : » Fort , du , fort , wir wollen dich nicht ... « und drohend erhob er die Faust . Die Lippen Tessins verzogen sich ; er lächelte das Kind an mit einem Gemisch von Verlegenheit und Spott ; er wünschte sich weit weg von hier , er verfluchte seine Ungeduld . In liebevoll gehegter Erinnerung hatte er Maria immer nur so vor sich gesehen , wie sie war in der süßesten und siegreichsten Stunde seines Lebens . Er hatte die schönste Frau in Gedanken tausend- und tausendmal in seinen Armen gehalten . Das wahnsinnige Verlangen nach ihr , das ihn oft in der Fremde ergriffen , wuchs von Minute zu Minute , seitdem er den Boden der Heimat betreten hatte . Er zweifelte nicht - sie liebte ihn noch ; sie hatte immer nur ihn geliebt ; sie wartete seiner mit ebender Sehnsucht , mit der er ihr entgegengestrebt - - Und nun war ' s erreicht ; er stand am Ziel , und was es ihm bot , war eine grausame Enttäuschung , die zu verbergen ihm die Fassung fehlte . Langsam trat er näher und verbeugte sich stumm . Maria winkte Lisetten , den Knaben fortzuführen . Er sträubte sich , mußte aber gehorchen . Am Ausgange noch wandte er sich um und warf einen Blick voll Trotz und Mißtrauen auf Tessin . 21 Maria sah dem Kinde nach . Funken flimmerten vor ihren Augen ; ihr war , als ob die Wand , an der sie lehnte , schwankte ; als ob die kleinen runden Scheiben der Erkerfenster wie Kreisel wirbelten , platzten wie Seifenblasen ... Sie biß sich in die Lippen , sie wollte standhaft bleiben , sie wollte die Herrschaft behaupten über ihre schwindenden Sinne . - Einmal wieder rief ihr die Erinnerung das alte Zauberwort zurück : Nur ruhig ! » Wie dürfen Sie es wagen ? « stieß sie plötzlich hervor . » Was wollen Sie ? ... Warum haben Sie meine Antwort nicht abgewartet ? « » Welche Frage ... « erwiderte er , betroffen über diesen unerwarteten Empfang . » Aus Ungeduld , aus Sehnsucht . « » Nach dem , was Sie hier erwartet ? ... Oh ! « » Was mich hier erwartet ? Sie meinen den Schmerz , Sie leidend zu finden « - und furchtbar verändert , setzte er in Gedanken hinzu . Die widersprechendsten Gefühle kämpften in ihm , Mitleid , Groll , Trotz und Wehmut . Ihm schien jede Gunst erreichbar und jedes Glück - sollte er das seine nun suchen im Besitz einer verwelkten Frau ? ... Aber - es war doch sie ! sie , die ihm die heftigste Leidenschaft seines Lebens eingeflößt hatte ... Er fühlte von neuem ihren bestrickenden Einfluß und überließ sich ihm . Das Bewußtsein eines begangenen Frevels an diesem armen Weibe erwachte und zugleich - nur Lügner behaupten , daß er großmütiger Regungen unfähig sei - der Vorsatz , seine Schuld wiedergutzumachen . Noch immer hatte er dagestanden , den Hut in der Hand , und nahm jetzt unaufgefordert Platz , Maria gegenüber . Allmählich fand er die Züge , die ihm so teuer gewesen , in diesem bleichen Gesichte wieder . Es trug die Spuren von schweren Seelenqualen , die um ihn erduldet worden ... ein nicht geringes Genüge für seine Eitelkeit . - Tessin sprach einige Worte der Rührung und des Bedauerns ; sich selbst jedoch sagte er : Sie ist jung , sie wird genesen , sie wird wieder aufblühen in meinen Armen ; ich will der Gott sein , unter dessen Hauch ihre Wangen sich von neuem färben , ihre Lippen lächeln werden , der sie auferweckt und zurückführt zu allen Daseinswonnen . Er begann ihr seine unveränderte Liebe zu beteuern ; er erzählte von der Kunst , die er angewendet hatte , um sich immer in Kenntnis von allem zu erhalten , was sie betraf . So wußte er denn auch von ihrer » hochherzigen Verzichtleistung « und schwur , daß er den Anspruch , der ihm daraus erwuchs , geltend machen werde . Mit einer Art stumpfer Ergebung ertrug Maria seine Nähe , seinen unverwandt auf sie gerichteten Blick . Der ihre blieb so abwesend , so leer , daß sich Tessin eines Zweifels an der leichten Ausführbarkeit seiner göttlichen Sendung nicht erwehren konnte . In gereiztem , unwillkürlich herausforderndem Tone schloß er : » Sie haben Ihrem Sohne den Namen genommen , der ihm vor dem Gesetz zukam ; das kann nur in der Absicht geschehen sein , ihm dafür den Namen zu geben , der ihm in Wahrheit gehört - den meinen . « Jetzt machte sie eine heftig abwehrende Bewegung : » Ihm Ihren Namen geben und Ihnen dadurch ein Recht auf das Kind - Ihnen ? « Sie beugte sich vor . In ihren Augen hatte sich eine Flamme der Verachtung entzündet , die ihn traf wie ein glühender Pfeil . Er zuckte zusammen , er rang nach Fassung und rief dennoch fassungslos aus : » Gräfin ... Maria , Sie haben mich geliebt ! « Sie neigte den Kopf , eine brennende Röte flog über ihre Wangen : » Ich habe geglaubt , Sie zu lieben , und Sie - sind schlau gewesen , Sie haben es verstanden , einen Brand des Schuldbewußtseins gegen Sie in meine Seele zu werfen ... Dann haben Sie sich einen Spießgesellen geworben , und mit seiner verräterischen Hilfe sind Sie gekommen und haben mich überrascht , gemeiner , ehrloser als ein Dieb , und ich habe mich an Sie weggeworfen ... Und nachdem das Unwiderrufliche geschehen , nachdem die Schuld begangen war ... eine Schuld , die von den Tränen der Reue so wenig weggespült werden kann wie der Fels von der Welle , die zu seinen Füßen brandet ... dann ist mir der Mann , neben dem ich bisher hingegangen war wie eine Blinde , teurer geworden von Tag zu Tag ... Er hat mich die Liebe kennengelehrt , die ewig ist ; er , in dessen Seele die reinste Güte und Treue vereinigt waren ... Und diese Empfindung in einem Herzen , das seiner unwürdig geworden ... Das seltenste , köstlichste Glück vergeudet - um welchen Preis ! « Ein Schauer des Ekels durchrieselte ihre Glieder . Im Innersten entrüstet , äußerlich jedoch starr und unbeweglich , hatte Tessin ihr zugehört . Wie er sie jetzt haßte , die Törin , die sich - um ein geringes zu spät - in ihren Mann verliebt hatte ; wie er sie lächerlich fand mit ihrer Sentimentalität und ihrer krankhaften Reue ! Eine kleine Abkühlung tat not , und so murmelte er denn höhnisch : » Wie müssen Sie mir geflucht haben . « » Nur mir ... Sie sind ohne Rechtsgefühl ; ich hatte es und täuschte dennoch das edelste Vertrauen , betrog - - um Sie ! « Ihr Blick glitt über ihn hin , und er spürte ihn wie etwas Körperliches , das von ihm herunterwischte : allen Wert , alles Selbstbewußtsein , alle eingebildete Herrlichkeit ... Er knirschte , er meinte Notwehr üben zu müssen , und dazu war ihm jedes Mittel gut . » Sie regen sich auf « , sprach er frostig . » Wollen Sie sich töten ? « » Nein , ich will leben , um mein Kind zu erziehen ... Ich will es lehren , rechtschaffen sein und wahr und stark ; ein Feind alles dessen , was glänzt und scheint und lügt ... Er soll ... « ihr keuchender Atem stockte . » Sagen Sie es doch kurz heraus « , rief Tessin mit bitterem Lächeln . » Er soll das Gegenteil von dem werden , wofür Sie mich halten ... Glück auf , Gräfin - möge die Erziehung gelingen . Nur rate ich Ihnen : seien Sie nicht zu rüde - manche Lektion schlägt deshalb nicht an , weil sie in gar zu schonungsloser Weise gegeben wurde . « Maria hatte ihr Haupt gesenkt , sah vor sich hin und nickte nur zerstreut zu seinen Worten . - » Er soll auch - « begann sie , » nie erfahren , daß Sie sein , sein - « es war ihr unmöglich , es auszusprechen . » Sie bleiben immer für ihn ein Fremder ! ... Das fordere ich , darüber werde ich wachen , dabei muß es bleiben , wenn ich nicht mehr da bin , ihn zu beschützen vor Ihrem Einfluß , Ihrem Beispiel ... Ein Fremder . Schwören Sie mir - - oder nein - versprechen Sie mir ... Aber nicht , wie euresgleichen einer Frau etwas verspricht , einer Frau , der gegenüber Ehrlosigkeit nicht entehrt ... Warum ? warum ? - Vielleicht weil sie euch nicht zur Rechenschaft ziehen kann . « Sie zitterte und bebte , und es schien , daß er eine gewisse Befriedigung empfand über ihre maßlose Aufregung . Er war die gelassene , kaltblütige Überlegenheit selbst , er war kräftig und gesund , seine Nerven waren von Stahl . » Gräfin « , sagte er in ermahnendem Tone , » Sie wollen etwas von mir und hören nicht auf , mich zu beleidigen . Ist das klug ? « Maria griff mit beiden Händen an ihre Stirn . » Unklug ! « jammerte sie , » ganz töricht und unklug ... Verzeihen Sie mir ... « Es klang schrill , wie ein der innersten Natur , dem widerstrebenden Willen mit übermächtiger Gewalt abgerungener Schrei : » Verzeihen Sie mir und erfüllen Sie meine Bitte . « Er tat , als wenn er sich besänne , und sagte nach einer Weile : » Es soll geschehen . « Maria fiel rasch ein : » Bei allem , was Ihnen - - aber was ist Ihnen heilig ? « setzte sie entmutigt hinzu . Jetzt wurde seine Miene ernst und überzeugt : » Die Erinnerung an die Stunde , die Sie aus Ihrem Leben tilgen möchten und die ich nicht tauschen würde gegen alle Erdengüter . Bei dieser Erinnerung verspreche ich ' s. « Er stand langsam auf . Ein wilder Wunsch , sie an sich zu reißen , sie noch einmal an seine Brust zu pressen , ergriff ihn . Da erhob sich auch Maria , und sie standen Aug in Auge . Später , als er alles , was er je angestrebt , errang , das Glück sich an seine Fersen heftete , Unternehmen und Gelingen für ihn eins geworden schien , gedachte er manchmal jenes seltsamen , stummen , kurzen Kampfes zwischen ihm und einer zarten , sterbenden Frau - in dem er unterlegen war . Sie hatte nach der Tür gewiesen , und er hatte sich bezähmt und Gehorsam geleistet . Maria blieb aufrecht ... sie mußte aufrecht bleiben . - Wenn sie sich jetzt verriete , sie sich selbst , welche Torheit wäre das ... Nein , sie tut es nicht , sie will nicht , sie ist stark . Die Tür öffnet sich wieder , Erich kommt hereingelaufen . » Mutter ! « ruft er , » der Herr ist schon fortgefahren . « » Ja - jawohl - - « Und jetzt spricht Lisette , die dem Kind gefolgt ist : » Merkwürdig , nein , wie merkwürdig ! ... Felix Tessin - den Namen kenn ich nicht , aber den Menschen ... Was hat der nur gewollt ? Ich möcht darauf schwören , daß es derselbe ist , der zuletzt beim armen Wolfi war . « » Es wird so sein - « stammelte Maria unverständlich - , » Bruder und Schwester durch ihn gemordet - « und sie stürzte leblos zusammen . Lange Zeit verging , bevor ihr Bewußtsein wiederkehrte . Im jähen Schrecken hatte Lisette an den Professor , an Wolfsberg , an Wilhelm telegraphieren lassen : » Gräfin erkrankt , gleich kommen . « Halb sinnlos raufte sie sich die Haare und hörte nicht auf zu schreien : » Sie ist tot , mein Kind ist tot ! « Bei dem ersten Zucken jedoch , das durch den Körper der Ohnmächtigen lief , bei dem ersten Aufschlagen ihrer Augen machte Lisettens Verzweiflung der unerschütterlichsten Zuversicht und Hoffnungsfreudigkeit Platz . Mit Mühe sprach Maria einige Worte : » Laß Wilhelm und Helmi kommen , gleich , hörst du ? - gleich ! « Eine erdrückende Angst schien auf ihr zu lasten : sie verlangte nach dem Kinde , und als man es ihr brachte , erkannte sie es nicht und hielt es für den kleinen Hermann . » Da bist du « , murmelte sie , » das war ein tiefer Schlaf ... Oh , wie habe ich mich nach meinem Erstgeborenen gesehnt ! « Es wurde Nacht ; die Kranke lag regungslos Ein Eiskübel war an ihr Bett gestellt worden ; Lisette und Klara erneuerten abwechselnd die Umschläge auf ihrer Stirn . » Sie sieht uns nicht , seien Sie sicher , Fräulein « , flüsterte das Kammermädchen . » O Gott , und ihre Augen ! - wie blaue Flammen mit Schleiern davor . « Auf dem Tische stand eine verdeckte Lampe ; der schwache Lichtkreis , den sie an die Decke warf , fesselte den Blick Marias . In dem bleichen Schimmer bildeten sich flutende Wellen , und ein weißer Schwan zog über sie hin , und in den Lüften erklang eine liebliche Musik . Die verstummte plötzlich ; ein Stern war vom Himmel gefallen , und der Stern war ein Weib , und entsetzliche Ungeheuer zerfleischten es ... Hunderte von Fratzen , Köpfe ohne Leiber schwebten heran , Augen ohne Köpfe , die vielen Augen , die sich in die ihren bohrten . Sie fürchtete sich nicht , sie fand das alles natürlich . Natürlich auch , daß sie auf ihrem Bette lag und zugleich dort oben stand in dem webenden Schein an der Seite Hermanns . Er deutete auf sie und sagte : Ich seh dein Herz , es blutet , und es hat einen schwarzen Fleck , einen kleinen , kleinen Fleck , der verfinstert die Welt . Draußen heulte der Sturm , umpfiff das Haus , schleuderte Regengüsse gegen die Scheiben der Fenster , rüttelte an den Angeln , warf sich gegen das Tor , das stöhnend Widerstand leistete . Lisette sprach : » Das verwünschte Wetter ! Es hält dich wach , mein armes Kind ! « » In Dornach ist es still « , versetzte Maria - und nach einer Pause : » Glaubst du ? - glaubst du es , liebe Alte ? « » Was soll ich glauben ? was wünschest du , das ich glauben soll ? « » Daß sie mich dort dulden werden in der Gruft ? « » Wie du nur sprichst ! « » Staub bei Staub , aber - wie wunderbar ... « Sie machte einen Versuch , sich zu wenden : » Der eine ist gekommen - « » Wer denn ? ich verstehe dich nicht . « » Du hast ihn doch selbst gebracht « , erwiderte sie leise mit einem Schatten von Ungeduld , » sein Vater schickt ihn , er soll mich nach Dornach führen ... meinem lieben Dornach - « sie lächelte glückselig , als sie den Namen nannte - , » zu meinem Hermann ... dahin , wo er jetzt ist ... Wir werden liegen , Hand in Hand , hinter den Steinen . Nicht ein Laut wird zu uns dringen , nicht eine Stimme ... nicht einmal die Stimme des Gewissens ... « » Sie phantasiert , und ich sage Ihnen , man muß um den Geistlichen schicken « , flüsterte Klara Lisetten zu . Von der wurde sie rauh angelassen . » Ja , just phantasieren wird sie ! das fällt ihr ein . - Sie spricht aus dem Schlaf , hat ' s von klein auf getan . « Maria versank in einen dumpfen Halbschlummer , aus dem sie von Zeit zu Zeit auffuhr , um nach Wilhelm und Helmi zu rufen . Gegen Morgen wurde sie ruhiger , und so fand sie der herbeigeholte Bezirksarzt . Als er hörte , daß Professor Hofer stündlich erwartet werde , äußerte er den Wunsch , mit dem berühmten Arzt zusammenzutreffen , und nahm sich vor , später wiederzukommen . Seine Meinung über den Zustand der Kranken behielt er für sich ; etwas zu verordnen , fand er überflüssig . Lisette triumphierte . Gab dieses Benehmen des Doktors ihr recht oder nicht ? Wäre er so fortgegangen , ohne sich auszusprechen , ohne nur ein Rezept aufzuschreiben , wenn er die geringste Besorgnis hätte ? Sehr gelegen kam ihr in dieser Stunde ein Antworttelegramm aus dem Hause des Professors , welches meldete , er sei für drei Tage verreist . So hatte sie noch Zeit , ihre Aufforderung zu widerrufen , und brauchte sich nicht wieder von ihm » die alte Furchtputzen « schelten zu lassen . Der Optimismus Lisettens besaß eine mitteilende Kraft . Im ganzen Schlosse herrschte Fröhlichkeit . Der Kastellan setzte die unterbrochenen Singlektionen seines Zeisigs wieder fort und werkelte ihm unermüdlich das Liedchen vor : » Wenn ich am Morgen früh aufsteh ... « Die Männer traten wieder fest auf , die Frauen schlugen lärmend die Türen zu ; alles kehrte ins alte Geleise zurück . Maria hatte sich auf das Ruhebett tragen und dieses an das Fenster rücken lassen . Sie war erschöpft und halb betäubt und glaubte immer den Wagen , der Wilhelm und Helmi brachte , hereinrollen zu hören . » Nimm doch Vernunft an « , ermahnte Lisette , » sie können noch nicht da sein , trotz der Relais , die der Verwalter geschickt hat ; außer es wäre ein Wunder geschehen , oder - sie hätten einen Extrazug genommen . « Eine dieser Möglichkeiten mußte eingetreten sein , denn gegen Abend waren die Ersehnten da , begleitet von Doktor Weise . Mit heiteren Mienen liefen ihnen die Diener entgegen und verkündeten , es gehe besser , es gehe gut . Lisette kam die Treppe herabgestürzt ; sie warf sich beinahe auf die Knie vor dem Ehepaar und umarmte