- wir wollen uns lieber recht von Herzen freuen , daß wir beisammen sind , Hedwig ... so recht ungestört beisammen sind - in Liebe und Eintracht ... eng aneinandergeschmiegt ... einherwandeln dürfen - daß wir zärtlich sein dürfen ... sehr zärtlich sogar , mein Lieb - und kein neidisches Männlein und kein neidisches Weiblein gelbgeärgert uns zuschauen kann - wir wollen lieber - - übrigens , Hedwig - hast Du denn noch gar keine Gewissensbisse - hm ? « » Gewissensbisse - ? « » Nun ja ! Wenn Dein armer Papa nun doch etwas merkte ! - nun doch Lunte röche , daß sein braves Töchterlein bei Nacht und Nebel auf und davon gegangen ist - - « » Aber Adam ! - « » Verzeih ' , mein Lieb ! Teuflisch , daß ich Dir damit komme - ich , der - - aber ach ! es ist mein Verhängniß , das zu martern und zu quälen , was ich liebe ! Und je mehr ich so ein menschliches Wesen liebe , desto mehr muß ich es peinigen . Schrecklich , aber wahr ? Diese schöne Eigenschaft haben mir alle Weiber - « » Weiber ! Adam ! - Weiber ! - « » Nun ja ! Weiber ! Oder beleidigt Dich das Wort - ? « » Es klingt so häßlich - « » Häßlich ? Finde ich nicht im Geringsten ! Mir klingt es sehr voll , dick , rund , massiv - zudem recht deutsch - « » Was wolltest Du vorhin sagen - ? « » Nun ja ! . also : meinen Hang , mich zeitweilig ein Wenig à la monsieur diable aufzuspielen , haben wir bis jetzt alle ... meinetwegen also ... wie Du willst : alle Damen , mit denen ich in den Läuften der Zeit enger ... intimer verkehrt habe , zum Vorwurf gemacht - und doch hat sich die ganze Gesellschaft mit der größten Bereitwilligkeit von mir ärgern lassen - ich sage Dir : Stunden- - Tage- - Wochenlang ärgern lassen - « » Du hast wohl schon viel Damenverkehr gehabt ? « » Aha ! Köstlich , Hedwig , daß Du Dir die Frage doch nicht verkneifen kannst ! Ich habe sie längst erwartet . Viel Damenverkehr ? Na ! Es geht immer noch . Soll ich ausführlicher sein ? Wenn es Dir daran liegt - von Herzen gern ! Die Sache macht mir selber Spaß ! Riesigen Spaß sogar - « Die beiden Nachtwandrer waren in den engeren Lichtkreis einer Laterne getreten . Adam prüfte den Gesichtsausdruck seiner Dame . Aber er konnte beim besten Willen die Wirkung seiner Worte auf Hedwigs Zügen nicht deutlich erkennen . Sie hielt den Kopf gebückt und einen knappen Winkel nach rechts gewandt . Diese Abkehrung mußte Adam für eine stumme Abweisung halten . So ärgerte ihn die Abweisung . Und der Aerger löste wiederum eine größere Fülle des Dranges in ihm aus - des teuflichen Dranges , vor seiner Herzallerliebsten einmal alle ... oder wenn nicht alle , so doch immerhin eine schwere Menge interessanter ... pikanter Trümpfe auszuspielen . Sein fahriges Vagantenleben ... diese überflüssige , gottlose Irrfahrt des Leibes und der Seele , hatte ihm sotane Trümpfe ja in verschwenderischem Reichthum zugeloost . » So still , Hedwig ? Woran knabbert denn wieder ' mal Dein kleiner Querkopf - ? « » Ach laß mich ! - « » Ueber diese Töne verfügst Du also auch , Kind ? Ich hätte sie bei Dir kaum gesucht . Wenn meine schöne Freundin , Frau Lydia Lange - diese Dame von Welt ... diese vornehme Frau ... dieses edle Weib - oder wenn ... wenn meine kleine Emmy also schmollt - dann - - « » Deine Emmy ? - Was ? - - « » Nun ja ! . Das ist nämlich ein wunderhübsches und dazu ein äußerst vorurtheilsloses Kind - ein Weltkind - ein Kind der Sünde - wie Du willst , Hedwig , - aber entzückend , sage ich Dir , entzückend - leider von Natur ebenso zur Untreue und Unbeständigkeit angelegt , wie ich - ich habe wirklich sehr pikante Stunden mit dem emancipirten Fräulein verlebt , kann ich Dir sagen - « » Aber Adam ! Nein ! Ich gehe keinen Schritt weiter mit Dir ! - Das sagst Du mir ? ! Waren denn alle Deine Worte vorhin Lügen - ? « » Lügen ? Warum Lügen ? Ich habe Dir doch soeben nur ein harmloses historisches Faktum mitgetheilt - daß auch ich so etwas wie eine Vergangenheit besitze - nun ! - ich habe mir schon erlaubt , Dir vorhin davon Andeutungen zu machen , dächte ich . Oder hast Du ' s überhört ? Das wäre schlimm - « » Die Vergangenheit scheint aber noch stark genug Gegenwart bei Dir zu sein ... « erwiderte Hedwig , sehr entrüstet und sehr erbittert , wie es schien . » Vergangenheit und Gegenwart lassen sich bekannntlich nicht haarscharf trennen von einander - ja ! im Grunde überhaupt nicht trennen - seien wir nicht so hagebüchen unlogisch , mein Lieb ! Alles Gewesene wirkt nach . Wie sollten wir sonst Rassenfeindschaften , Krebsgeschwüre , Knochenverkalkungen und allerlei seelische Blutvergiftungen erklären ? Wir schleppen die Bagnokugel unserer speziellen Vergangenheit Alle mit herum . Das Ding wächst sogar noch ... wächst mit jeder Stunde , jeder Minute ... Was ist denn Gegenwart schließlich Anderes , als aufgesummte Vergangenheit - ? « » Dann ist es ein Verbrechen , Adam , das ein Jeder von uns an sich und dem Andern begeht , wenn wir noch länger mit einander verkehren - « » Nimm doch die Sache nicht so tragisch , Hedwig ! Du kommst aus Deiner Sphäre - ich aus meiner . Die Lauflinien unseres Lebens haben sich gekreuzt ... haben sich für uns durch einen Zufall gekreuzt . An sich war es ja durch die Voraussetzungen - und die Vergangenheit ist auch in der Welt der neutralen Objekte immer Voraussetzung der Gegenwart - an sich war es also bedingt , daß wir uns begegneten . Gewisse Neigungen und Tendenzen zogen den Einen zum Andern hin . Es ist ja Alles nur nothdürftigste Anpassung in der Welt ! Und weil das so ist - nun , darum mußten wohl jene Neigungen und Tendenzen schon einmal vorher durch andere Erscheinungen , die ihnen einigermaßen Wurzelbedingungen boten , provocirt und ausgelöst werden . Ich nun für meine Person - - aber ich habe Dir ja schon gesagt , Hedwig , daß ich immer schöne Formen , merkwürdige Schicksale und eigenartige Charactere geliebt habe ... Ich konnte nicht anders - und ich werde nie anders können . Und wirklich - Du darfst es glauben , Hedwig - : meine kleine Emmy hat einen wundervollen Leib ... ist auch sonst nicht übel - nur eben viel geistiges , tieferes , verinnerlichtes Verständniß darf man nicht von ihr erwarten - das - - « » O Gott ! machst Du mich unglücklich , Adam ! Das kann Dir überhaupt nie verziehen werden . Wenn ich mich nicht so an Dich klammern müßte - - habe doch nur ein wenig Mitleid mit mir - ! « Hedwig schluchzte laut auf . Adam schüttelte ärgerlich den Kopf . Das Weib ist überreizt , sagte er sich . Es muß ' mal ordentlich befriedigt werden . Und doch schmeichelte es seiner Eitelkeit , daß er so leidenschaftlich geliebt ... so brennend begehrt wurde . Jene Doppelstimmung des abweisenden Aergers und des unwiderstehlichen Dranges , entgegenkommend , liebevoll , zärtlich zu sein , befiel ihn . » Wir wollen einen Strich durch unser Vergangenheitsconto machen , Hedwig - wenigstens für heute Abend respektive heute Nacht ... Ich werde mir alle Mühe geben , in Zunkunft nicht mehr an die schöne Frau Lydia zu denken ... und meine reizende Emmy soll auch den Laufpaß bekommen . Das kleine Ding hängt zwar sehr an mir . Aber ich hoffe , sie wird sich schon mit dem Prachtkerl von Bodenburg , meinem eminenten Freunde , trösten . Die beiden scheinen sich übrigens bereits gefunden zu haben . Verteufelt ! Wenn ich mir denke , daß dieser Bursche - dieser ... dieser - ich finde gar keine Worte vor Wuth ... ach ! sie konnte so lieb , so zärtlich sein - so ... na ! Schwamm drüber ! ... Hin ist hin - und nobel muß die Welt zu Grunde gehen ! Ich habe Dich ja jetzt , Hedwig - lassen wir also die schöne Sünderin schwimmen und halten wir ' s mit der Tugend ! ... Und weiter noch in die Vergangenheit zurück : die Soubrette ... die Chansonettensängerin ... die Choristin ... die zweite Liebhaberin - die kleine Katze war nur etwas zu eifersüchtig - Ida , die Kellnerin - Pauline , die Conservatoristin - Donnerwetter ! das Kind konnte verblüffend offen und geradezu sein ! - Auguste , die Kindergärtnerin - Helene , die Confektioneuse - die schwarzzöpfige Maxel , die so etwas wie eine Collegin von Emmy war - Ottilie , die pralle Jüdin mit den polirten Sammetaugen und dem Teint , der wie gekochtes Hühnerfleisch aussah - Toni , das fürwitzige , verliebte Töchterlein des Herrn Polizeicommissars - - mein Gott ! die Proskriptionsliste will gar kein Ende nehmen ... Wie viel vergeudete und verschwendete Zeit ! Wie viel verzettelte , verpuffte Kraft ! Wie viel zerquirlte Stimmung ! Wie viel überflüssig verlottertes Geld ! Und doch - : man hat wenigstens Etwas erlebt ! Etwas erlebt , von dem tausend andere Pomadenheilige keenen blauen Dunst haben ! War ' s auch im Grunde immer wieder dasselbe - : man hat seinen psychologischen Blick doch bedeutend geschärft - man hat die Weiber - verzeih ' , mein Lieb ! - einigermaßen kennen gelernt - man ist hinter unendlich viele Schliche und Coulissengeheimnisse des Lebens gekommen - summa summarum : ich bereue mein fahriges Zigeunerleben keineswegs . Ich habe manche unvergeßliche Stunde durchlebt .... manches volle , große , ganze Gefühl genossen - ich habe manchen brennenden Schmerz durchkosten müssen ... ich habe manche wahre Thräne fließen sehen ... und manche wohl auch selbst geweint - meine Erinnerungen werden einmal ... in späteren Tagen ... sie werden dann kaum nüchtern , kaum glanzlos und kalt sein - der Einkaufspreis , um den ich sie erstanden , thut mir nicht leid . Es trocknet übrigens nichts schneller auf der Welt , als so eine kleine , heiße , salzige Thräne . Und doch thut jede Trennung weh - man begegnet sich so selten noch einmal im Leben , wenn man ' s mit dem Auseinandergehen wirklich ernst genommen hat ... Und das ist auch sehr gut . Aber jede Trennung reißt doch zugleich ein Partikelchen Herz mit fort . Nun ! wir Mischlinge der Romantik und des modernen Realismus haben ja Vorrath in dieser Beziehung - wir leiden ja Alle an einem gewissen trop de coeur ... Oder würden wir uns sonst so furchtbar interessant vorkommen , wie es thatsächlich der Fall ist ? Würden wir sonst so eifrig an uns herumspintisiren und herumtüfteln , herumschnüffeln und uns von hinten und von vorn begucken und behorchen ? Wären wir sonst solche capitalen Narren und machten durch eine ewige Analysirungswuth aller Worte , die wir sprechen , aller Handlungen , die wir in Scene setzen - machten wir dadurch unsere Beziehungen zu einander ... unter einander ... zu den denkbar unerquicklichsten von der Welt - ? Ach ! Was sind wir doch für unsagbar dumme Kerls ! Indessen ! welche Wollust , so ein interessanter Narr sein zu dürfen ! Uebrigens , Hedwig - damit ich nicht allzu sehr in Deiner Achtung sinke - : ich habe nämlich auch mit sogenannten edlen Frauen verkehrt ! Diese edlen Frauen - nein ! das sind wirklich zu putzige Wesen ! Das Märchen von ihnen hat mich immer sehr amüsirt . Doch das ist ' n Capitel , das sich auch zu einem ganzen Buche ... einem corpulenten Foliobande erweitern ließe . Und der ganze Band würde schließlich nichts weiter enthalten , als einen einzigen ... allerdings sehr respektablen Beitrag zur Dummheit und psychischen Kurzsichtigkeit des Menschen . Merkwürdig ! Ich habe immer mehr Kraft , mehr Natur , mehr echte Wahrheitssucht und aufrichtige Lebensbezeugung - mehr naives , ungebrochenes Aussichherausleben in jenen Frauenkreisen gezwungen , die durch allerlei Verhältnisse ... persönliche Sonderbedingungen , äußere Einflüsse u.s.w. , dahin geführt waren , sich zu freieren Anschauungen , zu freieren Sitten und Gewohnheiten bekennen zu müssen . Das ist aber doch auch ganz natürlich . Je größer die Bewegungssphäre , desto größer damit der Spielraum der Kräfte . Nichts herrlicher , als eine Kraft , die sich tüchtig nach allen Seiten hin ausleben darf . Da liegt doch Musike drin , wie die braven Leute vom dritten , vierten und ... fünften Stande zu sagen pflegen . Aber da kommen andere Leute ... eine nicht minder üble Sippschaft ... brechen die Kraft ... und sind nun heidenfroh , daß sie sich einbilden können , sie hätten diese arme , schimpfirte Kraft in den Dienst der Anständigkeit und wie die Larifaritugenden dieser Hundeseelen sonst alle noch heißen mögen , gezwungen - und sie haben sie doch nur gemißbraucht und verstümmelt ... Unbeschnitten kommt ja Keiner durch ' s Leben . Aber man sollte uns doch nicht zu enge Zellen ... nicht zu enge Käfige anweisen . Indessen - schließen wir diesen Speech , mein Lieb ! Riechst Du nicht die Klaue des Weltverbesserers ? Du darfst stolz sein auf Deinen Herzallerliebsten , Kind ! Wenn ich erst ' mal den bewußten Punkt gefunden habe , hebe ich den ganzen Krimskrams von Kosmos ... ... das ganze Mehltöpschen ... die ganze Würmerschüssel von Weltall aus den Angeln . Verlaß Dich drauf ! Vorläufig allerdings wird nur mein Appetit auf eine gute Cigarre immer barbarischer . Wenn Du ein Nachtcafé absolut nicht goutiren kannst , gehen wir meinetwegen in eine Weinkneipe ! Laß ' mal sehen ! Es ist jetzt zehn Minuten nach Eins . Bis Zwei sind ja die meisten Lokale dieses Genres auf . Das nächste - ja - ! komm - ! Gehen wir zu Engler ! Man trinkt dort eine wenigstens einigermaßen annehmbare Marke Liebfrauenmilch . Damenbedienung mußt Du allerdings mit in den Kauf nehmen . Es scheint doch noch loszugehen heute Nacht . Eben blitzte es - hast Du gesehen ? Aha ! Der obligate Wind ! Nur nicht so eilig , ihr Herren und Damen da oben ! Bitte - rechts ! Und nun sei mir nicht böse , Hedwig ! Sei mein kleines , herziges , lustiges Weib ! Kommt Zeit , kommt Rath ! Vielleicht auch Heirath , wie der Kalauer tröstet . Und gieb mir noch einen Kuß , Kind - bitte - ! « Adam küßte sein Weib und drückte es fest an sich . Die edelsten , redlichsten Vorsätze , Absichten , Gewißheiten und Hoffnungen erfüllten zu dieser Frist seine Brust . - Es blitzte wieder . Nach einer kleinen Weile rollte ein schwacher Donner nach . Heftiger kam der Wind angeblasen . Die ersten Tropfen fielen . Die beiden Wandrer beschleunigten ihre Wanderung . » Und wenn der Wirth nun schon zu hat - ? « fragte Hedwig ängstlich . » Das wäre eine feudale Frechheit von dem Menschen - « diktirte Adam ärgerlich - » aber ich glaube nicht - - wir sind übrigens gleich da . Triumph ! Es ist noch Licht - dort ! kurz vor der nächsten Ecke die große , weiße Lichttraube - siehst Du : die Welt ist noch gar nicht so heruntergekommen , wie es oft den Anschein hat ! Auch mit den Objekten läßt sich noch reden ! Es wäre wahrhaftig fatal gewesen , nach einem Café zurückrennen zu müssen - denn von einem Droschkengaul ist natürlich wieder ' mal kein Ohrzipfel zu vernehmen . - « » Ach Gott ! Wenn das Wetter nur nicht zu arg würde - Papa wird schon längst aufgewacht sein und nach mir rufen . Adam - bitte , lieber Adam , bring ' mich wieder nach Hause ! Wenn Papa - ich habe ihn schon einmal - ich kann ihm nie wieder vor die Augen kommen - - o Gott ! es ist zu entsetzlich ! Mein armer , alter Vater - ! « » Ich verstehe Dich , Hedwig - « erwiderte Adam ernst - » aber - zur Umkehr ist es jetzt wirklich zu spät ! Du mußt Dich schon zu fassen suchen . Und weine doch nicht so - Du hast ja mich ! Vertraue mir doch ein Wenig , mein Lieb ! Man darf wirklich nicht zu sentimental sein im Leben ! Wir können das Neue so oft - so unendlich oft nur durch Aufopferung des Alten erkaufen - es ist nun einmal so - Du mußt Dich an den Gedanken gewöhnen , so herb und hart er auch sein mag - « Der Regen ging eben in den hergebrachten Gewitterrhythmus über , als die beiden das Lokal erreicht hatten . » Guten Abend , Herr Doctor - « begrüßte der Wirth , Herr Engler , sich höflich verneigend die Eintretenden - » das war aber die allerhöchste Zeit ! Noch ein paar Minuten später - und - - nicht wahr ? man sollte es gar nicht glauben : wir haben doch eigentlich noch gar keine besonders heißen Tage gehabt - und nun knallerts schon los - es scheint ' n ganz hübsches Gewitterchen werden zu wollen - « In hartem , scharfem Blauweiß prallte jetzt der Wiederschein eines Blitzes gegen die schwarzen Fensterscheiben . Aber im Innern des Raumes konnte er bei der runden Lichtfülle , die sich hier ausgab , nicht recht zur Geltung kommen . Ein dröhnender Donner rollte unmittelbar hinterher . » Mein Gott - ! « schrak die Kellnerin zusammen , die mit der Weinkarte zu Adam hingetreten war . » Das Hat eingeschlagen ! « versicherte Herr Engler sehr bestimmt . Er schien sich auf derartige Prophezeihungen zu verstehen . Adam wischte mit dem Taschentuche die Sternchenzeichnungen von seinen Kneifergläsern , die der Regen dort aufgemalt hatte . » Wo wollen Sie Platz nehmen , Herr Doctor - ? Vielleicht hier auf dem Sopha , mein Fräulein - ? « » Ja ! Bitte , Hedwig ! Uebrigens mein Lieblingsplatz - nicht wahr , Herr Engler ? Haben so manches Glas hier geschluckt ... in angenehmster Gesellschaft ... tempi passati ! Nun müssen wir halt vernünftig werden . - Aber schöne Stunden waren ' s doch - ! « Der Wirth schmunzelte . Er warf einen kurzen , scharfen Blick auf Hedwig . Und er sah sehr nachdenklich aus - als zählte er im Geiste alle die Damen zusammen , mit denen sein lieber Stammgast , der Herr Doctor Mensch , schon bei ihm eingekehrt war und hier in dieser traulichen Ecke gesessen ... getrunken ... geplaudert ... gekost ... und wohl auch einmal geküßt hatte . Aber diese Dame da - die sah doch gar nicht danach aus , daß sie - hm ! ... Nee ! so ' n blasses , ernstes , mageres Frauenzimmer - ohne Feuer und Leben - Herr Engler konnte sich keinen Vers darauf machen ... Der Herr Doctor halte doch sonst einen besseren Geschmack bewiesen ! Was ihm nur heute eingefallen war ? Ja ! Als er noch mit der Dame da drüben ... mit der Dame , die heute Abend am ander ' n Ende des Zimmers an dem runden Marmortischchen mit dem eleganten Herrn zusammensaß - - ja ! als der Herr Doctor Mensch noch mit diesem amusanten Dämchen verkehrte - die beiden schienen ja jetzt nichts mehr von einander wissen zu wollen - wie das nur gekommen war ? - - da - ja da - - aber Herr Engler hütete sich gar sehr , auch nur den kleinsten und harmlosesten seiner Ketzergedanken auszusprechen » Also eine Liebfrauenmilch - ! « bestellte Adam und sah sich im Lokale um . » Eine Liebfrauenmilch ! « bestellte die Kellnerin weiter an den Wirth , der darauf in ein Nebenzimmer verschwand . Adam drückte die Gläser seines Kneifers dicht an die Augen heran . Irrte er sich denn - oder ? Aber das war ja nicht möglich ! Das konnte ja nicht sein ! Der Herr da drüben - und die ... die Dame an seiner Seile - das waren doch nicht - waren doch nicht - - und jetzt sah der Herr zu ihm herüber - und nickte er ihm nicht zu ? Teufel ! Wahrhaftig ! Nein ! Aber doch ! Gütiger Heiland von Plundersweilen ! Das war wirklich Herr von Bodenburg - und die Dame an seiner Seite war - die Dame war wirklich Emmy ! Na ! Eine köstliche Bescheerung ! Vorzüglich ! Ganz vorzüglich ! ... Adam schnitt sein ernstestes Gesicht und grüßte wieder . Er fühlte , daß er Emmy seine sie ironisirende Verachtung zeigen müßte und sich zugleich vor Hedwig nicht verrathen dürfte . Hm ! das war aber so ' ne Sache mit dem sich nicht verrathen dürfen ! Warum denn nicht ? Und da kam auch schon sein Dämon angekrochen und kitzelte ihn . Er hatte seine kleine Braut heute Abend ja schon sattsam geärgert . Und mehr als geärgert : er hatte sie gepeinigt , gemartert , gequält - er hatte sie eigentlich scandalös behandelt . Das that ihm leid - gewiß ! Aber was sollte er jetzt mit ihr reden ? Sie hatten sich heute ja schon gegenseitig die längsten und tiefsten und ernsthaftesten Vorträge von der Welt gehalten ! Ein pikanter Nachtisch war kaum zu verachten . Und jetzt tuschelten die Beiden drüben so impertinent auffällig . Es ging gewiß über Hedwig her - man kritisirte gewiß die » neue Dame seines Herzens « ... diese Dame , die mit ihrem herben , verschlossenen Wesen , ihrer spröden Zurückhaltung , so gar nicht in diese Umgebung paßte ... in diese Umgebung , die nur gewohnt war , ein Helles , lustiges Lachen zu hören ... und blitzende Augen zu sehen ... und die köstliche Melancholie des verschwiegenen Minnespiels zu studiren , welches in immer wieder neuer Gestalt zu erfinden und zu bethätigen , das geheime Einverständniß zweier Liebenden so unermüdlich ist und so unübertrefflich ... Die Kellnerin brachte den Wein und schenkte ein . Ein paar gelbweiße Tropfen fielen auf die weiße Tischdecke . Das kleine Fräulein war ein Bissel unaufmerksam gewesen . Sie hatte nicht auf den Wein geachtet , sie hatte Hedwig inspizirt . Sie schien sich ein Urtheil bilden ... sich über Etwas klar werden zu wollen . Adam verspürte den Zusammenhang . Er mußte lächeln . Wie die Hunde , dachte er . Aber cosi fan tutte . Sie müssen sich erst beschnüffeln , beschnuppern - obgleich sie ganz genau wissen , welch ' Geistes Kinder sie sind ... Adam war unschlüssig . Sollte er einmal zu den beiden hinüber schlendern ... das Pikante der Situation noch um einige Grade steigern ... und dann mit größtem Gleichmuth das verführerische Gebräu hinabschlürfen ? ... » Wie heißen Sie , mein Fräulein ? « fragte er vorerst die Kellnerin . So thut man so oft etwas Ueberflüssiges , so lange man nicht weiß , ob man das weniger Ueberflüssige nicht für das noch mehr Ueberflüssige halten soll . » Melitta ! « antwortete die Dame . » Donnerwetter ! Melitta ! Die Kellnerinnen werden immer vornehmer , Sie gefallen mir übrigens , Melitta - wollen Sie nicht ' n Glas mittrinken ? - « Das Mädchen blickte fragend auf Hedwig , die sich zurückgelehnt hatte und finster , beinah drohend zu Adam hinübersah . Der fühlte sich sehr unbehaglich . Konnte denn die Dame nicht einmal aus sich herausgehen , nicht einmal in einen lustigeren , leichteren Ton miteinstimmen ? Das Leben etwas zwangloser , etwas kritikloser nehmen ? Immer dasselbe gleichsam festgefrorene Abweisungs- und Entsagungspathos - es wird etwas langweilig auf die Dauer . Jawohl ! Es kann sogar sehr langweilig werden . Wie ? Wenn er jetzt neben Emmy säße ... und sein leckeres Weiblein an diesem köstlichen Goldwein nippte und ihm dabei über den Rand des Glases hin zublinzelte mit seinen lustigen , lockenden Augen ... so verführerisch-verheißungsvoll zublinzelte - wie ? wäre daß nicht ein süßer , berauschender Genuß ... eine beseligende Traumstimmung ... ein solider Augenblick des Glücks , der Illusion ... zwischen Gliedern an der Lebenskette , die entwaffnet haben und entwaffnen werden , weil sie in nüchterner , durchschauender Erkenntniß beschlossen sind ? In Gesellschaft von Naturen à la Hedwig warf selbst der goldenste , göttlichste Wein keine bunten , sammtenen Lichter über das dumme , rohe , rauhbeinige Leben . Der Regen prasselte mit derselben trockenen Dreistigkeit immer noch nieder ... und mit den rothgelben Lüstreflammen des Saales coquettirten noch immer die weißblauen Blitze . Aber der Donner nahm sich schon mehr Zeit ... schien schon vorwiegend müde geworden zu sein . Er humpelte langsamer hinter den schießenden Flammen her ... und sein Poltern klang bedeutend gemüthlicher . » Na ! das scheint ja noch ' mal gnädig ablaufen zu wollen - « meinte Herr Engler und trat an den Tisch heran , hinter dem Adam und Hedwig saßen . Melitta entfernte sich , ernstlich gekränkt , wie es schien , einen bösen Blick auf Hedwig werfend . » Ja ! . « erwiederte Adam zerstreut ... und schwang sich dann zu der Frage auf : » Wie lange haben Sie noch auf , Herr Wirth ? « » Bis halb Drei ... Drei - so genau läßt sich das nicht nehmen . Je nachdem das Local besetzt ist . Wie Viele kommen nicht erst kurz vor Thoresschluß - ! « » Gewiß ! Na ! da dürfen wir ja noch ' ne Weile sitzen ! Wie spät haben wir ' s denn jetzt ? « » Es geht auf Zwei ! Nehmen Sie sich nur Zeit , Herr Doctor ! Noch ' n Stündchen - dann müssen wir aber Schicht machen - « » Bitte , Hedwig , trink doch ! Ich glaube , Du bist noch beim ersten Glase ! Nimm Dir an mir ein Beispiel ! Nicht wahr , Herr Wirth - bei einer Flasche Liebfrauenmilch habe ich es noch nie bewenden lassen - ? « » Ja ! Ja ! Es sind wohl meistenteils ... mehrere ... Flaschen geworden ... Aber da waren Sie auch - wie soll ich sagen ? - da gings flotter - lustiger her - da - « » Pst ! « drohte Adam , halb im Ernste , halb im Spaße . » Nix ausplaudern , mein Lieber - ! « » Du brauchst Dir gar keinen Zwang aufzulegen , Adam ! Du weißt doch - wir haben uns ja über diesen Punkt ausgesprochen - « warf Hedwig ein , Aerger und Verbitterung in der Stimme . » Sie sehen , Herr Engler : so ein Pantoffelheld ist man nun glücklich geworden ! Ja ! Die Liebe ! Die Liebe ! Die kriegt Alles fertig und krümmt selbst den trotzigsten Nacken - « scherzte Adam gezwungen ... » - aber ganz hast Du mich noch nicht gebändigt , liebe Hedwig - ganz noch nicht - « » Bitte , laß das ! - « Herr Engler entfernte sich . Er konnte den Doctor nicht begreifen . Wollte der ' s denn wirklich nur noch mit den Philistern halten ? Und der würdige Weinwirth glaubte Grund genug zu der Befürchtung zu besitzen , über kurz oder lang einen seiner besten Stammgäste zu verlieren - und das würde doch sehr fatal sein . Adam fühlte sich immer ungemüthlicher . Hedwig war so wortkarg ... starrte in Einem fort vor sich hin - und schien mehr an ihren verlassenen Vater zu denken , als an den Geliebten , der ihr zur Seite saß - eine lebendige , begehrende und gabenbereite Gegenwart ... der mit köstlichem Weine den Bund ihrer Herzen feiern wollte heute Nacht ... der die Stimmung für orgiastisches Draufgehn wachsen und wachsen spürte in sich ... wachsen mit dem genossenen Weine und der vorenthaltenen Genugthuung des Leibes , die immer heißer und brünstiger um ihr Recht warb ... Adam verbiß sich rein in seinen Aerger über Hedwigs Sprödigkeit . Er trank immer hastiger , wurde immer nervöser , suchte die Müdigkeit , die manchmal mit eingeriemter Schlinge an seinen Gelenken zerrte , durch krampfhafte seelische Sprünge und Erschütterungen zu verscheuchen . Nun schnappte ein leichter , discreter Rausch nach ihm : verhangene Fernsichten schlossen sich auf ... und tagsüber verschüttet gebliebene Gedanken , Stimmungen , Erinnerungen kamen zu ihm , flink , geschwind , behend wie Eidechsen , aus Rissen und Spaltungen , darin sie geschlummert hatten ... Adam fühlte den Blick Emmys anhaltend auf sich . Er konnte nicht widerstehen . Das Ungewöhnliche der Situation reizte ihn zu sehr . » Verzeih , Hedwig ! Ich muß erst ' mal zu meiner Emmy hinüber - « entschuldigte er sich leise , verlegenhastig , und erhob sich . Zu seiner Emmy ? Hedwig fuhr zusammen und schaute Adam nach , wie er , ein klein Wenig unsicher , durch das Zimmer schritt und an den Tisch trat , an welchem , ihnen gegenüber , allerdings in beträchtlicher Entfernung , ein Herr und eine Dame saßen . Sie hatte die beiden Menschen dort bisher kaum beachtet . Und nun entpuppte sich die Dame als » seine Emmy « ! Nein ! das war zu viel ! Am Liebsten wäre sie aufgesprungen und zum Lokale hinausgeflohen . Unwillkürlich horchte sie darauf , ob der Regen nachgelassen . Es schien so . Aber die Dachrinnen plätscherten das Wasser immer noch mit heftigem Affekt auf das Pflaster ... es tropfte und quirlte noch allenthalben . Und jetzt blitzte es auch noch ,