gefällt mir am besten ! « unterbrach Marie die Rede des Mannes und seinen Spaziergang im Zimmer zugleich . Mit einem » Wieso ? « blieb er stehen . » Ei , wenn ihr erst das gute Volk mit der Kenntnis des menschlichen Körpers und der regelmäßigen Pflege der Gesundheit zu einem einzigen Hypochonder gemacht habt , so kann es sich an der Volksmusik herrlich wieder aufheitern ! Und so wird die Demokratisierung der Kunst , von der du damals , erinnerst du dich ? an der Hochzeit unserer Kinder gesprochen hast , immer mehr ihren wohltätigen Einfluß bewähren ! Aber fahre lieber fort ! « » Ich bin bald am Ende ! Nähern sich die jungen Männer ihrem zwanzigsten Lebensjahre , etwa im achtzehnten , werden sie staatsbürgerlich eingeschult . Die Verfassungskunde haben sie schon in der Alltagsschule rasch durchgemacht als Knaben ; jetzt wird sie in den flüchtigeren Köpfen halb verblaßt sein . Sie wird also nochmals kräftig aufgefrischt und abschließlich sodann der ganze Kreis der Gesetzgebung für das Verständnis geöffnet , kurz ehe sie in den Genuß und die Pflichten der Volksrechte eintreten . Ich dächte , das wären Sachen genug , die Zeit auszufüllen ! Schwierig wird es im Anfang wohl sein , gleichmäßig und beharrlich vorzugehen , doch es wird gehen müssen , wenn die Rechte selbst nicht eine Ironie werden sollen ! Ich habe noch vergessen , daß nebenher jeder junge Bursche lernen soll , sich einen schlichten Tisch oder eine Bank zu zimmern , und daß auch hiefür auf eine Einrichtung zu denken ist ! « » Das letztere ist gut , es wird den Übermut unseres üppigen Handwerkerstandes dämpfen ! Die Axt im Haus erspart den Zimmermann ! « bemerkte Frau Marie . Martin machte ein ebenso rätselhaftes Gesicht wie seine Frau , da er nicht wußte , wie es gemeint war ; denn der genannte Stand war just übel dran . » Mein Vortrag scheint nicht deine durchgehende Billigung zu haben ! « sagte Martin , abermals vor ihr stehenbleibend . » Es ist dir zu vieles darin , nicht wahr ? « Aber mit ernster Miene und prüfend zu ihm aufblickend , erwiderte sie : » Nein , lieber Mann ! Es fehlt mir im Gegenteil noch etwas ziemlich Wichtiges an dem Programm , was aber vielleicht nicht dazu gehört und einer besonderen Entschließung vorbehalten ist . Vergessen oder übersehen worden kann es nicht sein ! « » Was wäre denn das ? Vielleicht die obligatorische Kochschule auf Staats- und Gemeindekosten ? Aber die gehört in das Programm der Mädchenerziehung , das auch in Aussicht genommen ist . Du wirst ohne Zweifel in die betreffende Frauenkommission berufen werden und dich als meine Gattin nicht wohl entziehen können ! « » Das meine ich alles nicht ! Ich meine den schrecklichen Kriegszug , welchen die Schweizer nach Asien oder Afrika werden unternehmen müssen , um ein Heer von Arbeitssklaven oder besser ein Land zu erobern , das sie liefert . Denn ohne Einführung der Sklaverei , wer soll denn den ärmeren Bauern die Feldarbeit verrichten helfen , wer die Jünglinge ernähren ? Oder wollt ihr diese besolden , bis sie zwanzig Jahre alt sind und dann alles verstehen , nur nicht zu arbeiten , den gezimmerten Tisch und die Bank ausgenommen ? « » Aber Marie ! Was soll denn das heißen ? « sagte Martin mit rotüberlaufener Stirne ; » du erwiderst ja mein ehrerbietiges Vertrauen heute mit lauter Satiren , und das von den bittern ! « » Verzeih mir , Martin ! Ich bin nicht bitteren Herzens , ich weiß ja , wie du in allem gesinnt bist ! Ich bin bloß ein bißchen traurig , weil ich auch weiß , daß du einer großen Enttäuschung entgegensteuerst , und das tragen wir in unserm Alter nicht mehr so leicht wie früher ! « » In unserm Alter ? Woher sind wir alt , wenn wir es nicht wollen sein ? Und was die Illusionen betrifft , so tun sie nicht weh , so wenig als bunte Seifenblasen , die uns an der Nase platzen ! « Dies sagte er mehr zum Scherz , um den ernstgewordenen Ton der Frau abzulenken , der ihm unbequem wurde . Denn unter den zahlreichen Gegnern des so ausgedehnten Unterrichtswesens hatte noch nicht ein einziger Mann gewagt , sich in dieser Weise zu äußern . » Lassen wir jetzt die Geschichten , die dich nicht freuen , « nahm er wieder das Wort , » und kommen wir auf die Kinder zu reden , deren Hochzeit du vorhin gedachtest ! Ich wollte dich schon einmal fragen , warum man die jungen Frauen nie mehr sieht . Oder ist die eine oder andere in meiner Abwesenheit gekommen ? Früher , im Anfang , trafen sie gern etwa bei uns zusammen , wenn sie die Männer in die Stadt begleiteten , das ist auch seit geraumer Zeit nicht mehr geschehen . « Marie Salander wurde noch viel ernster , als sie schon gewesen war , sagte aber nur : » Ich weiß nicht , was es ist , es fällt mir auch auf . Aus ihren knappen Briefchen ist schon lang nichts mehr zu entnehmen , was sie näher angeht . Ich dachte , du wüßtest mehr von ihnen , weil du ja mit den Schwiegersöhnen verkehrst , die sich noch weniger hier sehen lassen . « » Es hat auch aufgehört bei mir ! Ich habe mich ihrer Dienstleistungen in ihren Bezirken vertraulich bedient ; als ich aber wahrnahm , daß sie zu viel Brimborium dabei machten und namentlich jede unbedeutende Geschichte zu einer Reise und Lustbarkeit benutzten , hielt ich es als Schwiegerpapa für meine Pflicht , diese Art Verkehr einzustellen . Übrigens alles ohne üble Nachrede , denn es sind immer noch junge Leute ! « Frau Salander seufzte erst jetzt ein weniges , als sie sagte , sie wisse doch etwas mehr als der Mann , obschon nichts Erkennbares , und wolle nicht länger damit zurückhalten . Sie fuhr also fort : » Seit einem halben Jahre ist weder Setti noch Netti mehr hier gewesen ; von guter Hand habe ich jedoch vernommen , daß sie untereinander sich seit länger als einem Jahre nicht mehr sehen , daß sie sich sogar zu vermeiden scheinen , so gut sie können , während sie in den ersten Zeiten ihrer Verheiratung einander jede Woche einmal besuchten , bald im Lautenspiel , bald auf dem Lindenberg zusammensaßen . Was ist nun das ? Was ist geschehen ? Ich weiß es nicht , und niemand will es wissen ! « » Vielleicht ist es eine Kinderei , « meinte Salander einigermaßen betroffen , » vielleicht doch mehr ! « setzte er nach einer Minute Nachdenkens hinzu ; » am Ende hat sich der Zwillingswahn , von dem sie besessen waren , in eine andere Idee verwandelt oder ein Junges bekommen , da sie selbst noch kein Kind haben ! « » Vielleicht und am Ende « , entgegnete die Frau , » wäre es ein Glück , wenn sie überhaupt keine Kinder bekämen . Es will mich eine Ahnung beschleichen , als ob etwas nicht in Ordnung wäre und die Kinder nicht wagten , sich uns anzuvertrauen , namentlich mir , weil sie nur ihrem Willen gefolgt sind . « » In diesem Falle müßte man doch suchen , dahinterzukommen und ihnen zu helfen ! « » Das habe ich schon gedacht ; aber wie , ohne mehr zu schaden als zu nützen ? « » Ich glaube , das einfachste wäre , sie beide eines schönen Tages mit unserer Heimsuchung zu überraschen , die wir den Leutchen sowieso schuldig sind ; wir waren erst einmal bei jeder Partei ! Wenn wir bei gutem Wetter mit einem Morgenzuge nach Unterlaub führen , zu Setti hinauswanderten und uns dort ein oder zwei Stunden aufhielten , so würden wir zunächst ungefähr merken , wie es dort steht oder ob etwas zu erfahren ist . Dann kutschieren wir auf der Kreuzbahn nach Lindenberg hinüber und fordern Setti auf , mit uns zu Netti zu kommen . Wir werden ja sehen , ob sie ' s tut oder was sie sagt und was sich weiter begeben wird . Abends sind wir bequem wieder hier . « Der Frau Salander war dieser Vorschlag willkommener wie auch die Besorgnis tiefer , als sie erraten ließ . Sie verschoben die Fahrt deswegen aber keineswegs ; an einem der nächsten Tage reisten sie nach der Station bei Unterlaub und gingen zu Fuß in das sogenannte Lautenspiel . Als sie die liebliche Lage des Hauses in dem lichten Buchenbestande , der es zur Hälfte umgab und vom Finkenschlag widerhallte , mit neuem Wohlgefallen erblickten , sagte Martin Salander : » Es müßte doch nicht mit rechten Dingen zugehen , wenn in diesem idyllischen Frieden ein ernstliches Unheil gedeihen könnte ! Wie reinlich ist der Kies auf dem ganzen Platz geharkt ; und auch das Parkgehölz ist in sauberstem Zustande , und darüber weg sieht man noch eine mächtige Kronenfülle des eigentlichen Forstes sich links die Höhe hinanziehen ! « » Ja , es ist schön hier ! « antwortete Frau Marie , » vielleicht nur zu schön für müßige Herzen ! « Sie gingen um das Haus herum , wo an der hinteren Türe wie an der vorderen eine kleine Orangerie in alten Kübeln aufgestellt war . Bei einem der Bäumchen stand Frau Setti Weidelich in schönem Kleide , mit dem Ausbrechen abgängiger Blätter beschäftigt . Ihr Gesicht schien im Profil schmäler als früher , blasser und vor allem freudlos . » Da sieh ! « flüsterte Marie Salander , den Mann am Arme berührend . Er blieb einen Augenblick stehen und sah die Tochter , ging dann aber um so rascher vorwärts , so daß Setti die im feinen Kiese knirschenden Schritte hörte und sich wendete . Kaum erblickte sie Vater und Mutter , so strahlte ungewohnte Freude auf ihrem Gesichte , einen Schleier der Wehmut durchbrechend , der sich gleichzeitig darüber verbreiten wollte . Aber nur zögernd trat sie ihnen entgegen , bis sie sah , daß die Eltern die Schritte beschleunigten , und ihnen nun in die Arme flog . » Muß man dich aufsuchen , wenn man dich einmal sehen will ? « fragten sie , » und Netti auch ? Was ist das für eine Aufführung ? « Setti errötete stark und schlug die Augen nieder . » Ich weiß nicht , ich komme nicht von Hause weg , « entgegnete die junge Frau verlegen , » aber habt ihr denn Netti auch nicht gesehen ? « » So wenig wie dich ! Wo fehlt es denn ? « fragte die Mutter . » Wo sollte es fehlen ? Auch die zufälligen Ursachen können sich ja gleichen und überall dieselben Folgen haben ! Aber wollt ihr nicht ins Haus kommen und ausruhen , liebe Eltern ? Wie sehr erfreut ihr mich ! Darum hat es nur auch so schön geträumt in der vergangenen Nacht ! « » Geträumt ? Und was denn ? « fragte der Vater . » Es war mir , als sei ich ein kleines Kind , das auf der Landstraße wandert und nicht weiß , wohin . Am Arme trug ich ein Säcklein , worin sich ein Apfel und ein Stück Brot befand . Ich hatte Hunger und setzte mich auf einen Stein ; allein das Säcklein war so fest zugeschnürt mit einem verwickelten Knoten , daß ich nicht zu dem Brote gelangen konnte und mir sehr weinerlich wurde . Da sah ich plötzlich mir gegenüber ein Haus in einem prächtigen Blumengarten , in welchem Musik ertönte und ein großes Tellerklappern und Gläserklingen , und denkt euch ! an eines der offenen Fenster traten ein Herr und eine Frau mit Blumensträußen in den Händen , und das war niemand anders als Herr und Frau Salander , die Hochzeit hielten ; jung und sehr hübsche Leute waret ihr und sahet , daß ich mein Säcklein nicht auftun konnte und dazu weinte ; so rieft ihr mich zu euch hinauf . Ich kam sogleich , und der Vater sagte : Zeig her dein Säckchen , wir wollen dir ' s aufmachen . Du löstest den Knoten und hieltest es geöffnet der Mutter hin , die griff hinein und zog das Regenbogenschüsselchen hervor , das sie uns Kindern einst gezeigt , als wir ungegessen ins Bett sollten . Es war aber eine ordentliche goldene Schüssel oder vielmehr ein Teller . Potztausend ! rieft ihr beide , wie heißt du , kleines Mädchen ? Als ich es sagte , hieß es : Der Name ist uns nicht unbekannt ! Wir wollen dich an Kindes Statt annehmen um dieses schönen Tellers willen . Da mußte ich zwischen euch an dem Tische sitzen , bekam herrliche Krebssuppe auf den goldenen Teller , daß der Nasenzipfel des Heinricus Rex kaum noch durchschimmerte . Die Krebssuppe , von der ich geträumt , hängt offenbar mit den Krebsschalen zusammen , mit welchen die Erdmännchen im Märchen der Mutter geharnischt waren . Merkwürdigerweise war ich auf meinem Sessel als Kind so groß wie alle anderen Leute ! « So plauderte Setti vergnügt und zufrieden die Treppe hinauf . » Träume sind Schäume , « sagte der Vater . » der deinige soll dir indessen bedeuten , daß wir dich jederzeit von neuem adoptieren ! Nicht wahr , Marie ? « Die Mutter nickte nur , und da sie zugleich in die Stube traten , fragte sie : » Wo ist denn dein Mann ? Darf man denn in die Kanzlei gehen , ihn zu begrüßen ? « Die Tochter wurde sofort wieder ernster und errötete abermals , als sie erwiderte , Isidor sei ins Dorf gegangen , wo er Geschäfte habe und zuweilen einen Frühschoppen nehme , besonders wenn etwas Politisches um den Weg sei . Er werde wohl bald kommen , sie wolle übrigens den Schreiber schicken , ihm zu sagen , wer da sei . » Durchaus nicht ! Laß ihn nur ungestört ! « sagten die Eltern gleichzeitig . » So bitte ich , zu befehlen , was ihr für den Augenblick genießen mögt , ein Glas süßen Wein , eine Tasse Tee oder Bouillon ? Auch Schokolade haben wir . « » Wenn die Fleischbrühe schon kräftig genug ist , so gib uns ein paar Löffel voll , der Vater nimmt sie auch am liebsten , wie du weißt « , entschied die Mutter ; » mach indessen keine Umstände mit uns , wir wollen uns keineswegs gütlich tun ! Und für den Mittag triff nun gar keine weiteren Anstalten , hörst du ? Wir sind mit allem zufrieden ! « » Liebe Mutter , ich muß doch etwas dazu holen lassen , nur ein Stückchen Fleisch , ein paar Fische aus unserm Weiher , schon des Mannes wegen ; er würde sich sonst geniert fühlen . Bitte , laß mich machen ! « » Nun , so mach zu , du mußt es besser wissen ! « versetzte Frau Marie , » sag aber : du kleidest dich im Haus ja wie eine Prinzessin ! Dreh dich einmal um , das ist ja ein Staatsrock ! Der Tausend , was für Garnituren ! Und hast nicht einmal Besuch erwartet ! « Wiederum blickte Setti zur Seite , als sie berichtete , der Mann wolle es so haben und sie müsse es des lieben Friedens willen tun . Nun sei sie es gewöhnt und wisse kaum noch , daß sie hübsch gekleidet gehe . Martin Salander fragte , ob ihr Schwager Julian es auch so mache , worauf sie erwiderte : » Freilich ! Sie tun in allem das gleiche , und ich glaube nicht , daß sie es verabreden ! « » Was , diese jungen Schnaufer ? « warf die Mutter dazwischen . » Auf diese Weise braucht ihr ja die Zinsen von eurer mäßigen Mitgift allein für die Kleider ? « » Ich glaube , wir wissen beide nicht , was wir eigentlich brauchen ; denn die Männer heben alles auf den Kanzleistuben in den feuerfesten amtlichen Kassenschränken auf , und alles , was zu bezahlen ist , holen sie dort . « Die Frau Notarin ging hinaus , ihr Geschäft zu besorgen , worauf die Mutter zu Herrn Salander sagte : » Da haben wir nun die mütterlich liebevollen , die Jünglingsmänner so wohltätig beeinflussenden Gattinnen ! « » Ich bin ganz stupid ! « entgegnen er , » das sind ja verfluchte Kerls von Tyrannen ! In dem Punkte haben die Mädchen , wie es scheint , völlig recht behalten : sie werden bald Männer sein ! Wenigstens ihren Weibern sind sie gewachsen ! « Als Setti zurückkam , sprach die Mutter zu ihr : » Wir haben uns vorgenommen , nach dem Essen nach Lindenberg zu fahren , um auch deine Schwester Netti zu sehen . Wir rechneten darauf , dich mitzunehmen , um euch beieinander zu haben . Du kannst doch abkommen ? Du fährst abends hieher zurück ! « Die Tochter erschrak sichtlich bei dieser Eröffnung und erbleichte . » Ich weiß doch nicht , « meinte sie , » ob ich heute weggehen kann . Isidor hat von Geschäften gesprochen , die er nachmittags irgendwo zu verrichten habe . Wenn niemand da ist , so schleicht sich der Schreiber auch weg . « » Und da mußt du die Kanzlei hüten ? « » Jedenfalls das Haus ; es steht so abgelegen , daß ich die Magd nicht allein darin lassen kann ; auch weiß ich den Leuten , die dies oder das zu fragen kommen , eher Bescheid zu geben . Zuweilen arbeite ich sogar ein wenig für die Langeweile , wenn die Kanzlei leer steht , und habe schon manche Hofbeschreibung kopiert ! « Das ließ sich alles hören ; allein sie brachte es so ängstlich vor , daß eine gewisse Scheu , mit nach Lindenberg zu gehen , nicht mehr zu verkennen war . Aus der letzten Bemerkung schöpften die Eltern überdies den Verdacht , die Tochter werde zum Abschreiben angehalten , so unwahrscheinlich es sie sonst gefunden hätten , daß sie es leiden würde . Genug , die Mutter vermochte nicht länger die Zeit zu verlieren , dem Ziele ihres Ausfluges näherzukommen , und sagte , die Hand der jungen Frau ergreifend , mit milden , aber eindringlichen Worten : » Sag uns jetzt den wahren Grund , warum du nicht mitgehen willst ! Wir sind deshalb gekommen und wollen erfahren , was zwischen euch vorgefallen ist , daß ihr nicht mehr miteinander verkehrt und euch bei uns nicht mehr blicken laßt ! Warum bist du so gedrückt , ja traurig , wirst rot und bleich , und vielleicht finden wir deine Schwester im gleichen Zustand ! « » Rede nur , Kind , es muß sein , wir gehen nicht fort , ohne Klarheit zu haben ! « fügte der Vater hinzu . Die Tochter stand da , ohne ein Wort hervorzubringen . Die Eltern wurden selbst verlegen und wußten nicht , sollten sie weiter in die Tochter dringen oder nicht . Zuletzt sagte Salander noch aufs Geratewohl : » Ist vielleicht das Glück ausgeblieben oder schon verschwunden , auf das ihr hofftet ? « » Ja , so ist es ! « antwortete Setti fast tonlos . Sie zog ihre Hand aus derjenigen der Mutter , suchte nach dem Taschentuch und bedeckte sich Mund und Augen , indem sie ein krampfhaft ausbrechendes Schluchzen zu ersticken suchte . Sie ließen die Arme sich etwas erholen , ehe sie weiterforschten . Endlich fing sie von selbst wieder an . » Es ist nichts mit ihnen ! Sie haben keine Seelen ! O Gott , wer hätte das denken können ! « » Wer ? Ihr selbst ! « sagte die Mutter , die sich die Tränen zornigen Mitleidens aus den Augen rieb . » Wir wissen es und schämen uns vor Vater und Mutter , und an den jungen Bruder mögen wir gar nicht denken ! Aber auch vor uns selber schämen wir uns gegenseitig und können uns nicht ansehen . Sobald wir der schrecklichen Täuschung recht innegeworden sind , haben wir uns fliehen müssen wie Menschen , die eine gemeinsame Untat verübt haben . Und doch habe ich Heimweh nach der Schwester und sie gewiß auch nach mir ! Aber wenn wir zusammen sind , so ist es , als ob jede zwei böse Gewissen in sich fühlte ! « Martin und Marie Salander gingen aufgeregt nebeneinander hin und her . » Für jetzt wollen wir es genug sein lassen ! Du mußt mit uns kommen , Setti ; ihr sollt euch wieder zurechtfinden , so wird es schon besser gehen . Jetzt wasch die Augen aus , der Mann kann jeden Augenblick erscheinen , und wir dürfen uns nichts merken lassen , eh wir alles überlegt haben und wissen , was wir tun wollen ! « » Es wird nichts zu tun sein ! « entgegnete Setti etwas gefaßter , » es steht eben nicht so , daß wir nach Brauch und Sitte vor der Welt einen Grund zur Trennung fänden . « Sie begab sich hinaus , den Rat des Vaters zu befolgen und das Gesicht abzukühlen ; gleich darauf kam Isidor gestürmt , der unterwegs erfahren , welchen Besuch er zu Hause finden werde . Er war sehr aufgeräumt und begrüßte die Schwiegereltern als eine ihm sehr schmeichelhafte Überraschung , entschuldigte sich aber sogleich , daß er schnell noch in der Kanzlei nachsehen müßte , lief aber statt dessen in die Küche und das Speisezimmer , um das Geköche und den Tisch zu untersuchen , ob auch seine Ehre gewahrt und trotz des Zuwachses für seine eigene Eßlust gesorgt sei . Am Tische ließ sich von dem , was vorausgegangen , keine Spur entdecken . Frau Setti schien die Gelassenheit selbst , welche durch die Gegenwart der Eltern und das ihnen abgelegte Bekenntnis noch erleichtert und vermehrt wurde . Die Mutter erkannte als Frau aus dieser vollkommenen Ruhe und Selbstbeherrschung , wie nichtig der junge Mann für das Herz seiner Gattin geworden sein mußte . Sie konnte ihn ertragen , wie man ein böses Geschick erträgt , das man selbst verschuldet hat . Der Vater mußte seine Aufmerksamkeit mehr dem Notar zuwenden , und er wunderte sich , wie ihm nicht früher schon die Schuppen von den Augen gefallen seien . Es fiel nicht ein rundes oder , wie man zu sagen pflegt , nicht ein vernünftiges Wort von seinen Lippen . Der schlaue junge Streber hatte Amt , Haus und Frau ; darüber war seine Persönlichkeit schon zu Ende geraten und konnte sich nur noch im Geräusche von vielen ihresgleichen geltend machen . In der Stille des Hauses , wo man die einzelnen Worte vernimmt , war nichts mehr an ihm . » Wir haben vor , « teilte Salander dem Notar mit , » diesen Nachmittag auch die Leute am Lindenberg zu besuchen , und wollen unsere Tochter mitnehmen . Sie haben doch nichts dagegen , Herr Sohn ? Sie sagt uns zwar , Sie hätten auch auswärtig zu tun , es wird sich aber vielleicht beides für einmal vertragen ? « » Ei warum nicht , Herr Vater ? Ich hätte Lust , selber mitzugehen und bitte nur um Dispens ! « Isidor war froh , daß er mit guter Manier seiner Wege gehen konnte , denn das prüfende Auge der schweigsamen Schwiegermama tat ihm nicht wohl . Dagegen begleitete er die Frau und ihre Eltern eine kleine Strecke weit , als sie aufbrachen . Auf dem Hofe bewunderte Salander wieder das Buchenwäldchen und die dahinter emporragenden Wipfelmassen des größeren Forstes , eine Umgebung , die nicht mit Geld zu bezahlen sei . » O ja , es macht sich nett ! « sagte der Schwiegersohn . » Nur wird es nicht mehr so lang stehenbleiben , als es schon steht . Der Wald gehört der Gemeinde Unterlaub und soll in ein paar Jahren geschlagen werden ; die Holzhändler sind schon dahinter her . Da werd ich unsere Buchen auch darangeben , es geht in einem zu , und sie tragen ein schönes Geld ein ! « » Sind Sie bei Trost ? « rief Salander . » Ihre Buchen schützen ja allein Haus und Garten samt der Wiese vor den Schlamm und Schuttmassen , die der abgeholzte Berg herunterwälzen wird ! « » Das ist mir Wurst ! « erwiderte der jugendliche Notar in nachlässigem Tone . » Dann zieht man weg und verkauft den ganzen Schwindel ! Es ist ja langweilig , immer am gleichen Ort zu hocken ! « Salander dachte sein Teil und gab keine Antwort . Frau Setti ließ während Isidors Mitteilung ein paar Worte des Erstaunens hören und verriet so , daß sie von dem bevorstehenden Holzschlage noch gar nichts wußte , was ein neues Anzeichen von des Mannes Lebensart war . Sie schwieg daher auch und sagte nur noch : » Adieu , du schönes Lautenspiel ! « » Woher heißt es eigentlich hier im Lautenspiel ? « fragte die hinzutretende Mutter . » Das mag der Henker wissen , ich könnt es nicht sagen ! In den Grundbüchern heißt es nur : Haus und Hofstatt genannt im Lautenspiel , und ebenso in meinem Kaufschuldbrief « , erklärte Isidor . » Hast du denn nicht gehört , was sie in der Gegend davon erzählen ? « fragte Frau Setti . » Nein , ich habe gar nie danach gefragt ! Woher soll es denn kommen ? Woher heißt es denn bei uns im Zeisig und im roten Mann ? Von irgendeiner Dummheit ! « » Es soll hier vor etwa zweihundert Jahren « , erzählte Setti , » ein geiziger Junker gehaust haben , um seine sechs schönen Töchter vor der Welt zu verbergen , damit sie nicht zum Heiraten kämen und er sie nicht ausstatten müsse . Sie hätten alle sechs wunderschön die Laute gespielt und dazu gesungen , aber zusammen nur drei Lauten besessen , mit denen bei schönem Wetter je die Hälfte in den schönen Buchenwald hinausgegangen sei und sich dort sattgespielt und gesungen habe , worauf die anderen drei Fräulein sie ablösten und mit frischen Kräften weiterspielten . So habe das Gehölz stets von dem Saitenspiel und Gesang getönt , und die Vögel hätten dazu mitgeholfen . Durch den Klang seien endlich vorbeiziehende Herren , Jäger und Reiter , angelockt worden , seien in das Gehölz eingedrungen und mit den musizierenden Fräulein in Verkehr getreten , und allmählich sei eines um das andere doch zum Heiraten gekommen und habe der Alte mit der Aussteuer hervorrücken müssen . Als aber nur noch drei Töchter und die drei Lauten übriggeblieben , habe er sie mit den Instrumenten in das obere Stockwerk des Hauses gesperrt und den Schlüssel stets bei sich geführt . Die drei gefangenen Töchter haben dann in hellen Mond- und Sternennächten erst recht so rührend und laut an den offenen , aber vergitterten Fenstern gesungen , daß die Kavaliere von weither angezogen und verliebt worden sind . Sie stürmten ordentlich das Haus , das umwohnende Volk half ihnen dabei , die drei Töchter hatten die Wahl , und der Junker mußte sie auch noch aussteuern . Dadurch sei sein Gut so vermindert worden , obgleich er wohl noch hätte leben können , daß er sich aus Verzweiflung ums Leben gebracht habe . Davon rühre auch das Sprichwort her , das man jetzt noch etwa von alten Leuten in dieser Gegend hört : Er kann sich ja hängen , wie der Junker im Lautenspiel ! Hast du auch dies nie gehört ? « » Niemals ! Oder ich hab nicht darauf geachtet ! Ist auch nicht schad drum ! « Vater und Mutter saßen nun mit der älteren Tochter in dem Bahnzuge , der nach Lindenberg führte . Setti fühlte sich halb froher zumut , halb wieder furchtsam , da sie nicht nur die Schwester , sondern auch deren Mann sehen sollte und das Wort , daß Leidensgefährten dem Unglücklichen zum Troste gereichen , hier nicht zutraf . Das durchgehende Doppelwesen verdoppelte auch die Reue , anstatt sie zu vermindern ; denn nicht nur sah jede der Schwestern in der andern sich selbst wieder , sondern auch im Gatten derselben den eigenen Verdruß . Gemächlich stiegen die drei Personen , am Ort angekommen , die Berglehne empor , bis sie die sogenannte Landschreiberei erreichten . Auch hier war ein Sitz der Ruhe und des Naturgenusses ; nur bot statt des Laubwaldes eine ausgedehnte Fernsicht dem Gemüte jene Ruhe , insofern es für sie offen stand . Aus einem wohlgepflegten Gemüsegarten kam die Magd gegangen , zu sehen , wer da sei , als die kleine Gesellschaft sich ein wenig verschnaufte , und aus einem Fenster des Erdgeschosses guckte ein halbwüchsiges Schreiberlein mit einem Zigarrenstümmelchen im Munde , welches der Herr Notar weggelegt haben mochte . Die Magd aber führte die angelangten Leute , die sie nicht kannte , um die Hausecke herum nach einer Laube , wo die Frau mit Plätten beschäftigt sei . Auf einem Tische lagen frischgewaschene Kragen , Manschetten und anderes feineres Weißzeug ; am Boden stand ein glühendes Kohlenöfchen . Die Frau Netti aber stand an einer fensterartigen Öffnung des Laubwerkes und schaute , die Hand über der Stirne , in die Ferne , nach dem blauen Höhenzuge bei Münsterburg . Auf der Rückseite mußte die Kreuzhalde sein , während aus dem halb zugewandten Scheitel des Berges eine leise grünliche Tinte , von der westlichen Sonne gestreift , jene Waldwiese ahnen ließ , wo der Vater die Mädchen mit den Zwillingen tanzend gefunden hatte ! Stille Trauer webte um die reglose Gestalt , und was man von dem halbgeöffneten Munde sehen konnte , war ziemlich weinerlich beschaffen . Um sie aus dem schweren Traume zu wecken , rief