Schreck und Schmerz die Ohren und den Mund zu , während er mit der Zunge einen abgeschlagenen künstlichen Zahn herausstocherte . Sie riß den Korb vom Boden auf und stürmte spornstreichs davon . Eine Wut hatte sich ihrer bemächtigt , daß sie alles über den Haufen hätte rennen mögen . Wenn ' s noch ein richtiges , fesches Mannsbild gewesen wäre , aber dieser grinsende Aff ' ! Ein Wäschermädel darf freilich nicht zimperlich sein und muß sich auf allerhand gefaßt machen , wenn sie mit Herren allein in einem Zimmer zu thun hat , das Mannsvolk kann von der Schmiererei und Druckerei nicht lassen , und die höchsten Herrschaften sind oft die allerunfeinsten und die Gebildeten die allerfrechsten , aber so etwas , wie dieser hinkende Teufel , nein , das war ihr noch nicht vorgekommen . Dieser unverschämte Hund . Na , das wird dem Doktor g ' steckt , der soll wissen , was für ein Vieh er zum Bedienten hat . Und die Geschichte mit der Monika soll ihm auch noch eingerieben werden . Und in Geldsachen gar nichts Nobles , niemals ein Trinkgeld , dazu die ewige Pumperei . Was wird nur die Frau Huber sagen , wenn sie heut wieder ohne einen Pfennig heimkommt ! Eine saubere Kundschaft ! Neulich hat sich der freche Hanswurst wurst gar auf den König hinausgeredet : der König zahle auch nicht gleich und der Herr Doktor hätte selber viel zu fordern ... Und wütend warf Anna ihren Korb von einem Arm zum andern , daß die weißen , steif gebügelten Hemden aufraschelten . In die Brandversicherungskammer mußte sie noch und in die Hofsägemühle an der Maximiliansbrücke und zum Konsul Schmerold in der Quaistraße . Da hatte sie sich in ihrem Zorn ja richtig verlaufen ! Links hinüber beim Jägerwirt ! In ihrer Hast hatte sie mit ihrem Korb ein kleines Kind gestoßen , daß es plärrend in die Straßenrinne fiel . Ein altes Weib keifte hinter ihr her . Jawohl , man kann auf jeden Bankert auch noch Acht geben ... Wie sie jetzt scharf um die Ecke bog , rannte sie einen Herrn , gerade auf den Leib . Es war Maximilian Schlichting . Nach der langen Sitzung bei Trostberg und dessen ermüdender Rede , die er wie im Halbtraum angehört , schwindelte ihm der Kopf . Er mußte sich noch eine Zeitlang in der Luft ergehen und seine Gedanken sammeln , bevor er den Besuch beim Preßbanditen unternehmen mochte . Am liebsten wäre er auf und davongegangen . Die ganze Welt ekelte ihn an . Was hat ihn nur so glötzlich in ihre schlammige Wirbel gerissen ? Was wollte sie eigentlich von ihm ? Als er noch abseits stand und mit allen Kräften des Leibes und der Seele seinen stillen Studien lebte , wie fühlte er sich da rein und gesund ! Jetzt mußte er knietief in ihrem Schmutze waten , warum ? Der Leiden und Leidenschaften anderer wegen . Zwischen gestern und heute dünkte ihm eine Ewigkeit zu liegen und er sich selbst ein Fremder geworden zu sein . Der glückliche Mensch in seiner Steinbrucheinsiedelei , der jetzt allen Stadtunrat hinter sich hatte ! Die glückliche Flora , die in Italiens paradiesischen Gefilden schweifen durfte ! Aber jetzt nicht daran denken ! Der Weg , ist jedem vorgezeichnet ; der muß gegangen werden . Jede Zögerung macht ihn nur mühsamer , jede Abschwenkung nur länger . Das Schicksal hat uns am Schopf und läßt nicht aus . Wer nicht gehen will , wird geschleift . An sein Ziel muß jeder , so oder so . Schlichting hieb mit seinem Stock eine matte Hochquart in die Luft , spuckte aus und nahm die Richtung nach der Behausung des Preßbanditen . » Wie mich der wahnsinnige Idiot wohl empfangen wird ? « Der Preßbandit hatte sich heute frühzeitiger ! denn sonst an sein ehrsames Handwerk gemacht » Morgenstunde hat Gold im Munde , « schmunzelte er , als er den Stoß Briefe gemustert hatte , den er auf seinem Tische vorfand : » Paillards Hand - und hier der Oberkomödiant Geiling - und hier die Dichterin Thusnelda Wechsler - das edle Kleeblatt seh ' ich immer gern , die wissen , was sie einem Manne wie mir schuldig sind - drei , vier , fünf unbekannte Pfoten - hier ein amtliches Siegel , hier wieder eins , die heb ' ich mir bis zuletzt auf , die Ämter soll der Teufel holen ; die Aktenschmierer sind einem Journalisten von meiner Befähigung immer aufsässig ; - hier ein Sendschreiben von meinem juristischen Nothelfer , dem Advokaten Dr. Ofenschlupfer , das ist eine Perle von einem Anwalt , der packt überall an und beißt sich durch wie ein Fuchs . Ohne seine freche Schnautze wär ' meine Strafliste noch einmal so lang geworden . Was will denn der Gute ? Seinem Klienten guten Morgen wünschen ? Das dürfte er schon , ich setze ihn reichlich in Nahrung ... Was ? Ein Absagebrief ? Er mag nichts mehr mit meinen Rechtsgeschäften zu thun haben ? Unmöglich . Das ist ein Irrtum , so sehr kann man sich nicht in einem Menschen täuschen . Da hat man mich bei ihm verleumdet . Ich muß ihn um Aufklärung bitten . Das lass ' ich nicht auf mir sitzen . Sofort ad notam . Ein halbes Dutzend Postkarten - zwanzig neue Abonnenten - hussa , das Geschäft blüht . Alte bring meinen Kaffee herein ! Der Tag fängt gut an . Heute laß ich mich nicht ärgern . Drei Hörnchen mehr , auch von dem Gugelhupf und viel Butter . Hörst Du , Alte ? « Die Thür seines » Redaktionsbüreaus « war nur angelehnt . Die » Alte « , wie er seine holde Gattin und Gebieterin titulierte , wenn er sie gemütlicher Stimmung wußte , war nebenan in der Küche mit der Zubereitung des Frühstücks beschäftigt . Die brave Dame mußte sich heute dieser Arbeit selbst unterziehen , weil gestern die Köchin plötzlich ins Gebärhaus abgeschoben wurde , allwo sie einer Frühgeburt entgegenbangte . Ein Ersatz war noch nicht gefunden . Das kleine Aushilfsmädchen , das man inzwischen angenommen , reichte gerade zur Stiefelputzerin und Thürsteherin aus . » Der Fetzen hätte uns die Schweinerei freilich ersparen können ; aber Jugend hat nicht Tugend , « bemerkte philosophisch der Preßbandit auf das wiederholte Gezeter seiner über diese » Schandweibsbilder « empörten Gattin . Jetzt erschien sie mit dem Kaffeebrett : Mokka , Rahm , Zucker , Butter , Gugelhupf , mürbe Brötchen - alles in Hülle und Fülle . Sie sah heute womöglich noch verluderter aus , als sonst ; sie schien sich eine besonders wüste Nacht geleistet zu haben . Nur mit einem fleckigen , rotwollenen Unterrock und einer weißen , zerknitterten Nachtjacke bekleidet , hingen ihre Brüste , die kein Schnürleib stützte , schlaff herab und die fleischigen Hüften traten , bei der hintern Abplattung ohne Kul , häßlich heraus ; die ungeordneten Haare flogen ihr wie eine schwarze Wolke um das gelbe Gesicht , in welchem die blau umränderten , unheimlich glühenden dunklen Augen , die scharf eingeschnittenen Nasenflügel und das geschwollene Oberlippenzäpfchen ebenso wilde Triebe wie die verwilderte Art der Befriedigung verrieten . Es war die Weib gewordene Sinnlichkeit , die Nananatur , gezügelt durch ein Bedürfnis nach hausfraulicher Häuslichkeit und Geschäftigkeit , wodurch das Rouéhafte der Überreife sich nicht zu voller Widerlichkeit zu entwickeln vermochte , so daß für das Wüstlingsauge das Lustweckende ihrer gealterten Erscheinung nicht allzu sehr beeinträchtigt wurde . » Laß Dir ' s schmecken , ich muß zum Kind hinüber , es scheint nicht ganz wohl , es ist so unruhig , ich glaub ' der rechte Eckzahn kommt . « » Das ist fatal . G ' rad heut , wo vornehmer Besuch angesagt ist ; der Paillard kommt und der Geiling und wer weiß was sonst noch Feines . Die mußt Du auf Dich nehmen , verstanden ? Ich hab ' viel zu thun ; ich muß heut auch wieder einen Schmarren zusammen dichten auf die Freibankmetzgerin Streibl , die gestern in Abrahams Wurstsack abgefahren ist . Der untröstliche Gatte und seine Dulzinea , die ich neulich mit dem Dreschflegel auf ihrem Liebeslager freundlich zusammengedroschen , haben die Weltgeschichte begriffen und ordentlich geblecht . Das poetische Märzveilchen , das ich auf das Grab der Seligen pflanzen will , hat er bestellt und hat die Dulzinea bestellt , ohne daß eins vom andern weiß , also springt ein schönes Doppelhonorar heraus . Das wird ein profitlicher Tag heute . Wie gesagt , wir müssen uns in die Arbeit teilen . Mach ' Dich nur recht schön , Alte . Du weißt , der Franzos und der Komödiant geben was aufs Äußere , das sind anspruchsvolle Lumpen , aber Lumpen , die sich nicht lumpen lassen . Schön gesagt , nicht wahr , Alte ? Aber daß Du mich nicht gar zu eifersüchtig machst ! Ah , Du kennst mich ... Einen Kuß ! ... Jetzt geh ' zu Deinem Kind ... « Während dieser geschäftsmäßig-zärtlichen Rede kaute er auf beiden Backen ; er war ein großer Freßvirtuos . Seine Mundwinkel trieften von Kaffee und Butterfett . » Was stehst Du denn noch da ? Geh ' zu Deinem Kind und putz ' Dich dann fein heraus , recht anmutig , graziös , duftig , wie es Geiling zu wünschen pflegt , der Weiberfeinschmecker . « » Ich hab ' Dich nur noch etwas fragen wollen , fällt mir aber nicht mehr ein . Es geht mir immer so , man kommt nicht zu Wort bei Deinem langen Geschwatz ... Ja so , wegen dem Attenkofer . Er soll Cheveauxlegers nackt photographiert haben ... « » Halts Maul . Das ist schon abgemacht . « » Und wegen der Frau Raßler , die jetzt auch ein Verhältnis mit ihrem Hauslehrer , einem gewissen Kandidaten Schlichting , haben soll . Gestern Abend soll sie bei ihm auf seinem Zimmer gewesen sein . « » Das ist wichtig . Aber die Person wird erst nächste Woche gründlicher verarbeitet . Das gibt dann ein weiteres Kapitel . Sehr gut . In der letzten Nummer hat sie schon spüren können , wo der Wind herweht . Die Anspielung auf den jungen Engländer war brillant , aber vielleicht zu fein . Na , da können wir ja nachhelfen . Warten wir die Wirkung noch ein paar Tage ab . Nach dem Engländer schlachten wir sie mit dem Hauslehrer ein - schließlich bleibt uns noch der Drillinger . Da wird nicht ausgelassen , bis sie Goldfüchse schwitzt . Bist zufrieden , Alte ? Also richte mir einstweilen den Stoff her . Ich will mir gleich den Namen notieren . Das gibt einen Hurenskandal . Jetzt geh ' zu Deinem Kind . Eins nach dem andern . Auf meinem Redaktionsbüreau muß Ordnung sein . « Er sagte stets nur noch zu » Deinem « Kind , seit er sich über die Zweifel der Vaterschaft in einer prügelfrohen Nacht endgültig mit ihr verständigt hatte . Sein Intimus und Adlatus , der Herr Leutnant Kropfer , hatte ihn sehr geistreich getröstet : » Gewisse Kinder sind immer mehr oder weniger Mosaikarbeit ; das bringt die Kunst so mit sich . Wenn das Mosaik gelungen ist , merkt kein Teufel mehr die einzelnen Stifte . Schließlich schätzt man das Kunstwerk und pfeift auf den Künstler . Amen Selah . Maraschino und Kompagnie . « Der Preßbandit hatte alles aufgegessen und aufgetrunken , sich das Maul abgewischt , das Kaffeeservice auf die Komode gestellt und beeilte sich nun , noch schnell ein bischen Toilette zu machen , das heißt : seinen Schnauz- und Kinnbart schwarz zu färben , seinen braunen Künstlersamtrock anzuziehen und seine Filzbabuschen gegen Lacklederschuhe zu tauschen . Das war seine kleine Eitelkeit . Seine größere war : sich jeden Morgen mit dem Helden von Lepanto , mit Cervantes , zu vergleichen . Wie er auf diesen grotesken Einfall kam ? Das war ein sinniger Gedanke der Dichterin Thusnelda Wechsler . Nachdem sie sein Schweigen über ihre erotischen Gedichte , richtiger , über ihre zahlreichen Liebschaften , die sie darin besungen , mit Champagnerkörben und Zigarrenkisten glaubte nicht mehr ausreichend erkaufen zu können , packte sie ihn am Eitelkeitszipfel . » Nein , schöner , heldenhafter Mann , wie Sie einem der größten Heroen der Kriegs-und Litteraturgeschichte gleichen , ist in der That wunderbar ! Sie sind Cervantes wie er im Buche steht . « » Wer ist Cervantes ? Ich erinnere mich im Augenblick dieses Namens nicht , « entgegnete er mit genialer Ignoranz . » O Sie liebenswürdigster aller Schäker , wie fein Sie mich täuschen wollen . Sie möchten Ihren großen Kollegen verleugnen , weil Sie ihm körperlich und geistig auf ein Haar gleichen : auch er war einarmig wie Sie , ein heroischer Soldat wie Sie , er hatte eine ritterliche Statur wie Sie , er gab ein Blatt heraus wie Sie - später wurde es gesammelt und als Buch veröffentlicht unter dem etwas spanischen Titel Donquixote , kurz : alles stimmt . « Und er : » Natürlich der Donquixote , ah , von dem hab ' ich auch gehört , der erfand ja all ' die dummen Streiche , die man heute noch Donquixoterieen nennt . Natürlich ! « Darauf sie : » Und hier verehre ich Ihnen einen sehr kostbaren Stahlstich , sein Porträt . « Er : » Nach einer ähnlichen Photographie angefertigt , wie ' s scheint . « - » Selbstverständlich . « - Seit jener Zeit hängt das Bild des Cervantes unter dem Spiegel im Redaktionsbüreau der » Kloake « - und der Preßbandit stilisiert seinen polizeiwidrigen Vagabundenkopf nach seinem , genialen Doppelgänger und » Kollegen « , dem Helden von Lepanto . Als seine Alte fragte : » Wen stellt das Bild vor , wer ist das ? « antwortete er ruhig-stolz : » Kollege Cervantes ; er soll mir sehr ähnlich gesehen haben . « Der Preßbandit erwog sogar den Gedanken , ob ' s nicht vorteilhafter und schöner wäre , vom nächsten Semester ab sein herrliches Wochenblatt , statt » Kloake « » Donquixote « oder » Der bayerische Donquixote « zu benennen . Allein die kluge Thusnelda Wechsler riet ihm von der Umtaufe ab . Erstens sei das Blatt unter dem ursprünglichen Namen zu großem Renommee gekommen ; zweitens klinge das Wort echt klassisch , denn die weltbeherrschenden Römer hätten schon eine Kloake mit dem Untertitel » Maxima « gehabt ; drittens habe das Wort außer der lateinischen Klassizität - was in einer ältlichen akademischen Kunststadt wie München schon an und für sich sehr empfehlend sei - einen Stich ins Naturalistische , wodurch die Sympathieen der allerneuesten Richtung in Litteratur und Kunst unfehlbar gewonnen würden , der französische Romanschriftsteller Zola z.B. sei von liebreichen und witzigen Kritikern schon des öftern der Großmeister der Kloakendichter genannt und seine berühmtesten Bücher mit Kloaken verglichen worden ; viertens habe das Wort wie das Blatt , dem es als Überschrift diene , wirklich so viel Lokalfarbe und Lokalgeruch , daß jeder kunstsinnige Münchener die Umtaufe schmerzlich empfinden müßte . Dem Kloaken-Journalisten leuchteten diese Gründe ein . Da er aber doch von dem Titelblatt seines Witzblattes nicht mehr vollkommen befriedigt war , so wollte er demnächst ein Preisausschreiben zur Gewinnung einer geeigneteren Titelvignette veranstalten ; als Prämie gedachte er dem siegreichen Künstler die erschienenen Kloaken-Jahrgänge , stilvoll in Schweinsleder gebunden , sowie eine seidengestickte Fahne und das Prädikat eines Ehrenmitgliedes der Kloaken-Redaktion anzubieten . Jetzt stand noch in der rechten Ecke des Titels ein geharnischter bayerischer Hiesl in einer Positur und mit einem Gesicht , als hätte er Rizinusöl statt Hofbräuhausbier aus seinem Maßkrug getrunken , und links ein Münchener Kindl mit einer so sündhaft verblödeten Fratze , als wäre es vom » Jungferntribut des modernen Babylon « ausgemustert worden . Diese Bilder konnten seinem ebenso originellen wie verfeinerten ästhetischen Gefühl nicht mehr genügen . Um neben seiner lokalpatriotischen und bajuwarischen auch seiner kaiserlich-deutschen Gesinnung gebührend Ausdruck zu verleihen , wollte er schon die Züge des bayerischer Hiesl in die des deutschen Reichskanzlers umwandeln ... Vorläufig mußte das alles Zukunftsmusik bleiben , so lange die wohllöbliche Polizei dem Kloaken-Witzblatt das Leben überhaupt noch so sauer machte . Lagen da nicht wieder drei Briefe mit unheilkündenden großen Amtssiegeln ? Der Preßbandit stierte mit seinem einzigen Auge darauf - nein , er mag sich jetzt seine rosige Stimmung nicht verderben lassen : er wird diese » Uriasbriefe « nicht lesen . Er setzte sich würdevoll in seinen Redaktionslehnstuhl und ließ noch einmal die freundlicheren Briefzeichen auf sich wirken . Dann öffnete er die Zuschrift der Dichterin Thusnelda Wechsler . » Hochzuverehrender Herr Chefredakteur ! Ihre gehorsame Dienerin hat wieder ein neues Buch verbrochen , diesmal einen Band Theaternovellen in Versen - Heyse ' sche Schule ! Darf ich Ihnen das Werk mit einer eigenhändigen Widmung als schwaches Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit zusenden ? Garniert mit einigen Büchsen russischen Sardinen und Kaviar ? Ich versichere Sie , es ist kein Kaviar fürs Volk - von der Tante Meier - sondern wirkliche feinste Primamarke . Ein durchreisender russischer Militär , Freund meines Freundes ... « » Und so weiter , « machte der Preßbandit , den Rest des Schreibens überfliegend . » Das genügt den Kaviar für mich , das Buch für den Antiquar . So gibt ' s besser aus . Eine brave Frau . Hat sich halt wieder einen jungen Leutnant abgerichtet , der Russe geht drein . Schwamm drüber . Leben und leben lassen . Nein , ich werde doch etwas über sie schreiben , ich werde sie über den Schellenkönig , den hochnäsigen Kollegen Heyse und Konsorten , loben . Unsere beliebte vaterländische Dichterin und echt deutsche Hausfrau Thusnelda Wechsler , welche so poetisch und taktfest zwischen Wiege und Schreibtisch Schritt zu halten weiß , ... welche in dem einen Jahr dem deutschen Vaterland einen strammen , das Geheimnis des Stechschrittes und des neuen Exerzierreglements schon im Mutterleibe empfangenden Krieger , in dem andern Jahr einen Band genialer Gedichte , keusch und lieblich wie Maienrosen , schenkt , ... dieses erhabene Muster von einem Dichter-Weib ... hat soeben ein neues Werk ... und weiter , und so weiter . Der Kaviar ist das Beste dran , aber das geht den Schafskopf von Publikum nichts an . Meine Besprechung wird Sensation machen . Mein Adlatus Kropfer muß sie ordentlich durchkorrigieren , wegen der verdammten Druckfehler , die mir von meinen schurkischen Neidern , den sogenannten Schriftstellern , immer als Schreibfehler aufgemutzt werden . Ich will jetzt gerade den litteraturstudierten Schimpansen zeigen , daß in mir ein kritisches Talent ersten Ranges schlummert , das ein paar Dutzend Professorendichter im Nu in die Pfanne haut und wirkliches Talent auf den Schild erhebt . Kloaken-Lob soll bald so furchtbar wirken wie Kloaken-Tadel . Auf den Kaviar freu ' ich mich . Das ist halt ein Schatzerl , die Thusnelda ... Wo nur heute mein Leutnant bleibt ! Er ist halt ein Liedrian , wenn er Geld hat . Ich muß ihm den Brotkorb höher hängen . « In diesem Augenblick ging die Thür auf und herein trat eine hochgewachsene Gestalt mit nägelbeschlagenen Bergschuhen , Wadenstrümpfen , nackten Knieen , kurzen Lederhosen , Lendengurt , Lodenjoppe , Filzhütchen mit Spielhahnfeder , das kecke Gesicht von einem mächtigen roten Vollbart umrahmt . » Grüß Gott , Chef ! « » Wenn man den Wolf nennt , kommt er g ' rennt . Aber in dem Aufzug ? Sie sind halt der ewige Fex ! « » Nix Fex . Auf den Wendelstein geht ' s. Einem Hamburger Alpisten muß ich den Führer machen . Es ist auch eine Alpistin dabei , ein schneidiges Weib , mit Waden wie ein Kanonenrohr . Ich wollte den Allerdurchlauchtigsten , Großmächtigsten um zwei Tage Urlaub gehorsamst gebeten haben . Es sind seine Leute , Geld haben sie wie Dreck . So was darf man niemals ausschlagen . Nur zwei Tage Urlaub . « » Und zwei Tage zum Ausschnaufen , macht vier . Die Redaktionsarbeit , he , und die neuen Bilder ? Ganze Berge von Briefen , Manuskript , Korrekturen ... « » Auf diesen Bergen kraxelt einstweilen der verehrte Chef mit Genuß herum . Bilder bring ' ich einen ganzen Rucksack voll mit . « » Ich danke . Einen Tag höchstens kann ich Sie fortlassen . Es liegt viel Wichtiges vor . Hier , helfen Sie nur wenigstens noch schnell die Korrespondenz erledigen . « » Eine halbe Stunde , meinetwegen . Her mit dem , Trödel ! Ich opfere mich . « Der Leutnant Kropfer warf sein Hütchen auf den Tisch , setzte sich rittlings auf einen Stuhl und griff nach den hingeschobenen Briefen und Karten . » Paillard hat sich melden lassen . « » Hm , hm , « machte der Leutnant aufblickend und den Chef fixierend , während er die Briefe und Karten wie Spielkarten mischte und mit Spielergewandtheit durch die Finger flattern ließ . » Warum hm hm ? Haben Sie etwas gegen den Mann ? « » Gegen den Mann nicht , aber gegen sein Metier , das heißt , eigentlich auch nicht gegen sein Metier , aber gegen die unvorsichtige Art wie er ' s treibt . Man wittert Unrat . « » Man ... wer wittert ? « fragte der Preßbandit lauernd . » Rücken Sie erst einmal mit einer seinen Havanna heraus und einem anständigen Glas Schnaps . Mein Magen lechzt nach einer guten Idee . Mein Morgensegen , wollte sagen mein Frühstück hat zu wünschen übrig gelassen . Ich muß die Pepi abschaffen . « » Das ist Ihre Sache . Bleiben Sie bei der Stange , Kanonendonnerwetter . Dort im Wandschrank . Am End ' soll ich Sie noch bedienen ? « » Könnt ' Ihnen nichts schaden . Da lernten Sie wenigstens noch notdürftig gute Lebensart . « Der Preßbandit knirschte mit den Zähnen , » Also wer wittert ? « Kropfer , nachdem er sich gemächlich ein Glas Wisky eingeschenkt und eine Havanna angezündet hatte , setzte sich wieder rittlings auf seinen Stuhl und begann mit aller Seelenruhe : » Sie machen Unsinn über Unsinn . Was gehen Sie die Privatliebhabereien des Königs an ? Was sticheln Sie noch auf den Separatvorstellungen herum und auf den nackten Himmelsjungfrauen in dem Königsstück Urvasi , jetzt , wo der König weder ins Theater , noch überhaupt nach München geht ? Was haben Sie sich an dem Kriegsminister mit faden Witzen zu reiben und am bayerischen Generalstab und am Raupenhelm ? « ... Der Preßbandit bohrte sich mit den Fingern in die Nase und strich die grauen Flöckchen an seinem Gesäß ab . » Lassen Sie mich doch mit diesen Geschichten in Ruhe . Das muß ich als alter Haudegen so gut verstehen als irgend einer . « » Und wie stimmt Ihr bajuwarischer Patriotismus , mit dem Sie immer so dick thun , zu diesen gefährlichen Taktlosigkeiten ? « » Patriotismus ! O Sie Kindskopf . Das steckt man zum Fenster hinaus , wenn man ' s braucht , und stellt ' s hinter den Ofen , wenn ' s seine Schuldigkeit gethan . Wie Sie das Geschäft naiv auffassen : gerade durch diese sogenannten Taktlosigkeiten steigen meine Verhimmlungsgedichte im Preis , die ich bei feierlichen Gelegenheiten auf das Herrscherhaus loslasse . Auf meinen Nutzen komm ' ich immer . « » Und ich bleib ' dabei : es ist undiplomatisch , das Staatsoberhaupt in die Kloake zu ziehen . Wenn ' s in der Fechtschule stinkt , was geht das Ihr Riechorgan an ? « Der Preßbandit wollte aufspringen . » Bleiben Sie nur auf Ihrem Allerwertesten sitzen . Das Sündenregister ist gleich zu Ende . Ich beschränke mich mir auf die Hauptsachen , ich habe keine Zeit auf Nebendinge einzugehen . Was haben Sie sich mit dem anrüchigen Baron Schneidmeyer einzulassen , mit diesem Urstrizzi ... ? « Jetzt brach der Preßbandit in ein breites Lachen aus . » Also aus dem Loch pfeift ' s ? Das ist der kurzen Rede langer Sinn ? Der Schneidmeyer ist Ihnen unbequem , da streck ' ich die Waffen . Persönliche Abneigung , Eifersucht ... « » Sie haben nie einen vernünftigen Zusammhang begriffen . Da fehlt ' s halt an den Anfangsgründen . Ihnen muß man mit dem Zaunpfahl winken : Schneidmeyer gilt in den maßgebenden militärischen Kreisen als ein Subjekt , dem man alles zutrauen kann - und man traut ihm alles zu , verstanden ? Fragen Sie einmal nach , was man in Ingolstadt für Augen macht , sobald er sich innerhalb des Festungsrayons blicken läßt . Die Spionage hat zudem niemals einen dümmeren Dilettanten gehabt , als diesen unfähigen Leutnant a.D. ... « » Ich bemerke Ihnen , daß das Wort Spionage in meinem Redaktionsbüreau nicht ausgesprochen wird . « » Gut . Ich werde es künftig bloß buchstabieren . Nichtsdestoweniger wird man von Oben bald in Ihre Karten blicken , wenn Paillard und Schneidmeyer fortfahren , sich in der Weinrestauration am griechischen Marktplatz mit den bekannten Damen eine Champagner-Schwemme zu leisten - in dem best beobachteten Buen Retiro von ganz München . Fragen Sie doch einmal Ihre Gattin ! « » Also dort wittert man Unrat ? Hahaha . Mein lieber Leutnant , steigen Sie auf Ihren Wendelstein und putzen Sie sich die Nase in der Gebirgsluft . Wenn das alles ist , was Sie an Verdachtsmomenten bezüglich Paillard und Schneidmeyer aufgelesen haben , dann können wir ruhig schlafen . « » Wen die Götter verderben wollen , den schlagen sie mit Blindheit . Ich an Ihrer Stelle ginge in dieser gefährlichen Richtung nicht weiter . Für Paillard und Schneidmeyer würde ich wenigstens meine Haut nicht zu Markte tragen . « » Fällt auch mir gar nicht ein . Ich bediene diese Kerls mit Dummheiten - und empfange dafür gutes Geld , was ist weiter dahinter ? Die kleinen Scherze vermittelt übrigens meine Frau . Wer will mir etwas nachweisen ? Alles Schriftliche , was dabei gewechselt wird , liest sich wieder Liebesbrief eines Backfisches . « Wahllos hatte Kropfer einen der Briefe , die vor ihm lagen , geöffnet und überflogen . » Liest sich das etwa auch wie ein harmloser Liebesbrief ? « fragte er leichthin , dem Preßbanditen das Schreiben überreichend . » Vom Bankier Weiler - französisch ? Ich kann ja gar nicht französisch . Der Esel ! Übersetzen Sie mir ' s , bitte . « » Der Inhalt lautet ungefähr so : Habe Sie gestern nicht mehr im Hotel getroffen , wichtige Idee mitzuteilen , Louis findet nach neuesten sicheren Nachrichten fast den ganzen Weltmarkt für Kabinettskassa-Anleihe verschlossen - Französisches Kapital letzte Zuflucht - Brillante Situation - - Welche französische Partei - - bayerische Gegenleistung im Kriegsfall - Schreiben Sie mir sofort Ihre Meinung über dieses Riesenprojekt . Ich muß auf einige Tage verreisen . « » Das an mich ? Meine Meinung ? Ich verstehe nicht . Als Finanzgenie habe ich mich selbst noch nicht erkannt . Lautet der Brief wirklich so ? Das ist ja sehr rätselhaft und zugleich sehr schmeichelhaft für mich . Welche Perspektive - Verbindung mit der großen Finanzwelt , mit dem Weltmarkt , mit den Bankiers der Könige . Nun zittert , ihr Münchener Pimpelhuber , wenn ich mich noch mit den Geldmächten alliiere , sprenge ich euch in die Luft , daß ihr eure Knochen auf dem Mond zusammenlesen könnt ... Was sagen Sie jetzt , Sie Hasenfuß ? Imponiere ich Ihnen wieder einmal , he ? « » Das haben Sie immer gethan ... Sie sind ein Koloß an Phantasie und Kühnheit ! Aber alle Wetter : da sehen Sie her - hier das Briefkuvert : Herrn Paillard , per Adresse Redaktion der Kloake . Per Adresse ! An ihn , nicht an Sie ! Ich drücke mich . Ich wasche meine Hände und Füße in Unschuld . Sehen Sie zu , wie Sie dem Franzosen diese Verletzung des Briefgeheimnisses annehmbar machen . Übermorgen Abend erstatte ich Rapport . Adieu Chef ! Und vergessen Sie nicht : in erster Linie wollen wir die werten Mitmenschen nicht amüsieren und nicht ärgern -wir wollen sie ausbeuten ! Adieu ! Herrgott von Strambach , schier hätt ' ich Ihnen zum Abschied das für mich Wichtigste nicht auf die Seele gebunden : hüten Sie sich vor meinem journalistischen und leiblichen Doppelgänger in Tiefschwarz , vor dem schönen Schlemming Peterl . Alle Achtung vor seiner Geschicklichkeit , aber einen erbärmlicheren Hallunken hat die Münchener Sonne noch nicht beschienen . Ich weiß , daß er mich bei Ihnen verdrängen will , daß er Ihnen schon Proben seiner Karikaturen und Reimereien vorgelegt hat um einen Spottpreis ... Sie würden ekelhafte Erfahrungen machen mit diesem Schweinekerl . Als verabschiedetem Leutnant wurde ihm wegen schmutzigster Pumpgeschichten und Zechprellereien das Recht aberkannt , die Uniform zu tragen ... « » Beruhigen Sie sich , mein lieber Kropfer , Ihr schwarzer Doppelgänger ist mir selbst für die unterste Sparte der Kloake zu schlecht . « » Gott segne Sie für diese Einsicht . Adieu , Chef ! « Unter der Thür begegnete er der Frau des Preßbanditen . Sie war sehr raffiniert geschminkt . Das Korsett arbeitete die schlaffen Brüste monumental heraus und hob sie bis zum Kinn empor . Der Leib hatte durch die geschickte Schnürung fast elegante Formen gewonnen . Das Haar war am Scheitel in krauser Struppigkeit von einem Schildpatkamm gehalten , über die Stirn fielen wilde Ringellöckchen bis zu den hohen , mit einem kräftigen Tuschstrich markierten Augenbrauen herab . » Sie ist wollüstig schön in ihrer roten Trikottaille , « sagte sich der Leutnant , begnügte sich aber , sein Wohlgefallen nur in einem heißen Blicke auszudrücken . » Wollüstig schön , « wiederholte er auf der untern Treppenwendung , indem er zu ihr emporschaute und ihr einen Handkuß zuwarf .... » Viel