doch ein wenig im Irrthum sein ; ich bin zweiundzwanzig Jahre alt geworden ohne auf schlechte Wege gerathen zu sein , das kann ich mir selbst sagen und ich danke Gott für dieses Bewußtsein . Was Leute klatschen dagegen kann sich Niemand verwahren und deshalb hoffe ich , daß ich auch in Zukunft im Stande , sein werde , weine Selbstachtung zu erhalten . Nun komme ich zum eigentlichen Zweck meines Schreibens , ich möchte nämlich in Frieden scheiden und deshalb bitte ich Sie diese Zeilen , als genügende Erklärung hinzunehmen und gegen mich keine Feindseligkeit zu hegen wie auch ich gegen Sie nicht . Doch da in Zukunft unsre Wege auseinandergehen bitte ich mir mein Bild zurückzusenden . Nun bitte denken Sie über die Geschichte nach , dann werden Sie mich nicht verdammen . « Trotz der mannigfachen Entstellungen und Uebertreibungen betreffs des springenden Punktes dieser ganzen Romeo- und Julia-Affaire , stak in dem Briefe dennoch eine gewisse Würde und Anständigkeit , die ihn erfreute . Denn es bereitete ihm eine tiefe Genugthuung , daß dies Weib trotz alledem und alledem seiner Liebe nicht unwürdig schien . Auch wurde in der besonnenen Ruhe dieses Schreibens der Größenwahn des Weibes , das seine so viel umworbene Schönheit begreiflicherweise als Angelpunkt der Schöpfung betrachtet , wohlthätig gedämpft . Und doch ! Was galt hier ihre anständige Gesinnung , da sie doch ganz in Händen ihres Mephistopheles lag . Und gegen den mußte man sich schützen , durch sie selbst . Er sann lange nach . Plötzlich kam ihm eine Idee . Sie kam über ihn wie eine Offenbarung . Sein Freund , der Genremaler Knorrer , hatte ihm kürzlich aus Tirol geschrieben , wo er eine Studienreise machte . Dabei hatte er bemerkt , daß er von Anfang Januar ab in Roveredo einige Wochen zubringen werde , um eine dortiges altes Bild zu copiren . Roveredo ! Der Name hatte ihn durchzuckt , er dachte an Kathis eigene Enthüllungen . Ja , er mußte Gewißheit haben , ob die Sache richtig sei . Es konnte als Gegenwaffe dienen . Sie selbst konnte ja alles ableugnen , was sie ihm erzählt . Und wenn er im letzten Nothfall dort nachforschte , so würde , sie schon Mittel finden , Alles todtzuschweigen . Was konnte bis dahin ihm nicht ohnehin für Schaden erwachsen , falls dieser Kohlrausch in seinem eigenen Liebeswahnsinn ... Kurz entschlossen , sich an diesen Strohhalm zu klammen , telegraphirte er an Knorrer nach Roveredo . Ein langes Telegramm , worin er Alles andeutete und diesen bat , ihm Gewißheit zu schaffen , ob in Trient eine Kathi Kreutzner mit einem Hauptmann vom Genie u.s.w. Wo dieser jetzt stehe . - - - Er malte nun ruhig an seinem Bilde fort . Siehe da , am zweiten Abend nach Absendung seines Telegramms nach Roveredo , erhielt er einen saugroben Brief des p.p. Kohlrausch , worin ihm dieser ankündigte , er werde sich jetzt hier mit » Frl . Kreutzner « einrichten und nun wegen der ihm und ihr zugefügten Beleidigungen Schritte thun . Rother antworte nicht . Er wartete auf das Antwort-Telegramm aus Roveredo . Es kam . - Genaues konnte ihm sein Freund nicht mittheilen . Allein , so viel hatte er in Erfahrung gebracht : Der betreffende Hauptmann vom Genie , dessen man sich an Ort und Stelle noch wohl erinnerte , sei später zur Cavallerie übergetreten . Sein Name sei : Graf Xaver Krastinik . - - Ohne Verweilen verschaffte sich Rother von einem befreundeten Offizier eine Rangliste der Oesterreichischen Armee . Richtig ! Bald hatte er den Namen gefunden . Ein ungarisches Husarenregiment , Garnison bei Pest . Ohne Verzug telegraphirte Rother an das Regimentskommando , Rückantwort bezahlt , ob er den Herrn dort treffen und sprechen könne . Seine fieberhafte Nervenaufregung steigerte sich bis zu Appetit- und Schlaflosigkeit . Er hatte sich in die Geschichte so hineingeredet und hineingelebt , daß ihm sein ganzes Leben daran zu hängen schien . Und war es nicht so ? Stand seine Liebe nicht auf dem Spiel ? Doch die war ja verloren . Nein , nun galt es seinen Namen . Die Schande , die Lächerlichkeit ! Sein reizbares Ehrgefühl überwand das nicht ; nein , daraus mußte noch Schlimmeres erfolgen . Man trieb ihn zum Aeußersten , so wehrte er sich . Ob das Mittel ganz anständig sei , diese Frage kam hier nicht in Betracht ; hatte man nicht ehrlos an ihm gefrevelt ? Man wehrt sich am besten , indem man selbst zuschlägt . Die beste Vertheidigung ist der Angriff . - Ob man ihm antworten würde ? Er sollte nicht lange in Zweifel sein . Ueberraschend schnell , mit ungarisch ritterlicher Liebenswürdigkeit , ward ihm Antwort . Graf Krastinik sei auf Urlaub , nach England verreist . Seine Adresse wisse stets , wie er beim Regiment hinterlassen habe : Lord Dorrington , Boltons Terrace , London . Rother besann sich nicht einen Augenblick . Auch dies Hindernis noch - sei ' s ! Hatte er die Sache einmal so verzweifelt ernst genommen , so wollte er sie durchführen . Was hatte er sonst auch noch für Interesse am Leben ! Einer Erholung bedurfte er so wie so ; Geld genug hatte er gerade ; so ging er am besten allen Unannehmlichkeiten zu Haus aus dem Wege . Wenn ihm jener Kerl etwa persönlich eine Droh- und Daumschrauben-Visite macht ! ( Er sah eben Alles in vergrößertem Maßstab und düsterm Lichte . ) Wozu noch zögern ! Schon der andre Morgen sollte ihn auf der Fahrt nach Hamburg sehn . Die nächste Route , die über Belgien und Calais , mochte er nicht wählen , wegen der drohenden Kriegsgerüchte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Den letzten Abend vorher hatte ihn Annesley besucht , der wie gewöhnlich seine Hülfe in irgend einer musikalischen Angelegenheit beanspruchte , um dann wie gewöhnlich emphatisch zu versichern : » Ihr Wohlwollen ist der einzige Sonnenstrahl in meinem nächtigen Sein . Ich armer Verfaulter und Siecher aus diesem Hunde Erdball ! Sie sind ein vollkommener Gentleman , Sie sind - « » Schon gut , « unterbrach ihn sein Gönner , der diese Aufwallungen schon kannte . » Kommen Sie man ' raus aus der guten Stube und an die frische Luft ! Sonst jammern wir uns Beide wieder ' was vor ! « Es war noch früh am Tage , gegen 6 Uhr . Auf der Leipzigerstraße vor dem blauweißen Schilde des » Weihen-Stephan « ( jenem historisch merkwürdigen Lokal , wo einst der größenwahnsinnige Oppositionsführer des Reichstags von einigen angezechten Ulanenoffizieren offiziell hinausgegrault wurde ) stieß Rother auf ein Paar , das in schweigender Größe lustwandelte . » Ah , Servus ! « Man grüßte sich . Rother stellte » den hochbegabten Componisten Henri Francis Annesley « den beiden Herrn vor : » Herr Karl Schmoller , Herr Friedrich Leonhart . « Annesley machte große Augen , die zwo Dioskuren der litterarischen Revolution zu erschauen . » Ah , sehr erfreut , « nickte der große Schmoller gnädig , indem ein süßliches Lächeln seinen bärtigen Mund umspielte . » Schon viel gehört von Freund Rother über Ihre Begabtheit . « Annesley kratzfußte stumm und wunderte sich baß . In seiner Knabenphantasie hatte er sich große Schriftsteller immer à la Apollo gedacht . Und nun - ! Schmoller sah ihm aus , wie der Inspektor einer Gasfabrik . Er trug Ringe an den Fingern , einen spitzgedrehten schwarzen Schnurrbart , als wäre er bei Graf Perpoucher in die Lehre gegangen , und einen behäbigen Havelock . Sein stechendes grünliches Marderauge funkelte unter einer ungeheuren blauen Brille , wegen mangelnder Kurzsichtigkeit aus Gelehrsamkeitsrücksichten . Seine überhängende Stirn dachte sich wölbig in Etagen ab und bildete einen spitzen Winkel , aus welchem die lüstern witternde breitnüstrige Nase vorsprang . Sein dito vorspringender breitwulstiger Mund ( offenbar ein naturalistischer Witz der Natur , um » das böseste Schandmaul « anzudeuten ) athmete einen halb versteckten halb dreisten Trotz . Eine unheimliche Energie verschönte gleichsam diese bizarre Voltaire-Physiognomie . Dabei schien er überaus satt und wohlgenährt , als ob er für all den Hunger , den er in seinen socialen Romanen schilderte , ein derbes Gegengewicht in seiner Person suche . Er rächte gleichsam seine » Enterbten « durch seinen Dichterappetit . Obschon ein Kölner Kind , vertauschte er gern sein niederrheinisch Platt für Spreeathener-Dialekt . Diesen hatte er gelernt von seinem früheren Intimus Fritz Erdmann , dem » deutschen Zola « - jenem naturalistischen Epiker , dem es im Deutschen Reich zu enge wurde , weswegen er vor geraumer Zeit nach Amerika durchging . Jetzt erbte Schmoller von ihm den Titelrang eines » deutschen Zola « als Nummer 2. » Und sagen Sie , sind Sie wirklich der ber-ühmte Leonhart ? « fragte Annesley naiv . » Also so sehen Dichter aus ? « Leonhart schien auf sein Aeußeres wenig Sorgfalt zu verwenden . Seine röthlichen Haare zottelten sich , als wären sie selten gekämmt , und seine auffallend aristokratischen Hände starrten trotz ihrer zartweißen Hautfarbe von Schmutzflecken . Sein mädchenhaft zarter Teint wurde durch diverse Sommersprossen reizvoll belebt und an sein Kinn schien ein zersaustes Ziegenbärtchen angeklebt , das so stoppelig , aussah , wie brandige ausgeraufte Aehren . Auch machte seine unscheinbare dürftige Figur einen wenig imponirenden Eindruck . Sein blaues Auge , unter feingeschnittenen Brauen an einer starkgewölbten breiten Schläfe , schaute verschleiert müde drein . Nur ab und zu kam ein belebterer Ausdruck in dies stille Gesicht , dessen ruhige Miene andeutete , daß sie nicht Alles sehen lasse , - als ob geheim unter der Oberfläche gähre , was Niemand erspähen soll . Sie bogen durch die Behrenstraße ein . » Hehe , da is ja das Wein-Restaurant mit den Gobelins und geschnitzten Möbeln , Hochelejant ! « rief Schmoller der Joviale . » Hier schaart sich ab und zu die famöseste Klatschgesellschaft von tout Berlin zusammen . « » Jaja , die Lästerschule ! « murrte Leonhart . » Unter dem Vorwand eines collegialen Schöppchens ! Jetzt haben sie ' s damit , die Modelle meiner Figuren zu beschnüffeln . Da werden die abenteuerlichsten Märchen aufgetischt , jeder braut eine besondere Version . Jaja , die guten Freunde ! - In den Geld-Taschen und Hosen der Dichter herumzuriechen , ist des deutschen Schreibmichels Lust ! Ihre ungewaschenen Finger in alles Persönliche stecken , - das nennen diese jungen Lait ' von ' s Geschäft ihre litterarischen Verbindungen pflegen « . » Ob X. wirklich dem Y. so viel gepumpt hat ? Ob A. wirklich so hohes Honorar pro Bogen bekommen hat wie er auf Ehrenwort schwadronirt ? Wieviel Gehalt hat B. bei der » Tagespost « ? Ob man ihn wohl da hinausdrängen kann ? Sehen Sie , so wälzt das tiefsinnig anregende Gespräch sich eintönig fort , wie die Ritter-Dramen des Herrn von Alvers . « Er hielt inne , um Athem zu schöpfen . » Na und ob ! « fiel Schmoller ein , der vor Ungeduld brannte , sich seines animus injuriandi zu entladen . » Denk ' doch nur an deinen gemeinschaftlichen Freund Boris von Lappezinsky . Salon-Statist ! Wechselt fortwährend seine Wohnung , weil er die Miethe schuldig bleibt ! Hat eine anständige junge Dame verführt - ( sie hat mir ' s selbst erzählt , « fügte er in tugendhafter Entrüstung ein ) - » und sitzen gelassen ! « ( » So etwas kommt bei uns nicht vor ! « brummelte Leonhart ironisch . ) » Dieser Mensch ! « Schmoller griff sich an die Haare , daß sein Bourgeois-Cylinder , den er als großer Volksmann pflichtschuldigst bevorzugte , sich in den Nacken verschob . » Jotte doch , Boris von Lappezinsky ! « Er schüttelte sich , als bereite ihm dieser Name , den er langgedehnt herausquälte , einen Hochgenuß . » Boris , Boris , mein Junge , Mann des Popo-Scheitels und der Pomade-Kleberei , hausirst Du immer noch mit Deinen blutrünstigen Colportage-Romanen ? Haben Se nix ße dichten ? « » Ich finde diese amüsanten Skizzen aus der Guten Gesellschaft besser , als manches modeberühmte Geschmier . « » Schuster , bleib bei Deinem Drama-Leisten ! « schnarrte Schmoller giftig . » Was Du wohl von Romanen verstehst ! « » Indianergeschichten für große Kinder erzählen , ist die Aufgabe anderer Realisten . « Es ist nicht die meine . - » Du vermochtest mich eben nie zu erfassen , « ertönte feierlich der Bierbaß des Menschheits-Regenerators . » Hihi , « kicherte sein Mephisto , » Ne , Dich versteht man nur in Chaldäa . Wie schriebst Du doch neulich so treffend über die conventionellen Phrasen der Culturmenschheit ? « » So überkleistert die Form , dieser dürftige Umschlag-Shawl der Aesthetik , den inhaltlichen Beweis des elementaren Persönlichkeitsgefühls « ! ! » Herr , dunkel ist der Rede Sinn . Stürze Dir man nicht in Unkosten ! « Ueber das asketische Mönchsgesicht des kleinen litterarischen Luther flog eine hektische Röthe und eine heftige Antwort schwebte ihm auf der Zunge . Aber er zuckte nur vielsagend die Achseln . Größenwahn platzte hier auf Größewahn . Beide geübten Schimpf-Majore machte es augenscheinlich nicht im geringsten verlegen , vor den beiden Fremden ihre schmutzige Wäsche triefend auszuringen . » Lappezinsky « - , fuhr Schmoller unbeirrt fort , aber diesmal schmollte ihm Leonhart dazwischen : » Ein a - anständiger Mensch ! « Es kam ordentlich seufzend mit einem Uf heraus , wie eine Schwergeburt der Selbstüberwindung . Denn am liebsten brauchte er den Kosenamen » Schurke « , sobald ihm Jemandes Nase mißfiel . » Ach was , fauler Mumpitz ! « schimpfte Schmoller fort . » Ein Ohrwurm ist er ! Gentlemännische Manieren wissen ja diese Adligen immer herauszubeißen . Er ist immer höflich und liebenswürdig , aber in seinem hübschen glatten Gesicht lauert ein Zug von rücksichtsloser Brutalität ! « » Ach , laß doch das Physiognomieenlesen ! « suchte Leonhart abzubrechen . » Das verstehn ohnehin die Wenigsten . « » Oller Optimiste ! Wenn Dir man bloß Einer um den Bart geht , ist er bei Dir ein Ehrenmann . « ( » Oho ! « dachte Jener . » Man kann ein Grobian und doch ein Schurke sein . « ) » Neulich hat er Dich mir gegenüber schlechtgemacht . Macht sich lustig über Dich , dieser kleine dumme Hannefatzke . Er möchte gern ein Realist sein hat er gesagt , und ist doch stets ein Romantiker . Dabei hat er von Deiner alten dummen Weiber-Geschichte geschwatzt - Du weißt schon , von Der da « - er machte eine imaginäre Handbewegung . » Als ob er ' was davon wüßte ! « » Ungefähr so viel wie Du , « trumpfte Leonhart ihn trocken ab : » Nämlich gar nichts . - Uebrigens , wenn er mich für romantisch hält , « ein unbeschreibliches Lächeln huschte über das bleiche vornehme Gesicht » so ist das auch noch weiter kein Verbrechen . Lassen wir das ! « Annesley und Rother , um welche sich die beiden Dioskuren im Gefühl ihrer Wichtigkeit gar nicht mehr bekümmert hatten , folgten nicht ohne Mißbehagen dem Gespräch , das sich nunmehr einem Herrn » Peter von Schnapphahnitzkoy « zuwendete , von welchem Schmoller ehrenrührige Dinge erzählte . Sein Genosse erklärte achselzuckend , daß er den Herrn nicht kenne . » Sagen Sie , « fragte der componistiche Wunderknabe leise . » Klatschen diese großen Dichter immer so ? « Rother zuckte die Achseln und gab keine Antwort . Eine Art Menschenauflauf hemmte ihre Schritte . Aus der Italienischen Weinkneipe unter den Linden strömte soeben eine ganze teutonische Horde urdeutscher Studenten heraus . Sie umringten einen dicken kurzen Herrn in Frack , weißer Binde und hohem Cylinder , der wie ein höherer Subalternbeamter oder wie ein strammer Unteroffizier aussah - für den Oberflächlichen , während den Tieferblickenden eine gesunde Männlichkeit in seinem gutmüthigen Gesichte anzog . » Adalbert von Alvers ! « flüsterte Rother von scheuer Ehrfurcht . Es war wirklich dieser große Bühnenbeherrscher , dessen Muse immer bereit , dem Apell jeder Tagesfrage zu gehorchen und in weihevollen Hymnen jede beliebige Festlichkeit zu feiern - vom neunzigsten Geburtstag des Kaisers bis herunter zum Jubiläum irgend eines Geisteskoryphäen . Er führte soeben die festgeschlossene Cohorte seiner Getreuen in die zweite Aufführung seines neuen Dramas , welches von der Kritik schmählich mitgenommen war . Bei einer solennen Kneiperei in der alten Stammwiege des Alversschen Ruhmes , der italienischen Weinstube , hatte man heut Tod und Verderben allen Ungläubigen geschworen , welche gegen den nationalen Dramatiker aufmucken würden . Bei jedem Todten , der auf der Bühne als Leiche liegen blieb , sollte sich ein Begeisterungssturm von Gallerie und Parterre aus entfesseln . Nach dem dritten Akt aber wollte man , laut Verabredung , ein furchtbares Bardengebrüll » Alvers , Alvers ! Alvers ' raus ! « stiften , das sich fortissimo bis zum Füßescharren und Stampfen steigern sollte . Ehe die Schauspieler für den » leider nicht im Hause anwesenden Dichter « danken könnten , würde sich dann der Hohe selbst in seiner Loge erheben und gnädig dem verehrlichen Publiko seine Kneifer-Verbeugung zuschlenkern . So dachte man der bösen Kritik schon noch beizukommen ! Wenigstens stellten dies Alles die drolligen Dichterdioskuren so dar , welche von Jedermann irgendwelche Mordsgeschichte zu erzählen wußten . Im Vorübergehen hörte man , während die Verschwörer im Sturmmarsch an ihnen vorbeidefilirten , den großen Dichter selbst die bedeutenden Worte äußern : » ... Das ist es , meine Herren , was ich in Ihnen begrüße : die Wiedergeburt des germanischen Geistes durch begeisterte Jugend . Sie , die Blüthe der Nation , Sie nur verstehen mich zu würdigen . Ja , was sind sie , all die Andern ! Nur das nationale germanische Drama ... « Der rauhe Wind verschlang unbarmherzig den Rest . Die vier Flaneure sahen sich an . » Größenwahn ! « flüsterte Rother . » Dieser Mensch ! « schrie Schmoller , indem er sich mit theatralischer Geste an die Stirne fuhr . » Was versteht denn Der ! Alberner Bumbum ! Dem muß die Muse stramm stehn , wie ein Rekrut ! « Leonhart schwieg . Rother knüpfte noch die Bemerkung daran , daß in der Malerei Adolf von Werther diesem königlich preußischen Strebertypus als Pendant entspreche . » Ja , von ! Da liegt ' s ! « Schmoller fuchtelte wüthend mit beiden Händen umher . » Das von macht diese Kerle berühmt . Hehe , neunundneunzig Karossen halten soeben vorm Hofschauspielhaus , wie ich höre . Das ganze Geheimrathsviertel und die ganze Garde sind angetreten , um einen Dichter von und zu , einen von ihre Leut ' , zu bespeicheln . Pfui Deibel ! Was , wie , Leonhart , zwei Kerle wie wir , die hunderttausendmal mehr werth sind , als die ganze Bande zusammen ... « Leonhart schwieg . Rother stieß Annesley mit dem Ellbogen an . » Größenwahn ! « murmelte dieser , halb träumerisch . » Wo speisen wir , meine Herren ? « fragte Leonhart . » Welche Frage ! Siehe Annonce-Spalten der Berliner Tagesstimme ! Wo speisen Sie ? Bei Schwanzer . Hier wären wir ja . Steigen wir man immer runter , Herrschaften ! « docirte der gewiegte Lokalspezialist Berlins als Autorität mit Selbst-Patent . Man stieg also in den geräumigen Keller hinab und nahm Platz . » Kellnehr ! Eine Portion Erbsensuppe mit Schweinsohren , aber hübsch zerkaut ! Ne , nicht doch , ich versprach mich man nur . Kellnehr ! Ein Eisbein mit Sauerkohl ! Ganz frisch , sagen Sie ? Na selbstredend , kennen wir , oller Pappenheimer . « Leonhart vermochte nicht , sich diesem culinarischen Realismus anzuschließen , und begnügte sich mit einer Portion Seemuscheln : das Pikante zog ihn immer an . Nachdem Annesley die ganze Speisekarte durchstudirt , verkündete er plötzlich großartig sein dringendes Bedürfniß nach einem Dutzend Austern nebst Champagner . Obschon Rother keineswegs so cavaliermäßig fühlte , wie sein liebes Zukunftsgenie in spe , so mußte , er doch wohl oder übel in seiner gewöhnlichen schwächlichen Weichherzigkeit nachgeben und mithalten . Schmoller gerieth sofort über den Sekt und die Austern , auf welche er geile Blicke warf , in die tiefste sittliche Entrüstung . » Dieser Mensch ! « raunte er seinem Genossen ins Ohr . » Scheint ein verzogenes Muttersöhnchen , das noch nicht ins Leben hineingespuckt hat . Wollen ihn mal schrauben . - Sie , junger Herr , « hob er plötzlich an , » warum heißen Sie eigentlich Francis Henry Annesley ? Sie sprechen doch ganz dialektfrei . Sind Sie Engländer ? « » Mein Urgroßvater war ein Amerikaner , « klärte ihn der Angeredete feierlich auf , als belehre er über eine wichtige historische Thatsache . » Und seither ist Ihre Familie nach Deutschland verzogen ? Ihre Frau Mutter war wohl auch eine Deutsche ? Ja ? Na , dann frage ich man bloß , warum Sie sich Henry Francis taufen ließen , statt ganz gemüthlich Heinrich Franz . Jaja , versteh schon . Waren vorsichtig in der Wahl Ihrer Namen , wie Ihrer Eltern . So ' n bischen Englisch klingt doch gar zu schön . Hat so ' n vornehmes Lüster , hehe . Nichts für ungut . - Also Sie sind Lieder-Componiste ? Oalle Achtung . « » Ein sehr begabter , « ermahnte Rother mit leisem Vorwurf . Er fühlte sich beleidigt , daß man seinen Schützling an-ulkte . » Mindestens . Ein verrücktes Sumpfhuhn sind Sie doch , lieber Herr Rother ! Das heißt , pardon , Sie verstehen , ich bin eine ehrliche Haut , die jedem die Wahrheit sagt . Fragen Sie meinen Freund Leonhart ! « Dieser brummte über seinen Seemuscheln etwas Unverständliches . » Nein , wie Sie doch immer für Andre ins Zeug gehn ! Ordentlich rührend . - Ja , Herr Annesley , er hat uns schon viel die Ohren vollgeschwärmt - in Ihnen soll ja riesig viel Musike thronen . Schöner Kerl , der Francis Henry , interessantes Aeußere - was , Leonhart ? « Dieser grunzte , wieder etwas Unverständliches ; der ehrliche Biedermann aber hatte mit dieser biedern Aeußerung das Herz des Wunderknaben für immer gewonnen . » Werden , wie ich höre , eine Prachtausgabe Ihrer Compositionen Lieder unglücklicher Liebe veranstalten - mit Illustrationen von Paul Thumann , nicht ? « ( » Schlagsahne ! « Rother schüttelte bei dem Namen des eleganten Damenzeichners unwillig den Kopf . ) Ohne den Spott Schmollers zu merken , folgte Henry Francis Annesley eifrig der Lockpfeife : » Allerdings , Herr Schmoller . Ich plane auch eine Prachtausgabe meiner Symphonie Kinder des Leids , Opus 21. « » Muß Ihnen aber ein schweres Geld kosten , « meinte Schmoller theilnehmend , der rasch berechnete , daß man sich einen so vermögenden Jüngling warmhalten müsse . » Ach ja ! « rief der Beklagenswerthe . » Ich war stets ein Opfer meines idealen Strebens . Wer die ganze , hohle jämmerliche Erbärmlichkeit der aus Perfidie , hirnverbranntem Neid , tollem Größenwahn , gemeinster Klatschsucht , polizeiwidriger Cliquenheulmeierei zusammengesetzten Weltverhältnisse kennen gelernt hat - puh ! « » Sehr richtig ! « sagte Schmoller und machte ein ernsthaftes Gesicht . » Wo ist neidlose Anerkennung wahren Verdienstes , « der Wunderknabe warf das Adonishaupt in den Nacken , » wo Ehrfurcht vor allem Großen , Heiligen und Schönen , wo Charakter , Manneswürde ! « » Sehr richtig ! « Jener aber übte sich rüstig fort in deklamatorischer Rhetorik : » Wer vermag in diesem bodenlosen Sumpf des Egoismus festen Fuß zu fassen ! Wer noch einen Funken Moral und Ehre im Leibe hat , wendet entrüstet sich ab von diesem Bilde schamloser Herzens- und Gemüthsverrohung , verzweifelnd an allen idealen Instinkten . Ja , man müßte die Leier des Gesanges zu allen Teufeln werfen - « » Warum thun Sie es denn nicht ? « unterbrach ihn plötzlich im betäubendsten Wortschwall die boshafte Zwischenfrage . Sie kam aus dem Munde Leonharts , der ihn seit geraumer Zeit mit festen Blicken maß , als ob er an ihm etwas studiren wolle . Annesley verstummte und biß sich auf die Lippe , während ein tückisches Blinzeln in seinem Auge verrieth , daß er Leonharts Meinung sehr wohl verstanden habe . » Meine Lieder , « hob er wieder an , » sind sturmbewegte Trauerflöre , tiefste Herzensseufzer . Durch die Berührung mit der All Natur entsteht jenes Stimmungs Fluidum , welches der brünstigen Sehnsucht nach dem Ur Schooß entspringt . Ja , meine Herren , die Musik - sie ist die höchste der Künste , vergeistigte Materie , die vom Rohstofflichen bis auf den kleinstmöglichsten Erdenrest sich losgelöst . Die in der Stunde der Gnade empfangene Melodie der Seele , der individuelle Stimmungsduft der Empfängniß , die krystallklare Spiegelung der dämonischen Regungen der Seelenorgane in der ganzen Skala der Affekte vom höchsten Jubel bis zum tiefsten Leid ... « er wollte noch einige Phrasen hinzufügen , verhaspelte sich jedoch und verschlang rasch eine Auster . » Kannst Du Dir den Bauch halten vor Lachen ? Ich platze ! « raunte Schmoller wieder seinem Freunde zu , der mürrisch vor sich hinstarrte . » Sehr , sehr schön gesagt , mein lieber Herr Francis Henry Annesley , « sagte er laut mit tiefem Brustton der Ueberzeugung . » Grade auf Ihre Prachtausgabe bin ich ungemein gespannt . Haben Sie schon einen Verleger ? ! « Diese ominöse Frage schien bei dem neuen Mozart eine mißtönende Seite zu berühren . Denn er runzelte die Stirn und zog dann aus seiner Brusttasche einen gedruckten Prospekt , welchen er der andächtig lauschenden Gemeinde mit hochtrabend näselndem Tone verlas . In demselben wurde versichert : Ralf der Schöne ( in Klammer : Pseudonym für Henry Francis Annesley ) sei nach dem Urtheil aller Autoritäten » absolut genial « zu nennen . Beigefügt waren einige Recensionen des » berühmten Musikreferenten Eugen Düstergang « und des » bekannten Kunstkenners Harald Theopol Mokamaute « , wonach die » Pantheistischen Lieder unseres Henry Francis Annesley zweifellos vom Hauch der Unsterblichkeit umweht « seien . Diese Musik schwebe gleichsam in der mondblauen Luft zu märchenblasser Sternenpracht empor . » Ikarus , Ikarus , Jammer genug ! « warnte Leonhart halblaut . » Sagen Sie - Mokamaute ? « forschte Schmoller mit unnatürlichem Ernst . » Würde Mokka-Schaute nicht besser klingen ? Wer ist eigentlich dieser Herr ? Habe noch nie davon gehört . « » Ich wohl - nämlich von Ihren zwanzig Pseudonymen , Herr Annesley . « Leonhart stieß ein kurzes hartes Gelächter aus . » Ach , so lassen wir doch den Quatsch ! « Der Wunderknabe schoß aus ihn einen wüthenden Blick , in dem eine unheimliche Tücke schillerte . » Sprechen wir endlich von interessanten Dingen . Wie denken Sie über Rußland ? Ich meine , die neuen Attentatversuche der Nihilisten , meine Herren . « Aber Schmoller hielt ihm mit komischen Schrecken den Mund zu : » Raus ! Will der Spitzbube hier gelehrte Gespräche mimen . - Ne , schwatzen wir man ganz gemüthlich weiter ! « ( » Klatschen und schimpfen ! « dachte Rother . ) » Ja , mein lieber Mister Annesley , ich freue mich lebhaft , in Ihnen einen Nachfolger der Schumann und Schubert , sozusagen den Letzten Lyriker , kennen zu lernen . Fahren Sie auf diesem löblichen Wege nur so fort , dann wird Ihnen der Lorbeer ( halblaut zu Leonhart : und Zelle Nr. 1 in Dalldorf ) nicht entgehen . « Und erschüttelte meuchlings dem Letzten Lyriker die schmächtige Hand mit seiner Bärentatze . » Wie Rother erzählt , verfügen Sie ja auch noch über eine schöne Gottesgabe die des Menschen Herz erfreut : einen sanften lieblichen Tenor . « » Wollen Sie mich mal hören ? « Der Wunderknabe ließ sich das nicht zweimal sagen . Zum Entsetzen seines Freundes Rother und sämmtlicher Gäste erhob er plötzlich seine Stimme und sang » So - la - mi - fa « mit fabelhafter Bravour herunter . » Aber nein , das geht nicht , meine Herrn ! « betheuerte der Wirth , der von seiner üblichen Skat-Parthie in der Ecke aufsprang und herbeieilte . » Sie graulen mir ja alle Gäste fort . « Annesley setzte sich , unmuthig seine Mähne schüttelnd . » Lächerlich ! So geht ' s immer . Nirgends ist Raum für das Ideale . « » Und die Eitelkeit , « ergänzte Leonhart . Schmoller wand sich in inneren Krämpfen . » Sehr , sehr brav . Ich ehre in Ihnen den neuen Amphion , « rief er , Lachthränen in der tremulirenden Stimme . » Sie könnten Steine erweichen . - Dieser Me-nsch ! « flüsterte er zu Leonhart hinüber . » Den bring ' ich in meinen neuen Roman . Der Wein-Reisende in Musike ! Das ist ja das reine Pendant zu den Literatur-Studenten der Jüngsten Deutschland . « Als ob er auf sein Stichwort gelauert hätte , wandte sich hier der Wunderknabe , der nach Leonharts boshafte Ergänzung über irgend etwas zu sinnen schien , an diesen mit der erfreulichen Frage : » Haben Sie schon Veilchenthals Epigramm auf Sie gelesen in der neuesten Nummer des Zeitgeist ? « » Ach Gott ! « lächelte dieser . » Was geht es den Mond an , ob ein Köter ihn anbellt ! Der selige Lasalle sagte so richtig in seiner Broschüre gegen Julian Schmidt : Die kleinsten Köter pflegen mit Vorliebe an Monumenten ihr Wasser abzuschlagen . « » Hihi ! « Der Wunderknabe grinste dämonisch . » Mond und Monument ist gut . Hihi , er redet ja