, sagte Pavel , und Habrecht versetzte : » Eure Zeit , jawohl - und was ihr aus derselben macht , das wird ... « » Einsteigen ! « rief es dicht an seinem Ohr , und er sah sich um , sah den Zug dastehen und erschrak furchtbar . » Dritte Klasse nach Wien ! « schrie er , rannte auf den ihm vom Schaffner bezeichneten Waggon zu und erklomm ihn mit nicht gerade anmutiger , aber wunderbarer Behendigkeit . Pavel eilte ihm nach und reichte ihm seine Effekten in den überfüllten Wagen , in dem er unter vielen Entschuldigungen einen Platz gefunden hatte . Ein neuer Pfiff , der Zug setzte sich in Bewegung , eine kleine Strecke konnte ihn Pavel in scharfem Laufe begleiten . » Gott behüte Sie , Herr Lehrer ! « schrie er , und durch das Brausen der davonrollenden Lokomotive und aus Rauch und Dampfwolken kam die Antwort : » Und dich , lieber Mensch , Amen , Amen , Amen ! « Am späten Abend , nachdem Pavel heimgekommen war , fütterte er seinen Hund , nahm eine Haue und grub dem Steine nach , den er unter die Schwelle seines Hauses versenkt hatte . Lamur saß daneben und warf aus verdrießlich zugekniffenen Augen so scheele Blicke auf die Arbeit seines Herrn , leckte sich die Nase so oft und sah so verächtlich drein , daß jener seine üble Laune bemerken mußte . » Ist dir ' s vielleicht nicht recht ? « fragte Pavel . Ein höhnisches Zähnefletschen war die Antwort . Pavel aber hatte den Stein ausgehoben , betrachtete ihn , wog ihn in der Hand und fand ihn kleiner und leichter , als er sich ihn vorgestellt . » Da ist er , schau - nimm ! « sagte er und hielt ihn dem Hunde hin , der ihn auf Befehl seines Herrn in die Schnauze nahm und ihm nachtrug . Am Brunnen angelangt , an dem ihre erste Begegnung stattgehabt hatte , nahm Pavel dem Hunde den Stein aus dem Maul und schleuderte ihn ins Wasser , in dem er mit einem lauten Glucksen versank . Lamur gab durch Knurren seine Mißbilligung zu erkennen . 17 Seit einiger Zeit hatte die Frau Baronin ihre Wohnung im ersten Geschoß des großen Schlosses mit einer zu ebener Erde gelegenen vertauscht . Sie fühlte sich sehr alt werden , das Treppensteigen machte ihr Mühe , und sie unterzog sich derselben nur noch bei besonderen Feierlichkeiten , die nirgends anders als im Ahnensaale stattfinden konnten . Am ersten Januar zum Beispiel , wenn die Baronin die Glückwünsche ihrer in corpore mit Gemahlinnen und courfähigen Nachkommen ausgerückten Beamten empfing ; oder am Gründonnerstag , wenn sie , einer Familientradition getreu , dasselbe Fest in bescheidener Nachahmung beging , das an diesem Tage in der Hofburg zu Wien mit kaiserlichem Glanze vollzogen wird . Das gewöhnliche Leben der Greisin verfloß in gleichmäßiger , immer tiefer werdender Stille . Sie beschäftigte sich viel mit dem Gedanken an ihren Tod , dem sie ohne Furcht und - trotz mancher quälenden Leiden und Beschwerden - ohne Ungeduld entgegensah . Sie hatte ihre letzten Anordnungen getroffen und zum Erben ihres Gutes Soleschau das Kloster eingesetzt , an dessen Spitze ihre hochverehrte Freundin stand und in dem Milada erzogen worden war , die , so es Gott und seinen Stellvertretern auf Erden gefiel , bestimmt sein konnte , die oberste Leiterin des Hauses zu werden , in das sie vorzeiten als der ärmste Zögling getreten war . Die Bedürftigen der Gemeinde waren im Testament der alten Dame nicht vergessen und auch keiner ihrer Diener ; zuletzt hatte sie an sich gedacht , dann aber recht ausführlich , und das Zeremoniell , das sie bei ihrem Leichenbegängnis beobachtet wissen wollte , genau bestimmt . Die Gruft , die halb verfallen war und für deren Erhaltung sie grundsätzlich nie etwas getan hatte , sollte noch ihre Reste aufnehmen , dann zugemauert und der Eingang mit Erde und Rasen überdeckt werden . Die Leute , die da drinnen liegen , schließen sich mit Vergnügen von der heutigen Welt ab , meinte sie , ordnete jedoch an , daß die Kapelle , die den Grufthügel krönte , in gutem Stand erhalten werde und immer unverschlossen zu bleiben habe , damit jeder , dessen Herz danach verlangen sollte , an der heiligen Stätte ein Vaterunser für die alte Gutsfrau zu sprechen , diesem frommen Bedürfnisse nachkommen könne . Die Baronin sann jetzt oft darüber nach , wer von den Leuten , denen sie manche Wohltat erwiesen hatte , den Wunsch empfinden würde , für ihre ewige Ruhe zu beten , und gewöhnte sich , jeden , mit dem sie sprach , darauf anzusehen , ob er wohl zu denjenigen gehöre , die ihrer vergessen , oder zu denjenigen , die ihrer gedenken würden . Und wenn die Bejahung oder Verneinung der von ihr darüber angestellten Vermutungen auch nicht ausschlaggebend für ihre Wertmessung der Menschen war , so übte sie auf dieselbe doch großen Einfluß . Eines Morgens , am Tage nach Pavels letztem Klosterbesuch die Baronin saß bei ihrer Arbeit in der Mitte eines Kanapees , das bequem noch einem halben Dutzend Personen von ihrem Umfang Platz geboten hätte , hinter einem ebenso langen schwerfälligen Tisch - , öffnete sich die Tür des Zimmers , und Matthias trat ein und meldete : » Der Holub ist schon wieder draußen . « » Schon wieder ? - Meines Wissens kommt er ja nie « , sagte die Schloßfrau , und Matthias erwiderte : » Ja - aber doch . « » Hm , hm , was will er ? « » Sprechen möcht er . « » Mit wem ? « » Mit freiherrlichen Gnaden . « » Soll kommen « , befahl die Baronin , und bald darauf knarrten Pavels schwere Stiefel auf den Parketten . Er wollte auf die Baronin zugehen und ihr die Hand küssen , wie es sich geschickt hätte ; aber der Tisch versperrte den Zugang zum Kanapee , und den wegzuschieben hätte sich wieder nicht geschickt . So geriet Pavel in einen peinlichen Konflikt der Pflichten , ließ in seiner Verlegenheit den Hut fallen und wagte nicht ihn aufzuheben . Die Baronin winkte ihm , näherzutreten , stand auf , beugte sich über den Tisch und suchte sich , so gut ihre zunehmende Blindheit es erlaubte , durch den Augenschein davon zu überzeugen , daß wirklich Pavel Holub vor ihr stand . Dann setzte sie sich wieder und fragte , was ihn herführe . Er indessen hatte abwechselnd sie und die Strickarbeiten angesehen , die , offenbar zur letzten Ausfertigung bereit , vor ihr lagen und neue und farbenfrische Ebenbilder der Röcklein und Jacken waren , in denen alle armen Dorfkinder herumliefen . Angeheimelt durch den Anblick und gerührt durch den Fleiß der alten , gebrechlichen Frau , faßte er sich auf einmal ein Herz und kam mit seinem Anliegen heraus . Es bestand in der Bitte , die Frau Baronin möge sich gnädigst dafür verwenden , daß man seiner Schwester Milada den Dienst im Kloster erleichtere , sonst könne sie es nicht aushalten und müsse sterben . » Sterben ? Milada sterben ? « Die Greisin lachte , war entrüstet , befahl dem impertinenten Dummkopf , der so etwas zu denken wage , dem rohen und grausamen Schlingel , der ein solches Wort über seine Lippen bringe , das Zimmer zu verlassen , rief den Bestürzten , als er gehorchen wollte , wieder zurück und forderte ihn auf , ihr zu erklären , wie er ins Kloster und dazu gekommen sei , Milada zu sprechen . » Aber lüg nicht wie ein Zigeuner , der du bist « , setzte sie heftig erregt hinzu . Pavel erstattete seinen Bericht in äußerster Kürze , jedoch mit einem Gepräge der Wahrhaftigkeit , das wohl den verhärtetsten Zweifler überzeugt hätte . Die Baronin senkte den Kopf immer tiefer auf ihre Strickerei ; sie bereute schon ihre Ausfälle gegen Pavel , besonders den letzten . Warum hatte sie ihn einen Zigeuner genannt ? Warum ihn damit an das elende Wanderleben , das er in seiner Kindheit führen mußte , und zugleich an Vater und Mutter erinnert und ihm sein Unglück zum Vorwurf gemacht ? - - Pfui , daß sie sich so weit von ihrem Ärger über den Burschen hatte hinreißen lassen , weil er eine unbegründete Besorgnis um seine Schwester geäußert . Nach allem , was die Baronin in der letzten Zeit von ihm gehört , verdiente er eher Lob als Tadel . Hatte Anton , einer ihrer Vertrauensmänner , nicht gesagt : » War Nichtsnutz Holub , aber jetzt macht sich . « Hatte der Förster ihn nicht ganz außerordentlich gerühmt ? Hatte nicht sogar der ihm durchaus nicht wohlgesinnte Pfarrer , auf ihre Erkundigung nach ihm , erwidert : » Es liegt nichts gegen ihn vor . « - Und sie beschimpfte ihn ! ... Sie , die am Rande des Grabes stand , die bald nicht mehr vermögen würde , einem Menschen wohlzutun , tat noch einem ohnehin Hartgeprüften weh ! » Holub « , sprach sie plötzlich , » deiner Schwester fehlt nichts . Trotzdem will ich zu deiner Beruhigung und auch ein wenig zu der meinen morgen ins Kloster fahren . Denn - einen unangenehmen Eindruck machen mir deine eingebildeten Befürchtungen doch , und ich möchte ihn bald loswerden . « Pavels Gesicht strahlte vor Freude . - » Wenn die Frau Baronin « , sagte er , » sich selbst vom Aussehen Miladas überzeugen möchte und , falls sie damit unzufrieden ist , bestimmen wollte , daß besser acht auf sie gegeben und man ihr verbieten würde , sich weit über ihre Kräfte anzustrengen , wie sie es tut , weil sie sich vorgenommen hat , gar zu schwere Sünder loszubeten - das wäre eine große Wohltat , und der liebe Herrgott würde es der Frau Baronin tausendfach vergelten . « Sie lächelte und meinte : » Da hätte der liebe Herrgott viel zu tun , wenn er alle die Wechsel einlösen sollte , die von unbefugten Schatzmeistern auf ihn ausgestellt werden . « » Freilich , freilich « , erwiderte Pavel gedankenlos , hob seinen Hut vom Boden auf , sah sich im Zimmer um und erkannte es als dasselbe , in welchem er nach dem Federnraube an dem bösen Pfau seine erste Audienz im Schlosse gehabe hatte . Unwillkürlich warf er einen Blick nach der dünnen Schnur an der Decke und sah , daß sie noch immer festhielt und daß der vergoldete Kübel bis zur Stunde nicht herabgefallen war . Jede Einzelheit des damaligen Vorganges tauchte vor ihm auf . Er erinnerte sich besonders deutlich der großen Abneigung , die ihm die Frau Baronin eingeflößt hatte und die in solchem Gegensatz zu der Hochachtung stand , von welcher er sich jetzt für sie durchdrungen fühlte . Was hatte sich denn verändert ? ... Sie nicht , sie war dieselbe geblieben , in seinen Augen nicht einmal älter geworden , eine Greisin damals , eine Greisin jetzt . Er war ein anderer , ein reicherer Mensch , nicht mehr der stumpfe , für den es nichts Verehrungswürdiges gibt , weil ihm der Sinn , es zu erkennen , fehlt . Er empfand das mit ziemlicher Klarheit und hätte es gern an den Tag gelegt , hätte sich aber auch gern empfohlen , nachdem sein Geschäft beendet , sein Gesuch angebracht und auf das beste aufgenommen worden war . Ohne Ahnung , daß es ihm zukomme zu warten , bis er entlassen werde , sprach er : » Ich will Euer Gnaden nicht länger belästigen ; ich sag der Frau Baronin tausendmal : vergelt ' s Gott , und wenn Sie sterben , werde ich für Sie beten . « » So ? so ? « sie richtete sich empor . » Wirst du das wirklich tun , und andächtig ? « » Sehr andächtig . « » Pavel Holub « , sagte die Baronin in freundlichem Tone , » es freut mich , daß du für mich beten willst . - Und jetzt sag mir : Mein Feld , dasjenige , an dessen Rand deine Hütte steht , hast du es dir wohl recht aufmerksam angesehen ? - Wie groß schätzest du ' s ? « » Es wird so seine fünfzehn Metzen haben , nicht ganz drei Hektare « , sprach Pavel ohne Zögern . » Ein schlechtes Feld , was ? « » Ja , die Felder dort oben sind alle schlecht . Wenn ich der Verwalter wär , würd ich dort oben nie Weizen aussäen . « » Sondern ? « » Hafer oder Korn , und Kirschbäume würd ich pflanzen , viele , viele . « » So pflanze Kirschbäume « , versetzte die Baronin ernst und rasch , » das Feld ist dein . « » Mein - was ist mein ? « » Nun , das Feld , ich schenk es dir . « » Um Gottes willen - mir - das Feld ... « Ihm war , als ob alles ins Wanken geriete , der Boden unter seinen Füßen , die Wände , das Kanapee und auf dem Kanapee die Frau Baronin . Er streckte die Arme aus und griff nach einem Stützpunkt in die Luft . » Das große , das schöne , das gute Feld ... « » Hast du nicht eben gesagt , daß es ein schlechtes Feld ist ? « » Für Sie , aber nicht für mich ; für mich ist es ein gutes , zu gutes ... Um Gottes willen « , wiederholte er , » schenken Sie es mir im Ernst , das Feld ? « Die Baronin blinzelte : » Es tut mir leid , Holub « , sagte sie , » daß ich das Gesicht , das du jetzt machst , nicht recht deutlich sehen kann . Das Blindwerden , mein lieber Holub « , setzte sie leicht aufseufzend hinzu , » verdirbt dem Menschen manche Freude . - Geh jetzt und schicke mir den Verwalter . Ich will gleich Anordnungen treffen , daß die Schenkung rechtskräftig gemacht werde . « » Rechtskräftig ... Euer Gnaden ... sogar rechtskräftig ... « Pavel kannte sich nicht mehr ; sein Entzücken überwand seine Schüchternheit , er stürzte auf den Tisch zu , schob ihn zur Seite , ergriff die Hände der Gutsfrau und küßte sie , und als sie ihm mit aller Kraft , die sie aufzubringen vermochte , die Hände entzog , küßte er den Saum ihres Kleides und ihre Ärmel und ihr Umhängetuch und stöhnte und jauchzte und konnte nicht sprechen . Ihr wurde , so mutig sie war , ein wenig bang vor diesem entfesselten Sturme ; sie zankte Pavel tüchtig aus und erklärte ihm , alles müsse ein Ende haben , auch Dankbarkeitsbezeigungen , und wenn er den Verwalter nicht augenblicklich holen gehe , sei es mit der ganzen Schenkung nichts . Das brachte ihn zu sich . In der nächsten Minute war er draußen im Hofe . - Vor dem Tor stand die blonde Slava , das Häuslerkind schnöden Angedenkens . Sie diente im Schlosse seit ihrer Rückkehr und war jetzt damit beschäftigt , kecke Turteltauben zu füttern , die sich ' s nicht einfallen ließen , dem heranstürzenden Pavel auszuweichen ; er mußte sich in acht nehmen , nicht eine von ihnen zu zertreten . Slava rief ihm einen guten Morgen zu , und er , ganz vergessend , daß es seine schlimmste Feindin war , die zu ihm gesprochen , erwiderte : » Ich hab ein Feld , die Frau Baronin hat mir ein Feld geschenkt . « Die Feindin wurde rot bis unter die Haarwurzeln : » Das ist aber schön « , sagte sie , » das freut mich . « Jetzt erst besann er sich , mit wem er redete , und eilte ohne Gruß hinweg . So ganz anderes und Wichtigeres ihn auch erfüllte , nebenbei mußte er doch daran denken , wie gut das Rotwerden ihr gestanden hatte , welch ein bildhübsches Mädchen sie war , und daß es nicht recht sei vom lieben Herrgott , einer so schwarzen Seele Wohnung anzuweisen in einer so holden Hülle . Jeder Unbefangene mußte dadurch irregemacht werden . Zum Glück war Pavel kein Unbefangener ; ihn vermochte der Schein nicht zu täuschen . Er kannte diese Slava , und ob ihre Lippen sich im Sprechen bewegten , ob sie von lieblichster Sanftmut umschwebt aufeinander ruhten , er konnte sie nicht ansehen , ohne der Stunde zu gedenken , in welcher sie sich geöffnet hatten , um ihn dem Hohn und Spott preiszugeben mit der grausamen Frage : » Fahrst zum Vater oder zur Mutter ? « ... Verzeih allen - hatten Milada und Habrecht gesagt , und er , wahrlich , er wollte es tun ; aber der gemahnt wird zu verzeihen , wird er nicht auch zugleich an das gemahnt , was er zu verzeihen hat ? Die Erinnerung bildete die unüberbrückbare Kluft zwischen ihm und denjenigen , mit welchen Frieden zu schließen seine liebsten Menschen ihn beschworen . Die Frau Baronin hielt Wort ; die Schenkung wurde rechtskräftig gemacht ; Pavel war ein Grundbesitzer geworden . Das unerhörte Glück , das ihm vom Himmel gefallen , trug allerdings nichts bei zur Verminderung seiner Unbeliebtheit . Niemand gönnte es ihm ; sogar Arnost hatte , als ihm Pavel die große Nachricht gebracht , den Mund verzogen und gefragt : » Wie kommst du dazu ? « Auch der Förster und Anton äußerten im ersten Moment mehr Überraschung als Teilnahme . Was den Verwalter betraf , so sprach er der Frau Baronin gegenüber unverhohlen aus , sie habe sich von ihrer Großmut leider hinreißen lassen . Das Geschenk sei ein viel zu namhaftes und müsse in der Dorfbewohnerschaft Neid gegen den Empfänger erregen und Mißmut gegen die edle Spenderin . Die Frau Baronin begnügte sich damit , diese Äußerungen der Unzufriedenheit ihres ersten Würdenträgers zur Kenntnis zu nehmen , als jedoch der Herr Pfarrer dasselbe Lied anstimmte und von edlen , aber gar zu spontanen Entschlüssen der Frau Baronin sprach , entgegnete sie : Die Schenkung an Pavel Holub sei die Frucht eines von ihr ausnahmsweise langgehegten Entschlusses und durchaus keine zu großmütige , sondern die genau entsprechende Spende für einen braven , vom Schicksal bisher vernachlässigten Burschen , der überdies der Bruder der mutmaßlich zukünftigen Oberin eines Fräuleinstiftes sei . Hierauf schwieg der geistliche Herr . Aus dem Kloster war die Frau Baronin nach mehrtägigem Aufenthalt ganz vergnügt zurückgekehrt , hatte Pavel rufen lassen , ihm zahllose Grüße von seiner Schwester gebracht , ihn wegen seiner Sorgen um sie beruhigt und mit unendlicher Liebe und mit unendlichem Stolz von ihr erzählt . Die alte Frau wurde förmlich schwärmerisch in ihrer Begeisterung über das » Kind « . Der Allgütige selbst hatte ihr , der alten müden Pilgerin , das Kind gesandt , damit es ihr die letzten Lebensjahre erhelle und ihr die Pforten seines Himmels öffne . » Mache dich einer solchen Schwester würdig « , schärfte sie Pavel ein , und er faßte die besten Vorsätze , nach diesem Ziel , das ihm als das denkbar höchste erschien , zu streben , konnte aber den geheimen Zweifel , ob er auch jemals imstande sein werde , es zu erreichen , nicht loswerden . Doch kämpfte er redlich und wünschte heiß , daß die Frau Baronin und daß seine Schwester nur noch Gutes von ihm zu hören bekämen . Eine große Ängstlichkeit um seinen Ruf begann sich seiner zu bemächtigen . Die Sehnsucht , gelobt zu werden , die Freude an der Anerkennung erwachte in ihm , und er ahnte nicht , daß sie ihn so schwach machte , wie einst sein Trotz gegen die Menschen und seine herausfordernde Gleichgültigkeit gegen ihr Urteil ihn stark gemacht hatten . » Wer kann mir was nachsagen ? « wurde seine stehende Redensart . Ein scheeler Blick , ein rauhes Wort vermochten den sonst gegen die rohesten Äußerungen der Mißgunst Gefeiten zu beleidigen ; der Neid , den sein Besitztum erregte und der ihm in früheren Tagen die Freude daran gewürzt hätte , verdarb sie ihm jetzt . Sein Feld wurde zum Räuber seiner Ruhe und seines Schlafes , seine geliebte Qual . Sooft er es nach kurzer Trennung wiedersah , war es in irgendeiner Weise geschädigt worden , und er brachte , um es zu verteidigen , die Energie nicht auf , mit welcher er dereinst seine Ziegel verteidigt hatte . Er wollte nicht , daß der Frau Baronin zu Ohren komme , er habe sich wieder aufs Prügeln eingelassen , und überhaupt sollte sie nie erfahren , wie sehr das Geschenk , das sie ihm gemacht hatte , ihm bestritten wurde . Einmal fand er einen Teil des mageren , auf seinem Felde stehenden Weizens noch grün abgemäht . In der nächsten Nacht paßte er den Übeltätern auf , die auch wirklich in Gestalt einiger mit Sicheln bewaffneter Weiber und Kinder wiederkamen . Pavel begnügte sich damit , ihnen die Sicheln und die Grastücher abzunehmen , und trug dieselben am nächsten Morgen zum Bürgermeister . Der zeigte sich erfreut über dieses gesetzmäßige und schonende Vorgehen , versprach , den Schaden erheben zu lassen und das Diebsvolk zur Zahlung anzuhalten . Drei Wochen später lagen die Sicheln und Grastücher aber noch immer beim Ortsvorsteher , weil die Mittel , sie einzulösen , fehlten . Pavel ersuchte endlich selbst , sie ihren Eigentümern zurückzugeben , unter der Bedingung , daß die Leute zu ihm kämen , um sich bei ihm zu bedanken . Es geschah nur allzugern ; das war ein neuer , ein guter Spaß , so wohlfeil durchzuschlüpfen und sich dann zu bedanken bei Pavel , dem Gemeindekind . Alle , welche den Scherz mitgemacht , fanden ihn so lustig , daß sie beschlossen , sich ihn bald wieder zu gönnen . Die Diebereien hörten nicht auf , und Pavel fuhr fort , sich ihnen gegenüber erstaunlich wehrlos zu zeigen , während er andererseits eine außerordentliche Tatkraft entfaltete . Er hätte sich vervielfältigen , an zehn Orten zugleich sein und an jedem seinen Mann stellen mögen . Er rigolte einen Teil seines Feldes und bereitete es vor zur Aufnahme der Kirschbäumchen ; er half dem Schmied , wo er konnte ; der Förster verließ sich beim Anlegen der Waldkulturen auf niemanden so gern wie auf ihn und meinte , das Forstwesen wäre Pavels eigentliches Fach gewesen , wenn er sich ihm von Jugend auf hätte widmen können . » Und was für ein Schmied wäre er geworden , wenn er etwas gelernt hätte ! « sagte Anton . » Aber ein Gemeindekind läßt man nichts lernen ; die Grundlagen fehlen , und beim Anfang anzufangen , ist es jetzt zu spät . Er wird sich mit dem schlechten Feld plagen bis an sein Ende und doch nichts Rechtes herausbringen . « Diese Prophezeiung betrübte Pavel - ihn im Glauben an sein Feld zu erschüttern vermochte sie nicht . Er bestellte den alten Virgil , der sich seinem Pflegesohn , wie er ihn nannte , mit Haut und Haar geschenkt hatte und tagelang neben Lamur auf seiner Schwelle hockte , zum Hüter seines Grundbesitzes , und Virgil übernahm das Amt freudig , vermochte jedoch nicht mehr , es zu versehen . Vor seinen Augen vollzog sich Frevel um Frevel an Pavels Eigentum . Die Vorwürfe , die Virgil deshalb hören mußte , nahm er mit einem verschmitzt-schalkhaften Lächeln hin und sprach : » Geh , Pavlicek , was liegt dir an dem Krempel ? ... Du kannst ihnen bald die ganze Geschichte hinwerfen , wirst bald ganz andere Grundstücke haben . « Pavel geriet in Zorn , verwies ihm solche Reden und wandte sich rasch ab , um den Eindruck zu verbergen , den sie auf ihn hervorbrachten . Der Alte wurde immer aufgeräumter ; sein schwaches Lebensflämmchen schien neu aufzuflackern , indes der Sommer hinwelkte . Ein Wunder , das ihn beglückte , war im Begriff , sich zu vollziehen . Er , der gebrechliche Greis , sollte den jungen , starken Peter überleben . Ja , das war das einzige , das ihn freute ; er sollte den Peter überleben . Der Arzt machte kein Geheimnis daraus , daß er ihn aufgegeben ; alle Leute wußten es ; nur Vinska wollte es nicht glauben , und der Kranke selbst sagte : » Ich werde gesund , sobald ich mich ausgehustet habe . « Peter kämpfte mit dem Tode wie ein Riese ; je näher der ihm kam , desto mutiger wehrte er sich . » Nützt alles nichts « , vertraute sein Schwiegervater jedem , der es hören wollte , an ; » der erste Frost nimmt ihn doch mit ; der Herr Doktor hat es mir gesagt « - und Virgil konnte den ersten Frost kaum erwarten . Eines frühen Morgens , im Oktober , schallte der Klang des Zügenglöckleins durch das Dorf . An ein Fenster der Grubenhütte wurde geklopft , und Lamur schlug an . Pavel fuhr aus dem Schlafe ; die Tür seiner Stube war geöffnet worden . Virgil stand da , das Gesicht brennrot , die mit einem Rosenkranz umwundenen Hände auf den Stock gestützt , und sprach : » Was sagst dazu , Pavlicek ? die Vinska ist eine Wittib . « 18 Der Winter in diesem Jahre trat gleich im Anfang mit ungewöhnlicher Kälte und ungewöhnlicher Reinlichkeit auf . Der Schnee , der einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hindurch in kleinen , dichten Flocken aus massigen Wolken niedergewirbelt war , blieb silberweiß liegen ; auf den Fahrwegen bildeten sich glatte Schlittenbahnen , und schmale Fußpfade liefen glitzernd von Haus zu Haus und am Rande der Felder hin . An der Hütte Pavels vorbei schlängelte sich der meistbenützte von allen , der Pfad , den die Holzknechte auf ihren jetzt regelmäßigen Gängen in den herrschaftlichen Wald ausgetreten hatten . Wenn sie am Morgen an ihre Arbeit gingen , trafen sie Pavel schon an der seinen ; und wenn sie gegen Abend aus der Arbeit kamen , schien der unermüdliche Bursche gerade auf dem Punkt angelangt , auf dem der Fleiß zum Hochgenuß wird , zur seligen Besessenheit . Sie blieben dann meistens vor seinem Gärtlein ein wenig stehen , sahen ihm zu und wechselten ein paar Worte mit ihm . - Einmal tat Hanusch , der Roheste unter den Rohen , als ob er nicht imstande wäre zu erkennen , was für ein Ding das sei , mit dem Pavel sich plage . » Ein Dachstuhl wird ' s « , erklärte dieser . » So ? Baust noch ein Grubenhaus ? « - Nein , kein Haus , einen Stall beabsichtigte er im nächsten Frühjahr zu bauen . » Und was wirst einstellen ? « » Werdet schon sehen « , lautete Pavels Antwort , und Hanusch brach in ein Hohngelächter über seine Geheimnistuerei aus und rief , indem er den viereckigen Kopf zur Seite neigte und mit dem Pfeifenrohr nach den übrigen deutete : » Die werden ' s sehen , ich weiß ' s schon . Wett ' st um ein Seidel , daß ich ' s weiß ? « Das Gekicher der anderen bewies , daß sie eingeweiht waren in den versteckten Sinn der Behauptung ihres Gefährten . Pavel aber kümmerten diese elenden Neckereien wenig , und er sandte den Urhebern derselben , wenn sie sich endlich trollten , höchstens ein gelassenes : » Hol euch der Teufel ! « nach . Der Holzknechte wegen wäre es ihm nicht eingefallen , den an seinem Wohnort vorbeiführenden Fußsteig zu verwünschen ; er verwünschte ihn aus einem viel triftigeren Grunde . - Auf diesem Fußsteig kam jetzt ein- , auch zweimal die Woche Mägdlein Slava dahergewandert , als Botin der Frau Baronin an den Oberförster . Der alte Herr war krank gewesen , erholte sich langsam , und zur Unterstützung der Fortschritte seiner Rekonvaleszenz sandte ihm die gnädige Frau allerlei gute Sachen : edlen Wein aus ihrem Keller , feine Rehrücken , kräftige Hammelkeulen , und meistens war Slava die Überbringerin dieser Leckerbissen . Pavel bemerkte mit Verdruß , daß sie den Schritt verlangsamte , wenn sie in die Nähe seines Gärtleins kam , und seine Ansiedlung neugierig betrachtete . Was hatte sie zu betrachten , was hatte sie sich um seine Ansiedlung zu kümmern ? In guter Absicht geschah es gewiß nicht . Er gefiel sich darin , sein Vorurteil gegen sie zu nähren ; er überredete sich unter anderem , daß sie die Anführerin der Kinder gewesen , die ihm dereinst seine Ziegel zertreten hatten . Sie auf der Tat zu ertappen war ihm allerdings nicht gelungen ; aber das bewies keineswegs ihre Unschuld , es zeigte nur , daß sie sich darauf verstanden , rechtzeitig die Flucht zu ergreifen , die von ihr Verleiteten im entscheidenden Augenblick treulos verlassend . Wie sie an ihren Spießgesellen , hatten hundert- und hundertmal die Genossen seiner Bubenstreiche an ihm gehandelt : Er wußte , wie es tat , in der Patsche stecken gelassen zu werden . Nachträglich noch hätte er für sein Leben gern den Verratenen eine Genugtuung verschafft , sollte sie auch in nichts anderem bestehen als in einem an die Verräterin gerichteten eindringlichen Vorwurf . Gewöhnlich verbiß sich Pavel , wenn er Slava von weitem erblickte , derart in seine Beschäftigung , daß es nichts zu geben schien , wichtig genug , ihn darin zu unterbrechen . Einmal machte er aber doch eine Ausnahme . Da kam sie daher mit ihrem Henkelkorbe , leichten Ganges , vom Sonnenlicht umflossen , die Hexe , trug ein dunkles Wolltuch um das von der Winterkälte rosig angehauchte Gesicht geknüpft , eine gut gefütterte und doch ungemein zierliche Jacke , ein faltenreiches Röcklein , das bis zu den Knöcheln reichte , blau