und betraten nun wieder den Saal . Hier setzte Fanny sich auf einen Diwan zwischen zwei Thüren , um , wenn auch nicht ungesehen , so doch ungehört ihr Gespräch mit Joachim fortzuführen . Joachim blieb vor ihr stehen . » Also , wohin ? « » Lanzenau hat mir die Administration der Itzelburgischen Güter verschaffen wollen . Er gab mir heute einen bezüglichen Antrag der Vormundschaft . Zum Schein ging ich auf die Offerte ein , da vierzehntägige Frist zum Entscheid vorbehalten ist . Ich könnte hinreisen , an Ort und Stelle alles einzusehen . Es wäre unter anderen Umständen ja wie der Gewinn des großen Loses gewesen , eine glänzende Existenzsicherung auf zehn Jahre . « » Lanzenau war ja sehr besorgt , Dich von mir zu entfernen , « sagte Fanny traurig . » Reise - das wird ihm zunächst als Dank für seine Bemühungen wohlthun . Und dann kehre nach Mittelbach zurück , wenn auch wir dort eintreffen , also in fünf oder sechs Tagen . Aber ich werde zu jedermann davon sprechen ; Du bist ja im Besitz dieser Stellung eine großartige Partie für die jungen Damen . « Sie lachte . Aber er hatte das Gefühl , daß es ihr unbewußt doch lieb sei , ihn dergestalt als einen Mann hinstellen zu können , der auch ohne ihren Reichtum einer Frau wie Fanny eine würdige und auskömmliche Lebensstellung zu schaffen vermöge . Ein feines Rot stieg langsam in sein Gesicht . » Wie Du meinst ! « sprach er leise . » Morgen früh kannst Du reisen . Heute bist Du noch mein , « flüsterte sie und sah ihn mit tief verheißendem Blick an . » Fanny ! « Hier erscholl die Musik zu einem neuen Tanz , und von allen Seiten kehrten die Herren und Damen in den fast leer gewesenen Saal zurück . Mit ihrem Alleinsein inmitten der Menge war es aus . Noch bevor man auseinander ging , wurde Lanzenau von mehreren Seiten darauf angeredet , daß dem jungen Herebrecht die vielumworbene Administratorenstellung angeboten sei . Er hörte auch Fanny darüber sprechen , ruhig und voll freundlicher Anteilnahme an den Aussichten des jungen Mannes . So hatte seine Mahnung doch genützt ? Hatte Joachim doch gesprochen ? Und Fanny war so ruhig ? War denn alles , was Lanzenau beobachtet zu haben glaubte , eine Täuschung gewesen ? Jedenfalls konnte er wieder Hoffnung fassen und sah sich durch nichts gezwungen , sein Wort gegen Joachim zu brechen . Joachim reiste ab , um die Gesellschaft erst in Mittelbach wieder zu treffen ; Fanny war auch in seiner Abwesenheit ungemein heiter , doch konnte Lanzenau nicht verkennen , daß sie jedem längeren Gespräch mit ihm auswich . Auch beobachtete er , daß sie mit besonderer Ungeduld den täglichen Postboten erwartete , und sich aus der Halle mit einer leisen Enttäuschung , die sie jedoch zu verhehlen bestrebt war , aus dem Kreise der anderen Briefempfänger zurückzog ; für sie war kein Brief gekommen . Joachim schrieb nicht . Aber das war natürlich : Fanny getröstete sich dessen , indem sie sich sagte , daß sie keine Korrespondenz verabredet hatten . Endlich - am letzten Tag ! Ihre zitternden Finger erbrachen den Brief . Lanzenau beobachtete sie , es war ihr alles einerlei . Sie lehnte an einer der Karyatiden , welche den Sims des riesigen Kamins in der Halle trugen . Was war das - schrieb so Joachim ? In ihren Ohren brauste es . Kein Wort von Liebe , von Sehnsucht ? Fremd alles , wie der erste Brief , den sie empfing , ehe sie ihn kannte ? » Was schreibt Herebrecht ? « fragte Lanzenau etwas heiser neben ihr . Sie reichte ihm den Brief . Lanzenau las zu seiner tiefinnersten Befriedigung : » Hochzuverehrende , gnädige Frau ! Das Reisen , allein , durch eine tauschmutzige norddeutsche Gegend , ist nicht inspirirend genug , um einen zur Berichterstattung anzufeuern . Meine Stimmung war melancholisch genug , als ich so , zwischen wildfremde , nach Pelz und Feuchtigkeit riechende Menschen eingepfercht , im Eisenbahnwagen saß . Die Lendemain-Stimmung nach dem unvergeßlichen Ball , werden Sie sagen . Mag sein , der Kontrast war gar groß . Ueber das , was ich in Itzelburg vorgefunden , berichte ich Ihnen und dem Herrn Baron von Lanzenau besser mündlich . Alles stellt sich sehr verlockend dar . Ich wollte nur heute pflichtschuldigst melden , daß ich am bestimmten Tag zurückkehre und es höchst wahrscheinlich so einrichten werde , Sie und die ganze Gesellschaft , die mit Ihnen fährt , unterwegs zu treffen . Auf Wiedersehen ! Ihr treuergebener J. von Herebrecht . « Während Lanzenau las , fand Fanny ihr Lächeln und ihre Glücksstimmung wieder . » Er hat die Nachfrage Lanzenaus vorausgesehen , « dachte sie , » und deshalb so fremd geschrieben . Das war sehr klug . « Ihre gläubige Seele ahnte nicht , daß Joachim hundertmal versucht hatte , » geliebte Fanny « zu schreiben , daß aber die Buchstaben ihn wie Gespenster , wie Lügen , wie etwas , das nicht von ihm kam , anstarrten und daß er endlich , trotzdem vom rasenden Wunsch erfüllt , zu ihr zu sprechen , in der kühlen Form der Verehrung einige banale Redensarten aufs Papier geworfen . Und weiter irrte ihr Herz sich , wenn es freudig über seine Verheißung schlug , sie unterwegs zu treffen . » Er will zugleich mit mir wieder in mein Haus einziehen , « dachte sie . Joachim aber bebte davor zurück , Severina allein wiederzusehen . Deshalb wollte er mit allen anderen ankommen . Dreizehntes Kapitel Die beiden Frauen auf Mittelbach verlebten unterdes keine freudigen Tage . Beide verschlossen , beide wenig gesprächsbedürftig , wie sie waren , befanden sie sich in einer gewissen Verlegenheit einander gegenüber . Ihr Verkehr war bisher der freundlichste und friedfertigste gewesen , aber ihm hatte die Gelegenheit so zur Vertraulichkeit wie zur Reibung gefehlt . Severina hatte immer einen bescheidenen , entgegenkommenden Ton gegenüber Adrienne , denn diese war ihr beinahe als Arnolds , des älteren Bruders Joachims Frau , eine Respektsperson . Adrienne war dem jungen Mädchen dankbar für all die Mühe und Liebe , die sie an das Kind verwandte ; im übrigen fiel es ihr nicht entfernt ein , in Severina mehr zu sehen als einen Schützling von Fannys , nach so vielen Seiten hin wirkender Großmut . Das fühlte Severina wohl heraus und ihre herbe Seele verschmähte es , sich in dieser Zeit des Alleinseins Adriennen ins Herz zu schmeicheln , gerade weil sie ihr künftig verwandtschaftlich nahe zu treten hoffte . So gingen sie denn still neben einander her . Höchstens beschäftigte Adrienne sich einmal so weit mit dem Mädchen , daß sie sie gegen die Pastorin in Schutz nahm . Diese benützte Fannys Abwesenheit , um Severina wieder mehr zur Lektüre frommer Bücher anzuhalten , sie mit tausend kleinen Quälereien in ruhelose Bewegung zu bringen . Und Severina , durch jahrelanges Geduldüben längst gewohnt , mit stoischer Ruhe zuzuhören , Severina ertrug jetzt das Wesen ihrer Pflegemutter nicht . Ihr Herz zitterte , ihre Nächte waren schlaflos vor Sorge um ihn . Daneben war ihr all der Kleinkram des Lebens unerträglich . Wenn die Pastorin so bei ihnen saß und endlose Beispiele erzählte von üblen Folgen , die Mangel an Demut , die Eitelkeit und Vergnügungssucht bei irgend welcher Trine oder Lise aus dem Pfarrsprengel gehabt , dann quoll in Severinas Herzen eine Ungeduld auf , ein Zorn , eine Raserei beinahe , daß sie sich hätte mit einem Schrei auf die monoton redende Frau werfen können , um ihr den Mund zuzuhalten . Wenn sie , die Verwaiste , die Einsame doch ein Herz gehabt hätte , sich wild daran auszuweinen . Und die Eine , die Gute , die ihrer darbenden Seele bisher das Brot der Güte und Teilnahme gereicht , die Eine war vielleicht gerade im Begriff , ihr , der Armen , das einzige Gut zu stehlen . Unbewußt zu stehlen - ganz gewiß , unbewußt . Wenn Fanny hier wäre ! Ohne Besinnen hätte Severina zu ihren Füßen gefleht , ihr den Geliebten nicht zu rauben . Und Fanny war nicht die Frau einem armen Mädchen weh zu thun . Was konnte ihr denn Joachim mehr sein als der Gegenstand flüchtigen Wohlwollens ! Und dann kam Joachims Brief . Severina erhielt ihn vom Kutscher des Schlittens zugesteckt . Er solle ihn heimlich abliefern , sagte der Mann , der auch von Fanny den mündlichen Bescheid der veränderten Dispositionen mitbrachte . Sie trug ihn zwei Stunden in ihrer Kleidertasche umher , ehe sie die Einsamkeit fand , ihn zu lesen , die Einsamkeit ihrer Schlafstube . Sie las . Sie verstand nicht . Ihr ganzes Wesen war wie gelähmt . So lag sie eine lange , furchtbare Nacht unbeweglich , mit starren Augen ins Dunkle schauend , nicht im stande , etwas zu denken . Sie wußte nur , daß sie nicht ohne ihn leben könne . Als sie am andern Morgen zum Vorschein kam , erschrak das ganze Haus . Severina hatte verzerrte Züge . » Ich habe Kopfweh , « sagte sie . » Ich will spazieren gehen . « Sie lief einige Stunden im Freien umher . Ihr Weg führte sie an der Hütte einer alten Taglöhnerfrau vorbei , die seit Jahren gelähmt war und von Fanny und der Pfarre aus unterhalten wurde . Sie hatte die Frau oft besucht und mit ihrem Leiden Mitleid gefühlt . Nun überkam sie eine seltsame Neugier , wie sich ihre eigene Not mit dem Elend der Alten messen lasse . Die lag in ihrem sauberen Bett , im sauberen Stübchen , las in der Bibel und trank daneben einen kräftigen Haferschleim , den man ihr schon heute aus der Herrenküche geschickt . Die äußerste Zufriedenheit leuchtete von dem guten Gesicht der Alten . » Wie geht es , Mutter Holten ? « » Gut , Frölein ; immer so gut , wie unser Herrgott es irgend einrichten kann . Wie lieg ' ich hier , bei dem tauigen Wetter , so warm und trocken und satt , und manch einer läuft mit bloßen Füßen auf der Landstraße umher . « » Habt Ihr denn keine Schmerzen ? « fragte das Mädchen . » O ja . Aber das Reißen am Leibe hält man geduldig aus , wenn das Herz man seinen stillen Frieden hat , « sagte die Alte mit beschaulicher Ruhe im Faltengesicht . Wenn nur das Herz seinen stillen Frieden hat ! Am Bett der Alten niederknieend , legte Severina ihr Gesicht in das rotweiß gewürfelte Federbett . Eine seltsame Neidempfindung zog durch ihr Herz . Sie hätte lieber auch da liegen mögen , gelähmt , alt , arm , aber hinausgehoben über jeden heißen Wunsch . Hinter ihr öffnete sich die Thür - der Pastor kam , um der Alten seinen täglichen Besuch zu machen . Befremdet sah er seine Pflegetochter hier in einer Stellung , die auf den ersten Blick eine vollkommene Fassungslosigkeit verriet . » Severina , « rief er mit sanfter Mißbilligung . Sie sprang empor und warf sich an seine Brust . Da war doch noch eine treue , stille , liebevolle Seele , die allezeit Mitleid mit ihr gehabt . An dieser Brust war sie nicht bloß geduldet , hielt sie kein heißer Irrtum fest , da war ihr die Heimat . Aufschluchzend klammerte sie sich dort an . » Was ist Dir , mein Kind ? Mutter Holten , was ist vorgefallen ? « fragte der Pastor erschreckt . » Ich weiß nicht , « sprach die Alte , nicht minder erstaunt , das Fräulein so fassungslos zu sehen , in deren Gesicht sie sonst nur eine gleichsam widerwillige Freundlichkeit oder mürrische Verschlossenheit gekannt . » Nun , Severina - welchem Vorkommnis gelten Deine Thränen ? Hat etwa die Mutter ... « Severina richtete sich auf und strich die Haare aus dem heißen roten Gesicht . » Nein , « sagte sie hastig , mit scheu abschweifendem Blick , » nein . Es ist nichts . Zuweilen überkommt es mich , daß ich nirgendwo in der Welt ein Recht zum Dasein habe und daß ich eines Tages auch die Heimat verlieren kann , die eure Güte mir gewährt . Und in solchen Stimmungen denke ich , daß Mutter Holten es besser hat als ich . Das Dach über ihrem Haupte ist ihr eigen , und ihr körperliches Elend klopft so laut an die Herzen der Mitmenschen , daß diese ihr nie Trost und Linderung vorenthalten werden . Das sind die heilbaren Schmerzen , die jeder sieht ! « Der Pastor sah ihr tief in die Augen , indem er mit seiner Hand unter ihr Kinn griff . » Alle Schmerzen sind heilbar , meine Tochter , außer denen , welche den Nachwirkungen begangener Sünden entspringen , und davor bewahre Dich Gott ! « sagte er ernst . » Grundlosen Trauerstimmungen sich hinzugeben , ist eine Schwäche , in die nur ein nicht gesundes Herz verfällt . Woran krankt das Deine ? « Severina faßte sich mit Gewalt . » An Undankbarkeit , « sprach sie mit einem Versuch zu lächeln , » denn ich konnte vergessen , daß Deine Liebe mein armes Dasein immer gütig ertragen hat . « Der Pastor drückte ihr die Hand . Er faßte diese Aeußerung als eine Hindeutung auf , daß Severinas » armes Dasein « von der Pastorin bekanntlich nie » gütig ertragen « werde und es war ihm zweifellos , daß seine Frau die Pflegetochter wieder durch irgend eine Bemerkung schwer gedemütigt habe . Natürlich war dann die Sache zu heikel , um dem Grund von Severinas Erregung näher nachzuforschen . Er begnügte sich mit einigen allgemeinen Beruhigungsworten . Severina fühlte sein Mißverständnis heraus . Damit ward es ihrem Bewußtsein wieder lebendig , daß es eine Schranke zwischen ihr und dem guten alten Mann gab , die sie verhinderte , ihr gequältes Herz durch Vertrauen zu erleichtern . Sie konnte ihn nicht zum Mitwisser einer Sorge machen , von der die Pastorin keine Ahnung haben durfte . Alle ihre Erregung erstarrte in plötzlichem Trotz gegen Gott und die Menschheit . Sie warf den Kopf zurück und ging hinaus , ohne selbst der Alten noch einmal zuzunicken . Der Pastor seufzte . Ja , dieser jungen Seele war nicht zu helfen . Die Saat der Milde und Geduld , die er immer darin auszustreuen bemüht gewesen , konnte nicht aufgehen , wie ein scharfkantiger Pflug ackerte die Zunge der Pastorin das neubesäte Feld immer wieder um . Severina aber ging ins Schloß zurück , von einem mechanischen Gedanken beherrscht , dessen selbstverachtende Bitterkeit ihre Lippen fast wie im Spotte hob und allen ihren Zügen einen in diesem Gedanken erstarrten Ausdruck gab . » Was liegt an mir ? Ich bin zum Elend geboren , « dachte sie . Daß es vielleicht in ihrer Macht sei , durch liebevolle Worte , durch einen beredten Brief , in den sie ihre ganze Gefühlsgewalt hineinlegen könne , mahnend vor Joachim hinzutreten , fiel ihr gar nicht ein . Ihre Betäubung war so groß , daß sie sich nicht einmal wehrte . Ihr einziger Wunsch war , daß man sie ungestört lassen möge . Aber das schien ihr wenigstens heute nicht beschieden . Kaum betrat sie die Schwelle , als Adrienne aus der nächsten Zimmerthür ihr entgegenstürzte . » O , wie habe ich auf Sie gewartet ! Bitte - der Kleine ist krank - es scheint so - ich bin außer mir . Aber vielleicht täuscht es mich . Sie kennen das . « Severina fühlte zwei heiße , weiche Hände ihre eisige Rechte umklammern . Sekundenlang ging ihr ein befriedigendes Gefühl lösend durch das Herz . Das Kind krank ? Joachims Abgott ? Da war es ja , das große Unglück , das diesen dumpfen Zustand der Angst zerriß wie ein Blitzstrahl die Nacht . Willkommen , Krankheit und Tod ! - Dann durchzuckte sie jähe Angst um das Kind . Die auflodernde Grausamkeit erlosch vor dem Schreckgedanken einer Gefahr für seinen Liebling . » Wir wollen sehen , « sagte sie heiser . Unten im Wohnzimmer saß die Kindsmagd und hatte den Kleinen auf dem Schoß . Schon kniete die vorauf geeilte junge Mutter wieder vor ihm und sah ihm bang in die Augen . Diese waren groß und glasig , während die Bäckchen purpurn glühten . Das Kind lag ganz teilnahmslos und atmete kurz . Während Severina über ihm gebeugt stand und es mit scharfen Augen betrachtete , fing es an , den Kopf hin und her zu drehen , die Hände zu ballen , die Beinchen kurz zusammenzuziehen . » Das Kind hat Krämpfe , « sagte Severina kurz . Adrienne schrie auf . » Zahnkrämpfe , « setzte die alte Magd hinzu , » da hilft nichts gegen als Sympathie . Vielleicht ist im Dorf jemand , der besprechen kann . « » Unsinn , « sprach Severina finster , » Zahnkrämpfe gibt es nicht . Dies ist eine Kinderkrankheit wie andere auch . Wir wollen das Kind nach oben tragen . Holen Sie Schnee herein ; es muß kalte Umschläge auf den Kopf bekommen . « » Sollen wir die Pastorin nicht holen ? « fragte Adrienne bang . » Nein , nur die nicht , « sagte Severina hart . » Sie wird Ihnen vorrechnen , daß Sie kürzlich irgendwelche Sünde begangen haben müßten und daß dies die Strafe dafür sei . Sie wird auch die kalten Kompressen für ein unerlaubtes Eingreifen in das Strafgericht Gottes halten . « Adrienne folgte zitternd , mit gesenktem Haupte dem Mädchen , welches auf starken Armen vorsichtig das zuckende Kind trug . Und nach dem hastigen Hinundher der ersten Hilfsmaßnahmen , nachdem ein Knecht mit dem Jagdwagen zum Arzt gefahren war und ein Kübel mit Eisstücken und Schneewasser neben dem Kinderbett stand , saßen die beiden Frauen in totenhaftem Schweigen neben dem kleinen Kranken . Severina brütete darüber , wie das Wiedersehen mit Joachim sein werde , wenn das Kind da in seiner stummen Qual vorher stirbt , und ob sein Herz dann lernen werde , wie schmerzlich es sei , zu verlieren , was man liebt . Adrienne aber sah unverwandt auf ihr Kind . Der Anfall war vorüber , die sonst so weichen Züge des Kleinen trugen in scharfen Linien die Spuren der Erschütterung und machten es ganz alt . So hatte es eine merkwürdige Aehnlichkeit mit seinem Vater , und diese Aehnlichkeit steigerte die Angstgefühle im Herzen des jungen Weibes . Wenn nur jemand da wäre , der aus tiefster Seele mit ihr sorgte , mit ihr bangte ! Ach - so ganz , so mit allen Fibern konnte das nur einer , der Eine , der fern , weltfern war . Aber doch mußte es eine Wohlthat sein , Fannys kluges Auge mit an dem Bette wachen zu sehen , in Joachims Gesicht die große Sorge um den von ihm so geliebten Knaben zu lesen . Das Mädchen da an der andern Seite des Lagers saß wie ein Bild von Stein ; auf ihren erstarrten Zügen war nichts zu lesen , weder Sorge noch Mitleid . Eingeschüchtert , Adrienne wußte selbst nicht wodurch , wagte sie lange nicht , die Bitte an Severina zu richten : » Schreibe an Fanny . « Als sie es endlich doch gethan , erhob das Mädchen sich augenblicklich und ging in das Wohnzimmer nebenan . Hier saß sie lange über einem Briefbogen brütend , die Feder verkehrt in der Hand . Fanny rufen , das hieß Joachim rufen , die tödlichste Entscheidung herbeirufen . Sie stand wieder auf , ging lange hin und her und sagte zuletzt , mit dem Auge scheu Adrienne vermeidend : » Der Kleine wird gewiß morgen besser sein . Was sollen wir Fanny die Ferien stören , die sie sich so selten gönnt ? « Die junge Frau atmete auf . Ja , wenn Severina glaubte , daß er morgen besser sei ... sie konnte es beurteilen , sie war seit früher Jugend mit der Krankenpflege vertraut . In der That kehrten die Anfälle nicht wieder . Der Arzt kam und zeigte sich ganz unbesorgt und mit den von Severina getroffenen Maßregeln einverstanden . Den ganzen folgenden und die nächsten beiden Tage schien es , als sei jede Angst thörichte Uebertreibung . Daß der Kleine nicht aß und so schnell abmagerte , wie nur so kleine Kinder pflegen , war wohl die natürlichste Folge der überstandenen Leiden . Zuweilen ward Adrienne von jäher Unruhe ergriffen . » Wir wollen es doch Fanny schreiben , « meinte sie dann . Aber Severina wußte es ihr immer auszureden und endlich konnte man schon Tag und Stunde von Fannys Wiederkehr ausrechnen , da , so meinte selbst der Pastor , da wäre es ja doppelt alarmirend für Fanny gewesen , wenn man sie kurz vor ihrer ohnehin erfolgenden Heimkehr beriefe . Während man sich im Hause rüstete für die zahlreichen Gäste , die nun folgenden Tags mit der Herrin einziehen sollten , wachte Adrienne , blaß und hohläugig , am Bett ihres Knaben , der an diesem Nachmittag einen schwachen erneuten Krampfanfall bestanden hatte . Alle mit Gewalt zurückgedrängte Angst kehrte , bis zu wahnsinniger Unruhe gesteigert , in ihr Herz zurück . Und niemand war bei ihr , diese Not zu teilen . Selbst Severina ging im Hause unermüdlich treppauf , treppab , mechanisch ihr Teil Pflichten an den Festvorbereitungen erledigend . Welch eine Vorstellung - morgen sollten alle Räume dieses Hauses von frohem Lärm widerhallen und hier rang ihr Kind zwischen Leben und Tod ? Nein , das konnte Fannys Wille nicht sein . Und plötzlich erschien es Adrienne , als seien Severinas Weigerungen , zu schreiben , geflissentlich und von geheimen Gründen bestimmt gewesen . Eine ungeheure Aufregung bemächtigte sich ihrer , und in derselben wurde sie plötzlich wie hellsehend - von jener Art Hellseherei , welche wohl die Wahrheit , aber diese in falscher Beleuchtung sieht . Severina liebte Joachim , und sie wollte nicht , daß er kommen solle , um seinen Liebling sterben zu sehen , um an seinem Lager mit zu leiden - für Männer ist ein jäher Schlag immer erträglicher als langsames Hinquälen . So war es . Wie eine Irre entfloh das junge Weib dem Zimmer und ließ das Kind allein . Sie lief zum Hause hinaus und über den abenddunklen Hof in die Ställe . Dort beschwor sie den Kutscher , noch heute , jetzt in dieser Minute einen Reitknecht nach der Taißburg zu schicken . - Das ginge nicht , der würde erst um zehn Uhr ankommen . - Nun , so möge er dort nächtigen . Nein , es ginge durchaus nicht , denn morgen früh um fünf müßten die Wagen hinüber , um die Frau und ihr Gepäck zu holen . » So schicken Sie die Schlitten jetzt fort . Dann kann Frau Förster am frühen Morgen hier sein , sonst wird es Nachmittag . Und sagen Sie , daß mein Sohn so krank sei - so krank , daß er sterben könne . « Der Kutscher versprach , daß er thun wolle , was möglich sei , bloß um die junge Frau zu beruhigen , denn für ihn war es oder schien es doch unmöglich , die Pferde noch anzuspannen , die heute schon Stroh nach der nächsten Garnisonstadt gefahren hatten . Adrienne kehrte etwas gefaßter in ihre Zimmer zurück . Wann auch immer Fanny kam , Gäste würde sie nun keine mitbringen . Als sie wieder an das Bett trat , lag der Kleine in heftigen Zuckungen . Ihr Schreckensschrei gellte durch das Haus . Severina und die Dienstboten kamen herzugelaufen . Alles umstand in schweigender Sorge das Bett , vor dem die Mutter auf den Knieen lag . Adrienne winkte heftig - sie wollte allein bleiben . Sie wußte , daß ihres Kindes letzte Lebensstunden begonnen hatten . Man ließ ihr den Willen und entfernte sich , der Diener lief von selbst zum Pastor , Severina blieb im Wohnzimmer sitzen . Eine bange Viertelstunde verstrich . Der Pastor und seine Frau traten ein . Der alte Mann streichelte mit seiner weichen Hand Adriennens Haar und sagte nichts ; sie legte ihr Haupt an ihn , als sei sie müde , und verharrte knieend . Die Pastorin setzte sich an das Bett , nahm ihre Brille hervor und schlug das Gesangbuch auf , das sie aus der Tasche zog . Mit ihrer harten , lauten Stimme begann sie zu lesen : » So komm , geliebte Todesstund ' , Komm , Ausgang meiner Leiden ! Ich seufze recht von Herzensgrund Nach jenen Himmelsfreuden . So komm , o Tod , nur bald heran , Ich warte mit Verlangen , Im weißen Kleide angethan , Vor Gottes Thron zu prangen . « Adrienne stand langsam auf . Ihre starren Augen waren mit einem Blick des Grauens auf die gleichmütig lesende Frau gerichtet . Sie hob die Hand gegen die Thür mit deutender Geberde . » Ich - ich will das - nicht hören , « lallte sie . Die Pastorin sah mit fassungslosem Entsetzen auf die junge Frau . Nach einer Weile sagte sie bestimmt : » Wenn Sie sich der tröstlichen Spendung des Wortes unseres Herrn - Herrn entziehen wollen , ist es meine Pflicht , sie Ihnen aufzudrängen . « Und ohne weiteres fuhr sie fort : » Herr Jesu , deine Liebe macht ... « » Hinaus ! « schrie Adrienne auf , » ich will allein mit der sterbenden Seele meines Kindes sein ! « » Herr , mein Gott , « betete die Pastorin mit gefaltet erhobenen Händen , » höre nicht auf dieses irrenden Schäfleins Wahngeschrei ! « Da geschah etwas ganz Unerwartetes . Der Pastor nahm seine Frau beim Arm und sagte halblaut : » Du siehst , es ist nicht allen Herzen willkommen , Dich als Dolmetsch bei dem Höchsten zu haben . Mitfühlen ist hier mehr als vorbeten . « Sie sah ihn an - beinahe wild , jedenfalls so empört , daß es ihr an Fassung gebrach , ihren Platz zu behaupten . » Herr , « murmelte sie endlich , » mache nicht mich verantwortlich für seine Fahrlässigkeit im Glauben . « » Geh heim , « sagte der Pastor , » und wenn Du willst , bete dort . « Zorn im Herzen , Zorn in den erregten Mienen und überhastigen Geberden ging sie , aus der Not eine Tugend machend und sich sagend , daß ihre eigene Seele Gefahr laufe , wenn sie hier weile . Severina , die am Thürpfosten stand , ließ sie mit bitterem Lächeln vorbei . » Soll ich auch gehen ? « fragte der Pastor sanft . Adrienne schüttelte den Kopf und ergriff seine Hand , um sie , gleichsam liebkosend , gegen ihre Wange zu drücken . Er nickte väterlich liebevoll , dann setzte er sich auf den Platz , den seine Frau innegehabt . An wie vielen Totenbetten hatte er nicht schon so gesessen ? Säuglinge , Kinder , Jünglinge , Frauen , Greise hatte er sterben sehen . Hundertmal hatte er dem Tode in das geheimnisvolle Gesicht geschaut . Seine Geheimnisse hatte auch er nicht enträtselt , aber seine Schrecken hatte ihre Macht verloren . Es war immer dasselbe Bild , immer thaten sich im Leben der Zurückbleibenden Lücken auf , die ewig unausfüllbar schienen , und immer schloß die Zeit diese Lücken lind und fest . Er hatte noch keine unheilbaren Schmerzen gesehen , darum waren ihm die Schmerzen keine Strafen von Gott , sondern Prüfungen , und darum griff er weder mit dräuendem , noch lehrendem , noch tröstendem Wort ein . Aber er weinte mit den Leidenden , denn er begriff immer , daß sie die Größe ihres Jammers überschätzen mußten , weil die Kenntnis des Trostes ihnen noch vorenthalten war . So saß der greise Mann auch hier und teilte mit ehrlichem Herzen den Jammer der jungen Frau . Er grübelte weder darüber , warum dies Leid gekommen , noch wozu es gut sei ; er dachte nur daran , es ihr tragen zu helfen . Und Adrienne fühlte dieses fromme , menschliche Mitleid und empfand seine Nähe als Wohlthat . Die Nacht ging weiter , das Kind röchelte schwer . Wider ihren Willen hatte es Severina herangezogen , sie stand am Fußende des Bettes und horchte auf den rasselnden , heiseren Atem . Adrienne sah stumm und thränenlos auf das sterbende Kind . Ihr ganzes Leben und das ihres Gatten zogen an ihr vorüber . Eine ähnliche Existenz , wie die ihre gewesen , wäre auch diesem Kinde geworden . War da denn so viel Grund zu jammern ? Tag um Tag und Jahr um Jahr den Eigenwillen bezwingen , die angeborenen Wünsche und Daseinsbedürfnisse kasteien , jede Freude sich karg bemessen , jeden Herzschlag bang belauschen , ob er nicht über die Grenze des Erlaubten geht und bei all den tausendfachen , kleinen und durch ihre Unsumme ins zentnerschwere wachsenden Opfern , doch nichts erreichen als ein mittelmäßiges Dasein - mittelmäßig an äußeren Gütern , mittelmäßig an Stellung in den Ehrenabstufungen der menschlichen Gesellschaft , mittelmäßig an Befriedigung der Herzenssehnsucht , mittelmäßig sogar in dem landläufigen Maß verzeihbarer Sünden - war das alles wert , ein Leben zu wünschen ? Und wenn wirklich dieses Kindes Laufbahn glanz- und freudevoller geworden wäre , als die seiner Eltern , selbst dann , was verlor es ? Vielleicht nur wenige sorglose Jugendjahre , denn mit dem ersten unerfüllten Wunsch kommt der erste Stachel in die Menschenseele . Was verlor er sonst ? Die Liebe ? O , ihm blieb die Erfahrung erspart , daß es in der Liebe keine glückssonnigen Ewigkeiten gibt , daß sie in der Freiheit unter